Kitabı oku: «Morgensonnenschein», sayfa 4

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Kapitel 9

In den nächsten zwei Tagen fühlte ich mich wie eine tickende Bombe, die bald explodieren und alles in ihrer Umgebung mitreißen würde. In den Gängen der Schule folgte mir häufig Getuschel und unser Geschichtslehrer würdigte mich keines Blickes mehr, was ich aber nicht als Übel empfand. Zu Hause war es wesentlich schlimmer. Meine Mutter hatte die letzten zwei Tage das Haus nicht verlassen, sie sprach mit niemandem und nähte nur stumm vor sich hin, während meine Schwester jedes Mal Tränen in den Augen hatte, wenn sie mich ansah oder mit mir sprach. Der Einzige, der gut gelaunt war, war der kleine Leo, der von all dem nichts verstand. Da sich die Preisrichter die letzten zwei Tage nicht gerührt hatten, ging ich davon aus, dass sie am nächsten Tag, einem Samstag, kommen würden. Beim Abendessen ergriff ich schließlich meine Chance, die Situation noch irgendwie zu retten. „Mama, es tut mir so unendlich leid, dass ich dir nicht früher davon erzählt habe, aber ich hatte Angst, du würdest mich dafür hassen, was ich war, was ich bin.“

Ganz langsam hob meine Mutter den Kopf. „Aber Zelda, wie konntest du glauben, ich würde dich nicht mehr lieben, nur weil du eine gute Preisrichterin wärst?“

„Nur weil ich eine gute Preisrichterin wäre?“, fragte ich verwundert.

„Viele Menschen haben eine gute Begabung für etwas. Deine Schwester singt zum Beispiel gut, aber heißt das, sie muss unbedingt Sängerin werden? Nein! Das ist nur die Auffassung der Preisrichter, die Preisrichter meinen, dass diejenigen, die des Zahlenlesens mächtig sind zu einem von ihresgleichen werden, aber deshalb muss dies noch lang nicht deine Bestimmung sein.“

Wie hatte ich nur so engstirnig sein können? Ich hatte nur den einen Weg gesehen, den Weg, der den Preisrichtern recht war, aber nie hatte ich darüber nachgedacht, dass ich auch ein ganz normales Leben hätte führen können.

„Ich bin nicht sauer auf dich, nur enttäuscht. Hättest du mir so weit vertraut, mir dein Geheimnis anzuvertrauen, hätten wir eine Lösung gefunden. Natürlich bist du nicht schuld, an deiner Offenbarung und ich mache dir deine Kurzsichtigkeit nicht zum Vorwurf, nur musst du mit diesem Fehler leben.“ Bei diesem letzten Satz seufzte sie müde auf. „Wie ich die Preisrichter doch hasse! Sie nehmen mir immer das weg, was mir lieb und teuer ist.“ Doch ihre Worte hörten sich nicht wie ein prasselndes Feuer an, sondern eher wie eine dünne Flamme, die den Kampf gegen den Wind schon längst aufgegeben hatte.

Zutiefst berührt umrundete ich den Tisch und zog sie in eine lange Umarmung. Durch die Wärme meiner Mutter verlor ich etwas an Angst und ein neues Gefühl, Entschlossenheit, setzte meine Adern unter Strom. Ich würde für meine Schicht kämpfen und mich nicht auf die Ansichten der Preisrichter einlassen. Schaudernd dachte ich an den Preisrichter in meinem Geschichtsunterricht, der die Vorstellungen der Preisrichter so überzeugt dargestellt hatte, als hätte er sie selbst erfunden. So würde ich nicht sein! Doch eine leise Stimme in meinem Inneren behauptete das Gegenteil.

Nach dem Abendbrot packten meine Mutter und ich die wenigen Klamotten, die ich besaß, in ein weißes Tuch und legten es am Küchentisch griffbereit für den nächsten Tag hin. Heute erzählte ich eine Gutenachtgeschichte, meine Lieblingsgeschichte. Sie handelte von einem fernen Land, in dem alle Menschen gleich waren und keiner von Geburt an bevorzugt wurde, von einem kleinen Mädchen, das in einem schönen Haus lebte und viele Dinge besaß, von denen wir nur träumen konnten. Das Buch zu dieser Geschichte existierte nicht mehr, da es von den Preisrichtern eingezogen worden war, um die Menschen von den Gedanken an eine derartig schönere Welt abzuhalten. Doch der Buchinhalt war damals schon so populär gewesen, dass die meisten Limestoner den groben Wortlaut auswendig gekonnt hatten und die Geschichte weiterverbreitet worden war. So wurde sie auch heute noch bei Kerzenschein erzählt und ließ Kinderaugen größer werden, bei den vielen Dingen, die es gab und die sie nicht kannten. Mit den Gedanken in meiner Traumwelt aus der Geschichte schlief ich ein. Die ganze Nacht hindurch verweilte ich dort, auf Wolken schwebend und ohne die dunklen Schatten der Sorgen.

Doch wie nach jeder Nacht kam auch nach dieser der Morgen. Kaum hatte ich meine Augen geöffnet, schon störten die vielen rastlosen Gedanken die vom Schlaf zurückgebliebene innere Ruhe, die durch dessen nicht mehr vorhandene betörende Wirkung meinen Problemen schutzlos ausgeliefert war. Ich wusch mich in dem kleinen Bad, das in der Dämmerung des Morgens noch schäbiger wirkte, dann zog ich mich an und trat mein wohl letztes Frühstück mit meiner Familie an. Die Stimmung war betrübt. Kein Lachen erhellte den Morgen, die Stille surrte in den Ohren, ein Anspannung, der keiner lange standhalten konnte.

„Die Preisrichter, was machen sie mit dir?“ Meine Schwester hatte schließlich dem Druck nachgegeben und das Schweigen durchbrochen.

Ja was machten die Preisrichter eigentlich mit mir? Würden sie mich bestrafen, mich ausbilden? „Ich weiß es nicht.“

Ein mulmiges Gefühl machte sich in mir breit, eine Mischung aus Aufregung und Übelkeit.

„Sie werden dich wohl zu einer von ihnen ausbilden, oder es zumindest versuchen“, antwortete meine Mutter.

Dora betrachtete mich mit vor Schreck geweiteten Augen.

„Das werde ich natürlich nicht zulassen“, beteuerte ich, doch tief in meinem Inneren zweifelte ich daran, ob ich überhaupt eine Wahl hatte.

„Wissen die Nachbarn, dass wir heute Besuch bekommen?“

„Nein, und so soll es auch bleiben! Das Gerede nach deinem Verschwinden wird mir reichen. So sieht es wenigstens so aus, als wäre das alles überraschend für uns eingetreten und das Mitleid wird das Gerede mildern“, erwiderte meine Mutter bestimmt.

Mein Verschwinden, das hörte sich so an, als hätte ich selbst beschlossen zu gehen, aber vielleicht hatte das ein Teil meines Gehirns ja auch ohne meine Erlaubnis getan und seine Chance ergriffen, als sie ihm zu Füßen lag. Dieses Gedankenspiel führte ich aber nicht fort, da ich wichtigeres zu tun hatte, als meinen inneren Kampf auszutragen. Die Preisrichter würden bald kommen. Doch auf unergründliche Weise war ich auf einmal bereit für all das, was kommen mochte. Meine Mutter musste diese Entschlossenheit in meinem Blick gesehen haben und nickte nur traurig. Im Gegensatz zu ihr machte ich das Beste aus meinem Schicksaal, während sie der Vergangenheit nachtrauerte. Ich würde mich den Preisrichtern stellen! Verträumt trat ich ans Fenster und blickte auf die grauen Häuser, die sich von dem schwarzen Himmel, der ein Gewitter ankündigte, abhoben. Bald, bald!

Die Spannung, die schon den ganzen Tag in der Luft gelegen hatte, entlud sich schließlich am frühen Nachmittag. Blitze zuckten, Donner grollte, der Wind rüttelte am ganzen Haus und Regen trommelte an unser Küchenfenster. Ich saß mit Leo am Schoß auf einem unserer Stühle und wartete. Ich war so auf das Warten konzentriert, dass ich anfangs das Klopfen an unserer Tür, das vom Brüllen des Gewitters fast gänzlich überlagert wurde, überhörte. Bei einem besonders lauten Krachen zuckte ich aus meinem Halbschlaf hoch, um eine nun energischere und lautere Klopftirade zu hören. Schnell gab ich Leo meiner Mutter, die ebenfalls gedankenverloren an der Wand gelehnt hatte und trat mit schnellen Schritten zur Tür, um diese zu öffnen. Davor standen zwei Männer, ein größerer junger und ein mittelgroßer alter, beide in samtenen grünen Gewändern, die vom Regen schwarz wirkten. Ohne auf eine Reaktion meinerseits zu warten trat der ältere Mann in unsere Wohnung, gefolgt vom jüngeren, der die Tür hinter sich schloss. Ich selbst stand überrascht von der bedingungslosen Souveränität der Preisrichter in der Mitte des Raumes und wusste nicht so recht, wie mir geschah. Der ältere Preisrichter richtete seine blauen Augen auf mich und begann: „Du bist Zelda Turris?“

„Ja“, antwortete ich mit zittriger Stimme, den traurigen und verzweifelten Blick meiner Mutter im Nacken spürend.

„Der bildungsbeauftragte Preisrichter von Limestones berichtete, dass unter einer Klasse, die er im Zuge eines Projekts besucht hatte, eine Schülerin gesessen hatte, die sich in die Richtung auffällig benommen hatte, dass sie des Preislesens mächtig ist. Er nannte uns deinen Namen, Zelda. Aus diesem Grund werden wir dich nach Marpel mitnehmen, wo du dich einer Prüfung zu unterziehen hast, die feststellen wird, ob dies der Wahrheit entspricht.

Bei diesen Worten begann mein Herz zu rasen. Eine Prüfung? Niemals hatte ich auch nur ansatzweise gedacht, dass man sich einer Prüfung unterziehen musste, um Preisrichter zu werden. Die Offensichtlichkeit meiner Gabe für mich hatte mir anscheinend die Augen geschlossen vor der realen Welt. Für mich war es das schlimmste Szenario meine Familie zu verlassen und sich den Preisrichtern anzuschließen, ich hasste ihren Reichtum und ihre Macht. Nie hatte ich daran gedacht, dass andere dies nur als einige der guten Dinge sehen könnten, die das Preisrichterleben mit sich brachte. Wie verzweifelt konnte man sein? Doch bei näherer Betrachtung fielen mir viele Gründe ein, das Leben eines Preisrichters seinem eigenen vorzuziehen: Armut, Hunger, keine Zukunft auf den normalen Wegen des Systems oder Machtgier und Ehrgeiz.

Nach einem kurzen Räuspern fuhr der Ältere fort: „Wenn du, Zelda, die Prüfung bestehen solltest, werden wir dich zu einer von uns ausbilden, du wirst deinen Blick zu schärfen lernen für noch so kleine Details der menschlichen Seele, des menschlichen Wesens, allerdings unter der Bedingung, dass du nach unseren Gesetzen lebst…“

„Und wenn nicht“, fuhr meine Mutter diesem ins Wort.

Die unendliche Traurigkeit in ihrer Stimme stach wie ein Dolch in meine Brust.

„Wie und wenn nicht?“

„Wenn sie die Prüfung nicht besteht“, antwortete meine Mutter, die ihre zitternde Stimme nicht länger verbergen konnte.

Ein Funkeln trat in die Augen des Preisrichters. Es schien mir, als wäre seine blaue Iris ein wirbelnder Sturm und die schwarze Pupille das alles verschlingende Loch. „Dann wird Ihre Tochter aus der Gesellschaft ausgestoßen, eine Preislose.“

Ich hörte wie meine Schwester hinter mir nach Luft schnappte und die Hand vor den Mund schlug. Dagegen fühlte ich mich wie betäubt, mein Blick verschwamm, meine Ohren pochten. Eine Preislose. Ich sah vor mir den Jungen im Diamond Tower, seine gähnend leere Stirn.

„Da ja nun alles geklärt ist, werden wir dich mitnehmen. Morgen findet die Prüfung statt. Falls du bestehen solltest, darfst du deiner Familie eine Nachricht zukommen lassen. Du hast zwei Minuten dich zu verabschieden. Wir warten draußen auf dich.“ Die geschäftsmäßigen Worte drangen nur halb durch die Mauer, die ich innerhalb von Sekunden um mich errichtet hatte.

Als die beiden Preisrichter jedoch den Raum verlassen hatten, verflog ein Teil des Schleiers, der sich auf meine Augen gelegt hatte. Ich konnte fühlen, wie mich meine Mutter und Schwester umarmten, spürte ihre nassen Gesichter auf meiner Haut, erahnte Tränen auf meinen eigenen Wangen. Langsam löste ich mich aus der Umarmung. Ein letztes Mal nahm ich die kleine Hand meines Bruders in die meine, ein letztes Mal küsste ich die Stirn meiner Schwester, ein letztes Mal blickte ich in die warmen Augen meiner Mutter. Ich nickte meiner Familie zu. So viel wollte ich noch sagen, doch die Stimme versagte mir. Im Nachhinein wusste ich, dass es keine Sprache der Welt gab, die diesen Schmerz und diese Trauer und die zugleich innig pulsierende Liebe beschreiben konnte. Ich öffnete die Wohnungstür, meine Hand fand das dünne Holz des Türrahmens, dessen Farbe sich löste und blaue Farbpigmente auf meiner Haut verteilte. Lass los, sagte eine Stimme in meinem Kopf, geh! Und mit größtem Herzschmerz trat ich in den Gang und wand mich in Richtung Ausgang. Ich spürte erneut wie Tränen in mir hochstiegen, wie die Versuchung von mir Besitz nahm zurück zu rennen. Stattdessen setzte ich mich in die andere Richtung in Bewegung erst langsam, dann immer schneller. Es fühlte sich so falsch an, doch ein Teil von mir wusste, dass dies der einzig wahre Weg für mich war. Als ich die Haustür erreicht hatte, verweilte ich noch einen Moment. Stille machte sich breit. Einsamer als je zuvor wischte ich mir die Tränen aus den Augen, packte den Türgriff und entschlossen schritt ich durch die Tür in mein neues Leben.

Kapitel 10

Davor warteten bereits die beiden Herren. Es hatte aufgehört zu regnen und Pfützen hatten sich in der unebenen Straße gesammelt. Die Sonne blendete mich vor dem schwarzen Hintergrund der Wolken, die in Richtung Westen abgezogen waren. Die Preisrichter waren in ein Gespräch verwickelt, doch als sie mich bemerkten, beendete sie dieses und der jüngere machte eine Handbewegung in Richtung eines gelben Etwas. Konnte das wirklich sein? Unsicher machte ich ein paar Schritte auf die Männer zu. Ohne Zweifel, es war ein Sol. Bei genauerem Hinsehen konnte man die markante gelbe Oberfläche des Gefährts als Metall ausmachen, das wie die Sonne glänzte. Das Sol, benannt nach dem scheinenden Gelb der Außenlackierung, war ein Gefährt der Preisrichter. Es war ihr Privileg, eines ihrer vielen Statussymbole. Nur einmal zuvor hatte ich eines in echt gesehen, damals an dem Tag, an dem ich meine Schwester zu ihrer Zeremonie begleitet hatte. Das Besondere an dem Gefährt war nicht nur seine Farbe, sondern vor allem die Tatsache, dass es etwa einen Meter über dem Boden schwebte. Vor etwa 30 Jahren war es erfunden worden in einem der wissenschaftlichen Institute der Preisrichter. Es sollte die Macht, die andere nicht hatten, die Macht zum Fliegen, demonstrieren, es war ein Meilenstein in der Technik. Natürlich profitierten damals wie heute nur die Preisrichter von jener Erfindung. Da ich die Preisrichter nicht verärgern wollte, holte ich einen tiefen Atemzug und stieg in das Sol ein. Die Rückbank war aus weichem schwarzem Leder und lud zum Entspannen ein. Ich allerdings setzte mich steif hin, bedacht, so wenig wie möglich von der Bank zu berühren. Ein Geruch nach Blüten und Holz wehte mir entgegen, als sich der jüngere der beiden Preisrichter neben mich setzte. Der ältere hatte schon hinter dem Lenkrad Platz genommen und startete die Maschine. Ich erwartete ein Aufjaulen des Motors und das darauffolgende Ächzen, doch alles was ich hörte war ein leises Summen. Zornig runzelte ich die Stirn und verschränkte die Arme vor meiner Brust. Die Preisrichter hielten die unteren Schichten zum Narren. Es war nicht auszudenken, welchen technischen Fortschritt eine Maschine wie diese in einer Fabrik in Limestone bedeuten würde…

„Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Ardan und der grimmig dreinschauende Mann am Steuer ist Neptos“, der jüngere der beiden hatte das Wort ergriffen, seine Stimme klang sanfter als die des anderen. „Sobald du eine Preisrichterin bist, wirst du deinen Familiennamen ablegen, um zu zeigen, dass du nicht mehr einer Schicht angehörst.“

„Nana Ardan, nicht so eilig. Wir wollen ihr doch keine falsche Hoffnung machen, oder?“ Die raue Stimme von vorne hatte gesprochen. „Wann gab es nochmal die letzte Preisrichterin aus Limestone? Ist wohl schon eine Weile her.“ Ironie lag in Neptos Stimme, als er sich wieder dem Straßenverkehr zuwandte.

Kurz hob ich meinen Blick und richtete ihn auf den Rückspiegel, der oberhalb des Lenkrads angebracht war. Im Spiegel war ein grauer Haarschopf zu sehen und weiter unten der Ansatz einer Stirn. Konzentriert starrte ich auf Neptos Stirn und sah alsbald vor meinem inneren Auge eine flammende Zahl, die diesen in die zweite Schicht einordnete. Natürlich konnte es ein ehemaliger Pebbler nicht lassen, Schichtneutralität der Preisrichter hin oder her, eine Limestonerin zu beleidigen, die es wagte, sich mit ihm auf eine Stufe stellen zu wollen. Diese Erkenntnis versteifte nur noch die abwehrende Körperhaltung, die ich von Anfang an zur Schau getragen hatte. Einige Minuten lang herrschte Stille.

„Du weißt, dass du dich nicht ewig deiner Bestimmung verschließen kannst?“, fragte Ardan mit ruhiger Stimme.

Überrascht drehte ich meinen Kopf ein Stück nach links, um diesen besser sehen zu können. In unserer Küche hatte ich keinen großen Wert daraufgelegt, wie die Menschen aussahen, die mich von meiner Familie trennen würden. Doch jetzt, da ich mich beruhigt hatte und keinen anderen Ausweg sah, als mich mit der Situation abzufinden, konnte ich es nicht verhindern, den Blick zu heben. Ardan hatte hellbraune Haare, braune Augen und leicht gebräunte Haut, seine Gesichtszüge wirkten entspannt und als er bemerkte, dass ich in beobachtete, spielte ein kleines Lächeln um seine Lippen. Ein Blick auf seine Stirn sagte mir, dass er aus Ardesia war. Die Ruhe, die dieser ausstrahlte, fühlte sich nach all dem Kummer und den Strapazen wie an weiches warmes Kissen an.

„Ja“, seufzte ich.

Irgendwie hatte ich sofort Vertrauen zu Ardan gefasst, vielleicht auch, weil er einen so großen Kontrast zu Neptos darstellte. Allerdings war mir bewusst, dass ich mich bald stellen, mich mit meiner näheren Zukunft auseinandersetzen musste, doch das Surren des Motors, die weichen Sitze, denen ich schließlich nachgegeben hatten und die Geborgenheit, die Ardan ausstrahlte, wirkten nicht gerade positiv auf meine Denkfreudigkeit und so saß ich lange Zeit ans Fenster gelehnt da und betrachtete die Landschaft, die sich mit sanften grünen Hügeln und weitläufigen Tälern immer mehr zu der von Marpel entwickelte.

Als es dunkel wurde, tauchten neben der Straße Lichter auf, die darauf schließen ließen, dass wir uns wohl schon in Marpel befanden. Wir waren den ganzen restlichen Nachmittag unterwegs gewesen und obwohl immer wieder neblige Schwaden der Müdigkeit durch meinen Kopf gezogen waren, war ich tapfer wach geblieben und hatte schließlich doch angefangen nachzudenken, über das, was gewesen war, was war, und was kommen mochte. Auch hatte ich beschlossen, dass mein momentan wohl größtes Problem die Prüfung zur Aufnahme in die Gemeinschaft der Preisrichter war. Das einzige, worin ich mir momentan sicher war, war, dass ich eine Preisrichterin war. Aber würde das für die Prüfung reichen? Ich hatte keine Ahnung. Der anfangs so gesprächige Ardan hatte mir auch keine weiteren Auskünfte gegeben, was wohl auch daran gelegen hatte, dass ich zu seinen letzten Fragen gar keine oder nur knappe Antworten geliefert hatte. Langsam wurde ich unruhig. Ich setzte mich wieder gerade hin und versuchte mit größerer Mühe, irgendetwas hinter dem Fenster auszumachen, was mir Auskunft geben konnte, wo wir uns gerade befanden, aber die Dunkelheit, die jetzt fast undurchdringlich geworden war, schien alles zu verschlucken.

„Du musst nicht so angestrengt nach draußen blicken. Wir befinden uns seit etwa einer halben Stunde im Tunnel, der zu unserem Hauptquartier führt, du wirst deshalb weder Häuser noch Bäume in der Dunkelheit sehen. Es kann jetzt aber nicht mehr weit sein“, informierte mich Ardan mit leichter Ironie in der Stimme.

Ich spürte, wie mir Hitze ins Gesicht stieg. Anscheinend war ich so in Gedanken gewesen, dass mir der lückenlose Übergang von Tag zu Nacht gar nicht aufgefallen war. Auch war ich erschrocken, wie schnell man mich durchschaut hatte und nahm mir vor, in der Hinsicht an mir zu arbeiten, schließlich begab ich mich jetzt in Feindesland und nicht jeder Preisrichter würde so nett zu mir sein wie Ardan es war, Neptos war das lebende Beispiel dafür.

„Im Hauptquartier werden wir dich einem Zimmer zuteilen, das mit deiner Schicht kompatibel ist, was wohl nicht weiter schwer sein wird bezogen auf die Anzahl der Limestoner, die dieses Jahr da sind. Die Zeiten in Limestone und Coalman werden wohl wieder rauer, was?“ Neptos hatte das Wort ergriffen und betrachtete mich durch den Rückspiegel mit zusammengekniffenen Augen.

Natürlich war das Leben in Limestone rau und es wurde auch nicht besser durch die Tatsache, dass die Preisrichter nichts unternahmen, diesen Zustand zu ändern. Ich war mir ziemlich sicher, dass Neptos nie gehungert hatte, nie das elendige Dahinsiechen der Ärmsten miterlebt hatte. Er war der typische Preisrichter, saß in seinem glitzernden Diamond Tower und hatte keine Ahnung von der wirklichen Welt. Hass loderte in mir auf, als ich mich daran erinnerte, was er meiner Mutter gesagt hatte, als sie gefragt hatte, was mit denen passierte, die die Prüfung nicht bestanden: Sie werden Preislose. Das Alles schien Neptos anscheinend zu genießen, das Leben eines Menschen zu zerstören, ihm seine Familie und Existenz zu rauben und auch die Worte Ardans, mich doch in Ruhe zu lassen, konnten dieses Gefühl nicht bändigen. Wir hatten wohl endlich das Hauptquartier erreicht, denn das Sol verlangsamte seine Geschwindigkeit und blieb dann stehen. Wir stiegen aus und Neptos steuerte auf eine Tür zu, die von zwei Lichter umrandet war, die aussahen wie die, die ich anfänglich für Straßenlaternen gehalten hatte.

„Neptos wird uns hier verlassen, ich werde dich zu deinem Zimmer bringen“, sagte Ardan neben mir.

„Wir sehen uns morgen bei der Prüfung“, meinte Neptos darauf und verschwand wieder im Sol. Seine Worte klangen mehr wie eine Drohung als freundlich und ich war sicher, dass sie auch als diese gemeint waren. Während das Sol in der Dunkelheit des Tunnels verschwand, traten Ardan und ich durch die Tür, die zu einem Fahrstuhl führte, der ähnlich wie der aussah, den ich auch am Tag der Zeremonie meines Bruders benutzt hatte.

„Bis morgen wirst du im Hauptgebäude des Diamond Towers untergebracht sein. Wenn du deine Prüfung bestehst, wirst du anderswo hingebracht werden.

Ich war schon fast versucht zu fragen, wo denn dieses anderswo liegen würde, ließ es dann aber bleiben. Zuerst musste ich einmal die Prüfung bestehen. Ardan drückte nun auf die Taste für den vierten Stock und der Lift setzte sich in Bewegung. Oben angekommen gaben die sich öffnenden Türen den Blick auf einen schmalen Gang frei, der für Preisrichterverhältnisse erstaunlich schlicht gestaltet war.

„Im vierten Stock befinden sich die Gästezimmer. Wenn du mir bitte folgen würdest, dann zeige ich dir deins.“

Ich folgte Ardan durch den Gang, der mit schlichtem grünem Teppichboden ausgelegt war und in einiger Entfernung abrupt endete. Hin und wieder erhaschte ich einen Blick durch eine offenstehende Tür auf die Möbel, die in den Zimmern standen. In den ersten zwei Räumen befanden sich Babybettchen, die, so erklärte mir Ardan, für die Kinder waren, die einen anderen Preis wie ihre Eltern hatten und nach der Zeremonie nicht zu ihren Familien zurückkehren konnten. Da allerdings heute Samstag war, waren die meisten Babys schon bei ihren neuen Familien untergekommen und nur noch wenige Bettchen waren belegt. Schaudernd stellte ich mir Leo in einem dieser kalten einsamen Räume vor, verdrängte den Gedanken aber schnell wieder aus meinem Kopf. So weit war es ja zum Glück nicht gekommen. In einem anderen Zimmer konnte ich einen gemütlich aussehenden Sessel sehen und ungefähr in der Mitte des Ganges kamen uns zwei Jungs entgegen, die garantiert keine Preisrichter, sondern wohl eher Ardesianer waren, die ebenfalls zur morgigen Probe angereist waren. Am anderen Ende des Flurs kam Ardan schließlich zu einem Halt. Er zeigte mit seiner Hand zur rechten Tür und sagte: „Das ist dein Raum.

Da er keine Anstalten machte, diesen zu betreten, gab ich mir einen Ruck und öffnete die Tür. Das Zimmer war etwa so groß wie die Wohnung meiner Mutter und beinhaltete vier dunkelbraune Betten, einen Tisch und zwei gemütlich aussehenden Sessel, von denen ich einen schon im anderen Raum gesehen hatte. Auf drei Betten waren bereits, so schien es mir, die Inhalte von Beuteln, ähnlich dem meinen, ausgeschüttet und verbreitet worden. Das vierte Bett am von samtenen grünen Vorhängen umrahmten Fenster allerding war noch unberührt und so ging ich davon aus, dass es für eine Nacht das meine sein würde.

„Deine Zimmergenossen sind wahrscheinlich gerade beim Abendbrot. Da uns aber bewusste war, dass wir so spät ankommen würden, haben wir dir etwas bringen lassen.“ Er deutete auf ein silbernes Tablett. „Morgen wird dich jemand zum Frühstück holen, alles weitere wird dir dann dort erklärt.“

Ich nickte und machte einen unsicheren Schritt in den Raum hinein.

„Gute Nacht, Zelda. Wir sehen uns morgen.“ Mit einem Lächeln schloss er die Tür hinter sich.

Erschöpft durchquerte ich das mit ebenfalls grünem Teppichboden ausgelegte Zimmer und ließ mich auf der weichen weißen Bettdecke nieder. Obwohl die Müdigkeit mir die Augen schwer machte, zwang ich mich dazu, einen Blick auf das Tablett zu werfen. Dort lagen Scheiben von einem Brot, das ich so noch nicht gesehen hatte, weiß und fluffig, und bei dessen Duft mir der Magen knurrte. Also nahm ich etwas von dem noch warmen Brot in den Mund und begann zu kauen. Noch nie hatte ich so etwas köstliches probiert. Das warme Gebäck schmolz regelrecht auf meiner Zunge. Erst als ich alles aufgegessen hatte, entdeckte ich auf dem Tablett ein Glas voll Milch, die ebenfalls viel süßer und fetter schmeckte als die Milch, die ich von Zuhause gewohnt war. Satt und müde legte ich mich auf das Bett, machte das Licht aus und als ich merkte, dass die Lichter der Stadt immer noch zu hell waren, schloss ich auch diese mit dem Zuziehen der schweren Vorhängen aus. Es dauerte nicht lang, da war ich in dem allzu weichen Bette eingeschlafen, das mich für eine kurze Zeitspanne alle Probleme vergessen ließ.

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