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Kitabı oku: «Salvator», sayfa 78

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CII
Wo man den Vater findet, während man die Tochter zu finden hofft

Einige Tage nach den Ereignissen, die mir soeben erzählt, und die für unser Buch sind, was gewisse öde Steppen für die fruchtbarsten Länder und die schönsten Landschaften, dass heißt Wüsten, die man nothwendig durchwandern muß, um zu den Oasen zu kommen – einige Tage nach jenen Ereignissen nahm der General Lebastard de Premont, welcher auf das von Salvator dem Herrn Jackal gegebene Wort, daß er, nachdem Herr Sarranti gerettet war, keine verderblichen Plane gegen die Regierung beabsichtige, in Paris geduldet wurde, Herr Lebastard de Premont, sagen wir nahm mit Herrn Sarranti Abschied von dem, welchen wir von nun ab immer seltener den Commissionär nennen wollen, um ihm seinen wahren Namen Conrad von Valgeneuse zu nennen.

Er saß in Salvators Salon, neben sich zur Linken seinen jungen, zur Rechten seinen alten Freund.

Nach Verfluß einer halben Stunde vertraulicher Plauderei erhob sich der General Lebastard und bot Salvator zum Zeichen des Abschiede die Hand; dieser aber, der seit seinem Eintreten, von einem bestimmten Gedanken beherrscht schien, hielt ihn und bat ihn mit seinem sanften und ruhigen Lächeln, ihm nach einige Minuten zu einer bis dahin zurückgehaltenen Mittheilung zu gönnen, zu der, wie er sagte, jetzt der rechte Augenblick gekommen sei.

Herr Sarranti machte eine Bewegung, um sich zurückzuziehen und den General mit Salvator allein zu lassen.

»O, nein,« sagte der junge Mann, »Sie haben allen Kummer und alle Gefahren des Generals getheilt; es ist gerecht, daß Sie seine Freude theilen, wenn der Tag der Freude gekommen ist.«

»Was wollen Sie sagen, Salvator?« fragte lebhaft der General, »und welche Freude kann mir noch werden, als die, Napoleon II. Auf dem Throne seines Vaters zu sehen?«

»Es gibt doch noch anderes Glück für Sie, General,« versetzte Salvator.

»Ach! Ich kenne keines,« antwortete dieser, indem er traurig den Kopf schüttelte.

»Gut, General, zählen Sie zuerst Ihre Schmerzen und dann zählen Sie Ihre Freuden.«

»Ich habe nur drei große Schmerzen in dieser Welt gehabt,« sagte Herr Lebastard de Premont; »der erste und größte war der Tod meines Herrn der zweites fügte er hinzu, indem er sich nach Herrn Sarranti hinwandte und ihm die Hand bot, »die Verurtheilung meines Freundes; der dritte . . . «

Der General zog die Brauen heftig zusammen und hielt inne.

»Der dritte?« fragte Salvator.

»Die dritte ist der Verlust meines Kindes, das ich geliebt hätte, wie ich seine Mutter liebte.«

»Nun, General,« sagte Salvator, »da Sie die Zahl Ihrer Schmerzen kennen, sollen Sie die Zahl Ihrer Freuden kennen lernen. Es ist schon eine Freude, die Wiederkehr des Sohnes Ihres Herrn wie Sie ihn nennen, zu erwarten; eine zweite Freude ist das Glück und die Freiheit Ihres Freundes; endlich wäre eine dritte Freude das Wiederfinden Ihres geliebten Kindes.«

»Was wollen Sie sagen?« rief der General-.

»Nun, wer weiß!« sagte Salvator, »ich kann Ihnen vielleicht diese höchste Freude bereiten.«

»Sie?«

»Ja, ich.«

»O sprechen Sie, sprechen Sie, mein Freund,« sagte der General.

»Sprechen Sie rasch,« sagte Herr Sarranti.

»Alles hängt davon ab,« fuhr Salvator fort, »welche Antworten Sie auf die Fragen geben, die ich an Sie richten werde. Sind Sie jemals in Rouen gewesen?«

»Ja,« sagte der General zitternd.

»Mehrmals?«

»Einmal.«

»Schon lange?«

»Vor fünfzehn Jahren.«

»Das wäre also 1812?« sagte Salvator.

»1812, ja.«

»War’s bei Tag oder bei Nacht?«

»Bei Nacht.«

»Sie kamen in einem Postwagen?«

»Ja.«

»Sie hoben sich nur einen Augenblick in Rouen aufgehalten?«

»Allerdings,« antwortete der General immer erstaunter, »nur die Pferde ausschnaufen zu lassen und nach dem Weg zu einem kleinen Dorfe zu fragen, nach welchem ich mich begab.

»Dieses kleine Dorf,« sagte Salvator, »hieß La Bouille.«

»Wie!« rief der General, »Sie wissen?«

»Ja,« sagte Salvator lachend, »ja, ich weiß das, General, und noch viele andere Dinge; oder erlauben Sie mir fortzufahren. In La Bouille angekommen, hielt diese Postchaise vor einem Hause von armseligem Aussehen; ein Mann stieg aus dem Wagen und trug in feinen Armen eine unförmige und ziemlich umfangreiche Last; es ist unnöthig zusagen, daß Sie dieser Mann waren, General.«

»Allerdings, das war ich.«

»Als Sie vor dem Hause standen, Untersuchten Sie aufmerksam Mauer und Thüre, zogen einen Schlüssel aus Ihrer Tasche, öffneten die Thüre und fanden tastend ein Bett, auf das Sie die Last niederlegten, die Sie in Ihren Armen hielten.«

»Das ist richtig,« sagte der General.

»Sie legten also die Last nieder,« fuhr Salvator fort, »zogen aus Ihrer Tasche eine Börse und einen Brief, den Sie auf das nächste Möbel niederlegten, das Ihnen unter die Hand kam. Nachdem Sie dann leise die Thüre geschlossen, stiegen Sie wieder in den Wogen und die Pferde schlugen den Weg nach Havre ein. Ist all’ dies genau?«

»Von solcher Genauigkeit,« sagte der General, »das; wenn Sie nicht Alles selbst gesehen, ich nicht wüßte, wie Sie die Sache so kennen sollten.«

»Und doch ist nichts einfacher. Sie werden es sogleich begreifen. Ich fahre also fort; das sind Thatsachen, die Sie kennen und die mir beweisen, daß meine Erkundigungen gut sind und meine Hoffnungen mich nicht täuschen werden.

So hören Sie jetzt die Thatsachen, die Sie nicht kennen.«

Der General verdoppelte seine Aufmerksamkeit.

»Hinter Ihnen drein, ungefähr eine Stunde nach Ihrem Weggehen, hielt eine gute Frau, die vom Markte von Rouen zurückkam, vor dem selben Hause, wo Sie gehalten, zog ebenfalls einen Schlüssel aus der Tasche, öffnete die Thüre und stieß einen Schrei des Entsetzens aus, als sie bei ihrem Eintritte in des Zimmer das Gewimmer eines Kindes hörte.«

»Arme Mina!« murmelte der General.

Ohne die Unterbrechung zu bemerken zu scheinen, fuhr Salvator fort:

»Die gute Frau beeilte sich, eine Lampe anzuzünden und, geleitet von dem Geschrei, sah sie einen weißen Gegenstand, der sich bewegte und auf seinem Bette hin und her wälzte; sie hob einen langen Mousselinschleier und entdeckte frisch und rosig und von Thränen übergossen, ein reizendes kleines Mädchen von ungefähr einem Jahre.«

Der General fuhr mit der Hand über die-Augen-; er trocknete zwei dicke Thränen.

»Groß war die Ueberraschung der guten Frau, als sie das Zimmer, das sie leer gefunden, so seltsam bewohnt fand. Sie nahm das Kind in ihre Arme, besah es näher und drehte es nach allen Seiten. Sie suchte in seinen Kleidern irgend ein Zeichen seines Ursprungs, aber sie entdeckte nichts, als daß die Windeln des kleinen Kindes vom feinsten Battist waren und der Schleier, der es bedeckte, von den feinsten Alenconer Spitzen; das Ganze war,wie wir bereits sagten, in ein Stück indischen Mousselines gewickelt. Das waren freilich sehr unbestimmte Merkmale. Aber die gute Frau erhielt bald positivere Aufklärung, als sie den Brief und die Börse auf dem Tische fand, welche Sie dort niedergelegt hatten. Die Börse enthielt zwölfhundert Franken. Der Brief lautete ungefähr folgendermaßen:

»Vom 28. Oktober des nächsten Jahres an, dem Jahrestag des Heutigen, erhalten Sie durch Vermittlung des Geistlichen von La Bouille monatlich die Summe von hundert Franken.

»Geben Sie dem Kinde die beste Erziehung, die Sie ihm geben können und namentlich die einer treuen Hausfrau. Gott weiß, welche Prüfungen er ihm aufbewahrt hat.

»Des Kindes Taufname ist Mina; sie soll keinen andern tragen, bis ich ihr den wieder gegeben, der ihr gehört.«

Es war dies der Name ihrer Mutter,« murmelte der General in der höchsten Aufregung.

»Das Datum dieses Briefes.« fuhr Salvator fort, scheinbar ohne die Aufregung dessen zu bemerken, an den er seine Worte richtete, »war der 28. Oktober 1812; Sie kennen dies Datum so gut, als Ihre Worte, nicht wahr?«

»Das Datum ist richtig, die Worte sind textgetreu.«

»Wenn wir uns übrigens daran zweifeln würde,« fuhr Salvator fort, »so brauchten wir uns nur zu vergewissern, ob diese Schrift wirklich die Ihrige ist.«

Und Salvator zog aus seiner Tasche einen Brief, den er dem General vor Augen hielt.

Der General öffnete ihn rasch, und ihn noch einmal überlesend, strömten ihm, als wenn alle seine Kraft dahin wäre, die Thränen aus den Augen.

Herr Sarranti und Salvator ließen schweigend diesen Thränen ihren Lauf.

Nach Verfluß von einigen Augenblicken fuhr Salvator fort:

»Jetzt, nachdem ich überzeugt bin, daß kein Irrthum obwaltet, kann ich Ihnen die ganze Wahrheit sagen; Ihre Tochter lebt, General.«

Der General stieß einen Schrei der Ueberraschung aus.

»Sie lebt!« sagte er; »und sind Sie dessen Gewiß?«

»Ich habe vor drei Tagen Nachricht von ihr erhalten sagte Salvator einfach.

»Sie lebt! sie lebt!« rief der General.»Wo ist sie?«

»Warten Sie einen Augenblick, General,« machte Salvator mit einem Lächeln und legte seine Hand auf den Arm des Generals; »ehe ich Ihnen sage, wo sie ist, erlauben Sie mir Ihnen eine Geschichte zu erzählen, oder Sie an eine solche zu erinnern.«

»O! sprechen Sie,« sagte der General; »nur lassen Sie mich nicht unnöthig warten.«

»Ich werde nicht ein Wort sagen, das nicht nöthig wäre,« versetzte Salvator.

»Ja, ja, aber sprechen Sie.«

»Sie erinnern sich der Nacht des 21 Mai?«

»Ob ich mich ihrer erinnere!« rief der General, indem er Salvator die Hand bot, »ich, glaube es wohl! Es ist jene Nacht, wo ich das Glück hatte, Sie kennen zu lernen, mein Freund.«

»Sie erinnern sich, General, daß während Sie die Beweise der Unschuld des Herrn Sarranti im Park von Vichy suchten, wir aus den Händen eines Elenden ein junges Mädchen retteten, das entführt worden war und das wir seinem Bräutigam wiedergeben.«

»O ich glaube wohl, daß ich mich dessen erinnere! Dieser Elende nannte sich Lorédan de Valgeneuse, nach dem Namen seines Vaters, den er entehrte. Das junge Mädchen hieß Mina, wie mein Kind; der junge Mann endlich hieß Justin. Sie sehen, daß ich nichts vergessen habe.«

»Nun, General,« sagte Salvator; erinnern Sie sich einer letzten Einzelheit; vielleicht einer der wichtigsten in der Geschichte dieser beiden; jungen Leute und ich brauche keine weitere Frage an Sie zu richten.«

»Ich erinnere mich.« sagte der General, »daß sie, von einem Erzieher gefunden, aufgenommen und erzogen, von Herrn von Valgeneuse aus dem Pensionat entführt wurde. Dieses Pensionat befand sich in Versailles. Ist es das, wessen ich mich erinnern soll?«

»Nein; das, General, ist eine Thatsache, ist Geschichte; was ich wünsche, daß Sie sich erinnern sollen, ist eine Einzelheit; aber diese Einzelheit ist ganz einfach die Moral des Abenteuers; nehmen Sie, ich bitte Sie darum, Ihr Gedächtnis zu Hilfe.«

»Ich weiß nicht, was Sie mit sagen wollen mein Freund.«

»Dann ist es an mir, Sie auf den rechten Weg zu leiten. Was ist aus den beiden jungen Leuten geworden?«

»Sie sind in’s Ausland gegangen.«

»Ganz richtig; sie sind allerdings fortgegangen und Sie General, Sie haben das für die Abreise, -die Reife und den Unterhalt der beiden jungen Leute nöthige Geld hergegeben.«-

»Sprechen mir nicht davon, mein Freund.«

»Sprechen wir nicht mehr davon. wenn Sie wollen. Aber wir sind dadurch auf jene interessante Einzelheit gekommen.,Ein Skrupel quält mich, habe ich Ihnen in dem Augenblicke gesagt, als wir die beiden jungen Leute fortschafften; man wird eines Tages die Eltern des jungen Mädchens erfahren; wenn die Eltern nobel, reich, mächtig sind, werden Sie sich nicht an Justin rächen? Sie antworteten mir . . . «

»Ich antwortete Ihnen,« unterbrach ihn lebhaft der General, daß die Eltern das junge Mädchen an dem Manne sich nicht rächen könnten, der ihr Kind, das sie verlassen, aufgenommen, es wie das Kind seiner Mutter erzogen und es zuerst vor dem Elende und dann vor der Schande gerettet.

»Und ich fügte hinzu, General, erinnern Sie sich meiner Worte: ,Und wenn Sie der Vater des jungen Mädchens wären?«

Der General zitterte; in diesem Augenblicke erst sah er der Wahrheit in’s Gesicht, die er bis dahin nur halb geahnt.

»Vollenden Sie,« sagte der General.

»Wenn also,« fuhr Salvator fort, »Ihr Kind in Ihrer Abwesenheit die Gefahr gelaufen wäre, welche Justins Braut lief, so würden Sie dem Manne verzeihen, der ferneren Ihnen über das Schicksal Ihre Tochter verfügt hätte?«

»Nicht allein, mein Freund, würde ich ihm die Arme öffnen, als dem Gatten meines Kindes, sagte ich Ihnen, sondern ich würde ihn auch segnen, als seinen Retter.

»Allerdings, das waren genau Ihre Worte, General: aber würden Sie diese Worte auch wiederholen, wenn ich Ihnen heute sagte: ,General, es handelt sich um Ihr eigenes Kind!«

»Mein Freund,« sagte der General! Feierlich, »ich hatte dem Kaisers Treue geschworen, das heißt, ich habe einen Schwur gethan, für ihn zu leben und zu sterben. Ich kannte nicht sterben; ich lebe für seinen Sohn.«

»Nun gut, General,« sagte Salvator, »leben Sie auch für Ihre Tochter, denn sie hat Justin gerettet.«

»Wie! jenes hübsche Kind, das ich in der Nacht vom 21. Mai gesehen,« rief der General, »das war . . . das ists? . . . «

»Das ist Ihre Tochter, General,« sagte Salvator.

»Meine Tochter, meine Tochter!« rief der General, berauscht vor Freuden.

»O! mein Freund!« sagte Sarranti, indem er die Hand des Generals ergriff, und ihm durch diesen Druck den Antheil bewies, den er an seinem Glücke nahm.

»Aber,« sagte der General, der noch immer zweifelte, »beruhigen Sie mich. mein Freund; was wollen Sie, man gewöhnt sich nicht so schnell an das Glück. Wie sind Sie, ich sage nicht zur Kenntniß, sondern zur Gewißheit dieser Thatsachen gekommen?«

»Ja,« sagte Salvator mit einem Lächeln, »ich begreife, daß Sie überzeugt sein wollen.«

»Aber, wenn Sie selbst überzeugt waren, worum haben Sie bis heute gewartet?«

»Weil ich selbst erst über allen Zweifel weg gehoben sein wollte. War es nicht besser zu warten, als Ihnen durch eine falsche Freude das Herz zu zerreißen? Sobald mir es möglich war, begab ich mich nach Rouen. Ich fragte nach dem Pfarrer von La Bouille Er war todt. Eine Dienerin sagte mir, daß einige Tage vorher ein Herr aus Paris, den man nach seiner Tournure für einen Militär halten konnte, obgleich er seinen bürgerlichen Anzug trug, gekommen sei, um nach dein Geistlichen zu fragen, und da dieser nicht mehr lebte, sich erkundigt habe, ob ihm Jemand über das Schicksal eines kleinen Mädchens Auskunft geben könne, das im Dorfe erzogen worden, seit fünf bis sechs Tagen jedoch verschwunden sei. Ich ahnte leicht, daß der Herr Sie waren, General, und daß ihre Nachforschungen zu keinem Ziele führten.«

»Sie täuschen sich allerdings nicht,« sagte der General.

»Ich erkundigte mich dann bei dem Maire der Gemeinde, ob es nicht in der Gegend Leute mit Namen Boivin gebe; man bezeichnete mir vier bis fünf Bouvin, die zu Rouen wohnten. Ich habe sie Eines um das Andere aufgesucht und.. zuletzt eine alte Jungfer von diesem Namen gefunden, die von ihrer Großtante kleine Ersparnisse, Möbel und Papiere geerbt. Diese alte Jungfer hatte Mina während fünf-Jahren bei sich gehabt; sie kannte sie deßhalb ganz genau; und wenn ich noch einen Zweifel gehabt, würde ihn der Brief, den sie fand,und den ich Ihnen so eben übergeben, verscheucht haben.«

»Und wo ist mein Kind! wo ist meine Tochter?«

»Sie ist, oder vielmehr, denn von jetzt an müssen Sie in der Mehrzahl sprechen, General, sie sind in Holland, wo jedes in seinem Käfig, gegenüber von dem andern wohnt, wie die Enten, welche die Holländer dem Zellensystem unterwerfen, um sie singen zu lehren.«

»Ich reise nach dem Haag,« sagte der Genera indem er aufsprang.

»Sie wollen sagen, wir reisen, nicht wahr mein lieber General,« sagte Sarranti.

»Ich bedauere, daß ich nicht mit Ihnen gehen kann,« sagte Salvator; »unglücklichere Weise ist die politische Lage für den Augenblick zu kompliziert, als daß ich Paris verlassen könnte.«

»Auf Wiedersehen, mein lieber Salvator, denn Sie begreifen, daß Ich Ihnen nicht Adieu sage. Aber,« fügte der General hinzu, indem er die Stirne faltete, »ich muß vor meiner Abreise einen Besuch machen und würde dieser Besuch meine Abreise auch um vierundzwanzig Stunden verzögern.«

Bei diesem Zusammenziehen der Brauen hatte Salvator geahnt, um was es sich handelte.

»Sie wissen wohl, von wem ich sprechen will, nicht wahr?« sagte der General.

»Ja, General; aber wird Sie dieser Besuch nicht zu lange aufhalten? Herr von Valgeneuse ist in diesem Augenblicke von Paris abwesend.«

»Ich werde ihn erwarten,« sagte der General entschieden.

»Das könnte Sie in’s Unendliche aufhalten. Mein lieber Vetter Lorédan ist vorgestern von Paris abgereist und wird nicht früher zurückkehren, als die Person der er nachgereist ist, Diese Person ist Frau von Marande, als deren Anbeter er sich erklärt hat; eine Manifestation, die eines Tages nicht sonderlich nach dem Geschmacke Jean Roberts oder selbst Herrn von Marandes sein könnte, der seine Frau zwar autorisiert, einen Liebhaber zu haben, aber Niemanden autorisiert es an die große Glocke zu hängen. Das thut aber in diesem Augenblick Herr von Valgeneuse, der, als er erfuhr, daß Frau von Marande in der Picardie bei einer ihrer Taute, welche sehr krank ist, einen Besuch mache, ihr nachgereist ist. Da die Rückkehr des Herrn von Valgeneuse somit von der Rückkehr der Frau von Marande abhängt, so möchte ich Ihnen rathen, mein lieber General sobald als möglich abzureisen, das heißt heute . . . . Bei Ihrer Rückkehr wird Herr von Valgeneuse aller Wahrscheinlichkeit nach in Paris sein; Sie können sich dann mit ihm beschäftigen. Aber ich weiß nicht, welcher Instinct mir sagt, daß Sie sich nicht mit Herrn von Valgeneuse zu beschäftigen haben werden.«

»Mein lieber Salvator,« sagte der General, der die Worte des jungen Mannes mißverstand, »ich würde den nicht als meinen Freund betrachten, der sich unter solchen Umständen an meine Stelle drängte.«

»Beruhigen Sie sich, General, und betrachten Sie mich stets als einen,Freund; denn so wahr meine Liebe zur Freiheit Ihrer Ergebenheit für den Kaiser gleichkommt, so gewiß werde ich Herrn von Valgeneuse nicht ein Haar auf seinem Kopfe krümmen.«

»Ich danke,« sagte der General, indem er Salvator herzlich die Hand drückte. »Für diesmal, Adieu!«

»Erlauben Sie mir wenigstens, Sie bis zur Barriere zu begleiten,« sagte Salvator, indem er aufstand und seinen Hut nahm; »Sie brauchen einen Wagen und ich will den für Sie suchen, welcher Justin und Mina nach Holland gebracht hat und vielleicht auch, wer weiß! den Mann, der sie führte, und der Ihnen während des ganzen Weges von beiden erzählen kann.«

»O Salvator,« sagte der General melancholisch, »warum lernte ich Sie so spät kennen! . . . «

»Wir drei,« fügte er hinzu, indem er Sarranti die Hand gab, »hätten die Welt umgedreht.«

»Das kann noch geschehen,« sagte Salvator, »und es ist nur wenig Zeit verloren.«

Und die drei Freunde gingen nach der Rue d’Enfer.

In der Nähe des Hospices des Enfants Trouvées lag das Haus des Wagners, wo Salvator die Postchaise gemietet, in welcher Justin und Mina nach Holland gereist-waren.

Man fand Wagen und Postillon wieder.

Eine Stunde später umarmte der General Lebastard de Premont und Herr Sarranti Salvator und der Wagen fuhr in raschem Trabe nach der Barriere Saint Denis.

Lassen wir sie die Route nach Belgien verfolgen und begleiten wir den Wagen, dem sie bei der Saint Laurent Kirche begegneten.«

Dieser Wagen hätte, wenn der General ihn erkannt, seine Reise wohl etwas verzögern können, denn es war der der Frau von Marande, die, zu spät gekommen, um ihrer Tante ein letztes Lebewohl zu sagen, in aller Eile nach Paris zurückgekehrt war, wo. Jean Robert sie mit fiebehafter Ungeduld erwartete.

Man erinnert sich, was Salvator von der Rückkehr der Frau von Marande gesagt, welche natürlich die des Herrn von Valgeneuse zur Folge hatte.

Aber der General kannte weder Frau von Marande, noch den Wagen; er setzte deshalb seinen Weg rasch und heiter fort.

CIII
Wo bewiesen ist, daß das Gehör nicht wertloseste Sinn ist

Ihr erinnert euch, meine lieben Leser, jenes reizenden kleinen, ganz mit persischen Teppich es ausgeschlagenen Zimmers, das Frau von Marande zu gewissen Stunden bewohnte und in welches wir euch eindringen zu lassen, die Indiskretion hatten? Wenn ihr verliebt waret, so habt ihr die Erinnerung daran bewahrt. Wenn ihr noch verliebt seid, so schwebt euch sein Duft vor. Nun gut, in dieses Zimmer, in dieses Nest, in diese Capelle der Liebe wollen wir euch wieder führen, ohne befürchten zu müssen, euch zu mißfallen, wäret ihr nun im Augenblick verliebt oder verliebt gewesen.

Es ist der Abend, an welchem Frau von Marande nach Paris zurückgekehrt.

Frau von Marande, von dem Rechte Gebraucht machend, das ihr ihr Gemahl eingeräumt, und das er nicht zurückgezogen, seit er bei der neuen minissteriellen Combination das Portefeuille der Finanzen übernommen, ist in ein verliebtes Geplauder mit unserem Freund Jean Robert vertieft, der sitzen oder vielmehr knieend, – denn wir sagten ja, daß das Zimmer eine Capelle war – vor Gottheit des Ortes, ihr eine jener langen und zärtlichen Geschichten erzählt, welche alle Verliebten so gut erzählen, daß das Ohr der Frau, welche liebt, nicht müde wird, sie erzählen zu hören.

In dem Augenblicke, wo wir euch in dieses Heiligthum einführen, umschlingt Jean Robert mit seinem Arm die schlanke und, weiche Hüfte der jungen Frau und Auge in Auge, als ab es nicht genug wäre, in dem Gesichte zu lesen und als ob er bis in’s Herz dringen wollte, fragt er sie:

»Was ist nach Ihrer Ansicht der wenigste werthvollste Sinn, meine Liebe?«

»Alle Sinne erscheinen mir gleich. Werthvoll, wenn Sie da sind, mein Freund.«

»Ich danke. Aber gibt es, nach Ihrer Ansicht nicht mehr oder minder werthvolle, wäre der eine nicht wichtiger und bedeutender als der andere?«

»Doch, es gibt einen; der nicht zu den fünf Sinnen gehört, und den ich entdeckt habe.«

»Welcher wäre das, wein lieber Christoph Columbus im Lande des Zarten?«

»Der, welcher machte, daß wenn ich Sie erwarte, mein Vielgeliebter, ich nicht mehr sehe, nicht mehr höre, nicht mehr athme, nicht mehr fühle, nicht mehr empfinde: – der Sinn der Erwartung, mit einem Worte, scheint mir der zu sein, der weniger werthvoll als die übrigen.«

»Sie, haben mich also wirklich erwartet?«

»Undankbarer! Erwarte ich Sie nicht immer?«

»Liebe Lydia, wenn Sie wahr sprächen.«

»Gott der Güte! Er zweifelt daran!«

»Nein, meine Liebe, ich zweifle nicht, ich fürchte . . . «

»Und was können Sie fürchten?«

»Was der wirklich glückliche Mensch fürchtet, der Mensch, der nichts zu wünschen, nichts vom Himmel zu fordern hat, nicht mal den Himmel alles!«

»Dichter!« sagte, Frau von Marande coquett, indem sie die Stirne Jean Roberts mit den Lippen berührte. »Sie erinnern sich Ihres Ahnen Jean Racine:

»Ich fürchte Gott, mein lieber Abner, und kenne keine andere Furcht.«

»Allerdings, ich fürchte Gott kenne keine keine andere Furcht. Aber wer ist ihr Gott mein lieber Engel?«

»Du!« sagte sie.

Jean Robert umschlang sie bei diesem Geständniß noch zärtlicher.

»Ich,« antwortete ihr Jean Robert lachend, »ich bin nur einer, der in Sie verliebt ist, aber Ihr wirklicher Geliebter, ihr wahrhaftiger Gott, Lydia, das ist die Welt und da Sie diesem Gotte mehr als die Hälfte Ihres Lebens weihen, so geht daraus hervor, daß ich nichts als eines Ihrer Opfer bin.«

»Meineigiger! Renegat! Verleumder!« rief die junge Frau, indem sie zurückfuhr. »Was ist mir die Welt ohne Sie?«

»Sie wollen sagen, schöne Freundin!,Was bin ich für Sie ohne die Welt?’«

»Er beharrt!« sagte Frau von Marande, indem sie eine neue Bewegung nach rückwärts machte.

»Ja, meine Inniggeliebte, ich beharre, ja ich glaube, daß Sie ultraweltlich sind und daß Sie mitten in einer Qudrille, einem Walzer, wenn Sie der Tanz bezaubert und mit sich fortreißt, nicht mehr an mich denken, als an eines der Staubatome, die Ihre kleinen Atlasfüße aufheben. Der Walzer gefällt Ihnen, er steht Ihnen und Sie nehmen sich allerliebst aus, wenn Sie ihn tanzen. Aber ist es nicht ein furchtbares Opfer für mich, Sie von zwanzig jungen Laffen, über die Sie sich vielleicht moquiren, die aber in dem Augenblick, wo Sie sich Ihnen hingeben; Sie in Gedanken besitzen, Sie umschlungen zu sehen oder zu wissen, und in welchem Zustande – mit tief athmender Brust, mit entblößtem Halse Armen, Schultern?«

»O fahren Sie fort, fahren Sie fort,« sagte Frau von Marande, ihn liebevoll anblickend, denn die Eifersucht des jungen Mannes entzückte sie.

»Sie finden mich ungerecht, egoistisch vielleicht,« fuhr Jean Robert wirklich fort. »Sie sagten sich – ich greife Ihren Gedanken vor, daß meine Theater- und Romanerfolge, in Beziehung auf Zerstreuung, Ihre Soiréenerfolge aufwiegen. Ach! Meine Freundin, ich zeige nicht die Jungfräulichkeit meiner Seele dem Publikum, wie Sie den jungfräulichen Schatz ihrer Schultern, ich gebe nur meinen Gedanken, meine Reflexion, meine Beobachtung, mein Studium zum Besten. Die Welt zeigt mir ihre Wunden und ich suche sie, wenn auch nicht zu heilen, so doch sie unsern Gesetzgebern zu zeigen, welche für die Gesellschaft sind, was die Aerzte für den Körper. Sie aber, Lydia, Sie geben sich ganz der Masse hin. Die Blumen die Perlen, die Rubinen, die Diamanten, mit denen Sie Ihren schönen Körper einhüllen, sind eben so viele Magnetsteine, um den Blick auf sich zu ziehen. Habe ich Sie nicht zehn Mal gesehen, wie Sie sich auf den Ball vorbereiteten? Man hätte glauben sollen. Sie wollen ein Königreich erobern. Nie hat ein Kapitän, der sich zum Krieg einschiffte, nie hat Wilhelm der Eroberer auf seinem Schiffe, nie Ferdinand Cortes, als er seine Schiffe verbrannte, fester seinen Schlachtplan entworfen, und deshalb beharre ich auf meinem Zweifel an Ihrer Liebe, trotz aller unberechenbaren Beweise.«

»Ja, Ich liebe Dich,« sagte Frau von Marande, indem sie ihn an sich zog und glühend küßte.

»Ja, Du liebst mich,« versetzte der Dichter, »Du liebst mich sehr; aber in der Liebe ist sehr nicht so viel wie genug.«

»Höre mich an,« antwortete sie ernst, »wir wollen vernünftig sprechen;.einmal ist nicht immer. Glaubst Du, daß es auf der Welt eine Frau von Welt gibt, die eine.Freiheit genösse, wie ich?«

»Nein, gewiß nicht, aber . . . «

»Lasse mich fortfahren. Und unterbrich mich nicht. Die Vernunft ist ein menschenscheuer Vogel, der Schatten eines Geräusches erschreckt ihn. Ich sagte also, daß ich für eine Frau die unbegrenzte Freiheit genieße; deren eine Frau genießen kann. Weißt Du nun das Einzige, was mein Mann als Ersatz für diese Freiheit von mir verlangt? Nichts, als daß ich die Herrin eines angenehmen Hauses, nichts, als daß ich eine vollkommene Frau von Welt sei. Weißt Du, was er verlangt, wenn er kommt? Ein lächelndes freundliches Gesicht, auf dem er von seinen Zahlen und Berechnungen ausruhen kann. Weißt Du, was er verlangt, wenn er geht? Einen herzlichen Händedruck der ihm Gewißheit gibt, daß er eine Freundin Hause läßt. Ich bin deßhalb mit vollen Segeln auf den Ocean hinausgesteuert, welchen man die Welt nennt und habe, so viel an mir war, gethan, um zwischen den Klippen durchzuschiffen. »Eines Abends, beim Mondlicht, gewahrte ich am Horizonte ein schönes in Silber getauchtes Land, dessen Sternblumen mich zu sich hinzogen. Ich rief: ,Land!’ ich warf Anker und den Fuß an das Ufer setzend, dankte ich Gott, denn ich fand das Land meiner Träume, und dieses Land bewohntest Du.«

»O, meine, Liebe! meine Liebe!« murmelte Jean Robert, indem er sie küßte und den Kopf schüttelte.

»Laß mich vollenden,« sagte sie, indem sie ihn sanft, zurückschob. »Als, ich mich in diesem schönen Lande meiner Träume sah, war mein erster Gedanke, es nicht wieder zu verlassen.; aber der Ocean umspülte es; der habgierige Ocean, der seine Beute nicht lassen wollte, wie ihr Dichter sagen würdet; er zog mich zu sich hin, – eines Woge von Seide, Spitzen-und Atlas rief mir zu: ,Komm wieder zu uns, nicht für immer, nur zeitweise, wenn Du Deine Freiheit bewahren willst!’ Und ich kam wieder, so oft diese gebieterische Stimme mich rief, ich kam wieder, um meinen Tribut zu bezahlen; ich bezahlte ihn weinend; aber ich erkaufte damit meine Freiheit. Das ist meins Bekenntniß und ich werde ausgesprochen haben, wenn ich einem misanthropischen Dichter die drei Verse eines noch misanthropischeren Dichters, als er, gesagt haben werde:

»Wenn man der Welt gehört, gebührts, daß äußerem Schein Wir, wenn auch ungern, lächelnd doch uns weihn; Doch wird Vernunft uns Maß zu halten lehren.

»O schweige! ich liebe Dich! Ich liebe Dich!« rief Jean Robert leidenschaftlich.

»Gut,« sagte sie,indem sie sich küssen ließ, ohne die Küsse Jean Robert’s zu erwidern, als ob sie in ihrem Innern noch einen Groll gegen ihn trüge. »Da wir jedoch noch nicht über die Sache im Reinen sind, so wollen wir auf unsern Ausgangspunkt zurückkommen. Sie fragten mich, welches der wenigst werthvolle Sinn sei, und ich antwortete, indem ich ihn erst schuf, um Ihnen zu gefallen, daß es der Erwartungssinn sei. Was antworten Sie darauf?«

»Nichts und ich werde I fortfahren nichts zu sagen, wenn Sie fortfahren Sie zu sagen.«

»Nun gut, ich sage Du

»Das ist nicht genug; als ich diese Frage an Dich richtete, legtest Du Deine Lippen an meine Stirne und an diesen Halbkuß denkend, fragte ich Dich welches der wenigst werthvolle oder der Unnützeste oder der überflüssigste Sinn sei.«

»Vor Allem bitte mich um Verzeihung, daß Du zu mir sagtest, ich gebe mich irgend Jemand in der Welt hin, und ich werde Dir vergeben.«

»Gerne, unter der Bedingung, daß Du mir sagst, der Gedanke bleibe bei mir, während Du den Körper hingibst.«

Eine tolle Umarmung war die Antwort der reizenden Frau.

»Halt!« sagte Jean Robert, »wenn ich Dich küsse, sehe ich Dich, berühre ich Dich, fühle ich Dich, athme ich Dich, aber ich höre Dich nicht, weil meine Lippen auf Deinen Lippen ruhen, und kein Wort ausdrücken könnte, was ich fühle; das Gehör also ist unter diesen Umständen, der wenigst werthvolle Sinn.«

»Nein, nein,« sagte sie, »keine solche Ketzerei: es ist sein eben so kostbarer Sinn, als die Anderen, denn er macht es mir möglich, Deine lieben Worte zu hören.«

Frau von Marande hatte.Recht, als sie sagte, daß das Gehör ein eben so kostbarer Sinn sei, als die Andern. Ja, er sollte unter den gegenwärtigen Umständen sein nach kostbarerer, als die andern werden.

Denn während sie so um Worte stritten, sich ins Auge blickten und küßten, hatten unsere beiden Liebenden nicht bemerkt, – die Liebenden sind nichts weniger als vollkommen – daß von Zeit zu Zeit die Tapete des Alkoven sich wie von dem Winde einer halb offenen Thüre bewegte.

Türler ve etiketler

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04 aralık 2019
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