Kitabı oku: «So sey es », sayfa 5
Er ging fort. Es freute mich, daß Frau von Chambray meine Antwort mit einiger Ungeduld erwartete; sie würde sonst nicht den Befehl gegeben haben, ihr meinen Brief noch diesen Abend zu bringen.
VII
Es vergingen drei Wochen, ohne daß ich Frau von Chambray wieder sah oder Nachricht von ihr erhielt; ich hörte nur gesprächsweise, daß ihr Gatte so eben eine ihr gehörende kleine Besitzung verkauft habe.
Diese Besitzung welche, wie man sagte, 120.000 Francs werth war, hatte er in solcher Hast verkauft, daß er sich nicht einmal die Zeit genommen, eine vortheilhafte Gelegenheit zu suchen, sondern für 90.000 Francs hingegeben hatte.
Ich weiß nicht warum ich das unwiderstehliche Verlangen hegte, diese Besitzung zu haben. Ich erkundigte mich; das Gut lag im Departement Oran und führte den Namen Juvigny.
Das Herrenhaus stand am Ufer der Mayenne. In diesem Hause war Frau von Chambray geboren, dort hatte sie ihre erste Erziehung erhalten; ihr Mädchenname war Edmée von Juvigny gewesen.
Das Herrenhaus war vollständig möblirt verkauft worden, und mit demselben die Ländereien und Waldungen. Ich ging zu dem Notar, der diesen Verkauf abgeschlossen hatte, er hieß Desbrosses und wohnte zu Alencon.
Glücklicherweise war der neue Besitzer des Schlosses nur durch den billigen Preis zum Ankauf bewogen worden; er beabsichtigte es mit einigem Nutzen wieder zu verkaufen. Der Notar fragte ihn auf mein Ersuchen um den Preis; zwei Stunden nachher erhielt ich die Antwort: er verlangte zwanzigtausend Francs Nutzen.
Diese Preiserhöhung trieb die Kaufsumme nur bis zu 110.000 Francs hinauf, so daß ich das Schloß Juvigny noch zehntausend Francs unter dem Schätzungswerthe bekommen konnte.
Aber wenn man zehn- oder zwanzigtausend Francs mehr verlangt hätte, als die Besitzung werth war, ich würde sie doch gekauft haben.
Ich« ersuchte Maitre-Desbrosses, den Contract auszufertigen und zur Unterzeichnung denselben Abend bereit zu halten. Ich verpflichtete mich in fünf Tagen zu zahlen.
Denselben Abend wurde der Contract unterzeichnet.
Eine Stunde nachher reiste ich nach Paris, um eine Summe von 120.000 Francs zu realisiren. Ich verkaufte fünfprozentige Staatspapiere, brachte jene Summe zusammen und reiste wieder nach Alencon.
Maitre Desbrosses wünschte mir Glück, daß ich den Ankauf des Schlosses so eifrig betrieben; denn in meiner Abwesenheit, und zwar einen Tag nach meiner Abreise war ein Priester gekommen, um Juvigny zu kaufen.
Ich weiß nicht warum mich die beiden Wörter: ein Priester, die in Bezug Juvigny gesprochen wurden, an die zwei Wörter: »der Priester« erinnerte, welche Zoe gesprochen hatte, als von den früheren Verhältnissen der Frau von Chambray die Rede gewesen war.
Es schien mir, daß der Priester, der die Heirath der Dame gemacht, derselbe seyn müsse, wie der Priester, der nach Alencon gekommen war, um Juvigny zu kaufen.
Ich fragte wie er heiße. Er hatte seinen Namen nicht genannt.
Ich ließ mir seine Person beschreiben. Es war ein Mann von 55 bis 56 Jahren, von mehr als mittler Größe, mit kleinen grünen Augen, spitzer Nase und dünnen Lippen. Seine Haare waren sehr dünn, aber ungeachtet seines Alters noch schwarz geblieben.
Er hatte von den Ortsverhältnissen in einer Weise gesprochen, welche vermuthen ließ, daß er denselben keineswegs fremd war.
Er war sehr verdrießlich geworden, als er hörte, daß er zu spät komme, und hatte um den Namen des neuen Käufers gefragt.
Man hatte ihm meinen Namen genannt; er hatte zweimal wiederholt: Max de Villiers – Max de Villiers, als ob ihm der Name nicht unbekannt gewesen wäre.
Dann war er abgereist.
Für meine hundertzehntausend Francs und die Contractskosten übergab man mir die Schlüssel des Schlosses.
Ich fragte, an wen ich mich wenden könne, um mich in meiner neuen Besitzung zurechtzufinden. Man nannte mir eine alte Frau, Namens Josephine Gauthier, die in einer kleinen Hütte an einer Thür des Parkes wohnte. Sie war die einzige Hüterin, welche das Schloß seit der Vermälung des Fräuleins von Juvigny mit Herrn von Chambray, also seit vier Jahrem gehabt hatte.
Ich nahm in Alencon einen Wagen und fuhr nach dem Dorfe Juvigny.
Das Schloß lag eine halbe Viertelstunde vom Dorfe.
Ich kam gegen drei Uhr Nachmittags an.
Vor der Thür eines vor dem Parkthor stehenden Häuschens saß eine einfach, aber sauber gekleidete Frau und spann.
»Sind Sie nicht Josephine Gauthier?« fragte ich.
Sie schaute auf und sah mich an.
»Ja wohl, zu dienen,« sagte sie.
Ich sprang aus dem Wagen.
»Ich bin der neue Käufer des Schlosses und Landgutes Juvigny,« sagte ich.
»Sie?« erwiederte sie; »das ist unmöglich!«
»Warum denn unmöglich?«
»Vor fünf bis sechs Tagen war hier ein kleines dürres Männlein, dem man’s ansah, daß ihm das Zusammenscharren von blanken Thalern das liebste Geschäft ist; Sie hingegen —«
»Mir sehen Sie es an, daß ich die blanken Thaler lieber springen lasse, als zusammenscharre, nicht wahr?«
»O! das will ich nicht sagen,« erwiederte die Frau abwehrend.
»Sie können mir’s gerade heraussagen, Mütterchen, weil es nicht wahr wäre. Aber zu Ihrer Beruhigung will ich Ihnen sagen, daß das dürre Männlein, das wahrscheinlich gern Thaler zusammenscharrt, das Gut Juvigny wirklich gekauft und natürlich auch angesehen hatte; daß ich es ihm aber mit zwanzigtausend Francs Nutzen wieder abgekauft habe und es jetzt ebenfalls in Augenschein nehmen will. Wenn’s Ihnen vielleicht unangenehm ist mich umherzuführen, so will ich den Besuch ganz allein machen, denn hier habe ich die Schlüssel, die mir Maitre Desbrosses übergeben hat.
»Wie könnte es mir unangenehm seyn, Sie umherzuführen, gnädiger Herr?« erwiederte die Frau; »im Gegentheil, es ist mir lieber, daß das Gut meiner armen Kleinen Ihnen gehört, als dem alten Pfennigfuchser.«
»Wen nennen Sie Ihre arme Kleine?« fragte ich.
»Meine arme kleine Edmée, wen denn sonst!«
»Sind Sie etwa die Amme der Frau von Chambray?«
»Ja, lieber Herr, nicht nur ihre Amme, sondern auch ihre Haushälterin.«
»Dann sind Sie die Mutter der kleinen Zoe!«
Die Frau sah mich erstaunt an.
»Ja wohl,« erwiederte sie. »Soll ich Ihnen auch sagen, wer Sie sind?«
»Wie könnten Sie das wissen?«
»Glauben Sie, ich könnte es nicht wissen?« sagte sie auf mich zutretend. »Sie sind Herr Maximilian von Villiers!«
Ich gestehe, daß ich sehr erstaunt war.
»Ich habe keine Ursache,« erwiederte ich, »meinen Namen zu verschweigen. Denn Sie werden mich nicht verrathen, wenn ich Sie ersuche, meinen Namen nicht zu nennen, nicht wahr?«
»O! ich werde schweigen, so lange Sie wollen.«
»Nun ja, ich bin Maximilian von Villiers. Aber woher wissen Sie es?«
Die Frau zog einen Brief aus ihrem Halstuch.
»Kennen Sie diese Handschrift?« fragte sie.
»Es ist die Handschrift der Frau von Chambray.«
»Ja wohl, die Handschrift meiner armen Kleinen.«
»Und was steht in diesem Briefe?«
»Lesen Sie – lesen Sie, Herr von Villiers!«
Ich faltete den Brief auseinander und las:
»Meine liebe Josephine!
»Ich habe Dir eine gute Nachricht zu melden. Man hat für Gratian einen Stellvertreter gekauft, er heirathet Zoe. Sobald die Vorbereitungen getroffen sind, werde ich trachten Dich zur Hochzeit abholen zu lassen, denn ich werde mich sehr freuen Dich wieder zu sehen.
Wenn Du mich fragst, wie alles dies zugegangen ist, so sage ich Dir, daß ein Wunder geschehen ist, und zwar durch einen guten edelmüthigen jungen Mann, Namens Maximilian von Villiers.
Deine arme Ma.
Ich sah die Alte an.
»Nun,« sagte sie, »ist es so?«
»Ja« es ist so, Mütterchen,« erwiederte ich mit Thränen in den Augen.
Und nach kurzem Besinnen fragte ich:
»Wollen Sie mir diesen Brief verkaufen?«
»Nicht uni alles Gold der Weilte antwortete die gute Alte; »aber ich will Ihnen ein Geschenk damit machen.«
»Tausend Dank« Mütterchen!« sagte ich, und in der Freude meines Herzens drückte ich einen Kuß auf den Brief,
»Ich sehe wohl,« sagte sie, »Sie sind ihr auch gut.«
»Ich!« antwortete ich meine Uebereilung einsehend.
»Sind Sie von Sinnen? Ich habe sie ja erst einmal in meinem Leben gesehen.«
»Was brauchte denn mehr, wenn man Augen und ein Herz hat!« sagte sie und begleitete diese Worte mit einer unbeschreiblichen Geberde.
Ich fühlte, daß die gute Alte mit jenem feinen Instinct, der vielen Frauen eigen ist, tiefer in mein Herz geblickt hatte, als ich selbst.
»Wollen Sie mir jetzt das Schloß zeigen?« sagte ich abbrechend.
»Sehr gern,« erwiederte sie; »kommen Sie.«
»Soll ich ausspannen?« fragte der Kutscher.
»Allerdings,« antwortete ich; »ich weiß noch nicht einmal, ob ich diesen Abend wieder zurückfahre. – Kann ich nöthigenfalls im Schlosse übernachten?« fragte ich die alte Josephine.
»O ja« gnädiger Herr, und ich will Ihnen ein Bett machen. Sie werden Alles in gutem Stande finden, es ist noch so, wie es Monsieur und Madame verlassen haben.
»Aber es ist schon lange her, daß sie das Schloß verlassen haben —«
»Vier Jahre.«
»Und seit jener Zeit sind sie zuweilen wiedergekommen?«
»Madame war zweimal hier, Herr von Chambray aber ist nie wiedergekommen.«
»Und Madame hat hier übernachtet?«
»Ja, jedesmal war sie eine Nacht hier.«
»Und sie hat sich nicht gefürchtet?«
»Warum hätte sich die arme Kleine fürchten sollen? Sie hat ja nie einem Menschen in der Welt Böses gewünscht, wie hätte ihr der liebe Gott etwas Böses thun können!«
»Wo hat sie denn übernachtet?«
»In dem Zimmer, das sie als Mädchen bewohnte; ich werde es Ihnen zeigen.«
»Ja, kommen Sie – ins Schloß.«
Wir gingen auf das Herrenhaus zu.
Es war ein hübsches steinernes Gebäude aus der Zeit Ludwigs XIII., mit einem Schieferdach.
Zu dem Haupteingang, führte eine zierlich abgerundete Außentreppe von zehn bis zwölf Stufen mit einem schönen Geländer.
An der einen Seite des Vorsaales war das Speisezimmer, auf der andern der Salon.
Hinter dem Salon war eine Bibliothek.
Eine breite steinerne Treppe mit eisernem Geländer führte in den ersten Stock.
Durch die Hauptthür kam man in einen sehr gut erhaltenen, im Rococogeschmack decorirten Salon, an dessen Fenstern man die Aussicht auf den schönsten Theil des Parkes hatte.
Mitten durch den Park floß die Mayenne, eine kleine Brücke führte von einem Ufer zum andern.
Aus diesem Salon kam man in ein großes, mit grünem Damast ausgeschlagenes Schlafzimmer.
Die alte Josephine blieb in diesem Zimmer stehen und berührte meine Schulter.
»Hier in diesem Zimmer,« sagte sie, »ist das arme Kind geboren; am fünfzehnten September werden’s dreiundzwanzig Jahre. Das Bett steht noch an derselben Stelle. Die Mutter reichte mir die Neugeborne mit den Worten: »Josephine, hier nimm deine Tochter; ich fürchte, daß ich nicht mehr Zeit haben werde, ihre Mutter zu seyn.« – Die Ahnung der guten Dame ging leider in Erfüllung; drei Tage nachher war sie todt! – Zwei Jahre später vermälte sich ihr Vater wieder; aber er starb bald. Er hinterließ seiner zweiten Frau fünfhunderttausend Francs in baarem Gelde und seiner Tochter wohl dreimal so viel. Aber seine Tochter erbte schöne Landgüter und Schlösser, wie dieses. Warum Herr von Chambray sie verkauft, weiß ich nicht, aber ich glaube nicht, daß er die Absicht hat, noch schönere und bessere dafür zu kaufen. – Ach! die liebe arme Kleine! Als ich sie fünfzehn Jahre später in ihrer Brautnacht bleich und aus einer Kopfwunde blutend in diesem Bett hier liegen sah, da dachte ich an ihre arme Mutter, die sie mir anvertraut hatte, und ich dachte, ich würde das Unglück nicht überleben —«
»Ich verstehe Sie nicht recht,« unterbrach ich sie; »Sie sagen jetzt: fünfzehn Jahre nach ihrer Geburt in der Brautnacht – und vorhin sagten Sie, Frau von Chambray sey bald dreiundzwanzig und seit vier Jahren verheirathet: wie konnte sie sich zugleich mit fünfzehn und mit achtzehn Jahren verheirathen?«
»Die arme Kleine hat sich zweimal verheirathet, wenn man nemlich die erste Heirath mitzählen kann. Ich höre noch das Angstgeschrei meiner Zoe; ich eilte herbei – es war zu spät! Edmée lag da, bleich wie eine Wachskerze und aus einer Kopfwunde blutend.«
»Was war ihr denn geschehen?«
»Ach! das ist ein Geheimnis, das nie aufgeklärt worden ist. Nur Edmée und Zoe könnten reden; aber Keine von Beiden wollte über die Sache sprechen. Ich glaube, daß ihr der Unhold Montigny nach dem Leben getrachtet —«
»Wer war dieser Montigny?«
»Ihr erster Gemal, ein Protestant, ein Ketzer, ein Hugenott. Die Stiefmutter, eine Engländerin, hatte die Heirath zu Stande gebracht; glücklicherweise war der Priester —«
»Aha!« sagte ich, »da ist er wieder!«
»O ja, glücklicherweise, wie ich sagte.«
Ich fiel ihr ins Wort.
»Nicht wahr, ein kleiner Mann von fünf- bis sechsundfünfzig Jahren, mit kleinen grünen Augen, spitzer Nase, schmalen Lippen, dünnen dunkelbraunen Haaren —«
»Sie kennen den Abbé Morin, wie es scheint.«
»Der Abbé Morin heißt er?«
»Ja, ein sehr braver Mann, der die arme Kleine gefirmt hat. Er nahm sich ihrer an und setzte die gerichtliche Scheidung durch. Sie können denken, das es keine große Mühe kostete: ein Ehegatte, der seiner jungen Frau in der Brautnacht eine tiefe Kopfwunde beibringt —«
»Und was ist aus diesem Montigny geworden?«
»Er starb zwei Jahre später – wie ein Rasender und mit abscheulichen Verwünschungen gegen den guten Abbé Morin. Die arme Kleine wurde also Witwe, ohne Frau gewesen zu seyn.«
»O Gott! das ist ja schrecklich!«
Bald nachher heirathete sie Herrn von Chambray. Diese Heirath brachte der Abbé Morin zu Stande – und der Himmel hat diese Ehe gesegnet —i
»Glauben Sie denn,«– fragte ich, »daß Frau von Chambray glücklich ist?«
»Ja wohl. Die beiden Male, daß ich sie hier gesehen, sprach sie von ihrem Gemal mit aller Achtung, und so oft sie mir schrieb, versicherte sie, daß sie recht glücklich sey. Der gute Abbé nimmt sich ja ihrer an, und unter seiner Leitung kann ihr das Paradies in dieser und jener Welt nicht fehlen.«
»Und Sie sagten, daß sie bei ihren Besuchen in dem Zimmer übernachtet, welches sie einst als Mädchen bewohnte?«
»Ja.«
»Sie versprachen mir das Zimmer zu zeigen.«
»Ja wohl, es gehört ja Ihnen sammt allem Uebrigen.«
»Zeigen Sie es mir.«
Die alte Josephine schloß eine kleine Thür auf und wir traten unmittelbar aus dem großen grünen Zimmer in ein kleineres, mit blauem Atlas tapezirtes Zimmer.
An der Wand stand ein kleines Bett im Rocorogeschmack mit Vorhängen von weißem Musselin. Auf dem mit blauem Sammt ausgeschlagenen Camin stand eine kleine Stockuhr zwischen zwei Porzellanvasen und zwei Leuchtern. Der Spiegelrahmen war von Porzellan mit schön gearbeiteten Blumen.
Ein kleiner Schreibtisch von Rosenholz stand am Fenster; die Fauteuils und Stühle waren mit geblümtem blauen Atlas beschlagen.
In einer Ecke endlich stand ein Betschämel, und das über demselben angebrachte Marienbild war von so zarten, schönen Formen, daß man es für ein Werk Jean Goujou’s hätte halten können. Das Bild war von Marmor und die einzige Verzierung war ein schmaler Goldreif, der das Haupt und den Saum des Mantels umgab.
Noch mehr als durch dieses Meisterwerk der Bildhauerkunst wurde meine Aufmerksamkeit durch einen Kranz und einen Strauß von Orangenblüthen gefesselt, welche in der Nische neben dem Bilde aufgehängt waren.
»Es ist ihr Kranz und Strauß, den sie der heiligen Jungfrau gewidmet hat,« sagte die Alte, als sie bemerkte, mit welchem Interesse ich die beiden Gegenstände betrachtete.
Ich seufzte.
Das kleine Zimmer stimmte mich sehr wehmüthig; es war ja das Grab aller Erinnerungen, aller Freuden des jungen Mädchens; hier hatte sie mit ihrem jungfräulichen Schmuck alle ihre schönen Jugendträume zurückgelassen; hier war sie unter den Augen ihrer schönen Madonna herangeblüht; von hier war sie fortgegangen in die Welt voll Schmerzen und Verderbniß, welche man die Gesellschaft nennt. Sie hatte in den neuen Umgebungen ihr Engelslächeln, ihre rosige Frische verloren und die blasse Farbe der schon vom kalten Nordwinde berührten Herbstblumen angenommen; Thränen waren ihr Los – jener bittere Thau, der beim Anbruch stürmischer Tage fällt. Zweimal war sie wieder hier gewesen, vermuthlich um sich an dem Anblick ihrer Heimat zu kräftigen gegen die traurige Gegenwart und die düstere Zukunft.
Ohne die Anwesenheit der alten Josephine zu beachten kniete ich auf dem Betschämel nieder und drückte einen Kuß auf die Füße der heiligen Jungfrau, welche sie mit ihren Lippen gewiß oft berührt hat.
Am andern Morgen reiste ich ab, nachdem ich Josephine Gauthier das tiefste Stillschweigen über meinen Besuch, sowie über meinen Ankauf empfohlen hatte. Ich ließ ihr alle Schlüssel, mit Ausnahme des Schlüssels zu dem kleinen Zimmer.
Diesen nahm ich mit.
VIII
Ich begab mich wieder nach Evreux oder vielmehr in das Schloß -Reuilly.
Meine Abwesenheit hatte beinahe sechs Tage gedauert und Alfred von Senonches war von meiner Abreise nicht einmal in Kenntniß gesetzt worden.
Ich war so heiter und vergnügt, daß er mich erstaunt ansah.
»Du Glücklicher!« sagte er.
Ich antwortete nicht, ich wollte weder läugnen noch gestehen, daß ich glücklich war.«
»Ich weiß im Voraus, setzte er hinzu, »daß Du heute nicht mit mir nach Evreux kommen wirst.«
»Warum nicht?« fragte ich.
»Weil die Einsamkeit für Dich Bedürfniß ist, lieber Freund. Du sehnst Dich nach dem Rauschen der Bäume, nach dem Plätschern des Wassers, nach den durch das Laub dringenden Sonnenstrahlen. Mit diesen schönen Dingen habe ich nichts mehr zu thun und ich überlasse sie Dir zu meinem größten Bedauern. Ergehe Dich in deinen Träumen, verirre Dich in deinem Paradiese, Du Glücklicher; ich will dem Vaterlande nützliche Dienste leisten, ich will auf meinem Kanzleipapier schreiben; unterdessen schreibe Du auf deinem rosafarbenen Papier.«
Ich antwortete nicht, ich schloß ihn in meine Arme.
»Aha! Du bist noch mehr bei den Engeln, als ich glaubte,« sagte Alfred. »Und wenn ich mir denke, daß es eine Zeit gab, wo ich dem Wunsche, einen Freund zu umarmen, nicht widerstehen konnte, wo ich die Menschen meine Brüder nannte, wo ich alle Blumen des Paradieses hätte Haben mögen, um sie der Geliebten zu Füßen zu legen« – er lachte laut – »zum Glück ist jene Zeit vorüber. Wandle im Schatten der Buchen, träume und seufze; ich überlasse Dir Reuilly und gehe auf meine Präfectur.«
Alfred de Senonches warf sich in seinen Tilbury, nahm seinem Diener die Zügel ab, hieb auf sein Pferd ein und fuhr im Galopp davon.
Er ließ mich allein in der Einsamkeit des Parkes unter den hohen Bäumen, an dem silberklaren Strome – in der schönen Natur, der wahren Freundin der Menschen, der Glücklichen wie der Unglücklichen, die sich ihres Glückes freut, an ihren Leiden theilnimmt.
Sobald Alfred fort war, ging ich in den Park und suchte den einsamsten, schattigsten Ort auf, um mich wie ein Schüler in den Ferien in’s Gras zu legen.
Wie lange ich dort gelegen bin, weiß ich nicht; endlich erschien Georges und entriß mich meinen Träumereien.
Ich sah mich um.
»Entschuldigen Sie, daß ich Sie störe,« sagte Georges; »der Herr Pfarrer von Reuilly wünscht Sie in Abwesenheit – des Herrn Präfecten zu sprechen.«
Ich bemerkte wirklich den Pfarrer, der einige Schritte hinter dem Bedienten stand und den Hut in der Hand hielt.
Nichts rührt mich so sehr wie die Demuth bei einem Geistlichen, denn es ist eine Tugend seines Berufes, und es ist selten, daß der Mensch die Tugend seines Berufes ausübt.
Ich stand schnell auf, nahm meinen Hut ab und ging auf ihn zu.
Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren. Seine Züge hatten einen sanften, wehmüthigen Ausdruck, seine Gesichtsfarbe war blaß und etwas kränklich. Er hatte große schwarze Augen und schöne weiße Zähne.
»Verzeihen Sie, daß ich Sie gestört habe,« sagte er mit sanfter Stimme; »aber Ihr Freund hat mich ein für allemal ersucht, zu jeder Stunde zu ihm zu kommen, wenn es sich um ein Werk der Wohlthätigkeit handle.«
»Daran erkenne ich meinen Misanthropen,« erwiederte ich lachend, und ersuchte den Pfarrer sich zu bedecken.
Aber er erwiederte wehmüthig lächelnd:
»Ich komme im, Namen der Armen und muß daher demüthig seyn, wie die, in deren Namen ich erscheine.«
Er bat mich seinerseits, meinen Hut aufzuseßen.
»Sie kommen im Namen Gottes,« antwortete ich, »es schickt sich daher für mich, vor Ihnen unbedeckt zu bleiben.«
»Ein kleiner, von sehr armen Leuten bewohnter Weiler,« fuhr der Pfarrer fort, »ist in Folge der Unvorsichtigkeit eines Kindes abgebrannt. Die nun in Trümmern liegenden Hütten, die nicht einmal einen Namen haben, sind kaum eine halbe Stunde von hier entfernt. Man hat eine Sammlung veranstaltet; Jedermann steuert nach Kräften bei; Gott sieht ja auf die gute Absicht und nicht auf die Größe der Gabe.«
Er zog ein Papier aus der Tasche. Es standen schon einige Unterschriften darauf.
Ich nahm zehn Louisd’or ans meiner Börse.
»Herr Pfarrer,« sagte ich, »hier ist meine Gabe. Haben Sie die Güte, mir Ihre, Liste hier zu lassen; mein Freund wird gewiß auch einen Beitrag zeichnen.«
»Es gehört zu den trostreichen Dingen in dieser Welt,« sagte der Pfarrer, »daß Gott den Reichthum oft in würdige Hände legt. Wenn ich noch zehn oder zwölf mildthätige Herzen fände, wie das Ihrige, so würden die armen Leute mehr wieder bekommen, als sie verloren haben.«
»O! Sie werden sie finden,« erwiederte ich, »zweifeln Sie nicht daran.«
Er verneigte sich, um sich zu entfernen.
»Ich werde Sie mit Ihrer Erlaubniß bis an’s Schloß begleiten,« sagte ich.
»Ich möchte Sie nicht bemühen —«
»Ich gehe in die Stadt.«
»Wenn das ist, nehme ich Ihre Begleitung mit Vergnügen an.«
Und da er seinen Hut nicht wieder aussetzen wollte, so gingen wir mit dem Hut in der Hand neben einander.
Vor der Thür fragte er mich:
»Wann erlauben Sie mir diese Liste wieder abzuholen? Ich sammle selbst die milden Gaben, und Ihre Freigebigkeit wird Andere vielleicht ebenfalls zur Freigebigkeit aneifern; von guten Beispielen erwarte ich viel.«
»Sie wollen nicht sagen: von der Eitelkeit und dem Stolz, Herr Pfarrer.«
»Ich sehe nur was man mir zeigt; Gott allein vermag die Herzen zu ergründen.«
»Ich will Sie nicht noch einmal hierher bemühen; ich werde mir die Erlaubniß nehmen, Ihnen die Liste mit den von mir eingesammelten Beträgen noch heute zu überbringen. Ich weiß wohl, schnelle Hilfe ist doppelte Hilfe.«
Der Pfarrer empfahl sich; erst vor dem Gitterthor setzte er den Hut auf.
Der Mann hatte mir mit seinem anspruchlosen und doch würdevollen Wesen ungemein gefallen; man erkannte in ihm auf den ersten Blick einen würdigen Diener Gottes.
Ich ließ einspannen; eine halbe Stunde nachher war ich in der Präfectur.
Alfred war sehr erstaunt mich zu sehen.
»Was ist denn geschehen?« sagte er.
»Wenn man mich gefragt hätte, wer da klopfte, so würde ich an Dich nicht gedacht haben. Brennt’s etwa in Reuilly? Ich hoffe doch, daß Du Dich wegen einer solchen Kleinigkeit nicht incommodiren würdest.«
»Nein,« antwortete ich, »es brennt nicht in Reuilly, aber draußen im Weiler scheint’s gebrannt zu haben.
»Ja, ich habe davon gehört; es sind fünf bis sechs Häuser abgebrannt.«
»Was für ein Mann ist dein Pfarrer?«
»Wie? mein Pfarrer? Habe ich denn einen Pfarrer?«
»Ich meine den Pfarrer von Reuilly?«
»O! ein vortrefflicher Mann – wenigstens halte ich ihn dafür.«
»Er muß wohl ein braver Mann seyn, da Du ihm unbedingten Zutritt bei Dir gestattet hast.«
»Das ist wahr.«
»Er hat diese Erlaubniß benützt, er hat gesammelt.«
»Ja, für die Abgebrannten. Der würdige Mann ist brustkrank; so wahr ich in zwei Jahren Deputirter seyn werde, wird er in zwei Jahren nicht mehr leben. Und trotzdem wird er vielleicht dreißig bis vierzig Stunden zu Fuß machen, um für die Abgebrannten tausend Francs zusammenzubringen. Solche aufopfernde Tugend bewundere ich, und nicht die dünkelhafte Mildthätigkeit unserer Excellenzen.«
»Ich widme ihr ebenfalls meine aufrichtige Bewunderung; ich habe nicht nur mein Schärflein beigesteuert, sondern auch eine Gabe von Dir versprochen.«
»Wie viel hast Du gegeben?«
»Zehn Louisd’or.«
»Aber Du ruinirst Dich!«
»Wie so?«
»Du wirst gewiß der Freigebigste im ganzen Departement seyn; aber der Präfect muß doppelt so viel geben wie der Freigebigste. Hier sind zwanzig Louisd’or. Ein andermal, Freund« ziehe meine Börse zu Rathe, und nicht die deinige, wenn Du wieder freigebige Anwandlungen bekommst.
Ich stand auf.
»Du willst schon gehen?« fragte Alfred.
»Ja, ich habe Vollmacht von dem Pfarrer und will ein gutes Haus in Contribution setzen. Diesen Abend bei Tisch sehen wir uns wieder.
Soll ich den Pfarrer einladen?«
»Lade ihn ein, aber er wird es ablehnen.«
»Warum denn?«
»Du weißt ja, daß er kränklich ist; er hält strenge Diät.«
»Das thut mir leid. Ich fürchte, daß ich gezwungen seyn werde, einen andern Abbé zu hassen, und es wäre mir gar nicht unlieb, diesen als Ersatz recht lieb zu haben.«
Ich verließ Alfred und stieg in mein Coupé.
»Zu Herrn von Chambray!« rief ich dem Kutscher zu.
Sie errathen, lieber Freund, warum ich dem Pfarrer die Liste abgenommen hatte.
Ich hatte darin sogleich einen schicklichen Vorwand zu einem Besuche bei Frau von Chambray gefunden.
Ich ließ fragen, ob Herr von Chambray zu Hause sey. Herr von Chambray war in Alencon.
Ich ließ fragen, ob Frau von Chambray sichtbar sey. Der Diener kam zurück und führte mich in den Solon.
Madame ließ mich ersuchen, einige Secunden zu warten. Ich sah mich um: prächtige Spiegel, schön verzierter Camin, weiche Teppiche, bequeme elegante Fauteuils und Sophas; kurz, ich sah, daß ich mich in einem reichen Hause befand.
Während ich den Solon musterte, that sich die Thür auf und Frau von Chambray erschien.
Sie trug ein kleines Spitzentuch unter dem Kinn zusammengebunden, und im Haar eine Narzrisse, weiß und bleich, wie ihr Gesicht.
»Entschuldigen Sie, Madame, daß ich mir die Freiheit nehme,« sagte ich mit mühsam behaupteter Fassung. »Ich hatte nach Herrn von Chambray gefragt, und man antwortete mir, er sey verreist; da erkühnte ich mich zu fragen, Sie sichtbar wären. Ich hoffte nicht, daß Sie die Güte haben würden, mich zu empfangen.«
»Es macht mir viel Vergnügen,« erwiederte sie; »denn seit unserer Unterredung habe ich mir mehr als einmal Vorwürfe gemacht, daß ich Ihnen nicht im Namen der Familie, der sie die Ruhe und Zufriedenheit wieder gegeben, gebührend gedankt habe. Nehmen Sie Platz und sagen Sie mir, was Sie von meinem Manne wünschten – wenn es sich nemlich zur Mittheilung an die Frau eignet.«
»Ich gestehe Ihnen aufrichtig, Madame, antwortete ich »daß ich nur aus Anstandsrücksichten nach Herrn von Chambray fragte; ich wünschte eigentlich Sie zu sprechen.«
Sie sah mich betroffen an.
»Oder wenn ich mich eines andern Ausdruckes bedienen soll, Madame,« setzte ich hinzu: »eine Geschäftssache führt mich zu Ihnen.«
Sie verneigte sich lächelnd.
»Als Sie mir gütigst erlaubten, Madame, etwas für Ihre Schützlinge zu thun, hatte ich die Ehre Ihnen zu sagen, daß ich an Sie denken würde, sobald sich die Gelegenheit zu einem guten Werke bieten würde —«
Sie stutzte.
»Diese Gelegenheit hat sich dargeboten, Madame. Ein kleines Dorf in der Nähe ist abgebrannt; der Pfarrer von Reuilly, der eine Sammlung für die Abgebrannten veranstaltet, kam diesen Morgen in das Landhaues meines Freundes Alfred von Senonches; Alfred war nicht zu Hause, ich nahm dem Pfarrer die Liste ab, übergab ihm mein Schärflein, eilte in die Präfectur, um Alfreds Gabe in Empfang zu nehmen, und komme jetzt zu Ihnen, um eine Beisteuer zu erbitten.«
Die zuvor sehr blassen Wangen der jungen Dame bedeckten sich mit einer lebhaften Röthe; sie schien zu zittern und wischte sich einige Schweißtropfen von der Stirn.
Aber plötzlich lächelte sie und zog einen Brillantring vom Finger.
»Hier ist meine Gabe,« sagte sie aufstehend.
Ich sah sie erstaunt an.
»Sie verweigern die Annahme?« fragte sie.
»Nein« Madame,« antwortete ich; »aber ich verstehe Sie nicht, dieser Ring ist fünfhundert Francs werth, ohne die Arbeit, die, wie es scheint, von Froment Meurice ist.«
Sie antwortete nicht und hielt mir fortwährend den Ring hin.
»Ich wollte Sie nur um eine kleine Gabe bitten,« setzte ich hinzu, »um ein Almosen, wie man es in die Büchse einer Sammlerei legt – einen Louisd’or zum Beispiel.«
Sie lächelte mit Wehmuth. Lieber Freund, dieses Lächeln werde ich nie vergessen!
»Herr von Villiers,« sagte sie, »einem Manne wie Sie sind kann man Alles sagen: einem Herzen wie das Ihrige kann man Alles anvertrauen.«
»Reden Sie« Madame.«
»Es gibt Augenblicke, wo es einer Frau, die über ihr Vermögen nicht verfügen kann, leichter ist einen Ring zu geben im Werthe von fünfhundert Francs – als einen Louisd’or.«
Sie ließ den Ring in meine Hand gleiten und verließ das Zimmer.
Ehe sie die Thür geschlossen hatte, hörte ich sie schluchzen.
Ich sah mich noch einmal im Salon um und war fast« entsetzt über den darin herrschenden Luxus.
»O mein Gott!« sagte ich, »ist es möglich, daß eine Frau, die ihrem Manne zwei Millionen Heirathsgut zugebracht, nach vierjähriger Ehe nicht einmal einen Louisd’or für Abgebrannte zu geben hat? Ach, eine solche Frau ist ärmer, elender, beklagenswerther, als die, für welche ihre Mildthätigkeit in Anspruch genommen wird.«
Ich drückte den Ring an meine Lippen und eilte aus dem Salon. Ich mußte in’s Freie, ich glaubte zu ersticken.
Und sie hatte sich in allen ihren Briefen an Josephine Gauthier nicht beklagt, sie hatte ihr zu verstehen gegeben, daß sie glücklich sei!
Sie mußte ein Engel seyn.
* * *
Denselben Abend brachte ich dem Pfarrer von Reuilly tausend Francs: vierhundert im Namen Alfreds, sechshundert im Namen der Frau von Chambray.
Diese sechshundert Francs waren der Werth des Ringes nach der Schätzung des ersten Juweliers in Evreux.