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Kitabı oku: «So sey es », sayfa 11

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XI

»Obgleich in meinem damaligen Alter die Eindrücke nicht lange in der Erinnerung bleiben und gemeiniglich schnell verschwinden. so blieb mir der eben erzählte Vorfall doch beständig im Gedächtniß. Sie sind freilich der Erste, dem ich diese Scene erzähle, und da sie nicht aus meinem Herzen kam, blieb sie auch in meinen Gedanken.

»Jetzt erklären Sie mir dies. Dieser Mann, den ich so sehr fürchtete, hatte gleichwohl eine räthselhafte Gewalt über mich. Ich war wie die mittelalterlichen Feen, die vor dem Stabe eines bösen Zauberers zittern und trotzdem gezwungen sind ihm zu gehorchen.

»Ich sah den Abbé Morin erst in den nächsten Ferien wieder. Er war, wie gewöhnlich, mehr nachsichtig als streng gegen mich. Er konnte nicht ahnen, daß mir während meiner Ohnmacht die Sinne des Gesichts und Gehörs geblieben waren und daß mir daher von Allem was sich zugetragen, nichts entgangen war. Er erwähnte nichts davon, und ich würde ihm um keinen Preis der Welt etwas von dieser sonderbaren Vision gesagt haben. Ueberdies war ich nicht ganz sicher, ob es kein Traum gewesen war.

»Der Abbé war Beichtvater eines Klosters der Ursulinerinnen, und oft rühmte er mir das stille zufriedene Leben dieser frommen Schwestern, wobei er nie unterließ das Glück der Berufenen zu preisen.

»Aber so oft er von diesem Glücke sprach, wurde ich so blaß und war einer Ohnmacht so nahe, daß meine Stiefmutter, die im Grunde eine herzensgute Frau war, den Abbé Morin ersuchte, diesen Gegenstand in seinen Unterredungen mit mir nicht wieder zu berühren.

»Der Abbé Morin fügte sich und begnügte sich mit Anspielungen auf das himmlische Glück, das uns die Erde bieten konnte; aber diese Anspielungen wurden immer seltener, da mich Frau von Juvigny, ich wußte nicht warum, nicht mehr mit ihm allein ließ. Ungeachtet meiner Arglosigkeit merkte ich dabei doch eine gewisse Absichtlichkeit.

»In dem Jahre nach meiner ersten Communion besuchte mich meine Stiefmutter dreimal, und jedesmal war der Abbé bei ihr; aber kein einziges Mal hatte er Gelegenheit mir ein Wort zu sagen das sie nicht hören konnte.

»So erreichte ich mein vierzehntes Jahr. – In den nächsten Ferien richtete ich das blaue Stübchen so ein, wie es jetzt ist. Die Statue der heil. Jungfrau, welche Sie bemerkt, hatte ich in einem Trödlerladen zu Evreux aufgefunden; ich vergoldete sie selbst und stellte sie da auf, wo sie noch jetzt sieht. Das Stübchen war fertig, als ich wieder in das Institut zurückkehrte, und ich freute mich recht herzlich, daß ich es in einem Jahre bewohnen könnte.

»Eitle Hoffnung! Sie werden gleich hören, was mir in diesem Jahre bevorstand.

»Eines Tages besuchte mich meine Stiefmutter, obgleich es nicht die Zeit der Ferien war. Tags vorher war ich fünfzehn Jahre alt geworden.

»Sie hatte eine lange Unterredung mit der Institutsvorsteherin. In Folge dieser Unterredung schloß mich die gute Madame Lecleré – so hieß die Vorsteherin – so zärtlich in ihre Arme und segnete mich mit so feierlichem Ernst, daß ich wohl merkte, ich müsse an einem sehr wichtigen Abschnitt meines Lebens stehen. Was mir aber bevorstand, getraute ich mich nicht zu fragen.

»Zu meinem Erstaunen war meine Stiefmutter allein gekommen, der Abbé Morin war nicht bei ihr. Ich erwartete aber mit jedem Augenblick sein Erscheinen.

»Er kam nicht, – Ich hütete mich wohl nach ihm zu fragen: ich fürchtete ihn und dachte, daß ich ihn bald genug wiedersehen würde. Wahrscheinlich erwartete er uns zu Juvigny.

»Wir kamen in Juvigny an. Ich sah mich nach allen Seiten um, die schwarze Gestalt ließ sich nicht blicken. Ich athmete freier auf.

»Als ich Abends in meinem Stübchen war und die Thür sorgfältig verschlossen hatte« fragte ich Josephine, was aus dem Abbé Morin geworden sey.

»Josephine wußte es nicht; sie bedauerte nur seine Abwesenheit. Sie verehrte den Mann.

»Sie hatte nur erfahren, daß zwischen ihm und meiner Stiefmutter ein Wortwechsel stattgefunden habe und daß er gleich darauf Pfarrer in Bernay geworden sey. Seit jener Zeit, es waren drei Monate, hatte man ihn in Juvigny nicht wiedergesehen. An seine Stelle war ein auf seine Empfehlung ernannter junger Vicar getreten.

Am Tage nach meiner Ankunft im Schlosse mußte ich Kleider anlegen, die eine ganz andere Form hatten als weine bisherigen. Ich fragte Josephine um die Ursache dieser Veränderung; aber die gute Alte wies mich mit geheimnißvoller Miene an meine Stiefmutter.

Frau von Juvigny, die ich nun befragte, antwortete mir, ich sei kein Kind mehr, sondern ein Mädchen, und es sei daher natürlich, daß ich mich nicht mehr als Kind, sondern als Mädchen kleidete.

Ich war über diese Veränderung sehr erfreut; die neuen Kleider schmeichelten meiner Gefallsucht. Statt meines grauen Schulanzuges mit blauen Bändern hatte ich ein hübsches gesticktes, tief ausgeschnittenes Mousselinkleid mit Volants. Man war auf meinen Anzug bedacht gewesen, weil Besuch erwartet wurde.

Ich gestehe, daß ich, obschon mich im Park herumtreibend, mit Augen und Ohren lauschte.

Gegen vier Uhr Nachmittags hörte ich das Rollen eines Wagens. Ich schlich durch die Büsche, so daß ich sehen konnte, wer durch das Gitterthor und in die Lindenallee fuhr.

Ich sah eine sehr elegante Kalesche und in derselben einen Mann in nachlässiger, halb liegender Stellung. Dieser Mann mochte etwa dreißig Jahre alt sein, er hatte ein schönes, etwas ernstes Gesicht mit einem sorgfältig gepflegten schwarzen Bart. Er war einfach, aber elegant gekleidet.

Die Kalesche hielt vor der Freitreppe an. Der Unbekannte sprang behende heraus. Meine Stiefmutter kam ihm bis auf die oberste Stufe entgegen.

In dem Gebüsche, wo ich versteckt war, konnte ich bemerken, daß er sehr zuvorkommend empfangen wurde. Er ging mit meiner Stiefmutter in’s Haus.

Nach einer kleinen Weile hörte ich meinen Namen Edmée rufen, und ich erkannte Josephinens Stimme.

Ich lief davon und antwortete erst, als ich von der Lindenallee so weit entfernt war, daß man meine Neugierde nicht merkte.

Endlich zeigte ich mich in einer Aller. Die gute Alte bemerkte mich und kam athemlos auf mich zu.

»Kommen Sie doch, Fräulein,« sagte sie« »um Gottes willen, kommen Sie doch! Man sucht Sie überall und rief Sie seit zehn Minuten, ohne daß Sie eine Antwort geben.«

»Da bin ich« liebe Josephine,« antwortete ich.

»Ja wohl, Sie sind da, – aber in welchem Zustande!

Ihr Kleid ist ja ganz zerdrückt, Ihr Haar zerzaust! So können Sie unmöglich vor dem schönen Herrn erscheinen, der Sie besucht.«

»Wie! der mich besucht? Du behauptest also, daß der Herr in der Kalesche mich besucht?«

»Sie und Frau von Juvigny. Sie haben ihn also gesehen, den Herrn in der Kalesche?«

»Ja – von weitem – durch die Bäume,« antwortete ich ganz ganz beschämt über meine Neugierde.

»Dann kommen Sie geschwind. O Sie böses Kind!«

Josephine ging mit mir, oder vielmehr sie trieb mich vor sich her.

Als ich an die Schloßtreppe kam, war ich ganz außer Athem.

»Um Gottes willen!« sagte Josephine, »erholen Sie sich. Man könnte wirklich glauben, Sie hätten eben mit dem Seile gespielt, wir im Institute.«

»Nun, was würde daran liegen, wenn ich auch gespielt hätte?« sagte ich.

»Wollen Sie wohl schweigen!« eiferte Josephine. »Ein heiratsfähiges Fräulein!«

Alle diese Vorsichtsmaßregeln kamen mir sehr sonderbar vor. Die letzten Worte Josephinens machten mir Angst. Mein Herz pochte fast hörbar. Statt in den Solon zu treten, wäre ich lieber davongelaufen.

Vielleicht wäre ich wirklich davongelaufen, wenn nicht ein Bedienter an mir vorübergeeilt wäre.

»Nun, wird die Kleine bald erscheinen?« fragte meine Stiefmutter ungeduldig.

»Wer denn, Madame?« fragte der Diener.

»Wer anders als Edmée?«

»Sie ist draußen im Vorsaale mit Frau Gauthier.«

Nun bekam ich wieder Angst. Ich wollte davonlaufen; aber Josephine hielt mich zurück.

»Holet sie,« sagte Frau von Juvigny.

Jetzt konnte ich nicht mehr entkommen; überdies schob mich Josephine zur Salonthür.

»Gehen Sie doch!« sagte sie.

»Da bin ich« Mutter!« sagte ich, eintretend und alle meine Fassung aufbietend.

Das erzürnte Gesicht meiner Stiefmutter besänftigte sich, und als sie mich bei der Hand nahm, um mich dem Fremden vorzustellen, war sie sehr freundlich geworden.

»Sie müssen entschuldigen,« sagte Frau Juvigny, sie ist so jung…«

Und ohne mir Zeit zu lassen, mich zu besinnen, setzte sie hinzu:

»Ich habe die Ehre, Ihnen das Fräulein Edmée von Juvigny vorzustellen.«

Dann wandte sie sich zu mir: »Herr Edgar von Montigny.«

»Das war also Ihr erster Gemal?« sagte ich, die Gräfin unterbrechend.

»Ja.« antwortete sie.

»O! fahren Sie fort,« bat ich. »Sie glauben nicht, mit welcher Theilnahme ich Ihnen zuhöre.«

XII

Noch denselben Abend, als Herr von Montigny fort war, zeigte mir meine Stiefmutter an. daß dieser Edelmann mir die Ehre gebe, um meine Hand zu werben. Er sei ein Mann von Vermögen und aus sehr gutem Hause, sie sehe daher kein Hindernis welches seiner Bewerbung im Wege stehen könnte.

Frau von Juvigny, die erst siebenundzwanzig Jahre zählte, mußte von Fremden, die mich für ihre leibliche Tochter hielten, für älter gehalten werden, als sie wirklich war: sie sah es daher nicht ungerne, ein jüngeres Gesicht als das ihrige ans ihrer Nähe zu entfernen.

Ich war nicht gewohnt, meinen eigenen Willen zu haben; ich antwortete daher meiner Stiefmutter, sie möge mit mir machen was ihr beliebe; es sei meine Pflicht, ihr zu gehorchen.

Diese Folgsamkeit schien meiner Stiefmutter große Freude zu machen. Sie lobte Herrn von Montigny sehr, versicherte mir, daß ich mit ihm sehr glücklich sein würde, und schickte mich zu Bette, als wenn ich nach ein kleines Mädchen wäre, das noch lange nicht an eine Verheiratung denken könne.

. Ich gehorchte ohne Widerrede. In meinem Stübchen fand ich meine gute Josephine. der ich jederzeit mein Herz öffnete wie einer Mutter.

Ich sank weinend in ihre Arme.

Josephine wußte, wovon es sich handelte. Sie ließ mich ausweinen. Ich würde im ersten Augenblicke keinen Vorstellungen Gehör gegeben haben. Als ich mich etwas beruhigt hatte. brachte sie die Heiratsangelegenheit ganz offen zur Sprache und fragte mich, ob ich Herrn von Montigny häßlich fände.

Ich konnte nicht umhin, die Frage zu verneinen und sogar zu gestehen, daß er ein recht hübsches Gesicht habe.

Sie fragte mich dann, ob ich sein Benehmen gemein fände?

Ich sah mich wieder zu dem Geständniß gezwungen, daß mir Herr von Montigny ein sehr feingebildeter Mann zu sein scheine.

Endlich fragte sie mich, ob er mir zu alt scheine.

Ich hatte wohl eine Einwendung zu machen, denn Herr von Montigny war gerade doppelt so alt wie ich; aber Josephine antwortete, eben weil ich noch so jung und fast noch ein Kind sei, bedürfe ich zu meiner Leitung einen verständigen Mann, und in dieser Beziehung würde ich bei Herrn von Montigny jene doppelte Liebe des Vaters und des Gatten finden, die das Glück einer Frau zu sichern vermöge.

Alle diese Gründe waren so vernünftig. daß ich nichts zu erwiedern wußte. Ich ging zu Bett und schlief ein. Ich war ja in einem Alter, wo sich alle Schmerzen in süßen, wohlthuenden Schlummer auflösen.

Als ich die Augen aufschlug, saß Josephine schon vor meinem Bette: die gute Alte wartete auf mein Erwachen.

Ich fragte sie sogleich, ob sie glaube, daß Herr von Montigny wieder kommen werde.

Sie antwortete mir, daß sie es nicht bezweifle, denn ich hätte ihm sehr gefallen.

Ich seufzte, denn es war mir schrecklich, einen von meinem Willen so weit entfernten Eindruck gemacht zu haben.

Dann kleidete ich mich an und ging im Parke spazieren.

Zum ersten Male suchte ich die dunkelsten, einsamsten Stellen auf. Ich setzte mich an den Bach, hing meinen Gedanken nach, pflückte Vergißmeinnicht und warf sie ins Wasser. Die poetischen Gedanken, die mich seitdem zuweilen beschäftigt haben, waren ohne Zweifel in jener Zeit entstanden. Ich würde lügen, wenn ich nicht gestände, daß mein auf den fernen Horizont gerichteter Blick zum ersten Male eine menschliche Gestalt zu sehen glaubte« und daß diese Gestalt sich allmälig und ohne meinen Willen in Herrn von Montigny verwandelte.

Ich sah ihn mit seinem schönen schwarzen Haar; seine Züge, deren Ernst zuweilen durch ein anmuthiges Lächeln gemildert wurde; seine Gesichtsfarbe, deren Blässe ihm ein so vornehmes Ansehen gab. Auf dieses Phantasiegebilde warf ich einen Blick, den ich gestern vor der wirklichen Erscheinung so verschämt niedergeschlagen hatte, und ich bedurfte der Versicherungen Josephinens nicht mehr, um mir selbst zu gestehen, daß Herr von Montigny einer der angenehmsten, gebildetsten Männer sei, die ich je gesehen. Meine Erfahrung war in dieser Beziehung freilich sehr beschränkt.

Das Resultat dieser Grübeleien war, daß ich mich, als zum Frühstücke geläutet wurde, in mehr träumerischer als trauriger Stimmung ins Schloß begab.

Meine Stiefmutter begrüßte mich wie gewöhnlich mit einem Kuß, aber sie sprach kein Wort über Herrn von Montigny. Als ich vom Tische aufstand, hätte ich glauben können, die ganze gestrige Geschichte sei nur ein Traum gewesen.

Ich hätte sie gern gefragt, ob Herr von Montigny wieder kommen werde, aber ich wagte es nicht; ich hatte ja meine gute Josephine, die ich über solche Dinge befragen konnte.

Aber es war sonderbar, wenn ich Josephine sah, getraute ich mich eben so wenig sie zu befragen wie Frau von Juvigny.

Als ich in mein Zimmer kam, fand ich drei bis vier neue Kleider auf meinem Bette. Ich wählte eines und rief Josephine. die mir beim Ankleiden helfen sollte.

»Ich sehe wohl,« sagte sie lächelnd, »daß das liebe Kind recht hübsch vor Herrn von Montigny erscheinen will.«

»Kommt er denn heute?« fragte ich.

»Ich weiß es nicht,« antwortete sie.

»O! wenn er nicht kommt, so ist es nicht der Mühe werth, mich anzukleiden.«

»Kleide Dich nur an,« sagte Josephine lächelnd; »man kann ja nicht wissen —«

Ich wählte das Kleid, das mir am besten gefiel, und ich muß gestehen, daß ich auf meinen Anzug mehr Sorgfalt verwandte als gestern.

Als ich mich angekleidet hatte, ging ich wieder in den Park, aber nicht wie gestern die Ankunft des Gastes zu belauschen, sondern um mich ungestört meinen Gedanken zu überlassen.

Plötzlich wurde ich in meinen Träumereien durch näherkommende Fußtritte und das Rauschen von Zweigen unterbrochen. Ich sah mich um – Herr von Montigny war zehn Schritte von mir.

Ich warf nur einen Blick auf ihn; aber dieser Blick überzeugte mich, daß er seinem Anzuge größere Sorgfalt gewidmet hatte als gestern.

Als ich ihn bemerkte, machte ich eine unwillkürliche Bewegung, ich glaube fast, daß mir sein Anblick einen leisen Schrei entlockte.

»Entschuldigen Sie, mein Fräulein,« sagte er; »ich habe Ihnen einen Schrecken verursacht.«

»Ich war auf Ihr Erscheinen nicht vorbereitet, antwortete ich.

»Frau von Juvigny hat mich ermächtigt, Sie aufzusuchen,« sagte er; »und da ich erfahren. daß dieser Theil des Parkes Ihr Lieblingsspaziergang ist…«

»Im Gegentheile, ich war noch nie hier,« unterbrach ich ihn; »diesen Morgen habe ich zum ersten Male bemerkt, daß diese Partie eine der schönsten ist.«

Herr von Montigny betrachtete nun ringsum die Landschaft.

Er lächelte.

Dieses Lächeln trieb mir das Blut in’s Gesicht; es schien mir, als sähe er in dieser Landschaft dasselbe, was ich selbst gesehen hatte.

Ich wandte mich ab. – Er trat näher.

»Lieben Sie die Poeten?« fragte er.

Ich sah ihn erstaunt an, ich hatte seine Frage nicht ganz verstanden.

»Die Poesie hätte ich sagen sollen.«

»Man hat mir nur die religiösen Poesien von Racine zu lesen gegeben,« antwortete ich.

»So!« erwiederte er, »Sie haben nur die religiösen Poesien von Racine gelesen, und trotzdem suchen Sie die Einsamkeit, das Plätschern der Bäche, die am Ufer blühenden Blumen; Sie haben also geahnt, was Sie nicht gelesen; Sie haben Burns, Gray, Millevoie, André, Chénier, Goethe, Lamartine geahnt – es sind alte Freunde von mir, mit denen ich Sie gerne bekannt machen möchte.«

»Eine Freundin sagte mir einst Verse von Millevoie her, die ich so schön, so elegisch fand, daß ich sie auswendig lernte.«

»Das dürre Laub der Wälder —« sagte Montigny lächelnd.

»Ja,« antwortete ich.

»Und diese Verse haben Ihnen gefallen?«

»Ja, sehr.«

»Soll ich Ihnen andere hersagen?«

»Es wird mir Freude machen.«

Ich nahm neugierig seinen Arm. Er legte seine Hand auf die meinige, und mit sanften wohlklingender Stimme begann er die Verse, welche die ersten Poesien Lamartine’s berühmt gemacht haben:

 
»Denkst Du des Abends, wo wir still entzückt
Im Nachen saßen?«
 

Ich hörte das wunderbar schöne Lied, das so viele unbekannte Empfindungen in mir weckte, mit gespannter Aufmerksamkeit an; oder vielmehr ich lauschte mit angehaltenem Athem, wie wenn man fürchtet, einen singenden Vogel zu verscheuchen. Ich athmete erst wieder, als die letzte Strophe, wie ein zarter Akkord, verklungen war.

Herr von Montigny sagte nun keine Verse mehr her; vermuthlich fürchtete er durch zu reichliche Mittheilungen den Poesien ihren lieblichen Duft zu nehmen, ihren zarten Blüthenstaub abzustreifen. Er ging von den Liedern, der Poesie des Menschen, zu der Natur, der Poesie Gottes, über.

Ohne die Grenzen der Fassungskraft eines fünfzehnjährigen Mädchens zu überschreiten, sprach er von Botanik, Mythologie, Physik, Astronomie – kurz, von Wissenschaften, die ich kaum dem Namen nach kannte, die ich für höchst langweilig gehalten hatte, die mir aber jetzt wie freundliche Feen erschienen, deren jede einen Schatz besaß, kostbarer als die Schätze in Tausend und Eine Nacht.

Als mir Josephine Abends beim Auskleiden anzeigte, daß meine Hochzeit in drei Wochen sein, also nur so lange verschoben werden sollte, wie zur Erfüllung der Formalitäten nöthig war, antwortete ich mit einem Seufzer, der dieses mal gar nicht trostlos war:

»Nun, da es meine Stiefmutter so will, muß ich mich fügen.«

»Ja wohl, Du mußt ihr wohl gehorchen,« armes Kind! Und ich schlief ein, indem ich die letzten vier Verse des »See« wiederholte:

 
»Das rauschende Laub, das die Wälder schmückt,
Der zarte Duft, den die Blume gibt,
Und Alles, was Auge und Ohr entzückt,
Es sage: sie haben geliebt!«
 

XIII

Seitdem kam Montigny täglich.

Ich will nicht sagen« daß er meine Liebe erworben; wenn ich ihn geliebt hätte, so wären die Ereignisse, welche ich Ihnen noch zu erzählen habe, nicht vorgefallen; aber trotz der ehrerbietigen Scheu, die ich vor seinen ausgebreiteten Kenntnissen fühlte, glaubte ich doch, daß eine Frau mit einem solchen Manne ganz glücklich sein könne.

Wäre ich zwanzig Jahre alt gewesen, und hätte ich statt meiner fünfzehnjährigen Unerfahrenheit einige Welt- und Menschenkenntniß besessen, so würde ich diese Verbindung, die ich nie ohne eine gewisse Scheu betrachtete, für ein Glück gehalten haben.

Statt mir in jenen drei Wochen den Hof zu machen, war Montigny nur darauf bedacht, wie ein Bergmann so zu sagen alle Erzgänge meines Geistes aufzufinden. Wenn ich heute etwas weiß, wenn ich der Musik und Malerei nicht ganz fremd bin, so verdanke ich es der geistigen Anregung, die er mir gegeben; meine von ihm geweckten Fähigkeiten entwickelten sich zuerst in der Einsamkeit, und dann im Unglück.

Man suchte übrigens meine Verbindung mit Montigny zu beschleunigen, als ob man gefürchtet hätte, es könne plötzlich ein unbekanntes Hinderniß dazwischenkommen. Er selbst schien den Vermählungstag mit der größten Sehnsucht zu erwarten. Wäre ich zu jener Zeit nicht noch ein unbedeutendes Kind gewesen, wenn ich überhaupt schön wäre, so würde ich sagen, er habe mich zärtlich geliebt.

Mitten in unseren Gesprächen, denen seine ausgebreiteten Kenntnisse und seine Gemüthsstimmung eine ernste Wendung zu geben pflegten, begann er einigemale von Religion zu sprechen; er schien so zu sagen meine Grundsätze erforschen und sich überzeugen zu wollen, ob ich fest an den katholischen Glaubenssätzen halte.

Ich gestehe, daß die Frage über diese Angelegenheiten die Grenzen meines Verstandes überschritten. Meinen Religionsunterricht hatte ich, wie schon erwähnt, von dem Abbé Morin erhalten; dieser Unterricht drehte sich um das Gebot: Glaube blindlings den Lehren der Kirche; fürchte und hasse Jedermann ohne Unterschied der Nation und der Bildung, der sich zu entgegengesetzten Lehren bekennt; betrachte eine Ketzerei für verdammenswerther als eine völlige Trennung.

Im Gegensatz zu diesen so absprechenden Grundsätzen schien mir Montigny ungemein duldsam, wenn er mit Nachbarn, die er im Schlosse traf, über religiöse Angelegenheiten sprach. Eines Tags schilderte er mit einer Sachkenntniß, die mich in Erstaunen und Schrecken setzte, das namenlose Elend, welches die fanatischen Verfolgungen Carls IX. und Ludwigs XIV. über Frankreich gebracht, und er behauptete sogar, es würde im Jahre 1793 keine Vendée gegeben haben, wenn es keine Priester und zumal keinen Beichtstuhl gegeben hätte.

Es war mir nicht recht klar, was der Beichtstuhl, den ich nur von seiner materiellen Seite betrachtete, mit dem Vendéekriege zu thun habe.

Ich wußte freilich sehr wenig von dem Vendéekriege; aber nach Anhörung jener Gespräche konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß Montigny über religiöse Dinge etwas leichtfertig denke. Die Scheu welche ich mit meinem beschränkten Wissen vor seinen ausgedehnten Kenntnissen empfand, wurde noch größer, als er mich einige Tage vor dem zu unserer Vermählung bestimmten Tage fragte, ob mir außerordentlich viel an meiner Religion liege.

Ich sah ihn so erschrocken an, daß er lachte.

»Sie müssen nicht glauben,« sagte er, »daß ich Sie in Versuchung führen will. Ich bin nicht Satan. Glauben Sie, daß man aus Liebe thun könne, was Andere aus Ehrgeiz thun?«

»Ich verstehe Sie nicht,« erwiederte ich.

»Sie haben die Geschichte Frankreichs ziemlich schlecht gelernt,« fuhr er fort; »aber Sie haben gelesen, daß Heinrich IV. den Protestantismus abgeschworen; er meinte, Paris sei wohl eine Messe werth.«

»Ja, das habe ich gelesen.«

»Nun frage ich Sie, ob Sie nicht aus Liebe thun würden, was Heinrich IV. aus Ehrgeiz gethan? Würden Sie nicht Ihren Glauben verlassen, um die Religion eines geliebten Mannes zu der ihrigen zu machen?«

Ich trat erschrocken zurück.

»Nein, nie!« erwiederte ich; »ich würde nie einen Mann lieben, der eine andere Religion hat.«

»Ei, der tausend!« sagte Montigny lächelnd, »einen so festen Entschluß sollte man einem fünfzehnjährigen Kinde nicht zutrauen.«

»Ich bin kein Kind mehr,« entgegnete ich; »ich werde ja in einigen Tagen heiraten.«

»Der Ehestand,« erwiederte Montigny mit seinem zweifelnden Lächeln, »kann wohl Ihre Verhältnisse, aber nicht Ihr Alter verändern. Wir wollen wieder davon sprechen, wenn Sie zwanzig Jahre alt und fünf Jahre meine Frau sind.«

Dann schlug er seinen Arm um meinen Hals, küßte mich auf die Stirn und sagte scherzend: »Kleine Schwärmerin!«

Die Bewegung war so rasch und unerwartet, daß es mir gar nicht in den Sinn kam, mich zur Wehre zu setzen; aber obgleich ich keinen Schmerz empfand, lief ich doch schreiend davon.

Dieser Auftritt fand im Solon statt. Im Corridor begegnete mir Frau von Juvigny.

»Nun, was gibts denn, mein Kind?« fragte sie, als sie meine Bestürzung bemerkte.

»Denken Sie sich,« sagte ich zitternd, »Herr von Montigny hat mich geküßt.«

»Nicht möglich!« sagte Frau von Juvigny lachend.

Dieses Lachen machte mich aufmerksam; ich sah mich um, und bemerkte Montigny in der Salonthüre. Er war nicht verlegen, wie von einem Frevler zu erwarten, sondern lächelte.

»Das ist abscheulich!« rief ich und lief wieder davon.

Dieses Mal eilte ich zu Josephinen. Ich sank ihr weinend in die Arme.

Sie richtete an mich dieselbe Frage wie Frau von Juvigny. Ich gab ihr dieselbe Antwort, die ich meiner Stiefmutter gegeben hatte, und zu meinem größten Erstaunen fing sie an zu lachen.

Ich gestehe, daß ich die Fassung verlor.

»Auch Du, Josephine?« sagte ich.

Und ich flüchtete mich in den Garten.

Mein Schrecken war unbegründet aber zu entschuldigen. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich von Kindheit an den Abbé Morin zum Lehrer gehabt hatte. Im Beichtstuhle und zumal in den letzten Jahren hatte er die Berührung der Lippen eines Mannes, selbst in den harmlosesten Spielen, als eine ungeheuerliche Sünde dargestellt, und außer jenem eisigkalten Kusse, den ich von meinem sterbenden Vater auf die Stirne erhalten zu haben glaubte, außer jener seltsamen Berührung meiner Lippen in der Sakristei hatte nicht einmal der Hauch einer anderen Person, als Frau von Juvigny, Josephine oder Zoe mein Gesicht berührt. Da ich von den veränderten Verhältnissen, die der Ehestand mit sich bringt, nicht die mindeste Ahnung hatte, so betrachtete ich die halb väterliche, halb zärtliche Annäherung Montigny’s als einen unerhörten Frevel.

Uebrigens klangen mir seine Worte: »Sie müssen nicht glauben, daß ich Sie in Versuchung führen will,« beständig in den Ohren.

Der Abbé Morin hatte mir sehr viel von den Versuchungen Satans erzählt; der Versuchen der unsere erste Mutter ins Verderben stürzte, spielte immer eine große Rolle in den Ermahnungen, die er an mich richtete, ehe er mir die Absolution ertheilte, so daß ich beinahe glaubte, Montigny habe durch seine Versicherung, er sei nicht Satan, seine wahren Absichten verhüllen wollen.

Während ich mich meinen Gedanken überließ, hörte ich ein Rauschen im Laube und Montigny trat aus dem Gebüsche.

Er war, wie ich Ihnen schon sagte, ein schöner Mann, aber gerade in diesem Augenblicke erinnerte mich seine etwas dunkle südliche Gesichtsfarbe an den ungehorsamen Engel in Milton’s »verlorenen Paradiese«. Diese Dichtung befand sich in der Schloßbibliothek und ich hatte die Kupferstiche oft angesehen. Ich war daher sehr erschrocken, als ich ihn bemerkte.

»Kommen Sie mir nicht nahe!e rief ich ihm abwehrend zu.

»Ich wollte Sie um Verzeihung bitten,« sagte er, »und Ihnen versprechen daß ich mir eine solche Freiheit nicht wieder erlauben werde, so lange als ich nicht Ihr Gatte bin.«

»Nie! Nie! antwortete ich und lief davon.

Ich eilte ins Schloß und begab mich sogleich in die Bibliothek; ich wollte mich von der Aehnlichkeit zwischen Montigny und dem Helden der Miltonschen Dichtung überzeugen.

Der Zufall wollte, daß wirklich eine Aehnlichkeit da war. Ich blieb lange in der Bibliothek und betrachtete das Bild.

Man rief zu Tische. – Ich ging zitternd hinunter. Montigny hatte das Schloß verlassen. Er wollte erst übermorgen, am Hochzeitstage, wiederkommen.

Abends hielt mir Frau von Juvigny eine lange Ermahnung und sie suchte mir den Unterschied zwischen einem Gatten und anderen Männern begreiflich zu machen, und mir einen Begriff von den durch den Ehestand erworbenen Rechten und von dem Ausnahmszustande des Brautstandes zu geben. Ich hörte zerstreut zu; meine Blicke waren auf den dunkelsten Winkel des Zimmers gerichtet; ich glaubte im Halbdunkel das blasse Gesicht, die weißen Zähne und die funkelnden Augen Montigny’s zu sehen.

Da ich nicht antwortete, so verließ mich Frau von Juvigny in der Ueberzeugung, daß ich vernünftig geworden sei.

Es versteht sich, daß ich ihr von der Aehnlichkeit Montigny’s mit dem Fürsten der Finsterniß kein Wort gesagt hatte.

»Entschuldigen Sie, daß ich bei diesen Thorheiten so lange verweile,« sagte Frau von Chambray zu mir; »sie wirkten leider entscheidend auf das Geschick meines Lebens.«

Als ich in mein Zimmer kam, fand ich auf dem Tische ein unbekanntes, wenn auch nicht fremdes Buch; es war wie alle Bücher der Bibliothek mit dem Namenszuge meines Vaters versehen.

Ich schlug es auf und las: »Wahre Geschichte des Prozesses des Zauberers Urban Grandier und der Nonnen von Loudun.

Ich rief Josephine.

»Wer hat dieses Buch hiehergelegt?« fragte ich.

Sie schien erstaunt und sah das Buch an.

»Ich weiß es nicht,« sagte sie.

Und als sie sah, daß das Zeichen der Bibliothek darauf war, setzte sie hinzu:

»Sie haben es wahrscheinlich wie gewöhnlich, im Schlafe geholt.«

Es war immerhin möglich, ich fragte nicht mehr. Ich schickte Josephine fort, verrichtete vor meinem kleinen Madonnenbilde mein Gebet, kleidete mich aus und ging zu Bette.

Dann griff ich nach dem Buche und schlug es auf.

Sie kennen es und wissen daher, was für sonderbare Dinge ich darin las. Ich verstand freilich sehr wenig davon; aber die Namen Satan und Beelzebub, welche auf jeder Seite vorkommen, stimmten mit meinen Gedanken so gut überein« daß meine Scheu vor Herrn von Montigny immer größer wurde.

Ich schlief sehr wenig. das Buch fesselte meine Aufmerksamkeit.

Je weniger ich von den Mysterien des Besessenseins verstand, je unklarer mir die erzählten Einzelnheiten waren, desto größer wurde meine Angst. Einige Male dachte ich an den Abbé Morin, und trotz meiner instinctartigen Abneigung gegen ihn bedauerte ich, daß er nicht mehr in Juvigny war, ich würde ihm mein Herz geöffnet haben.

Ich war den folgenden Tag sehr aufgeregt; ich hatte mich an mein einsames Plätzchen geflüchtet; man ließ mich in Ruhe; man meinte, ich dächte trotz meiner Jugend über die Veränderung meiner Verhältnisse nach.

Abends ging ich zur Beichte. Ich hatte mich zwar nur sehr leichter Vergehen schuldig gemacht, aber ich fügte mich dem herrschenden Brauche, kurz vor der Trauung zu beichten und die Absolution zu empfangen.

Zitternd betrat ich die Kirche. Nur eine Lampe verbreitete einiges Licht in dem dunklen Raume. Es war das erste Mal, daß ich dem neuen Geistlichen beichtete, und ich hatte aus dem gedruckten Sündenregisier für Kinder eine ziemlich reiche Auswahl getroffen.

Josephine begleitete mich. – Sie blieb zehn Schritte vom Chore stehen und verrichtete ihr Gebet.

Ich trat auf den Beichtstuhl zu und kniete nieder.

Gleich darauf hörte ich die Fußtritte des Priesters. Diese langsamen, gemessenen, feierlichen Schritte ertönten auf den kalten, feuchten Steinplatten und hallten in meinem bangen Herzen wieder.

Ich wagte nicht mich umzusehen.

Das Gewand des schweigsamen Priesters streifte das meinige; er öffnete die Thüre des Beichtstuhls und schloß sie wieder.

Ich fühlte seinen kurzen, heißen Athem an dem Gitter, welches die Beichtenden von dem Priester trennt.

Ich wandte schnell den Kopf ab; ich glaubte dieselbe Empfindung zu haben wie einst in der Sakristei, als ich ohnmächtig war.

Ich war willenlos, keiner Bewegung fähig, wie ein Vogel, der durch die Nähe einer Schlange gelähmt wird. Ich hätte zuerst das Wort nehmen sollen, aber ich schwieg.

»Reden Sie, mein liebes Kind,« sagte mir der Priester nach einigen Secunden.

Türler ve etiketler

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06 aralık 2019
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