Kitabı oku: «Salvator», sayfa 80
Herr von Marande zitterte vor Bewunderung.
»Liebe Freundin,« sagte er, »ich schwöre Ihnen, alles thun zu wollen, um Sie so lange als möglich meiner achtungsvollen Zärtlichkeit zu erhalten.«
Dann stand er auf, küßte ihr zum dritten Male die Hand und sagte:
»Schlafen Sie wohl.«
Frau von Marande ergriff seine beiden Hände um sie zu küssen und sagte mit einer Stimme Reiz:
»O, mein Herr, warum haben Sie mich nicht geliebt?«
»Scht!« machte Herr von Marande, indem er einen Finger auf den Mund legte, »scht! wir wollen im Hause des Gehenkten nicht von einem Strick sprechen.«
Und sein Licht und sein Portefeuille ergreifend ging Herr von Marande leise weg, wie er gekommen.
CV
Wo Herr von Marande konsequent gegen sich ist
Herr von Humboldt, dieser große Philosoph und große Geolog, sagt irgendwo in Bezug aus den Eindruck, den Erdbeben hervorbringen:
»Dieser Eindruck kommt nicht davon, daß die Bilder der Catastrophen, die uns die Geschichte aufbewahrt hat, sich in Masse unserer Phantasie aufdrängten. Was uns ergreift, das ist, daß wir plötzlich unser angeborenes Vertrauen auf die Stabilität des Bodens verlieren; von unserer Kindheit waren wir an den Contrast der Beweglichkeit des Oceans mit der Unbeweglichkeit der Erde gewöhnt. Alte Zeugnisse unserer Sinne haben unsere Sicherheit bestärkt; kommt der Boden zum Zittern, so genügt dieser Moment, um die Erfahrung des ganzen Lebens zu zerstören; Es ist eine unbekannte Macht, die sich plötzlich entwickelt; die Ruhe der Natur war nur eine Illusion und wir fühlen uns gewaltsam in ein Chaos zerstörender Kräfte zurückgeworfen.«
Nun, dieser Physische Eindruck hat sein Aequivalent in dem moralischen Eindrucke, den es auf den Mann machen muß, der nach Verfluß von einigen Jahren glücklicher Ehe, während welcher er seine Frau angebetet und das vollste Vertrauen auf sie gehabt, plötzlich unter sich den Abgrund des Zweifels aufgethan sieht.
Und wirklich, kann man sich eine ernstere, schmerzlichere und bemitleidenswerthere Lage denken, als die eines Mannes, der eng und unlösbar mit einer Frau verbunden, nachdem er jahrelang in vollster Sicherheit mit ihr gelebt, sich plötzlich in seinem Glauben erschüttert, in seiner Ruhe aufgestört sieht. Der Zweifel, der bei der- Frau begonnen, die er liebt, umfaßt zuletzt die ganze Schöpfung. Er zweifelt an sich, an den Andern, am Lichte, an Gott; er ist zuletzt dem ganz ähnlich, von welchem Herr von Humboldt sprach, der, nachdem er dreißig Jahre lang die Erde für fest gehalten, sie plötzlich unter seinen Füssen zittern fühlt, sie plötzlich sich vor ihm öffnen sieht.
Glücklicher Weise war das nicht die Lage des Herrn von Marande; eine Lage, die übrigens sehr schwer zu schildern. Wie er zu seiner Frau gesagt die Selbstkenntniß hatte ihn sehr nachsichtig gegen die schöne Sünderin gemacht, die in Folge der Umstände, von denen wir gesprochen,. ihr Schicksal an das seinige gebunden sah; und für die Nachsicht, die ihn Frau von Marande alle Freiheit hatte zugestehen lassen, mußte man ihm um so mehr Dank wissen, als er seine Frau sichtlich liebte und keine Frau der Welt ihm würdiger erschien, geliebt, ja angebetet zu werden. Und da es keine Liebe ohne Eifersucht gibt, so war es klar, daß Herr von Marande im Inneren Jean Robert eifersüchtig sein mußte. Und er zwar wirklich im höchsten Grade auf ihn eifersüchtig. Aber wäre es der Mühe werth, ein Mann von Geist zu sein, wenn der Geist nicht eine Maske wäre, um diejenigen unserer Schmerzen zu verbergen, über welche die Gesellschaft lacht, statt ihnen ihr Mitleid zu weihen?
Herr von Marande handelte deßhalb nicht blos als Philosoph, sondern auch als Mann von Herz; da er eine Frau hatte, von der er vernünftigerweise jenes physische und stattliche Gefühl nicht Verlangen konnte, das wir Liebe nennen, so suchte er es dahin zu bringen, daß sie gezwungen war, ihm wenigstens jenes moralische Gefühl zu weihen, das wir Dankbarkeit nennen.
So war Herr von Marande vielleicht der eifersüchtigste Mann von der Welt, während er es gerne am wenigsten zu sein schien.
Man darf deßhalb. nicht erstaunen, wenn er, nachdem er einmal entschlossen, der Freund Jean Robert’s zu sein, mit so großem Eifer sich mühte, der Feind des Herrn von Valgeneuse zu werden; sein Haß gegen den Letzteren war eine Art von Sicherheitsventil, welches seine Eifersucht für den Ersteren hinausließ, eine Eifersucht, die ohne diesen Vorsichtsmechanismus Gefahr lief, eines Tages die Maschine zu zersprengen.
Und die-Gelegenheit war jetzt gekommen, diesen Haß hinauszulassen.
Am Tage nach der nächtlichen Scene, welche wir erzählt haben, verließ Herr von Marande statt um neun Uhr in den Wagen zu steigen und nach den Tuilerien zu fahren, um sieben Uhr zu Fuße das Haus, nahm auf dem Boulevard ein Cabriolet und ließ sich nach der Rue de l’Université fahren, wo Jean Robert wohnte.
Herr von Marande stieg die drei Etagen des jungen Poeten hinauf und klingelte.
Der Diener kam, um ihm zu öffnen.
Während er fragte, ob Herr Jean Robert zu Hause sei, warf Herr von Marande einen Blick in das Vorzimmer.
Aus einem Tische lag eine Pistolencapsel; in einer Ecke stand ein Paar Duelldegen.
Herr von Marande war fest in seinem Entschlusse.
Der Diener antwortete, sein Herr sei nicht zu sprechen:
Unglücklicherweise hörte Herr von Marande, der ein ebenso seines Gehör, als einen raschen Blick hatte, ganz deutlich zwei oder drei Männerstimmen, die in dem Schlafzimmer Jean Robert’s sich zu streiten schienen.
Er gab dem Diener seine Karte, indem er demselben sagte, solle sie seinem Herrn geben, wenn Dieser allein sei und hinzufügen, daß er, Herr von Marande, gegen zehn Uhr wiederkommen werde, wenn er vom König käme.
Diese Worte. wenn er vom König käme, schienen die größte Wirkung auf den Diener Jean Roberts zu machen, denn er versicherte Herrn von Marande, daß sein Auftrag pünktlich ausgerichtet werden solle.
Der Banquier ging weg.
Aber vier Schritte von der Thüre Jean Robert’s ließ er sein Cabriolet halten und umkehren, um zu sehen, wer von unserem Dichter wegginge, oder vielmehr das Haus verlasse, das unser Poet bewohnte
Er sah auch ehestens zwei junge Männer weggehen, von denen er den Einen als Ludovic, den Andern als Petrus erkannte.
Sie gingen nach seiner Seite hin, so daß Herr von Marande nur aus seinem- Wagen zu steigen brauchte, um sich ihnen gegenüber zu befinden.
Die beiden jungen Leute traten etwas bei Seite, um den Banquier höflich zu grüßen, für den sie eine große moralische Sympathie und eine nicht minder große politische Achtung hegten.
Sie ließen sich nicht entfernt träumen, daß Herr von Marande etwas von ihnen wolle; er hielt sie jedoch lächelnd an.
»Verzeihung, meine Herren,« sagte er, »aber ich erwartete Sie.«
»Uns?« antworteten zu gleicher Zeit die beiden jungen Männer, indem sie sich erstaunt ansahen.
»Ja, Sie; ich. Ahnte, daß Ihr Freund Sie diesen Morgen rufen lassen werde und wollte Ihnen zwei Worte bezüglich der Mission sagen, die er Ihnen so eben gegeben.«
Die beiden jungen Männer sahen sich mit wachsendem Erstaunen an.
»Sie kennen mich, meine Herren,« fuhr Herr von Marande mit seinem reizenden Lächeln fort; »ich bin ein ernster Mann, gewöhnt alle Ehrensachen zu achten; Sie können mich deßhalb nicht im Verdachte haben, daß ich im Geringsten die Absicht habe, die Ihres Freundes stören zu wollen.«
Die beiden jungen Männer verbeugten sich.
»Nun,« fuhr Herr von Marande fort, »erweisen Sie mir eine Gefälligkeit.«
»Welche?«
»Offen auf meine Frage zu antworten.«
»Wir werden unser Bestes thun, mein Herr,« sagte Petrus ebenfalls lächelnd.
»Sie gehen zu Herrn von Valgeneuse, nicht wahr?«
»Ja, mein Herr,« antworteten die beiden jungen Männer immer erstaunter.
»Sie gehen zu ihm, um mit ihm oder seinen Zeugen die Bedingungen eines Duells in’s Reine zu bringen?«
»Mein Herr . . . «
»O! antworten Sie mir offen. Ich bin Finanzminister und nicht Polizeipräfect. Es handelt sich um ein Duell?«
»Allerdings, mein Herr.«
»Ein Duell, dessen Ursache Sie nicht kennen?«
Und Herr von Marande heftete bei dieser Frage seinen Blick fest auf die beiden jungen Männer.
»Das ist ebenfalls wahr, meine Herr,« antworteten sie.
»Ja,« murmelte Herr von Marande lächelnd, »ich hielt Herrn Jean Robert für einen vollkommenen Ehrenmann.«
Und da Petrus und Ludovic warteten, fuhr er fort:
»Nun, ich kenne die Ursache, und ich habe Herrn Jean Robert zu sagen, daß ich die Ehre habe, in einer Stunde Dinge zu sehen, welche wahrscheinlich seinen Entschluß ändern werden.«
»Das glaube ich nicht, mein Herr; unser Freund schien uns sehr entschieden und fest entschlossen.«
»Erzeigen Sie mir eine Gefälligkeit, meine Herren?«
»Sehr gerne,« antworteten die beiden jungen Männer zu gleicher Zeit.
»Gehen Sie nicht früher zu Herrn von Valgeneuse als bis ich Herrn Jean Robert gesprochen und bis er, nachdem er mich gesehen, mit Ihnen gesprochen.«
»Mein Herr, das heißt so sehr gegen die Instruktion unseres Freundes handeln, daß wir nicht wissen . . . «
»Es ist eine Sache von zwei Stunden.«
»Ja gewissen Fällen, mein Herr, sind zwei Stunden sehr gewichtig . . . es ist die Initiative.«
»Ich versicherte Sie, meine Herren, daß Ihr Freund statt Ihnen darob zu grollen, Ihnen Dank für diese Verzögerung wissen wird.«
»Sie versichern uns das?«
»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.«
Die jungen Leute sahen sich an.
Dann sagte Petrus-:
»Aber warum, mein Herr, gehen Sie nicht sogleich zu Herrn Jean Robert?«
Herr von Marande zog seine Uhr.
»Weil es zehn Minuten weniger, als neun Uhr ist; um neun Uhr präcis muß ich in den Tuilerien sein, denn ich bin noch nicht lange genug Minister, um den König warten zu lassen.«
»Erlauben Sie uns wenigstens, unsern Freund von diesem veränderten Stand der Dinge in Kenntniß zu setzen?«
»Nein, meine Herren, nein, ich bitte Sie; die Absichten Herrn Jean Robert’s müssen sich nach dem richten, was ich ihm sagen werde; seien Sie jedoch um elf Uhr bei ihm.«
»Aber . . . « drängte Ludovic.
»Nehmen Sie an,« machte Herr von Marande, »daß Sie Herrn von Valgeneuse nicht zu Hause getroffen, so müssen Sie sich ja auch in einen solchen Verzug finden.«
»Mein Freund,« sagte Petrus, »wenn ein Mann wie Herr von Marande uns vor jedem Tadel sichert, so können wir, meiner Ansicht nach, uns bei seinem Worte beruhigen.«
Dann verbeugte er sich vor dem Banquier-Minister und fuhr fort:
»Wir werden um elf Uhr bei unserem Freunde sein, mein Herr, und bis dahin soll nichts geschehen, was Ihre Absichten beeinträchtigen könnte.«
Und zum zweiten Male grüßend, deuteten die beiden jungen Männer Herrn von Marande an, daß sie ihn nicht länger in der Straße aufhalten wollten.
Herr von Marande stieg denn auch wirklich rasch in den Wagen, der ebenfalls rasch nach den Tuilerien fuhr.
Die beiden jungen Leute traten in das Café Desmares, wo sie sich ein Frühstück servieren ließen, um die Zeit zu benützen, die ihnen Herr von Marande gegeben.
Indessen hatte der Diener Jean Robert’s seinem Herrn die Karte des Ministers übergeben, natürlich, ohne zu vergessen, zu sagen, daß der Letztere bei Herrn Jean Robert sein wolle, wenn er vom König käme.
Jean Robert ließ sich zweimal die Worte wiederholen, die an ihn gerichtet worden, nahm die Karte, las sie und zog, während er sie las, unwillkürlich die Augbrauen zusammen; nicht daß er Furcht gehabt, der junge Mann war tapfer wie eine Feder oder ein Schwert, aber das Unbekannte beunruhigte ihn.
Was konnte Herr von Marande Morgens acht Uhr von ihm wollen, zu einer Stunde, wo die Banquiers und die Minister freilich wachen, wo die Poeten jedoch schlafen?«
Glücklicher Weise durfte er nicht lange warten.
Punkt zehn Uhr läutete man an der Thüre und zwei Sekunden später führte der Diener Herrn von Marande herein.
Jean Robert stand auf.
»Bitte mich sehr zu entschuldigen, mein Herr,« sagte er, »Sie haben mir die Ehre erwiesen, sich um halb neun diesen Morgen bei mir einzufinden . . . «
»Und Sie konnten mich nicht empfangen, mein Herr,« versetzte Herr von Marande; »das ist ganz einfach: Sie waren mit Ihren-Freunden, den Herrn Petrus und Ludovic, beschäftigt und da gilt für uns Finanzleute, was das Sprichwort sagt:,Geschäft geht vor Vergnügen.’ Sie haben das Vergnügen, das ich habe, Sie zu sehen, etwas verzögert, mein Herr, aber das Vergnügen ist darum nur größer.«
Diese Worte konnten eben so gut Spott, als Höflichkeit sein. Ohne im Augenblick zu wissen, was er davon halten sollte, bot-Jean Robert Herrn von Marande einen Fauteuil an.
Herr von Marande setzte sich und gab Jean Robert ein Zeichen, neben ihm Platz zu nehmen.«
»Mein Besuch scheint Sie zu befremden, mein Herr,« sagte der Banquier.
»Mein Herr,« sagte Jean Robert, »er ehrt mich so sehr . . . «
Der Banquier unterbrach ihn.
»Nun gut,« sagte er, »was mich befremdet, ist, daß ich Sie nicht früher schon besuchte. Aber, was wollen Sie, wir Finanzleute sind die Undankbarkeit selbst und wir vergessen schändlicher Weise im Drang unserer Arbeiten die Menschen, die uns die größte Freude bereiten. Das will sagen, mein Herr, daß, seit Sie mir die Ehre erweisen, das Hotel in der Rue Lafitte zu besuchen, ich mich schäme, Sie noch nicht einmal besucht zu haben.«
»Mein Herr,« stotterte Jean Robert, ganz verlegen über das Compliment des Banquiers, und vergeblich sich fragend, wo er damit hinaus wolle.
»Nun, lassen Sie hören,« fuhr Herr von Marande fort, »woher kommt es, daß Sie mir zu danken scheinen, statt alle Vorwürfe, die ich verdiene, an mich zu richten? Sie behandeln mich, verzeihen Sie wir diesen finanziellen Ausdruck, wie seinen Gläubiger, statt mich wie einen Schuldner zu behandeln. Ich bin Ihnen eine unberechenbare Anzahl von Besuchen schuldig und ich sagte es noch gestern Abend zu Frau von Marande in dem Augenblick, da Sie sie verlassen hatten.«
»Ah, darauf wollte er hinaus,« sagte Jean Robert; »er sah mich gestern zu ungeeigneter Zeit sein Hotel verlassen und will nun Rechenschaft von mir fordern.«
»Frau von Marande,« fuhr der Banquier fort, der sich wirklich nicht bei dem »bei Seite« Jean Robert’s aufhalten konnte. »Frau von Marande hat eine tiefe Neigung für Sie.«
»Mein Herr! . . . «
»Sie liebt Sie wie einen Bruder.«
Und Herr von Marande legte einen besonderen Nachdruck aus die drei letzten Worte.
»Was mich in Erstaunen und Kummer versetzt,« fuhr er fort, »ist das, daß es ihr nicht gelungen, Ihnen etwas von dieser Neigung, die sie für Sie hat, für mich einzuflößen.«
»Mein Herr.« beeilte sich Jean Robert zu sagen, erstaunt über die Wendung, die das Gespräch nahm und weit entfernt, den Zweck desselben zu ahnen, »die Verschiedenheit unserer Beschäftigungen hindert mich ohne Zweifel . . . «
»Freundschaft für mich zu besitzen?« unterbrach ihn Herr von Marande. »Glauben Sie also, mein lieber Dichter, daß die Intelligenz mit den Arbeiten der Bank ganz unvereinbar sei. Glauben Sie, wie diejenigen, welche vom Finanzspiel nur die Verluste kennen, daß alle Banquiers Dummköpfe oder . . . «
»O, mein Herr,« rief der Dichter, »fern sei von mir ein solcher Gedanke.«
»Ich war zum Voraus davon überzeugt,« fuhr der Banquier fort, »deßhalb sage ich Ihnen: Unsere Arbeiten haben, ohne daß es den Schein hat,eine gewisse Aehnlichkeit, eine gewisse Gemeinschaft. Die Finanz gibt, so zu sagen, das Lebens die Poesie lehrt es genießen. Wir sind die beiden Pole und folglich beide nothwendig für die Bewegung des Globus.«
»Aber,« sagte Jean Robert, »Sie geben mir durch diese wenigen Worte den Beweis, daß Sie mindestens eben so sehr Poet sind, als ich, mein Herr.«
»Sie schmeicheln mir,« antwortete Herr von Marande, »und-ich verdiene diesen hübschen Titel nicht, obgleich ich ihn zu erringen versucht.«
»Sie?«
»Ich; das setzt Sie in Erstaunen?«
»Keineswegs. Aber . . . «
»Ja, die Bank erscheint Ihnen unerträglich mit der Poesie?«
»Ich sage das nicht, mein Herr.«
»Aber Sie denken es; das kommt auf eins heraus.«
»Nein, ich sage nur, daß ich nicht von Ihnen weiß . . . «
»Was Ihnen beweist, daß ich den Beruf gehabt? Nehmen Sie sich in Acht! Wenn ich mich mal über Sie zu beklagen habe, so komme ich mit einem Manuscript in der Hand. Aber heute bin ich weit davon entfernt, da ich es bin, der sich bei Ihnen entschuldigen will. Ah! Sie zweifeln, junger Mann! So vernehmen Sie denn, daß ich meine Tragödie geschrieben, wie alle Welt: einen Coriolan; dann die sechs ersten Gesänge eines Gedichtes, das die Humanität betitelt war, dann einen Band lyrischer Gedichte, dann dann . . . was weiß ich? Da die Poesie jedoch ein Cultus ist, der seine Priester nicht nährt, so mußte ich materielle Dinge arbeiten; statt geistige zu betreiben, und auf diese Weise bin ich ganz einfach Banquier geworden, während ich, erlauben Sie mir, es Ihnen allein zu sagen, damit man mich nicht des Stolzes beschuldige, während ich Ihr College hätte werden können.«
Jean Robert verbeugte sich tief, immer erstaunter über die unerwartete Wendung, welche das Gespräch mehr und mehr nahm.
»Auf Grund dieser Thatsache,« fuhr Herr von Marande fort, »wage ich es, Ihre Freundschaft zu beanspruchen und, was mehr ist, Sie um einen Beweis derselben zu bitten.«
»Mich! – Sprecher Sie, .sprechen Sie, mein Herr!« rief Jean Robert im höchsten Erstaunen.
»Wenn es glücklicher,« versetzte Herr von Marande, auf dieser Welt noch Menschen gibt, die wie wir, die Poesie kultivieren oder ihr huldigen, so gibt es andere, die, alles Ideal verachtend, von dieser Welt nur grobe Vergnügungen, physische Freuden, materielle Genüsse verlangen. Diese Gattung von Menschen ist es, die den natürlichen Fortschritt der Civilisation am meisten hemmen. Den Menschen zum Thiere herabwürdigen, nur den rohen Appetit befriedigen, von der Frau nichts als die Befriedigung einer gierigen Sinnlichkeit fordern, das ist, meiner Ansicht nach, eine der Wunden unserer Gesellschaft. Theilen Sie meine Ansicht, mein lieber Poet?«
»Ganz und gar, mein Herr,« antwortete Jean Robert.
»Nun gut, es existiert ein Mensch, in welchem alle Fehler dieser Art incarnirt zu sein scheinen, ein Wüstling, der seinen Kopf aus alle Kissen gelegt zu haben behauptet, und der vor keiner Unmöglichkeit zurückschreckt, gelte es nun einen Sieg davon zu tragen oder einer Niederlage den Schein eines Sieges zu geben. Dieser Mensch, dieser Wüstling, dieser Fant, Sie kennen ihn, ist Herr Lorédan von Valgeneuse.«
»Herr von Valgeneuse!« rief Jean Robert, »o! Ja, ich kenne ihn.«
Und ein Blitz des Hasses leuchtete aus seinen Augen.
»Nun denn, mein lieber Poet, denken Sie sich, gestern Abends hat mir Frau von Marande Wort für Wort die Scene erzählte die sich bei ihr zwischen Ihnen und ihm ereignete.«
»Jean Robert zittere. Aber der Banquier fuhr im selben freundlichen und höflichen Tone fort:
»Ich wußte seit lange durch Frau von Marande selbst, daß er ihr den Hof machte. Ich wartete deshalb in meiner Eigenschaft als gesetzmäßiger Beschützer von Frau von Marande nur auf eine Gelegenheit, um diesem Laffen eine Lection zu geben, wie er sie verdient; obgleich ich glaube, daß ihm diese Lection nicht viel nützen wird, da sich diese Gelegenheit ganz unerwartet bot.«
»Was wollen Sie damit sagen, mein Herr?« rief Jean Robert, der die Absicht seines Mitunterredners endlich dunkel zu ahnen begann.
»Ich will ganz einfach sagen, daß ich Herr von Valgeneuse tödten werde, da er Frau von Marande beleidigt hat; nichts ist einfacher.«
»Aber, mein Herr.« rief Jean Robert, »es scheint mir doch, daß es an mir ist, diese Beleidigung zu bestrafen, da ich Zeuge der Beleidigung war, welche Frau von Marande widerfahren.«
»Erlauben Sie, mein lieber Dichter,« sagte Herr von Marande lachend, »ich verlange von Ihrer Freundschaft nicht Aufopferung! – Lassen Sie uns ernsthaft sprechen. – Die Beleidigung fand statt. Aber um welche Stunde? Um Mitternacht. Wo fand sie statt? In einem Zimmer, wo Frau von Marande bisweilen schläft – aus Laune. Wo war Herr von Valgeneuse versteckt? Im Allcoven dieses Zimmers. – Das alles zeugt von Vertraulichkeit – von der intimsten Vertraulichkeit. Ich war nicht zu jener Stunde bei Frau von Marande; ich habe nicht Herrn von Valgeneuse in dem Alkoven entdeckt; aber ich hätte sollen in dem Zimmer sein; ich hätte sollen Herrn von Valgeneuse entdecken. Sie kennen unsere Journale, – und namentlich unsere Journalisten; welch eigenthümliche Commentare würde man, sagen Sie selbst, über Ihr Duell mit Herrn von Valgeneuse machen? Glauben Sie, daß der Name der Frau von Marande, das heißt ein ehrenhafter Name, der ehrenhaft bleiben muß, so verschieden auch die Ansichten sein mögen, von der Bosheit unberührt bleiben werde-? – Denken Sie einen Augenblick nach, ehe Sie mir antworten.«
»Und dennoch, mein Herr,« sagte Jean Robert, obgleich er die Richtigkeit dieses Raisonnements anerkannte, kann ich Ihnen nicht gestatten, sich mit einem Manne zu schlagen, der eine Frau in meiner Gegenwart beleidigt hat.«
»Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen widersprechen muß, mein Freund, – Sie erlauben mir doch, daß ich Ihnen diesen Titel gebe? – aber die Frau die man vor Ihnen dem Besuchenden beleidigt – bemerken Sie wohl, daß Sie für mich nur ein Besuchender sind, – diese Frau ist die meinige; ich will sagen, sie trügt meinen Namen und aus diesem Grunde, hätten Sie auch hundert Mal Recht, ist es an mir, sie zu vertheidigen.«
»Aber wein Herr . . . « stotterte Jean Robert.
»Sie sehen, mein lieber Poet, Sie, der Sie sonst das Wort so leicht handhaben, Sie sind in Verlegenheit mir zu antworten.«
»Aber mein Herr . . . «
»Ich habe Sie um einen Freundschaftsbeweis gebeten, wollen Sie mir ihn geben?«
Jean Robert schwieg.
»Ich bitte Sie, tiefes Schweigen über dieses Abenteuer zu bewahren,« fuhr der Banquier fort.
Jean Robert senkte den Kopf.
»Und wenn es sein muß, mein Freund, Frau von Marande bittet Sie mit mir darum.«
Der Banquier stand auf.
»Aber, mein Herr,« rief plötzlich Jean Robert, »ich habe es mir überlegt; was Sie von mir verlangen, ist unmöglich.«
»Weßhalb?«
»In diesem Augenblicke müssen sich zwei meiner Freunde bei Herrn von Valgeneuse befinden und ihn um den Namen der Zeugen gebeten haben, mit welchen sie sich verständigen sollen.«
»Sind diese beiden Freunde nicht die Herren Petrus und Ludovic?«
»Ja.«
»Nun gut, seien Sie ohne Sorgen in dieser Richtung; ich habe sie begegnet, als ich von Ihnen wegging und von ihnen auf meine Verantwortlichkeit erwirkt, daß sie bis elf Uhr warten und Sie dann um neue Ordre bitten. Sehen Sie, sie scheinen ihre Uhren nach Ihrer Standuhr gerichtet zu haben. Ihre Uhr schlägt zehn und die Herren läuten an Ihrer Thüre.«
»Ich habe nichts mehr zu sagen,« versetzte Jean Robert.
»Gut denn!« sagte Herr von Marande, indem er dem Dichter die Hand bot.
Dann machte er einige Schritte nach der Thüre und sagte, indem er plötzlich stehen bliebe:
»Ah! Bei Gott, ich vergaß den Hauptzweck meines Besuchs.«
Jean Robert sah den Banquier mit einem neuen Ausdruck von Staunen, der den früheren noch überwog, an.
»Ich wollte Sie im Namen von Frau von Marande, welche der ersten Vorstellung Ihres Stückes um jeden Preis, aber ungesehen, beiwohnen möchte, bitten, daß Sie ihr die erste Loge de face in ein Baignoire der Prosceniumsloge umtauschen lassen. Das ist doch möglich, nicht wahr?.«
»Gewiß, mein Herr.«
»Nun gut, wenn man Sie fragte, weßhalb ich zu Ihnen gekommen, so haben Sie die Güte, den wahren Grund, nämlich den des Logenumtausches anzugeben.«
»Ich werde das pünktlich thun, mein Herr.«
»Und jetzt,« sagte Herr von Marande, »bitte ich Sie um Verzeihung, daß ich wegen einer so einfachen Sache meinen Besuch so lange ausgedehnt.«
Dann verließ Herr von Marande mit einer tiefen Verbeugung Jean Robert zu seinem großen Erstaunen. Der Dichter konnte sich, als er ihn weggehen sah, eines Gefühls ehrfurchtsvoller Sympathie nicht entschlagen. Der Mann erschien ihm groß, der Gatte erhaben.
Hinter Herrn von Marande erschienen die beiden jungen Männer.
»Nun?« fragten sie Jean Robert.
»Nun,.« sagte dieser, »ich bin in Verzweiflung, daß ich euch so frühzeitig bemüht, ich habe nichts mehr mit Herrn von Valgeneuse zu thun.«
