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Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 86

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CXXXIV.
Der Mensch und Gott

Während die hier von uns erzählte furchtbare Scene zwischen Balsamo und den fünf Meistern vorfiel, veränderte sich scheinbar im übrigen Hause nichts; der Greis sah nur Balsamo zurückkehren und den Leichnam von Lorenza forttragen, und diese neue Erscheinung rief bei ihm das Gefühl alles dessen, was um ihn her vorging, zurück.

Als er Balsamo auf seine Schultern den Körper laden und in die unteren Stockwerke hinabsteigen sah, glaubte er, es sei der letzte, der ewige Abschied dieses Mannes, dessen Herz er gebrochen, und es erfaßte ihn die Angst vor einer Verlassenheit, welche für ihn, für ihn besonders, die Schauer des Todes vermehrte.

Da er nicht wußte, in welcher Absicht sich Balsamo entfernte, da er nicht wußte, wohin er gegangen war, so fing er an zu rufen:

»Acharat! Acharat!«

Dies war sein Name in seiner Kinderzeit: er hoffte, es wäre derjenige, welcher am meisten Einfluß auf den Mann bewahrt hätte.

Balsamo ging indessen immer weiter hinab, und als er ganz unten war, dachte er nicht mehr daran, die Fallthüre hinaufsteigen zu lassen, und verlor sich in den Tiefen des Corridors.

»Ah!« rief Althotas, »so ist der Mensch, ein blindes, undankbares Thier; komm zurück, Acharat, komm zurück; ah! Du ziehst den lächerlichen Gegenstand, den man Weib nennt, der Vollendung der Menschheit, die ich vertrete, vor; Du ziehst das Bruchstück des Lebens der Unsterblichkeit vor.«

»Doch nein!« rief er nach einem Augenblick, »nein, der Ruchlose hat seinen Meister betrogen, er hat wie ein gemeiner Schuft mit meinem Vertrauen gespielt; er befürchtete, mich leben zu sehen, mich, der ich ihn in der Wissenschaft so weit übertreffe; er wollte das mühsame Werk erben, das ich beinahe bis zum Ziel geführt hatte; er hat mir eine Falle gestellt, mir, seinem Meister, seinem Wohlthäter. Oh! Acharat.«

Und allmälig entflammte der Zorn des Greises, seine Wangen nahmen eine fieberhafte Färbung an: in seinen kaum geöffneten Augen belebte sich wieder der düstere Glanz jener phosphorescirenden Lichter, welche die ruchlosen Kinder in die Augenhöhlen eines Todtenkopfes stellen.

Da rief er:

»Komm zurück, Acharat, komm zurück; nimm Dich in Acht: Du weißt wohl, daß ich Beschwörungen kenne, welche das Feuer hervorrufen und die übernatürlichen Geister erwecken; ich habe Satan, denjenigen, welchen die Magier Phegor nannten, in den Bergen von Gab heraufbeschworen, und genöthigt, seine finsteren Abgründe zu verlassen, ist mir Satan erschienen; ich habe mit den sieben Engeln, den Dienern des göttlichen Zorns, auf demselben Berg gesprochen, wo Moses die Gesetzestafeln erhielt; ich habe einzig und allein durch den Act meines Willens den großen Dreifuß mit den sieben Flammen angezündet, den Trajan den Juden stahl: nimm Dich in Acht, Acharat. nimm Dich in Acht!«

Doch nichts antwortete ihm.

Da gerieth sein Kopf immer mehr in Verwirrung:

»Du siehst also nicht,« sagte er mit erstickter Stimme, »Du siehst nicht, daß mich der Tod wie ein gewöhnliches Geschöpf zu packen im Begriff ist: Du kannst zurückkommen, Acharat; ich werde Dir kein Leid zufügen; komm zurück; ich verzichte auf das Feuer, Du hast nichts von dem schlimmen Geist zu befürchten, Du hast nichts von den sieben rächenden Engeln zu befürchten; ich verzichte auf die Rache, und ich könnte Dir doch einen solchen Schrecken einjagen, daß Du stumpfsinnig und kalt würdest, wie der Marmor, denn ich vermag das Kreisen des Blutes aufzuhalten, Acharat: komm also zurück, ich werde Dir kein Leid zufügen; siehst Du, ich kann Dir im Gegentheil so viel Gutes thun  . . . Acharat, statt mich zu verlassen, wache über meinem Leben, und alle meine Schätze, alle meine Geheimnisse gehören Dir; mache nur, daß ich lebe, Acharat, mache, daß ich lebe, damit ich sie Dir mittheilen kann; schau!  . . . schau!  . . .«

Und er bezeichnete mit den Augen und mit einem zitternden Finger die Millionen von Gegenständen, von Papieren und Rollen, welche zerstreut in dem weiten Gemache umherlagen.

Dann wartete er und beobachtete die immer raschere Abnahme seiner Kräfte.

»Ah! Du kommst nicht zurück,« fuhr er fort; »ah! Du glaubst, ich werde so sterben; Du glaubst, durch diesen Mord werde Alles Dir gehören, denn Du tödtest mich. Wahnsinniger, wenn Du selbst die Handschriften zu lesen vermöchtest, die meine Augen allein entziffern konnten, wenn Dir selbst für ein zwei oder dreimal hundertjähriges Leben der Geist meine Wissenschaft, den Gebrauch aller der von mir gesammelten Materialien geben würde  . . . Nein, hundertmal nein, Du würdest mich nicht beerben; Acharat, kehre zurück, kehre einen Augenblick zurück, und wäre es nur, um dem Untergang dieses Hauses beizuwohnen, wäre es nur, um das schöne Schauspiel zu betrachten, das ich Dir bereite. Acharat! Acharat! Acharat!«

Nichts antwortete ihm, denn während dieser Zeit erwiederte Balsamo die Anschuldigung der Meister dadurch, daß er ihnen den Leichnam der ermordeten Lorenza zeigte; und das Geschrei des verlassenen Greises wurde immer durchdringender und die Verzweiflung verdoppelte seine Kräfte und sein heiseres Gebrülle trug, sich in den Gängen verlierend, den Schrecken fernhin, wie es das Brüllen des Tigers thut, der seine Kette gebrochen hat oder durch das Gitter seines Käfigs entwichen ist.

»Ah! Du kommst nicht zurück,« schrie Althotas; »ah! Du verachtest mich; ah! Du rechnest auf meine Schwäche; wohl, Du sollst es sehen; Feuer! Feuer! Feuer!«

Er stieß dieses Geschrei mit einer solchen Wuth aus, daß Balsamo, von seinen erschrockenen Gästen befreit, mitten in seinem Schmerz dadurch erweckt wurde; er nahm die todte Lorenza in seine Arme, stieg wieder die Treppe hinauf, legte den Leichnam auf den Sopha, wo er zwei Stunden zuvor im Schlummer geruht hatte, stellte sich auf den beweglichen Boden und erschien plötzlich vor den Augen von Althotas.

»Ah! endlich,« rief der Greis freudetrunken, »Du Hast Furcht! Du hast gesehen, daß ich mich rächen könnte, Du bist gekommen, und Du hast wohl daran gethan, zu kommen, denn noch einen Augenblick, und ich hätte dieses Zimmer in Brand gesteckt.«

Balsamo schaute ihn an und zuckte die Achseln, doch ohne ihm ein Wort zu erwiedern.

»Ich habe Durst,« rief Althotas; »ich habe Durst, gib mir zu trinken, Acharat.«

Balsamo antwortete nicht, rührte sich nicht; er schaute den Sterbenden an, als ob er nichts von seinem Todeskampfe hätte verlieren wollen.

»Hörst Du mich?« brüllte Althotas.

Dasselbe Stillschweigen, dieselbe Unbeweglichkeit von Seiten des düsteren Zuschauers.

»Hörst Du mich, Acharat?« schrie der Greis, seine Kehle zerreißend, um diesem letzten Ausbruch seines Zornes Durchgang zu verschaffen; »mein Wasser, gib mir mein Wasser!«

Das Gesicht von Althotas zersetzte sich rasch.

Kein Feuer mehr in seinem Blick, nur noch ein düsterer, höllischer Schimmer; kein Blut mehr unter seiner Haut, keine Geberde, beinahe kein Athem mehr; seine langen, so nervigen Arme, in denen er Lorenza wie ein Kind fortgetragen hatte, hoben sich auf, aber trage und schlaff wie die Glieder des Polypen; sein Zorn hatte die wenigen Kräfte vollends verzehrt, welche einen Augenblick in ihm durch die Verzweiflung wiedererweckt worden waren.

»Ah!« sagte er, »ah! Du findest, ich sterbe nicht schnell genug; ah! Du willst mich vor Durst sterben machen! Ah! Du hütest gierig mit Deinen Blicken meine Manuscripte, meine Schätze! Ah! Du glaubst sie schon zu besitzen! warte! warte!«

Und mit einer äußersten Anstrengung zog Althotas unter den Kissen seines Lehnstuhles ein Fläschchen hervor, das er entpfropfte. Bei der Berührung der Luft schoß eine flüssige Flamme aus der gläsernen Vorlage, und einem magischen Geschöpfe ähnlich schüttelte Althotas diese Flamme um sich her.

Die um den Lehnstuhl des Greises aufgehäuften Manuscripte, die im Zimmer zerstreuten Bücher, die mit so viel Mühe den Pyramiden von Cheops und den ersten Nachgrabungen in Herculanum entrissenen Papierrollen fingen sogleich mit der Schnelligkeit des Pulvers Feuer; eine Flammenmasse breitete sich auf dem marmornen Boden aus und bot den Augen von Balsamo etwas den feurigen Kreisen der Hölle, von denen Dante spricht, Aehnliches.

Althotas erwartete ohne Zweifel, Balsamo würde sich mitten in die Flamme stürzen, um diese erste Erbschaft zu retten, die der Greis mit sich vernichtete; doch er täuschte sich; Balsamo blieb ruhig, er stellte sich abgesondert auf den beweglichen Boden, so daß ihn die Flamme nicht erreichen konnte.

Diese Flamme umhüllte Althotas; doch statt ihn zu erschrecken, war es, als ob sich der Greis in seinem Element befände, und als ob ihm die Flamme, wie sie es bei dem an unsern alten Schlössern ausgehauenen Salamander thut, einen Kitzel bereitete, statt ihn zu brennen.

Balsamo schaute ihn fortwährend an; die Flamme erreichte das Täfelwerk und umschloß völlig den Greis; sie kroch nach dem Fuß des Lehnstuhls von massivem Eichenholz, in dem er saß, und obgleich sie die unteren Theile seines Körpers schon verzehrte, schien er es seltsamer Weise doch nicht zu fühlen.

Im Gegentheil, bei der Berührung dieses Feuers, das wohl ein läuterndes war, spannten sich die Muskeln des Sterbenden nach und nach ab, und eine unbekannte Heiterkeit übergoß wie eine Maske alle Züge seines Gesichtes. In dieser äußersten Stunde vom Leib gesondert, schien der alte Prophet auf seinem Feuerstuhl im Begriff, zum Himmel aufzusteigen. Allmächtig in dieser Stunde, vergaß der Geist die Materie, und sicher, daß er nichts mehr zu erwarten hatte, schwang er sich energisch zu den höheren Sphären empor, zu denen ihn das Feuer zu entführen schien.

Von diesem Augenblick faßten die Augen von Althotas, welche beim ersten Reflex des Feuers ihr Leben wiederzufinden schienen, einen unbestimmten, verlorenen Gesichtspunkt, der weder der Himmel noch die Erde war, der aber den ruhigen Horizont durchdringen zu wollen schien; wie eine letzte Stimme der Erde, ließ der alte Magier dumpf seinen Abschied an die Macht, an das Leben, an die Hoffnung entströmen.

»Auf, auf!« sprach er, »ich sterbe ohne Kummer; ich habe Alles auf Erden besessen; ich habe Alles gekannt; ich habe Alles vermocht, was dem menschlichen Geschöpf zu vermögen gegeben ist; ich war nahe daran, die Unsterblichkeit zu erreichen.«

Balsamo ließ ein düsteres Gelächter hören, dessen unheimliches Geräusch die Aufmerksamkeit des Greises rege machte.

Da schleuderte ihm Althotas durch die Flammen, die gleichsam einen Schleier für ihn bildeten, einen Blick voll wilder Majestät zu.

»Ja. Du hast Recht,« sagte er, »ich hatte Eines nicht vorhergesehen, ich hatte Gott nicht vorhergesehen.«

Und als ob dieses mächtige Wort seine ganze Seele entwurzelt hätte, sank Althotas in seinen Lehnstuhl zurück; er hatte Gott diesen letzten Athemzug gegeben, den er ihm zu entziehen gehofft.

Balsamo stieß einen Seufzer aus und stieg, ohne daß er dem kostbaren Scheiterhaufen, auf den sich dieser andere Zoroaster zum Sterben gelegt, irgend Etwas zu entziehen versuchte, wieder zu Lorenza hinab, ließ die Feder der Fallthüre los, die sich rasch an den Plafond anpaßte, und verbarg so vor seinen Augen den ungeheuren glutherfüllten Ofen, der über ihm toste und kochte, wie der Krater eines Vulkans.

Die ganze Nacht hindurch zischte und brauste die Flamme über dem Haupte von Balsamo wie ein Orkan, ohne daß Balsamo, unempfindlich gegen jede Gefahr bei dem unempfindlichen Leibe von Lorenza, irgend etwas that, um das Feuer auszulöschen, oder um ihm zu entfliehen; doch nachdem sie Alles verzehrt, nachdem sie das Backsteingewölbe, dessen kostbare Zierrathen sie vernichtete, ganz nackt und kahl gelegt hatte, erlosch die Flamme, und Balsamo hörte ihr letztes Brüllen, das, dem von Althotas ähnlich, sich in Klagen verwandelte und in Seufzern hinstarb.

CXXXV.
Worin man wieder auf die Erde herabsteigt

Der Herr Herzog von Richelieu war im Schlafzimmer seines Hotels in Versailles, wo er seine Vanillechocolade in Gesellschaft von Herrn Rafté trank, der ihm eben Rechenschaft ablegte.

Sehr mit seinem Gesicht beschäftigt, das er aus der Ferne in einem Spiegel betrachtete, schenkte der Herzog den mehr oder minder genauen Rechnungen seines Secretaire nur eine geringe Aufmerksamkeit.

Plötzlich verkündigte ein gewisses Geräusch von Schuhen, welche im Vorzimmer krachten, einen Besuch, und der Herzog verschlang rasch vollends seine Chocolade, während er unruhig nach der Thüre schaute.

Es gab Stunden, wo Herr von Richelieu wie jene alten Coquetten nicht gern Jedermann empfing.

Der Kammerdiener meldete Herrn von Taverney.

Der Herzog war ohne Zweifel im Begriff, irgend eine Ausflucht zur Antwort zu geben, wodurch auf einen andern Tag, oder wenigstens auf eine andere Stunde der Besuch seines Freundes verschoben worden wäre, doch so-bald die Thüre offen war, stürzte der ungestüme Greis ins Zimmer, reichte im Vorbeigehen dem Marschall eine Fingerspitze und begrub sich hastig in eine ungeheure Bergère, welche mehr unter dem Stoß, als unter seinem Gewicht ächzte.

Richelieu sah seinen Freund wie einen von jenen phantastischen Menschen vorüberschießen, an deren Dasein uns Hoffmann seitdem glauben gemacht hat. Er hörte das Krachen der Bergère, er hörte einen ungeheuren Seufzer, wandte sich gegen seinen Gast um und fragte:

»Ei! Baron, was gibt es denn Neues, Du scheinst mir traurig wie der Tod.«

»Traurig,« versetzte Taverney, »traurig?«

»Bei Gott! mir scheint, es war doch kein Freudenseufzer, was Du da von Dir gegeben hast.«

Der Baron schaute den Marschall mit einer Miene an, welche besagen wollte, so lange Rafté da wäre, könnte er keine Erklärung über diesen Seufzer geben.

Rafté begriff, ohne daß er sich umzuwenden die Mühe hatte, denn wie sein Herr schaute auch er zuweilen in den Spiegel, und da er begriff, so entfernte er sich bescheiden.

Der Baron folgte ihm mit den Augen und sprach, sobald die Thüre hinter ihm geschlossen war:

»Sage nicht traurig, Herzog, sage unruhig, grausam unruhig.«

»Bah!«

»In der That,« rief Taverney die Hände faltend, »ich rathe Dir den Erstaunten zu spielen. Seit einem Monat speisest Du mich mit unbestimmten Worten ab, als da sind: Ich habe den König nicht gesehen; oder auch: Der König hat mich nicht gesehen; oder wohl: Der König schmollt mit mir. Alle Teufel! Herzog, so antwortet man einem alten Freunde nicht. Ein Monat, begreifst Du, das ist eine Ewigkeit!«

Die Achseln zuckend, erwiederte Richelieu:

»Nun, was soll ich Dir denn antworten, Baron?«

»Ei! die Wahrheit.«

»Gottes Donner! ich habe Dir die Wahrheit gesagt, ich schreie Dir die Wahrheit in die Ohren, doch Du willst sie durchaus nicht glauben.«

»Wie, Du, ein Herzog und Pair, ein Marschall von Frankreich, ein Kammerherr, willst mich glauben machen, Du sehest den König nicht, Du, der Du alle Morgen zum Lever gehst  . . . Stille doch!«

»Ich habe es Dir gesagt und wiederhole Dir, es ist nicht glaublich, aber es ist dennoch so; seit drei Wochen gehe ich jeden Tag zum Lever, ich, der Herzog und Pair, ich, der Marschall von Frankreich, ich, der Kammerherr!  . . .«

»Und der König spricht nicht mit Dir,« unterbrach ihn Taverney, »und Du sprichst nicht mit dem König, und ich soll mir einen solchen Bären aufbinden lassen!«

»Ei! Baron, mein Lieber, Du wirst unverschämt, zärtlicher Freund; Du strafst mich in der That Lügen, als ob wir vierzig Jahre weniger zählten und noch einen leichten Degen führen würden.«

»Oh! darüber könnte man rasend werden, Herzog.«

»Ah! das ist etwas Anderes, werde rasend, mein Lieber, werde rasend, ich bin schon rasend.«

»Du bist rasend?«

»Es ist wohl Grund dazu vorhanden. Wenn ich Dir sage, daß mich der König seit jenem Tag nicht mehr angeschaut hat, wenn ich Dir sage, daß mir Seine Majestät beständig den Rücken zuwendet; wenn ich Dir sage, daß mir der König, so oft ich ihm angenehm zulächeln zu müßen glaubte, mit einer abscheulichen Grimasse geantwortet hat, daß ich endlich müde bin, mich in Versailles schimpflich behandeln zu lassen! Sprich, was soll ich dann thun?«

Taverney zerbiß sich grausam die Nägel während dieser Antwort des Herzogs.

»Das begreife ich durchaus nicht,« sprach er endlich.

»Ich auch nicht, Baron.«

»Ist es in der That glaublich, daß der König mit Deiner Angst seinen Spaß treibt? denn im Ganzen  . . .«

»Ja, das sage ich mir auch, Baron. Denn im Ganzen  . . .«

»Höre, Herzog, wir müßen aus dieser Verlegenheit herauskommen, wir müßen nothwendig einen geschickten Schritt thun, durch den sich Alles aufklärt.«

»Baron, Baron,« erwiederte Richelieu, »es ist gefährlich, die Erklärungen von Königen herauszufordern.«

»Denkst Du?«

»Ja, Soll ich es Dir sagen?«

»Sprich.«

»Ich mißtraue Einem.«

»Und was denn?« fragte hochmüihig der Baron.

»Ah! Du ärgerst Dich.«

»Ich habe wohl Grund dazu, wie mir scheint.«

»So sprechen wir nicht mehr davon.«

»Im Gegentheil sprechen wir davon; doch erkläre Dich.«

»Du hast den Teufel im Leibe mit Deinen Erklärungen: wahrlich, das ist eine Monomanie. Nimm Dich in Acht.«

»Ich finde Dich in der That herrlich, Herzog; Du siehst, daß alle unsere Pläne stille stehen, daß eine unerklärliche Stockung im Gange meiner Angelegenheiten eingetreten ist, und Du rächst mir, zu warten.«

»Laß hören, welche Stockung?«

»Hier vor Allem.«

»Ein Brief.«

»Ja, von meinem Sohn.«

»Ah! vom Obersten.«

»Ein schöner Oberster!«

»Gut! was weiter!«

»Seit einem Monat wartet Philipp in Rheims auf die Ernennung, die ihm der König versprochen hat; diese Ernennung kommt nicht, und das Regiment wird in zwei Tagen aufbrechen.«

»Teufel! das Regiment bricht auf!«

»Ja, nach Straßburg.«

»So daß Philipp, wenn er in zwei Tagen das Patent nicht erhalten hat  . . .«

»Nun?«

»In zwei Tagen hier sein wird.«

»Ja, ich begreife, man hat den armen Jungen vergessen; das geht gewöhnlich so bei den Bureaux, welche eingerichtet sind, wie die des neuen Ministeriums. Ah! wäre ich Minister geworden, so müßte das Patent abgegangen sein.«

»Hm!« versetzte Taverney.

»Was sagst Du?«

»Ich sage, ich glaube nicht ein Wort davon.«

»Warum?«

»Wenn Du Minister geworden wärest, hättest Du Philipp zu fünfhundert Teufeln geschickt.«

»Ho!«

»Und seinen Vater auch.«

»Ho! ho!«

»Und seine Schwester noch viel weiter.«

»Es ist ein Vergnügen, mit Dir zu plaudern, Taverney, Du bist voll Witz; doch gehen wir hierüber weg.«

»Das ist mir ganz lieb; aber mein Sohn kann nicht darüber weggehen; seine Stellung ist nicht haltbar. Herzog, Du mußt durchaus den König sehen.«

»Ich thue nichts Anderes, sage ich Dir.«

»Und ihn sprechen.«

»Ei! mein Lieber, die Menschen können nicht mit dem König sprechen, wenn er nicht mit ihnen spricht.«

»Ihn nöthigen.«

»Ah! ich bin nicht der Papst.«

»Dann muß ich mich entschließen, mit meiner Tochter zu sprechen; denn dies Alles ist verdächtig, Herr Herzog.«

Dieses Wort wirkte magisch.

Richelieu hatte Taverney erforscht, er wußte, daß er schlau und verschlagen war, wie Herr Lafare oder Herr Nocé, seine Jugendfreunde, deren schöner Ruf sich unversehrt erhalten hatte. Er fürchtete das Bündniß des Vaters und der Tochter; er fürchtete etwas Unbekanntes, was ihm Ungnade zuziehen würde.

»Aergere Dich nicht,« sagte er; »ich werde noch einen Schritt versuchen. Doch ich brauche einen Vorwand.«

»Diesen Vorwand hast Du.«

»Ich?«

»Allerdings.«

»Welchen?«

»Der König hat ein Versprechen geleistet.«

»Wem?«

»Meinem Sohne. Und dieses Versprechen  . . .«

»Nun?«

»Man kann ihn daran erinnern.«

»In der That, das ist eine Hinterthüre.«

»Hast Du den Brief?«

»Ja.«

»Gib ihn mir.«

Taverney zog ihn aus seiner Westentasche und reichte ihn dem Herzog, dem er zugleich Kühnheit und Vorsicht empfahl.

»Feuer und Wasser,« sprach Richelieu; »man sieht wohl, daß wir ausschweifen. Gleichviel, der Wein ist abgezogen, man muß ihn trinken.«

Er läutete.

»Man kleide mich an und spanne an,« sprach der Herzog mit unruhiger Miene:

»Willst Du meiner Toilette beiwohnen, Baron?«

Taverney begriff, es würde seinem Freunde sehr unangenehm sein, wenn er ja sagte, und erwiederte daher:

»Nein, mein Lieber, es ist mir unmöglich, ich habe einen Gang in der Stadt zu machen; nenne mir irgend einen Ort, wo wir zusammenkommen wollen.«

»Im Schloß.«

»Gut, im Schloß.«

»Es ist von Belang, daß Du Seine Majestät auch siehst.«

»Glaubst Du?« sagte Taverney entzückt.

»Ich verlange es; Du sollst Dich selbst überzeugen, wie pünktlich ich mein Wort halte.«

»Ich zweifle nicht daran; doch da Du es nun einmal so haben willst  . . .«

»So ist das Dir eben so lieb?«

»Offenherzig gesprochen. ja.«

»Wohl also! in der Spiegelgallerie um eilf Uhr, während ich beim König eintrete.«

»Gott befohlen.«

»Ohne Groll, mein lieber Baron,« sagte Richelieu, dem äußerst viel daran lag, sich nicht einen Feind zu machen, dessen Stärke man nicht kannte.

Taverney stieg wieder in seinen Wagen und fuhr weg, um sodann allein und nachdenkend einen langen Spaziergang im Garten zu machen, während Richelieu, der Sorge seiner Kammerdiener überlassen, sich nach Bequemlichkeit verjüngte, eine wichtige Beschäftigung, welche dem erhabenen Sieger von Mahon nicht weniger als zwei Stunden wegnahm.

Das war indessen immer noch weniger Zeit, als ihm Taverney in seinem Geiste bewilligt hatte, und der Baron, der auf der Lauer stand, sah auf den Schlag eilf Uhr den Marschall vor der Freitreppe des Pallastes halten, wo die Officiere vom Dienst Richelieu begrüßten, während ihn die Huissiers einführten.

Das Herz von Taverney schlug gewaltig; er verließ seinen Spaziergang und begab sich langsam, langsamer, als sein glühender Geist es gestatten wollte, in die Spiegelgallerie, wo viele wenig begünstigte Höflinge, Officiere mit Bittschriften, und kleine ehrgeizige Edelleute wie Bildsäulen auf dem schlüpfrigen Boden standen, der ein ganz geeignetes Piedestal für diese Classe in Fortuna verliebter Menschen bildete.

Taverney verlor sich seufzend in der Menge, war dabei jedoch so vorsichtig, einen Winkel zu wählen, wo er im Bereiche des Marschalls wäre, wenn dieser von Seiner Majestät heraus käme.

»Oh!« murmelte er zwischen den Zähnen, »daß ich verurtheilt bin, mit den Strohjunkern und mit diesen schmutzigen Federhüten zusammen zu sein; ich, der ich noch vor einem Monat unter vier Augen mit Seiner Majestät zu Nacht speiste.«

Und aus seiner zusammengezogenen Stirne ging mehr als ein schändlicher Verdacht hervor, der die arme Andrée erröthen gemacht hätte.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
1798 s. 15 illüstrasyon
Telif hakkı:
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