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Kitabı oku: «Liebesdramen», sayfa 12

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Nur Nicolas brachte eine kleine Abwechslung in die Situation; statt sich mit fünf Fingern die Haare zu kämmen, rieb er sich ein Auge mit der flachen Hand; er benutzte den Augenblick, wo ihm seine Großmutter den Rücken zukehrte, dieses Mal nicht zum Naschen, sondern er gab einem schwarzen Kater, seinem größten Feinde, einen tüchtigen Fußtritt.

Margarethe sah keine Spur von den beiden Damen. Konnte die Bescheidenheit einer Wohlthäterin wohl so weit gehen, daß sie sich Stunden lang in der Kammer eines Arbeiters versteckt hielt?

Margarethe dachte ganz folgerichtig.

Beim Fortgehen warf sie einen Blick ans die Thür der Dachstube und bemerkte, daß der Schlüssel nicht draußen steckte. Sie lachte ins Fäustchen und nahm sich vor, die Damen zu begrüßen, wenn sie sich entschließen würden, das Nest, in welchem die schöne Emma ihre Liebe barg, zu verlassen. Aber am meisten frohlockte sie über den Nutzen, den sie aus dieser Entdeckung zu ziehen gedachte, um Louis von Fontanieu wieder dauernd an sich zu fesseln.

Wir haben gesehen, was aus ihren schönen Hoffnungen geworden war, und wie sie die Marquise von Escoman – freilich nur in Susannens Gesellschaft – gefunden hatte.

Die Marquise hatte Alles gehört, was Louis von Fontanieu mit Margarethe gesprochen hatte.

Das Harte, Schonungslose seiner Sprache stellte ihn für Emma noch über das Lob, welches ihm Susanne gespendet hatte. Mitleid ist in den Augen einer Eifersüchtigen ein unverzeihliches Verbrechen; sie fühlte kein Mitleid. Die Marquise beurtheilte die Liebe Fontanieu’s nach seiner Schonungslosigkeit; sie fand ihn ihrer würdig; sie fragte sich nur mit einer gewissen Bangigkeit, wie sie Margarethens leidenschaftliche Glut ersetzen solle.

Die Scene, welche das Gespräch Fontanieu’s und Margarethens so plötzlich zum Abschluß gebracht, hatte sie mitten in diesen Gedanken überrascht.

Susanne, welche Alles hörte, was unten vorging, und Margarethens Absicht errieth, hatte sich mit Emma zu der alten Brigitte flüchten wollen: aber die Marquise ward wie vom Donner gerührt, als sie ihren Namen aus Margarethens Munde hörte. Sie war halb bewußtlos auf den einzigen in der Dachstube befindlichen Stuhl gesunken; sie war keiner Bewegung fähig, um zu entkommen.

Fünftes Capitel.
Wo eine Wendung eintritt, welche denen, die sie am meisten wünschten unerwartet kam

Sobald Margarethe einen Blick in die Dachstube warf, – ahnte sie was vorging.

Die halben Geständnisse Fontanieu’s, die Verlegenheit der Marquise von Escoman, der Zorn Susannens, die in der Kammer herrschende Unordnung, die große Oeffnung im Camin – Alles enthüllte ihr die Wahrheit. Wenn die Marquise diesen Schritt aus Liebe gethan hatte, so konnte nur Louis von Fontanieu der Gegenstand derselben sein.

Ihre Vermuthungen gingen freilich über die Wirklichkeit hinaus.

Sie meinte, die Marquise könne nur die Absicht gehabt haben, sich zu überzeugen, daß Louis von Fontanieu das ihm ohne Zweifel entlockte Versprechen halten werde, sich von Margarethe loszusagen und sich an dem Schmerz und der Verzweiflung einer Nebenbuhlerin zu weiden.

Dieser Gedanke reizte sie zur höchsten Wuth; sie stürzte mit einem lauten Schrei aus Emma zu.

Aber Fontanieu kam ihr zuvor; mit dem einen Arm erfaßte er die halb ohnmächtige Emma und mit dem andern wehrte er Margarethe ab.

Die Berührung zweier Personen, die sich zu einander hingezogen fühlen, weckt unaussprechliche Gefühle, denen sich Niemand entziehen kann. Die Marquise fühlte sich wie von einem elektrischen Schlage getroffen, sie blieb zwar noch in der vorübergehenden Betäubung, welche ihre Glieder lähmte, aber ihr Geist erwachte und überließ sich in süßer Wonnetrunkenheit der Freude, welche ihr die Nähe ihres Beschützers bereitete.

»Diesen Schmerz leide ich um Ihretwillen, Louis,« lispelte sie; »schützen Sie mich gegen diese wüthende Person.«

Die Leute aus dem Erdgeschoß, durch den Tumult herbeigelockt, kamen nun die Treppe herauf.

Susanne verließ Margarethe, welche sie abzuwehren suchte, um die Thür zuzumachen; aber die Grisette, deren Muth durch die Worte der Marquise zum Wahnsinn gesteigert ward, kam ihr zuvor und hielt die Thür weit offen.

Margarethe sah, daß es Zeit sei sich zu rächen.

»Es ist hier Niemand zu viel,« rief sie. »Die Frau Marquise muß künftig keck und mit erhobener Stirn gehen, wie ich seit drei Jahren gehe. Die Bescheidenheit paßt nur für die Rollen, die wir zu spielen haben. Ihr glaubet, es sei nur eine Margarethe hier, aber wir sind unser zwei: ich, die ich mich aus meiner Schmach erheben und meine Vergehen sühnen wollte, und die Marquise von Escoman, die vornehme, gefeierte Dame, die einer Dirne den Geliebten stiehlt.«

Und da die Anwesenden ihre Zweifel durch ein leises Gemurmel zu erkennen gaben, setzte Margarethe mit derselben Heftigkeit hinzu:

»Ihr guten Leute zweifelt. Sehet nur, wie mich die Frau Marquise belauscht hat. Sehet nur, wie sie sich umschlungen halten, so unwiderstehlich ist ihre Leidenschaft. – Doch wozu bedarf es aller dieser Zeugnisse? Ich kann ein noch unwiderleglicheres Zeugniß vorbringen, ihr eigenes. Strafen Sie mich Lügen, Madame, wenn Sie es wagen! Sagen Sie diesen Leuten, welche an solche Schamlosigkeit unter der Maske der Ehrbarkeit, an solche Frechheit unter so harmloser Außenseite nicht glauben wollen, – sagen Sie ihnen, daß ich lüge, daß Sie nicht ans Liebe zu Herrn von Fontanieu hier auf der Lauer gestanden, um zu hören, was bei einem armen Mädchen vorgeht; sagen Sie ihnen, daß ich mich irre, wenn ich erkläre, daß Sie, wie ich, eine Courtisane sind.«

Susanne suchte Margarethe zu überschreien. Bei den letzten Worten ließ Louis von Fontanieu die Marquise los und faßte Margarethe bei der Kehle, als ob er noch Zeit gehabt hätte, das schändliche Wort zurückzuhalten.

Die Zeugen dieses beklagenswerthen Auftrittes eilten herbei, um die Unglückliche den Händen des erzürnten jungen Mannes zu entreißen. Sie schleppten Louis von Fontanieu in die Stube der alten Brigitte, während die bebende und halb bewußtlose Margarethe in ihre Wohnung gebracht wurde.

Louis von Fontanieu kam, sobald er sich losmachen konnte, in die Dachkammer zurück; er glaubte, die Marquise bedürfe seiner Hilfe, aber er fand sie nicht.

Susanne hatte die Verwirrung benutzt, um mit der Marquise das Haus zu verlassen.

Louis von Fontanieu stand vor Margarethens Thür nicht einmal still. Margarethe war ein Ungethüm, das er zertreten haben würde wie ein giftiges Thier. Die wahnsinnigen Ausbrüche der Leidenschaft, zu denen der Schmerz das arme Mädchen getrieben hatte, waren in seinen Augen ein todeswürdiges Verbrechen.

Er wankte wie ein Betrunkener über die Straße; er sah seine an ihm vorübergehenden Bekannten nicht. Kaum daß von Zeit zu Zeit ein Gefühl stolzer Befriedigung sein Herz schwellte, wenn er dachte, daß sein Wonnetraum so wunderbar in Erfüllung gegangen war, daß die Marquise von Escoman um seinetwillen so viel gewagt hatte. Er dachte nur an ihr Schicksal.

Nach diesem Scandal, welches bald bekannt werden mußte, war sie gewiß nicht nach Hause gegangen. Und war in der heftigen Erschütterung, die dieser Vorfall bei ihr bewirkt, nicht das Schlimmste zu fürchten?

Er ging in seiner Bestürzung vor das Hotel Escoman. Die Nacht war angebrochen. Das Haus war düster und öde. Kein Geräusch war zu hören; die dunklen Wände sahen gar unheimlich aus. Es war, als ob Tod und Trauer ihren Einzug gehalten hätten. Fontanieu fühlte sich von einem eisigen Schauer durchbebt; seine Angst ward so groß, daß er sich entschloß, auf jede Gefahr hin das Hotel zu betreten und den ersten Diener, der ihm begegnen würde, zu fragen was geschehen sei.

Er faßte den Thürklopfer; aber als er eben klopfen wollte, eilte eine Frau athemlos herbei und suchte mit zitternden Händen einen Schlüssel in das Schlüsselloch zu stecken.

Louis von Fontanieu und die Frau erkannten einander.

»Um des Himmels willen, Susanne, – denn sie war es, – was ist der Frau Marquise geschehen?« fragte er erschrocken.

»Kommen Sie! kommen Sie!« antwortete Susanne.

»Der liebe Gott leihe Ihnen Flügel; denn wir müssen uns beeilen, sonst finden wir sie vielleicht nicht mehr am Leben.«

Susanne, welche seiner Zustimmung gewiß war, dachte in ihrer Angst gar nicht mehr an die Ursache, welche sie hergeführt hatte; sie lief, trotz ihrer Beleibtheit, so schnell zurück, daß Fontanieu sie kaum einzuholen vermochte.

So liefen sie zur Stadt hinaus.

Susanne erklärte sich nicht, sie antwortete nicht auf die Fragen, mit denen ihr Begleiter sie bestürmte; sie schien ihre wie ein Schmiedeblasbalg schnaubenden Lungen nicht noch zum Sprechen verwenden zu können.

Sie kamen an den Fluß. Aber nachdem sie etwa hundert Schritte an der Pappelwand fortgelaufen waren, fing Susanne an zu wanken und fiel erschöpft zu Boden. Vergebens suchte sie sich wieder aufzuraffen; das in der Brusthöhle angehäufte Blut dehnte die Arterien so heftig aus, daß sie zu ersticken schien; sie konnte nicht sprechen, und die wenigen Worte, die sie hervorzubringen vermochte, hatten Aehnlichkeit mit dem Röcheln eines Sterbenden.

»Weiter! Weiter!« sagte sie, – »und Sie werden sie finden. Um des Himmelswillen! gehen Sie fort mit ihr! Leiden Sie nicht, daß sie sterbe! —«

Louis von Fontanieu hörte nicht mehr; er lief weiter, ohne sich um Susanne zu kümmern.

Während seines schnellen Laufes sah er sich nach allen Seiten um. Seine Augen suchten die Dunkelheit zu durchdringen. Plötzlich sah er neben dem Wege eine schwarze Gestalt. Er stand still. Es war die Marquise von Escoman.

Sie saß auf der Erde, mit dem Rücken an eine Pappel gelehnt. Sie hatte das Gesicht auf die Knie gebeugt. Fontanieu hörte wie ihr die Zähne klapperten.

»Madame,« sagte er, »um des Himmels willen, was ist Ihnen geschehen?«

Die Marquise sprang auf, als ob sie durch eine Feder emporgeschnellt würde.

»Wer ruft?« fragte sie mit bebender Stimme.

»Ich, Louis von Fontanieu, der Sie liebt, der nie aufgehört hat Sie zu lieben; der sich glücklich schätzen würde, wenn er von Ihnen, mit seiner Verzeihung, die Hoffnung erhielte, daß Sie seine Liebe nicht mehr verschmähen.«

»Und ich erkannte ihn nicht!« erwiederte Emma! »ich konnte zweifeln, ob er es sei! – O! mein Herz sagte mit wohl, daß er mich in meinem Elend nicht verlassen würde. Ich wußte wohl, daß Du gut bist!«

Unter allen weiblichen Wesen sind die Courtisanen am sprödesten; sie allein verstehen mit Anstand zu straucheln. Ein tugendhaftes Weib hingegen verschmäht jede Ziererei, sie zeigt sich dem geliebten Manne, wie sie denkt und fühlt. Die wahre Liebe kennt keine Bedenklichkeiten, keine Berechnungen.

Die Marquise umschlang mit der Glut der Verzweiflung den Mann, der von nun an ihre einzige Zuflucht war. Ihr Mund berührte den seinigen, und sie erwiederte mit liebender Hingebung seinen Kuß.

»Nein, nein! Sie werden mich nicht verlassen, lieber Freund!« sagte sie schluchzend. »O! was habe ich seit zwei Stunden gelitten! Ich glaubte hier unter diesem Baume sterben zu müssen! Ich wünschte mir den Tod, aber zum, Glück ist er nicht gekommen. Es wäre zu hart gewesen zu sterben, ohne Sie noch einmal gesehen zu haben. – Sie lieben mich also wirklich, Louis? Reden Sie, lassen Sie mich hören was mein Herz leise flüsterte. Denn ich habe Sie schon lange geliebt. – Wenn es nur ein Traum wäre! – doch nein, ich träume nicht. – Die Stimme jenes schrecklichen Geschöpfes klingt mir noch in den Ohren, der entsetzliche Name, den sie mir gab, brennt mich wie das Feuer der Hölle. O mein Gott! mein Gott!«

»Mein ganzes Leben soll Ihnen gewidmet sein, damit Sie jenen schrecklichen Augenblick vergessen, theuerste Emma. Ich will mein Vergehen büßen, das ich wider meinen Willen begangen. Ich schwöre Ihnen bei Allem was dem Menschen heilig sein kann, Sie so wahr, so treu zu lieben, daß Sie das schmerzliche Opfer, welches Sie mir bringen, nie bereuen werden.«

»Wozu bedarf es Ihres Schwures, Louis? Man kann nicht lügen, wenn man liebt. Wie könnte ich mir etwas aus meiner Vergangenheit zurückwünschen? Ich denke nur an Sie; was gestern, was heute geschah, habe ich vergessen. Es ist mir, als ob ich erst seit fünf Minuten lebte. Sagen Sie mir noch, Louis, daß Sie mich lieben. Ich habe oft geträumt, daß Sie es sagten, aber ich dachte nicht, daß es so süß anzuhören sei.«

Nach den ersten Herzens- und Seelenergüssen mußte an die mißliche Lage, welche Margarethe der Marquise bereitet hatte, gedacht werden.

Als die Berathung eben begonnen hatte, kam Susanne dazu.

Die Amme erkannte zu ihrer Freude an der hellen, klaren Stimme ihrer Herrin, daß diese sich völlig wieder erholt hatte. Die Freude machte dieselbe Wirkung auf sie, wie die Ermüdung; sie sank vor Fontanieu auf die Knie und schloß ihn in ihre Arme, wie eine Mutter, die ihren geliebten Sohn wiederfindet.

»Nicht wahr, Sie werden meine Emma glücklich machen? sagte sie. »Ach! Herr von Fontanieu, wenn es anders wäre! Ich bedenke erst seit einem Augenblicke, daß es doch möglich ist, und ich zittere schon. Mein Gott! Dann wäre ich die Ursache ihres Unglücks, denn ich habe – ach! ich habe vielleicht großes Unrecht gethan; wenn mich der Himmel dafür bestrafte! Nicht an mir selbst, sondern an dem Theuersten, das ich in der Welt habe: an meinem Kinde! – O!l nein, ich bin recht thöricht in meiner Angst. Sie würde es ja nicht überleben. Nein, sie wird gewiß glücklich mit Ihnen sein. Sie sind ja nicht so wie der Andere; Sie sind noch nicht in der großen Welt verdorben – Sie wird gewiß glücklich! Sehen Sie nur, sie scheint mir schon ganz verändert; ich sehe trotz der Dunkelheit, daß ihr Mund lächelt. Es ist schon lange her, daß sie nicht gelächelt hat. Sie führte mich hierher, als wir jenes Haus verließen. Ach mein Gott! warum habe ich sie auch dahin geführt! Sie sank hier unter diesem Baume nieder, und weder meine Bitten noch meine Thränen konnten sie bewegen, diesen Platz zu verlassen und sich nach Hause zu begeben. Ich wollte Hilfe holen, da traf ich Sie.«

Louis von Fontanieu wußte zwar nicht, welche wichtige Rolle Susanne in dem Abenteuer, das für ihn eine so unverhoffte Wendung genommen, gespielt hatte, aber es war ihm wohl bekannt, wie viel die Amme bei ihrer jungen Herrin galt: er wiederholte ihr daher die Schwüre, die er der Marquise geleistet.

Es wurde indessen spät; es mußte ein Entschluß gefaßt werden.

Die zaghaften Naturen, welche nicht leicht einen kühnen Entschluß fassen, lassen um so entschlossener die unvermeidlichen Folgen ihrer Handlungen über sich ergehen. Sie gehen eben so ungern zurück, als vorwärts.

Es hätte einer größern Willenskraft bedurft, als die Marquise besaß, um sowohl den Vorwürfen des Marquis, als dem allgemeinen Gespött trotz zu bieten.

Diese Rücksichten wirkten nur mittelbar auf ihren Entschluß; aber sie bestärkten sie in dem Gedanken, daß sie nicht mehr zurück könne. Dazu kam die Erinnerung an die von ihr belauschte Scene; sie war eifersüchtig auf Margarethe geblieben, sie beneidete die Grisette um die feurigen Gefühle, zu denen sie sich noch am Morgen nie erheben zu können meinte. Lauheit, Sprödigkeit wäre in ihren Augen eine Verneinung der Liebe gewesen. Trotz der Vorurtheile, welche den Stab über sie brechen würden, erschien ihr der ruhige Besitz des Geliebten außerhalb der vornehmen Welt von der sie sich losgesagt hatte, wie ein Sieg. Diese Aussicht hatte für sie jenen unwiderstehlichen Reiz, der so viele edle, für das Gute begeisterte Menschen dem frivolen Weltleben entfremdet. Ueberdies hoffte sie, durch die Größe des Opfers, welches sie dem Geliebten brachte, mit unauflöslichen Banden an ihn gefesselt zu werden.

Dieser Entschluß bot so viele von jenen unmittelbaren Vortheilen, welche das Gehirn der Liebenden verwirren, daß Louis von Fontanieu keine ernsten Gegenvorstellungen machte. Susanne allein ließ die Stimme der Vernunft laut werden: sie bat ihre Herrin dringend, dem Ungewitter die Spitze zu bieten, oder wenigstens ruhig zu überlegen.

Man gab ihr kein Gehör. Es wurde beschlossen, daß sie alle Drei noch in der Nacht abreisen sollten. Emma drang noch mehr als Louis von Fontanieu auf die Entführung; sie wünschte so sehnlich, die ihr seit einigen Stunden verhaßt gewordene Stadt zu verlassen und sich auf dem Wege zu dem vermeinten irdischen Paradiese zu sehen, daß sie nur auf dringendes Bitten die Allee verließ, um ein paar Stunden auszuruhen, bis die Vorkehrungen zur Abreise getroffen wären.

Sie bedurfte wirklich der Ruhe: die heftigen Gemüthsbewegungen, welche sie im Laufe des Tages gehabt, hatten die Kräfte der kaum Genesenen erschöpft z aber sie maß ihre Kräfte nach dem Glücke, welches ihr die erste Liebe gewährte. Sie scherzte über ihre Schwäche, sie bat Louis von Fontanieu, ihr Herz nicht nach ihrem kränkelnden Aussehen zu beurtheilen, und als sie beiden ersten Schritten, welche sie an seinem Arme machte, zu wanken begann, weigerte sie sich lange, sich von ihm bis zur Stadt tragen zu lassen.

Erst in der Vorstadt schwand auch die heitere Laune, mit welcher sie ihre Schwäche zu bekämpfen suchte; es wurde ihr wieder bange; sie erschrak vor jedem Vorübergehenden.

Zum Glück war’s zehn Uhr, und um zehn Uhr Abends sind die Straßen von Châteaudun fast leer.

Louis von Fontanieu hatte der Marquise keinen andern Zufluchtsort zu bieten als seine Wohnung. Aber wie verödet auch die Stadt bereits schien, hielt er es doch nicht für gerathen, den Präfecturplatz zu betreten, ohne die auf demselben etwa befindlichen Personen beobachtet zu haben.

Sie waren in diesem Augenblicke bei der Kirche. Der Friedhof, welcher sie vormals umgab, ward nicht mehr benutzt, aber er war noch in seiner früheren Gestalt. Dieser Ort, wie unheimlich er auch war, schien sich zu einem vorläufigen Versteck für Emma gut zu eignen.

Er ging durch eine Lücke der halbverfallenen Mauer, führte die beiden Frauen in einen Winkel des Friedhofs, hinter ein Cypressengebüsch und entfernte sich, nachdem er der Amme die Sorge für ihre Herrin dringend ans Herz gelegt hatte.

Seine Vorsicht war nicht unnütz. Zwei Männer, die vor der Präfectur auf- und abgingen, schienen Jemand zu erwarten. Der eine hatte die Gestalt und Haltung des Marquis von Escoman.

Wie gleichgültig der Marquis auch gegen seine Gemahlin war, so mußte ihr Verschwinden ihn doch beunruhigen.

Das Gerücht mochte ihm wohl schon Louis von Fontanieu als den bezeichnet haben, der ihm sagen könne, was aus der Marquise geworden.

Wenn man daher fliehen wollte, so war keine Minute zu verlieren.

Fontanieu weckte einen Lohnkuscher und bestellte einen Wagen nach Chartres, wohin er mit Mutter und Schwester in dringender Angelegenheit schleunigst reisen müsse.

Der Mann gab durch ein pfiffiges Lächeln zu verstehen, daß er den Secretär des Herrn Unterpräfecten wohl kenne und recht gut wisse, daß er weder Mutter noch Schwester in Châteaudun habe. Aber Fontanieu drückte ihm einige Thaler in die Hand. Der Mann wurde wieder ernsthaft und versprach, daß sein schönster Reisewagen, mit feinen besten Pferden bespannt, in zehn Minuten bereit stehen solle.

Diese Aussicht auf eine so schnelle Abreise wälzte dein jungen Manne einen Stein vom Herzen. Er eilte ganz erfreut zu der Kirche zurück und betrat den Friedhof; aber er fand die beiden Frauen nicht.

Eine Todeskälte ergriff ihn.

Er rief Emma leiser keine Antwort.

Er dachte, die beiden Frauen hätten sich gefürchtet und in dem Gebüsch versteckt. Er bog die Zweige auseinander und betastete den Erdboden, aber fühlte nichts als das Moos, welches die Grabhügel bedeckte, und die noch stehenden Kreuze.

Er war außer sich. Ein schwindelartiger Schrecken befiel ihn; er glaubte Gespenster zu sehen, welche dir Geliebte fortschleppten und in ein offenes Grab warfen.

Er vergaß die von den Umständen gebotene Vorsicht; er eilte über den Friedhof und rief Emma mit lauter Stimme.

Endlich glaubte er leise Klagetöne zu hören, welche von der Mitte des Friedhofs kamen. Er eilte in athemloser Angst zu der Stelle.

Die meisten Grabsteine waren eingestürzt und vom Grase bedeckt; nur das Kreuz, welches man vor Jahrhunderten auf dem Gottesacker errichtet hatte, war noch unversehrt und streckte seine Granitarme, als Sinnbild der Auferstehung, über die Schlummernden aus.

Auf dem mit Epheu umrankten Piedestal knieten Emma und Susanne. Fontanieu war durch das Schluchzen der Marquise aufmerksam gemacht worden.

»Kommen Sie! kommen Sie!« sagte er. »Der Wagen ist bereit, wir müssen vor Tagesanbruch weit von hier sein.

Emma antwortete nicht; sie weinte heftiger; ihr ganzer Körper zuckte krampfhaft.

Louis von Fontanieu wollte sie umfassen und forttragen, wie er vorhin gethan; aber sie wehrte ihn sanft ab.

»Mein Gott, was ist geschehen?« sagte er; »was haben Sie gethan?«

»Ich habe gebetet.«

»Kommen Sie doch! Wollen Sie denn, Emma, daß einige verlorne Minuten uns auf immer trennen?«

Die Marquise versuchte zu antworten, aber sie war zu tief ergriffen; sie schüttelte verneinend den Kopf, dann drückte sie beide Hände aus ihr in Thränen gebadetes Gesicht.

»Sie liebt mich nicht!« sagte Fontanieu, die Hände ringend.

»Ich liebe Dich nicht? Mein Gott, hatte ich denn an dieser Liebe sterben sollen, um ihre Aufrichtigkeit zu beweisen? – Kommt, es ist vielleicht eine Sünde, an einem solchen Orte von irdischen Gefühlen zu sprechen; aber bei diesem Kreuz, bei den Todten, die hier ruhen, schwöre ich Dir, daß ich nur an Dich denke, daß mein Herz nur für Dich schlägt.«

»Warum wollen Sie mir nicht folgen? Soll ich Sie denn nach einem solchen Geständniß verlieren? Was wird mir dann bleiben, wenn ich einen flüchtigen Blick in den Himmel gethan habe und mich wieder auf der öden, düstern Erde befinde?«

»Dies wird Ihnen bleibe,« erwiederte Emma, auf das Sinnbild der Erlösung zeigend, »dieses Kreuz, das Ihnen die Kraft geben wird, eine Prüfungszeit zu überwinden; es hat mir ja in einem Augenblicke die Kraft gegeben, gegen meine Schwache und Verirrung zu kämpfen.«

»Nein,« entgegnete Fontanieu; »über Ihren Verlust kann man sich nicht trösten. Und wenn der Beweis meiner Worte Ihrem Stolz schmeicheln kann, Marquise, so schwöre ich Ihnen bei diesem Kreuz, daß ich den Schmerz, den Sie mir bereiten, nicht überleben werde.«

Es kam ihm aber eine Hilfe von einer Seite, wo er sie nicht erwarten konnte.

»Emma, mein Kind, höre mich an,« sagte Susanne, welche fürchtete, daß Fontanieu in seiner Verzweiflung einen unheilvollen Entschluß fassen werde. »Er liebt Dich, und ich weiß wohl, daß Du nicht leben würdest, wenn er sich das Leben nähme. Weise es daher nicht von Dir das Glück, Welches Dich jetzt mit Schrecken erfüllt – und ich gestehe, daß auch ich mit Zagen daran gedacht habe. Aber Gott ist gütig, er hat Dich so schwer geprüft, daß er Dir verzeihen wird; in dieser Lage würde selbst ein Engel straucheln.«

»Nein, es schien mir, als ob ein Blitzstrahl aus diesem Kreuz strömte und mein Herz erleuchtete. O, ich würde ja alle Leiden willig erdulden; aber wenn mir deine Liebe entzogen würde, Louis! Verzeihe mir diesen Gedanken, ich kann mich desselben nicht erwehren, er erfüllt mich mit Entsetzen. Ich liebe Dich, aber ich beschwöre Dich, fordere nicht mehr von mir. Gehört uns denn nicht die Zukunft, wenn wir einander unsere Liebe bewahren und unser Gewissen rein erhalten? Gott hat mich am Rande des Abgrundes zurückgehalten, er wird sich auch meiner Thränen erbarmen; ich will ihn täglich bitten, uns zu vereinigen, ohne daß ich gezwungen bin, seine Gebote zu übertreten.«

Aber Fontanieu hörte nicht mehr; als er seine der Verwirklichung so nahen Hoffnungen schwinden sah, ward er von einer an Raserei grenzenden Wuth ergriffen und;, brach in laute Verwünschungen aus.

Die Marquise faßte seine Hand.

»Fassen Sie Muth, Louis,« sagte sie. »Wenn es Sie trösten kann, so sage ich Ihnen, daß ich eben so sehr leide wie Sie, vielleicht mehr als Sie, denn das Opfer kommt ja von mir. Weinen Sie nicht, ich bitte Sie, lieber Freund. Ich habe Ihnen bewiesen, daß ich um Ihretwillen Alles aufs Spiel gesetzt. Was lag mir an dem Urtheile der Welt, da ich Ihrer Liebe gewiß war? Aber Ihre Verachtung will ich nicht verdienen.«

»Wie, meine Verachtung? —«

»Ja. Sobald ich mich sammelte, sobald ich irrt Gebete die Kraft zu ruhiger Ueberlegung schöpfte, sah ich ein, daß dem Weibe, welches seine Pflicht verletzt, über kurz oder lang die Verachtung bevorsteht. Ich habe bedacht, wie wankelmüthig die Gefühle der Menschen sind. Was würde mir bleiben, wenn einst Ihre Liebe erkaltet, wenn Sie mich nicht mehr achten? Nein, die gegenwärtigen Leiden sind nichts gegen solche Qualen!«

»Ich sollte Sie verachten, weil Sie mir mehr als Ihr Leben gegeben! Das ist ja Wahnsinn, Einmal Wie gering denken Sie von mirs Mein Leben wird nicht lang gering sein, um Ihnen durch meine Hingebung und Selbstverleugnung zu beweisen, wie unendlich ich Sie liebe, wie sehr ich Ihnen danke. – Ich Sie verachten! eher würden diese Todten aus ihren Gräbern kommen. Ich habe Sie um Verzeihung, um Gnade zu bitten, Emma. Ich möchte meine Brust öffnen, um Ihnen die furchtbare Angst meines Herzens zu zeigen. Es wird mein Tod sein, wenn ich Sie nicht mehr sehen, Ihre Stimme nicht mehr hören kann. Ahnen Sie denn nicht, was in meinem Gemüthe vorgeht? Ach, wenn Sie fühlten, was ich fühle, würde es mein Herz gewiß errathen. Emma, treiben Sie mich nicht zur Verzweiflung!«

Bei diesen Worten schloß er sie in seine Arme; sie fühlte seine Thränen an ihren Wangen.

»Reden Sie nicht so, Louis,« erwiederte sie abwehrend; »rauben Sie mir nicht meinen Muth und meine Besonnenheit. Haben Sie Mitleid mit mir, mein theurer Louis, bereiten Sie mir nicht die Schmach, vor welcher ich zittere. Lassen Sie mich allein fort, harren Sie geduldig aus. Ich will in einem Kloster eine Zuflucht suchen, und Ihr Bild im Herzen, will ich dort leben bis zu dem Tage, wo wir uns ohne Erröthen angehören werden. Verweigern Sie mir nicht, was ich im Namen meiner unendlichen Liebe von Ihnen erbitte. – Louis, auf den Knieen beschwöre ich Dich, laß’ mich abreisen!«

»Die Frau Marquise hat Recht,« sagte eine Männerstimme ein paar Schritte hinter der Gruppe; »ich begreife nicht, daß Herr von Fontanieu schwächer ist als ein Weib.«

Fontanieu sah sich rasch um und erkannte den Chevalier von Montglas.

»Was haben Sie hier zu thun, Chevalier?« sagte er auffahrend.

»Ehe ich Ihnen antworte,« erwiederte Montglas, »erlauben Sie mir, daß ich der Frau Marquise mein Compliment mache.«

Der Chevalier trat mit zierlichen Anstande, als ob er in einem Salon gewesen wäre, auf Emma zu und erkundigte sich nach ihrem Befinden.

»Jetzt, mein junger Freund,« setzte er hinzu, »will ich Ihnen sagen, daß ich eine Rolle zu spielen habe, welche Sie mir, ohne Vorwurf sei es gesagt, sehr schwer machen. Die Rolle eines Mentor ist höchst schwierig mit einem Telemach, der auf seine Dummheiten so erpicht ist.«

»Chevalier!« sagte Louis von Fontanieu auffahrend, denn seine Empfindlichkeit wurde durch die Anwesenheit der Marquise sehr erhöht.

»Nehmen Sie es, wie Sie wollen. Ich kenne die Dankbarkeit sehr gut, und es wundert mich gar nicht, wenn Sie einem Freunde, der Sie drei Stunden in der ganzen Stadt sucht und es gut mit Ihnen meint, ein kaltes Eisen durch den Magen stoßen wollen.«

»Wer hat Ihnen denn gesagt, daß Sie mich hier finden würden?«

»Wer? Das Echo der umstehenden Häuser; es ist so wenig stumm, wie Ihr Schmerz, der fürwahr Lärm genug macht.«

Die Marquise schauderte, als sie sah, daß ein Fremder alle Gefühle ihres Herzens erlauscht hatte. Fontanieu errieth ihre Gedanken an der Bewegung des Schreckens, die sie machte.

»Beruhigen Sie sich, Marquise,« sagte er, »der Herr Chevalier von Montglas ist mein Freund; sein ehrenhafter Charakter bürgt uns für seine Verschwiegenheit. Er wird uns nicht verrathen.«

Emma reichte dein alten Chevalier die Hand, die dieser mir der ihm zur andern Natur gewordenen Höflichkeit küßte.

»Man sagt,« erwiederte er, »daß die Zeit, welche man den Damen widmet, nicht verloren ist; wir bitten indeß, unsere Huldigungen auf einen andern Tag zu verschieben. Sie haben keine Minute zu verlieren, Frau Marquise. Dieses Mal sagt es Ihnen ein verständiger, besonnener Freund.« Louis von Fontanieu athmete tief auf. Er hoffte noch, der Chevalier werde ihm zu Hilfe kommen; er meinte, der alte Wüstling könne, ohne mit seiner Vergangenheit in Widerspruch zu kommen, eine Entführung nicht hindern. Fontanieu glaubte sogar, Montglas werde die Reise mitmachen.

»Seit einer halben Stunde,« sagte er, »muß der Wagen bereit stehen; der Kutscher hat mir gute Pferde versprochen.«

»Sie hatten sich noch nicht zehn Schritte entfernt,« antwortete der Chevalier, »so suchte Ihr Kutscher den Marquis von Escoman, um ihm das Geheimniß Ihrer Abreise zu verkaufen. Der Wagen mag wohl bereit stehen, aber wahrscheinlich, um Sie an einen Ort zu führen, der nicht nach Ihrem Sinne sein würde. – Mein junger Freund,« setzte der Chevalier als echter Lebemann hinzu, »wenn man bei solchen Gelegenheiten gezwungen ist, sich auf die Verschwiegenheit eines Menschen zu verlassen, so muß man ihm recht viel Gold oder recht viele Schläge geben. Aus unendlich vielen Gründen, deren Auseinandersetzung jetzt zu viel; Zeit kosten würde, habe ich das zweite Mittel immer vorgezogen. Sie haben keines von beiden Mitteln angewandt. Jetzt sage ich Ihnen noch einmal: der Marquis ist in der Wagenremise mit sehr gemein aussehenden Leuten versteckt, und es wäre eine Thorheit von Ihnen, ihm die Spitze bieten zu wollen.«

Emma stieß einen Schrei des Schreckens aus und warf sich in Susannens Arme.

»Mein Gott, was ist zu thun?« sagte Louis von Fontanieu. »Chevalier, geben Sie uns einen Rath.«

»Mit Vergnügen, lieber Freund; ich bin ja eigentlich nur in dieser Absicht gekommen.«

»Lassen Sie hören.«

»Es ist halb zwölf. Der Postwagen fährt um halb zwölf Uhr hier durch. Wir wollen auf der Landstraße warten,« sagte der Chevalier. »Unterdessen mag sich der Marquis langweilen; seine Gesellschaft bringt nicht einmal ein Whist zu Stande, um die Zeit zu vertreiben.«

»Aber,« entgegnete Fontanieu, »ist es auch wahrscheinlich, daß im Postwagen drei Plätze leer sind?«

»Drei Plätze! – was, wollen Sie denn auch abreisen?«

»Ich sollte sie verlassen, wenn sie in Gefahr ist? Nein, ich reise mit ihr.«

»Und ich, Herr von Fontanieu, sage Ihnen, daß Sie nicht mit ihr reisen werden. – Um Sie der Gesellschaft der Frau Marquise zu entreißen, würde ich Ihnen nothigenfalls ein Pflaster von meiner Erfindung auf die Brust appliciren.«

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30 kasım 2019
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