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Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 95

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»Das wird mich keine von den Personen fragen, welche meine Schwester, Ihre Tochter, in einigen Monaten sehen werden, Herr Baron!«

»Aber, Philipp!« rief der Greis, mit Augen voll Freude, »dann sind das Glück und die Ehre des Hauses nicht verschwunden; dann triumphiren wir.«

»Dann sind Sie wirklich der Mensch, für den ich Sie hielt,« sprach Philipp mit dem tiefsten Ekel; »Sie haben sich selbst verrathen, und es hat Ihnen an Geist vor dem Richter gefehlt, nachdem es Ihnen vor dem Sohn an Herz mangelte.«

»Unverschämter!«

»Genug!« erwiederte Philipp. »Fürchten Sie sich, wenn Sie so laut sprechen, den leider zu unempfindlichen Schatten meiner Mutter aufzuwecken, die, wenn sie lebte, über ihrer Tochter gewacht haben würde.«

Der Baron schlug die Augen vor der blendenden Helle nieder, welche aus den Blicken seines Sohnes hervorsprang.

»Meine Tochter,« sagte er nach einigen Secunden, »meine Tochter wird mich nicht ohne meinen Willen verlassen.«

»Meine Schwester wird Sie nie wieder sehen,« entgegnete Philipp.

»Sagt sie das?«

»Sie schickt mich, um es Ihnen zu erklären.«

Der Baron wischte mit einer zitternden Hand seine weiß gewordenen, feuchten Lippen ab.’

»Es sei!« sagte er. Dann die Achseln zuckend, rief er:

»Ich habe Unglück mit meinen Kindern: ein Dummkopf und eine einfältige Dirne!« Philipp erwiederte nichts.

»Gut, gut,« fuhr Taverney fort, »ich bedarf Ihrer nicht mehr; gehen Sie, wenn die These gesprochen ist.«

»Ich habe Ihnen noch zwei Dinge zu sagen.«

»Sagen Sie.«

»Einmal hat Ihnen der König einen Perlenschmuck gegeben.«

»Ihrer Schwester, mein Herr.«

»Ihnen, mein Herr  . . . Uebrigens ist daran wenig gelegen. Meine Schwester trägt keine solche Juwelen  . . . Fräulein von Taverney ist keine Buhlerin und bittet Sie, den Schmuck dem zurückzustellen, der ihn gegeben hat, oder ihn zu behalten, da Sie Seine Majestät, die so viel für unsere Familie gethan, vor den Kopf zu stoßen befürchten werden.«

Philipp reichte das Schmuckkästchen seinem Vater. Dieser nahm es, öffnete es, schaute die Perlen an und warf es dann in einen Wandkorb.

»Hernach?« sagte er.

»Hernach, mein Herr, da wir nicht reich sind, da Sie Alles bis auf das Gut unserer Mutter ausgegeben oder verpfändet haben, was ich Ihnen nicht zum Vorwurf mache, Gott soll mich behüten  . . .«

»Das wäre noch besser,« sagte der Baron mit den Zähnen knirschend.

»Kurz, da wir nur Taverney haben, was von dieser mäßigen Erbschaft herrührt, so bitten wir Sie, zwischen Taverney und dem kleinen Hotel, in dem wir uns in diesem Augenblick befinden, zu wählen. Bewohnen Sie das eine, und wir werden uns in das andere zurückziehen.«

Der Baron zerknitterte sein Spitzenjabot mit einer Wuth, die sich nur durch die Beweglichkeit seiner Finger, durch die Feuchtigkeit seiner Stirne und das Zittern seiner Lippen verrieth; selbst Philipp bemerkte es nicht, denn er hatte den Kopf abgewandt.

»Taverney ist mir lieber,« erwiederte der Baron.

»Dann behalten wir das Hotel.«

»Wie Sie wollen, mein Herr.«

»Wann werden Sie abreisen?«

»Noch diesen Abend  . . . nein, auf der Stelle.«

Philipp verbeugte sich.

»In Taverney?« fuhr der Baron fort, »erscheint man mit dreitausend Livres Rente als König  . . . Ich werde zweimal König sein.«

Er streckte die Hand nach dem Wandkorb aus, um das Schmuckkästchen zu nehmen, das er in seine Tasche schob.

Dann wandte er sich nach der Thüre. Doch plötzlich drehte er sich wieder um und sagte mit einem abscheulichen Lächeln:

»Philipp, ich erlaube Dir, mit unserem Namen die erste philosophische Abhandlung, die Du herausgibst, zu unterzeichnen. Was Andrée betrifft, so rathe ihr, ihr erstes Werk Louis oder Louise zu nennen; das ist ein Name, der Glück bringt.«

Und er entfernte sich mit einem Hohngelächter.

Das Auge blutig, die Stirne in Flammen, drückte Philipp seine Hand krampfhaft an das Stichblatt seines Degens und murmelte:

»Mein Gott! bewillige mir die Geduld, gewähre mir die Vergessenheit.«

CLI.
Der Gewissensfall

Nachdem er mit der ängstlichen Sorgfalt, die ihn charakterisirte, einige Seiten seiner Träumereien eines einsamen Spaziergängers abgeschrieben hatte, beendigte Rousseau sein einfaches Frühstück.

Obgleich ihm von Herrn von Gerardin ein Ruhesitz in den köstlichen Gärten von Ermenonville angeboten worden war, bewohnte Rousseau, da er zögerte, sich der Sklaverei der Großen zu unterwerfen, wie er in seiner menschenfeindlichen Monomanie sagte, immer noch das uns bekannte Haus der Rue Plastrière.

Therese hatte ihrerseits die kleine Haushaltung in Ordnung gebracht und ihren Korb genommen, um auszugehen und Einkäufe zu machen.

Es war neun Uhr Morgens. Therese fragte ihrer Gewohnheit gemäß Rousseau, was er zum Mittagsbrod zu haben wünsche. Rousseau entschlug sich seiner Träumerei, erhob langsam den Kopf und schaute Therese an, wie ein halbwacher Mensch.

»Alles, was Sie wollen, wenn nur Kirschen und Blumen dabei sind,« antwortete er.

»Man wird sehen, ob dies nicht zu theuer ist,« sagte Therese.

»Wohl verstanden!«

»Denn ich weiß nicht, ob das, was Sie machen, nichts taugt, aber mir scheint, man bezahlt Sie nicht mehr wie früher.«

»Sie täuschen sich, Therese, man bezahlt mir denselben Preis; aber ich werde müde und arbeite weniger, und dann ist mein Buchhändler um einen halben Band gegen mich im Verzug.«

»Sie werden sehen, daß dieser noch Bankerott macht.«

»Wir wollen hoffen, daß dies nicht geschieht, es ist ein ehrlicher Mann.«

»Ein ehrlicher Mann, ein ehrlicher Mann  . . . wenn Sie das gesagt haben, glauben Sie Alles gesagt zu haben.«

»Ich habe wenigstens viel gesagt,« erwiederte Rousseau lächelnd, »denn ich sage es nicht von Jedermann.«

»Darüber darf man sich nicht wundern, Sie sind so mürrisch.«

»Therese, wir entfernen uns von der Frage.«

»Ja, Sie wollen Ihre Kirschen, Feinschmecker; ja, Sie wollen Ihre Blumen. Sybarite!«

»Warum nicht, meine gute Haushälterin,« erwiederte Rousseau mit einer Engelsgeduld, »mein Herz und mein Kopf sind so krank, daß ich mich, da ich nicht ausgehen kann, wenigstens daran ergötzen will, daß ich ein wenig von dem sehe, was Gott mit vollen Händen auf die Felder ausstreut.«

Rousseau war in der That bleich und angegriffen und seine trägen Hände blätterten in einem Buch, das seine Augen nicht lasen.

Therese schüttelte den Kopf.

»Es ist gut, es ist gut,« sagte sie. »ich gehe auf eine Stunde aus, erinnern Sie sich, daß ich den Schlüßel unter die Strohmatte lege, und daß, wenn Sie ihn brauchen  . . .«

»Oh! ich gehe nicht aus.«

»Ich weiß wohl, daß Sie nicht ausgehen werden, da Sie sich nicht aufrecht halten können; doch ich sage Ihnen dies, damit Sie ein wenig auf die Leute Achtung geben, welche kommen dürften, und damit Sie öffnen, wenn man läutet, denn wenn man läutet, können Sie sicher sein, daß ich es nicht bin.«

»Ich danke, meine gute Therese, ich danke, gehen Sie.«

Die Haushälterin entfernte sich ihrer Gewohnheit gemäß brummend; doch das Geräusch ihrer schwerfälligen Tritte war noch lange auf der Treppe hörbar.

Sobald aber die Thüre geschloßen war, benützte Rousseau die Einsamkeit, um sich behaglich auf seinem Stuhl auszustrecken, schaute den Vögeln zu, welche am Fenster ein wenig Brodkrume pickten, und ergötzte sich an der Sonne, welche zwischen den Kaminen der Nachbarhäuser durchdrang.

Jung und rasch, fühlte sein Geist nicht sobald die Freiheit, als er seine Flügel öffnete, wie es die Sperlinge nach ihrem heitern Mahle thaten.

Plötzlich knarrte die Eingangsthüre auf ihren Angeln und entriß den Philosophen seinem süßen Behagen.

»Wie,« sagte er zu sich selbst, »schon zurück!  . . . sollte ich eingeschlafen sein, während ich nur zu träumen glaubte?«

Rousseau wandte dieser Thüre den Rücken zu; überzeugt, Therese käme zurück, rührte er sich nicht einmal.

Es trat eine kurze Stille ein.

Mitten unter dieser Stille sagte eine Stimme, welche den Philosophen beben machte:

»Verzeihen Sie, mein Herr.«

Rousseau wandte sich rasch um und rief:

»Gilbert!«

»Ja, Gilbert  . . . ich bitte noch einmal um Verzeihung, Herr Rousseau.«

Rousseau heftete sein Auge starr auf den jungen Mann.

Es war in der That Gilbert.

Doch Gilbert, hager und die Haare zerstreut, unter seinen unordentlichen Kleidern nur schlecht seine zitternden, abgemagerten Glieder verbergend, Gilbert mit einem Wort, dessen Anblick Rousseau beben machte und ihm einen Ausruf des Mitleids entriß, der einer Angst glich.

Gilbert hatte den stieren, leuchtenden Blick ausgehungerter Raubvögel; ein Lächeln geheuchelter Schüchternheit bildete einen Widerspruch mit diesem Blick, wie es mit dem Obertheil eines ernsten Adlerkopfes das Untertheil eines höhnischen Fuchskopfes thun würde.

»Was wollen Sie hier?« rief lebhaft Rousseau, der die Unordnung nicht liebte und sie bei Andern als das Anzeichen einer schlimmen Absicht betrachtete.

»Mein Herr, ich habe Hunger,« antwortete Gilbert, Rousseau bebte, als er den Ton dieser Stimme hörte, welche das furchtbarste Wort der menschlichen Sprache hervorbrachte.

»Und wie sind Sie hereingekommen? die Thüre war geschloßen.«

»Mein Herr, ich weiß, daß Frau Therese gewöhnlich den Schlüßel unter die Strohmatte legt, ich wartete, bis Frau Therese weggegangen war, denn sie liebt mich nicht und hätte sich vielleicht geweigert, mich zu empfangen oder bei Ihnen einzuführen; da ich dann wußte, Sie wären allein, ging ich herauf, nahm den Schlüßel aus seinem Versteck, und hier bin ich.«

Rousseau erhob sich auf den beiden Armen seines Lehnstuhls.

»Hören Sie mich,« sagte Gilbert, »hören Sie mich nur einen einzigen Augenblick, ich schwöre Ihnen, daß ich Gehör verdiene.«

»Sprechen Sie,« erwiederte Rousseau, von tiefem Erstaunen beim Anblick dieses Gesichts ergriffen, das keinen Ausdruck der der Gesammtheit der Menschen gemeinschaftlichen Gefühle mehr bot.

»Ich hätte Ihnen vor Allem sagen müßen, ich sei in eine solche Noth versetzt, daß ich nicht mehr wisse, ob ich stehlen, mich umbringen, oder noch etwas Schlimmeres thun soll.«

Bei diesen Worten erhob sich Rousseau vollends und machte sich einen Wall aus seinem Schreibtisch.

»Oh! seien Sie unbesorgt, mein Lehrer und mein Beschützer,« sprach Gilbert mit einem Ton voll Sanftmuth, ich glaube, wenn ich es recht bedenke, daß ich nicht nöthig haben werde, mich selbst umzubringen, und daß ich wohl ohne dieses sterbe; denn seit acht Tagen, da ich aus Trianon entflohen bin, laufe ich in den Waldungen und auf den Feldern umher, ohne etwas Anderes, als rohe Gemüse und wilde Früchte zu essen. Ich bin entkräftet und falle vor Müdigkeit und Hunger um. Was das Stehlen betrifft, so werde ich es nicht bei Ihnen versuchen, denn ich liebe Ihr Haus zu sehr, Herr Rousseau. Was aber das Dritte anbelangt, oh! um es zu vollführen …«

»Nun?«

»Bedürfte es bei mir eines Entschlusses, den ich hier suche.«

»Sind Sie verrückt?«

»Nein, mein Herr; doch ich bin sehr unglücklich, sehr in Verzweigung, und ich hätte mich diesen Morgen in der Seine ertränkt, wäre nicht eine Betrachtung bei mir eingetreten.«

»Welche?«

»Sie haben geschrieben:

» ,Der Selbstmord ist ein Diebstahl an der Menschheit begangen.’ «

Rousseau schaute den jungen Mann an, als wollte er sagen:

»Sind Sie so eitel, zu glauben, ich habe, als ich dies geschrieben, an Sie gedacht?«

»Oh! ich begreife,« murmelte Gilbert.

»Ich glaube nicht,« entgegnete Rousseau.

»Sie wollen sagen: Wäre der Tod von Dir Elendem, der Du nichts bist, der Du nichts besitzt, der Du nichts vermagst, ein Ereigniß?«

»Es handelt sich nicht um dieses,« sprach Rousseau, der sich schämte, errathen worden zu sein; »doch ich denke, Sie haben Hunger.«

»Ja, ich äußerte das.«

»Nun! da Sie wußten, wo der Schlüßel zur Thüre liegt, so wissen Sie auch, wo das Brod ist: gehen Sie an den Speiseschrank, nehmen Sie Brod und entfernen Sie sich.«

Gilbert rührte sich nicht.

»Wenn Sie nicht Brod brauchen, sondern Geld, so halte ich Sie nicht für so bösartig, daß Sie einen Greis, der Ihr Beschützer war, in dem Haus, das Ihnen Zuflucht gegeben, mißhandeln würden. Begnügen Sie sich also mit dem Wenigen. Hier …«

Und er suchte in seiner Tasche und reichte ihm etwas Münze.

Gilbert hielt seine Hand zurück.

»Oh!« sprach er mit brennendem Schmerz, »es ist weder von Geld, noch von Brod die Rede; Sie haben nicht begriffen, was ich meinte, als ich des Selbstmords erwähnte. Wenn ich mich nicht tödte, so ist dies so, weil nun mein Leben vielleicht Jemand nützlich sein kann, weil mein Tod Jemand berauben würde. Sie, der Sie alle socialen Gesetze, alle natürlichen Verpflichtungen kennen, sagen Sie, gibt es in dieser Welt ein Band, das einen Menschen, der sterben will, an das Leben zu fesseln vermag?«

»Es gibt viele,« sprach Rousseau.

»Ist Vater sein eines von diesen Banden; Schauen Sie mich an, während Sie mir antworten, Herr Rousseau, damit ich die Antwort in Ihren Augen sehe.«

»Ja,« stammelte Rousseau, »ja, sicherlich. Wozu aber diese Frage von Ihnen?«

»Mein Herr, Ihre Worte werden ein Ausspruch für mich sein  . . . wägen Sie dieselben wohl ab, ich beschwöre Sie. Mein Herr, ich bin so unglücklich, daß ich mich gern tödten möchte; aber  . . . aber ich habe ein Kind.«

Rousseau fuhr vor Erstaunen in seinem Stuhle auf.

»Oh! spotten Sie meiner nicht,« sagte Gilbert mit demüthigem Ton; »Sie würden nur einen Ritz an meinem Herzen zu machen glauben, während Sie es wie mit einem Dolche öffneten: ich wiederhole Ihnen, ich habe ein Kind.«

Rousseau schaute ihn an, ohne zu antworten.

»Sonst wäre ich schon todt,« fuhr Gilbert fort; »in diesem Zweifel sagte ich mir, Sie würden mir einen guten Rath geben, und ging hierher.«

»Aber warum habe ich denn Ihnen Rathschläge zu geben?« fragte Rousseau; »haben Sie mich um Rath gefragt, als Sie den Fehler begingen?«

»Mein Herr, dieser Fehler  . . .«

Gilbert näherte sich Rousseau mit einem seltsamen Ausdruck.

»Nun?« sagte dieser.

»Es gibt Leute, die diesen Fehler ein Verbrechen nennen.«

»Verbrechen! ein Grund mehr, daß Sie nicht mit mir hätten sprechen sollen. Ich bin ein Mensch wie Sie und kein Beichtvater! Was Sie mir da sagen, wundert mich indessen nicht; ich habe immer vorhergesehen, es würde eine schlechte Wendung bei Ihnen nehmen; Sie sind eine schlimme Natur.«

»Nein, mein Herr,« entgegnete Gilbert, schwermüthig den Kopf schüttelnd, »nein, Sie täuschen sich; mein Geist ist falsch, oder vielmehr verfälscht; ich habe viele Bücher gelesen, die mir die Gleichheit der Kasten, den Stolz des Geistes, den Adel der Instincte predigten; diese Bücher, mein Herr, waren von so erhabenen Namen unterzeichnet, daß ein armer Bauer wie ich wohl irregeleitet werden konnte  . . . Ich richtete mich dadurch zu Grunde.«

»Ah! ah! ich sehe, worauf Sie abzielen, Herr Gilbert.«

«Ich?«

»Ja; Sie klagen meine Lehre an  . . . Doch haben Sie nicht den freien Willen?«

»Ich klage nicht an, mein Herr, ich sage Ihnen, daß ich gelesen habe; was ich anklage, ist meine Leichtgläubigkeit, ich habe geglaubt, und mich vergangen; es gibt zwei Ursachen meines Verbrechens: Sie sind die erste, und ich komme vor Allem zu Ihnen; ich werde sodann zu der zweiten gehen, doch hernach und wenn es Zeit ist.«

»Sprechen Sie, was verlangen Sie von mir?«

»Weder ein Almosen, noch Obdach, noch Brod, obschon ich verlassen, nackt und hungrig bin; nein, ich verlange von Ihnen eine moralische Stütze, ich verlange eine Sanction Ihrer Lehre, ich bitte Sie, mir durch ein Wort meine ganze Stärke wiederzugeben, welche nicht durch die Ermattung meiner Arme und Beine, sondern durch den Zweifel in meinem Kopf und in meinem Herzen gebrochen ist. Herr Rousseau, ich beschwöre Sie also, mir zu sagen, ob das, was ich seit acht Tagen fühle, der Schmerz des Hungers in den Muskeln meines Magens, oder ob es die Marter der Gewissensbisse in den Organen meines Geistes ist. Ich habe durch ein Verbrechen ein Kind gezeugt; sagest Sie mir nun, muß ich mir in bitterer Verzweiflung die Haare ausraufen, mich im Sande wälzen und ausrufen: Gnade! oder soll ich lachen, wie die Frau in der Schrift, und sagen: Ich habe gethan, wie die Welt thut; ist unter den Menschen einer, der besser als ich, so steinige er mich? Mit einem Dort, Herr Rousseau, Sie, der Sie fühlen mußten, was ich gefühlt habe, beantworten Sie diese Frage, sagen Sie, ist es natürlich, daß ein Vater sein Kind verläßt?«

Gilbert hatte nicht sobald dieses Wort gesprochen, als Rousseau so bleich wurde, wie Gilbert selbst nicht war, alle Fassung verlor und stammelte:

»Mit welchem Recht sprechen Sie so mit mir?«

»Weil ich in Ihrem Hause, Herr Rousseau, in der Mansarde, wo Sie mir Gastfreundschaft gewährten, das las, was Sie über diesen Gegenstand geschrieben haben; weil Sie erklärten, die in der Armuth geborenen Kinder gehören dem Staat, der für sie sorgen müße; weil ich Sie endlich stets für einen ehrlichen Mann gehalten habe, obgleich Sie sich nicht scheuten, die Kinder zu verlassen, die Ihnen geboren worden sind.«

»Unglücklicher!« rief Rousseau, »Du hast mein Buch gelesen und führst eine solche Sprache gegen mich!«

»Nun?«

»Du bist nichts, als ein schlimmer Kopf verbunden mit einem schlimmen Herzen.«

»Herr Rousseau!«

»Du hast schlecht in meinen Büchern gelesen, wie Du schlecht im menschlichen Leben liesest! Du hast nur die Oberfläche der Blätter gesehen, wie Du nur die des Gesichtes siehst! Ah! Du glaubst mich Deines Verbrechens mitschuldig zu machen, indem Du mir die Bücher anführst, die ich geschrieben habe, indem Du mir sagst: Sie gestehen, dies gethan zu haben, folglich kann ich es auch thun! Doch Unglücklicher! was Du nicht weißt, was Du nicht in meinen Büchern gelesen, nicht errathen hast, ist, daß ich das ganze Leben desjenigen, welchen Du zum Beispiel genommen, dieses Leben der Armuth und der Leiden, gegen ein goldenes, üppiges Dasein, gegen ein Leben voll Prunk und Lustbarkeit vertauschen konnte. Habe ich weniger Talent, als Herr von Voltaire, und konnte ich nicht ebenso viel erzeugen, als er? Konnte ich nicht, weniger Fleiß darauf verwendend, als ich es thue, meine Bücher ebenso theuer verkaufen, als er die seinigen verkauft, und das Geld zwingen, in meine Kasse zu rollen, indem ich ohne Unterlaß eine halb volle Kiste zur Verfügung meiner Buchhändler hielt? Das Gold zieht das Gold an: weißt Du das nicht? Ich hätte auch einen Palast gehabt, ich hätte auch muntere Pferde, ich hätte auch einen Wagen gehabt, um eine junge und schöne Geliebte spazieren zu führen, und glaube mir, dieser Luxus würde in mir die Quelle einer unversiegbaren Poesie nicht vertrocknet haben. Sprich, habe ich nicht Leidenschaften? Schaue meine Augen an, welche noch mit sechzig Jahren im Feuer der Jugend und des Verlangens glänzen! Du, der Du meine Bücher gelesen oder abgeschrieben hast, sprich, erinnerst Du Dich nicht, daß trotz der Abnahme der Jahre, trotz sehr schwerer Uebel, mein Herz, stets jung, um besser zu leiden, alle übrigen Kräfte meiner Organisation geerbt zu haben scheint? Von Gebrechen niedergebeugt, die mich zu gehen verhindern, fühle ich mich kräftiger und lebensvoller, um den Schmerz in mir aufzunehmen und zu verzehren, als ich es je in der Blüthe meiner Jahre gewesen bin, um die seltenen Glückseligkeiten zu empfangen, die ich von Gott erhalten habe.«

»Ich weiß dies Alles, mein Herr,« sprach Gilbert, »Ich habe Sie von Nahem gesehen und begriffen.«

»Wenn Du mich von Nahem gesehen, wenn Du mich begriffen, hat dann nicht mein Leben für Dich eine Bedeutung, die es für Andere nicht hat? Diese Selbstverleugnung, welche nicht in meiner Natur liegt, sagt sie Dir nicht, ich habe sühnen wollen …«

»Sühnen!« murmelte Gilbert.

»Hast Du nicht begriffen,« fuhr der Philosoph fort, »daß ich, nachdem mich diese Armuth Anfangs gezwungen, einen übertriebenen Entschluß zufassen, hernach keine andere Entschuldigung mehr für diesen Entschluß gefunden habe, als die Uneigennützigkeit und die Ausdauer in der Armuth? Hast Du nicht begriffen, daß ich meinen Geist durch die Demüthigung bestraft habe? Denn mein Geist hauptsächlich war schuldig; mein Geist, der seine Zuflucht zu Paradoxen genommen, um sich zu rechtfertigen, während ich andererseits mein Herz durch die Fortdauer der Reue bestrafte.«

»Oh!« rief Gilbert, »so antworten Sie mir! so stürzt Ihr Philosophen, die Ihr dem Menschengeschlecht geschriebene Lehren zuschleudert, Euch in die Verzweiflung, indem Ihr uns verdammt, wenn wir Euch nachahmen; ei! was liegt mir an Ihrer Demüthigung, sobald sie geheim ist, an Ihrer Reue, sobald sie verborgen bleibt.

Oh! wehe, wehe Ihnen, wehe! und mögen die in Ihrem Namen begangenen Verbrechen auf Ihr Haupt zurückfallen!«

»Auf mein Haupt, sagst Du, der Fluch und die Strafe zugleich, denn Du vergissest die Strafe, oh! das wäre zu viel! Du, der Du gesündigt hast wie ich, verdammst Du Dich auch so strenge, wie mich?«

»Noch strenger,« antwortete Gilbert, »denn meine Bestrafung wird furchtbar sein; doch nun, da ich an nichts mehr glaube, werde ich mich durch meinen Gegner, oder vielmehr durch meinen Feind tödten lassen! ein Selbstmord, den mein Elend mir räth, den mein Gewissen mir verzeiht, denn nun ist mein Tod nicht mehr ein an der Menschheit begangener Diebstahl, und Sie haben da eine Phrase geschrieben, die Sie nicht dachten.«

»Halt ein, Unglücklicher,« rief Rousseau, »halt ein! hast Du nicht Böses genug mit der einfältigen Leichtgläubigkeit gethan? mußt Du noch mehr mit dem albernen Skepticismus thun? Du hast mir von einem Kind gesprochen, Du hast mir gesagt, Du Wärest Vater, oder Du solltest Vater werden?«

»Ich habe es gesagt.«

»Weißt Du, was das heißt?« murmelte Rousseau mit leiser Stimme, »weißt Du, was es heißt, mit sich nicht in den Tod, sondern in die Schmach Geschöpfe fortzureißen, welche geboren sind, frei und rein die volle Luft der Tugend einzuathmen, die Gott als Mitgift jedem Menschen gibt, der aus dem Schooß seiner Mutter hervorkommt? Höre doch, wie gräßlich meine Lage ist: als ich meine Kinder verließ, sah ich ein, daß die Gesellschaft, welche jede Ueberlegenheit verletzt, mir dieses Unrecht wie einen entehrenden Vorwurf ins Gesicht schleudern würde; da rechtfertigte ich mich mit Paradoxen; da wandte ich zehn Jahre meines Lebens dazu an, Rathschläge den Müttern für die Erziehung ihrer Kinder, ich, der ich nicht Vater zu sein gewußt hatte, dem Vaterland für die Bildung kräftiger und ehrlicher Bürger zu geben, ich, der ich schwach und verdorben war. Der Henker, der die Gesellschaft, das Vaterland und die Waise rächt, bemächtigte sich dann eines Tages, da er sich meiner nicht bemächtigen konnte, meines Buches und verbrannte es als eine lebendige Schmach für das Land, dessen Luft dieses Buch vergiftet hatte. Wähle, errathe, urtheile: habe ich beim Handeln gut gethan? habe ich in den Büchern schlecht gethan? Du antwortest nicht; Gott selbst wäre in Verlegenheit, Gott, der in seinen Händen die unbeugsame Wagschale zwischen Recht und Unrecht hält. Wohl! ich habe ein Herz, das diese Frage löst, und dieses Herz sagt mir hier in der Tiefe meiner Brust: Wehe Dir, unnatürlicher Vater, der Du Deine Kinder verlassen hast; wehe Dir, wenn Du der jungen Buhldirne begegnest, die an der Ecke eines Kreuzweges schamlos lacht, denn diese ist vielleicht Deine verlassene Tochter, welche der Hunger in die Schande gestürzt hat; wehe Dir, wenn Du auf der Straße den Dieb triffst, den man noch von seiner Beute beschwert verhaftet, denn dieser ist vielleicht Dein verlassener Sohn, den der Hunger zum Verbrechen angetrieben hat!«

Bei diesen Worten sank Rousseau, der sich erhoben hatte, wieder in seinen Lehnstuhl zurück.

»Und dennoch,« fuhr er mit einer gebrochenen Stimme fort, die den Ausdruck eines Gebetes hatte, »und dennoch bin ich nicht so schuldig gewesen, als man glauben könnte; ich habe eine herzlose Mutter, welcher die halbe Schuld zur Last fiel, vergessen sehen, wie die Thiere vergessen, und ich sagte mir: Gott hat gestattet, daß die Mutter vergißt, also muß sie vergessen. Nun, ich täuschte mich in jenem Augenblick, und heute, da Du mich Dir hast sagen hören, was ich nie einem Menschen gesagt habe, heute bist Du nicht mehr berechtigt, Dich zu täuschen.«

»Demnach,« fragte der junge Mann, die Stirne faltend, »demnach würden Sie Ihre Kinder nie verlassen haben, wenn Sie Geld gehabt hätten, um sie zu ernähren?«

»Nur das streng Notwendige  . . . nein, nie, das schwöre ich Ihnen.«

Bei diesen Worten streckte Rousseau feierlich seine Hand zum Himmel empor.

»Sind zwanzig tausend Livres hinreichend, um sein Kind zu ernähren?« fragte Gilbert.

»Ja. das ist genug.«

»Ich danke, mein Herr, ich weiß nun, was ich zu thun habe.«

»Und in jedem Fall können Sie als ein junger Mann, wie Sie sind, mit Ihrer Arbeit Ihr Kind ernähren,« sagte Rousseau, »Doch Sie sprachen von einem Verbrechen: man sucht Sie, man verfolgt Sie vielleicht.«

»Ja, mein Herr.«

»Nun, so verbergen Sie sich hier, die kleine Dachkammer ist immer noch frei.«

»Sie sind ein Mann, den ich liebe, mein Lehrer, und Ihr Anerbieten erfüllt mich mit Freude, rief Gilbert, »ich bitte Sie in der That nur um ein Obdach, das mich schützt, mein Brod werde ich mir verdienen, – Sie wissen, ich bin kein Träger.«

»Nun also,« sagte Rousseau mit unruhiger Miene, »wenn dies so abgemacht ist, so gehen Sie hinauf, damit Therese Sie nicht hier sieht, sie kommt nicht mehr in den Speicher hinauf, weil wir seit Ihrem Abgang nichts mehr dort aufbewahren; Sie finden Ihren Strohsack oben, richten Sie sich ein, so gut Sie können.«

»Ich danke, mein Herr, ich werde auf diese Art glücklicher sein, als ich es verdiene.«

»Ist das nun Alles, was Sie wünschen?« fragte Rousseau, der Gilbert gleichsam mit dem Blick aus dem Zimmer trieb.

»Nein, mein Herr, noch ein Wort, wenn Sie erlauben.«

»Sprechen Sie.«

»Sie beschuldigten mich eines Tags in Luciennes, ich habe Sie verrathen; ich habe Niemand verrathen , mein Herr, ich folgte meiner Liebe.«

»Reden wir nicht mehr hievon; ist dies Alles?«

»Ja; sagen Sie mir nur noch, Herr Rousseau: wenn man die Adresse von Jemand in Paris nicht weiß, ist es möglich, sich dieselbe zu verschaffen?«

»Gewiß, wenn diese Person bekannt ist.«

»Diejenige, welche ich meine, ist sehr bekannt.«

»Ihr Name?«

»Der Herr Graf Joseph Balsamo.«

Rousseau schauerte; er hatte die Versammlung in der Rue Plastrière nicht vergessen.

»Was wollen Sie von diesem Mann?« fragte er.

»Etwas ganz Einfaches. Ich beschuldigte Sie, meinen Herrn und Meister, Sie seien moralisch die Ursache meines Verbrechens, weil ich glaubte, ich habe nur dem Gesetz der Natur gehorcht.«

»Und ich habe Sie enttäuscht?« rief Rousseau zitternd bei dem Gedanken an eine solche Verantwortlichkeit.

»Sie haben mich wenigstens aufgeklärt.«

»Nun, was wollen Sie mir sagen?«

»Mein Verbrechen habe nicht nur eine moralische, sondern auch eine physische Ursache gehabt.«

»Und dieser Graf von Balsamo ist die physische Ursache, nicht wahr?«

»Ja. Ich habe Beispiele nachgeahmt, ich habe eine Gelegenheit ergriffen und hierin, ich erkenne es nun, wie ein wildes Thier gehandelt, und nicht wie ein Mensch. Das Beispiel sind Sie; die Gelegenheit ist der Herr Graf von Balsamo. Wo wohnt er, wissen Sie es?«

»Ja.«

»So geben Sie mir seine Adresse.«

»Rue Saint-Claude im Marais.«

»Ich danke  . . . ich gehe auf der Stelle zu ihm.«

»Nehmen Sie sich in Acht, mein Kind,« rief Rousseau, Gilbert zurückhaltend, »das ist ein mächtiger und tiefer Mann.«

»Seien Sie unbesorgt, Herr Rousseau, ich bin entschloßen, und Sie haben mich Selbstbeherrschung gelehrt.«

»Geschwinde, geschwinde, gehen Sie hinauf,« rief Rousseau, »ich höre die Gangthüre schließen; ohne Zweifel kommt Therese zurück; verbergen Sie sich in Ihrer Dachkammer, bis sie hier herein ist, dann gehen Sie aus.«

»Ich bitte, geben Sie mir den Schlüssel.«

»Er hängt wie gewöhnlich am Nagel in der Küche.«

»Guten Tag, mein Herr.«

»Nehmen Sie Brod, ich werde Ihnen Arbeit für diese Nacht geben.«

»Ich danke,« sagte Gilbert und schlich so leicht weg, daß er sich in seiner Dachkammer befand, ehe Therese den ersten Stock heraufgestiegen war.

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
1798 s. 15 illüstrasyon
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