Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 85
CXXXII.
Der Mensch und Gott
Die Stunden, diese seltsamen Schwestern, die sich bei der Hand halten und mit einem so langsamen Flug für den unglücklichen, mit einem so raschen für den glücklichen Menschen vorübergehen, sanken stillschweigend, ihre schweren Flügel zusammenziehend, auf dieses Zimmer voll von Schluchzen und Seufzern herab.
Auf der einen Seite der Tod, auf der andern der Todeskampf.
In der Mitte die Verzweiflung, schmerzlich wie der Todeskampf, tief wie der Tod.
Balsamo hatte kein Wert mehr von sich gegeben, seit dem gräßlichen Schrei, der seine Kehle zerrissen.
Seit dieser niederschmetternden Offenbarung, welche die wilde Freude von Althotas durchschnitten, hatte Balsamo sich nicht bewegt.
Der häßliche Greis, der so gewaltsam in das Leben zurückgeworfen wurde, wie es Gott den Menschen gemacht hat, schien eben so sehr aus seiner Sphäre herausgeschleudert, in diesem für ihn neuen Element, als es der Vogel ist, der, von einem Bleikorn getroffen, aus einer Wolke herab auf einen See füllt, auf dessen Oberfläche er sich sträubt, ohne daß es ihm seine Flügel aufzuschwellen gelingt.
Die Bestürzung dieses leichenbleichen, verstörten Gesichtes offenbarte den unermeßlichen Umfang seiner Enttäuschung.
Althotas nahm sich in der That nicht mehr die Mühe, zu denken, seitdem seine Gedanken das Ziel, nach dem sie sich wandten, ein Ziel, von dem sie glaubten, es wäre fest und unerschütterlich wie der Felsen, wie Rauch hatten verschwinden sehen.
Seine düstere, stille Verzweiflung hatte etwas vom Stumpfsinn. Für einen Geist, der nicht gewohnt, seinigen zu messen, wäre dieses Stillschweigen vielleicht ein Anzeichen der Forschung gewesen; für Balsamo, der ihn übrigens nicht einmal anschaute, war es der Todeskampf der Macht, der Vernunft, des Lebens.
Althotas trennte sich mit seinem Blick nicht von dieser zerbrochenen Phiole, dem Bilde der Nichtigkeit seiner Hoffnungen; es war, als zählte er diese tausend Trümmer die, sich zerstreuend, sein Leben um ebenso viele Tage vermindert hätten; es war, als hätte er mit dem Blick diesen auf dem Boden ausgebreiteten kostbaren Trank einsaugen wollen, und als hätte er einen Augenblick an die Unsterblichkeit geglaubt.
Zuweilen auch, wenn der Schmerz dieser Enttäuschung zu lebhaft war, schlug der Greis sein trübes Auge zu Balsamo auf; von Balsamo ging dann sein Blick zu Lorenza über.
Dann glich er jenen in der Falle gefangenen Thieren, welche der Jäger am Morgen am Beine festgepackt findet, die er lange mit dem Fuß, ohne daß sie den Kopf umdrehen, plagt, welche aber, wenn er sie mit seinem Jagdmesser sticht, schief ihr blutiges, ganz mit Haß, Rache, Vorwurf und Erstaunen beladenes Auge erheben.
»Ist es möglich,« sagte dieser noch in seiner Stumpfheit so ausdrucksvolle Blick, »ist es glaublich, daß mir so viel Unglück, so viele Niederlagen von Seiten eines Wesens zukommen, das so geringfügig ist, wie der Mensch, den ich vier Schritte von mir zu den Füßen eines Gegenstandes von so gewöhnlicher Art, wie dieses todte Weib, niedergekniet sehe? ist es nicht eine Verkehrung der Natur, ein Umsturz der Wissenschaft, eine Entkräftung der Vernunft, daß der so plumpe Zögling den so erhabenen Meister getäuscht hat? ist es nicht ungeheuerlich, daß das Staubkörnchen das Rad des stolzen, raschen Wagens in seinem allmächtigen, unsterblichen Lauf aufgehalten hat?«
Bei Balsamo, der gelähmt, vernichtet, ohne Stimme, ohne Bewegung, beinahe ohne Leben war, hatte noch kein menschlicher Gedanke die blutigen Dünste seines Gehirns durchbrochen.
Lorenza, seine Lorenza! Lorenza, seine Frau, sein Idol, dieses für ihn als Engel und als Geliebte doppelt kostbare Geschöpf, Lorenza, das heißt das Vergnügen und der Ruhm, die Gegenwart und die Zukunft, die Kraft und der Glaube, Lorenza, das heißt Alles, was er liebte, was er wünschte, Alles, was er in der Welt erstrebte, Lorenza war auf immer für ihn verloren!
Er weinte nicht mehr, er schrie nicht mehr, er seufzte nicht einmal mehr. Er hatte kaum Zeit, sich. darüber zu wundern, daß ein so furchtbares Unglück über sein Haupt hereingebrochen war. Er glich jenen Unglücklichen, welche die Ueberschwemmung in ihrem Bett mitten in der Finsterniß packt, welche träumen, das Wasser habe sie erreicht, welche aufwachend und eine tosende Woge über ihrem Kopfe gewahrend nicht einmal mehr die Zeit haben, einen Schrei auszustoßen, wenn sie vom Leben zum Tod übergehen.
Drei Stunden lang glaubte sich Balsamo in die tiefsten Abgründe des Todes versenkt; durch seinen ungeheuren Schmerz hielt er das, was ihm begegnete, für einen von jenen finstern Träumen, welche die Hingeschiedenen in der ewigen, schweigsamen Nacht der Grüfte heimsuchen.
Für ihn gab es keinen Althotas mehr, das heißt keinen Haß, keine Rache mehr.
Für ihn gab es keine Lorenza, das heißt kein Leben, keine Liebe mehr.
Nur Schlaf, Nacht und Vernichtung!
So verging die Zeit düster, schweigsam, endlos in diesem Gemache, wo das Blut erkaltete, nachdem es seinen Befruchtungstheil den Atomen, die ihn fordern, zugesandt hatte.
Plötzlich, mitten in der stillen Nackt, erscholl dreimal ein Glöckchen.
Ohne Zweifel wußte Fritz, daß sich sein Herr bei Althotas befand, denn es ertönte ein Glöckchen im Zimmer selbst.
Aber es mochte immerhin dreimal mit einem seltsam starken Geräusch erklingen, der Ton verlor sich im Raum.
Balsamo hob nicht einmal den Kopf in die Höhe.
Nach einigen Augenblicken erscholl dasselbe scharfe Klingeln zum zweiten Mal, doch ohne Balsamo mehr, als das erste Mal, seiner Betäubung zu entreißen.
Dann nach einem abgemessenen Zwischenraum, der jedoch minder entfernt war, als der, welcher das erste Klingeln vom zweiten getrennt hatte, ließ die gereizte Glocke ein drittes Mal einen vielfachen Lärmen von kreischenden und ungeduldigen Tönen in das Zimmer springen.
Balsamo hob, ohne zu beben, langsam seine Stirne empor und befragte den Raum mit der kalten Feierlichkeit eines Todten, der aus seinem Grabe ersteht.
’So mußte Lazarus umherschauen, als ihn die Stimme Christi dreimal rief.
Die Glocke hörte nicht auf zu klingeln.
Seine immer mehr zunehmende Energie erweckte endlich den Verstand bei dem Geliebten von Lorenza.
Er machte seine Hand von der Hand des Leichnams los.
Alle Wärme hatte seinen Körper verlassen, ohne in den von Lorenza überzugehen.
»Eine große Neuigkeit oder eine große Gefahr,« sagte Balsamo zu sich selbst.
»Wenn es nur eine große Gefahr ist!«
Und er erhob sich vollends gänzlich.
»Doch warum sollte ich diesem Ruf entsprechen?« fuhr er fort, ohne die unheimliche Wirkung seiner Worte, unter diesem düsteren Gewölbe, in diesem Leichenzimmer wahrzunehmen; »kann mich noch etwas auf dieser Welt interessiren oder erschrecken?«
Als wollte sie ihm antworten, schlug nun die Glocke so heftig mit ihrem ehernen Schlägel an ihre bronzenen Flanken, daß der Schlägel sich losmachte und auf eine gläserne Retorte fiel, welche, mit einem metallischen Geräusch zerbrechend, den Boden mit ihren Trümmern bestreute.
Balsamo widerstand nicht länger: es war überdies wichtig, daß Niemand, selbst nicht einmal Fritz, ihn da aufsuchte, wo er war.
Er ging also mit ruhigem Schritt auf die Feder zu, drückte daran und stellte sich auf die Fallthüre, welche langsam hinabsank und ihn mitten im Zimmer der Pelze absetzte.
Als er am Sopha vorüberkam, streifte er an der Mante, welche von den Schultern von Lorenza gefallen war, als sie der unbarmherzige Greis, unempfindlich wie der Tod, in seinen Armen aufhob.
Es bereitete diese Berührung Balsamo einen schmerzlichen Schauer.
Er nahm die Mante und küßte sie, während er sein Geschrei mit dem Stoffe derselben erstickte.
Dann öffnete er die Treppenthüre.
Auf den obersten Stufen wartete Fritz ganz bleich, ganz keuchend, Fritz, der in einer Hand ein Licht hielt und mit der andern in seiner Angst und in seiner Ungeduld fortwährend krampfhaft an der Klingelschnur zog.
Beim Anblick seines Herrn stieß er einen Schrei der Zufriedenheit, und dann einen zweiten Schrei des Erstaunens und Schreckens aus.
Doch Balsamo, der die Ursache dieses doppelten Schreis nicht kannte, antwortete nur durch eine stumme Frage.
Friß sagte nichts, doch er, der gewöhnlich so ehrfurchtsvoll war, wagte es, seinen Herrn bei der Hand zu nehmen und vor den großen venetianischen Spiegel zu führen, der über dem Kamin angebracht war, durch den man in das Zimmer von Lorenza ging.
»Oh! sehen Sie, Excellenz,« sagte er, indem er ihm sein eigenes Bild in dem Krystall zeigte.
Balsamo bebte.
Dann zog ein Lächeln, jenes Lächeln, das der Sohn eines unaussprechlichen, unheilbaren Schmerzes ist, über seine Lippen hin.
Er hatte in der That Fritz begriffen.
Balsamo war in einer Stunde um zwanzig Jahre älter geworden; kein Glanz mehr in den Augen, kein Blut mehr unter der Haut, ein Ausdruck von Betäubung und Stumpfsinn über allen seinen Zügen ausgebreitet, ein blutiger Schaum seine Lippen befransend, ein großer Blutflecken auf dem so feinen Batist seines Hemdes.
Balsamo schaute sich selbst einen Augenblick an, ohne daß er sich zu erkennen vermochte, dann tauchte er entschlossen seine Augen in die Augen des seltsamen Menschen, den der Spiegel zurückwarf.
»Ja, Fritz, ja.« sagte er, »ja. Du hast Recht.«
Als er aber die unruhige Miene des treuen Dieners bemerkte, fragte er:
»Doch warum hast Du mich gerufen?«
»Oh! Meister, für sie.«
»Sie?«
»Ja,«
»Sie! wer dies?«
»Excellenz,« flüsterte Fritz, seinen Mund dem Ohr von Balsamo nähernd, »sie, die fünf Meister.« Balsamo bebte.
»Alle?« fragte er.
»Ja, alle.«
»Und sie sind da?«
»Da.«
»Allein?«
»Nein; jeder mit einem bewaffneten Bedienten , der im Hof wartet.«
»Und sie sind mit einander gekommen?«
»Mit einander, ja, Meister; und sie werden ungeduldig, deshalb habe ich so oft und so stark geklingelt.«
Ohne nur unter einer Falte seines Spitzenjabot den Blutflecken zu verbergen, ohne daß er die Unordnung in seinem Anzug ein wenig zu verbessern suchte, fing Balsamo an die Treppe hinabzusteigen, nachdem er Fritz gefragt hatte, ob seine Gäste in den Salon oder in das große Cabinet eingeführt worden seien.
»In den Salon,« antwortete Fritz seinem Herrn folgend.
Unten an der Treppe aber wagte er es, seinen Herrn aufzuhalten, und fragte:
»Hat mir Eure Excellenz Befehle zu geben?«
»Ich habe keinen Befehl für Dich, Fritz,«
»Eure Excellenz . . .,« fuhr Fritz stammelnd fort.
»Nun?« fragte Balsamo mit unendlicher Sanftmuth.
»Begibt sich Eure Excellenz unbewaffnet zu ihnen?«
»Unbewaffnet, ja.«
»Selbst ohne ihren Degen?«
»Warum sollte ich denn meinen Degen nehmen?«
»Ich weiß es nicht,« antwortete der treue Diener, die Augen niederschlagend, »aber ich dachte, ich glaubte, ich befürchtete . . .«
»Es ist gut, gehe, Fritz.«
Fritz machte einige Schritte, um zu gehorchen, doch er kehrte wieder zurück.
»Hast Du nicht gehört?« fragte Balsamo.
»Excellenz, ich wollte Ihnen nur sagen, Ihre Doppelpistolen seien in dem ebenholzenen Kistchen auf dem vergoldeten Guéridon.«
»Gehe, sage ich Dir,« erwiederte Balsamo.
Und er trat in den Salon.
CXXXIII.
Das Gericht
Fritz hatte wohl Recht, die Gäste von Balsamo waren in der Rue Saint-Claude nicht mit einer friedlichen Ausrüstung und ebensowenig mit einem wohlwollenden Aeußern erschienen.
Fünf Männer zu Pferd geleiteten den Reisewagen, in welchem die Herren ankamen; fünf Männer von stolzer, düsterer Miene, bis unter die Zähne bewaffnet, schloßen das Hofthor und bewachten es, während sie ihre Herren zu erwarten schienen.
Ein Kutscher, zwei Lackeien auf dem Bocke dieses Wagens hatten unter ihrem Mantel Hirschfänger und Mousquetons. Alle diese Leute schienen vielmehr zu einer Expedition, als zu einem Besuche in die Rue Saint-Claude gekommen zu sein.
Dieser nächtliche Ueberfall von furchtbaren Leuten, welche Fritz erkannt hatte, diese Erstürmung des Hotels jagten auch Anfangs dem Deutschen einen unsäglichen Schrecken ein. Er beabsichtigte, Jedermann den Eingang zu verwehren, als er durch ein Gitter an der Thüre die Escorte erblickte und die Waffen errieth; doch diese allmächtigen Zeichen, ein unleugbarer Beweis für die Rechte der Ankömmlinge, gestatteten ihm keinen Widerstand mehr. Kaum waren die Fremden Herren des Platzes, als sie sich, wie geschickte Kapitäne, an jedem Ausgange des Hauses aufstellten, ohne daß sie sich nur die Mühe nahmen, ihre schlimmen Absichten zu verbergen. Die angeblichen Diener im Hof und in den Gängen, die angeblichen Herren im Salon weissagten Fritz nichts Gutes: deshalb sein stürmisches Klingeln. Ohne sich zu wundern, ohne sich vorzubereiten, trat Balsamo in den Salon ein, welchen Fritz, um den Fremden die Ehre zu erweisen, wie sie jedem Gaste gebührt, anständig beleuchtet hatte.
Er sah in Fauteuils die fünf Gäste sitzen, von denen keiner, als er erschien, aufstand.
Er, der Herr des Hauses, begrüßte sie höflich, als er sie alle gesehen hatte.
Nun erst standen sie auf und erwiederten ernst seinen Gruß.
Er setzte sich auf einen Stuhl ihnen gegenüber, ohne daß er die seltsame Anordnung dieser Versammlung bemerkte oder zu bemerken schien..
Die fünf Fauteuils bildeten in der That einen Halbkreis, dem der Tribunale des Alterthums ähnlich, wobei der Präsident die Beisitzer überschaute und der Stuhl von Balsamo dem des Präsidenten gegenüberstehend den Platz einnahm, welchen man gewöhnlich dem Angeklagten in den Concilien, oder Gerichtssälen gab.
Balsamo nahm nicht zuerst das Wort, wie er es unter allen andern Umständen gethan hätte; er schaute, ohne gut zu sehen, immer in Folge jener schmerzlichen Schlafsucht, die ihm nach dem Schlag geblieben war.
»Du hast uns verstanden, wie es scheint, Bruder,« sagte der Präsident, oder vielmehr derjenige, welcher den mittleren Stuhl inne hatte. »Du hast indessen gezögert, zu kommen, und wir beriethen uns schon, ob wir nicht nach Dir schicken sollten.«
»Ich verstehe Euch nicht,« erwiederte Balsamo ganz einfach.
»Das glaubte ich nicht, als ich Dich uns gegenüber den Platz und die Haltung eines Angeklagten nehmen sah.«
»Eines Angeklagten?« stammelte Balsamo. Und er zuckte die Achseln und fügte bei:
»Ich begreife nicht.«
»Wir werden es Dir begreiflich machen, und das wird keine Schwierigkeit sein, wenn ich Deiner bleichen Stirne, Deinen erloschenen Augen, Deiner zitternden Stimme glauben darf: man sollte meinen, Du hörtest nicht.«
»Doch, ich höre,« antwortete Balsamo, den Kopf schüttelnd, als wollte er die Gedanken, die ihn belagerten, abfallen machen.
»Bruder,« fuhr der Präsident fort, »erinnerst Du Dich, daß Dir bei einer seiner letzten Mittheilungen der oberste Ausschuß die Nachricht von einem Verrathe gegeben hat, den eine von den großen Stützen des Ordens beabsichtigte?«
»Vielleicht . . . ja . . . ich sage nicht nein.«
»Du antwortest, wie es sich für ein stürmisches und beunruhigtes Gewissen geziemt. Doch erhole Dich . . . laß Dich nicht niederschlagen, antworte mit der Klarheit, mit der Genauigkeit, die Dir eine furchtbare Lage gebietet; antworte mit der gewissen Voraussetzung, Du könnest uns überzeugen, denn wir bringen weder Vorurtheile noch Haß hierher; wir sind das Gesetz, und dieses spricht nur, nachdem der Richter gehört hat.«
Balsamo erwiederte nichts.
»Ich wiederhole Dir, Balsamo, und einmal gegeben, wird meine Kunde sein wie der Aufruf, den die Kämpfenden gegenseitig ergehen lassen, ehe sie einander angreifen: ich werde Dich mit redlichen, aber mächtigen Waffen angreifen, vertheidige Dich.«
Als die Anwesenden das Phlegma und die Unbeweglichkeit von Balsamo wahrnahmen, schauten sie einander nicht ohne Erstaunen an, richteten aber bald wieder ihre Augen auf den Präsidenten.
»Du hast mich gehört, nicht wahr?« fragte der Letztere.
Balsamo machte mit dem Kopfe ein bejahendes Zeichen.
»Ich habe als ein Bruder voll Redlichkeit, voll Wohlwollen Deinen Geist in Kenntniß gesetzt und Dich beinahe den Zweck Deines Verhörs ahnen lassen. Du bist gewarnt, hüte Dich, ich fange an.
»Nachdem jene Mittheilung ergangen war,« fuhr der Präsident fort, »ordnete der Bund fünf von seinen Mitgliedern ab, um in Paris die Schritte desjenigen zu überwachen, den man uns als Verräther bezeichnete.
»Unsere Offenbarungen sind keinem Irrthum unterworfen; wir haben sie gewöhnlich, wie Du selbst, weißt, von ergebenen Agenten unter den Menschen, von sichern Anzeichen unter den Dingen, oder von Symptomen und unfehlbaren Merkmalen unter den geheimnißvollen Combinationen, welche die Natur bis jetzt nur uns enthüllt hat. Einer von uns aber hatte seine Vision in Beziehung auf Dich; wir wissen, daß er sich nie getäuscht; wir sind auf unserer Hut gewesen und haben Dich bewacht.«
Balsamo hörte dies Alles, ohne das geringste Zeichen von Ungeduld oder nur des Verstehens von sich zu geben. Der Präsident fuhr fort:
»Es war nichts Leichtes, einen Menschen, wie Du bist, zu überwachen; Du hast überall Eingang, es ist Dein Auftrag, überall Fuß zu fassen, wo unsere Feinde ein Haus oder irgend eine Gewalt haben. Du hast zu Deiner Verfügung alle Deine natürlichen Quellen und Mittel, die ungeheuer sind, sowie die, welche Dir der Bund gibt, um seine Sache siegen zu machen. Lange schwebten wir im Zweifel, als wir Feinde wie einen Richelieu, eine Dubarry, einen Rohan zu Dir kommen sahen. Ueberdies hast Du in der legten Versammlung der Rue Plastrière eine Rede gehalten, eine Rede voll geschickter Paradoxen, die uns glauben machte, Du spielest dadurch eine Rolle, daß Du mit der unverbesserlichen Race, um deren Ausrottung auf Erden es sich handelt, Umgang pflegest, ihr schmeichelst. Wir ehrten eine Zeit lang die Geheimnisse Deines Benehmens, in der Hoffnung auf ein glückliches Resultat; doch endlich kam die Enttäuschung.«
Balsamo verharrte in seiner Unempfindlichkeit, so daß der Präsident am Ende ungeduldig wurde.
»Vor drei Tagen,« sagte er, »wurden fünf geheime Verhaftsbefehle ausgefertigt. Herr von Sartines hatte sie vom König verlangt; ausgefüllt, sobald sie unterzeichnet waren, wurden sie noch an demselben Tage fünf von unseren Hauptagenten, treuen, ergebenen Brüdern, welche in Paris wohnen, präsentirt. Alle fünf traf die Verhaftung; zwei brachte man nach der Bastille in den geheimsten Gewahrsam, zwei nach Vincennes in die Oubliette, einen nach Bicêtre in die tödtlichste von allen Zellen. Warst Du mit diesem Umstande bekannt?«
»Nein,« antwortete Balsamo.
»Das muß uns seltsam erscheinen, da wir wissen, in welcher Verbindung Du mit den Mächtigen des Reiches stehst. Doch vernimm, was noch seltsamer ist.«
Balsamo horchte.
»Um diese fünf treuen Freunde verhaften zu lassen, mußte Herr von Sartines die einzige Note, welche die fünf Namen der Opfer lesbar enthielt, unter den Augen gehabt haben. Diese Note war vom obersten Rath im Jahr 1769 an Dich gerichtet, und Du selbst mußtest die neuen Mitglieder aufnehmen und ihnen unmittelbar den Rang geben, den ihnen der oberste Rath verlieh.«
Balsamo bedeutete durch eine Geberde, er erinnere sich dessen nicht.
»Ich will Dein Gedächtnis unterstützen. Die fünf Personen, um die es sich handelt, waren durch fünf arabische Charaktere dargestellt, und die Charaktere entsprachen auf der Dir mitgetheilten Note den Namen und Chiffern der neuen Brüder.«
»Gut,« sagte Balsamo.
»Du erkennst es an?«
»Was Ihr wollt.«
Der Präsident schaute seine Beisitzer an, damit sie von diesem Geständnisse Kenntniß nähmen.
»Nun!« fuhr er fort: »auf eben dieser Note, auf der einzigen, hörst Du wohl, welche die Brüder hatte gefährden können, stand ein sechster Name; erinnerst Du Dich dessen?«
Balsamo antwortete nichts.
»Dieser Name war Graf von Fönix.«
»Einverstanden,« sagte Balsamo.
»Warum, wenn die fünf Namen der Brüder auf fünf geheimen Verhaftsbefehlen figurirten, warum wird der Deinige geachtet, geliebkost, mit gnädigem Ohre bei Hof oder in den Vorzimmern der Minister gehört? Wenn unsere Brüder das Gefängniß verdienten, so verdientest Du es auch: was hast Du hierauf zu erwiedern?«
»Nichts.«
»Ah! ich errathe Deine Einwendung, Du kannst sagen, die Polizei habe durch die ihr eigenthümlichen Mittel die Namen der dunkleren Brüder ergattert, aber sie habe den Deinigen, den Namen eines Botschafters, eines mächtigen Mannes respectiren müssen; Du wirst sogar sagen, sie habe nicht einmal Verdacht gegen einen solchen Namen haben können.«
»Ich werde gar nichts sagen.«
»Dein Stolz währt länger, als Deine Ehre; die Polizei hat diese Namen nur dadurch entdeckt, daß sie die vertrauliche Note gelesen, welche der oberste Rath an Dich gerichtet, und sie hat dieselbe auf folgende Art gelesen Du hattest sie in ein Kistchen eingeschlossen. Ist das wahr?«
»Es ist wahr.«
»Eines Tags ging eine Frau mit einem Kistchen unter ihrem Arm aus Deinem Hause. Unsere Ueberwachungsagenten sahen sie und folgten ihr bis zum Hotel des Polizeilieutenants im Faubourg Saint-Germain. Wir konnten das Unglück in seiner Quelle ersticken, denn wenn wir uns des Kistchens bemächtigten, wenn wir diese Frau festnahmen, war Alles für uns sicher. Doch wir gehorchten den Artikeln der Constitution, welche die geheimen Mittel zu ehren gebietet, durch die gewisse Verbündete der Sache dienen, sollten diese Mittel sogar den Anschein von Verrath oder Unklugheit haben.«
Balsamo schien diese Behauptung zu bestätigen, jedoch durch eine so wenig ausgeprägte Geberde, daß ohne seine vorhergehende Unbeweglichkeit diese Geberde völlig unbemerkbar gewesen wäre.
»Diese Frau gelangte bis zum Polizeilieutenant und Alles wurde entdeckt. Ist das wahr?«
»Vollkommen wahr,«
Der Präsident stand auf.
»Wer war diese Frau?« rief er; »schön, leidenschaftlich, mit Leib und Seele Dir ergeben, zärtlich von Dir geliebt, so geistreich, so gewandt, so geschmeidig, als einer von den Engeln der Finsterniß, die den Menschen unterstützen, daß er im Bösen siege . . . Lorenza Feliciani war diese Frau, Balsamo!«
Balsamo entschlüpfte ein Schrei der Verzweiflung,
»Du bist überwiesen,« sagte der Präsident.
»Schließt,« sprach Balsamo.
»Ich habe noch nicht vollendet. Eine Viertelstunde, nachdem sie beim Polizeilieutenant eingetreten war, kamst Du auch dahin. Sie hatte den Verrath ausgesät, Du wolltest die Belohnung ernten. Als gehorsame Magd hatte sie die Begründung des Verbrechens auf sich genommen; Du kamst, um dem schändlichen Werke einen letzten Anstrich zu geben. Lorenza ging allein wieder hinaus. Ohne Zweifel wolltest Du sie verleugnen und Dich nicht dadurch, daß Du sie begleitetest, gefährden; Du kamst triumphirend mit Madame Dubarry heraus, welche dahin gerufen worden war, um aus Deinem Munde die Anzeigen zu sammeln, die Du Dir bezahlen lassen wolltest. Du stiegst in den Wagen dieser Buhlerin, wie der Fährmann in den Nachen mit der sündhaften Maria der Aegypterin; Du ließest die Noten zurück, die uns bei Herrn von Sartines Verderben bereiteten. Aber Du nahmst das Kistchen mit, das Dich bei uns ins Verderben stürzen konnte. Zum Glück haben wir gesehen! das Liebt Gottes fehlt uns nicht bei guter Gelegenheit.«
Balsamo verbeugte sich, ohne etwas zu sagen.
»Ich kann nun schließen,« fügte der Präsident bei.
»Zwei Strafbare sind dem Orden bezeichnet worden: eine Frau, Deine Genossin, welche, vielleicht unschuldig, aber factisch der Sache durch Enthüllung unserer Geheimnisse Schaden zugefügt hat; zweitens Du, der Meister, Du, der Großkophta, Du, der leuchtende Strahl, der Du so feig warst, Dich hinter eine Frau zu stellen, damit man den Verrath minder klar sehen möchte.«
Balsamo erhob langsam sein bleiches Haupt und heftete auf die Abgeordneten einen Blick funkelnd von all’ dem Feuer, das seit dem Anfange des Verhörs in seiner Brust kochte.
»Warum klagst Du diese Frau an?« sagte er.
»Ah! wir wissen, daß Du sie zu vertheidigen suchen wirst; wir wissen, daß Du sie bis zur Vergötterung liebst; wir wissen, daß Du sie Allem vorziehst. Es ist uns bekannt, daß es Dein Schatz des Wissens, des Glücks, des Vermögens, daß sie für Dich ein viel kostbareres Werkzeug ist, als die ganze Welt.«
»Ihr wißt das?« fragte Balsamo.
»Ja, wir wissen es, und wir werden Dich vielmehr durch sie, als durch Dich schlagen.«
»Vollendet . . .«
Der Präsident stand auf.
»Höre den Spruch:
»Joseph Balsamo ist ein Verräther; er hat seine Schwüre gebrochen; aber sein Wissen ist ungeheuer, es ist dem Bunde nützlich, Balsamo soll leben für die Sache, die er verrathen; er gehört seinen Brüdern, obgleich er sie verleugnet hat.«
»Ah! ah!« rief Balsamo wild und düster.
»Ein ewiges Gefängniß wird den Bund gegen neue Treulosigkeiten von ihm beschützen, während es zugleich den Brüdern den Nutzen, den er aus jedem von seinen Mitgliedern zu erwarten berechtigt ist, zu ziehen gestatten soll.
»Was Lorenza Feliciani betrifft, so soll eine furchtbare Strafe . . .«
»Wartet,« sprach Balsamo mit der größten Ruhe in seinem Tone . . . »Ihr vergeßt, daß ich mich nicht vertheidigt habe; der Angeschuldigte muß in seiner Rechtfertigung gehört werden . . . Ein Wort wird mir genügen, ein einziger Beweis; wartet eine Minute auf mich, ich will Euch den Beweis bringen, den ich Euch verspreche.«
Die Abgeordneten beriethen sich einen Augenblick.
»Oh! Ihr fürchtet, ich könnte mich tödten,« sagte Balsamo mit einem bittern Lächeln . . . »wenn ich das hätte thun wollen, so wäre es geschehen. In diesem Ringe ist etwas enthalten, was Euch alle Fünf zu tobten hinreichen würde, wenn ich ihn öffnete; Ihr befürchtet, ich könnte entfliehen; laßt mich begleiten, wenn Euch das genehm ist.«
»Gehe!« sprach der Präsident.
Balsamo verschwand auf eine Minute; dann hörte man ihn schwerfällig wieder die Treppe herabsteigen: er trat ein.
Er hielt auf seiner Schulter den starren, kalten, farblosen Leichnam von Lorenza, deren weiße Hand gegen den Boden hing.
»Diese Frau,« rief er, »diese Frau, die mein Schatz, mein einziges Gut, mein Leben war, diese Frau, welche, wie Ihr sagt, verrathen hat, hier ist sie, nehmt sie! Gott hat nicht auf Euch erwartet, um zu strafen,« fügte er bei.
Und durch eine Bewegung rasch wie der Blitz ließ er den Leichnahm aus seinen Armen gleiten und wälzte ihn auf den Boden bis zu den Füßen der Richter, welche die kalten Haare und die trägen Hände der Todten in ihrem tiefen Schrecken streiften, während man die schauderhaft rothe Wunde mitten an ihrem schwanenweißen Halse klaffen sah.
»Sprecht nun Euer Urtheil,« fügte Balsamo bei.
Von einem tiefen Grauen, von einer schwindelartigen Furcht erfaßt, stießen die Richter einen gräßlichen Schrei aus und entflohen in unbeschreiblicher Verwirrung. Bald hörte man die Pferde im Hofe wiehern und stumpfen; die Thüre knarrte auf ihren Angeln; dann lagerte sich wieder das Stillschweigen, das feierliche Schweigen bei der Todten, bei der Verzweiflung.
