Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 94
CXLIX.
Der kleine Garten des Doctor Louis
Der Doctor Louis, vor dessen Thüre wir Philipp gelassen haben, ging in einem kleinen, zwischen vier Mauern liegenden Garten spazieren, der früher zu einem Ursulinerinnen-Kloster gehörte, das man in ein Futtermagazin für die Herren Dragoner des Königs verwandelt hatte.
Der Doctor Louis las die Probebogen eines neuen Werkes, das er eben drucken ließ, und bückte sich von Zeit zu Zeit, um von dem Weg, auf dem er ging, oder von den Rabatten, die zu seiner Rechten und zu seiner Linken hinliefen, das Unkraut auszureißen, das seinen Instinct der Symmetrie und Ordnung verletzte.
Eine einzige Dienerin, eine etwas mürrische Person, wie alle Dienstboten eines Mannes der Arbeit, der nicht gestört sein will, besorgte die ganze Haushaltung des Doctors.
Bei dem Geräusch, das der unter der Hand von Philipp schallende eherne Klopfer machte, näherte sie sich der Thüre und öffnete sie ein wenig.
Doch statt mit der Dienerin zu unterhandeln, stieß der junge Mann die Thüre auf und trat ein. Sobald er auf diese Art Herr des Ganges war, erblickte er den Garten und im Garten den Doctor.
Ohne auf die Fragen und das Geschrei der wachsamen Hüterin des Hauses Rücksicht zu nehmen, eilte er dann in den Garten.
Als der Doctor seine Tritte hörte, schaute er auf.
»Ah! ah! Sie sind es,« sagte er.
»Verzeihen Sie, Doctor, daß ich so gewaltsam bei Ihnen eingedrungen bin und Sie in Ihrer Einsamkeit störe; doch der Augenblick, den Sie vorhergesehen, ist erschienen; ich bedarf Ihrer und komme, um mir Ihren Beistand zu erbitten.«
»Ich habe Ihnen meinen Beistand versprochen und wiederhole mein Versprechen,« erwiederte der Doctor.
Philipp verbeugte sich, zu bewegt, um die Unterredung zu beginnen.
Der Doctor begriff sein Zögern.
»Wie befindet sich die Kranke?« fragte er unruhig, denn er befürchtete, es dürfte irgend eine Katastrophe aus diesem Drama entsprungen sein.
»Sehr gut, Gott sei Dank, Doctor, und meine Schwester ist ein so würdiges und so ehrliches Mädchen, daß es in der That ein Unrecht von Gott wäre, wenn er ihr Leiden und Gefahr schicken würde.«
Der Doctor schaute Philipp fragend an; seine Worte kamen ihm wie eine Reihenfolge von Verleugnungen des vorhergehenden Tages vor.
»Sie ist also das Opfer eines Ueberfalls oder einer List gewesen?«
»Ja, Doctor, das Opfer eines unerhörten Ueberfalls, das Opfer einer schändlichen List.«
Der Arzt faltete die Hände, schlug die Augen zum Himmel auf und sprach:
»Ach! wir leben in dieser Hinsicht in einer furchtbaren Zeit, und ich glaube, es ist dringend, daß nun die Aerzte der Nationen kommen, wie seit langer Zeit die der einzelnen Menschen gekommen sind.«
»Ja,« sagte Philipp, »ja, sie mögen kommen, Niemand wird ihre Ankunft mit freudigerem Gesicht begrüßen, als ich; doch mittlerweile . . .«
Philipp unterbrach sich und machte eine Geberde der Drohung.
»Ah! mein Herr,« sprach der Doctor, »Sie gehören, wie ich sehe, zu denjenigen, welche die Genugthuung für das Verbrechen in der Gewaltthat und im Mord suchen.«
Ja, Doctor, ja,« antwortete Philipp ruhig, »ja, ich gehöre zu diesen.«
»Ein Zweikampf,« seufzte der Doctor, »ein Zweikampf, der die Ehre Ihrer Schwester nicht wiederherstellt, falls Sie den Schuldigen tödten, und der sie in Verzweiflung stürzt, wenn Sie getödtet werden. Ah! ich glaubte, Sie besäßen einen vernünftigen Geist, ein verständiges Herz; es kam mir vor, als hätten Sie den Wunsch ausgedrückt, es möchte diese ganze Sache geheim gehalten werden.«
Philipp legte seine Hand auf den Arm des Doctors und erwiederte:
»Mein Herr, Sie irren sich seltsam über mich; ich habe ein ziemlich festes Urtheil, das aus einer tiefen Ueberzeugung und aus einem makellosen Gewissen hervorgeht; ich will nicht mir Gerechtigkeit verschaffen, sondern Gerechtigkeit üben; ich will nicht dadurch, daß ich mich der Gefahr, getödtet zu werden, preisgebe, meine Schwester der Verlassenheit und dem Tod aussetzen, sondern sie rächen, indem ich den Elenden tödte.«
»Sie, ein Edelmann, werden ihn tödten, Sie werden einen Mord begehen!«
»Mein Herr, hätte ich ihn zehn Minuten vor dem Verbrechen wie einen Dieb in das Zimmer schleichen sehen, in das er vermöge seiner erbärmlichen Lebensverhältnisse nicht einmal einen Fuß zu setzen berechtigt war, und ich würde ihn dann getödtet haben, so hätte Jeder gesagt, ich habe wohl daran gethan, warum sollte ich ihn nun schonen? hat ihn das Verbrechen vielleicht geheiligt?«
»Dieses blutige Vorhaben ist also in Ihrem Geiste beschloßen, in Ihrem Herzen festgestellt?«
»Beschloßen, festgestellt! Sicherlich finde ich ihn eines Tags, obwohl er sich verbirgt, und ich sage Ihnen, mein Herr, an diesem Tag tödte ich ihn ohne Mitleid, ohne mir ein Gewissen daraus zu machen, wie einen Hund.«
»Dann begehen Sie ein Verbrechen, das dem, welches begangen worden, gleichkommt, ja vielleicht noch Verabscheuenswerther ist, denn weiß man je, wohin ein unkluges Wort oder eine einem Weibe entschlüpfte gefallsüchtige Geberde das Verlangen und die Neigung des Menschen führen können? ermorden! während Sie andere mögliche Genugthuungen haben, während eine Heirath . . .«
Philipp erhob das Haupt und entgegnete:
»Wissen Sie nicht, daß die Taverney-Maison-Rouge aus den Kreuzzügen herstammen? daß meine Schwester adelig ist wie eine Infantin oder eine Erzherzogin?«
»Ja, ich begreife, und der Schuldige ist es nicht; es ist ein Bauernkerl, ein gemeiner Bursche, wie Ihr Leute von Geschlecht sagt. Ja, ja,« fuhr er mit bitterem Lächeln fort, »ja, Gott hat Menschen von einem gewissen geringeren Thon gemacht, um von anderen Menschen von zarterem Thon getödtet zu werden. Oh! ja, mein Herr, Sie haben Recht, tödten Sie, tödten Sie!«
Und der Doctor wandte Philipp den Rücken zu, und riß wieder da und dort Unkraut in seinem Garten aus.
Philipp kreuzte die Arme und sprach:
»Doctor, es handelt sich hier nicht um einen Verführer, den eine Gefallsüchtige mehr oder minder ermuthigt hat: es handelt sich nicht um einen herausgeforderten Menschen, wie Sie meinten, sondern um einen elenden, bei uns aufgezogenen Burschen, der, nachdem er zwanzig Jahre das Brod der Barmherzigkeit gegessen, bei Nacht einen scheinbaren Schlaf, eine Ohnmacht, so zu sagen einen Tod mißbrauchend, auf eine feige, verrätherische Weise die reinste, die heiligste der Frauen, der er bei Tag nicht ins Gesicht zu schauen wagte, befleckt hat; vor einem Gericht wäre dieser Schuldige sicherlich zum Tod verurtheilt worden; nun! ich werde ihn richten, so unparteiisch als ein Tribunal, und ich werde ihn tödten; Doctor, werden Sie, den ich für so edelmüthig und so groß hielt, werden Sie mich diesen Dienst erkaufen lassen, oder mir eine Bedingung auferlegen? Werden Sie, indem Sie mir ihn leisten, es machen wie diejenigen, welche, wenn sie einen Andern verbinden, sich selbst zu verbinden und zu befriedigen suchen? Wenn dem so ist, so sind Sie nicht der Weise, den ich bewundert habe, Sie sind nur ein gewöhnlicher Mensch, und trotz der Verachtung, die Sie mir so eben bezeigten, stehe ich höher als Sie, ich der ich Ihnen ohne einen Hintergedanken mein ganzes Geheimniß anvertraut habe.«
»Sie sagen,« erwiederte der Doctor nachdenkend, »Sie sagen, der Schuldige sei entflohen?«
»Ja, Doctor, ohne Zweifel hat er errathen, die Aufklärung würde stattfinden; er hat erlauscht, daß man ihn anklagte, und sogleich hat er die Flucht ergriffen.«
»Gut. Was wünschen Sie nun, mein Herr?« fragte der Doctor.
»Ihren Beistand, um meine Schwester von Versailles zu entfernen, um in einem noch dichteren, noch stummeren Schatten das furchtbare Geheimniß zu begraben, das uns entehrt, wenn es an den Tag kommt.«
»Ich werde Ihnen nur eine einzige Frage stellen.«
Philipp empörte sich.
»Hören Sie mich an,« fuhr der Doctor mit einer Geberde fort, welche Ruhe heischte, »hören Sie mich an. Ein christlicher Philosoph, aus dem Sie einen Beichtvater gemacht haben, ist genöthigt, Ihnen die Bedingung, nicht für den geleisteten Dienst, sondern Kraft des Rechts des Gewissens aufzuerlegen. Die Menschenfreundlichkeit ist eine Function, mein Herr, und keine Tugend. Sie sprechen davon, daß Sie einen Menschen tödten wollen; ich muß Sie daran verhindern, wie ich durch jedes mir zu Gebot stehende Mittel, selbst durch Gewalt, die Vollbringung des an Ihrer Schwester begangenen Verbrechens verhindert hätte. Ich beschwöre Sie also, mein Herr, mir einen Eid zu leisten.«
»Oh! nie! nie!«
»Sie werden es thun,« rief der Doctor mit großer Heftigkeit, »Sie werden es thun, Blutmensch; erkennen Sie überall die Hand Gottes und verfälschen Sie nie das Gewicht derselben. Der Schuldige, sagen Sie, war unter Ihrer Hand?«
»Ja, Doctor, die Thüre öffnend, wenn ich seine Anwesenheit hätte errathen können, wäre ich ihm gegenübergestanden.«
»Nun wohl! er ist geflohen, er zittert, seine Strafe beginnt. Ah! Sie lächeln, was Gott thut, kommt Ihnen schwach vor! die Gewissensfolter erscheint Ihnen unzulänglich! warten Sie, warten Sie doch! Sie werden bei Ihrer Schwester bleiben, und Sie versprechen mir, den Schuldigen nie zu verfolgen. Wenn Sie ihn treffen, das heißt, wenn Gott Ihnen denselben preisgibt . . . nun, ich bin auch ein Mensch, und Sie werden dann sehen!«
»Hohn! wird er mir nicht beständig folgen?«
»Ei! mein Gott, wer weiß! der Mörder flieht, der Mörder sucht einen Schlupfwinkel, der Mörder fürchtet das Schaffot, und dennoch zieht, als ob es magnetisirt wäre, das Eisen der Gerechtigkeit den Schuldigen an, der sich unselig unter die Hand des Henkers beugt. Handelt es sich gegenwärtig darum, zu vernichten, was Sie auf eine so mühselige Weise zu thun unternommen haben? Für die Welt, in der Sie leben, und der Sie die Unschuld Ihrer Schwester nicht erklären können, für alle die neugierigen Müßiggänger werden Sie den Menschen tödten, und Sie werden ihre Neugierde doppelt füttern, einmal durch das Geständniß des Attentats, und dann durch das Aergerniß der Strafe. Nein, nein, glauben Sie mir, schweigen Sie und begraben Sie dieses Unglück.«
»Oh! wer kann wissen, wenn ich diesen Elenden getödtet habe, ob ich ihn meiner Schwester wegen getödtet?«
»Sie werden doch wohl eine Ursache für diesen Mord suchen müßen.«
»Gut, es sei, Doctor, ich werde gehorchen, ich werde den Schuldigen nicht verfolgen, doch Gott wird gerecht sein; oh ja, Gott wendet die Straflosigkeit wie einen Köder an, Gott wird mir den Verbrecher zusenden.«
»Dann wird ihn Gott verurtheilt haben. Geben Sie mir Ihre Hand, mein Herr.«
»Hier ist sie.«
»Was soll ich für Fräulein von Taverney thun? Sprechen Sie.«
»Doctor, Sie müßten für sie bei der Frau Dauphine einen Vorwand finden, mittelst dessen sie sich auf einige Zeit entfernen könnte: Heimweh, Luft, eine andere Lebensweise . . .«
»Das ist leicht.«
»Ja, das ist Ihre Sache, und ich verlasse mich auf Sie. Dann führe ich meine Schwester von hier weg, nach irgend einem Winkel Frankreichs, nach Taverney zum Beispiel, fern von Aller Augen, fern von allem Verdacht.«
»Nein, nein, mein Herr, das wäre unmöglich; die Arme bedarf der fortwährenden Pflege, der beständigen Tröstung; sie wird allen Beistand der Wissenschaft nöthig haben. Lassen Sie mich also für sie in der Nähe von hier, in einem mir bekannten Kanton, einen Winkel finden, der hundertmal verborgener, hundertmal sicherer ist, als es die wilde Gegend wäre, wohin Sie sie führen würden.«
»Oh! Doctor, Sie glauben?«
»Ja, ich glaube, und zwar mit Recht; der Argwohn strebt immer darnach, sich von den Mittelpunkten zu entfernen , wie es jene sich vergrößernde Kreise thun, welche durch das Fallen eines Steines ins Wasser veranlaßt werden; der Stein entfernt sich aber nicht, und wenn die Wellungen verschwunden sind, findet kein Blick die in der Tiefe des Wassers begrabene Ursache.«
»Dann schreiten Sie ans Werk, Doctor.«
»Noch heute, mein Herr.«
»Benachrichtigen Sie die Frau Dauphine.«
»Noch diesen Morgen.«
»Und was das Uebrige betrifft? . . .«
»In vierundzwanzig Stunden sollen Sie meine Antwort haben.«
»Oh! Dank, Dank, Doctor, Sie sind ein Gott für mich.«
»Nun, junger Mann, nun, da Alles unter uns verabredet ist, erfüllen Sie Ihre Sendung, kehren Sie zu Ihrer Schwester zurück, trösten, beschützen Sie sie.«
»Gott befohlen, Doctor!«
Der Doctor folgte Philipp mit den Augen, bis der junge Mann verschwunden war, setzte seinen Spaziergang wieder fort, las in den Probebogen und reinigte sein Gärtchen.
CL.
Der Vater und der Sohn
Als Philipp zu seiner Schwester zurückkam, fand er sie sehr bewegt, sehr unruhig.
»Freund,« sagte sie, »ich dachte in Deiner Abwesenheit an Alles, was mir seit einiger Zeit begegnet ist; das ist ein Abgrund, der den ganzen Rest meiner Vernunft verschlingen wird. Sprich, Du hast den Doctor Louis gesehen?«
»Ich komme so eben von ihm, Andrée.«
»Dieser Mensch hat eine furchtbare Klage gegen mich erhoben: ist sie gerecht?«
»Er hat sich nicht getäuscht, meine Schwester.«
Andrée erbleichte, und ein Nervenanfall zog ihre so zarten, so weißen Finger krampfhaft zusammen.
»Der Name,« sagte sie, »der Name des Elenden, der mich zu Grunde gerichtet hat?«
»Meine Schwester, Du sollst ihn nun und nimmermehr erfahren.«
»Oh! Philipp, Du sprichst nicht die Wahrheit, Philipp, Du belügst Dein eigenes Gewissen. Ich muß diesen Namen erfahren, damit ich, so schwach ich auch bin, und obschon ich nur das Gebet für mich habe, betend gegen den Ruchlosen den ganzen Zorn Gottes waffnen kann . . . Der Name dieses Menschen, Philipp!«
»Meine Schwester, sprechen wir nie mehr hievon.«
Andrée ergriff seine Hand, schaute ihm ins Gesicht und sprach:
»Oh! das sagst Du mir, Du, der Du ein Schwert an Deiner Seite hast!«
Philipp erbleichte bei dieser Bewegung der Wuth und entgegnete, seinen eigenen Grimm zurückdrängend:
»Andrée, ich kann Dir nicht mittheilen, was ich selbst nicht weiß. Das Geheimniß ist mir durch das Schicksal geboten, das uns niederbeugt; dieses Geheimniß, dessen auch nur theilweise Offenbarung die Ehre unserer Familie gefährden würde, macht eine letzte Gunst des Himmels für Alle unverletzlich.«
»Einen Mann ausgenommen, Philipp . . . einen Mann, der spottet, einen Mann, der uns trotzt! . . . oh! mein Gott! einen Mann, der uns vielleicht in seinem finsteren Schlupfwinkel höllisch verhöhnt.«
Philipp ballte die Fäuste, schaute den Himmel an und antwortete nicht.
»Dieser Mann,« rief Andrée mit doppelter Entrüstung, »ich kenne ihn vielleicht . . . Erlaube mir, Philipp, ihn Dir zu nennen; ich habe Dir schon seinen seltsamen Einfluß auf mich bezeichnet; ich glaubte Dich zu ihm geschickt zu haben . . .«
»Dieser Mann ist unschuldig, ich habe es gesehen, ich habe den Beweis davon . . . suche also nicht mehr, Andrée, suche nicht mehr . . .«
»Philipp, steigen wir mit einander über den Stand dieses Manns hinauf, willst Du? Gehen wir bis zu den ersten Rangstufen der Mächtigen dieses Reiches . . . gehen wir bis zum König!«
Philipp umschloß mit seinen Armen das in seiner Unwissenheit und in seiner Entrüstung so erhabene Kind.
»Stille,« sagte er, »alle diejenigen, welche Du wach nennst, hast Du entschlummert genannt; alle diejenigen, welche Du mit dem Ungestüm der Tugend anklagst, hast Du gerechtfertigt, als Du das Verbrechen beinahe begehen sahst.«
»Ich habe den Schuldigen genannt?« rief sie mit flammenden Augen.
»Nein,« erwiederte Philipp, »nein. Frage mich nicht mehr; ahme mich nach, unterwirf Dich dem Verhängniß, das Unglück ist unwiederbringlich; es verdoppelt sich für Dich durch die Straflosigkeit des Verbrechers. Doch hoffe . . . hoffe . . . Gott steht über Allen, Gott behält den unglücklichen Unterdrückten eine traurige Freude vor, die man die Rache nennt.«
»Die Rache! . . .« murmelte sie, selbst erschrocken über den furchtbaren Nachdruck, den Philipp auf dieses Wort gelegt hatte.
»Mittlerweile ruhe aus, meine Schwester, von all dem Kummer, von all der Schmach, die Dir meine tolle Neugierde verursacht hat. Wenn ich gewußt hätte! oh! wenn ich gewußt hätte!«
Und er verbarg seinen Kopf mit einer gräßlichen Verzweiflung in seinen Händen. Dann sich plötzlich erhebend, sprach er mit einem Lächeln:
»Worüber sollte ich mich beklagen? meine Schwester ist rein, sie liebt mich! nie hat sie das Vertrauen oder die Freundschaft verrathen. Meine Schwester ist jung wie ich, gut wie ich, wir werden mit einander leben, mit einander alt werden . . . Zu zwei werden wir stärker sein, als die ganze Welt!«
Während er so von Trost sprach, verdüsterte sich Andrée immer mehr; sie neigte ihre bleiche Stirne gegen die Erde und nahm die Haltung und den starren Blick der dumpfen Verzweiflung an, welche Philipp so muthig abgeschüttelt hatte.
»Du sprichst immer nur von uns Zweien,« sagte sie, ihr so durchdringendes blaues Auge auf das bewegliche Antlitz ihres Bruders heftend.
»Von wem soll ich denn sonst sprechen, Andrée?« entgegnete der junge Mann, den Blick fühlend.
»Wir haben einen Vater: wie wird er seine Tochter behandeln?«
»Ich habe Dir schon gesagt,« erwiederte Philipp mit kaltem Ton, »Du sollst jeden Kummer, jede Furcht vergessen, wie der Wind einen Morgendunst verjagt, jedes Andenken und jede Zuneigung verjagen, wären es nicht mein Andenken und meine Zuneigung . . . In der That, meine liebe Andrée, Du wirst von Niemand in dieser Welt geliebt, wenn nicht von mir; ich werde von Niemand geliebt, als von Dir. Warum sollten wir arme, verlassene Waisen uns einem Joch der Verwandtschaft oder der Dankbarkeit unterziehen? Haben wir Wohlthaten empfangen, haben wir den Schutz eines Vaters gefühlt? . . . Oh!« fügte er mit bitterem Lächeln bei, »Du kennst aus dem Grund meinen Gedanken, Du kennst den Zustand meines Herzens . . . Müßtest Du denjenigen, von welchem Du sprichst, lieben, so würde ich sagen: Liebe ihn! Ich schweige, Andrée; enthalte Dich.«
»Mein Bruder, ich muß also glauben . . .«
»Meine Schwester, bei großen Unglücksfällen hört der Mensch unwillkührlich die Worte ertönen, die er in seiner Kindheit wenig verstanden hat: »Fürchte Gott! . . .« Oh! ja, Gott hat sich grausam in unsere Erinnerung zurückgerufen: Ehre Deinen Vater . . . Oh! meine Schwester, der stärkste Beweis von Ehrerbietung, den Du dem Deinigen geben kannst, ist, daß Du ihn aus Deinem Gedächtnis tilgst.«
»Es war richtig,« flüsterte Andrée mit düsterer Miene, während sie auf ihren Stuhl zurücksank.
»Meine Freundin, verlieren wir die Zeit nicht mit unnützen Worten: packe Alles zusammen, was Dir gehört; der Doctor Louis wird sich zur Frau Dauphine begeben und sie von Deiner Abreise in Kenntniß setzen; die Gründe, die er anzuführen hat, weißt Du . . . es ist das Bedürfnis! einer Luftveränderung . . . ein unerklärliches Leiden . . . Triff alle Vorkehrungen zur Abreise.«
Andrée stand auf.
»Die Meubles?« fragte sie.
»Oh nein, nein! Wäsche, Kleider, Juwelen.«
Andrée gehorchte.
Sie nahm zuerst die Wäsche aus den Schränken, die Kleider aus der Garderobe, wo sich Gilbert verborgen hatte; dann holte sie einige Schmuckkästchen, die sie in den Hauptkoffer legen wollte.
»Was ist das?« fragte Philipp.
»Es ist das Kästchen mit dem Schmuck, den Seine Majestät mir bei meiner Vorstellung in Trianon zu schicken die Gnade gehabt hat.«
Philipp erbleichte, als er den Reichthum des Geschenkes sah.
»Mit diesen Juwelen allein werden wir überall anständig leben,« sprach Andrée . . . »Ich habe sagen hören, schon die Perlen seien hunderttausend Livres werth.«
Philipp verschloß das Kästchen.
»Sie sind in der That zu kostbar,« sagte er.
Doch das Kästchen wieder aus den Händen von Andrée nehmend, fügte er bei:
»Meine Schwester, ich glaube, Du hast noch andere Edelsteine.«
»Oh! lieber Freund, sie sind nicht würdig, mit diesen verglichen zu werden; doch sie schmückten vor fünfzehn Jahren die Toilette unserer guten Mutter . . . Die Uhr, die Armspangen, die Ohrgehänge sind mit Brillanten besetzt. Es ist auch das Portrait dabei. Mein Vater wollte das Ganze verkaufen, weil, wie er sagte, nichts mehr in der Mode wäre.«
»Und dennoch ist dies Alles, was uns bleibt,« sprach Philipp, »es ist unsere einzige Hülfsquelle. Meine Schwester, wir lassen die Gegenstände von Gold einschmelzen, wir verkaufen die Edelsteine des Portraits; wir werden für dies Alles zwanzigtausend Livres bekommen, was eine für Unglückliche hinreichende Summe ist.«
»Aber dieser Perlenschmuck gehört mir!« entgegnete Andrée.
»Berühre diese Perlen nie, Andrée, sie würden Dich brennen. Jede von ihnen ist von einer seltsamen Natur, meine Schwester, sie machen Flecken auf den Stirnen, die sie berühren . . .«
Andrée schauerte.
»Ich behalte dieses Kästchen, um es demjenigen zurückzugeben, welcher ein Recht darauf hat. Ich sage Dir, das ist nicht unser Gut; nein, und wir haben nicht Lust, Anspruch darauf zu machen, nicht wahr?«
»Wie es Dir beliebt, mein Bruder,« erwiederte Andrée ganz schauernd vor Scham.
»Liebe Schwester, kleide Dich zum letzten Mal für Deinen Besuch bei der Frau Dauphine an; sei sehr ruhig, sehr ehrfurchtsvoll, sehr gerührt, daß Du Dich von einer so edlen Beschützerin entfernen sollst.«
»Oh! ja, sehr gerührt,« flüsterte Andrée bewegt; »das ist ein großer Schmerz bei meinem Unglück.«
»Ich gehe nach Paris, meine Schwester, und kehre gegen Abend zurück; sobald ich komme, führe ich Dich fort; bezahle hier Alles, was Du noch schuldig bist.«
»Nichts, nichts; ich hatte Nicole, sie ist entlaufen . . . Ah! ich vergaß den kleinen Gilbert.«
Philipp bebte, seine Augen entflammten sich.
»Du bist Gilbert etwas schuldig?« rief er.
»Ja,« erwiederte Andrée mit ganz natürlichem Tone, »er hat mir seit dem Anfang der Jahreszeit Blumen geliefert. Ich bin aber, wie Du mir selbst gesagt hast, zuweilen ungerecht und hart gegen diesen Jungen gewesen, der im Ganzen höflich war, und ich will ihn nun belohnen.«
»Suche Gilbert nicht auf,« murmelte Philipp.
»Warum . . . er muß im Garten sein; ich werde ihn übrigens rufen lassen.«
»Nein! nein! Du würdest eine kostbare Zeit verlieren . . . Ich werde ihn ihm Gegentheil, wenn ich durch die Allee gehe, treffen, ihn sprechen und bezahlen.«
»Dann ist es gut.«
»Ja, Gott befohlen; diesen Abend also.«
Philipp küßte seiner Schwester die Hand . . . sie warf sich in seine Arme. Er unterdrückte sogar die Schläge seines Herzens bei diesem weichen Umfangen, und fuhr ohne Verzug nach Paris, wo ihn der Wagen vor der Thüre des kleinen Hotel der Rue Coq-Héron absetzte.
Philipp wußte, daß er seinen Vater hier traf. Seit seinem seltsamen Bruch mit Richelieu hatte der Greis das Leben in Versailles unerträglich gefunden, und er suchte, wie alle von Thätigkeit überströmenden Geister, der moralischen Erstarrung durch die Aufregungen der Ortsveränderung zu begegnen.
Als Philipp am Thorweg läutete, durchmaß der Baron mit furchtbaren Flüchen den kleinen Garten des Hotel und den an diesen Garten stoßenden Hof.
Er bebte bei dem Geräusch der Klingel und öffnete selbst.
Da er Niemand erwartete, so brachte ihm dieser unvorhergesehene Besuch eine Hoffnung: der Unglückliche hing sich an seinem Sturz in allen Zweigen an.
Er empfing daher Philipp zugleich mit dem Gefühl eines Aergers und einer Neugierde.
Doch er hatte nicht sobald das Gesicht des Ankommenden erschaut, als ihm diese düstere Bläße, diese Starrheit der Linien und das krampfhafte Zusammenziehen des Mundes die Quelle der Fragen vereisten, die er zu öffnen sich anschickte.
»Du!« sagte er nur, »und durch welchen Zufall?«
»Ich werde die Ehre haben, es Ihnen zu erklären, mein Herr,« erwiederte Philipp.
»Gut! ist es wichtig?«
»Ziemlich wichtig, ja, mein Herr.«
»Dieser Junge hat immer so ceremoniöse Formen, daß man darüber in Unruhe geräth . . . Ist es ein Unglück oder ein Glück, was Du mir bringst?«
»Es ist ein Unglück,« sprach Philipp mit ernstem Ton.
Der Baron wankte.
»Sind wir ganz allein?« fragte Philipp.
»Ja.«
»Wollen wir in das Haus eintreten, mein Herr?«
»Warum nicht in freier Luft, unter diesen Bäumen . . .«
»Weil es gewisse Dinge gibt, die sich nicht im Lichte des Himmels sagen lassen.«
Der Baron schaute seinen Sohn an, und gehorchte seiner stummen Geberde, während er zugleich Unempfindlichkeit, ein Lächeln sogar heuchelte. Er folgte ihm in das untere Zimmer, dessen Thüre Philipp schon geöffnet hatte.
Als die Thüren sorgfältig geschloßen waren, erwartete Philipp eine Geberde seines Vaters, um das Gespräch zu beginnen, und sagte dann, nachdem sich der Baron bequem in das beste Fauteuil des Zimmers gesetzt hatte:
»Mein Herr, meine Schwester und ich sind im Begriff, von Ihnen Abschied zu nehmen.«
»Wie so?« fragte der Baron sehr erstaunt. »Du willst Dich entfernen . . . und der Dienst?«
»Es gibt keinen Dienst mehr für mich: Sie wissen, daß sich die Versprechungen des Königs zum Glück nicht verwirklicht haben.«
»Das ist ein: zum Glück, das ich nicht begreife.«
»Mein Herr . . .«
»Erkläre es mir: wie kannst Du glücklich sein, daß Du nicht Oberster eines schönen Regiments geworden bist? Solltest Du die Philosophie so weit treiben?«
»Ich treibe sie weit genug, um nicht die Schande dem Glück vorzuziehen. Doch gehen wir, wenn es Ihnen beliebt, mein Herr, nicht in Betrachtungen dieser Art ein …«
»Gehen wir im Gegentheil darein ein!«
»Ich flehe Sie an . . .« erwiederte Philipp mit einer Festigkeit, welche bedeutete: ich will nicht!
Der Baron faltete die Stirne.
»Und Deine Schwester? . . . Vergißt sie auch ihre Pflichten? Ihr Dienst bei Madame . . .«
»Das sind Pflichten, die sie andern unterordnen muß, mein Herr.«
»Von welcher Natur, wenn’s beliebt?«
»Von der gebieterischsten Notwendigkeit.«
Dir Baron stand auf.
»Es ist eine alberne Gattung von Menschen,« brummelte er, »die Gattung der Räthselmacher.«
»Ist wirklich Alles, was ich da sage, ein Räthsel für Sie?«
»Durchaus,« erwiederte der Baron mit einer Entschiedenheit, welche Philipp in Erstaunen setzte.
»Ich werde mich also erklären: meine Schwester geht, weil sie auch gezwungen ist, zu fliehen, um eine Schande zu vermeiden.
Der Baron brach in ein Gelächter aus und rief:
»Bei Gott! was für Musterkinder habe ich doch! Der Sohn läßt die Hoffnung auf ein Regiment im Stich, weil er die Schande befürchtet. Die Tochter gibt eine Hofstelle auf, weil sie Furcht vor der Schande hat. Wahrhaftig, ich bin in das Jahrhundert von Brutus und Lucretia zurückgekehrt. Wenn in meiner Zeit, allerdings einer schlechten Zeit, die nicht den Werth der schönen Tage der Philosophie hatte, ein Mann von fern eine Schande kommen sah, und er trug wie Du einen Degen, und er hatte wie Du Unterricht bei zwei Fechtmeistern und drei Profoßen genommen, so spießte er die erste Schande an seine Degenspitze.«
Philipp zuckte die Achseln.
»Ja, was ich da sage, ist ziemlich armselig für einen Philosophen, der nicht gern Blut fließen sieht.
Doch die Officiere sind am Ende nicht gerade geboren, um Philanthropen zu sein.«
»Mein Herr, ich Habe so sehr wie Sie das Bewußtsein der Nothwendigkeiten, welche der Ehrenpunkt auferlegt; doch das vergossene Blut sühnt nicht . . .«
»Phrasen . . . Phrasen eines . . . Philosophen!« rief der Greis, dergestalt aufgebracht, daß er beinahe majestätisch wurde. »Ich glaube, ich wollte sagen eines Feigherzigen.«
»Sie haben wohl daran gethan, es nicht zu sagen,« rief Philipp bleich und bebend.
Der Baron hielt stolz den unversöhnlichen und drohenden Blick seines Sohnes aus.
»Ich sagte,« fuhr er fort, »und meine Logik ist nicht so schlecht, als man mich gern glauben machen möchte; ich sagte, alle Schande in dieser Welt komme nicht von einer Handlung, sondern von einem Wort her. Ah! so ist es . . . Sei ein Verbrecher vor Tauben, vor Blinden, oder vor Stummen, wirst Du entehrt sein? . . . Du wirst mir mit dem albernen Vers antworten:
Der Frevel macht die Schand’ und nicht das Hochgericht.
Das ist Kindern oder Weibern gut zu sagen, aber mit einem Mann spricht man beim Teufel eine andere Sprache . . . Ich aber bildete mir ein, einen Mann geschaffen zu haben . . . Sieht nun der Blinde, hat der Taube hören können, spricht der Stumme, so schlägst Du auf das Stichblatt Deines Degens, durchbohrst dem Einen die Augen, dem Andern das Trommelfell, und schneidest dem Letzten die Zunge ab! . . . So erwiedert einen Angriff der Schande ein Edelmann vom Namen Taverney Maison-Rouge.«
»Ein Edelmann von diesem Namen, mein Herr, weiß immer bei den Dingen, die er zu thun hat, daß es das Erste ist, keine entehrende Handlung zu begehen: deshalb werde ich auf Ihre Argumente nichts antworten. Nur geschieht es zuweilen, daß die Schmach aus einem unvermeidlichen Unglück entsteht: das ist der Fall, in dem wir, meine Schwester und ich, uns befinden.«
»Ich gehe zu Deiner Schwester über. Wenn nach meinem System der Mann nie eine Sache fliehen darf, die er bekämpfen und besiegen kann, so muß die Frau auch festen Fußes warten. Wozu nützt die Tugend, mein Herr Philosoph, wenn nicht, um die Angriffe des Lasters zurückzuschlagen? . . .« fügte Taverney bei und brach abermals in ein Gelächter aus.
»Fräulein von Taverney hat sehr bange gehabt, nicht wahr? . . . Sie fühlt sich also schwach . . . Dann . . .«
Philipp trat ganz nahe auf seinen Vater zu und sprach:
»Mein Herr, Fräulein von Taverney ist nicht schwach gewesen, man hat sie überwältigt! sie ist unterlegen, sie ist in eine Falle gerathen!«
»In eine Falle? . . .«
»Ja. Ich bitte, behalten Sie ein wenig von der Wärme, die Sie vorhin belebte, um die Elenden zu brandmarken, welche feige den Untergang dieser fleckenlosen Ehre complottirt haben.«
»Ich begreife nicht . . .«
»Sie werden begreifen . . . Ein Feiger, sage ich, hat Jemand in das Zimmer von Fräulein von Taverney eingeführt.«
Der Baron erbleichte.
»Ein Feiger.« fuhr Philipp fort, »wollte, daß der Name Taverney . . . der meinige . . . der Ihrige, mein Herr, von einem untilgbaren Flecken beschmutzt würde . . . Nun! wo ist Ihr Jünglingsdegen, um ein wenig Blut zu vergießen! Lohnt es sich der Mühe?«
»Herr Philipp . . .«
»Ah! seien Sie unbesorgt, ich klage Niemand an; ich kenne Niemand . . . Das Verbrechen ist in der Finsternis angesponnen, in der Finsternis ausgeführt worden; die Folge davon wird auch in der Finsterniß verschwinden . . . ich will es! ich, der ich die Ehre meines Hauses auf meine Weise verstehe.«
»Aber woher weißt Du?« rief der Baron, der sich von seinem Erstaunen durch den Köder eins schändlichen Ehrgeizes, einer gemeinen Hoffnung erholte.
