Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 83
CXXIX.
Liebe

Ein anderes Leben hatte für Balsamo begonnen, ein bis dahin dieser thätigen, unruhigen, vielseitigen Existenz unbekanntes Leben. Seit drei Tagen gab es für ihn keinen Zorn, keine Befürchtungen, keine Eifersucht mehr; seit drei Tagen hatte er nicht mehr von Politik, von Verschwörungen, von Verschwörern sprechen hören. Bei Lorenza, die er nicht einen Augenblick verließ, vergaß er die ganze Welt. Diese seltsame, unerhörte Liebe, welche gleichsam über der Menschheit schwebte, diese Liebe voll Trunkenheit und Geheimniß, diese gespenstische Liebe, denn er konnte sich nicht verbergen, daß er mit einem Wort seine sanfte Geliebte in eine unversöhnliche Feindin verwandeln würde, diese Liebe, durch eine unerklärliche Laune der Wissenschaft dem Haß entrissen, versetzte Balsamo in eine Glückseligkeit, welche ebenso sehr der Verwunderung, als dem Delirium entsproßte.
Mehr als einmal, wenn er in diesen drei Tagen aus der Schlaftrunkenheit der Liebe erwachte, schaute Balsamo seine stets lächelnde, stets extatische Gefährtin an, denn in dem Dasein, das er ihr geschaffen hatte, ließ er sie von ihrem scheinbaren Leben durch die Extase, einen ebenfalls lügnerischen Schlaf, ausruhen, und wenn er sie dann ruhig, sanft, glücklich sah, wenn sie Ihn mit den zärtlichsten Namen rief und ganz laut von ihrer geheimnißvollen Wollust träumte, fragte er sich, ob Gott nicht gegen den modernen Titanen, der ihm seine Geheimnisse zu rauben versucht habe, ärgerlich geworden sei, ob er nicht Lorenza den Gedanken, ihn durch eine Lüge zu täuschen, zugeschickt habe, um seine Wachsamkeit einzuschläfern wenn diese Wachsamkeit eingeschläfert wäre, zu entfliehen und nur der rächenden Eumenide ähnlich wiederzuerscheinen.
In diesen Augenblicken zweifelte Balsamo an der durch die Ueberlieferung aus dem Alterthum erhaltenen Wissenschaft, für die er als Beweis nur Beispiele hatte.
Aber diese beständige Flamme, dieser Durst nach Liebkosungen beruhigten ihn wieder.
»Wenn sich Lorenza verstellt hätte, wenn sie mich zu fliehen beabsichtigte, so würde sie Gelegenheiten, mich zu entfernen, auffinden, Beweggründe zur Einsamkeit suchen; doch hievon weit entfernt, sind es stets ihre Arme, die mich wie mit einer unauflöslichen Kette umschließen; es ist stets ihr brennender Blick, der zu mir sagt: Gehe nicht; es ist stets ihre sanfte Stimme, die zu mir spricht: Bleibe.«
Dann gewann Balsamo wieder sein Vertrauen zu sich selbst und zur Wissenschaft.
Warum sollte in der That das magische Geheimniß, dem er seine ganze Macht zu verdanken hatte, plötzlich, ohne Uebergang, eine Chimäre, gut in den Wind hinzugeben wie eine verschwundene Erinnerung, wie den Rauch eines erloschenen Feuers, geworden sein? Nie war Lorenza in Beziehung auf ihn klarer, hellsehender gewesen; alle Gedanken, die sich in seinem Geiste bildeten, alle Eindrücke, die sein Herz beben machten, brachte Lorenza auf der Stelle wieder hervor.
Es war indessen noch nicht entschieden, ob diese Hellsichtigkeit nicht auf Sympathie beruhte, ob außer ihm und der jungen Frau, jenseits des von ihrer Liebe gezogenen Kreises, des Kreises, den ihre Liebe mit Licht übergoß, diese war der neuen Aera so klar schauenden Augen noch die Finsterniß durchdringen konnten.
Balsamo wagte es nicht, eine entscheidende Probe zu machen; er hoffte immer, und die Hoffnung bildete einen Sternenkranz für sein Glück,
Zuweilen sagte Lorenza mit sanfter Schwermuth zu ihm:
»Acharat, Du denkst an eine andere Frau, als an mich, an eine Frau aus dem Norden, mit blonden Haaren und blauen Augen; Acharat, Acharat, diese Frau geht stets neben mir in Deinem Geist.«
Dann schaute Balsamo Lorenza zärtlich an und fragte:
»Du siehst das in mir?«
»Oh! ja, so klar, als ich in einem Spiegel sehen würde.«
»Dann weißt Du, ob ich aus Liebe an diese Frau denke,« erwiederte Balsamo; »lies, lies in meinem Herzen, theure Lorenza.«
»Nein,« sprach sie den Kopf schüttelnd; »nein, ich weiß es wohl, doch Du theilst Deinen Geist zwischen uns Beiden, wie zur Zeit, wo Lorenza Feliciani Dich quälte, die böse Lorenza, welche schläft, und die Du nicht wecken willst.«
»Nein, meine Liebe, nein,« rief Balsamo, »ich denke nur an Dich, mit dem Herzen wenigstens; sieh ein wenig, ob ich nicht seit unserem Glück Alles vergessen, Alles vernachläßigt habe: Studien, Politik, Arbeiten.«
»Und Du hast Unrecht, denn in diesen Arbeiten kann ich Dich unterstützen,« entgegnete Lorenza.
»Wie?«
»Ja, hast Du Dich nicht früher ganze Stunden in Deinem Laboratorium eingeschlossen?«
»Gewiß, doch ich verzichte auf alle diese leeren Versuche; das wären eben so viele Stunden von meinem Dasein abgeschnitten, denn während dieser Zeit würde ich Dich nicht sehen.«
»Und warum sollte ich Dir nicht bei Deinen Arbeiten wie bei Deiner Liebe folgen? Warum sollte ich Dich nicht mächtig machen, wie ich Dich glücklich gemacht habe?«
»Weil meine Lorenza wahrhaftig schön ist, weil aber meine Lorenza nicht studirt hat . . . Gott verleiht Schönheit und Liebe, aber das Studium verleiht nur die Wissenschaft allein.«
»Die Seele weiß Alles.«
»Du siehst also wirklich mit den Augen der Seele?«
»Ja,«
»Und Du kannst mich, sagst Du, bei dieser großen Forschung nach dem Steine der Weisen leiten?« »Ich glaube es.«
»Komm also.«
Und Balsamo umschlang mit seinem Arm den Leib der jungen Frau und führte sie in sein Laboratorium.
Der riesige Ofen, den seit vier Tagen Niemand unterhalten hatte, war erloschen.
Die Tiegel waren auf ihren Gluthpfannen erkaltet.
Lorenza schaute alle diese seltsamen Werkzeuge, die letzten Combinationen der verscheidenden Alchemie ohne Erstaunen an; sie schien die Bestimmung von jedem derselben zu kennen.
»Du suchst Gold zu machen?« sagte sie lächelnd.
»Ja.«
»Alle diese Tiegel enthalten Präparate von verschiedenen Graden.«
»Alle eingestellt, alle verloren; doch ich bedaure es nicht.«
»Und Du hast Recht, denn Dein Gold wird stets nur gefärbter Mercur sein; Du wirst es vielleicht solid machen, aber nicht verwandeln.«
»Aber man kann doch Gold machen?«
»Nein.«
»Und Daniel von Siebenbürgen hat doch um zwanzig tausend Dukaten an Cosmus I. das Recept für die Verwandlung der Metalle verkauft?«
»Daniel von Siebenbürgen hat Cosmus I. betrogen.«
»Doch der Sachse Payken, der von Karl II. zum Tod verurtheilt wurde, hat sein Leben dadurch erkauft, daß er ein Stück Blei in eine Goldstange verwandelte, aus der man vierzig Dukaten machte, während man dabei noch von dieser Goldstange so viel nahm, als man zu einer Medaille brauchte, welche zur Verherrlichung des geschickten Alchemisten geschlagen wurde.& quot;
»Der geschickte Alchemist war ein geschickter Escamoteur. Er vertauschte nur die Goldstange mit dem Blei. Die sicherste Manier, Gold zu machen, Acharat, besteht für Dich darin, daß Du, wie Du es thust, die Reichthümer, die Dir Deine Sklaven von allen vier Welttheilen bringen, zu Goldstangen schmilzst.«
Balsamo blieb nachdenkend.
»Die Verwandlung der Metalle ist also unmöglich?« fragte er.
»Unmöglich.«
»Aber der Diamant zum Beispiel?«
»Ah! der Diamant, das ist etwas Anderes,« sagte Lorenza.
»Man kann also Diamant machen?«
»Ja, denn Diamant machen heißt nicht die Verwandlung eines Körpers in einen andern bewerkstelligen; Diamant machen heißt die einfache Veränderung eines bekannten Elements versuchen.«
»Aber Du kennst also das Element, aus dem sich der Diamant bildet?«
»Allerdings, der Diamant ist die Krystallisirung der reinen Kohle.«
Balsamo blieb betäubt; ein scharfes, unerwartetes, unerhörtes Licht sprang in seine Augen; er bedeckte sie mit seinen beiden Händen, als ob er von dieser Flamme geblendet worden wäre.
»Oh mein Gott!« sprach er, »mein Gott, Du thust zu viel für mich. Irgend eine Gefahr bedroht mich. Mein Gott! was ist der kostbare Ring, den ich in das Meer werfen kann, um Deine Eifersucht zu besiegen? Genug, genug für heute, Lorenza, genug,«
»Gehöre ich nicht Dir? Befiehl, gebiete.«
»Ja, Du gehörest mir, komm, komm.«
Und Balsamo zog Lorenza aus dem Laboratorium, durchschritt das Zimmer der Pelze und kehrte, ohne auf ein leichtes Krachen zu merken, das er über seinem Haupte vernahm, mit Lorenza in die vergitterte Stube zurück.
»Du bist also mit Deiner Lorenza zufrieden, mein vielgeliebter Balsamo?« fragte die junge Frau.
»Oh! rief Balsamo, »Was befürchtest Du denn? Sprich.
Balsamo faltete die Hände und schaute Lorenza mit einem Ausdruck von Angst an, den sich ein Zuschauer, der nicht in seiner Seele zu lesen im Stande gewesen wäre, nicht wohl hätte erklären können.
»Oh!« murmelte er, »und ich hätte diesen Engel beinahe getödtet, und ich wäre beinahe vor Verzweiflung gestorben, ehe ich das Problem, glücklich und zugleich mächtig zu sein, gelöst; und ich vergaß, daß die Grenzen des Möglichen beinahe immer den, von den gegenwärtigen Zustand der Wissenschaft gezogenen Horizont überschreiten, daß die meisten Wahrheiten, welche Thatsachen geworden sind, damit anfingen, daß man sie als Visionen betrachtete . . . Und ich glaubte Alles zu wissen und wußte nichts.«
Die junge Frau lächelte göttlich.
»Lorenza! Lorenza!« fuhr Balsamo fort, »es ist also der geheimnißvolle Plan des Schöpfers verwirklicht, der die Frau aus dem Fleisch des Mannes entstehen läßt und ihnen sagt, sie haben Beide zusammen nur ein Herz. Eva ist für mich wiedererweckt; Eva, welche nicht ohne mich denken wird, und deren Leben an dem Faden hängt, den ich in der Hand halte; das ist zu viel, mein Gott, für ein einziges Geschöpf, und ich erliege der Last Deiner Wohlthat.«
Und er fiel auf die Kniee und umfaßte anbetend diese süße Schönheit, die ihm zulächelte, wie, man nicht auf Erden lächelt.
»Nein,« sagte er, »nein, Du wirst mich nicht verlassen; unter Deinem Blick, der die Finsterniß durchdringt, werde ich in voller Sicherheit leben; Du wirst mich in den mühsamen Forschungen unterstützen, die Du allein, wie Du sagtest, vervollständigen konntest, und die ein Wort von Dir leicht und fruchtbar machen wird; Du wirst mir sagen, ob ich nicht Gold machen kann, weil das Gold ein homogener Stoff, ein Urelement ist; Du wirst mir sagen, in welchem Theilchen seiner Schöpfung Gott es verborgen hat; Du wirst mir sagen, wo die tausendjährigen Schätze in den ungeheuren Tiefen des Oceans vergraben liegen. Ich werde mit Deinen Augen die Perle in der schimmernden Muschel sich runden und den Gedanken des Menschen unter den kothigen Lagen seines Fleisches sich ausdehnen und größer werden sehen. Ich werde mit Deinen Ohren das dumpfe Graben des Wurmes, der den Boden unterhöhlt, und die Tritte meines Feindes, der sich mir nähert, hören. Ich werde groß sein wie Gott und glücklicher als Gott, denn Gott hat im Himmel nicht seines Gleichen und keine Gefährtin, denn Gott ist allmächtig, aber er ist allein in seiner göttlichen Majestät und theilt mit keinem andern Wesen, das göttlich wie er wäre, diese Allmacht, durch die er Gott ist.«
Lorenza lächelte fortwährend, und indeß sie lächelte, erwiederte sie die Worte durch glühende Liebkosungen.
»Und dennoch,« flüsterte sie, als ob sie im Schädel ihres Geliebten jeden Gedanken gesehen hätte, der die Fibern dieses unruhigen Gehirnes bewegte, »und dennoch zweifelst Du, Acharat. Du zweifelst, wie Du gesagt hast, ob ich den Kreis unserer Liebe überschreiten, Du zweifelst, ob ich in der Entfernung sehen könne; doch Du tröstest Dich, indem Du Dir sagst, daß, wenn ich nicht sehe, sie sehen werde.«
»Wer, sie?«
»Die blonde Frau; soll ich Dir ihren Namen sagen?«
»Ja.«
»Warte . . . Andrée.«
»Oh! das ist es. Ja, Du liesest in meinem Geiste; ja, eine letzte Furcht beunruhigt mich. Siehst Du immer durch den Raum, Und wäre der Raum auch von materiellen Hindernissen durchschnitten?«
»Versuche es.«
»Gib mir die Hand, Lorenza.«
Die junge Frau ergriff leidenschaftlich die Hand von Balsamo.
»Kannst Du mir folgen?«
»Ueberallhin,«
»Komm.«
Und durch den Geist von Lorenza die Rue Saint-Claude verlassend, zog Balsamo den Geist von Lorenza mit sich fort.
»Wo sind wir?« fragte er Lorenza.
»Wir sind auf einem Berg,« antwortete die junge Frau.
»Ja, so ist es,« sprach Balsamo, bebend vor Freude; »doch was siehst Du?«
»Vor mir? links oder rechts?«
»Vor Dir.«
»Ich sehe ein weites Thal, mit einem Wald auf einer, einer Stadt auf der andern Seite und einem Fluß, der sie trennt und sich am Horizont verliert, nachdem er sich längst der Mauer eines großen Schloßes hingezogen hat.«
»So ist es, Lorenza. Dieser Wald ist der des Bésinet; diese Stadt ist Saint-Germain, dieses Schloß ist das Schloß Maisons. Laß uns in den Pavillon eintreten, der hinter uns ist.«
»Treten wir ein.«
»Was siehst Du?«
»Ah! vor Allem einen kleinen seltsam gekleideten Neger, der Zuckerwerk nascht.«
»Zamore, so ist es. Gehen wir weiter.«
»Ich sehe einen leeren Salon mit glänzender Ausstattung, über den Thüren Gemälde, Göttinnen und Amoretten vorstellend.«
»Der Salon ist leer?«
»Ja,«
»Gehen wir weiter.«
»Ah! wir sind in einem bewunderungswürdigen Boudoir von blauem Atlaß mit Blumen in natürlichen Farben brochirt.«
»Ist es auch leer?«
»Nein, eine Frau liegt auf einem Sopha,«
»Wer ist diese Frau, «
»Warte.«
»Kommt es Dir nicht vor, als hättest Du sie schon gesehen?«
»Ja, hier. Es ist die Frau Gräfin Dubarry,«
»So ist es, Lorenza, so ist es; Du wirst mich närrisch machen. Was thut diese Frau?«
»Sie denkt an Dich, Balsamo.«
»An mich?«
»Ja.«
»Du kannst also in ihrem Geiste lesen?«
»Ja, denn ich wiederhole Dir, sie denkt an Dich,«
»Und in welcher Hinsicht?«
»Du hast Ihr ein Versprechen geleistet.«
»Ja, welches?«
»Du hast ihr das Schönheitswasser versprochen, das Venus, um sich an Sappho zu rächen, dem Phaon schenkte.«
»So ist es, so ist es. Und was thut sie, während sie denkt?«
»Sie faßt einen Entschluß,«
»Welchen?«
»Warte; sie streckt ihre Hand nach ihrer Glocke aus; sie läutet, eine andere junge Frau tritt ein.«
»Braun? blond?«
»Braun.«
»Groß? klein?«
»Klein.«
»Das ist ihre Schwester. Höre, was sie sagt.«
»Sie will, daß man ihre Pferde anspanne.«
»Um wohin zu fahren?«
»Hierher.«
»Bist Du dessen sicher?«
»Sie gibt den Befehl dazu. Ah! man gehorcht; ich sehe die Pferde, den Wagen; in zwei Stunden wird sie hier sein.«
Balsamo fiel auf die Kniee.
»Oh!« rief er, »wenn sie in zwei Stunden wirklich hier ist, so habe ich Dich um nichts mehr zu bitten, mein Gott, als Du mögest meinem Glück Dein Mitleid angedeihen lassen.«
»Armer Freund,« sprach Lorenza, »Du befürchtetest also?«
»Ja, ja.«
»Und was konntest Du befürchten? Die Liebe, die das körperliche Dasein vervollständigt, vervollständigt auch das moralische Dasein. Wie jede edle Leidenschaft, bringt die Liebe der Gottheit näher, und von Gott geht alles Licht aus.«
»Lorenza, Lorenza, Du wirst mich vor Freude wahnsinnig machen,« sprach Balsamo und ließ seinen Kopf auf den Schooß der jungen Frau fallen.
Balsamo wartete auf einen neuen Beweis, um vollkommen glücklich zu sein.
Dieser Beweis war die Ankunft von Madame Dubarry.
Die zwei Stunden des Wartens waren kurz; das Zeitmaß war für Balsamo völlig verschwunden.
Plötzlich bebte die junge Frau, sie hielt die Hand von Balsamo.
»Du zweifelst noch,« sagte sie, »und Du möchtest gern wissen, wo sie in diesem Augenblick ist?«
»Ja, das ist wahr,« antwortete Balsamo.
»Sie folgt dem Boulevard in scharfem Lauf der Pferde, sie naht, sie fährt in die Rue Saint-Claude, sie hält vor dem Hofthor, sie klopft.«.
Das Zimmer, in welchem sich Beide befanden, war so abgelegen, daß der Lärmen des messingenen Klopfers nicht bis zur Thüre drang.
Doch auf ein Knie erhoben, horchte Balsamo nichtsdestoweniger.
Zwei Glockenschläge von Fritz machten ihn beben; zwei Schläge waren, wie man sich erinnert, das Signal eines wichtigen Besuches.
»Oh!« sagte er, »es ist also wahr.«
»Versichere Dich, Balsamo, aber komm rasch zurück.«
Balsamo eilte nach dem Kamin.
»Laß mich Dich bis zur Treppenthüre begleiten,« sagte Lorenza.
»Komm.«
Beide gingen wieder durch das Zimmer mit den Pelzen.
»Du wirst dieses Zimmer nicht verlassen?« fragte Balsamo.
»Nein, da ich Dich erwarte. Oh! sei unbesorgt, die Lorenza, die Dich liebt, ist, Du weißt es wohl, nicht die Lorenza, die Du fürchtest, Uebrigens . . .«
Lächelnd hielt sie inne.
»Was?« fragte Balsamo.
»Siehst Du denn nicht in meiner Seele, wie ich in der Deinigen sehe?«
»Ach! nein.«
»Uebrigens befiehl mir, zu schlafen bis zu Deiner Rückkehr; befiehl mir, unbeweglich auf diesem Sopha zu bleiben, und ich werde schlafen und unbeweglich bleiben.
»Es sei, meine geliebte Lorenza, schlafe und erwarte mich.«
Schon gegen den Schlaf kämpfend, drückte Lorenza in einem letzten Kuß ihre Lippen auf die Lippen von Balsamo, sank dann wankend auf den Sopha zurück und flüsterte:
»Auf baldiges Wiedersehen, mein Balsamo, nicht wahr?«
Balsamo grüßte sie mit der Hand; Lorenza schlief schon.
Aber so schön, so rein mit ihren langen aufgelösten Haaren, mit ihrem leicht geöffneten Mund, mit der fieberhaften Röthe ihrer Wangen und ihren schwimmenden Augen, – so weit entfernt, einem Weibe zu gleichen, daß Balsamo zu ihr zurückkehrte, sie bei der Hand nahm, ihre Arme und ihren Hals küßte, ihre Lippen jedoch nicht zu küssen wagte.
Abermals erschollen zwei Schläge; die Dame wurde ungeduldig oder Fritz befürchtete, sein.Herr habe ihn nicht gehört.
Balsamo eilte nach der Thüre.
Als er sie hinter sich schloß, glaubte er ein zweites Krachen, dem, welches er schon gehört, ähnlich zu vernehmen; er öffnete die Thüre wieder, schaute umher und sah nichts.
Nichts, als Lorenza ausgestreckt und keuchend unter der Last ihrer Liebe.
Balsamo schloß die Thüre und lief nach dem Salon, – ohne Unruhe, ohne Furcht, ohne Vorgefühl, das Paradies im Herzen mit sich tragend.
Balsamo täuschte sich, es war nicht allein die Liebe, was die Brust von Lorenza bedrückte und ihren Athem keuchend machte.
Es war eine Art von Traum, der aus der Lethargie, in die sie versunken war, hervorzugehen schien, eine dem Tode benachbarte Lethargie.
Lorenza träumte, und es kam ihr vor, als sähe sie in dem häßlichen Spiegel der finsteren Träume mitten in der Dunkelheit, welche Alles zu verdüstern begann, den eichenen Plafond sich kreisförmig öffnen und etwas wie eine große Einsetzrose sich losmachen und mit einer langsamen, abgemessenen, gleichmäßigen, von einem unheimlichen Pfeifen begleiteten Bewegung herabsinken; es kam ihr vor, als fehlte es ihr allmälig an Luft, als wäre sie unter dem Drucke dieses beweglichen Kreises dem Ersticken nahe.
Es kam ihr endlich vor, als rührte sich auf dieser beweglichen Fallthüre ein ungestaltetes Ding wie der Caliban des Sturmes, ein Ungeheuer mit menschlichem Gesicht, – ein Greis, dessen Augen und Arme allein lebten, und der sie mit seinen Schrecken einjagenden Augen anschaute und seine fleischlosen Arme nach ihr ausstreckte.
Und sie, sie, die Arme krümmte sich und rang vergebens, ohne fliehen zu können, ohne die Gefahr zu errathen, die sie bedrohte, ohne etwas zu fühlen, wenn nicht den Druck zweier lebenden Klammern, die an ihrem Ende ihr weißes Kleid packten, sie von ihrem Sopha aufnahmen und auf die Fallthüre legten, die sich langsam, langsam zum Plafond erhob, mit dem peinlichen Knirschen des Eisens, das sich am Eisen reibt, und mit einem häßlichen, scharfen Gelächter, das aus dem schauderhaften Munde dieses Ungeheuers mit dem menschlichen Gesicht, das sie ohne Erschütterung und ohne Schmerz zum Himmel emportrug, zu kommen schien.
CXXX.
Der Liebestrank
Es war, wie es Lorenza vorhergesagt, Madame Dubarry, welche an die Thüre geklopft hatte.
Die schöne Courtisane war in den Salon eingeführt worden. Sie blätterte in Erwartung von Balsamo in jenem merkwürdigen Buch vom Tod, das in Mainz gestochen worden ist, und dessen mit wunderbarer Kunst gezeichnete Blätter den Tod allen Handlungen des menschlichen Lebens beiwohnend zeigen, wie er an der Thüre des Ballsaales wartet, wo der Mann die Hand der Frau gedrückt hat, die er liebt, wie er ihn in die Tiefe des Wassers, in dem er sich badet, hinabzieht oder sich in dem Lauf der Flinte verbirgt, die er auf die Jagd mitnimmt.
Madame Dubarry war an dem Blatt, das eine schöne Frau darstellt, die sich schmückt und im Spiegel beschaut, als Balsamo rasch die Thüre öffnete und sie mit dem Lächeln des Glückes, das auf seinem Gesichte verbreitet war, begrüßte.
»Verzeihen Sie, Madame, daß ich Sie habe warten lassen, aber ich hatte die Entfernung schlecht berechnet, oder ich kannte schlecht die Geschwindigkeit Ihrer Pferde und glaubte sie noch auf der Place Louis XV.«
»Wie,« fragte die Gräfin, »Sie wußten also, ich werde kommen?«
»Ja, Madame, vor ungefähr zwei Stunden habe ich gesehen, daß Sie in Ihrem Boudoir von blauem Atlaß Befehl zum Anspannen gaben.«
»Und Sie sagen, ich sei in meinem Boudoir von blauem Atlaß gewesen?«
»Mit Blumen in natürlichen Farben brochirt. Ja, Gräfin, Sie lagen auf einem Sopha. Ein glücklicher Gedanke ging durch Ihren Kopf; Sie sagten sich, wir wollen den Grafen von Fönix besuchen; dann läuteten Sie.«
»Und wer kam herein?«
»Ihre Schwester, Gräfin. Ist es so? Sie baten sie, Ihre Befehle zu besorgen, welche auch sogleich vollzogen wurden.«
»In der That, Graf, Sie sind ein Zauberer. Schauen Sie so jeden Augenblick des Tags in mein Boudoir? Davon müßten Sie mich in Kenntniß setzen.«
»Oh! seien Sie unbesorgt, Gräfin, ich schaue nur durch die offenen Thüren.«
»Und indem Sie durch die offenen Thüren schauten, sahen Sie, daß ich an Sie dachte?«
»Gewiß, und zwar in guter Absicht.«
»Ah! Sie haben Recht, lieber Graf: ich hege für Sie die legen Absichten der Welt; doch gestehen Sie, daß Sie mehr verdienen als Absichten, Sie, der Sie so gut, so nützlich sind, Sie, der Sie bestimmt scheinen, in meinem Leben die Rolle des Vormunds zu spielen, und das ist die schwierigste, die ich kenne.«
»In der That, Madame, Sie machen mich sehr glücklich! ich konnte Ihnen also von einigem Nutzen sein
»Wie! … Sie sind Wahrsager und errathen nicht?«
»Lassen Sie mir wenigstens das Verdienst der Bescheidenheit.«
»Es sei, mein lieber Graf; ich will folglich zuerst mit Ihnen von dem sprechen, was ich für Sie gethan habe.«
»Das werde ich nicht dulden, Madame; ich bitte, sprechen wir im Gegentheil von Ihnen.«
»Wohl, mein lieber Graf; fangen Sie vor Allem damit an, daß Sie mir den Stein leihen, der unsichtbar macht; denn ich glaubte auf meiner Fahrt, so rasch sie auch war, einen von den geheimen Bedienten von Herrn von Richelieu zu erkennen.«
»Und dieser Bediente, Madame?«
»Folgte meinem Wagen mit einem Läufer.«
»Was denken Sie hievon? In welcher Absicht ließ Ihnen der Herzog wohl folgen?«
»In der Absicht, mir irgend einen boshaften Streich seiner Art zu spielen. So bescheiden Sie auch sind, Herr Graf von Fönix, so sehen Sie doch, daß Ihnen Gott hinreichend persönliche Vorzüge geschenkt hat, um einen König eifersüchtig . . . auf meine Besuche bei Ihnen und auf Ihre Besuche bei mir zu machen.«
»Herr von, Richelieu, Madame, kann bei keinem Zusammentreffen gefährlich für Sie sein.«
»Aber er war es, lieber Graf, er war es doch vor dem Ereigniß.«
Balsamo begriff, daß hier ein Geheimniß obwaltete, welches ihm Lorenza noch nicht geoffenbart hatte. Er wagte sich dem zu Folge nicht auf den Boden des Unbekannten und beschränkte sich darauf, daß er mit einem Lächeln antwortete.
»Er war es,« wiederholte die Gräfin, »und ich wäre beinahe das Opfer des gut angesponnenen Complottes geworden, bei dem Sie auch betheiligt waren, Graf.«
»Ich! bei einem Complott gegen Sie? Nie, Madame!«
»Hatten denn nicht Sie Herrn von Richelieu den Zaubertrank gegeben?«
»Welchen Zaubertrank?«
»Einen Trank, der rasend verliebt macht.«
»Nein, Madame, diese Liebestränke bereitet Herr von Richelieu selbst, denn seit langer Zeit kennt er das Recept; ich habe ihm nur ein einfaches narkotisches Mittel gegeben.«
»Ah! wahrhaftig?«
»Auf Ehre.«
»Und der Herr Herzog, warten Sie doch . . . An welchem Tag hat Sie der Herr Herzog um dieses narkotische Mittel gebeten? Erinnern Sie sich des Datums, mein Herr, es ist von Wichtigkeit.«
»Madame, es war vorigen Sonnabend, einen Tag, ehe ich die Ehre hatte, durch Fritz an Sie das kleine Billet zu überschicken, in welchem ich Sie mich bei Herrn von Sartines aufzusuchen bat.«
»Am Vorabend dieses Tages?« rief die Gräfin, »am Vorabend des Tages, wo man den König zu der kleinen Taverney gehen sah! Oh! nun ist mir Alles erklärt.«
»Wenn Ihnen Alles erklärt ist, so müßte Sie sehen, daß ich nur an dem narkotischen Mittel Theil habe.« »Ja, es ist das narkotische Mittel, was mich gerettet hat.«
Balsamo wartete diesmal, er wußte von nichts.
»Madame,« erwiederte er, »ich fühle mich glücklich, daß ich Ihnen, selbst ohne Absicht, zu etwas dienlich bin.«
»Oh! Sie sind immer vortrefflich gegen meine Person. Doch Sie vermögen noch mehr für mich, als Sie bis jetzt gethan haben. Oh! Doctor, ich bin sehr krank gewesen, um poetisch zu sprechen, und zu dieser Stunde glaube ich kaum an meine Wiedergenesung.«
»Madame,« sprach Balsamo, »der Doctor, da es sich hier um einen Doctor handelt, verlangt immer die einzelnen Umstände der Krankheit zu wissen, die er zu behandeln hat. Wollen Sie mir also die Umstände bei dem, was Sie erfahren haben, auf das Genauste angeben, und wenn es Ihnen möglich ist, kein Symptom vergessen.«
»Nichts kann einfacher sein, lieber Doctor, oder lieber Zauberer, wie Sie wollen. Am Vorabend des Tages, wo dieses narkotische Mittel angewendet wurde, schlug es Seine Majestät aus, mich nach Luciennes zu begleiten. Sie blieb unter dem Vorwand der Müdigkeit in Trianon, diese lügnerische Majestät, und zwar, wie ich seitdem erfahren habe, um mit dem Herzog von Richelieu und dem Baron von Taverney allein zu Nacht zu speisen.«
»Ah! ah!«
»Sie begreifen nun ebenfalls. Während dieses Abendbrodes wurde der Liebestrank dem König eingegeben. Er hatte schon eine Neigung für Fräulein Andrée; man wußte, daß er mich am andern Tag nicht besuchen würde. In Beziehung auf diese Kleine sollte also der Trank wirken.«
»Nun?«
»Er wirkte auch.«
»Was geschah sodann?«
»Das ist schwer genau zu wissen. Wohlunterrichtete Leute sahen Seine Majestät sich nach den Communs, das heißt nach der Wohnung von Fräulein Andrée wenden.«
»Ich weiß, wo sie wohnt; doch hernach?«
»Ah! hernach; Teufel! wie rasch Sie fragen, Graf. Man folgt nicht ohne Gefahr einem König, der sich verbirgt.«
»Doch endlich?«
»Alles, was ich Ihnen sagen kann, ist, daß Seine Majestät in einer abscheulich stürmischen Nacht, bleich, zitternd und mit einem Fieber, das ans Delirium grenzte, nach Trianon zurückkam.«
»Und Sie glauben, es sei nicht allein der Sturm gewesen, was dem König bange gemacht?« fragte Balsamo lächelnd.
»Nein, denn der Kammerdiener hörte ihn mehrere Male ausrufen: ‚Todt! todt! todt!’ «
»Oh! oh!«
»Das war das narkotische Mittel,« fuhr Madame Dubarry fort; »nichts macht dem König so sehr bange, als die Todten, und nach den Todten das Bild des Todes. Er fand Fräulein von Taverney in einen seltsamen Schlaf versunken und wird sie für todt gehalten haben.«
»Ja, ja, in der That todt,« sprach Balsamo, der sich nun erinnerte, daß er, ohne Lorenza wieder aufzuwecken, entflohen war, »todt, oder wenigstens allen Anschein des Todes darbietend. So ist es! so ist es! Hernach, Madame, hernach?«
»Niemand erfuhr also, was in dieser Nacht, oder vielmehr am Anfang dieser Nacht vorfiel. Als der König in seine Gemächer zurückkehrte, wurde er von einem heftigen Fieber und von einem Nervenzittern befallen, was erst am andern Tag vorüberging, als es der Frau Dauphine einfiel, beim König öffnen zu lassen und Seiner Majestät eine schöne, lachende Gestalten beleuchtende Sonne zu zeigen. Da verschwanden alle die unbekannten Visionen mit der Nacht, die sie erzeugt hatte.
»Um Mittag ging es beim König besser, er nahm etwas Fleischbrühe zu sich und aß ein Flügelchen von einem Rebhuhn, und am Abend . . .«
»Und am Abend?« wiederholte Balsamo.
»Nun, am Abend kam Seine Majestät, welche ohne Zweifel nach dem Schrecken des vorhergehenden Tages nicht in Trianon bleiben wollte, am Abend kam Seine Majestät zu mir nach Luciennes, wo ich, mein lieber Graf, meiner Treue wahrnahm, daß Herr von Richelieu beinahe ein ebenso großer Zauberer ist, als Sie.«
Das triumphirende Gesicht der Gräfin, ihre Geberde voll Anmuth und Schelmerei vollendeten ihren Gedanken und beruhigten völlig Balsamo in Beziehung auf die Macht, welche die Favoritin immer noch über den König ausübte.
»Sie sind also zufrieden mit mir, Madame?« sagte er.
»Begeistert von Ihnen, das schwöre ich, Graf! Sie haben mir, als Sie von den Unmöglichkeiten sprachen, die Sie geschaffen, streng die Wahrheit gesagt.«
Und sie reichte ihm als Beweis ihres Dankes die so weiße, so zarte, so duftende Hand, die nicht so frisch war, wie die von Andrée, deren Wärme aber auch ihre Beredtsamkeit besaß.
»Und nun zu Ihnen, Graf,« sprach sie.
Balsamo verbeugte sich wie ein Mensch, der zu hören bereit ist.
»Haben Sie mich vor einer großen Gefahr bewahrt,« fuhr Madame Dubarry fort, »so glaube ich Sie vor einer nicht geringeren Gefahr beschützt zu haben.«
»Ich,« erwiederte Balsamo, seine Unruhe verbergend, »ich bedarf dessen nicht, um Ihnen dankbar zu sein; wollen Sie mir jedoch sagen? . . .«
»Ja, das fragliche Kistchen.«
»Nun. Madame?«
»Es enthielt Geheimschriften, welche Herr von Sartines von allen seinen Schreibern übersetzen ließ; alle unterzeichneten ihre abgesondert gemachte Uebersetzung und alle Übersetzungen gaben dasselbe Resultat. Und so ist Herr von Sartines diesen Morgen, während ich gerade dort war, nach Versailles gekommen und hat alle diese Uebersetzungen nebst dem Wörterbuch der diplomatischen Geheimschriften mitgebracht.«
»Ah! ah! Und was hat der König gesagt?«
»Der König schien Anfangs erstaunt, dann erschrocken. Man findet leicht Gehör bei Seiner Majestät, wenn man ihr von Gefahren spricht. Seit dem Federmesserstich von Damiens gibt es ein Wort, mit welchem Jedermann bei Ludwig XV. durchdringt: ‚Nehmen Sie sich in Acht!’ «
»Herr von Sartines hat mich also der Complottirung beschuldigt?«
»Herr von Sartines versuchte es Anfangs, mich weggehen zu machen; doch ich weigerte mich und erklärte, da Niemand dem König anhänglicher sei, als ich, so habe Niemand das Recht, mich zu entfernen, wenn man ihm von einer Gefahr sage. Herr von Sartines drang dennoch auf meine Entfernung; doch ich widerstand, und der König sagte lächelnd, indem er mich auf eine gewisse Art anschaute, die ich gar wohl verstehe!
