Kitabı oku: «Die Elfen der Dämmerung: 3 dicke Fantasy Sagas auf 1500 Seiten», sayfa 11
"Vielleicht versuche ich durch meine Skepsis nur, Euch vor falschen oder übertriebenen Erwartungen zu bewahren", antwortete Barkon zögernd. "Setzt nicht alle Eure Hoffnungen nur auf diesen geheimnisvollen Fremden. Die Chance, dass Ihr diese Zitadelle in Sharolan noch in diesem Jahr erreicht, ist ohnehin äußerst gering. Wenn hier, so weit im Westen, bereits Schnee gefallen ist, dann dürften auch die Pässe über den Luyan Dhor schon zugeschneit sein. Zumindest werden sie es sein, bis wir Therion erreichen. Alles deutet darauf hin, dass die Völker Arcanas diesen kommenden Krieg ohne irgendwelche geheimnisvolle Hilfe werden führen müssen."
"Dann wird Arcana untergehen", erklärte Maziroc. Seine Stimme machte deutlich, dass er keine Befürchtung äußerte, sondern nur eine nüchterne Tatsache feststellte, so schrecklich sie auch sein mochte. "Damals hatten wir das mächtige Volk der Elben auf unserer Seite, das heute kaum noch existiert. Auch die Zwerge haben damals auf unserer Seite gekämpft, und Ihr wisst selbst am besten, wie es um die schwindende Macht Eures Volkes heute bestellt ist." Zur Bestätigung schüttelte der Magier entschieden den Kopf. "Nein, unsere Situation ist heute viel, viel schlechter als vor tausend Jahren. Unser einziger Vorteil ist, dass wir diesmal früher von der Bedrohung erfahren und entsprechende Gegenmaßnahmen eingeleitet haben, aber das gleicht unsere ungleich schwächere Position nicht aus. Wir werden jede Hilfe brauchen, die wir bekommen können, und Kenran'Del stellt eine mächtige Hilfe dar."
"Nun, dann bleibt Euch nur zu hoffen, dass die Pässe über den Luyan Dhor noch frei sind, denn sie bieten den einzigen Zugang ins Ödland von Sharolan", fasste Barkon zusammen. "Wir können nicht mehr tun, als zu versuchen, Euch sicher dorthin zu geleiten."
"Und an dieser Stelle muss ich nun Euch vorwerfen, nicht die volle Wahrheit zu sagen." Maziroc erhob sich. Durch seine massige Körperstatur, die er psychologisch sehr bewusst einsetzt, pflegte er andere ohnehin fast zu erdrücken, und nun nutzt er auch noch den Vorteil, auf die Zwerge herabschauen zu können und ihnen so seine Überlegenheit zu demonstrieren, voll aus. Langsam drehte er sich einmal um die eigene Achse und ließ seinen Blick über ihre Gesichter schweifen, bis er eine Runde vollendet hatte und wieder Barkon direkt ansah.
"Es gibt durchaus noch mehr, was Ihr tun könnt", fuhr er fort. "Ihr habt nur wenige Stunden für den Weg von den Todessümpfen hierher gebraucht, für eine Strecke, für die man normalerweise Wochen benötigen würde. In Eurer Hand liegt es auch, mich in entsprechend kurzer Zeit bis ins Ödland von Sharolan zu bringen, zu Kenran'Dels Sternenzitadelle."
Unter den Zwergen brach aufgeregtes Gemurmel los. Auch Barkon sprang nun auf.
"Ihr wisst ja nicht, was Ihr da sagt!", stieß er hervor. "Diese Möglichkeit, die Ihr angesprochen habt, steht nur uns Zwergen zur Verfügung, keinem der anderen Völker. Es wäre unmöglich, Euch dabei mitzunehmen."
"Warum sprecht Ihr es nicht offen aus? Es geht um den Ritt auf einem Drachen, nicht wahr?", sagte Scruul ruhig. Er hatte nicht einmal laut gesprochen, dennoch übertönte seine Stimme das erregte Getuschel und hatte eine durchschlagende Wirkung. Die Zwerge schienen zu erstarren und verstummten schlagartig. Von einer Sekunde auf die andere breitete sich Totenstille auf der Lichtung aus. Alle Blicke wandte sich Scruul zu, der mit lässig ausgestreckten Beinen auf einem Baumstumpf saß und ein Gesicht machte, als ob er kein Wässerchen trüben konnte.
Auch Miranya starrte ihn überrascht an. Drachen?, dachte sie verwirrt. Hatte sie gerade wirklich richtig gehört und Scruul hatte von einem Drachen gesprochen?
"Das ist ... Woher weißt du davon?", stammelte Barkon, womit er die Vermutung bestätigte, wohl ohne sich darüber auch nur richtig klar zu sein. Er trat einen Schritt auf den Magier zu, und eine Hand senkte sich drohend auf den Griff seines Schwertes. Gleich darauf zog er es aus der Scheide, fuhr herum und deutete mit der Klinge auf Maziroc. "Ihr müsst es ihm verraten haben!", zischte er. "Nur Ihr wusstet, dass wir wieder über Drachen verfügen. Seit mehr als vierhundert Jahren hütet mein Volk dieses Geheimnis nun schon, doch Ihr habt es entgegen Eurem heiligen Schwur verraten. Dafür verdient Ihr den Tod!"
"Nun sieh mal einer an. Der ganzen Aufregung zufolge scheine ich mit meiner Vermutung wohl einen Volltreffer gelandet zu haben", ergriff Scruul wieder das Wort. Auch er stand nun auf, stellte sich neben Maziroc und legte ihm die Hand auf die Schulter. "Allzu schwer war es ja auch nicht zu erraten, wenn man sich ein klein bisschen in der Geschichte des Zwergenvolkes auskennt."
"Was willst du damit sagen?", herrschte Barkon ihn an.
"Zunächst einmal, dass Maziroc überhaupt nichts verraten hat. Also beruhigt Euch erst mal und hört auf, Drohungen von Mord und Totschlag auszustoßen, dann können wir in Ruhe miteinander reden."
"Ich kann bestätigen, dass er nichts verraten hat", mischte sich Miranya ein. "Ich habe ihn mehrfach versucht auszuhorchen, wie Ihr uns so schnell zu Hilfe kommen konntet, aber er hat geschwiegen wie ein Grab."
Zweifel zeigten sich in Barkons Gesicht, und er senkte das Schwert ein bisschen, als er sich wieder Scruul zuwandte. "Woher wusstest du dann von dem Drachen, wenn Maziroc es dir nicht verraten hat?"
"Wie schon gesagt, es war nicht schwer zu erraten, wenn man das nötige Hintergrundwissen besitzt. In alten Schriften habe ich gelesen, dass das Volk der Zwerge einst zahlreiche Drachen gezähmt und gezüchtet hat und auf ihnen geritten ist, ehe die Drachen ausstarben. Und nun seid Ihr so schnell zu uns gekommen, wie es eigentlich nur auf einem Drachen möglich ist, und habt etwas von Wegen erzählt, die nur Euch zur Verfügung stünden. Da brauchte ich nur zwei und zwei zusammenzurechnen."
"Und als Ergebnis hast du offenbar fünf erhalten", blaffte Barkon.
Lächelnd schüttelte Scruul den Kopf. "Gebt Euch keine Mühe", sagte er. "Durch Eure Reaktion habt Ihr Euch selbst verraten. Mich jetzt noch davon zu überzeugen, dass ich mich geirrt hätte, wäre ein vergebliches Unterfangen, wie Ihr wohl einsehen werdet."
Barkon überlegte kurz, dann nickte er, wenn auch nur widerwillig und obwohl es ihm sichtlich schwer fiel. Er schien innerlich so angespannt zu sein, als ob er dicht davor stünde, einfach zu platzen.
"Es hat wohl keinen Zweck, es länger zu leugnen", presste er hervor. Aller Kampfesgeist schien ihn plötzlich verlassen zu haben. Er setzte sich wieder und trank einen großen Schluck von dem Schnaps. "Vor mehr als eineinhalb tausend Jahren starben unseres Wissens die letzten frei lebenden Drachen aus uns unbekannten Gründen aus. Umso mehr Sorge haben wir seither auf die Pflege und weitere Aufzucht der von uns gezähmten Drachen gelegt. Wir haben sie gezüchtet, doch es blieben immer nur wenige, da jeder Drache in seinem Leben höchstens ein bis zwei Nachkommen hat."
"Aber dann habt Ihr Eure Drachen durch die Invasion der Damonen verloren", warf Maziroc ein. "Auch die wenigen Tiere, die den Kampf überlebt haben, starben nur wenige Jahre später aus Kummer über den Tod ihrer Artgenossen, ohne noch einmal Nachwuchs bekommen zu haben. Seither galten die Drachen als ausgerottet."
"So schien es", ergänzte Barkon. Er sprach nur noch leise und starrte mit leerem Blick vor sich hin, als würde er nichts von dem wahrnehmen, was um ihn herum geschah. "Wir haben alles verloren im großen Krieg. Ravenhorst ... Unsere Drachen ... Aber dann - vor gut vierhundert Jahren - entdeckten wir, worauf wir schon nicht mehr zu hoffen gewagt hatten. Tief in den Todessümpfen fanden wir eine Drachenhöhle mit einem Ei darin, dass selbst nach all der langen Zeit noch brutfähig war. Mit all unserem Wissen gelang es uns, das Ei tatsächlich auszubrüten. Ein junger Flugdrache schlüpfte daraus und bildete den Grundstock einer neuen Brut, die allerdings bis heute leider sehr klein geblieben ist. All die Jahre hindurch haben wir dieses Geheimnis gehütet. Maziroc ist einer der ganzen wenigen Menschen, die davon wissen, da wir ihm stets vertraut haben und er mehrfach als Gast bei uns geweilt hat. Auch er hat dieses Geheimnis all die vielen Jahre lang gewahrt." Er blickte Scruul, Miranya und den überlebenden Soldaten der Garde, der bislang noch gar nichts gesagt hatte, der Reihe nach an. "Wir können euch nur bei allem, was uns und Euch heilig ist, anflehen, euer Wissen nun ebenfalls für euch zu behalten."
"Ich verspreche es", sagte Miranya als Erste. Sie konnte immer noch kaum glauben, was sie gerade gehört hatte. Drachen! Seit ihrer Kindheit hatte sie von Drachen gehört, aber sie stets für Ausgeburten der Fantasie gehalten, für Geschöpfe, die es nur in irgendwelchen frei erfundenen Abenteuergeschichten gab, ähnlich wie den schwarzen Mann.
Allerdings war der schwarze Mann nun in Form der Damonen erneut zu einer realen Bedrohung geworden, auch wenn es sich streng genommen bei den Ungeheuern nicht einmal um Männer handelte. Und nun erfuhr sie, dass es Drachen nicht nur einst wirklich gegeben hatte, sondern dass sie auch heute noch - oder wieder - existierten, aufgezogen vom Volk der Zwerge, von dessen wirklicher Existenz sie bis vor einem Tag ebenfalls noch nicht überzeugt gewesen war. Das Kontingent an Wundern, das sie mittlerweile erlebt hatte und das ihr Verstand aufzunehmen und zu verarbeiten in der Lage war, war allmählich erschöpft.
"Aber eines verstehe ich nicht", fügte sie schließlich hinzu. "Warum macht Ihr überhaupt ein Geheimnis daraus? Warum wollt Ihr nicht, dass irgendjemand von der Existenz der Drachen erfährt?"
"Weil wir die Gier der Menschen mittlerweile besser kennengelernt haben, als uns lieb ist", antwortete Barkon. Zorn schwang nun in seiner Stimme mit. "Sie können nur zerstören oder an sich raffen. Wir haben uns schon so tief in die Todessümpfe zurückgezogen, dass sie uns kaum erreichen können, und die wenigen, die es doch schaffen, schicken wir meistens weg, aber wenn sich herumspräche, dass wir wieder über Drachen verfügen, wäre es mit unserer Ruhe mit Sicherheit vorbei. Unser Volk ist inzwischen zu klein, als dass wir einer solchen Invasion noch etwas entgegensetzen könnten."
"Und erst recht nicht den Damonen", lenkte Maziroc das Gespräch wieder auf das ursprüngliche Thema zurück. "Umso wichtiger ist es, dass ich Kenran'Del erreiche."
"Mir scheint, selbst Ihr wisst nicht, wovon Ihr sprecht", entgegnete Barkon. "Auf einem Drachen zu reiten, ist etwas anderes, als ein Ritt auf einem Pferd oder sonst einem Tier. Außerdem reagieren die meisten Drachen nervös auf die Gegenwart von Menschen, und dann gehorchen sie auch uns kaum noch. Schon deshalb könnten wir Euch auf diesem Weg nirgendwohin bringen."
Maziroc schüttelte den Kopf. "Ich weiß durchaus, wovon ich spreche", behauptete er. "Denn ich bin bereits auf einem Drachen geflogen. Damals, im ersten großen Krieg, und das Tier hat meine Gegenwart und die eines menschlichen Begleiters ohne Schwierigkeiten akzeptiert. Für die Tiere macht es keinen Unterschied, wen sie auf ihrem Rücken tragen, auch wenn Ihr die Einzigen seid, die sie lenken können."
Barkon stützte die Ellbogen auf seine Knie und barg sein Gesicht in die Händen. Miranya versuchte sich vorzustellen, was jetzt in ihm vorgehen mochte, doch es gelang ihr nicht. Mazirocs Bitte musste ihm wie ein Sakrileg erscheinen, das an die heiligsten Werte seines Volkes rührte. Ihr fiel nichts vergleichbar Heiliges ein, was es bei den Vingala gab, und deshalb konnte sie sich auch nicht wirklich in seine Lage versetzen.
Doch, es gab etwas, wurde ihr gleich darauf bewusst. Ähnlich würde es sein, wenn ein Mann die absurde Bitte äußern würde, in den Hexenturm eingelassen zu werden.
"Gebt Euch einen Ruck, Barkon", drängte Maziroc und setzte sich neben ihn. "Ihr wisst, wie viel auf dem Spiel steht. Eure Könige werden es verstehen, wenn Ihr Euch zu meinen Gunsten entscheidet. Schon einmal hat sich Euer Volk erst zu spät zum Handeln entschlossen, und es hätte fast seinen Untergang bedeutet. Ich beschwöre Euch, begeht nicht den gleichen Fehler noch einmal. Bringt mich auf Eurem Drachen nach Sharolan, zur Zitadelle Kenran'Dels."
Lange Zeit herrschte Schweigen. Zumindest kam Miranya die Zeit endlos lange vor. Es war alles gesagt, was es zu sagen gab, alle Argumente waren ausgetauscht. Nun hing alles allein von Barkon ab.
"Also gut", stimmte er schließlich zu. "Aber wir werden nur Euch allein hinbringen, Maziroc. Eure Begleiter werden hierbleiben."
"Einverstanden", bestätigte Maziroc. "Aber auch wenn ich mit dem Drachen in ein paar Stunden in Sharolan sein kann, kann es mehrere Tage dauern, bis es mir gelingt, Kenran'Del aus seinem magischen Schlaf zu erwecken. Solange müsst Ihr für die Sicherheit meiner Begleiter sorgen. Ich bitte Euch, sie nach Therion zu bringen."
"Das werden wir tun."
"Ihr dürftet etwas mehr als zwei Wochen bis dorthin brauchen, sechzehn, vielleicht siebzehn Tage. Wahrscheinlich werde ich dann schon dort warten. Wenn nicht, dann wartet dort einen weiteren Tag, doch wenn ich bis dahin nicht ebenfalls in Therion eingetroffen bin, vergeuden wir nur kostbare Zeit, wenn sie weiter dort blieben. Deshalb möchte ich Euch bitten, sie in diesem Fall nach Ravenhorst zu bringen."
"Ravenhorst?", wiederholte Barkon. Ein finsterer Schatten schien über sein Gesicht zu gleiten, und Zorn verdunkelte seine Augen. "Glaubt Ihr nicht, dass Ihr jetzt etwas viel verlangt? Ihr wisst, dass kein Zwerg diesen Ort freiwillig jemals wieder betreten wird. Warum gerade Ravenhorst?"
"Weil es die nächste größere Stadt in südlicher Richtung ist, wo sie auf meine Rückkehr warten können, da sie direkt auf unserem Weg liegt. Ich verlange nicht, dass Ihr sie ganz bis dorthin begleitet. Bringt sie nur bis zur großen Handelsstraße, wo ihnen von den Hornmännern keine Gefahr mehr droht, das ist alles, was ich erbitte."
Barkon zögerte einen Moment, dann nickte er widerstrebend.
"Wir werden Euren Wunsch erfüllen", sagte er. "Aber ich hoffe, Ihr vergesst nicht, dass Ihr vom heutigen Tag an tief in der Schuld des Zwergenvolkes steht."
"Wenn ich dank Eurer Hilfe die Zitadelle rechtzeitig erreiche, dann wird bald möglicherweise ganz Arcana tief in Eurer Schuld stehen", erwiderte Maziroc.
"Darauf legen wir keinen keinen großen Wert. Nicht mehr", erklärte Barkon, drehte sich um und ging mit raschen Schritten davon.
Einige Minuten lang herrschte Schweigen, dann begann Scruul plötzlich zu lächeln. "Ach ja, ehe ich es vergesse. Es mag vielleicht nicht ganz passend erscheinen, aber ich wünsche trotzdem allen ein frohes neues Jahr."
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In den Todessümpfen

Zwei Tage nachdem sie die Grenze nach Miirn überquert hatten, flachte das Land vor den beiden Reitern allmählich ab, und die Vegetation wurde üppiger. Das Gras war breithalmig und saftig, doch neben einer Vielzahl wild wachsender Blumen gediehen auf den Wiesen immer häufiger auch Schilfpflanzen. Ein deutlicher Hinweis darauf, wie feucht der Boden hier war, eine Vorankündigung der großen Sumpfgebiete, die vor ihnen lagen.
In der folgenden Nacht, dachte Maziroc, würden sie sich bereits einen erhöhten Schlafplatz suchen müssen, um trocken zu bleiben, am besten in einer Baumgabel. Müde blinzelte er in die prasselnden Flammen des Lagerfeuers, ebenso wie Pollus, der junge Gardesoldat, der ihn seit der Flucht aus dem belagerten Gehöft begleitete. Nebeneinander hatten sie auf einem umgestürzten Baumstamm Platz genommen.
Zwei Wochen waren seit dieser Flucht inzwischen verstrichen. Von den Damonen hatten sie seither nichts mehr zu sehen bekommen, nicht einmal kleinere Trupps. Bis in diese Gebiete waren die Invasoren offenbar noch nicht vorgedrungen. Ähnlich wie in den Wochen zuvor unter Eibons Führung waren sie allerdings auch so schnell geritten, wie es ihnen nur möglich war. Entsprechend erschöpft waren sie abends stets gewesen, aber dennoch hatten sie genügend Zeit gefunden, sich ausgiebig zu unterhalten. Dabei hatten sie bemerkt, dass sie sich gut verstanden und zu vielen Themen ähnliche Ansichten besaßen, und im Laufe der beiden Wochen hatten sie sich schließlich angefreundet.
Obwohl er sich dem oft rauen und nicht gerade lustigen Kriegshandwerk verschrieben hatte, war Pollus ein fröhlicher, humorvoller Mensch mit einer optimistischen, lebensbejahenden Einstellung. Er lachte gerne und oft, wovon die trotz seiner jungen Jahre bereits deutlich ausgeprägten Fältchen um seine Mund- und Augenwinkel kündeten, und bei vielen sich bietenden Gelegenheiten fiel ihm ein passender witziger Spruch ein. Vor allem aber mochte er es, abenteuerlichen Geschichten zu lauschen. Maziroc seinerseits hatte bereits viel in seinem Leben gesehen, gehört und selbst erlebt, und er erzählte leidenschaftlich gerne davon, sodass sie sich auch in dieser Hinsicht ausgesprochen gut ergänzten. Wäre ihre Mission nicht so dringend und würde sie zu solcher Eile antreiben, hätten sie nächtelang wie an diesem Abend am Lagerfeuer sitzen können, während Maziroc von seinen Erlebnissen berichtete und Pollus ihm gebannt zuhörte.
"Na ja, und so bin ich damals eben in den Besitz des Skiils gelangt", schloss der Magier seine Geschichte. Nicht alles, was er erzählt hatte, entsprach haargenau der Wahrheit. Er hatte ein paar Gefahren schlichtweg erfunden oder zumindest von einer harmlosen Widrigkeiten zu einer richtigen Bedrohung aufgebläht, und er hatte auch ein paar Gegner zusätzlich eingefügt, um sich selbst besser und heldenhafter dastehen zu lassen und die Geschichte spannender zu machen. Wahrscheinlich ahnte Pollus auch, dass sich nicht alles genau so wie geschildert abgespielt hatte, doch es machte ihm nichts aus. Wie schon an den vorangegangenen Abenden lag auch jetzt in seinen Augen wieder ein verträumter Glanz, der nicht allein vom Widerschein des Lagerfeuers hineingezaubert wurde.
"Eine wunderbare Geschichte", murmelte er. "Wenn ich dir so zuhöre, komme ich immer mehr zu dem Schluss, dass ich mir den falschen Beruf ausgesucht habe. Wie du weißt, stamme ich aus Basla, und wie es in Hafenstädten nun mal so ist, wird gerade dort besonders viel von fremden Ländern und Abenteuern erzählt. Das hat wohl schon früh meine eigene Abenteuerlust geweckt, und deshalb bin ich Soldat geworden. Bei der Stadtwache habe ich zwar gelernt, wie man kämpft, aber außer zu einigen Truppenübungen haben wir die Stadt praktisch nie verlassen."
"Deshalb heißt es wohl auch Stadtwache", entgegnete Maziroc schmunzelnd. "Du hättest du dich besser zur königlichen larquinischen Armee melden sollen. Gerade in der Hauptstadt hättest du dafür beste Chancen gehabt."
"Das habe ich mir überlegt, als ich merkte, dass die Stadtwache eine Sackgasse darstellte. Es wäre kein Problem gewesen, mich zur regulären Armee oder sogar zur königlichen Garde versetzen zu lassen. Aber dann habe ich den noch schwierigeren Weg gewählt. Nur die Besten der Besten werden bei der Garde von Cavillon genommen. Ich habe mich beworben und wie ein Besessener trainiert, und im zweiten Anlauf ist es mir schließlich gelungen, dass ich aufgenommen wurde."
"Aber du bist trotzdem unzufrieden."
"Na ja, ich hatte mir die Aufgabe etwas anders vorgestellt. Abgesehen von einer viel härteren Ausbildung, unterschied sich die Arbeit nicht sehr von der in Basla. Nur fanden die Wachgänge diesmal auf den Mauern von Cavillon statt. Immerhin ein Aufstieg, da diese um einiges höher als die von Basla sind."
Irgendwo nicht weit entfernt erklang das Fauchen eines Tieres. Sie schraken beide zusammen, und Pollus griff instinktiv nach seinem Schwert, aber gleich darauf entspannten sie sich wieder, als der Ruf ein weiteres Mal erklang und sie erkannten, dass es sich nur um einen Brani handelte, einen völlig harmlosen Pflanzenfresser.
Nicht alle ihre Begegnungen während ihrer Reise waren so harmlos gewesen, und deshalb war Maziroc auch äußerst froh, dass er Pollus an seiner Seite hatte. Erst vor drei Tagen waren sie auf eine Panzerechse gestoßen, die zudem auch noch einen äußerst hungrigen Eindruck gemacht hatte. Allein wäre er verloren gewesen, zumal seine Magie ihm gegen das Tier nicht viel genutzt hätte, doch der Gardesoldat hatte sich der Echse todesmutig entgegengeworfen, und es war ihm gelungen, sie davon zu überzeugen, sich besser eine andere Mahlzeit zu suchen. Aus mehreren tiefen Wunden blutend hatte sie sich zur Flucht gewandt.
Zwar hatten sie nur vereinzelt andere Reisende getroffen, doch einige von ihnen hatten einen nicht gerade vertrauenerweckenden Eindruck gemacht, und Maziroc war froh gewesen, ihnen nicht allein begegnet zu sein. Zumindest bei einer Dreiergruppe war er ziemlich sicher, dass es sich um Wegelagerer gehandelt hatte, die nur durch die Gegenwart des Soldaten davon abgeschreckt worden waren, sich auf ihn zu stürzen.
"Im Grunde ist die Garde einer Stadtwache sehr ähnlich, auch wenn Cavillon streng genommen keine Stadt ist", nahm Maziroc das Gespräch wieder auf. "Was also hast du anderes erwartet?"
"So etwas wie das hier", antwortete Pollus impulsiv. "Ich hatte erwartet, dass viele der Magier weite und gefährliche Reisen unternehmen, so wie du es früher getan hast, und dass sie dabei eine Eskorte brauchen würden. Auf diese Art, hatte ich gehofft, würde auch ich weit herumkommen und allerlei Abenteuer erleben." Er hob einen kleinen Stein auf und warf ihn ins Feuer. Als er weitersprach, war die Bitterkeit in seiner Stimme nicht zu überhören. "Von wegen. Die meisten Magier haben Cavillon nicht ein einziges Mal verlassen, seit ich dort bin. Sie begnügen sich damit, alte Bücher zu lesen und in ihren Studierzimmern irgendwelche Experimente durchzuführen. Sie sind ..." Er brach ab und schüttelte den Kopf. "Ich sollte besser nicht weitersprechen. Es steht mir nicht zu, ein Urteil zu fällen."
Maziroc seufzte.
"Es steht dir so sehr zu wie jedem anderen", erklärte er. "Wir sind keine Halbgötter oder sonstigen Wesen, die unantastbar über allem schweben; man kann uns genauso wie jeden anderen kritisieren. Vielleicht sollte das gerade bei uns sogar öfters mal passieren, wenn ich mir so manche Entwicklungen innerhalb des Orden ansehe."
"Demnach scheinst du auch nicht gerade zufrieden damit zu sein, was in letzter Zeit passiert ist?"
"Nicht nur in letzter Zeit." Maziroc seufzte erneut. "Die Entwicklungen zeichnen sich schon seit Langem ab, und wenn es Charalon nicht irgendwie gelingt, sie zu stoppen, dann wird der Orden irgendwann in absehbarer Zeit auseinanderbrechen, fürchte ich."
"Jetzt siehst du alles aber ziemlich schwarz", behauptete Pollus.
"Tu ich das?" Maziroc schüttelte leicht den Kopf. "Auch Charalon wirft mir immer wieder vor, ich wäre ein Schwarzseher und Pessimist, aber wenn ich wirklich einer wäre, würden mich die Entwicklungen im Orden gar nicht mehr weiter interessieren. Dann würde ich nämlich davon ausgehen, dass das alles keine Rolle mehr spielt, weil die Damonen ganz Arcana und damit auch Larquina und Cavillon in absehbarer Zeit erobern werden. In diesem Fall dürfte es dann wohl auch keinen Magierorden mehr geben. Du siehst, wenn ich mir um die weiteren Entwicklungen innerhalb des Ordens Sorgen mache, beruht das auf der eigentlich optimistischen Prämisse, dass es uns gelingen wird, diese Bedrohung abzuwenden."
"Das werden wir!", stieß Pollus hervor. "Jedes Land und jede Stadt werden Truppen stellen, um dieser Gefahr zu begegnen. Es wird das größte Heer sein, dass es auf Arcana je gegeben hat. Außerdem kämpfen noch die Elben auf unserer Seite, und du wirst bestimmt auch die Zwerge überreden können, sich uns anzuschließen. Einer solchen Streitmacht haben die Damonen nichts entgegenzusetzen. Sie mögen viele sein, aber sie sind nur eine Horde wilder Ungeheuer. Einem disziplinierten Heer mit Bogenschützen, Katapulten, gepanzerter Reiterei und anderen Truppenverbänden mehr, das von taktisch geschulten Offizieren befehligt wird, sind sie niemals gewachsen."
Maziroc schwieg ein paar Sekunden lang. Ungeachtet seiner eigenen vorhergehenden Äußerungen vermochte er den Optimismus des jungen Gardesoldaten nicht annähernd so weit zu teilen. Er überlegte kurz, ob er ihm von der telepathischen Verbundenheit der Damonen erzählen sollte, durch die sie gewissermaßen eine Gemeinschaftsintelligenz darstellten, oder gar von ihren geheimnisvollen Beherrschern im Hintergrund, deren Existenz Kenran'Del angedeutet hatte. Anders als es bei ihrer Flucht von dem Gehöft erscheinen mochte, hatten sie es nicht nur mit einigen Horden wilder und dummer Ungeheuer zu tun, sondern mit einem Feind, der unter Umständen ebenso klug wie sie strategisch zu planen verstand und seine Truppen durch die telepathische Verbundenheit möglicherweise noch weitaus präziser zu lenken in der Lage war, als dies bei einem normalen Heer der Fall war. Nach kurzem Zögern entschied er sich dagegen, Pollus davon zu berichten. Es war besser, wenn sich diese Nachrichten zunächst nicht weiter ausbreiteten, da sie höchstens dazu führen würden, die Soldaten zu demoralisieren.
"Hoffen wir, dass es so sein wird", sagte er stattdessen nur. "Aber um die Entwicklungen innerhalb des Ordens negativ zu beurteilen, braucht man kein Pessimist zu sein. Du hast recht damit, dass viele der Magier fast nur noch in ihren Studierzimmern hocken. Es ist wichtig, sich zu bilden und magische Experimente durchzuführen, aber diejenigen, die bereits seit vielen Jahren kaum noch etwas anderes tun, haben schon regelrechte Mauern um sich herum aufgebaut. Sie wissen gar nicht mehr, was außerhalb Cavillons vorgeht, was die Menschen beschäftigt und bedrückt, welche Probleme es gibt. Sie leben nur für ihre Magie und fühlen sich viel zu erhaben, um sich mit den banalen Sorgen und Schwierigkeiten der einfachen Menschen auch nur abzugeben."
"Das ist ungefähr das, was ich sagen wollte", stimmte Pollus zu. "Viele von euch erscheinen mir abgehoben, als ob sie über den Dingen schweben würden. Weltfremde Spinner, um es ganz krass auszudrücken, und ich hoffe, du nimmst mir diese offenen Worte nicht übel. Etwa so wie ein Dichter, der nur weltabgeschieden in einem stillen Kämmerlein seiner Kunst frönt, ohne sich jemals unter das Volk zu mischen, weil es ihn nicht interessiert, was andere von seinen Gedichten, Balladen und Oden halten."
"Gerade bei uns Magiern eine verhängnisvolle Entwicklung, die einer noch schlimmeren Vorschub leistet." Maziroc nickte. "Ich war immer der Meinung, dass es unsere Aufgabe wäre, den einfachen Menschen zu dienen. Nicht nur auf hoher politischer Ebene, auch wenn manche Fürsten und Könige gerne unseren Rat hören, sondern auch ganz konkret im Alltag, indem wir Not lindern, für gute Ernten sorgen und dergleichen mehr. Aber außer denen, die sich zu vornehm dazu sind, sich zu solchem Tagewerk herabzulassen, gibt es mittlerweile auch eine starke Fraktion, die uns als eine Weiterentwicklung und somit die Zukunft der Menschheit betrachtet. Diese Magier bestreiten, dass wir den Menschen dienen sollten, sondern vertreten genau den gegensätzlichen Standpunkt, dass wir etwas Besseres als die normalen Menschen wären, und das einfache Volk deshalb uns zu dienen hätte."
Pollus runzelte die Stirn.
"Auch ich habe schon solche Meinungen aufgefangen, aber ich habe bislang geglaubt, dass nur einige wenige sie vertreten würden."
"Es gibt auch nur wenige, die sich offen dazu bekennen", bestätigte Maziroc. "Aber viele sympathisieren insgeheim bereits damit, und das führt zu Spannungen innerhalb des Ordens. Und dann sind da natürlich noch die Auseinandersetzungen mit den Vingala, die ebenfalls immer deutlicher auf eine Spaltung hinauslaufen." Er schüttelte den Kopf. "Dies sind wahrlich schwierige Zeiten, in denen wir leben, in jeder Hinsicht."
Eine Weile schwiegen sie und hingen ihren Gedanken nach.
"Erzähl mir etwas über die Zwerge", bat Pollus schließlich. "Du hast bislang nur erwähnt, dass du Ravenhorst schon mehrfach besucht hast. Ich kenne niemanden sonst, der schon jemals persönlich dort war."
"Die Zwerge sind ein sehr fröhliches Völkchen, das gerne und ausgiebig feiert, aber sie legen auch viel Wert auf Förmlichkeiten und sind vor allem sehr misstrauisch Fremden gegenüber", erklärte Maziroc. "Deshalb dulden sie nur sehr selten Besucher in Ravenhorst. Die meisten Menschen erscheinen ihnen grob, ungeschlacht und ungebildet, und mit den Elben liegen sie seit urdenklichen Zeiten im Zwist. Es hat zum Glück nie einen offenen Krieg zwischen ihnen gegeben, sonst wäre Arcana sicherlich nicht das, was es heute ist, aber sie gehen sich gegenseitig nach Möglichkeit aus dem Weg. Deshalb halten die Zwerge die Grenzen zu ihrem Reich weitgehend verschlossen."
"Aber dich hat man eingelassen."
"Ich habe einem der ihren einst das Leben gerettet", erklärte Maziroc. "Es ist schon lange her, aber immerhin. Wie du weißt, bin ich früher außerdem weit gereist und habe viele Bekanntschaften geschlossen, sodass mein Name selbst in Ravenhorst einen guten Klang besitzt. Außerdem machen die Zwerge einen Unterschied zwischen uns Magiern und den normalen Menschen. Sie gestehen uns eine meist weitaus höhere Bildung zu und siedeln uns deshalb auf einer höheren Kulturstufe an, sodass sie uns eines Gesprächs für würdig erachten und einen Gedankenaustausch mit einigen von uns gelegentlich sogar als anregend betrachten, was sie bei einem normalen Menschen nie tun würden."
"Und ich?", hakte der Gardesoldat erwartungsvoll nach. "Glaubst du, dass sie auch mich nach Ravenhorst lassen werden?"
