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Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 82

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CXXVII.
Das Lebenselixir

Man weiß, in welcher Stimmung Balsamo in das Zimmer von Lorenza zurückgekehrt war. Er schickte sich an, sie aufzuwecken, um ihr die Vorwürfe zu machen, die sein dumpfer Zorn ausbrütete, und er war entschlossen, sie nach dem Rathe dieses Zornes zu bestrafen, als eine dreifache Erschütterung des Plafond ihm verkündigte, Althotas habe seine Rückkehr wahrgenommen und wolle ihn sprechen.

Er wartete indessen noch, denn er hoffte, er habe sich entweder getäuscht, oder das Signal sei nur ein zufälliges gewesen, als der ungeduldige Greis seine Aufforderung Schlag auf Schlag wiederholte, so daß Balsamo, befürchtete er nun, Althotas konnte, wie dies schon einige Male geschehen war, herabkommen, oder Lorenza dürfte, durch einen dem seinigen entgegengesetzten Einfluß aufgeweckt, von einem neuen Umstand Kenntniß bekommen, welcher für ihn nicht minder gefährlich wäre, als seine politischen Geheimnisse, so daß Balsamo, sagen wir, nachdem er, wenn wir uns so ausdrücken dürfen, Lorenza mit einer abermaligen Ladung von Fluidum belastet hatte, wegging, um sich zu Althotas zu begeben.

Es war Zeit, daß er kam, die Fallthüre war schon auf halbem Weg vom Plafond, Althotas hatte seinen rollenden Stuhl verlassen und zeigte sich, auf den beweglichen Theil des Bodens gekauert, der sich erhob und hinabsank.

Er sah Balsamo aus dem Zimmer von Lorenza kommen.

In dieser Stellung war der Greis zugleich furchtbar und häßlich anzuschauen.

Sein weißes Gesicht, das noch lebendig zu sein schien, hatte an einigen Stellen purpurne Flecken vom Feuer des Zorns; seine mageren, knochigen, skelettartigen Hände zitterten und klapperten; seine tiefliegenden Augen schienen in ihren Höhlen umherzuschweifen, und er stieß in einer. selbst seinem Zögling, unbekannten Sprache die heftigsten Schmähungen gegen diesen aus.

Als er von seinem Lehnstuhl aufgestanden war, um die Feder spielen zu lassen, schien er nur mit Hülfe seiner zwei langen, magern, spinnenartigen Arme zu leben und sich zu bewegen; er ging, wie gesagt, aus seinem für Alle, mit Ausnahme von Balsamo, unzugänglichen Zimmer und war im Begriff, sich in das untere Zimmer zu begeben.

Daß dieser schwache, sonst so träge Greis seinen Lehnstuhl, eine verständige Maschine, die ihm jede Anstrengung ersparte, verließ, daß er sich entschloß, einen der Acte des gewöhnlichen Lebens auszuführen, daß er sich der Sorge und Anstrengung unterzog, eine solche Veränderung in seinen Gewohnheiten zu bewerkstelligen, dazu bedurfte es einer ganz außerordentlichen Aufregung, die ihn seinem beschaulichen Leben entreißen und in das wirkliche Leben zurückzukehren zwingen mußte.

Gleichsam auf der That ertappt, zeigte sich Balsamo zuerst erstaunt, dann unruhig,

»Ah!« rief Althotas. »Du bist hier. Taugenichts; Du bist hier, Undankbarer; Du bist hier, Treuloser, der Du Deinen Meister verlässest.«

Balsamo raffte gemäß seiner Gewohnheit, wenn er mit dem Greise sprach, seine ganze Geduld zusammen.

»Mir scheint, mein Freund, Ihr habt so eben erst gerufen,« erwiederte er mit sanftem Tone.

»Dein Freund!« rief Althotas, »Dein Freund! gemeines, menschliches Geschöpf! Ich glaube, Du sprichst mit mir in der Stellung von Deines Gleichen. Ein Freund für Dich, ich glaube wohl. Mehr als Freund, Vater; Vater, der Dich ernährt, der Dich erzogen, der Dich unterrichtet, der Dich bereichert hat. Aber Freund für mich, oh, nein! denn Du hast mich verlassen, denn Du hungerst mich aus, denn Du ermordest mich.«

»Ruhig, Meister, Ihr bringt Eure Galle in Aufruhr, Ihr verderbt Euer Blut und macht Euch krank.«

»Krank! Hohn! Bin ich je krank gewesen, wenn nicht, da Du mich wider meinen Willen an einigen von den Erbärmlichkeiten der schmutzigen menschlichen Lebensverhältnisse Theil nehmen machtest? Krank! hast Du vergessen, daß ich die Anderen heile?«

»Nun, ich bin hier, Meister,« entgegnete Balsamo mit kaltem Tone, »verlieren wir nicht die Zeit umsonst,«

»Ja, ich rathe Dir, mich hieran zu erinnern; die Zeit, die Zeit, die Du mich zu sparen nöthigst, mich, für den dieser jedem andern Geschöpf zugemessene Stoff weder ein Ende, noch eine Gränze haben sollte; ja, meine Zeit geht vorüber; ja, meine Zeit verliert sich; ja, meine Zeit fällt, wie die Zeit der Andern, Minute für Minute in die Ewigkeit, während meine Zeit die Ewigkeit selbst sein müßte.«

»Sprecht, Meister,« sagte Balsamo mit unstörbarer Geduld, während er die Fallthüre bis auf den Boden niederließ, während er sich zu ihm setzte und an der Feder drückte, wodurch er wieder auf sein Zimmer beschränkt war; »sprecht, was wollt Ihr haben? Ihr sagt, ich hungere Euch aus; aber seid Ihr nicht mehr in Eurer Quarantaine völliger Enthaltsamkeit?«

»Ja, ja, allerdings, das Werk der Wiedergeburt hat seit zwei und dreißig Tagen begonnen.«

»Dann sagt mir, worüber Ihr Euch beklagt? Ich sehe hier zwei Flaschen Regenwasser, und das ist das einzige, das Ihr trinkt.«

»Allerdings; doch bildest Du Dir ein, ich sei ein Seidenwurm, um allein das große Werk der Verjüngung und Verwandlung zu vollführen? Bildest Du Dir ein, ich, der ich keine Kräfte mehr habe, werde allein mein Lebenselixir zu Stande bringen können? Bildest Du Dir ein, auf der Seite liegend, erschlafft durch die erfrischenden Getränke, welche meine einzige Nahrung sind, werde ich, wenn Du mir nicht hilfst, genug Geistesgegenwart haben, um, meinen Mitteln und Quellen allein überlassen, die ängstliche Arbeit meiner Wiedergeburt zum Ziele zu führen, bei der ich, wie Du wohl weißt, Unglücklicher, von einem Freund unterstützt werden muß?«

»Ich bin da, Meister, ich bin da; auf, antwortet,« sagte Balsamo, während er beinahe wider seinen Willen den Greis in einen Lehnstuhl setzte, wie er es mit einem unartigen Kinde hätte thun können; »auf, antwortet; es hat Euch nicht an destillirtem Wasser gefehlt, da ich, wie ich vorhin sagte, zwei bis drei volle Flaschen hier sehe; dieses Wasser ist, wie Ihr wißt, im Mai gesammelt worden; hier sind auch Eure Zwiebacke von Gerste und Sesam, ich habe Euch selbst die Weißen Tropfen gegeben, die Ihr verordnet habt.«

»Ja, aber das Elixir! das Elixir ist noch nicht fertig; Du erinnerst Dich dessen nicht, Du warst nicht dabei: es war Dein Vater, der treuer als Du gewesen ist; doch bei meinem letzten Fünfzigsten machte ich das Elixir einen Monat vorher. Ich hatte mich auf den Berg Ararat zurückgezogen. Ein Jude lieferte mir für sein Gewicht in Silber ein Christenkind, das noch an feiner Mutter saugte; ich ließ ihm nach der Vorschrift zur Ader, nahm die drei letzten Tropfen von seinem Arterienblut, und in einer Stunde war mein Elixir, dem nur noch diese Beimischung fehlte, fertig; meine Fünfziger-Wiedergeburt ging auch vortrefflich vor sich; meine Haare und meine Zähne fielen aus, während der Convulsionen, welche auf die Einsaugung dieses herrlichen Elixirs folgten, aber sie kamen wieder, die Zähne, ich weiß es wohl, ziemlich schlecht, weil ich die Vorsichtsmaßregel, das Elixir in meinen Schlund durch eine goldene Röhre laufen zu lassen, vernachläßigte. Doch meine Haare und meine Nägel wuchsen wieder in dieser zweiten Jugend, und ich fing an wieder aufzuleben, als ob ich erst vierzehn Jahr alt wäre. Nun aber bin ich abermals alt geworden, nun stehe ich dem letzten Ziele nahe, und wenn das Elixir nicht bei der Hand, wenn es nicht in dieser Flasche eingeschlossen ist, wenn ich nicht alle Sorgfalt auf dieses Werk verwende, wird die Wissenschaft eines Jahrhunderts mit mir vernichtet und dieses wunderbare, erhabene Geheimniß, das ich besitze, wird für den Menschen, der in mir und durch mich die Gottheit berührt, verloren sein. Oh! wenn ich meinen Zweck verfehle, oh! wenn ich mich täusche, Acharat, so bist Du, Du allein Schuld, und mein Zorn, nimm Dich in Acht, wird furchtbar sein.«

Nachdem er diese letzten Worte gesprochen, welche etwas wie einen bläulichen Funken aus seinem sterbenden Augenstern hervorspringen machten, wurde der Greis von einem Krampf geschüttelt, auf den ein heftiger Hustenanfall folgte.

Balsamo war sogleich auf das Eifrigste um ihn bemüht.

»Der Greis kam wieder zu sich; seine Bläße war Leichenfarbe geworden. Dieser unbedeutende Anfall hatte seine Kräfte dergestallt erschöpft, daß man hätte glauben sollen, er müße sterben.

»Laßt hören, Meister,« sagte Balsamo zu ihm, »sprecht aus, was Ihr wollt.«

»Was ich will  . . .« erwiederte er, Balsamo starr anschauend.

»Ja  . . .«

»Vernimm, was ich will.«

»Sprecht, ich höre Euch und gehorche, wenn das, was Ihr wünscht, möglich ist.«

»Möglich  . . . möglich  . . .« murmelte der Greis mit verächtlichem Ton. »Alles ist möglich, Du weißt es wohl,«

»Ja, gewiß, mit der Zeit und der Wissenschaft.«

»Die Wissenschaft habe ich, die Zeit, ich bin auf dem Punkt, sie zu besiegen; meine Kräfte sind beinahe gänzlich verschwunden; die weißen Tropfen haben die Austreibung eines Theils der Nebenreste der gealterten Natur bewirkt. Jenem Saft der Bäume im Monat Mai ähnlich, steigt die Jugend unter der früheren Rinde empor und treibt, so zu sagen, das alte Holz ab. Du wirst bemerken, Acharat, daß die Symptome vortrefflich sind; meine Stimme ist geschwächt, mein Gesicht hat um drei Viertel nachgelassen; ich fühle, daß sich meine Vernunft in Zwischenräumen verwirrt; der Uebergang von der Kälte zur Wärme ist für mich unbemerkbar geworden; es ist also dringend, daß ich mein Elixir vollende, damit ich am Tage meines zweiten Fünfzigsten ohne Verzug von hundert Jahren zu zwanzig übergehe; meine Ingredienzen für dieses Elixir sind bereitet, die Röhre ist verfertigt; es fehlen nur noch die drei letzten Blutstropfen, wie ich es Dir gesagt habe.«

Balsamo machte eine Bewegung des Widerwillens.

»Es ist gut,« sagte Althotas, »verzichten wir auf das Kind, da dies so schwierig ist, und da Du Dich lieber mit Deiner Geliebten einschließen, als es mir suchen willst.«

»Ihr wißt wohl, Meister, daß Lorenza nicht meine Geliebte ist,« erwiederte Balsamo.

»Oh! oh! oh!« rief Althotas, »Du denkst, Du konntest mir imponiren, wie der Menge; Du willst mich an das unbefleckte Geschöpf glauben machen, und bist ein Mensch!«

»Ich schwöre Euch, Meister, daß Lorenza so keusch ist, als die heilige Mutter Gottes; ich schwöre Euch, daß ich Liebe, Begierden, irdische Wollust, Alles meiner Seele geopfert habe, denn auch ich habe mein Werk der Wiedergeburt, nur soll es, statt sich auf mich allein anzuwenden, auf die ganze Welt angewendet werden.«

»Narr, armer Narr!« rief Althotas; »ich glaube, er spricht wieder von wimmelnden Milben, von Ameisenrevolutionen, während ich von ewigen Leben, von der ewigen Jugend spreche.«

»Die sich nur um den Preis eines furchtbaren Verbrechens erlangen läßt, und auch dann  . . .«

»Du zweifelst, ich glaube, Du zweifelst, Unglücklicher.«

»Nein, Meister; doch da Ihr auf Euer Kind Verzicht leistet, so sagt, was Ihr wollt.«

»Ich muß das erste unschuldige Geschöpf haben, das Dir unter die Hand fällt: männlich oder weiblich, gleichviel, doch weiblich wäre besser: ich habe das wegen der Verwandtschaft der Geschlechter entdeckt; finde es mir und beeile Dich, denn es bleiben mir nicht mehr als acht Tage.«

»Es ist gut, Meister,« sprach Balsamo; »ich werde sehen, ich werde suchen.«

Ein neuer Blitz furchtbarer als der erste zuckte aus den Augen des Greises.

»Du wirst sehen, Du wirst suchen,« rief er; »oh! das ist also Deine Antwort. Ich war darauf gefaßt und weiß nicht, warum ich mich darüber wundere. Und seit wann, Du erbärmlicher Wurm, spricht das Geschöpf so zu seinem Schöpfer? Ah! Du stehst, daß ich ohne Kräfte bin. Ah! Du siehst, daß ich liege, Du siehst, daß ich flehe, und bist albern genug, zu glauben, ich sei Deiner Willkühr anheimgegeben? Ja, oder nein, Acharat, und zeige in Deinen Augen weder Verlegenheit, noch Lüge, denn ich sehe Dich und lese in Deinem Herzen; denn ich richte Dich und werde Dich verfolgen.«

»Meister,« erwiederte Balsamo, »nehmt Euch in Acht, Euer Zorn wird Euch schaden.«

»Antworte! antworte!«

»Ich vermag meinem Meister nur das zu sagen, was wahr ist; ich werde sehen, ob ich Euch das, was Ihr zu haben wünscht, verschaffen kann, ohne uns zu schaden, ja, ohne uns zu Grund zu richten. Ich werde einen Menschen suchen, der das Geschöpf an uns verkauft, dessen wir bedürfen; doch ich will das Verbrechen nicht auf mich nehmen. Das ist Alles, was ich Euch sagen kann.«

»Das ist äußerst zart!« rief Althotas mit einem bitteren Gelächter.

»Es ist so, Meister.« sprach Balsamo.

Althotas strengte sich so mächtig an, daß er sich mit Hülfe seiner beiden Arme, die er auf die seines Lehnstuhles stützte, völlig aufrichtete.

»Ja oder nein?« fragte er.

»Meister, ja, wenn ich finde, nein, wenn ich nicht finde.«

»Du wirst mich also dem Tod preisgeben, Elender, Du wirst drei Tropfen Blut von einem erbärmlichen, nichtswürdigen Thier, wie das Geschöpf ist, das ich brauche, sparen, um in den ewigen Abgrund das vollkommene Geschöpf, das ich bin, fallen zu lassen. Höre, Acharat, ich verlange nichts mehr von Dir,« sagte der Greis mit einem gräßlich anzuschauenden Lächeln, »nein, ich verlange durchaus nichts mehr, ich werde warten; doch wenn Du mir nicht gehorchst, so bediene ich mich selbst; wenn Du mich verlässest, so helfe ich mir selbst. Du hast mich gehört, nicht wahr? Gehe nun.«

Ohne etwas auf diese Drohung zu antworten, bereitete Balsamo um den Greis, was dieser nothwendig brauchte; er stellte in seine Nähe den Trank und die Speise und entledigte sich jeder Sorge, die ein wachsamer Diener für seinen Herrn, ein ergebener Sohn für seinen Vater gehabt hätte; dann aber von einem andern Gedanken in Anspruch genommen, als von dem, welcher Althotas marterte, ließ er die Fallthüre nieder, um hinabzusteigen, ohne zu bemerken, daß ihm das spöttische Auge des Greises beinahe so weit folgte, als sein Geist und sein Herz gingen.

Althotas lächelte noch wie ein böser Geist, als Balsamo schon der immer noch schlafenden Lorenza gegenüberstand.

CXXVIII.
Kampf

Hier blieb Balsamo stehen, das Herz von schmerzlichen Gefühlen angeschwollen.

Wir sagen schmerzlich und nicht mehr heftig.

Die Scene, welche zwischen ihm und Althotas stattgefunden, hatte vielleicht, indem sie ihn die Nichtigkeit aller menschlichen Dinge ins Auge fassen ließ, jeden Zorn aus ihm verjagt. Er erinnerte sich des Verfahrens des griechischen Philosophen, der das ganze Alphabet hersagte, ehe er auf die Stimme der schwarzen Gottheit, der Rathgeberin des Achilles, hörte.

Nachdem er einen Augenblick in kalter, stummer Betrachtung vor dem Canapé gestanden hatte, auf dem Lorenza lag, sagte er:

»Hier bin ich, traurig, aber entschlossen und meine Lage klar durchschauend; Lorenza haßt mich; Lorenza drohte mir, mich zu verrathen, und hat mich verrathen; mein Geheimniß gehört nicht mehr mir; ich habe es in den Händen dieser Frau gelassen, die es in den Wind streut; ich gleiche dem Fuchs, der aus der Falle mit den stählernen Zähnen nur den Knochen seines Beines gezogen, aber Fleisch und Haut darin gelassen hat, so daß der Jäger am andern Tag sagen kann:

,Der Fuchs ist hier gefangen worden, ich werde ihn todt oder lebendig erkennen.’ «

»Und dieses unerhörte Unglück, dieses Unglück, das selbst Althotas nicht begreifen kann, weshalb ich es ihm nicht einmal erzählt habe, dieses Unglück, das alle meine Hoffnungen auf Glück in diesem Lande, und folglich auf dieser Welt, deren Seele Frankreich ist, zertrümmert, diesem hier eingeschlafenen Geschöpf, dieser schönen Statue mit dem süßen Lächeln habe ich es zu verdanken. Diesem finsteren Engel verdanke ich die Schmach und den Ruin, bis ich ihm auch vollends die Gefangenschaft, die Verbannung und den Tod zu verdanken habe.

»Es ist also,« fuhr er sich belebend fort, »es ist also die Summe des Guten durch die des Bösen überschritten worden, und Lorenza ist mir schädlich.

»O Schlange mit den anmuthigen Windungen, die aber ersticken, mit dem goldenen Mund, der aber voll von Gift ist, schlafe, denn ich werde genöthigt sein, Dich zu tödten, wenn Du erwachst.«

Und mit einem düsteren Lächeln näherte sich Balsamo der jungen Frau, deren Augen, von Mattigkeit belastet, sich in demselben Maß gegen ihn erhoben, in dem er sich ihr näherte, wie sich die Sonnenblumen bei den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne öffnen.

»Oh!« sagte Balsamo, »ich werde doch auf immer diese Augen schließen müßen, die mich zu dieser Stunde so zärtlich anschauen, diese schönen Augen voll von Blitzen, sobald sie nicht mehr voll Liebe sind.

Lorenza lächelte sanft, und während sie lächelte, zeigte sie die so süße, so reine Reihe ihrer Perlzähne.

Und sein Herz füllte sich mit einem tiefen Kummer, dem sich seltsamer Weise ein unbestimmtes Verlangen beimischte.

»Nein,« murmelte er, »nein, ich habe umsonst geschworen. Ich habe umsonst gedroht; nein, ich werde nie den Muth haben, sie zu tödten; nein, sie wird leben, aber sie wird leben, ohne je mehr wach zu sein; sie soll dieses scheinbare Leben leben, das für sie das Glück fein wird, während das andere die Verzweiflung ist. Könnte ich sie glücklich machen! Was liegt am Uebrigen; sie wird nur ein Dasein haben, das, welches ich ihr gebe, das, in dem sie mich liebt, das von welchem sie in diesem Augenblick lebt.«

Und er erwiederte mit einem zärtlichen Blick den verliebten Blick von Lorenza, während er langsam seine Hand auf ihren Kopf senkte.

Lorenza, welche in dem Geiste von Balsamo wie in einem offenen Buche zu lesen schien, gab in diesem Augenblick einen langen Seufzer von sich, erhob sich sachte und mit jenem anmuthigen Zögern des Schlafes und legte ihre weißen, weichen Arme um die Schultern von Balsamo, der ihren duftenden Hauch auf zwei Finger von seinen Lippen fühlte.

»Oh! nein, nein,« rief Balsamo, indem er mit seiner Hand über seine glühende Stirne und seine geblendeten Augen fuhr; »nein, dieses berauschende Leben würde zum Wahnsinn führen; nein, ich vermöchte nicht immer zu widerstehen, und mit ihr, mit diesem versuchenden Dämon, mit dieser Sirene würden mir der Ruhm, die Macht, die Unsterblichkeit entgehen. Nein, nein, sie wird erwachen, ich will es, es muß sein.«

Verwirrt, außer sich, hatte Balsamo nur noch die Kraft, Lorenza zurückzuschieben, die sich von ihm losmachte und wie ein schwebender Schleier, wie ein Schatten, wie eine Schneeflocke auf den Sopha fiel.

Die verschmitzteste Coquette hätte, um sich den Blicken ihres Geliebten darzubieten, keine berauschendere Stellung wählen können.

Verwirrt, außer sich, hatte Balsamo die Kraft, sich einige Schritte zu entfernen; doch wie Orpheus wandte er sich um; wie Orpheus war er verloren!

»Oh!« dachte er, »wenn ich sie aufwecke, beginnt der Kampf wieder; wenn ich sie aufwecke, wird sie sich tödten oder mich tödten, oder mich zwingen, sie zu tödten. Abgrund! Abgrund!«

»Ja, das Geschick dieser Frau sieht geschrieben, es ist mir, als läse ich es in feurigen Charakteren! Tod, Liebe  . . . Lorenza! Lorenza! es ist Deine Vorherbestimmung, zu lieben und zu sterben. Lorenza! Lorenza! ich halte Dein Leben und Deine Liebe in meinen Händen.«

Statt jeder Antwort stand die Zauberin auf, ging gerade auf Balsamo zu, fiel zu seinen Füßen nieder und schaute ihn mit ihren in Schlaf und Wollust gebadeten Augen an; sie nahm eine von seinen Händen und drückte sie an ihr Herz.

»Tod!« sagte sie ganz leise, mit ihren Lippen so feucht und glänzend als die Koralle, wenn sie aus dem Meer hervortritt, »Tod aber Liebe!«

Balsamo machte, den Kopf zurückgeworfen, die Hand auf seinen Augen, zwei Schritte rückwärts.

Keuchend folgte ihm Lorenza auf den Knieen.

»Tod!« wiederholte sie mit ihrer berauschenden Stimme, »aber Liebe!Liebe! Liebe!«

Balsamo vermochte nicht länger zu widerstehen; eine Flammenwolke umhüllte ihn.

»Oh!« sagte er, »das ist zu viel; so lange ein menschliches Wesen kämpfen kann, habe ich es gethan. Teufel oder Engel der Zukunft, wer Du auch sein magst, Du sollst befriedigt werden: lange genug habe ich der Eigenliebe und dem Hochmuth alle edle Leidenschaften, die in mir brausen, geopfert. Oh! nein, nein, ich habe nicht das Recht, mich so gegen das einzige menschliche Gefühl zu empören, das im Grunde meines Herzens gährt. Ich liebe diese Frau; ich liebe sie; und diese leidenschaftliche Liebe thut mehr gegen sie, als der furchtbarste Haß thun würde. Diese Liebe gibt ihr den Tod; oh! ich Feiger, ich Wahnsinniger, der ich bin, ich weiß mich nicht einmal mit meinen Wünschen einen Vergleich zu treffen. Wie! wenn ich den letzten Seufzer von mir gebe, wenn ich vor Gottes Thron zu erscheinen mich anschicken werde  . . . ich, der Betrüger, ich, der falsche Prophet, wenn ich meinen Mantel des künstlichen Scheins und der Heuchelei vor dem obersten Richter abstreife, werde ich mir nicht eine einzige edle Handlung, nicht ein Glück zuzugestehen haben, das mich durch die Erinnerung unter ewigen Leiden zu trösten vermöchte.

»Oh! nein, nein, Lorenza, ich weiß wohl, daß ich Dich liebend die Zukunft verliere. Ich weiß wohl, daß mein Offenbarungsengel zum Himmel hinaufsteigen wird, sobald die Frau in meine Arme herabsteigt.

»Aber Du willst es, Lorenza, Du willst es.«

»Mein Vielgeliebter!« seufzte sie.

»Du nimmst also dieses scheinbare Leben statt des wirklichen Lebens an?«

»Auf den Knieen bitte ich Dich darum, flehe ich Dich darum an; dieses Leben ist die Liebe, ist das Glück.«

»Und es wird Dir genügen, sobald Du einmal meine Frau bist, denn stehe, ich liebe Dich glühend.«

»Oh! ich weiß es wohl, da ich in Deinem Herzen lese.«

»Und nie wirst Du mich, weder vor Gott, noch vor den Menschen anklagen, ich habe Deinen Willen überrumpelt, ich habe Dein Herz getäuscht.«

»Nie, nie; oh! vor den Menschen, vor Gott werde ich Dir im Gegentheil danken, daß Du mir die Liebe, das einzige Gut, die einzige Perle, den einzigen Demant dieses Lebens gegeben hast.«

»Nie wirst Du den Verlust Deiner Flügel beklagen, arme Taube; denn wisse, Du wirst fortan nicht mehr in den glänzenden Räumen, bei Jehovah, den Strahl des Lichtes suchen, den er einst auf die Stirne seiner Propheten setzte. Ach! ach! werde ich die Zukunft wissen, den Menschen befehlen wollen, so wird mir Deine Stimme nicht mehr antworten; ich hatte in Dir zugleich die geliebte Frau und den Hülfe leistenden Genius, ich werde fortan nur noch Eines von Beiden haben und dabei  . . .«

»Ah! Du zweifelst, Du zweifelst,« rief Lorenza; »ich sehe den Zweifel wie einen schwarzen Flecken auf Deinem Herzen.«

»Du wirst mich immer lieben, Lorenza?«

»Immer, immer!«

Balsamo fuhr mit seiner Hand über seine Stirne. »Wohl! es sei,« sagte er. »Uebrigens  . . .«

Er blieb einen Augenblick in seinen Gedanken versunken.

»Bedarf ich übrigens durchaus Dieser?« fuhr er fort. »Ist sie allein auf der Welt? Nein, nein; während Diese mich glücklich macht, wird die Andere fortfahren, mich reich und mächtig zu machen. Andrée, Andrée ist auch prädestinirt, auch erleuchtet, auch sehend wie Du. Andrée ist jung, rein, keusch, und ich liebe Andrée nicht, und dennoch ist mir Andrée während ihres Schlafes unterworfen wie Du; ich habe in Andrée ein Opfer, um Dich zu ersetzen, und für mich ist Andrée die niedrige Seele des Arztes, welche zu Experimenten dienen kann; sie fliegt ebenso weit, noch weiter vielleicht als Du, in die Schatten des Unbekannten. Andrée! Andrée! ich nehme Dich für mein Königthum. Lorenza, komm in meine Arme: ich behalte Dich als meine Geliebte. Mit Andrée bin ich mächtig, mit Lorenza bin ich glücklich. Erst von dieser Stunde an ist mein Leben vollständig; und, abgesehen von der Unsterblichkeit, habe ich den Traum von Althotas verwirklicht; abgesehen von der Unsterblichkeit, bin ich den Göttern gleich!«

Und er hob Lorenza auf und öffnete seine keuchende Brust, an die sich Lorenza so eng anschmiegte, als der Epheu an die Eiche.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
1798 s. 15 illüstrasyon
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