Kitabı oku: «So sey es », sayfa 12
Ich schrie unwillkürlich auf.
»Was! Sie sind’s« rief ich.
Ich hatte die Stimme des Abbé Morin erkannt, und ich wußte mir nun den Eindruck zu erklären, den seine Stimme und sein Athem auf mich gemacht hatten.
»Ja, mein liebes Kind«e antwortete er; »ich bin hierhergekommen um Ihre Seele aus der Klaue des Dämons zu retten. Ist es noch Zeit?«
»Es ist also wirklich wahr?« sagte ich.
»Was meinen Sie, liebes Kind?«
»Daß Herr von Montigny —«
Ich stockte.
»Herr von Montigny,« setzte der Abbé mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke des Hasses hinzu, ist ein Ketzer, und als solcher der Hölle verfallen – er wird Sie mit sich ins Verderben ziehen.«
»O,« stammelte ich. »Ich hatte es wohl geahnt..«
»Man will sich Ihrer um jeden Preis entledigen, mein armes Kind, und wirft Sie dem Ersten Besten in die Arme. Deshalb hat man mich von hier entfernt, deshalb hat man die gottlose Heirat so beeilt; man hoffte, die Trauung könne ohne mein Wissen stattfinden; aber ich habe Alles erfahren und bin bereit, Sie zu beschützen.«
Ich schauderte. Der Beschützer schien mir sonderbarer Weise mehr zu fürchten als Der, gegen den er mich in Schutz nehmen wollte.
»Leider,« fügte der Abbé hinzu, »kann ich Sie nicht offen vertheidigen; leider werden Sie nicht wagen, sich gegen den Willen Ihrer Stiefmutter aufzulehnen und am Fuße des Altars Nein zu sagen.«
»Nein, das kann ich nicht!« erwiederte ich.
»Ich dachte es wohl,« sagte der Abbé. »Aber werden Sie, wenn Sie diesem Manne angehören, wenigstens die Kraft haben, sich seiner zu erwehren?«
»Ich verstehe Sie nicht,« antwortete ich. »Warum soll ich mich seiner erwehren und gegen welche Gefahr soll ich mich schützten.«
»Haben Sie in der heiligen Schrift die Geschichte des Besessenen gelesen, welchem Christus den Dämon austrieb?«
»Ja wohl.«
»Sie sind in Gefahr, vom Dämon besessen zu werden.«
»Wie die Nonnen von Loudun?« fragte ich.
»Haben Sie dieses vortreffliche Buch gelesen, mein Kind?«
»Gestern habe ich es wunderbarer Weise in meinem Zimmer gefunden.«-
»Nun, dann habe ich Ihnen nichts mehr zu sagen. Herr von Montigny ist ein Ketzer, einer jener vom Himmel ausgeschlossenen Menschen, gegen welche leider die Justiz nicht mehr einschreitet wie zur Zeit des Cardinal Richelieu und der Aufhebung des Edicts von Nantes. Wenn Sie ihm jemals angehören, so sind Sie verloren.«
»Aber morgen um zehn Uhr Vormittags werde ich ihm angehören —« entgegnete ich.
»Nicht ganz. mein Kind. Sie werden seine Gemalin; aber die Vermählung ist noch nicht ganz der Besitz.«
»Was ist denn der Besitz?« fragte ich.
»Haben Sie es denn nicht in dem Buche gelesen?«
»Ja wohl, aber ich habe es nicht verstanden.«
»Nun denn,« sagte der Abbé mit einem sonderbaren Tone. »da die Personen, welche Sie vor der Gefahr hätten warnen sollen, dies unterlassen haben. so muß ich Ihnen Alles sagen.«
Er sagte mir wirklich Alles. – Alles, was mir in dem Buche unverständlich geblieben war, wurde mir nun klar. Ich schlug beschämt die Augen nieder, als ob die Schmach dieser Worte nicht allein auf den pflichtvergessenen Abbé fallen müßte. Zehnmal war ich im Begriffe ihm zuzurufen: »Genug! Um des Himmels willen, schweigen Sie!« Aber ich wagte es nicht; ich hielt die Hände auf die Ohren, um nichts mehr zu hören.
Ich weiß nicht, wie lange ich in meiner knienden Stellung blieb. Ich fühlte mit Schrecken, daß man versuchte mich aufzuheben Ich sah mich rasch um – Josephine stand hinter mir.
Der Abbé hatte sich entfernt und in die Sakristei begeben.
»Komm,« sagte ich zu ihr und verließ mit ihr die Kirche.
Als ich ins Schloß kam, war ich entschlossen, der Frau von Juvigny zu Füßen zufallen und sie zu bitten, mich nicht zur Vermählung mit einem Ungläubigen zu zwingen; aber sie war seit einer Stunde in ihrem Zimmer und hatte Befehl gegeben, sie nicht vor sieben Uhr Morgens zu wecken.
Mein Muth sank vor diesem Verbot; überdies wußte ich, daß meine Bitten fruchtlos sein würden und daß Frau von Juvigny beschlossen hatte, mich von ihr zu entfernen..
Ich begab mich in mein Zimmer und befahl Josephinen, mir Zoe zu schicken.
Josephine gehorchte mir jederzeit blindlings. Sie wissen wo sie wohnt. Um Zoe zu rufen, mußte sie durch den Park gehen, ihre Tochter aus dem Bette holen und zu mir führen.
Drei Viertelstunden nachher war Zoe in meinem Zimmer.«
Ich hatte das größte Vertrauen zu Zoe; sie war mit mir erzogen worden; sie hatte mich nie verlassen; ich wußte, daß sie meine Befehle buchstäblich vollziehen würde.
Ich erzählte ihr Alles. – Zoe theilte keineswegs mein Vorurtheil gegen Montigny; sie fand ihn sehr schön und wußte nichts von Ketzerei; aber sie erklärte, wenn Satan ihm gleiche, so sei es nicht zu verwundern, daß sich so viele Leute dem Satan ergeben.
Ich war zu tief erschüttert, um dem Zureden des Mädchens nachzugehen; ihre Scherzt über diesen Gegenstand schienen mir eine Gottlosigkeit. Ich sagte ihr, daß ich sie fortschicken würde, wenn sie in diesem Tone fortführe. Sie schwieg und half mir beim Auskleiden. Als ich mich schlafen gelegt hatte, zog sie einen großen Lehnstuhl vor mein Bett, setzte sich in denselben und erklärte, sie werde sehr gut schlafen. Zehn Minuten nachher hatte ich den Beweis, daß sie die Wahrheit gesagt hatte. Zoe schlief fest.
Ich schlief erst spät ein, als mich die Müdigkeit überwältigte.
Am andern Morgen weckte mich Zoe mit der Meldung, daß Frau von Juvigny mich mit der Haarkünstlerin und der Schneiderin im grünen Zimmer erwarte, um mich zur Hochzeit zu schmücken. Frau von Juvigny schien absichtlich jedes Alleinsein mit mir zu vermeiden; vielleicht dachte sie gar nicht daran, aber ich glaubte es.
Es war acht Uhr. Die Trauung sollte um zehn Uhr stattfinden und zwei Stunden waren immerhin nothwendig, um mich in eine Braut umzuwandeln.
Ich ließ es ganz willenlos geschehen, ohne mich zu sträuben und ohne bei meinem Anzuge zu helfen. – Um Uhr hörte ich einen Wagen in den Schloßhof fahren. Einige Minuten später klopfte ein Diener an die verschlossene Thür des grünen Zimmers und meldete Herrn Montigny.
Ich glaubte, die Besinnung zu verlieren; ich fühlte, daß ich sehr blaß wurde; meine Knie wankten.
»Es ist gut,« rief Frau von Juvigny durch die Thüre. »Er gehe in den Solon und erwarte uns.«
Dann wandte sie sich zu mir und fügte mit empörender Rohheit hinzu:
»Nur keine Albernheiten, kleines Gänschen!«
Ich antwortete nicht, ich glaubte ersticken zu müssen.
Fünf Minuten nachher war ich in vollem Putz. Man führte mich vor den Spiegel, damit ich mich vom Kopfe bis zu den Füßen sehen könne; man sagte mir,ich sei hübsch und überhäufte mich mit Liebkosungen. Dann gingen wir hinunter.
Dritter Teil
I
Montigny war wirklich im Salon. Sein Anzug war tadellos.
Ich warf nur einen Blick auf ihn; er schien mir noch schöner als sonst; aber ich habe Ihnen schon gesagt, daß eben seine eigenthümliche Schönheit einen großen Antheil an meiner Scheu hatte.
Er stand auf, kam auf uns zu und nach einigen Worten, die ich nicht verstand, küßte er mir die Hand.
Seine Lippen berührten nur meinen Handschuh, aber es überlief mich ein eisiger Schauer
Beide Male, als seine Lippen meine Stirne und meine Hand berührten, hatte ich ein Gefühl, welches mich an die Geschichte des Zauberers Grandier und an die Erklärungen des Abbé Morin über die dem Besitz vorhergehenden berauschenden Empfindungen erinnerte.
Montigny bemerkte meine Befangenheit. Sein Gesicht nahm einen etwas finstern Ausdruck an; aber Frau von Juvigny flüsterte ihm lachend einige Worte zu. Er lächelte nun ebenfalls.
Inwischen schlug’s zehn.
»Nichts hält uns mehr auf,« sagte er.
»Nein, antwortete Frau von Juvigny; »wir können uns zur Kirche begeben.«
Ich sah mich um, ob nicht Jemand da sei , der Mitleid mit mir habe; aber alle Gesichter waren heiter, selbst Zoe, welche, bis auf den Brautkranz, so gekleidet war wie ich, schien sehr vergnügt. Sie hielt sich offenbar für sehr glücklich.
Man stieg in den Wagen. Ich hatte Frau von Juvigny , Zoe und Josephine bei mir. Montigny folgte uns mit zwei Freunden in einem zweiten Wagen.
Die Hochzeit wurde in voller Stille, ohne Festlichkeiten gefeiert. Montigny, der die Civiltrauung als die allein gesetzmäßige, folglich als die Hauptsache betrachtete, hatte auf die Trauung vor dem protestantischen Geistlichen verzichtet, um meine Gefühle nicht zu verletzen.
Die Kutschen hielten vor der Maire. Ich würde gewiß nicht heftiger gezittert haben, wenn ich das Blutgerüst hätte besteigen müssen.
Frau von Juvigny zog mir den Schleier übers Gesicht, um meine Blässe zu verbergen.
Die Trauung wurde vollzogen, ohne daß ich wußte was ich that. Man flüsterte mir das verhängnißvolle Wort »Ja« zu, und auf die Frage des Maire: »Nehmen Sie den Montigny zu Ihrem Ehegatten?« antwortete ich wie ein willenloses Echo: »Ja.«
Ich war für das Leben gebunden.
Doch dies war nicht die Ursache meiner Furcht: ich dachte mit Schrecken und Entsetzen, daß ich vielleicht den Abbé Morin in der Kirche wiedersehen würde.
Ich verließ die Maire eben so willenlos, wie ich sie betreten hatte; aber als ich vor der Kirche aus dem Wagen stieg, seufzte ich unwillkürlich und wankte.
Frau von Juvigny faßte mich beim Arme und hielt mich.
»Bist Du denn von Sinnen?« flüsterte sie mir zu; »siehst Du denn nicht ein, daß jetzt Alles zu Ende ist?«
Ich war in der That beinahe von Sinnen. Für mich war keineswegs Alles zu Ende; ich fühlte, daß ich todt niederfallen würde, wenn der Abbé Morin das Amt hielte.
Sie können denken, mit welcher Angst ich durch die Kirche schritt. Das Chor war noch leer, der Geistliche erwartete unsere Ankunft in der Sakristei. Wir knieten auf die bereitliegenden Kissen nieder. Montigny neigte sich zu mir und sagte mir, vermuthlich um mich zu beruhigen, einige Worte, die ich nicht verstand, denn ich wandte mich unwillkürlich von ihm ab.
Ich hörte nur Eine Stimme, die mein Herz mit Schrecken erfüllte; sie flüsterte mir die im Beichtstuhle gehörten Schreckensworte zu:
»Dieser Mann ist ein Ketzer; Du bist verloren in dieser und jener Welt, wenn Du ihm angehörst!
Das Glöcklein des Chorknaben verkündete das Erscheinen des Geistlichen. Ich lauschte in athemloser Spannung, ich sah nichts mehr; ich wagte auch nicht die Augen aufzuschlagen – Ich hörte leichte, jugendliche Schritte; ich verglich sie mit dem gestrigen langsamen, schleichenden Gange und fing an zu hoffen. Als der Priester vor den Altar trat, blickte ich auf. Es war nicht der Abbé Morin, sondern sein Nachfolger, der junge Vicar – Ich athmete tief auf.
Von diesem Augenblicke an ging der Zustand der Angst und Ueberreizung, in welchem ich die Nacht und den Morgen zugebracht hatte, in tiefe Abspannung über. Montigny wollte mir den Arm bieten, um die Kirche zu verlassen; aber er bemerkte, daß ich leichenblaß war und wankte, er gab daher meiner Stiefmutter einen Wink und ich entfernte mich an ihrem Arme.
In meinem Zustande konnte ich an dem Frühstücke nicht theilnehmen. Frau von Juvigny führte mich in mein Zimmer und hielt mir eine lange Strafpredigt; aber Alles was ich davon verstand, waren die Worte:
»Ich erlasse Dir das Frühstück, aber halte Dich bereit, zu Tische zu kommen.«
Dann entfernte sie sich; aber gleich darauf kam sie zurück und sagte:
»Herr von Montigny wird Dir vielleicht einen Besuch machen; ich hoffe, daß Du Dich gegen ihn nicht so kindisch benehmen wirst, wie gegen mich.
Diese Worte, welche fast wie eine Drohung klangen,entrissen mich meiner Betäubung; ich erwiederte, in Thränen ausbrechend:
»Ja, ja, ich will bei Tische erscheinen; aber er soll nicht kommen! Ich bitte Sie, schicken Sie Zoe zu mir Frau von Juvigny entfernte sich achselzuckend.
Kaum war sie fort, so nahm ich mir den Brautkranz vom Kopfe und den Strauß von der Brust und legte Beides zu den Füßen meines Madonnenbildes nieder. Als ich mich neigte, um meine gewohnte Andacht zu verrichten, bemerkte ich auf dem Sockel ein Papier.
Ich nahm zitternd den Zettel, denn es kam nie ein Fremder in mein Zimmer, und las:
»Gedenken Sie Ihres feierlichen Versprechens, nie einem Ungläubigen anzugehören.«
Obgleich die Schriftzüge absichtlich entstellt waren, erkannte ich die Handschrift des Abbé Morin.
In diesem Augenblicke kam Zoe. Ich sank in ihre Arme und rief:
»Nein, nie werde ich diesem Manne angehören!«
Zoe lachte. Dieses Lachen, das einen grellen Contrast zu meinen Thränen bildete, empörte mich.
»Du auch!« sagte ich, mich abwendend.
»Du gehörst ihm an,« antwortete sie; »Du bist ja zweimal mit ihm getraut worden? In der Maire und in der Kirche.«
»Mag sein,« erwiederte ich; »aber vor der heiligen Jungfrau . . . «
Zoe fiel mir um den Hals, drückte mir einen Kuß auf den Mund und zog mich auf ein Sopha.
»Keinen Schwur, Edmée!« sagte sie erschrocken. »Liebe Schwester, man soll nichts schwören, was man nicht halten kann.«
»Wer wird mich hindern, diesen Schwur zu halten?«
»Er . . . er ist dein Mann und wird von seinem Rechte Gebrauch machen.
Ich schluchzte und rang die Hände.
»Hast Du denn nicht gehört, daß der Maire Dir den Artikel des Gesetzbuches vorgelesen hat?«
»Nein, ich habe nichts gehört.«
»Es steht darin klar und deutlich: Die Frau ist ihrem Gatten Gehorsam schuldig.«
»Ja,« erwiederte ich; »aber was Gott verbietet, soll man nicht thun.«
Was!« sagte Zoe, mich ansehend, »wer hat Dir denn gesagt, daß Gott der Frau verbiete, ihrem Manne anzugehören?«
»Er, er!« antwortete ich.
»Dann hast Du ihn wirklich gesprochen? Ich hatte mich also nicht geirrt. – O der Unhold!
»Wen meinst Du?«
»Den Abbé Morin.«
»Still!» sagte ich, und hielt ihr die Hand auf den Mund.
»Jetzt wird mir Alles klar; deshalb ist er von Bernay herübergekommen, deshalb hat er im Beichtstuhle den Platz des Vicars eingenommen.«
»Wer hat Dir das gesagt?«
»Ich war in der Kirche, als Du mit meiner Mutter kamst; ich betete für Dich, liebe Edmée, und erflehte für Dich alles Glück, das Du verdienst. Ich sah ihn vorüber gehen, ich erkannte ihn, ich errieth, warum er gekommen war.«
»Und warum war er gekommen?«
»Um deine Vermählung wo möglich zu hintertreiben. Du weißt ja, daß er Dich ins Kloster bringen wollte. – Und dann . . .«
»Was weiter?«
»Nichts, ich durchschaue ihn, den alten Unhold.«
»Zoe!« sagte ich ernst verzweifelnd.
»Edmée,« fügte Zoe hinzu, »glaube, was ich Dir sage. Herrn von Montigny hast Du gewiß nicht zu fürchten, er ist ein schöner, rechtschaffener Mann; ich bin überzeugt, daß Du mit ihm dein Glück in dieser und jener Welt finden wirst.«
»Schweige! er hatte mich gestern in der Kirche und heute nach hier gewarnt: ich sei verloren, wenn ich Herrn von Montigny angehöre.«
»Hier?« fragte Zoe erstaunt.
»Ja, steh nur.«
Ich zeigte ihr den Zettel, den ich auf dem Sockel des Madonnenbildes gefunden hatte.
»Er wird diesen Morgen, als wir Alle in der Kirche waren, durch den Obstgarten und aus der Seitentreppe ins Schloß gekommen sein,« sagte Zoe; er kann schleichen wie ein Gespenst. Edmée traue ihm nicht!«
Ich schauderte; ich dachte an das Taufgelübde, an meine Ohnmacht an den Auftritt in der Sakristei. Ich fühlte auf meinen Lippen den heillosen Kuß, der mich aus meiner Bewußtlosigkeit geweckt hatte.
Alle diese Erinnerungen erschütterten mich, ohne einen Lichtstrahl in das trostlose Dunkel meines Gemüthes zu werfen.
»Zoe,, Zoe! Du allein hast mich lieb. Verlaß mich nicht.«
»Arme Schwester,« erwiederte Zoe, »Du weißt ja, daß ich dein bin, daß Du mit mir machen kannst, was Du willst. Befiehl, und wenn Du nichts Unsinniges verlangst,so werde ich gehorchen.«
»So höre. Der Abbé . . .«
Ich stockte. Ich konnte den Namen nicht über die Lippen bringen.
»Der Abbé Morin,« ergänzte Zoe.
»Ja, er sagte mir, daß sich mein Mann diesen Abend erkühnen werde, in mein Schlafzimmer zu kommen.«
Allerdings wird er sich erkühnen,« erwiederte Zoe lachend; »er wäre sehr dumm, wenn er nicht käme.«
»Wenn Du lachst, Zoe, so sage ich Dir nichts mehr und will nichts mehr von Dir wissen.«
»Nun, ich will nicht mehr lachen. Sprich.«
»Zoe, Du mußt bei mir bleiben, Dich in meinem Zimmer verstecken und mir beistehen gegen Herrn von Montigny, der ein Dämon ist.«
»Hat Dir das der Abbé Morin auch gesagt?«
»Gleichviel wer mir’s gesagt hat, es ist so.«
»Du wirft aber gestehen, daß der Dämon ein schöner Mann ist«
»Ach! Du siehst mit andern Augen als ich.«
»Arme Edmée, ich glaube an das, was Du mit geschlossenen Augen, aber nicht an das, was Du mit offenen Augen stehst.«
»Nun, so überzeugt Dich.«
Ich nahm Milton’s »verlorenes Paradies« und zeigte ihr den Kupferstich, wo der rebellische Engel eine so auffallende Aehnlichkeit mit Montigny hatte.
»Wer hat Dir dieses Buch gegeben?« fragte Zoe.
»Niemand, ich habe es aus der Bibliothek genommen.«
»Hm!« sagte Zoe, »der Teufel ist sehr schlau, aber der Abbé Morin . . .«
Sie schwieg.
»Was meinst Du?«
»Ich meine, daß der Abbé Morin noch schlauer ist als der Teufel.«
»Davon ist jetzt nicht die Rede. Du wirst diese Nacht bei mir bleiben, nicht wahr?«
»Ja.«
»Versprichst Du mir’s?«
»Ja, ich verspreche Dir’s.«
»Gut, jetzt bin ich ruhiger.«
Plötzlich erschrak ich.
»Du glaubst ruhiger zu sein und zitterst?« sagte Zoe. Was gibts denn?«
»Zoe, er kommt.«
»Wer denn?«
»Herr von Montigny.«
»Wo ist er denn?«
»Ich sehe ihn.«
»Du bist von Sinnen.«
»Er kommt die Treppe herauf. . . er macht die Thüre des großen Salons auf. Ich sage Dir, daß ich ihn sehe.«
»Durch die Wände?«
Ich faßte Zoe beim Arme.
»Hörst Du seinen Tritt?« sagte ich.
»Ja wohl, ich höre Fußtritte,« antwortete sie; »aber wer sagt Dir, daß er es sei?«
»Du wirst es sogleich sehen.«
Wir standen eine kleine Weile und lauschten sie mit Neugierde, ich mit Zittern und Zagen.
Es wurde leise an die Thüre geklopft. —Wir schwiegen Beide.
»Ist es erlaubt einzutreten?« fragte eine sanfte Stimme.
»Antworte doch ja,« flüsterte mir Zoe zu.
Ich gab, auf das Sopha sinkend, die kaum zu vermeidende Antwort.
Montigny trat ein. Es war unmöglich, ein sanfteres,edleres, offeneres Gesicht zu sehen. Zoe machte eine Bewegung, um sich von mir zu entfernen; das Zimmer konnte sie nicht verlassen, denn ich hielt sie am Kleide.
Montigny bemerkte es.
»Bleiben Sie,« sagte er zu Zoe. »Fräulein Edmée« —er betonte das Fräulein lächelnd – »Fräulein Edmée war, wenn ich nicht irre, diesen Morgen etwas unwohl und bedarf der Gesellschaft einer Freundin. Wenn ich einst ihr Mann bin, so werde ich meinen Ehrenposten an Niemand abtreten; aber ich bin es bis jetzt erst dem Namen nach, und will mich nur nach ihrem Befinden erkundigen.«
»O, ich befinde mich besser – viel besser,« fiel ich rasch ein, denn ich hoffte, daß diese Versicherung den Besuch abkürzen werde.
»Nichts konnte mir angenehmer sein, als diese Versicherung aus Ihrem Munde, mein Herzenskind,« erwiederte er. »Erlauben Sie mir, einen Augenblick bei Ihnen Platz zu nehmen?«
Ich wich scheu zurück; aber da diese Bewegung, die mich von ihm entfernen sollte, auch durch den Wunsch. Ihm Platz zu machen, gedeutet werden konnte, so deutete er sie in dem für ihn günstigen Sinne und setzte sich zu mir.
»Was machten Sie denn Beide hier allein? Wovon sprachen Sie?«
»Von nichts,« sagte ich hastig.
»Da ist ein Buch, Sie haben wahrscheinlich gelesen.«
Er streckte die Hand nach dem »verlorenen Paradiese« aus.
»Ah, die Dichtung Milton’s!« fügte er hinzu. »Sie scheinen Fortschritte in der Poesie zu machen und von den nationalen zu den fremden Dichtern überzugehen. Ich wußte wohl, daß Sie englisch sprechen, aber ich wußte nicht, daß Sie dieser Sprache mächtig genug sind, um Milton’s Poesie zu verstehen.«
»Wir haben nicht gelesen – stammelte ich.
»Was haben Sie denn gemach?«
»Wir haben die Kupferstiche angesehen.«
Er schlug das Buch auf.
»Ah sie sind von Flaxmaan,« sagte er. »Der Zeichner ist ausnahmsweise des Dichters würdig.«
Er fand zufällig den Fürsten der Finsterniß dessen Aehnlichkeit mit Montigny wir bemerkt hatten.
»Sehen Sie,« sagte er und hielt mir den Kupferstich vor die Augen, »ist das nicht die Idee, die man sich von dem bösen Engel machen kann? Stirne, Augen, Mund, die Gesichtszüge – liegt darin nicht der Ausdruck der Vermessenheit und des Trotzes? Und denkt man nicht unwillkürlich, daß ein solcher Gegner nur durch einen Blitzstrahl zu Boden geworfen werden kann?«
Zoe fing an zu lachen. Montigny sah sie erstaunt an.
Dieser Blick hatte etwas Befehlendes.
»Wissen Sie wohl, Herr von Montigny, was wir so eben sagten?«
Ich faltete die Hände; aber Zoe schien meine bittenden Geberden nicht zu beachten.
»Nein, sagen Sie mir’s; ich habe Sie schon darum gefragt. Was haben Sie gesprochen? Bin ich so glücklich, daß sich Fräulein Edmée mit mir beschäftigt?«
»Nun, wir sagten, daß dieser Erzengel —«
»Zoe!« mahnte ich.
»Ich habe einmal angefangen,« sagte Zoe, »Du mußt mich ausreden lassen.«
Montigny nickte zustimmend.
»Wir sagten,« fuhr Zoe fort, »daß dieser Erzengel Ihr Ebenbild sei.«
Montigny lächelte.
»So ähnlich wie ein Mensch einem überirdischen Wesen sein kann,« sagte er. »Die Aehnlichkeit mit Satan ist mir höchst schmeichelhaft.«
Ich sah ihn mit Entsetzen an.
»Aber ich muß das Compliment theilweise ablehnen, fügte er hinzu, »Satans Hände sind mit Krallen bewaffnet mit denen er seine Opfer in die Hölle schleppt, und ich – er zog den linken Handschuh aus – »ich habe keine Krallen, wenigstens sind sie mir noch nicht gewachsen.«
Die entblößte Hand war klein, weiß, schön geformt; an dem kleinen Finger trug er einen der schönsten Türkise, die ich je gesehen habe.
Mein Blick fiel unwillkürlich aus diese weiße, feine Hand und blieb auf dem Ringe haften.
»Der Ring scheint Ihnen zu gefallen?« sagte er lächelnd; »ich nehme mir die Erlaubniß Ihnen denselben anzubieten.«
Er zog den Ring vom Finger.
»Dieser Stein,« sagte er, »soll nach der Sage des Landes, welches ihn hervorbringt, eine merkwürdige Eigenschaft haben: sein ganzes Wesen verbindet sich innig mit der Person, die ihn trägt; wenn diese Person von einer Gefahr bedroht wird, so wird das Azurblau des Steines dunkler; wenn sie erkrankt, wird er blässer; wenn sie stirbt, wird der Stein blaßgrün und verliert seinen Werth. Er soll auch der Person, die ihn trägt, Glück bringen. Ich kaufte ihn vor drei Jahren in Moskau von einem Tataren. Seit jener Zeit ist mir Alles gelungen; das letzte Glück, das ich ihm verdankte, theuerste Edmée, ist unsere Bekanntschaft und Verbindung. Der Stein hat also Alles für mich gethan, was er thun konnte. Jetzt ist es an Ihnen, sich in seinen Schutz zu begeben; möge er auf Ihre Zukunft ebenso heilsam wirken wie auf die meinige!«
Bei diesen Worten suchte er meine Hand zu fassen und mir den Ring auf den Finger zu stecken. Aber ich zog meine Hand schnell zurück.
»Ich sehe wohl,« sagte er, sich an Zoe wendend, »daß Edmée noch einige aus meiner Aehnlichkeit mit Satan herrührende Vorurtheile gegen mich hat. Sie, Zoe, scheinen mehr Muth zu haben; nehmen Sie diesen Ring, eilen Sie zur Kirche, tauchen Sie ihn in Weihwasser, und wenn er sieh nicht in eine glühende Kohle verwandelt, wenn er das Wasser nicht sieden macht, so bin ich weder Satan noch einer seiner Helfershelfer.«
Dann stand er auf, ohne daß ich es hinderte, faßte meine Hand, drückte einen Kuß darauf und verließ das Zimmer.
