Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 84
‚Lassen Sie die Gräfin hier, Sartines, ich kann ihr heute nichts verweigern.’
Sie begreifen, Graf, da ich da war, befürchtete Herr von Sartines, der sich wohl unseres so scharf ausgesprochenen Abschieds erinnerte, er befürchtete, sage ich, mir zu mißfallen, wenn er Sie anklagen würde. Er stützte sich auf die schlimme Gesinnung des Königs von Preußen gegen Frankreich, auf die Neigungen der Geister, sich des Uebernatürlichen zu bedienen, um den Gang ihrer Rebellion zu erleichtern. Er klagte mit einem Wort viele Leute an und bewies, immer seine Zifferschriften in der Hand, diese Leute seien schuldig.«
»Schuldig, welches Verbrechens?«
»Welches Verbrechens? . . . Graf, soll ich das Staatsgeheimnis, sagen?«
»Das unser Geheimniß ist, Madame. Oh! Sie wagen nichts dabei! Ich habe, wie mir scheint, ein Interesse, nicht zu sprechen.«
»Ja, Graf, ich weiß es, ein großes Interesse. Herr von Sartines wollte also beweisen, eine zahlreiche, mächtige, von muthigen, gewandten, entschlossenen Adepten gebildete Secte untergrabe auf eine dumpfe Weise die Seiner königlichen Majestät schuldige Ehrfurcht, indem sie gewisse Gerüchte über den König verbreite.«
»Welche Gerüchte?«
»Sie sage zum Beispiel, Seine Majestät hungere sein Volk aus.«
»Was antwortete der König darauf?«
»Der König antwortete, wie er immer antwortet, durch einen Scherz.«
Balsamo athmete.
»Und was für ein Scherz war das?« fragte er.
» ‚Da man mich beschuldigt, ich hungere mein Volk aus,’ sagte er, ‚so habe ich nur eine Antwort auf diese Anschuldigung zu geben: Nähren wir es.’
‚Wie dies, Sire?’ fragte Herr von Sartines.
‚Ich übernehme für meine Rechnung die Verköstigung aller derjenigen, welche dieses Gerücht verbreiten, und biete Ihnen überdies freie Wohnung in der Bastille an.’ «
Balsamo fühlte einen leichten Schauer seine Adern durchlaufen, doch er blieb lächelnd:
»Hernach?« sagte er.
»Hernach schien mich der König durch ein Lächeln um Rath zu fragen. ‚Sire,’ sprach ich sodann, ‚man wird mich nie glauben machen, alle diese kleinen schwarzen Ziffern, welche Ihnen Herr von Sartines überbringt, wollen besagen, Sie seien ein schlechter König.’
Da schrie der Polizeilieutenant laut auf.
‚Ebensowenig, als Sie mir je beweisen werden, die Schreiber Ihrer Kanzlei verstehen zu lesen,’ fügte ich bei.«
»Und was sagte der König, Gräfin?« fragte Balsamo.
»Ich könnte Recht haben, aber Herr von Sartines hätte nicht Unrecht.«
»Und sodann?«
»Sodann fertigte man viele geheime Verhaftsbefehle aus, unter denen Herr von Sartines, wie ich deutlich sah, einen gegen Sie einschieben wollte. Doch ich gab nicht nach und hielt ihn mit einem einzigen Wort zurück.
‚Mein Herr,’ sagte ich ganz laut und in Gegenwart des Königs, ‚verhaften Sie ganz Paris, wenn es Ihnen gutdünkt, das ist Ihres Amtes; aber man lasse es sich nicht einfallen, einen einzigen von meinen Freunden zu berühren . . . oder!’
‚Hoho!’ rief der König, ‚sie wird ärgerlich; hüten Sie sich, Sartines.’
‚Aber, Sire, das Interesse des Königreichs . . .’
‚Oh! Sie sind kein Sully,’ erwiederte ich, roth vor Zorn, ‚und ich bin keine Gabriele.’
‚Madame, man will den König ermorden, wie man Heinrich IV. ermordet hat.’
Diesmal erbleichte der König, zitterte er, fuhr er mit der Hand über seine Stirne.
Ich hielt mich für besiegt.
‚Sire,’ sagte ich, ‚man muß den Herrn fortfahren lassen, denn seine Commis haben ohne Zweifel auch in allen diesen Ziffern gelesen, ich conspirire gegen Sie.’
Und ich ging hinaus.
Teufel! das war am andern Tag nach dem Liebestrank, Graf. Der König zog meine Gegenwart der von Herrn Sartines vor und lief mir nach.
,Ah! ich bitte, Gräfin, ärgern Sie sich nicht,’ sagte er.
,Dann jagen Sie diesen gemeinen Menschen fort, Sire; er riecht nach dem Gefängniß.’
,Gehen Sie, Sartines, gehen Sie,’ sagte der König die Achseln zuckend.
,Und ich verbiete Ihnen in Zukunft nicht nur, bei mir zu erscheinen, sondern auch, mich zu grüßen,’ fügte ich bei.
Da verlor unser Polizeilieutenant den Kopf; er kam auf mich zu und küßte mir demüthig die Hand.
,Wohl, es sei,’ sagte er, ’sprechen wir nicht mehr davon, schöne Dame; doch Sie richten den Staat zu Grund. Ihr Schützling, da Sie es durchaus so wollen, soll von meinen Agenten verschont werden.’ «
Balsamo schien in eine tiefe Träumerei versunken.
»Wie!« sagte die Gräfin, »Sie danken mir nicht einmal, daß ich Ihnen die Bekanntschaft mit der Bastille erspart habe, was vielleicht ungerecht, aber darum nicht minder unangenehm gewesen wäre?«
Balsamo antwortete nicht; er zog nur aus seiner Tasche ein Fläschchen, das einen blutrothen Saft enthielt.
»Nehmen Sie, Madame,« sagte er; »für die Freiheit, die Sie mir schenken, schenke ich Ihnen zwanzig Jahre Jugend mehr.«
Die Gräfin schob das Fläschchen in ihren Schnürleib und entfernte sich freudig und triumphirend.
Balsamo blieb träumerisch.
»Sie waren vielleicht ohne die Coquetterie eines Weibes gerettet,« sagte er nach einiger Zeit. »Der kleine Fuß dieser Courtisane stürzt sie in die tiefste Tiefe des Abgrunds.
»Gott ist entschieden mit uns!«
CXXXI.
Das Blut
Madame Dubarry hatte noch nicht die Thüre des Hauses hinter sich schließen sehen, als Balsamo wieder die Geheimtreppe hinaufstieg und in das Zimmer mit den Pelzen zurückkehrte.
Die Unterredung mit der Gräfin hatte lange gedauert und sein Eifer rührte von zwei Ursachen her.
Die erste war das sehnsüchtige Verlangen, Lorenza zu sehen; die zweite war die Furcht, die junge Frau dürfte ermüdet sein; denn in dem neuen Leben, das er ihr gemacht hatte, konnte es keinen Platz für die Langweile geben; ermüdet dadurch, daß sie, wie ihr dies zuweilen begegnete, vom magnetischen Schlaf zur Extase übergehen konnte.
Auf die Extase folgten beinahe immer Nervenkrisen, wenn der Dazwischentritt des wiederherstellenden Fluidums nicht ein befriedigendes Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Functionen des Organismus herbeiführte.
Nachdem Balsamo die Thüre geschlossen, warf er rasch seine Blicke auf den Sopha, auf dem er Lorenza gelassen hatte.
Sie war nicht mehr da.
Nur die feine Mante von Kaschemir, worauf goldene Blumen gestickt, welche sie gewöhnlich wie eine Schärpe umhüllte, war allein auf den Polstern als ein Zeugniß für ihre Anwesenheit in diesem Zimmer und für ihr Ruhen auf diesem Sopha zurückgeblieben.
Balsamo heftete, unbeweglich, die starren Augen auf den leeren Sopha. Vielleicht hatte sich Lorenza durch einen seltsamen Geruch, der sich in dem Zimmer, aus dem sie weggegangen, verbreitet zu haben schien, belästigt gefühlt; vielleicht hatte sie sich mit einer maschinenmäßigen Bewegung die Gewohnheiten des wirklichen Lebens zugeeignet und instinctartig ihren Platz verändert.
Balsamo dachte zuerst, Lorenza wäre in das Laboratorium zurückgekehrt, wohin er sie einen Augenblick zuvor begleitet hatte.
Er trat in das Laboratorium ein. Beim ersten Anblick schien es leer; doch im Schatten des riesigen Ofens, hinter den Vorhängen mit Personen ans dem Orient, könne sich eine Frau leicht verbergen.
Er hob also die Vorhänge auf, er ging rings um den Ofen; doch nirgends konnte er eine Spur der Anwesenheit von Lorenza finden.
Es blieb das Zimmer der jungen Frau, wohin sie ohne Zweifel zurückgekehrt war.
Dieses Zimmer war für sie in ihrem wachen Zustand nur ein Gefängniß.
Er lief dahin und fand die Platte geschlossen.
Doch dies diente durchaus nicht zum Beweis, daß sich Lorenza nicht in ihr Zimmer begeben. In der That, es widersetzte sich nichts dem, daß Lorenza in ihrem hellsehenden Schlaf sich des Mechanismus erinnert und, sich desselben erinnernd, den Erscheinungen eines in ihrem Geiste schlecht verwischten Traumes gehorcht hatte.
Balsamo drückte an der Feder.
Das Zimmer war leer wie das Laboratorium: Lorenza schien nicht einmal hineingekommen zu sein.
Ein schmerzlicher Gedanke, ein Gedanke, der, wie man sich erinnert, schon einmal sein Herz gefoltert hatte, verjagte nun alle Vermuthungen, alle Hoffnungen des durch die Liebe Beglückten.
Lorenza habe eine Rolle gespielt; sie habe sich gestellt, als schliefe sie; sie habe so jedes Mißtrauen, jede Wachsamkeit, jede Unruhe im Geiste ihres Gatten beseitigt, und bei der ersten Freiheit, die sich ihr geboten, sei sie abermals entflohen, – durch eine erste, oder vielmehr durch eine zweite Erfahrung sicher über das, was sie thun sollte.
Balsamo fuhr bei diesem Gedanken auf und läutete Fritz.
Dann, als ob dieser für seine Ungeduld zu sehr zögerte, stürzte er ihm entgegen und rief, sobald er ihn auf der Geheimtreppe traf:
»Die Signora?«
»Was ist es, Meister?« fragte Fritz, der an dem Beben von Balsamo wahrnahm, daß etwas Außerordentliches vorging.
»Hast Du sie gesehen?«
»Nein, Meister.«
»Sie ist nicht weggegangen?«
»Von wo?«
»Vom Haus?«
»Es ist Niemand weggegangen, als die Gräfin, hinter der ich die Thüre geschlossen habe.«
Balsamo flieg wie ein Wahnsinniger wieder die Treppe hinauf. Er bildete sich ein, die tolle junge Frau, welche in ihrem Schlafe so sehr von dem verschieden war, was , sie im Wachen that, habe einen ihrer Augenblicke kindischen Muthwillens, sie lese aus irgend einem Winkel, wo sie verborgen, die Angst in seinem Herzen und belustige sich damit, daß sie ihn erschrecken wolle, um ihn nachher wieder zu beruhigen.
Dann begann eine sorgfältige Untersuchung.
Nicht ein Winkel wurde verschont, nicht ein Schrank vergessen, nicht ein Windschirm am Platz gelassen. Es war in dieser Nachforschung von Balsamo etwas vom Menschen, der durch die Leidenschaft verblendet ist, vom Narren, der nicht mehr sieht, vom Trunkenen, der wankt. Er hatte nur noch die Kraft, die Arme zu öffnen und auszurufen: »Lorenza! Lorenza!« in der Hoffnung, das angebetete Geschöpf würde sich Plötzlich mit einem Freudenschrei darein stürzen.
Doch nur ein Stillschweigen allein, ein finsteres, hartnäckiges Stillschweigen antwortete seinem ausschweifenden Gedanken und seinem wahnsinnigen Ruf.
Laufen, alles Geräthe umkehren, zu den Mauern sprechen, Lorenza rufen, schauen, ohne zu sehen, horchen, ohne zu hören, beben, ohne zu leben, schauern, ohne zu denken, dies war der Zustand, in welchem Balsamo drei Minuten, das heißt drei Jahrhunderte im Todeskampf hinbrachte.
Aus diesem wirren Treiben ging er halb verrückt hervor; er tauchte seine Hand in ein Gefäß mit eiskaltem Wasser, befeuchtete sich damit die Schläfe, drückte eine von seinen Händen mit der andern zusammen, als wollte er sich zur Unbeweglichkeit zwingen, und vertrieb durch den Willen das lästige Geräusch jenes Schlagens vom Blut gegen den Schädel, ein unseliges, unabläßiges, monotones Geräusch, das, wenn es Bewegung und Stille ist, das Leben anzeigt, wenn es aber stürmisch und bemerkbar wird, den Tod oder den Wahnsinn bezeichnet.
»Wir wollen vernünftig urtheilen,« sagte er; »Lorenza ist nicht mehr da; keine falsche Vorspiegelungen gegen mich selbst; Lorenza ist nicht mehr da, folglich ist sie weggegangen, ja, sie ist weggegangen.«
Und er schaute noch einmal umher und rief noch einmal:
»Weggegangen!« wiederholte er. »Vergebens behauptet Fritz, er habe sie nicht gesehen. Sie ist weggegangen, sicherlich weggegangen.
Zwei Fülle bieten sich dar:
Entweder hat er wirklich nichts gesehen, was im Ganzen wohl möglich ist, denn der Mensch kann sich irren; oder er hat gesehen und ist von Lorenza bestochen worden.
Bestochen! Fritz!
Warum nicht! Vergebens spricht seine frühere Treue gegen diese Annahme. Wenn Lorenza, wenn die Liebe, wenn die Wissenschaft in diesem Grad täuschen und lügen konnten, warum sollte die so gebrechliche, so fehlbare Natur eines menschlichen Geschöpfes nicht ebenfalls täuschen?
»Oh! ich werde Alles, Alles erfahren! Bleibt mir nicht Fräulein von Taverney? Ja, durch Andrée werde ich den Verrath von Fritz, durch Andrée werde ich den Verrath von Lorenza erfahren . . . Oh! diesmal, da die Liebe lügenhaft gewesen, da die Wissenschaft ein Irrthum, da die Treue eine Falle gewesen sein wird . . . oh! diesmal wird Balsamo ohne Mitleid, ohne Rückhalt strafen, wie ein mächtiger Mensch, der sich rächt, nachdem er die Barmherzigkeit verjagt und den Stolz bewahrt hat.
Es ist nun nichts mehr Anderes zu thun, als so schnell als möglich wegzugehen, Fritz nichts ahnen zu lassen und nach Trianon zu laufen.«
Und Balsamo nahm seinen Hut, der zu Boden gefallen war, und stürzte nach der Thüre.
Doch plötzlich blieb er stehen . . .
»Oh!« sagte er, »mein Gott! der arme Greis . . . ich hatte ihn vergessen . . . vor Allem muß ich Althotas sehen; während dieses Anfalls von Fieberwahn, so lange dieser ungeheuerliche Liebeskrampf dauerte, habe ich den unglücklichen Greis sich selbst überlassen. Ich bin undankbar, ich bin unmenschlich gewesen.«
Und mit jenem Fieber, das zu dieser Stunde alle seine Bewegungen belebte, näherte sich Balsamo der Feder, welche den Plafond spielen machte. Das bewegliche Gerüste kam sogleich und rasch herab.
Balsamo stellte sich darauf und fing an mit Hülfe des Gegengewichts hinaufzusteigen; doch ganz und gar von der Unruhe seines Geistes und Herzens erfüllt und ohne an etwas Anderes, als an Lorenza, zu denken.
Kaum berührte er das Niveau des Zimmers von Althotas, als die Stimme des Greises an sein Ohr traf und ihn seiner schmerzlichen Träumerei entzog.
Doch zum großen Erstaunen von Balsamo waren seine ersten Worte kein Vorwurf, wie er erwartete: es war ein Ausbruch natürlicher und einfacher Heiterkeit, was ihn empfing.
Der Schüler schaute mit erstauntem Blick zum Meister empor.
Der Greis war in seinen Stuhl mit den Federn zurückgelehnt; er athmete geräuschvoll und mit Wonne, als ob jeder Zug einen Lebenstag gewänne; seine Augen, voll von einem düsteren Feuer, dessen Ausdruck sich jedoch durch ein um seine Lippen schwebendes Lächeln milderte, seine Augen hefteten sich auf eine bedrückende Welse auf seinen Besuch.
Balsamo raffte seine Kräfte zusammen und sammelte seine Gedanken, um den Meister, der gegen die Schwächen der Menschheit so wenig nachsichtig war, seine Unruhe nicht wahrnehmen zu lassen.
Während dieser Minute, in der er sich zu fassen suchte, fühlte Balsamo einen seltsamen Druck auf seiner Brust lasten. Die Luft war ohne Zweifel verdorben durch eine zu beständige Einathmung, durch einen schweren faden, lauen, üblen Geruch; derselbe Geruch, den er schon unten gespürt hatte, obgleich in einem schwächeren Grad, schwamm in der Luft und hatte, ähnlich jenen Dünsten, welche aus den Seen und Sümpfen im Herbst bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang aufsteigen, einen Körper angenommen und die Scheiben getrübt.
In dieser dichten, herben Atmosphäre wurde es Balsamo übel, sein Kopf gerieth in Verwirrung, ein Schwindel ergriff ihn, und er fühlte, der Athem und die Kräfte würden ihn zugleich verlassen.
»Meister,« sprach er, während er einen festen Stützpunkt suchte und seine Brust zu erweitern bemüht war, »Meister, Ihr könnt nicht hier leben, man athmet hier nicht mehr.«
»Findest Du?«
»Oh!«
»Ich athme doch hier sehr gut, und ich lebe hier, wie Du siehst,« erwiederte Althotas mit freudigem Ton.
»Meister! Meister!« sprach Balsamo, immer mehr betäubt, »merkt wohl auf und laßt mich ein Fenster öffnen, es steigt von diesem Boden wie ein Blutdampf auf.«
»Blut! Ah! Du findest? … Blut?« rief Althotas, in ein Gelächter ausbrechend.
»Oh! ja, ja, ich fühle die Miasmen, welche sich aus einem frisch getödteten Körper ausdünsten . . . ich könnte sie wägen, so schwer sind sie für mein Gehirn und für mein Herz.«
»Das ist so,« sagte der Greis mit seinem höhnischen Lachen, »das ist so, ich habe es schon bemerkt; Du hast ein zartes Herz und ein sehr schwächliches Gehirn, Acharat.«
»Meister,« sprach Balsamo, den Finger gegen den Greis ausstreckend, »Meister, Ihr habt Blut an Euren Händen; Meister, es ist Blut auf diesem Tisch; Meister, es ist überall Blut, sogar in Euren Augen, die wie zwei Flammen glänzen; Meister, dieser Geruch, den man hier einathmet, dieser Geruch, der mir den Schwindel bereitet, dieser Geruch, der mich erstickt, ist Blutgeruch.«
»Nun, und was dann?« versetzte Althotas ruhig; »spürst Du zum ersten Mal diesen Geruch?«
»Nein.«
»Hast Du mich nie meine Experimente machen sehen? Hast Du nie selbst solche gemacht?«
»Aber menschliches Blut!« rief Balsamo, indem er mit der Hand über seine von Schweiß triefende Stirne fuhr.
»Ah! Du hast einen feinen Geruch,« sagte Althotas. »Ich hätte nicht geglaubt, man könnte das Blut eines Menschen von dem Blut irgend eines Thieres unterscheiden.«
»Das Blut eines Menschen!« murmelte Balsamo.
Und als er ganz schwankend, um sich daran zu halten, den Vorsprung irgend eines Geräthes suchte, erblickte er schauernd ein weites kupfernes Becken, dessen glänzende Wände die purpurne Farbe von frisch vergossenem Blut wiederstrahlten.
Das ungeheure Gefäß war halb voll.
Balsamo wich erschrocken zurück.
»Oh! dieses Blut, woher kommt es?« rief er.
Althotas antwortete nicht; doch sein Blick verlor nichts von den Schwankungen, von der Verwirrung, vom Schrecken von Balsamo, Plötzlich stieß dieser ein wildes Gebrülle aus.
Dann sich bückend, als ob er eine Beute fassen wollte, stürzte er auf einen Punkt des Zimmers zu und hob vom Boden ein seidenes, mit Silber brochirtes Band auf, an welchem eine lange schwarze Haarflechte hing.
Nach diesem schmerzlichen Geschrei trat ein tödtliches Stillschweigen in dem Zimmer des Greises ein.
Balsamo hob langsam das Band auf, betrachtete schauernd die Haare, deren Ende eine goldene Nadel auf einer Seite an das Band befestigt hielt, während sie auf der andern, scharf abgeschnitten, eine Franse zu sein schienen, welche an ihren äußersten Theilen eine Blutwoge gestreift hätte, denn die rothen, schäumenden Tropfen perlten am Ende dieser Franse.
Je mehr Balsamo seine Hand aufhob, desto mehr zitterte diese Hand.
Je fester Balsamo seinen Blick auf das befleckte Band heftete, desto leichenfarbiger wurden seine Wangen.
»Oh! woher kommt dies?« murmelte er, doch laut genug, daß sein Wort eine Frage für einen Andern, als für ihn selbst, wurde.
»Dies?« sagte Althotas.
»Ja, dies.«
»Es ist ein um Haare gewickeltes seidenes Band.«
»Aber diese Haare, diese Haare, in was sind sie getaucht worden?«
»Du siehst es wohl, in Blut.«
»In welches Blut?«
»Ei! in das Blut, das ich für mein Elixir brauchte, in das Blut, das Du mir verweigertest und das ich mir wegen Deiner Weigerung selbst verschaffen mußte.«
»Aber diese Haare, diese Flechte, dieses Band, woher habt Ihr sie? das ist nicht der Kopfputz eines Kindes.«
»Wer sagt Dir denn, ich habe ein Kind erwürgt?« fragte ruhig Althotas.
»Braucht Ihr nicht für Euer Elixir das Blut eines Kindes?« rief Balsamo. »Habt Ihr mir das nicht gesagt?«
»Oder einer Jungfrau, Acharat, oder einer Jungfrau.«
Und Althotas streckte seine abgemagerte Hand über dem Arm des Lehnstuhles aus und nahm eine Phiole, an deren Inhalt er voll Wonne nippte.
Daun sprach er mit dem allernatürlichsten Ton und mit seinem liebevollsten Ausdruck:
»Das ist gut von Dir, Acharat; Du bist weise und vorsichtig gewesen, daß Du diese Frau unter meinen Boden, beinahe in den Bereich meiner Hand brachtest; die Menschheit hat sich nicht darüber zu beklagen, das Gesetz hat nichts einzuwenden. Ei! ei! Du hast mir nicht die Jungfrau geliefert, ohne die ich gestorben wäre; nein, ich habe sie genommen. Ich danke Dir, mein lieber Zögling, ich danke Dir, mein kleiner Acharat.«
Und er setzte abermals die Phiole an seine Lippen.
Balsamo ließ die Haarflechte fallen, die er in der Hand hielt; ein gräßliches Licht hatte seine Augen geblendet.
Vor ihm stand der Tisch des Greises, dieser ungeheure Tisch, stets voll von Kräutern, Büchern und Phiolen, dieser Tisch war bedeckt mit einem langen Tuch von weißem Damast mit dunkeln Blumen, auf das die Lampe von Althotas ihren reichlichen Schimmer so ergoß, daß sich düstere Formen hervorhoben, welche Balsamo Anfangs nicht bemerkt hatte.
Balsamo nahm eines von den Enden des Tuches und zog es heftig an sich.
Doch da sträubten sich seine Haare, sein offener Mund konnte nicht mehr den gräßlichen Schrei von sich geben, der in der Tiefe seiner Kehle erstickte.
Er hatte unter diesem Tuche den Leichnam von Lorenza erblickt, von Lorenza, welche auf dem Tisch ausgestreckt lag . . . den Kopf leichenbleich, aber dennoch lächelnd, und zurückhängend, als würde er durch das Gewicht seiner langen Haare hinabgezogen.
Eine breite Wunde öffnete sich klaffend über dem Schlüsselbein, ohne daß mehr ein Tropfen Blutes daraus hervorfloß.
Die Hände waren starr und die Augen unter violetten Lidern geschlossen.
»Ja, Blut, jungfräuliches Blut, die drei letzten Tropfen Arterienblut von einer Jungfrau; das ist es, was ich brauchte,« sprach der Greis, indem er sich zum dritten Mal seiner Phiole bediente.
»Elender!« rief Balsamo, dessen Verzweiflungsgeschrei sich durch jede seiner Poren ausströmte; »stirb also, denn seit vier Tagen war sie meine Geliebte, meine Frau! Du hast sie umsonst gemordet . . .«
»Sie war keine Jungfrau mehr! . . .«
Die Augen von Althotas zitterten, als ob sie eine elektrische Erschütterung in ihre Höhlen zurückspringen gemacht hatte; seine Augensterne erweiterten sich furchtbar; sein Zahnfleisch knirschte in Ermanglung der Zähne; es entschlüpfte seiner Hand die Phiole, fiel auf den Boden und zersprang in tausend Stücke, während er ganz bestürzt, vernichtet, zugleich im Herzen und im Gehirn getroffen, in seinen Lehnstuhl zurücksank.
Balsamo aber neigte sich schluchzend über den Leib von Lorenza, küßte ihre blutigen Haare und fiel ohnmächtig nieder.
