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Kitabı oku: «Salvator», sayfa 77

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Noch einmal der Aufstand!

Diesen furchtbaren Worte »Feuer!« folgte ein ungeheurer Knall; aber der Schrei des Schreckens und der Angst, welchen die Menge ausstieß; war noch furchtbarer.

Es war eine ungeheure Verwünschung, welche Priester und Soldaten, Ministerium und König in sich schloß.

»Feuer!« wiederholte, Graf Rappt, in dem Augenblicke, wo dieser Fluch zu verstummen und sich unter der Masse zu verlieren begann, welche ihn ausgegossen.

Die Soldaten, welche ihre Waffen wieder geladen, gehorchten.

Ein zweiter Schreckensschrei erhob sich; aber diesmal sagte man nicht mehr: »Nieder mit den Ministern! Nieder mit dem König!« man rief: »Mord!«

Dies Wort, vielleicht furchtbarer, als dieß doppelte Gewehrfeuer, erdröhnte die ganze Straße entlang mit der Schnelligkeit, der Gewalt dem Getöse des Donners.

Die Barricade der Passage du Grand Cerf wurde von den Aufrührern verlassen und von den Soldaten des Herrn Rappt besetzt.


Dieser, an der Spitze seiner Leute, schleuderte Blicke voll Haß und Rachsucht auf die Bevölkerung, welche ihn so eben eine so derbe Schlappe versetzt. Er hatte viel gegeben, wenn er alle Wähler, die er seit drei-Tagen empfangen – den Apotheker und den Brauer, die beiden Bouquemont und Monseigneur Coletti mit gerechnet – vor sich gehabt, mit welcher Freude hätte er sie auf der frischen That der Empörung ertappt und sich für seine Niederlage an ihnen gerächt!

Aber keiner von Denen, welche Herr Rappt gerne hier gesehen, war anwesend der Apotheker verkehrte vertraulich mit seinem Bruder dem Brauer; die beiden Bouquemonts wärmten sich in aller Demuth an einem großen Feuer und Monseigneur Coletti lag weich und warm in seinem Bette und träumte ganz wach, Monseigneur be Quelen sei gestorben und er Coletti soeben zum Erzbischof von Paris ernannt worden.

So viel hatte Herr Rappt bei einem Ueberblick gesehen, daß kein Feind, den er kannte, zugegen war; aber in Ermangelung solcher, blickte er zornig auf alle natürlichen Feinde der Ehrgeizigen, auf Arbeiter und Bürger. Man hatte glauben sollen, er wolle sie alle mit einem Blick seines blitzenden Auges niederschmettern, und mit dem Befehl auf die Menge zu schießen, sprengte er an die Spitze eines Detachements Reiter, um so viel als möglich seinen Befehl zum Vollzug zu bringen.

Er verfolgte deßhalb galoppierend die Flüchtigen, indem er alles niederwarf, auf was er stieß, mit seinem Pferde die unglücklichen zu Boden Gefallenen überritt, und mit dem Säbel niederhieb, was noch stand; mit feuersprühendem Auge, den Säbel in der Hand, sein Pferd blutig spornend, glich er nichts so sehr dem Engel des jüngsten Gerichts – dazu fehlte ihm die göttliche Ruhe – sondern dem Dämon der Rache, als er in der Hitze seines Rittes auf eine Barrikade sprengen wollte; da die Barrikade unbesetzt schien, nahm er den Zügel zusammen und wollte das Thier über das unerwartete Hinderniß, das sich ihm bot, setzen lassen.

»Halt, Oberst!« rief plötzlich eine Stimme, die aus der Erde zu kommen schien.

Der Oberst beugte sich über den Hals seines Pferdes vor, um den zu erkennen zu suchen, der diese Aufforderung an ihn richtete, als durch sein für ihn unerklärliches Phänomen, – mit solcher Energie und Kraft war dies Kraftstück ausgeführt worden, – sein Pferd, von dem Boden aufgehoben, auf das Pflaster stürzte, und ihn natürlich in seinem Sturze mit sich riß.

Man vernehme, was bis dahin geschehen und welche Umstände den Unfall herbei führten, den Herr Rappt einen Augenblick für eine Erderschütterung hätte halten können.

Wie groß auch der Wunsch der Reiter des Herrn Rappt war, ihm zu folgen, so hatte der Oberst, der weit ungestümer war, als sie, und überdies viel besser beritten, nachdem die Barrikade mal zerstört war, mit solcher Geschwindigkeit darüber gesetzt daß zwischen ihm und seinen Soldaten eine Entfernung von mehr als dreißig Schritten entstand.

Und hinter dieser Barrikade – denn wie es kein Feuer ohne Rauch gibt, so gibt es auch keine Barrikaden ohne Barrikadenmacher, – hinter dieser Barrikade sagen mir, war Jean Taureau beschäftigt; er suchte Toussaint Louverture und Sac-à-Plâtre, welche das Feuer der Soldaten des Herrn Rappt natürlicherweise zerstreut hatte.

Salvator hatte ihm den Befehl gegeben, sie aufzusuchen und zum Heimgehen zu bewegen und Jean Taureau suchte sie, um sie, wenn es sein müßte, mit Gewalt zur Befolgung des Befehls zu zwingen, den er erhalten.

Nachdem er mit dem größten Eifer, wenn auch fruchtlos, überall nach seinen Freunden geforscht, wollte der ehrenwerthe Zimmermann sich gerade zurückziehen, als er das erste Kleingewehrfeuer horte, das Herr Rappt kommandiert hatte.

»Es scheint, Herr Salvator hatte Recht,« murmelte Jean Taureau, »man metzelt die Vorbeigehenden ein klein wenig.«

Man verzeihe uns den Ausdruck metzeln, der etwas gar zu familiär klingen mag; aber Jean Taureau war nicht von der Schule des Abbé Delille und dieses Wort drückte so vortrefflich seinen Gedanken aus, und gibt genau genommen den unsrigen so gut wieder, daß man uns die Form um der Sache willen verzeihen wird.

»Nun, da die Sachen so stehen,« fuhr der Zimmermann für sich fort, »so glaube ich, es wäre klug, wenn ich thun würde, was die Freunde mir bereits gethan zu haben scheinen, das heißt mich zurückziehen.«

Unglücklicher Weise war dieser Entschluß leichter zu fassen, als auszuführen.

»Verdammt! Verdammt!« fuhr der Zimmermann fort, indem er seinen Blick um sich her warf, »wie das machen?«

Vor Jean Taureau her floh nämlich eine dichte und schwer zu durchschneidende Masse; der Zimmermann wollte überdies weder fliehen, noch das Ansehen haben, als ob er fliehe.

Hinter ihm drein kamen die Reiter mit dem Säbel in der Hand und im Galoppe.

Endlich war rechts und links in den umliegenden Straßen die Circulation untersagt, indem jeder dieser Ausgänge von einem Piket Soldaten mit aufgesetztem Bajonette versperrt war.

Und mir wissen, daß unser Freund Jean Taureau nicht gerade die eingefleischte Geistesgegenwart war; er warf deshalb verzweifelte Blicke nach beiden Seiten, als er eine zweite in der Mitte durchbrochene Barrikade sah, hinter welcher sich zu verstecken er für das Klügste hielt.

Zwei bis drei Menschen, welche in einem Winkel dieser Barrikade versteckt waren, schienen denselben Gedanken gehabt zu haben, wie er.

In diesem Augenblick suchte Jean Taureau jedoch Niemand seines Gleichen; er suchte einen Balken, ein Gerüste, einen Stein. um die Oeffnung der erwähnten Barrikade zu schließen, den Reitern Einhalt zu thun und sich Zeit zu geben, mit heiler Haut davon zukommen.

Er gewahrte einen kleinen Karten und machte sich ans Werk; das heißt erzog ihn nicht, das hätte zu lange gedauert, da die Straße mit Trümmern überhäuft war, sondern er trug ihn nach der Oeffnung.

Er war gerade im Begriff, so künstlich als möglich die aufgelöste Ordnung wieder herzustellen, als ihn ein unerwarteter Angriff die Bestimmung des Wagens zu ändern und aus der Vertheidigungswaffe eine Angriffswaffe zu machen zwang.

Sagen wir, wer die drei bis vier Menschen waren, welche Jean Taureau erblickte, was sie hier thaten und über was sie stritten.

Sie stritten über die Identität Jean Taureau’s.

»Er ist es,« hatte zuerst ein Mann mit langem und blassem Gesichte gesagt.

»Wer, er?« fragte ein Anderer mit ausgesprochen provencalischem Dialekte.

»Der Zimmermann.«

»Ach was! es gibt sechs tausend Zimmerleute in Paris.«

»Nun, Jean Taureau.«

»Du glaubst?«

»Ich weiß gewiß.«

»Hm!«

»O! es gibt kein Hm!«

»Nun,« sagte einer der Männer, »es gibt eine sehr einfache Art sich der Wahrheit zu vergewissern.«

»Es gibt verschiedene Arten; von welcher sprichst Du?«

»Wenn ich von der einfachsten spreche, so spreche ich von der besten.«

»Nun, so sprich, was Du meinst; aber sprich leise und rasch, der Schuft könnte uns entkommen.«

»So hört,« fuhr der fort, dessen Accent bereits den Südländer verrathen. »Was machst Du, Longue Avoine, wenn Du wissen willst, wie viel Uhr es ist?«

»Gewöhne Dir doch ein für allemal ab, die Leute bei ihrem Namen zu nennen.«

»Bist Du so eitel, zu glauben, Dein Name sei so populär?«

»Nein; aber thut nichts. Du fragtest, was ich thue, wenn ich wissen wollte, wie viel Uhr es sei?«

»Ja.«

»Ich frage die Einfältigen, die eine Uhr haben.«

»Nun gut, um Dich der Identität eines Menschen zu versichern, genügt es . . . «

»Ihn darum zu befragen.«

»Dummkopf, der Du bist! Du hast gerade das einzige Mittel gefunden, um es nicht zu erfahren.«

»Was muß man dann thun?«

»Man muß ihn nicht um seinen Namen fragen, man muß ihn ihm sagen.«

»Ich begreife das nicht.«

»Weil Du auch kein Stäubchen von Christoph Columbus bist, lieber Freund; aber folge mir aufmerksam. »Ich gewahre Dich in der Menge, ich glaube Dich zu erkennen und doch zweifle ich.«

»Was thust Du, dann.?«

»Ich gehe ganz sachte zu Dir hin; ich nähere mich Dir freundlich; ich nehme höflich meinen Hut ab und sage mit einer unendlich weichen Stimme:,Guten Morgen, lieber Herr Longue Avoine!«

»Das ist wahr; aber ich antworte Dir mit nicht minder weicher Stimme:,Mein lieber Herr, Sie sind im Irrthume; heiße Christostomus aber Bonaventura.’ Was hast Du darauf zu antworten?«

»Du täuschest Dich, lieber Freund, Du antwortest das nicht, denn – es sei dies gesagt, ohne Dich zu beleidigen – es gehört viel Geist dazu, Ueberraschungen vorauszusehen. Du machst im Gegentheile irgend eine Bewegung, wenn Du Dich rufen hörst, während Du Grund dazu hast, nicht erkannt sein zu wollen. In Folge dieser Bewegung drückt Dein Gesicht eine Bestürzung irgend einer Art aus; Du schauerst, Du besonders, Longue Avoine, denn Du bist verteufelt nerveus. Bemerke wohl, künftiger Kirchenältester meines Herzens; daß dieser Coloß da beinahe eben so empfindungslos ist, als es der Coloß von Rhodus oder jeder Coloß jeder andern Stadt sein konnte. Es genügt daß Du Dich ihm näherst und mit jener salbungsvollen Höflichkeit, die Dir eigen, zu ihm sagst:,Guten Morgen, lieber Herr Jean Taureau.’«

»Ja,« antwortete Longue Avoine, »nur befürchte ich, daß unser Zimmermann nicht eben so viel Urbanität in seine Antwort legt, als ich in meine Frage legen könnte.«

»Sagen wir’s deutlicher: Du fürchtest, daß er Dir einen Schlag versetzt.«

»Heiße das Gefühl das ich habe, Furcht oder Argwohns, gleichgültig; aber . . . «

»Aber Du zauderst.«

»Allerdings.«

Unsere drei Gefährten waren eben recht im Zuge, als eine vierte Person, welche ungefähr ebenso groß, als Longue Avoine war, zwischen die Sprechenden trat und fragte:

»Darf man sich in eure Unterhaltung mischen, Freunde?«

»Gibassier!i« machten die drei Agenten in einem Athemzuge.

»Pscht!« sagte Gibassier; »wo stehen wir?«

»Wir stehen bei Deinem Abenteuer auf dem Boulevard des Invalides,« sagte Charmagnole; »bei dem Menschen, der Dir den Hals zuschnürt um Dir einen Vorgeschmack der Seligkeit zu geben, die man beim Hängen, wie man wenigstens versichert, empfindet.«

»O! der Schuft,« sagte Gibassier, indem er mit den Zähnen knirschte, »wenn ich ihn je wieder finde . . . «

»Nun,« sagte Carmagnole, »er ist gefunden.«

»Wie! Gefunden?«

»Sieh,« fuhr Carmagnole fort, indem er Gibassier den zeigte, der seit fünf Minuten der Gegenstand des Streites war, »ist es der?«

»Freilich ist er’s,« rief der Sträfling und das Pistol in der Hand stürzte er sich auf Jean Taureau.

Als Carmagnole Gibassier auf Jean Taureau stürzen sah, folgte er Gibassier und gab Longue Avoine ein Zeichen ihm ebenfalls zu folgen.

Longue Avoine gab dem vierten Gefährten ein Zeichen, das Beispiel nachzuahmen, das sie ihm gaben.

Jean Taureau hatte so eben den Karren an den Schwanzbäumen aufgehoben und trug ihn mit ausgestreckten Armen, als Gibassier sich, gefolgt von seinen drei Freunden, auf ihn stürzte.

Der Sträfling richtete seine Waffe auf den Zimmermann und gab Feuer.

Der Schuß ging los, aber die Kugel traf die Mitte eines Brettes des Karrens, der schwer auf Gibassier fallend, seinen Kopf an einer seiner Runzeln, traf, auf seine Schultern fiel, den Sträfling niederwarf und ihm das Aussehen eines Menschen gab, der im Halseisen steckt, um den Hals jedoch statt eines einfachen Eichenbrettes einen so schweren Karren trug, daß das Meteor des Boulevard des Invalides ihm wie ein Wollball dagegen erschien.

Dies Schauspiel erschreckte Longue Avoine, bestürzte Carmagnole und machte den dritten Gefährten schauern.

Alle drei liefen deßhalb, so rasch sie ihre Beine tragen konnten, davon und überließen Gibassier seinem Schicksale.

Aber Jean Taureau war kein Mann, dem man so leicht entfloh. Ohne sich weiter um den von seinen vier Gegnern zu kümmern, der unter der Last des Wagens sein Gefangener blieb, sprang er über die Schwanzbäume und hatte mit vier fünf Sätzen einen der Flüchtigen eingeholt.

Dies war Longue Avoine.

Mit Longue Avoine, den er bei den Füßen packte, wie einen Dreschflegel, schlug er Carmagnole nieder.

Dann schleppte er die beiden Ohnmächtigen der Eine war von dem Schlag, den er gegeben, der Andere von dem Schlag, den er empfangen ohnmächtig, – fort; warf sie in den Karren und schob diesen, ohne sich um die peinliche Lage zu kümmern, in die er Gibassier durch diese Bewegung versetzt, in die Oeffnung der Barrikade, die mitten unter dem Pelotonfeuer den Oberst Rappt dadurch wieder hergestellt wurde, während dieser keine Ahnung hatte, als er mit seinen Leuten auf sie lossprengte, daß sie durch einen einzigen Menschen plötzlich wieder ausgebessert und verstärkt worden würde.

Während dieser Zeit bewegte sich Gibassier unruhig unter dem Karren hin und her, wie Enkelados unter dem Aetna.

Das war’s, was ihn verdarb.

Jean Taureau schwang sich in den Karren; um zu sehen, was die Ursache dieser Schwankung sei. Er sah den Kopf Gibassiers durch, einen der eichenen Speicher hervorstecken.

Erst jetzt erkannte er Gibassier wirklich.

»Ha, Elender,« rief er, »Du bist es also? . . . «

»Wie! Ich?« sagte der Sträfling.

»Ja, Du . . . Du der Geliebte von Fisine!«

»Ich schwöre Ihnen,« sagte Gibassier, »daß ich nicht weiß, was Sie sagen wollen.«

»Nun, so will ich Dir’s sagen,« heulte Jean Taureau.

Und ohne sich um das zu kümmern, was um, vor und hinter ihm geschah, hob sich seine Faust wie eine schwere Waffe, und fiel mit dumpfem Geräusche auf das Haupt Gibassiers.

»Im selben Augenblick bekam Jean Taureau einen heftigen Stoß und sah sich unter dem Bauche eines Pferdes.

Der Oberst sprengte auf die Barrikade.

Die hinteren Beine des Pferdes stecken zwischen den Holzstücken und Pflastersteinen, während die vorderen Beine auf die Schwanzbäume des Karrens fielen

Jean Taureau brauchte nur eine Anstrengung mit seinen starken Hüften zu machen, um das Thier, das auf dem beweglichen Boden nicht sicher stand, umzuwerfen.

Er machte diese Anstrengung und sagte:

»Halt Oberst!«

Und da er dies mit aller Kraft gethan, so stürzten Pferd und Reiter auf dass Pflaster.

Jean Taureau wollte eben auf den Oberst Rappt stürzen, um ihn aller Wahrscheinlichkeit nach in der Art wie, Gibassier zuzurichten, als die Reiter, welche dem Oberst folgten, und die von Anfang etwas entfernt von ihm, einige Schritte zurück waren, mit dem Säbel in der Hand sechs oder neun Fuß von der Barrikade erschienen.

»Hierher, hierher, Alter!« rief eine heitere Stimme, welche Jean Taureau als ihm nicht ganz fremd erkannte.

Und zu gleicher Zeit fühlte sich der Zimmermann an dem Zipfel seines Wammses gepackt.

Er erhob, sich rasch und sprang mit einem Satz auf den Weg, ohne sich weiter um den zu kümmern, der ihm diesen freundlichen Rath ertheilt, indem er den leblosen Körper Carmagnoles und Longue Avoines als Stücke der Barrikade zurückließ, gegen welches die Cavallerie des Oberst Rappt ansprengte.

Er kümmerte sich nicht weiter um Gibassier, der noch immer unter dem Wagen lag.

Er hatte nur das unklare Gefühl, »daß er sich um sich selbst kümmern müsse.

Dieser instinctliche Selbsterhaltungstrieb ließ ihn nach der Straße eilen.

Dort hörte er wieder dieselbe heisere Stimme welche ihm zurief:

»Näher an den Häusern, näher an den Häusern, oder Ihr seid des Todes!«

Er drehte sich um und gewahrte Fasiou.

Eint guter Rath und gäbe ihn auch ein Feind, bleibt doch immer ein guter Rath; daher Jean Taureau war zu sehr ein Mensch der ersten Eingebungen, um die Wahrheit dieses Grundsatzes zu erkennen; er sah in Fasiou nur jenen ehemaligen Freund von Modemoiselle Fisine, die ihm so grausame Stunden der Eifersucht verursacht.

Er ging gerade auf den armen Menschen zu indem er mit den Zähnen knirschte, die Fäuste ballte und ihn mit drohendem Blicke ansah.

»Du bist es also, elender Hanswurst,« sagte er zu ihm, der sich erlaubt, zu mir zu sagen: »Hierher, mein Alter?«

»Freilich bin ich es Herr Barthélemy,« sagte Fasiou; »denn ich möchte nicht, daß Euch ein Unglück begegnete.«

»Und warum möchtest Du nicht, daß mir ein Unglück begegnet?«

»Weil ihr ein braver Mensch seid!«

»So war also Deine Absicht, als Du mir sagtest: »Hierher, Alter!« keine Herausfordernde?« fragte Jean Taureau.

»Euch herausfordern, Euch?« rief Fasiou zitternd. »Nein, ich wollte Euch von dem in Kenntnis setzen, was geschieht. Seht; seht dort die Soldaten, welche Feuer geben werden! kommt rasch in diesen Gang; ich habe eine Bekannte in diesem Hause; wir können ruhig bei ihr warten, bis Alles vorbei ist.«

»Gut, gut,« sagte Jean Taureau, »ich bedarf weder Deines Rathes, noch Deines Schutzes.«

»So stellt Euch doch wenigstens auf die Seite!« sagte Fasiou, indem er den Riesen zu sich heranzuziehen suchte.

In dem Augenblicke jedoch, wo Fasiou diese Worte aussprach, sah sich Jean Taureau von einer Rauchwolke umgeben; ein furchtbarer Knall ertönte, die Kugeln pfiffen und er sah Fasiou zu seinen Füßen zusammenstürzen.

»Tausend Donnerwetter!« sagte Jean Taureau, indem er den Soldaten die Faust wies, »man metzelt die Leute nur so mir nichts die nichts nieder!«

»Helfen Sie mir, Herr Barthélemy, helfen Sie mir!« murmelte Fasiou mit so schwachen Stimme, daß man hätte glauben fallen, er sei dem Tode nahe.

Dieser Ruf ging dem braven Zimmermann zu Herzen; er beugte sieh tief herab, nahm Fasiou auf die Arme und stieß mit einem Fußtritt die Thüre des Ganges auf, die ihm Fasiou bezeichnet hatte und die sich während des Gespräches unglücklicher Weise geschlossen.

Er verschwand gerade in dem Augenblicke indem Gange, wo Herr Rappt, der sein Pferd wieder auf die Beine gehoben und sich in den Sattel geworfen, mit wüthender Stimme rief:

»Haut die Schufte mit dem Säbel nieder oder erschießt sie!«

Die Truppe sprengte auf die Barrikade.

Achtzig in Galopp gesetzte Pferde sprengten über die Leichen Carmagnoles und Longue Avoines,

Bittet für ihre Seelen!

Als es Gibassier gelungen, sich aus seinem Halseisen zu ziehen, war er bis zum Pflaster hinabgekrochen und hatte mit großer Mühe das Trottoir gegenüber von dem erreicht, wo Jean Taureau mit Fasiou verschwunden war.

»Nun,« hatte Jean Taureau gesagt, »also sind wir in dem Gange; was weiter?«

»In den fünften Stock,« hatte Fasiou geantwortet.

Er war ohnmächtig geworden.

Der Riese erkletterte die fünf Stockwerke, ohne nöthig zu haben, Halt zu machen; Fasiou wog in seinen Armen nicht mehr als ein Kind in denen eines gewöhnlichen Menschen.

In diesem Stockwerk angekommen, das oben am Ende der Treppe war, sah sich Jean Taureau zwischen sieben bis acht Thüren, die den Treppenabsatz rings umgaben.

Da er nicht wußte, an welche er klopfen sollte, so fragte er Fasiou, der Unglückliche aber mit seinen weißen Wangen, blauen Lippen und geschlossenen Augen gab kein Zeichen des Lebens von sich.

»Armer Junge!« sagte Jean Taureau bewegt, »armer Junge.«

Aber Fasiou blieb unbeweglich.

Diese Blässe und diese Unbeweglichkeit rührten den Zimmermann tief, der, um sich seine Bewegung nicht merken zu lassen, vor sich hinmurmelte:

»Junge! nun! armer Junge! komm zu Dir, Du bist ja nicht todt! Was ist das für eine Geschichte, solch dummes Zeug zu treiben!«

Aber der arme Fasiou war weit entfernt, Possen mit Jean Taureau zu treiben; er hatte eine Kugel durch die Schulter bekommen und lag wirklich in Folge des Schmerzes oder des Blutverlustes in einer Ohnmacht.

Fasiou beobachtete darum das tiefste Stillschweigen.

»Donnerwetter!« wiederholte Jean Taureau.

Dieser Fluch konnte mit der Frage übersetzt werden: »Was thun?«

Er faßte die nächste Thüre ins Auge und stieß mit der Ferse daran, indem er rief:

»Jemand da! Holla! Jemand da!«

Zwei oder drei Sekunden später drehte sich ein Schlüssel im Schlosse und ein bestürzter Bürger erschien in Hemd und Baumwollmütze auf der Schwelle seines Zimmers.

Er hielt in der Hand einen Leuchter, .der zwischen seinen Fingern nicht mehr und nicht weniger schwankte, als die Fackel in der Hand Sganarello’s, wenn dieser dem Comthur im Don Juan voranschreitet.

»Ich habe beleuchtet, meine Herren, ich habe beleuchtet,« sagte der Bürger, welcher glaubte, man sei gekommen, um ihn zu mahnen, seine Sympathie für die Wahlen zu manifestieren.

»Es handelt sich nicht darum,« unterbrach ihn Jean Taureau, »Hier ist ein Kamerade (und er deutete auf Fasiou) der ziemlich schwer verwundet ist; er hat, wie es scheint, eine Bekanntschaft hier auf Ihrem Stockwerk und ich. möchte ihn niederlegen. Sie, der Sie zum Hause gehören, können mir ohne Zweifel sagen, an welche Thüre ich klopfen muß.«

Der Bürger warf einen flüchtigen Blick auf den Fremden.

»Ah! das ist Herr Fasiou,« sagte er.

»Nun?« fragte Jean Taureau.«

»Nun, das ist wahrscheinlich hier,« sagte der Bürger.

Und er deutete auf eine Thüre gegenüber der seinigen.«

»Ich danke,« sagte Jean Taureau indem er sich nach der bezeichneten Thüre begab.

Und er pochte.

Einige Sekunden verflossen und man hörte leichte und schüchterne Schritte, die sich dem Treppenabsatz näherten.

Jean Taureau pochte noch einmal.

»Wer ist da?« fragte eine weibliche Stimme.

»Fasiou, sagte der Zimmermann, dem es ganz natürlich schien, diesen Namen statt des seinigen zu nennen.

Aber er täuschte sich in seiner Berechnung; die Bekannte Fasious kannte nicht nur Fasiou, sondern auch seine Stimme und sie rief deshalb:

»Das ist falsch, ich erkenne seine Stimme nicht.«

»Teufel!« sagte Jean Taureau, »sie hat vollkommen Recht; sie kann die Stimme Fasious nicht erkennen, weil es die meine ist.«

Er sann einen Augenblick nach; aber wir haben bereits gesagt, das Denken war nicht das größte Talent Jean Taureau’.

Zum Glück kam ihm der Bürger zu Hilfe.

»Mademoiselle,« sagte er, »Sie erkennen die Stimme Fasious nicht; kennen Sie die meinige?«

»Ja,« antwortete das junge Mädchen, welche angeredet wurde; »Sie sind Herr Guyomard, mein Nachbar.«

»Sie trauen: mir also?« fragte Herr Guyomard.

»Gewiß; ich habe keinen Grund, Ihnen zu mißtrauen.«

»Nun gut, Mademoiselle, öffnen Sie Ihre Thüre, um Gotteswillen; Herr Fasiou, Ihr Freund, ist verwundet und bedarf der Unterstützung.«

Die Thüre öffnete sich so rasch, daß kein Zweifel über den Grad des Interesses sein konnte, welches das junge Mädchen für den Verwundeten haben konnte.

Das junges-Mädchen war wirklich niemand anders, als die Colombine des Theaters von Meister Galilee Copernicus.

Sie stieß einen Schrei der Ueberraschung aus, als sie ihren Freund ohnmächtig und in seinem Blut gebadet sah, warf sich auf den armen Fasiou, ohne sich um Jean Taureau, der den armen halb leblosen Körper trug, noch um den Bürger zu kümmern, den mit etwas sichererer Hand, seitdem er wußte, daß er persönlich keine Gefahr lief, die Scene beleuchten.

»Sie matten also den armen Teufel bei sich auf nehmen, Mademoiselle?« fragte der Zimmermann.

»O, mein Gott, nur rasch?« rief die Colombine.

Der bürgerliche Träger der Leuchte schritt ihnen in das Zimmer voran; Jean Taureau folgte mit seiner .Last; das junge Mädchen kam zuletzt.

Der Zimmermann warf einen flüchtigen Blick über das Zimmer; das Ameublement bestand aus einigen Stühlen, einem Tische und einem Bette.

Er hatte keine Wahl und legte Fasiou aus das Bett, ohne die Herrin des Zimmers weiter darum zu befragen.

»Kleiden Sie ihn nur recht sanft aus,« sagte er. »Ich teilt einen Arzt holen; wenn er nicht gleich kommen sollte, so werden Sie nicht zu sehr ungeduldig; es ist schwer heute durch die Straßen zu kommen.«

Und der muthige Jean Taureau stieg rasch die Treppe hinab und eilte zu Ludovic .

Ludovic war nicht zu Hause; aber seit den zwei Tagen, solange Ludovic nicht zu Hause war, wußte man, wo er zu finden.

Seit zwei Tagen war Rose-de-Noël wieder in der Rue d’Ulm.

Die Brocante hatte eines Morgens den Käfig Rose-de-Noëls leer gefunden, der reizende Vogel, der ihn sonst belebte, war ausgeflogen; an einem andern Morgen fand man, wie Salvator vorausgesehen, das junge Mädchen friedlich eingeschlafen in seinem Bette.

Als Gerard todt war, hatte unser Freund, Herr Jackal, keinen Grund mehr, das Kind entfernt zu halten, das im Stande war, wenn auch nicht volles Licht, so doch einen Dämmerschein auf die Sarrantische Angelegenheit zu werfen.

Als man Rose-de-Noël bei ihrem Erwachten befragte, antwortete sie, daß man sie nach einem Hause gebracht, wo gute Nonnen sich mit größter Sorgfalt um sie mühten, wo sie mit Confect und Bonbons überfüttert worden und wo sie keinen andern Schmerz gehabt, als von ihrem guten Freunde Ludovic getrennt zu sein.

Da sie fürchtete, etwas Aehnliches möchte sich wiederholen, wurde sie von Salvator beruhigt, der ihr sagte, daß sie nichts dergleichen zu fürchten habe, sondern daß sie in eine gute Pension kommen werde, wo sie alles lernen sollte, was sie noch nicht wüßte, und daß Herr Ludovic sie zweimal in der Woche besuchen könnte, bis der Tag käme, wo sie die Pension verließe, um die Frau Ludovics zu werden.

All das war nicht sehr erschreckend. Rose-de-Noël hatte überdies ihren Entschluß gefaßt, namentlich, als Ludovic ihr gesagt, daß er die Dispositionen Salvator’s vollkommen billige.

Das war der Grund, weßhalb Ludovic in der Rue d’Ulm, statt bei sich zu Hause war.

In einem Augenblick hatte Ludovic den Weg von der Rue d’Ulm nach der Rue Saint Denis zurückgelegt und war bei Fasiou.

Man gestatte uns, zu dem Aufstande zurückzukehren, der übrigens seinem Ende entgegen ging.

Von dem Augenblicke, wo Jean Taureau sie verlassen, war die Straße ein Schlachtfeld geworden, wenn man diesen Namen dem Orte geben kann, wo eine Metzelei aufgeführt wurde und einen Zusammenstoß, bei dem die eine der Parteien mit Säbel und Flinte wüthet, während die andere Mehrheit und sich zu retten sucht.

Da kein Widerstand organisirt war, wurde auch kein Widerstand geleistet.

Die Hospitäler nahmen die Verwundeten auf.

Die Morgue nahm die Todten auf.

Die Journale vom nächsten Tag enthielten nur Einen Theil der Ereignisse, aber die öffentliche Stimme erzählte das Uebrige.

Das Schießen der Cavallerie, welches der Herr Oberst Rappt kommandiert, wurde als Dragonnade der Rue Saint Denis bezeichnet.

Das Ministerium Villèle, das sich durch den Schrecken zu konsolidieren dachte, gleitete in dem Blute aus und fiel, um einem Ministerium von gemäßigterer Ansicht Platz zu machen, in welches Herr von Marande als Minister der Finanzen und Herr von Lamothe-Houdan als Kriegsminister eintraten.

Herr Rappt wurde in Folge seiner guten und Royalen Dienste in der Rue Saint Denis zum Feldmarschall und Pair von Frankreich ernannt.

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04 aralık 2019
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1707 s. 13 illüstrasyon
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