Kitabı oku: «Morgensonnenschein», sayfa 2
Kapitel 4
Der Eingangsbereich, der sich mir eröffnete, schimmerte in einem fahlen Grün, was die silbrig gläserne Front hinter mir nur noch schauriger erscheinen ließ. Vor einem beigen Wandteppich, auf dem das Wappen der Preisrichter, eine grüne Schlange mit silberner Zunge und über diesem der gebogen stehende Spruch Cognitio potentiae dat, also Wissen verleiht Macht, in silbernen Lettern zu sehen war, befand sich ein großer Empfangstresen, hinter dem eine jüngere ziemlich hübsche Frau mit streng zurückgebundenen schwarzen Haaren in Minirock und Bluse gekleidet stand. Ihr kalter Blick verminderte dabei die Anzahl der Punkte, die sie bei einem Schönheitswettbewerb bekommen hätte, nur geringfügig, auch wenn er für einen Betrachter wie mich unangenehm war. Zielstrebig und ohne ein Zögern gab meine Mutter der Empfangsdame ihr Meldeformular und die Frau nahm dieses energisch in Augenschein. Da ihrer Meinung nach schließlich alles in Ordnung zu sein schien, zeigte sie uns mit einem Kopfnicken an,ihr zu folgen. Sie bog links des Tresens in einen Gang, der, von der Ausrichtung des Hauptgebäudes des Diamond Towers gesehen, in westliche Richtung verlief und, so schien es mir, bis in die Unendlichkeit reichte. Er hatte den gleichen Bodenbelag, wie der Eingangsbereich, ein blank polierter grauer Steinboden mit grünem Schimmer, der auch den Wänden einen kühlen Ton verlieh, und nachdem wir eine Zeit lang durch den schier endlosen Flur gegangen waren, konnte ich in dem fahlen Licht einiger kreisrunder Deckenleuchten eine Veränderung erkennen: wo vorher weiße Wände gewesen waren, prangte nun eine mit kunstvollen Schnitzereien geschmückte dunkle Holzwand und an der Decke konnte ich bunte handgemalte Bilder erkennen, verziert und umrandet von vielen Schnörkeln, die ähnlich wie an der Mauer auch Tierköpfe ausbildeten, wobei auch der Boden an einer bestimmten Stelle urplötzlich in nahezu ebenholzfarbenes Parket übergegangen war und jetzt kleine Kronleuchter für das gewisse Ambiente in der Düsternis sorgten, was der ganzen Atmosphäre in diesem vielleicht drei Meter breiten Gang zumindest eine wärmere Note verlieh. Nach einem mir stundenlang vorkommenden Marsch entlang verschlossener Türen sah ich vor uns am Ende der Allee aus toten Bäumen ein Portal aufragen, dessen schwere hölzerne offenstehende Torflügel bis zur Decke ragten. Ohne zu zögern betrat die voranschreitende Empfangsdame den Raum, der sich hinter dem Tor eröffnete. Ich folgte ihr, Doras dünne Hand in der meinen, meine Mutter im Schlepptau und öffnete erstaunt den Mund. Der Saal, der sich vor mir auftat, überwältigte mich in seiner Schönheit: der wiederum grünlich schimmernde Boden, die hohe, über mehrere Stockwerke gehende, hellgraue Steindecke, die vier hellgrauen Säulen, die diese stützten, die mir gegenüberliegenden stockwerkhohen, oben abgerundeten, in verschiedengroße Segmente aufgeteilten Fenster, die von samtenen grünen Vorhängen verhängt waren und eine hölzerne Tribüne, die vor mehreren aus Holz bestehenden Bänken, gegenüber der Eingangstür am Ende des Saales stand. Über der Tribüne hing als samtenes grünes Banner das Wappen der Preisrichter und in den Boden vor der Tribüne war die Flagge von Stones eingelassen worden, eine Schlange auf dem Hintergrund von einem hellgrauen, roten, schwarzen, cremefarbenen und dunkelgrauen Streifen, der die jeweilige Schicht von Stones symbolisierte. Während meine Schwester und ich noch am Staunen gewesen waren, hatte sich meine Mutter mit meinem Bruder schon auf einer der hinteren Bänke niedergelassen und winkte uns ungeduldig zu sich. Jetzt erst nahm ich die vielen anderen Familien wahr, die sich schon im Raum befanden. Gleich neben uns saß ein junges Ehepaar mit einem Kind, das nach der Kleidung zu schließen wohl aus Ardesia, dem Viertel der 3. Schicht, kam, was mir ein Blick auf die Stirn der beiden und damit auf ihren Preis bestätigte. Man könnte sich jetzt vielleicht fragen, warum das Ehepaar aus Ardesia zusammen mit uns aus Limestone die Zeremonie für ihr Kind hatte. Das war so, weil diese nur freitags stattfand und so keine Zeit war, auf die Trennung zwischen den einzelnen Schichten zu achten. Und trotzdem kam es sehr selten vor, dass sich ein Mitglied der zweiten oder gar ersten Schicht zu der Zeremonie für das gemeine Volk herabließ. Stattdessen erreichten diese mit viel Geld, dass ein Sondertermin für ihre Sprösslinge festgelegt wurde. Entweder war das Ehepaar knapp bei Kasse oder sie störten sich nicht daran, die Zeremonie mit der vierten und fünften Schicht zu teilen. Wir saßen rechts vom zentralen Gang, der zur Tribüne führte, und schnell merkte ich, warum meine Mutter gerade diese Seite ausgewählt hatte. Auf der linken Seite nämlich hatten sich auffällig viele Familien aus Coalman niedergelassen, dem Viertel der fünften Schicht, während auf unserer Seite fast nur Limestoner, unter denen auch einige mir bekannte Gesichter waren, und vereinzelt ein paar Ardesianer saßen. Meine Mutter hatte diese Seite gewählt, weil sie nicht noch tiefer sinken und ihren letzten Funken Stolz behalten wollte. Es machte mich traurig, dass alle Menschen auch ohne das Zutun der Politik, zu der auch die Preisrichter zählten, die Grenzen der Schichten aufrecht hielten.
Während ich in Gedanken gewesen war, war mir gar nicht aufgefallen, dass das allgemeine Geplauder aufgehört hatte und durch gespanntes Schweigen ersetzt worden war. Nun waren alle Augen nach vorne gerichtet, auf die Tribüne, so dachte ich zuerst. Bei genauerem Hinschauen erkannte ich, dass alle die unscheinbare Holztür rechts von dieser betrachteten. Sie musste zum Besprechungszimmer der Preisrichter führen. Von dem mit silbernen Beschlägen und mit einem silbernen Knauf bewehrten dunklen beweglichen Wandelement war ein grüner Teppich bis zur Tribüne ausgerollt worden. Ich war so in Gedanken gewesen, dass mir dieser überhaupt nicht aufgefallen war. Ohne Vorwarnung öffnete sich plötzlich die Tür und wie auf Kommando erhob sich der ganze Saal. Fanfaren ertönten von einem Balkon zu meiner Rechten, schon schritten in wallenden grünen Gewändern die Preisrichter in die steinerne Halle. Unter ihnen waren sowohl Frauen als auch Männer, alle im mittleren Alter oder älter. Sie nahmen auf den 20 Plätzen auf der leicht gebogenen, in zwei Reihen aufgeteilten Tribüne, die deshalb so konzipiert war, damit auch die Äußersten einen guten Blick auf die Flagge von Stones auf dem Boden hatten, Platz, wobei mir auffiel, dass die Älteren die vorderen Sitze für sich beanspruchten. In der Mitte saß ein Mann mit grauen Haaren und grünen, stechenden Augen, der oberste Preisrichter. Er unterschied sich von den Anderen darin, dass er eine schwere silberne Kette trug, in deren einzelnen ovalen Gliedern jeweils ein grüner Stein, wahrscheinlich ein Smaragd, funkelte, sodass ich diesen sogar über mehrere Bankreihen hinweg bestens erkennen konnte, und die so gut zum samtenen Umhang mit den silbernen Nähten passte. Mit einem Ring, der ebenfalls silbern mit grünem Stein war, klopfte der ältere Mann auf das dunkle Holz der Tribüne und die Leute im Saal ließen sich augenblicklich wieder auf den Bänken nieder. Dann sprach er: „Wir haben uns heute hier versammelt, um die Preise der hier anwesenden Kinder zu bestimmen.“
Seine Stimme war kalt und Eissplitter schienen die Luft vor unseren Augen wie seine Worte das Schweigen im Raum zu durchschneiden, er legte so viel Autorität in das Gesprochenen, dass nicht einmal mehr ein Kinderweinen zu hören war. Als er fortfuhr merkte ich, wie sich eine Gänsehaut auf meinen Armen bildete. „Wir werden nun die Namen der Kinder vorlesen und dann deren Preise bestimmen.“
Ein Schauder ging durch die Menge wie ein kühler Windhauch. Ich betrachtete die anderen Preisrichter und bemerkte in ihren Augen die gleiche Kälte, die ich auch in den Augen und der Stimme des Wortführers gefühlt hatte. Eine Frau, die links von diesem saß, holte eine lange Pergamentrolle hervor und der eigentliche Teil der Zeremonie begann. Die Preisrichterin verlas die Namen der einzelnen Kinder, ein Elternteil trat zusammen mit dem Baby vor die Tribüne und die Preisrichter bestimmten seinen Preis. Bei den ersten Kindern, die vor allem von Familien aus Coalman stammten, passierte nichts Außergewöhnliches. Sie alle hatten einen Preis, der sie in die Schicht ihrer Eltern einstufte, also einen zwischen null und 150, nur das Baby des Ehepaars, welches neben uns saß, hatte einen Preis von 459, der es in die 2. Schicht einstufte, was wiederum einigen Wirbel vor allem seitens der Eltern auslöste. Als die Mutter wieder Platz genommen hatte, schaute ich kurz in ihr tränenüberströmtes Gesicht. Es war hart das erste Kind an eine andere Schicht zu verlieren, aber wenigstens war es die zweite Schicht und nicht die vierte. Dann waren wir an der Reihe.
„Turris“, ließ die emotionslose Stimme der Frau verlauten.
Ich stand auf, um meine Mutter vorbei- und damit aus der Reihe treten zu lassen, als sich mein Blick mit dem des obersten Preisrichters kreuzte. Ich hörte in diesem Augenblick die Luft schier vor Spannung knistern und noch viel später, als ich längst wieder saß, fragte ich mich, ob er in dieser Sekunde mein Geheimnis erraten haben könnte. Während ich sekundenlang mit Schwindel und der Angst, die mir wie ein Stein im Magen lag und das Atmen erschwerte, kämpfte, durchquerte meine Mutter mit dem kleinen Leo den Raum und stand nun vor den Preisrichtern, auf dem Wappen von Stones. Sie hielt Leo etwas von sich weg, seine Füßchen hingen in der Luft, sein Gesicht musste bei der Zeremonie gut sichtbar sein. Der oberste Preisrichter lehnte sich langsam nach vorne. Er runzelte die Stirn und ein Glühen trat in seine grünen Augen. Ich stellte mir ängstlich vor, wie er damit die rehbraunen Augen meines Bruders wie mit Messern durchstach. Mehrere Sekunden verharrte der Würdenträger in dieser Position, dann lehnte er sich zurück. „Der Sohn der Turris hat einen Preis von 276.“
Die anderen Preisrichter nickten zustimmend. Mein Herz hüpfte vor Freude auf und ab und als meine Mutter sich zu uns umdrehte, sah ich den gelösten Blick in ihren Augen zusammen mit einem freudigen Funkeln, das ich schon allzu lang nicht mehr gesehen hatte und das mich noch breiter grinsen ließ. Als meine Mutter wieder auf ihrem Platz war, umarmte sie zuerst meine Schwester und dann mich, um dann dem Rest der Zeremonie, von der ich durch den Schleier des Glücks fast nichts mitbekam, mit einem Lachen auf den Lippen beizuwohnen. Nachdem der letzte Preis bestimmt worden war, erhob der mittlere Preisrichter abermals die Stimme. „Und nun, nachdem die Preise bestimmt worden sind, singen wir zum Abschluss die Hymne unseres Stones!!“
So erhoben wir uns alle, meine Schwester mit einem Stöhnen auf den Lippen, und sangen ein getragenes Lied in Moll, in dem es vor allem um die Preisrichter ging, die die Ordnung in der Welt bewahrten und deshalb höchste Ehren verdienten. Nach der Hälfte des Liedes bewegte ich nur noch die Lippen und da viele andere meinem Beispiel folgten, sang am Ende nur noch ein kläglicher Teil der Anwesenden. Ein stiller Protest war es, ein Aufbäumen gegen das System. Als die letzten Töne verklungen waren, löste der oberste Preisrichter, dem unser Widerstand nicht entgangen war, die Versammlung auf, stieg von der Tribüne hinab und verschwand, die anderen Preisrichter im Schlepptau, durch die unscheinbaren Tür, die sich hinter dem letzten von ihnen schloss. Sofort erhob sich der Lärm vieler aufstehender Menschen, die alle versuchten, als erste den Saal zu verlassen. Zwischen dem allgemeinen Gerede war immer wieder das Geschrei der Babys und das Schluchzen der Eltern zu hören, die ihr Kind verlieren würden.
Kapitel 5
Mit hastigen Schritten liefen wir den langen Gang zurück zur Eingangshalle. Nachdem wir einige Zeit gewartet hatten, waren wir mit ein paar anderen Nachzüglern in Richtung des neuen Diamond Towers aufgebrochen. Neu wurde dieser Teil des Hauptquartiers der Preisrichter genannt, weil er im Vergleich zum schon nahezu antiken alten Hauptquartier, dessen Zentrum der Zeremoniensaal, aus dem wir gerade kamen, bildete, noch recht neu wirkte. Im eigentlichen Diamond Tower mussten wir noch Leos Papiere holen, bevor wir wieder nach Hause zurückkehren konnten. Als wir schließlich den Eingangsbereich erreichten, wandten wir uns nicht nach rechts, zur Eingangstür, sondern bogen in einen schmalen Raum hinter der weißen Wand mit dem Wappen der Preisrichter ein, in dem sich an der linken Seite zwei bronzene Aufzugstüren befanden. Die Verwaltung der Preisrichter, also Finanzen, Registrierung von Preisen und die große Kanzlei des Preisrichterrates, war im zweiten Stockwerk des Towers angesiedelt. Die Arbeitsplätze dort, die vom einfachen Schreiberling, über Sekretäre bzw. Sekretärinnen, bis zum Berater gingen, wurde von Menschen aus Pebble und einigen glücklichen Ardesianern bekleidet, wobei es als große Ehre galt, für die Preisrichter zu arbeiten. Meine Mutter hatte wohl schon auf den blank polierten Knopf, der mich etwas an eine edle Hausklingel erinnerte, gedrückt, denn als ich meine Gedanken wieder auf die Gegenwart richtete, öffnete sich gerade die Aufzugstür und meine Mutter mit dem schlafenden Leo im Arm, meine Schwester und ich betraten diesen. Der Lift war wie alles andere natürlich wunderschön und von erlesenem Material, mit einem nun karamellfarbenen Boden und verspiegelten Seitenwänden, in denen ich mich als mittelgroßes Mädchen mit einem hoch sitzenden Zopf, dessen hellbraune Haarspitzen sich leicht lockig an mein Kinn legten, einem länglichen Gesicht mit breiten Augenbrauen und einem ausgewaschen grauen Kurzarmhemd über einem blauen Rock aus einem festen Stoff sah. Ein Duft nach eben derselben klebrigen Süßigkeit, die ich nur vom Sehen und Riechen her kannte, aber noch nie probiert hatte, lag in der Luft. Meine Schuluniform an meinem Körper leicht kritisch betrachtend spürte ich den Ruck, der sich bis in meinen Bauch auszuwirken schien und mir sagte, dass die Kabine wohl vom Boden gehoben worden war. Wir erreichten den zweiten Stock, die Türen öffneten sich und nicht zum ersten Mal an diesem Tag stockte mir der Atem auf Grund der immer wiederkehrenden Schönheit der oberen Viertel und ihrer Bauten, die trotz ihrer Beständigkeit und Vorhersehbarkeit für mich nichts an ihrem Scharm und ihrer Faszination verloren hatte. Unter dem Verwaltungsabteil hatte ich mir eine graue, mit dreckigen Teppichen ausgelegte, von Spanholzschreibtischen gefüllte und nur von vereinzelten staubbedeckten Zimmerpflanzen erhellte Bürolandschaft vorgestellt, also etwa wie das Verwaltungszimmer der Nähfabrik, in der meine Mutter arbeitete, nur eben in groß. Zu diesem Bild in meinem Kopf passten eindeutig nicht der glänzende hölzerne Boden, ein weiterer Empfangstresen zu meiner linken, das große bunte mit Ölfarben gemalte Unterwasserbild darüber, die samtigen, grün überzogenen Wartestühle auf der rechten Seite, deren zierliche Beine die gleiche Farbe wie der Boden hatten und die Frau, die ein smaragdgrünes Etuikleid trug, das gut zu ihren grünen Augen und dem langen rotbraunen Haar passte. Sie wartete bereits hinter dem brusthohen Tisch, da vor uns schon einige Familien dagewesen waren. Ihr junges und makelloses Gesicht sah gelangweilt aus und ich fragte mich, ob sie ihre Schönheit an dieser Stelle nicht verschwenden würde, doch dann fiel mein Blick auf ihren Preis und ich verstand. Einem Mädchen von solcher Schönheit standen in den gehobeneren Schichten doch einige Türen offen und für eins aus Ardesia, aus einer einfachen Familie, musste sich mit diesem Job eine ganz neue Zukunft eröffnen. Hinter ihrer Langeweile konnte ich ein Feuer der Hoffnung sehen, das durch eine Beförderung nur so mit Funken sprühen würde. Diese Erkenntnis, die mich mal wieder daran erinnerte, dass für die Preisrichter oft nur das Äußere zählte und dass die Menschen meiner Welt allgemein sehr oberflächlich waren, schließlich wurden man nur nach einem erblichen Preis beurteilt, war in weniger als zwei Sekunden zu mir durchgesickert und als ich sie mit einem Schauder über den Rücken abschüttelte, trat meine Mutter an den Empfangstisch heran. Sie hatte nichts von alldem mitbekommen und war darum bemüht, die Sache so gut es ging zu beschleunigen. „Hallo, mein Name ist Margo Turris. Ich war mit meinem Sohn bei der Zeremonie und möchte seine Papiere abholen.“
„Wenn sie mir bitte folgen mögen“, sagte die Frau mit gleichgültiger Stimme und zeigte mit einer Hand in einen Gang zu ihrer Linken, an dem mehrere Räume lagen und der, wie man erkennen konnte, in einiger Entfernung in ein großes Zimmer mündete.
„Wartet hier“, befahl uns meine Mutter mit einem Kopfnicken auf die grünen Polsterstühle gegenüber den Lifttüren und folgte der Frau, nachdem sie mir den weiterhin schlafenden Leo überreicht hatte.
Meine Schwester hatte nach wenigen Minuten aufgegeben still auf dem Stuhl zu sitzen und sich nun zu meinen Füßen niedergelassen, wobei sie versuchte, mit den dreckigen Schnürsenkeln meiner ziemlich maroden erdbraunen Stiefeletten neue Schleifen auszuprobieren. Dora war einfach noch zu sehr Kind für diese harte und rücksichtslose Welt. Sanft wiegte ich Leo hin und her und strich ihm eine dunkelbraune Strähne seines Haars aus den geschlossenen Augenlidern. Im Schlaf wirkten die Züge seines Gesichts noch weicher und unschuldiger als im wachen Zustand, wenn er einen durch seine warmen braunen Augen anstrahlte, ein Lachen auf den Lippen. Wahllos bewegte er seine kleinen Fingerchen, die schließlich meinen Finger fanden und sich an diesen klammerten. Ich war sehr froh, dass der kleine Leo bei uns bleiben durfte, auch wenn er nur mein Halbbruder war und Essen ein wertvolles Gut geworden war. Beim genaueren Hinsehen sah der kleine Junge seinem Vater, der auch der von Dora war, in seinen Gesichtszügen sehr ähnlich mit der kleinen Stupsnase, den eng zusammenstehenden dunklen Augenbrauen und den Grübchen in den Mundwinkeln. Doch Kamlet, so hieß der Plantagenarbeiter und Vater meiner zwei Geschwister nämlich, lächelte nie, zumindest hatte ich ihn nie lächeln sehen. Er wirkte auf mich niemals glücklich, sondern eher verkniffen mit den dunklen Augen und den dunkelbraunen glatten Haaren, die so geschnitten waren, als hätte ihm jemand einen Topf aufgesetzt und an dessen Rändern die Haare abgetrennt. Ich hatte nie verstanden, was meine Mutter an diesem fast ungesund braun gebrannten Mann gefunden hatte, der das ganze Jahr über vor den Toren der Stadt Obst und Gemüse pflanzte, goss und erntete, hatte ihn nie in mein Herz geschlossen, auch, weil er sich nie für Dora interessiert hatte. Vielleicht überforderten Kamlet Kinder, jedenfalls hatte er sich seit Leos Geburt bei uns nicht mehr blicken lassen und anders als meine Mutter rechnete ich auch nicht mehr mit seiner Wiederkehr. Trauer durchzuckte mich, dass auch Leo keinen richtigen Vater haben würde. Andererseits war seine Zukunft in Limestone nicht gerade rosig, also warum sollte er da grundlos verhätschelt werden. Jedenfalls war in diesem Augenblick das Alles egal. In diesem Moment zählte nur, dass wir über den Abgrund gesprungen waren, auch wenn noch viel zu viele Hürden vor uns lagen. In der Stille hörte ich plötzlich ein Geräusch, ganz leise und gleichmäßig war es, wie Regentropfen in einen großen Teich. Doch dann drängte es sich weiter in den Vordergrund und ich hob den Kopf, das stechende Blatt einer Palme, von deren Art es hier mehr gab, im Nacken spürend. Die Schritte, die das Geräusch verursachten, kamen immer näher. Flüsternd forderte ich meine Schwester auf, sich wieder auf dem Stuhl niederzulassen. Das hallende Geräusch ebbte ab, als die kleine Gruppe den Gang erreichte, wodurch ich jetzt auch eine tiefe Männerstimme ausmachen konnte. Der Sprecher trat als Erster in den Vorraum, gefolgt von zwei weiteren jüngeren Männern. Die beiden Äußeren trugen schwarze wallende Gewänder, während der Mittlere eine ausgewaschene Jeans und einen braunen Pulli anhatte. Dies musste die Preisrichtergarde sein, die aus bereitwilligen Preisrichtern aber auch vertrauenswürdigen Pebblern oder Ardesianern bestand und im Namen der Preisrichter für Recht und Ordnung sorgte. Zweifellos waren die zwei in schwarz gekleideten jungen Männer Preisrichter, wenn sie sich in diesem Teil des Diamond Towers ohne weiteren Geleitschutz durch andere als Preisrichter erkennbare Personen befanden. Noch nie hatte ich so junge Preisrichter wie diese gesehen, denn im Preisrichterrat, der sich für die Limestoner am sichtbarsten in der Öffentlichkeit bewegte, waren nur erfahrene Preisrichter, also ältere, die auch bei Überraschungen keine Miene verzogen und ihr Urteil auch bei höheren Schichten ohne Vorurteile fällten. Dass letzteres nicht unbedingt immer gewährleistet war, war nicht zu bestreiten. Schon oft genug waren Vorwürfe der Korruption zwischen ranghohen Personen und den Preisrichtern laut geworden, doch solche Misstöne oder zumindest ihre Verursacher waren meist schnell weg vom Fenster. So hatte ich lediglich einen Teil des Unterrichtsstoffs wiederholt. Dass meine Meinung über die Preisrichter und deren Weltansichten in eine ganz andere Richtung als die der Schulleitung und des Bildungsministers gingen, war schon allein durch meine Mutter und deren Sicht der Dinge gewährleistet.
Ich spürte einen leichten Druck auf meinem Schuh, als mich meine Schwester aus meinen Gedanken zurückholte. Beschämt senkte ich den Blick, als ich merkte, dass ich die drei Männer immer noch anstarrte. Diese waren mittlerweile vor einer der beiden Aufzugtüren, während sie dem grün blinkenden Rand des Knopfes nach zu schließen auf den Lift warteten. Keiner der beiden in schwarz gekleideten hatte meinen Ausrutscher bemerkt. Nur der andere Junge betrachtete mich interessiert. Ich hob den Blick, um seinen zu erwidern, als mir ein Keuchen entfuhr. Seine Stirn über den dunkelblauen Augen war leer, dort, wo eigentlich sein Preis hätte stehen müssen, war ein schwarzes Nichts, das mein letztes Stück Selbstbeherrschung verschlungen hatte. Weil der Junge wohl das Entsetzten in meinem Gesicht gesehen hatte, verdunkelten sich seine Augen und er drehte sich in die Richtung, in die die anderen schauten. Langsam machte dem anfänglichen Schreck einer Panik Platz, die nichts mit dem fehlenden Preis des Jungen zu tun hatte. Er hatte meinen Blick gesehen, er wusste, was ich gesehen hatte und somit war es für ihn nicht schwer zu erraten, welche Fähigkeiten in mir schlummerten. Mein Bauch zog sich ob dieser Erkenntnis zusammen, auf meiner Haut bildete sich Schweiß. Das Ticken der Uhr, die über meinem Platz hing, kam mir unheimlich und viel zu laut vor, als ob sie wüsste, dass mein Geheimnis kurz vor der Offenbarung stand. Eins, zwei, drei, vier. Ticktack, ticktack. Die Sekunden verstrichen und nichts passierte. Ein Geräusch ließ mich zusammenzucken, als sich die Aufzugtüren öffneten, dann das leise Rumpeln, während sie sich wieder schlossen. Ich atmete einmal, zweimal. Dann richtete ich meine Augen auf die Stelle, wo vor kurzem noch der Mensch gestanden war, der jetzt mein Schicksaal in der Hand hatte.
Ich beruhigte mich erst wieder, als nach zwei weiteren Minuten meine Mutter ins Zimmer trat und mit freudiger Miene verkündete, sie habe die Papiere für Leo. Der Weg zur Tür über den Aufzug und die Empfangshalle war kurz und wir alle waren froh, als wir dem Diamond Tower den Rücken zukehren konnten. Als wir vor diesem standen, die Sonne, die bereits den Zenit überschritten hatte, im Gesicht, konnte meine Schwester das freudige Jauchzen, das über ihre Lippen kam, nicht unterdrücken. Endlich war die schwer lastende Sorge weg, endlich hatten die Wolken in unserem Leben der Sonne Platz gemacht. Für einen Moment vergaß ich all die anderen Sorgen und zusammen mit meiner Schwester drehte ich mich um unsere Mutter, das Gesicht zum Himmel gestreckt. So tanzten wir am Fuße des Diamond Towers.
