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Kitabı oku: «Salvator», sayfa 79

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Woher diese-Bewegung kam, war schwer zu beweisen, denn die Thüre des Alkoven war hermetisch verschlossen.

Hätte man freilich den Gesichtssinn zu Hilfe genommen, und hinter diese Vorhänge gesehen, so würden unsere Liebenden einen Mann erblickt haben, der hinter dem Bette kauernd, sich alle Mühe gab, um den Krämpfen vorzubeugen, die aus der unangenehmen Lage entstanden, in der er sich befand, was ihm aber nur mäßig zu gelingen schien.

In dem Augenblicke jedoch, wo Jean Robert das Gespräch über die sechs Sinne mit sechs Küssen schloß, machte der Mann, der sich hinter dem Bette befand, sei es nun, daß die Küsse ihm mißbehagten, oder daß die Lage, in derer sich befand, zu peinlich wurde, der Mann hinter dem Bette, sagen wir, machte eine Bewegung, welche Frau von Marande zittern ließ.

Jean Robert, als wollte er seine Behauptung über den Werth des Gehörs auf die Spitze treiben, hörte nichts oder that wenigstens, als hörte er nichts und fragte Frau von Marande, als er sie zittern sah:

»Was haben Sie, meine Liebe?«

»Du hast es nicht gehört?« sagte Frau von Marande schauernd.

»Nein.«

»So höre doch.« versetzte sie, das Ohr nach der Seite des Bettes hinhaltend.

Jean Robert horchte; da er jedoch nichts hörte, nahm er die Hand der jungen Frau wieder und drückte einen Kuß darauf.

»Ein Kuß ist eine Musik. Hundert Küsse sind eine Symphonie. Die Wölbung der Kapelle ertönte von tausend Küssen.

Wenn die Vernunft jedoch:ein leicht aufzuschreckender Vogel ist, wie Frau von Marande einen Augenblick früher sagte, so wird der Engel der Küsse noch weit rascher aufgescheucht.

Das Geräusch, das die junge Frau hatte zittern machen, drang von Neuem an ihre Ohren und ließ sie diesmal einen Schrei ausstoßen.

Jean Robert hatte diesmal gehört und mit einem Sprung sich erhebend, ging er gerade auf das Bett zu, von wo ihm das Geräusch zu kommen schien.

In dem Augenblicke, als er aufsprang, bewegte sich der Vorhang lebhafter. Mit dem ersten Sprung war er am Bette; mit dem zweiten war er hinüber und stand vor Herrn Lorédan von Valgeneuse.

»Sie hier? rief Jean Robert.

Frau von Marande erhob sich schauernd. Nach ihren ungeheuren Erstaunen zu urtheilen, erkannte auch sie den jungen Mann, den Jean Robert erkannt hatte.

Man erinnert sich des väterlichen Rathes, den Herr von Marande seiner Frau wegen Monseigneur Coletti und Herrn von Valgeneuse gegeben; so sehr der junge Dichter ihm die Ehrbarkeit selbst in Sachen der Liebe zu sein schien, so kompromittierend erschienen ihm der Bischof und der Wüstling. Er hatte Frau von Marande freundlich vor ihm gewarnt, und die junge Frau hatte auf diese Frage ihres Mannes: »Gefällt er Ihnen?« geantwortet: »Er ist mir vollständig gleichgültig.«

Man erinnert sich auch, daß der Banquier in dem Capitel: »Eheliche Plauderei,« als er von Herrn Lorédan von Valgeneuse sprach, gesagt:

»Was seine Successe betrifft, so scheint es, daß sie sich auf Frauen von der großen Weit beschränken, und daß, wenn er sich an des wendet, was man Mädchen aus dem Volke nennt, trotz des edelmüthigen Beistandes, den ihm bei solchen Gelegenheiten seine Schwester Fräulein von Valgeneuse leistet, der junge Manns zuweilen genöthigt ist, Gewalt anzuwenden.«

Und man erinnert sich wirklich des Antheils, den Fräulein Susanne von Valgeneuse an der Entführung der Braut Justins genommen.

Man wird sehen, daß die gefällige Schwester nicht nur ihren Beistand zur Entführung der Mädchen aus dem Volke leistete.

Sie hatte eine Kammerfrau, ein großes und hübsches Mädchen, der wir bereits Jean Robert die Thüre des Taubennestes, von Frau von Marande öffnen sahen.

Dieses Mädchen, das Nathalie hieß, war ihm ganz und gar ergeben.

Und als eines Abends Herr von Valgeneuse seiner Schwester die Gefühle der Liebe, die er für Frau von Marande hege, mitgeteilt, hatte Mademoiselle Susanne sogleich eine Gelegenheit gesucht eine Creatur in die Umgebung des Banquiers zu bringen, welche Herr von Valgeneuse in einem günstigen Moment bei, ihr einführen könnte.

Diese Gelegenheit hatte sich geboten. Bei einer Zurückkunft aus dem Bade hatte Frau von Marande überall noch einer Kammerfrau sich umgesehen und Fräulein von Valgeneuse war so freundlich, ihr die ihre anzubieten.

Das war Natalie.

Man kennt im Allgemeinen die Macht der Kammerfrau über den Geists ihrer Herrinnen doch noch nicht genug. Natalie kämmte nicht eines der Haare der Frau von Marande, ohne ihr nicht eine der Großtaten des Herrn von Valgeneuse zu erzählen. Frau von Marande, welche das Mädchen von der Schwester des Helden so, vieler verliebten Heldenthaten hatte, erstaunte nicht darüber, so viel Gutes von ihm zu hören, und sah nur Dankbarkeit, wo nichts als überlegte Absicht zu reizen war.

Aber aus den früheren Scenen und namentlich aus der, welche wir so eben dem Leser vor Augen gestellt, kennt man die wahre Liebe, welche Frau von Marande für Jean Robert fühlte, und es ist unnütz, zu sagen, daß die Bewunderung Mademoiselle Natalies keinen Einfluß auf sie ausgeübt.

An diesem Abende, hätte Herr von Valgeneuse durch die Gleichgültigkeit von Frau von Marande auf Aeußerste getrieben, beschlossen, eine jener kühnen Handlungen zu versuchen, welche bisweilen gelingen. Nathalie hatte ihn im Alkoven verborgen und er befand sich dort seit zwei Stunden, Zeuge des zärtlichen tête-à-tête von Jean Robert und Frau von Marande, als diese das Geräusch gehört, das sie hatte schauern machen.

Wahrhaftig, wenn es eine Strafe nach der, nicht geliebt zu sein, gibt, so ist es die Gewißheit, daß das Herz, das verschlossen ist, sich für andere öffnet.

Diese Strafe wird eine Qual, wenn man zwischen zwei Küssen die grausamen Worte: »Ich liebe Dich!« an einen andern richten hört.

Einen Augenblick hatte Herr von Valgeneuse die Idee gehabt, den beiden Liebenden wie ein Medusenhaupt zu erscheinen.

Aber wohin mußte die Erscheinung führen.

Zu einem Duell zwischen Jean Robert und Herrn von Valgeneuse. Und nahm man auch für den Edelmann den günstigsten Fall an, nämlich, daß der Dichter getödtet würde, so war der Tod Jean Roberts nicht das Mittel, sich die Liebe Frau von Marande’s zu erringen.

Während im Gegentheil, wenn er andern Tags zu der jungen Frau kam und sagte: »Ich habe den Abend hinter Ihrem Bette zugebracht. Ich habe alles gesehen, alles gehört, erkaufen Sie meine Verschwiegenheit,« immer noch die Chance übrig bleibt, daß Frau von Marande, für ihren Geliebten und ihren Gatten erschreckend, der Drohung gewährte, was sie so hartnäckig den zärtlichsten Bitten versagte.

Das war es, was für Herr von Valgeneuse entscheidend wurde.

»Er dachte jetzt nur daran, sich zurückzuziehen, nachdem er gesehen und gehört, was zu sehen und zu hören war; aber man kommt nicht so leicht hinter einem Bette fort und man mag noch so leise gehen, wenn man Glanzstiefel trägt, der Boden ächzt, die Vorhänge bewegen sich und Geräusch und Bewegung stören die harmonische Stille einer Liebesscene.

Das war auch hier der Fall; Herr von Valgeneuse hatte, als er sich zurückziehen wollte, den Fußboden ächzen machen und die Vorhänge bewegt.

Jean Robert stürzte herbei und rief, als er den jungen Edelmann erkannte: »Sie!«

»Ja, ich,« antwortete Herr von Valgeneuse, der gegenüber von einem Menschen und folglich auch von einer Gefahr sich stolz aufrichtete.

»Elender!« sagte Jean Robert, indem er ihn am Halse packte.

»Leise, Herr Poet,« sagte Herr von Valgeneuse, »es ist vielleicht hier im Hause und ganz in der Nähe ein dritter Betheiligter, der unseren Streit hören könnte, was ohne Zweifel für Madame sehr schmerzlich wäre.«

»Erbärmlicher Wicht!« sagte Jean Robert mit gedämpfter Stimme.

»Noch einmal, leise.« wiederholte Herr von Valgeneuse.

»O! ich mag leise oder laut sprechen,« sagte Jean Robert, »ich werde Sie doch umbringen.«

»Wir sind in dem Zimmer einer Frau, mein Herr.«

»Gut, so wollen wir gehen.«

»Unnütz! kein Geräusch. Sie wissen, wo ich wohne, nicht wahr? Wenn Sie es vergessen, werde ich kommen und Sie daran erinnern; ich stehe zu Ihrer Disposition.«

»Und warum nicht sogleich?«

»O, sogleich! Es ist ja dunkle Nacht, Sie können nicht daran denken. Man muß klar sehen, um seine Sache gut zu machen und dann sehen Sie, Frau von Marande ist ja unwohl.

Die junge Frau war wirklich ins einen Fauteuil gesunken.

»Gut, mein Herr morgen!« sagte Jean Robert.

»Morgen, mein Herr, und mit großem Vergnügen.«

Jean Robert sprang wieder über das Bett und warf sich Frau von Marande zu Füßen.

Herr Lorédan von Valgeneuse eilte zur Allcoventüre hinaus. die er hinter sich schloß; und durch den geheimen Gang.

»Verzeihung, Verzeihung! meine geliebte Lydia!« sagte Jean Robert, indem er die junge Frau in seine Arme schloß und lebhaft küßte.

»Und was soll ich Dir verzeihen?« fragte sie; »welches Verbrechen hast Du begangen? . . . O dieser Mensch, wie kam er hierher?«

»Sei ruhig Du wirst ihn nicht wieder sehen!« rief Jean Robert energisch.

»O mein innig Geliebter,« sagte die arme Frau, indem sie den Dichter fest ans Herz drückte, »setze Dein kostbares Leben nicht gegen nutzlose Leben eines Schurken auf’s Spiel!«

»Fürchte nichts, fürchte nichts . . . Gott wird für uns sein!«

»So verstehe ich es nicht; Du wirst mir schwören, Dich nicht mit diesem Menschen zu schlagen.«

»Wie, Du willst, daß ich Dir das schwöre?«

»Wenn Du mich liebst, so schwöre es.«

»Aber das ist unmöglich; begreife doch,« sagte Jean Robert.

»So liebst Du mich also nicht,« sagte sie.«

»Ich Dich nicht Lieben? O, mein Gott!«

»Mein Freund,« sagte Frau von Marande, »ich glaube, daß ich sterben werde.«

Das Leben der jungen Frau schien wirklich in Gefahr zu sein; sie athmete nicht mehr, sie war blaß und so zu sagen leblos.

Ihr Zustand setzte Jean Robert in die größte Bestätigung.

»Alles, was Du willst,« sagte er.

»Du wirst thun was ich will?«

»Ja.«

»Du schwörst es?«

»Bei meinem Leben,« sagte Jean Robert.

»O! ich wäre glücklicher, wenn Du bei dem meinen schwörest,« sagte Frau von Marande, »ich hätte wenigstens die Hoffnung zu sterben, wenn Du Dein Wort brächest.«

Und mit diesen Worten schlang die junge Frau die Arme um seinen Hals preßte ihn zum Ersticken an sich, umarmte ihn heftig, und während eines Augenblickes schweiften dies beiden Herzen in so süßen Räumen, daß sie die furchtbare Scene vergaßen, die so eben gespielt.

CIV
Wo der Verfasser Herrn von Marande, wenn auch nicht als physisches, so doch wenigsten moralisches Muster für alle früheren, gegenwärtigen und zukünftigen Ehemänner aufstellt

Sobald Jean Robert fortgegangen war begab sich Frau von Marande rasch in ihr wirkliches Schlafzimrner, wo Nathalie sie zur Nachttoilette erwartete.

An ihr vorüberschreitend, sagte jedoch Frau von Marande:

»Ich bedarf Ihrer Dienste nicht, Mademoiselle.«

»Wäre ich so unglücklich, der gnädigen Frau Grund zur Unzufriedenheit gegeben zu haben?« fragte die Kammmerzofe frech.

»Sie?« machte Frau von Marande verächtlich.

»Nun,« fuhr Mademoiselle Nathalie fort, »weil die gnädige Frau sonst so gut gegen mich ist und heute Abend so streng mit mir spricht, deßhalb glaubte ich . . . «

»Genug!« sagte Frau von Marande; »gehen Sie und kommen Sie mir nie mehr vor die Augen! Hier sind fünfundzwanzig Louisd’ors,« fügte sie hinzu, indem sie aus einem Chiffonnier eine Goldrolle nahm; Sie verlassen morgen früh das Hotel.«

»Aber gnädige Frau, machte die Kammerfrau lauter sprechend, »wenn man die Leute fortschickt so gibt man ihnen wenigstens einen Grund an.«

»Es beliebt mir aber nicht, Ihnen einen Grund an zugegeben. Nehmen Sie dieses Geld und gehen Sie.«

»Gut, gnädige Frau,« sagte die Kammerfrau, indem sie die Rolle nahm und Frau von Marande mit einem Blick voll Haß ansah; werde mich an, Herrn von Marande zu wenden die Ehre haben.«

»Herr von Marande,« sagte die junge Frau streng, »wird Ihnen wiederholen, was ich Ihnen so eben gesagt. Indessen gehen Sie.«

Der Ton, in welchem Frau von Marande diese Worte sprach, die Geberde, mit der sie sie begleitete, machten jeden weiteren Einwurf unmöglich. Mademoiselle Nathalie ging deßhalb weg, indem sie die Thüre heftig hinter sich in’s Schloß warf.

Als sie allein war kleidete sich Frau von Marande aus, und legte sich rasch zu Bette, von tausend aufregenden Gefühlen durchbebt, wie man eben so leicht begreifen, als schwer beschreiben wird.

Sie lag keine fünf Minuten zu Bette, als sie leise an die Thüre pochen hörte.

Sie schauerte unwillkürlich. Einem natürlichen Gefühle folgend, setzte sie das Löschhütchen von vergoldetem Silber aus das Licht und das köstliche Zimmer war nur noch von dem Opalglanze der Lampe mit dem bömischen Glase erhellt, welche in dem kleinen Gewächshaus brannte.

Wer konnte zu dieser Stunde pochen?

Es war nicht die Kammerfrau; sie hätte diese Keckheit nicht gehabt.

Es war nicht Jean Robert; er setzte nie, wenigstens nicht bei Nacht, den Fuß in, dieses Zimmer, das gewissermaßen einen Theil der Gemächer der ehelichen Gemeinschaft bildete.

Es war nicht Herr von Marande, in dieser Beziehung war er ebenso diskret als Jean Robert und hatte nach zehn Uhr Abends dieses Zimmer nie mehr seit jener Nacht betreten; in der er seiner Frau den Rath gegeben, Monseigneur Coletti und Herrn von Valgeneuse nicht zu trauen.

Sollte es also Herr von Valgeneuse sein?

»Bei dem Gedanken schon zitterte die junge Frau an alten Gliedern, sie hatte nicht die Kraft zu antworten.

Glücklicher Weise beruhigte sie bald die Stimme dessen, der pochte.

»Ich bin es,« sagte diese Stimme.

Frau von Marande erkannte ihren Gatten.

»Treten Sie ein,« sagte sie, plötzlich beruhigt und beinahe vergnügt.

Herr von Marande trat, das ausgelöschte Licht in der Hand ein und ging gerade auf das Bett seiner Frau zu.

Dann nahm er ihre Hand und küsste sie, indem er sagte:

»Verzeihen Sie, mir, daß ich mich um diese Stunde bei Ihnen einfinde, aber ich habe zugleich mit Ihrer Zurückkunft den schmerzlichen Verlust Ihrer Tante erfahren, und wollte, Ihnen meine Theilnahme bezeugen.«

»Ich danke Ihnen, mein Herr,« sagte die junge Frau, etwas überrascht durch diesen nächtlichen Besuch und sich besinnend, was die Ursache desselben oder vielmehr, was der Zweck desselben sein könne. »Aber,« fuhr sie mit einem Zögern fort, das die gewöhnliche Nachsicht ihres Gatten nicht ganz beseitigen konnte, »kommen Sie nur, um mir Ihr Beileid zu bezeugen und haben Sie mir sonst nichts zu sagen?«

»Doch liebe Lydia, ich habe Ihnen noch Mehreres zu sagen.«

Frau von Marande sah ihren Gatten mit einer gewissen Unruhe an.

Diese Unruhe entging dem Banquier nicht und er suchte seine Frau anfangs mit einem Lächeln zu beruhigen; dann fügte er hinzu:

»Ich habe Sie, zuerst um Feuer zu, bitten.«

»Wie! um Feuer?« machte die junge Frau erstaunt.

»Nun, ja; sehen Sie nicht, daß mein Licht aus ist?«

»Wozu wollen Sie es wieder anzünden, mein Herr? Genügt Ihnen die Helle der Lampe nicht zum plaudern?«

»Gewiß; aber ehe wir plaudern, habe ich eine ziemlich wichtige Nachsuchung anzustellen.«

»Eine ziemlich wichtige Nachsuchung?« wiederholte Frau von Marande in fragendem Tone.

»Sie haben vielleicht sagen hören, meine liebe Lydia, sei es nun unterwegs, oder hier im Hotel, daß ich zum Finanzminister ernannt worden bin?«

»Ja, mein Herr, und ich gratuliere Ihnen aufrichtig dazu.

»Nun, aufrichtig gesagt. liebe Freundin, es ist nicht der Mühe wert; aber nicht um Ihnen diese Nachricht mitzutheilen, habe ich Sie um diese Stunde gestört. Ich bin also Finanzminister. Und ein Minister ohne Portefeuille ist beinahe gleichbedeutend mit einem Finanzminister ohne Finanzen. Nun, liebe Freundin, ich habe mein Portefouille verloren.«

»Ich begreife nicht,« sagte Frau von Marande, die wirklich nicht einsah, wo ihr Gatte hinaus wollte.

»Es ist jedoch sehr einfach,« versetzte Herr von Marande. »Ich kam zu Ihnen mit der Absicht einige Augenblicke mit Ihnen zu plaudern, wie ich Ihnen zu sagen die Ehre hatte; ich stieg ruhig die Treppe herauf, das Licht in der Hand und das Portefeuille unter dem Arme, als ein Mensch, der Ihre Treppe herabeilte, heftig an mich stieß; mein Portefeuille entfiel mir und mein Licht erlosch. Ich bitte Sie deßhalb um Erlaubnis, mein Licht wieder anzuzünden und mein Portefeuille zu, suchen.«

»Aber,« sagte Frau von Marande mit einigem Zögern, »wer war dieser Mensch?«

»Ich weiß es nicht. Jedenfalls war ich anfangs im Begriffe, ihm einen schlimmen Streich zu spielen,« versetzte der Banquier »denn ich glaubte anfangs, es sei ein Dieb und er wollte mir an die Kasse. Ich änderte jedoch meinen Plan, als ich dachte, man wollte vielleicht an Sie, und ich kam um Sie zu befragen, und mich mit Ihnen zu berathen, was mir in diesem Falle thun sollten.«

»Und Sie haben den Menschen erkannt?« fragte Frau von Marande stotternd.«

»Ja, ich glaube wenigstens.«

»Und . . . und . . . darf ich Sie fragen?«

Die Stimme versagte der jungen Frau. Sie zitterte bei dem Gedanken, es könnte Jean Robert sein, den ihr Gatte begegnet hatte.

»Gewiß können Sie mich fragen, wer es war versetzte Herr von Marande; »denn ich nehme an, daß es das ist,was Sie mir sagen wollen. Es war ganz einfach Herr von Valgeneuse.«

»Herr von Valgeneuse!« wiederholte die junge Frau.

»Er selbst,« sagte Herr von Marande. »Und jetzt, liebe Lydia, wollen Sie mir erlauben, mein Licht wieder anzuzünden?«

Und Herr von Marande zündete wirklich sein Licht an der kleinen Lampe des Gewächshauses an; dann hob er die Portiere und verschwand, indem er sagte:

»Ich komme sogleich wieder Madame.«

»Ich komme wieder . . . « wiederholte Frau von Marande mechanisch.

Was sollte vor sich gehen? Was sollte der Gegenstand des Gespräches sein, das Herr von Marande mit seiner Frau haben wollte? Das Gesicht des Banquiers war freilich nicht sonderlich drohend; aber wer kann dem Gesichte eines Banquiers trauen?

Wovon sollte die Rede sein? Ohne zweifel hatte der verdrießliche Zufall mit Herrn von Valgeneuse’s Begegnung das Herz des Herrn von Marande in Aufregung und Ungewißheit versetzt. Er gab seiner Frau alle Freiheit, unter der Bedingung, daß der Scandal streng vermieden werde.

Aber war denn die junge Frau an diesem Scandal schuldig? Und wenn sie nicht daran schuldig war, konnte ein so billig denkender, oder sagen wir vielmehr ein so nachsichtiger Mann, wie Herr von Marande, sie dafür verantwortlich machen?

Dessen ungeachtetet, trotz dieser beruhigenden Reflexionen, trotz der Vorgänge, die sie nichts fürchten ließen, fühlte Frau von Marande einen Schauer durch ihre Adern gehen und mit erstickter Stimme antwortete sie, als sie ihren Gatten zum zweiten Male »Ich bins!« rufen hörte, ebenfalls zum zweiten Male:

Herein!«

Herr von Marande trat, stellte sein Licht und sein Portefeuille auf eine Console und setzte sich auf einen Stuhl neben das Bett seiner Frau.

»Verzeihen Sie mir,« meine liebe Lydia, die Störung,welche ich Ihnen verursache, sagte er mit der weichsten Stimme ihr; »aber der König erwartet mich morgen früh um neun Uhr und es wird mir vielleicht morgen den ganzen Tag unmöglich sein, eine einzige Minute mit Ihnen ruhig plaudern zu können.«

»Ich stehe zu Ihrem Befehle, mein Herr,« sagt Frau von Marande im selben Tone.

»Ah! zu meinem Befehle!« murmelte der Banquier in schmerzlich bewegtem Tone, indem er zum zweiten Male die Hand seiner Frau nahm und sie nicht weniger respectvoll, als das erste Mal küßte; »zu meinem Befehle! Das häßliche Wort, ich kann ja nur bitten. Wenn irgend Jemand ein Recht hat, hier zu befehlen, meine liebe Freundin, so sind Sie es und nicht ich. Ich bitte Sie, das wohl im Auge zu haben.

»Ich bin beschämt durch Ihre Güte, mein Herr,« stotterte die junge Frau.

»Wahrhaftig, Sie machen mich verlegen; was Sie meine Güte nenne, ist ja nur Gerechtigkeit, das versichere ich Sie; aber ich werde Ihre kostbaren Augenblicke nicht mißbrauche. Ich komme deshalb sogleich zum Hauptgegenstande unserer Plauderei. Nur erlauben Sie mir eine Frage an Sie zu richten, welche ich Ihnen bereits schon einmal gemacht zu haben glaube. Lieben Sie Herrn von Valgeneuse?«

»Sie haben diese Frage allerdings schon einmal an mich gerichtet und ich antworte Ihnen nein! Weshalb kommen Sie wieder darauf?«

»Nun, weil es schon sechs Monate ist, daß ich diese Frage an Sie richtete und weil sechs Monate oft große Veränderungen im Herzen einer Frau hervorbringen.«

»Nun, ich liebe ihn heute so wenig, als damals.«

»Sie haben nicht die geringste Zuneigung für ihn?«

»Nein,« wiederholte Frau von Marande.

»Sie sind dessen ganz gewiß?«

»Ich versichere es Ihnen, ich schwöre es Ihnen. Ja, weit entfernt, »ich fühle sogar eine Art von . . . «

»Von Haß?«

»Mehr als das . . . von Verachtung.«

»Das ist eigenthümlich, wie wir dieselben Sachen lieben und hassen, ja ich möchte noch mehr sagen, nicht blos Sachen, sondern Menschen liebe Lydia! Das wäre also ein erster Punkt über den wir einverstanden sind; seien Sie überzeugt, wir werden es auch in Beziehung auf die anderen sein. Nun denn, da wir Herrn von Valgeneuse so stark hassen und verachten, wie kommt es, daß wir ihn um diese vorgerückte Stunde der Nacht auf unserer Treppe begegnen? Wenn ich sage wir, so nehme ich an, daß Sie ihn eben so gut, als ichs hätten begegnen können; denn er befindet sich weder mit Ihrem Willen, noch auf Ihre Einladung hin, im Hotel, nicht wahr?«

»Nein, mein Herr; dafür stehe ich Ihnen.«

»Da ich es nun nicht war, der ihn autorisierte hierher zu kommen,« fuhr der Banquier fort, »wollen Sie mir beistehen zu entdecken, weßhalb und unter welchem Vorwande er sich ohne Einladung gegen unseren Willen, in dieser Stunde hier befand?«

»Mein Herr,« sagte die junge Frau ganz verlegen, »wir groß auch Ihre Güte ist, es macht mir große Pein und ich scheue mich, Ihnen zu antworten.«

»Sprechen Sie nicht von meiner Güte, liebe Lydia, und glauben Sie, daß die Frage, die ich an Sie richte, mehr die Absicht hat Sie zu beruhigen, als Sie zu beunruhigen. Ich weiß Vieles, obgleich ich mir die Miene gebe, als wenn ich es nicht wüßte; ich kenne eine Menge von Ihren größten Geheimnissen, die ich nicht zu ahnen scheine; wenn die Pein, die Ihnen meine Antwort verursachte, ihre Quelle in einem dieser Geheimnisse hat, so erlauben Sie mir, Ihnen zu helfen; gestützt auf mich wird Ihnen der Weg leicht erscheinen.«

»O, mein Herr,« rief die junge Frau, »Sie sind von einer erhabenen Nachsicht.«

»Nein, Lydia,« antwortete Herr von Marande mit sanftem und traurigem Lächeln; »ich habe nur die Vorschrift des Weisen geübt: »Kenne Dich selbst!« und das hat mich, nicht nachsichtig, aber zum Philosophen gemacht.«

»Nun gut, mein Herr,« versetzte Frau von Marande,« ermuthigt durch die väterliche Milde ihres Gatten,? »vor einer halben Stunde war ich nicht allein.«

»Ich weiß das, Lydia. Sie kamen an. Herr Jean Robert, der Sie seit einer Woche nicht gesehen, machte Ihnen einen Besuch. Sie waren also mit Herrn Jean Robert zusammen; das war’s was Sie sagen wollten, nicht wahr?«

»Ja,« antwortete die junge Frau, leicht eröthend.«

»Wohl, was gibt es Natürlicheres? Und dann? . . . «

»Und dann,« fuhr Frau von Marande fort, »hörten wir plötzlich hinter uns den Boden krachen, wir wandten uns um und sahen einen Vorhang sich bewegen . . . «

»Es war also eine dritte Person in Ihrem Zimmer?« fragte Herr von Marande.

»Ja, mein Herr.« sagte die junge Frau, »Herr von Valgeneuse war da.«

»Pah!« machte der Banquier mit der größten Entrüstung; »dieser Herr belauschte Sie?«

Frau von Marande senkte den Kopf, ohne zu antworten. Es entstand eine Pause.«

Der Banquier unterbrach sie.

»Und was that Herr Jean Robert, als er den Elenden sah?« sagte er.

»Er ist auf ihn losgestürzt,« sagte Frau von Marande lebhaft.

Und als sie die Stirne ihres Gatten sich verfinsteren sah, fügte sie hinzu:

»Wie Sie so. eben gethan, nannte er ihn einen Elenden.«

»Das ist eine schlimme, beklagenswerthe Scene,« sagte der Banquier.

»Allerdings,« mein Heer, rief die Frau, die den Gedanken ihres Gatten nicht begriff, »sehr beklagenswerth, da sie einen Scandal zur Folge haben könnte, dessen erste Ursache ich war, und der auf Sie zurückfallen könnte.«

»Wer spricht Ihnen davon, liebe Lydia?« versetzte Herr von Marande sanft. »Wenn ich sage:,Das ist beklagenswerte Scene’, so glauben Sie mir, denke ich nicht an mich.«

»Wie, mein Herr,« rief Frau von Marande, »Sie denken jetzt nur an mich?«

»Nun, natürlich liebe Freundin; ich sehe Sie zwischen zwei Männern, dem Einen, welchen Sie lieben, dem Andern, welchen wir verachten. Ich sehe diese beiden Männer sich so zu sagen am Halse packen, in ihrer Gegenwart, vor Ihnen, und ich sage mir:,Die gute Frau ist wirklich zu beklagen, daß sie einer solchen Scene anwohnen muß! Denn ich nehme an, daß trotz des Respektes den Herr Jean Robert vor Ihnen haben muß, – was wollen Sie, die Männer sind immer die Männer, – eine Herausforderung, ein Austausch der der Karten stattgefunden haben muß.«

»Leider! ja»mein Herr; ich glaube, daß etwas der Art stattgefunden.«

»Zuerst? Und dann?«

»Verließ Herr von Valgeneuse den Ort, und entfloh durch mein Toilettencabinet.«

»Jetzt erkläre ich mir, wie ich Herrn von Valgeneuse begegnen konnte, denn Ihr Toilettencabinet führt auf meine Treppe. – Aber erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß er einigermaßen im Hause bewandert sein muß, erstens weil er ohne Ihre Erlaubnis hereingekommen und zweitens, weil er ohne die meine weggegangen. Mit andern Worten, nachdem mein Licht verlöscht war, verschwand er; und zwar so rasch, daß ich nicht mal die Hand an ihn legen konnte. – Der Schuft kennt das Haus besser als ich.«

»Nathalie, meine Kammerzofe, hat ihn hier hereingelassen.«

»Und von wem bekamen Sie dies Geschöpf, liebe Freundin?«

»Von Fräulein Susanne von Valgeneuse.«

»Noch eine, mit der es zu einem schlimmen Ende führen wird.« murmelte der Banquier, indem er die Stirne runzelte. »Aber was wird nach Ihrer Ansicht das Resultat dieses Abenteuers sein? Herr Jean Robert muß sich nothwendig mit Herrn von Valgeneuse schlagen.«

»O nein mein Herr,« sagte die junge Frau.

»Wiefern nein?« versetzte Herr von Marande mit zweifelndem Tone; »Sie gestehen zu, daß eine Ausforderung, ein Austausch der Karten stattgefunden und Sie sagen, daß er sich nicht schlagen werde?«

»Nein; denn Herr Jean Robert hat mir versprochen, sich nicht zu schlagen. Er hat es mir geschworen.«

»Das ist unmöglich, liebe Lydia!«

»Ich wiederhole Ihnen, daß er es mir geschworen.«

»Und ich wiederhole Ihnen, daß es mir unmöglich-ist,«

»Aber mein Herr,« drängte Frau von Marande, »er hat es mir geschworen, und Sie selbst haben mir hundert Male gesagt, daß Jean Robert ein Ehrenmann sei.«

»Und ich werde es wiederholen, bis ich den Beweis vom Gegentheile habe. Aber es gibt Schwüre, auf die ein Ehrenmann nicht achtet, weil er ein Ehrenmann ist. Und der Schwur, sich nicht zu schlagen, ist unter den Umständen, in welchen sich Herr Jean Robert befand, einer von diesen.«

»Wie, mein Herr, Sie glauben . . . «

»Ich glaube, daß Herr Jean Robert sich schlagen wird. Ich glaube es nicht nur, sondern ich gebe Ihnen die Versicherung.«

Unwillkürlich ließ Frau von Marande den Kopf auf die Brust sinken.

»Sie blieb ins dieser Haltung des tiefsten Schmerzes.

»Die arme Frau, sagte Herr von Marande, »sie fürchtet, daß man ihr den tödte, den sie liebt! – »Liebe Freundin,« sagte er, indem er die Hand seiner Frau nahm, »wollen Sie mich ruhig anhören, das heißt ohne Aufregung, ohne Unruhe, ohne Furcht? Mein Besuch, ich schwöre es Ihnen, hat keinen andern Zweck, als Sie zu beruhigen.«

»Ich höre,« sagte Frau von Marande und stieß einen Seufzer aus.

»Nun gut,« fuhr Herr von Marande fort, »welche Meinung würden Sie von Herrn Jean Robert haben, – bemerken Sie wohl, daß ich wie ein Vater, wie ein Priester zu Ihnen spreche und daß ich Sie bitte, gewissenhaft mit sich zu Rathe zu gehen, – welche Meinung würden Sie von Herrn Jean Robert haben, wenn er Sie nicht gegen einen Mann schützte, der Sie so gröblich beleidigte und der diese Beleidigung jeden Tag wiederholen kann? Welche Meinung hätten Sie von seinem Stolz seiner Ehre, seinem Muthe seiner Eigenliebe, wenn er sich nicht schlüge, blos auf eine einfache Bitte von Ihnen hin, gegen den Mann, der Sie auf eine solche Weise beleidigt hat?«

»Fragen Sie mich nicht, mein Herr,« rief die arme Frau; »mein Geist ist zu aufgeregt, und wenn ich mein Gewissen befrage, sehe ich nicht klarer, als mit meiner Vernunft.«

»Ich wiederhole Ihnen zum dritten mal, Lydia, daß ich nur hierhergekommen, um Sie zu beruhigen. Nehmen Sie mit mir an, daß Jean Robert sich schlagen wird; was doch der geringste Beweis von Liebe ist, den er Ihnen geben kann, und ich schwöre Ihnen, daß er sich nicht schlagen wird.«

»Sie schwören mir das, Sie?« rief Frau von Marande, indem sie ihren Gatten fest ansah.

»Ich,« sagte der Banquier, »und auf meine Schwüre können Sie bauen, Lydia; denn,« fügte er melancholisch hinzu, »meine Schwüre sind keine Liebesschwüre.«

Das Gesicht von Frau von Marande strahlte vor Glück; der Banquier schien diese egoistische Freude nicht zu bemerken.

Er fuhr fort:

»Ich frage Sie, liebe Lydia, was würde man in der Welt von der Geschichte eines Duells zwischen Herrn Jean Robert und Herrn von Valgeneuse sagen? Welche Ursache würde man dabei vermuthen? Man würde damit beginnen, die gewagtesten Vermuthungen aufzustellen, bis man endlich die Wahrheit entdeckte: denn zwischen einem Dichter und einem Laffen kann keine geistige Rivalität obwalten. Ich würde mich also gewaltsam in dieses Abenteuer hineingezogen sehen, und das ist weder nach Ihrem Sinne, noch nach dem meinen, nicht wahr? ich bin überzeugt, daß es auch nicht nach dem von Herrn Jean Robert ist. Seien Sie deßhalb ganz ruhig, liebe Freundin, verlassen Sie sich auf mich und verzeihen Sie mir, daß ich Sie unfreiwillig um diese Stunde der Nacht gestört.«

»Aber was wird jetzt geschehen?« fragte Frau von Marande, deren Gesicht den Ausdruck tiefen Schreckens annahm, denn sie begann auf die dunkle Vermuthung zu kommen, daß ihr Gatte in der ganzen Geschichte an die Stelle ihres Geliebten treten wolle..

»Es wird etwas ganz Einfaches geschehen, liebe Lydia,« versetzte der Banquier, »und ich übernehme es, die Sachen auf’s beste zu arrangieren.«

»Mein Herr, mein Herr!« rief Frau von Marande, indem sie sich halb im Bette erhob, so daß ihr weißer Hals und ihre üppigen Schultern dem Banquier wie ein herrlicher Schatz erschienen; »mein Herr, Sie wollen sich für mich schlagen?«

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04 aralık 2019
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