Kitabı oku: «Morgensonnenschein», sayfa 3

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Kapitel 6

Bald schon hatten wir Strecke zwischen das Hauptquartier der Preisrichter und uns gebracht. Die Sonne stand bereits tief und schien uns ins Gesicht, als wir endlich den Pfad erreichten, dem wir dann bis zum Südtor folgen mussten. Bei Anbruch der Dunkelheit kamen wir schließlich dort an und nahmen die nächste Straßenbahn nach Limestone. Irgendwo zwischen Marpel und Ardesia war meine vom Tag erschöpfte Schwester eingeschlafen, ihr Kopf lag schwer auf meiner Schulter. Auch ich verspürte große Müdigkeit, allerdings war der Drang, den Schlaf meiner Schwester zu bewachen größer. Ihr langes glattes kastanienbraunes Haar erzitterte bei jedem ihrer gleichmäßigen Atemzüge. Auch meine Mutter hatte ihren Blick auf Dora gerichtet. Sie sah ebenfalls müde aus, ihre tiefen Augenschatten ließen keinen Zweifel daran, und doch war da das lebhafte Funkeln in ihren blauen Augen, das ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Doch da nun die alles überlagernde Sorge weg war, hatte ich in meinem Kopf viel zu viel Platz für meine anderen Probleme. Was war mit dem Jungen von heute Mittag? Hatte er mich doch noch verraten? Würden morgen die Preisrichter kommen, um mich zu holen? Und wenn er mich doch nicht verraten hatte? Aber warum sollte er das tun? Viel zu viele Fragen gingen mir durch den Kopf und als wir schließlich Limestone erreichten und ich meine Schwester aufweckte, schwirrte mir dieser vom vielen Denken. Den Weg nach Hause durch die dunklen Gassen hasteten wir nur so dahin. Wir alle waren froh, wieder zu Hause zu sein. Aber mir war bewusst, dass ich auch daheim keinen Schutz vor meiner selbst finden würde. Ich spürte, dass mein Geheimnis kurz vor der Enthüllung stand.

Trotz allem fiel auch von mir die Anspannung ab, als wir schließlich vor unserer Haustür standen. Meine Mutter schloss auf und schnell schlüpften wir in den schmuddeligen Flur, in dem wir heute früh noch gestanden hatten, nichtsahnend, was uns die Zukunft bringen würde. Nach einer weiteren Tür befanden wir uns in unserer Wohnung, die mir nach dem großen Zeremoniensaal noch kleiner vorkam. Sie bestand nur aus zwei Räumen, der Küche und dem gemeinsamen Schlafzimmer, die beide nicht nennenswert voneinander abgetrennt waren. Nur ein Tuch hing da, wo die Tür hätte sein müssen. Es diente dazu Essensgerüche, von denen es bei uns eher nicht so viele gab, aus dem Schlafraum zu halten und Gästen den jämmerlichen Anblick unserer „Betten“, zweier Matratzen und einem Gitterbett für Leo, zu ersparen. Ansonsten befand sich im Schlafzimmer nur noch ein alter Teppich und eine Kleiderstange, die unsere spärliche Auswahl an Kleidungsstücken zeigte. Ein Fenster gab es dort nicht. Die Küche, die unseren Wohnraum darstellte, war etwa doppelt so groß wie das Schlafzimmer, was aber nicht viel bedeutete, weil dieses mit den wenigen Sachen, die sich darin befanden, so voll gestopft war, dass man sich darin fast nicht mehr bewegen konnte, ohne auf einer Matratze zu stehen, und war gefüllt mit einer schmalen Küchenleiste und einem Tisch mit drei Stühlen. Dieser war so an die der Küchenzeile gegenüberliegende Wand geschoben worden, dass es noch Platz gab, um dazwischen hindurchzugehen. Das Ganze war durch eine einzige Glühbirne an der Decke in schummriges Licht getaucht. Anscheinend hatten wir heute Glück gehabt, denn es war nicht selbstverständlich, dass wir Licht hatten. Die Stromversorgung in Limestone konnte nicht gerade als zuverlässig bezeichnet werden. Und wie auf ein Kommando standen wir plötzlich wieder im Dunkeln. Meine Mutter stöhnte auf und ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie sie die Augen verdrehte, bevor sie sich zu unserem einzigen Schrank vortastete, aus dem sie im untersten Fach auch einige Kerzenstummel herausholte. Der Strom kehrte den restlichen Abend nicht zurück und so nahmen wir unser karges Mahl aus trockenem Brot und kalter Brühe im Kerzenschein ein. Wir lachten viel und so machte es uns nichts aus, als wir mit immer noch knurrendem Magen ins Bett stiegen, denn an andere Aktivitäten, wie das Lesen eines Buches, war bei dieser Lichtqualität nicht zu denken. Nachdem meine Mutter dem kleinen Leo ein Gutenachtlied gesungen hatte, bei dem auch Dora die Augen zugefallen waren, löschte sie das Licht und war nach kurzer Zeit ebenfalls eingeschlafen. Allein ich lag noch lange in der Dunkelheit wach und grübelte über meine Zukunft nach. Als ich merkte, dass meine Gedanken immer öfter abschweiften, überließ ich mich schließlich der warmen Leere des Schlafes.

Ich stand in einer Menge an Leuten. Mein Blick schweifte hin und her. Ich suchte nach meiner Familie. Plötzlich traf ich den Blick eines anderen Augenpaars. Seine blauen Augen bohrten sich in meine, blau auf blau, Eis auf Meer. Plötzlich drehten sich die anderen zu mir um, als der Junge auf mich zeigte. Und die Stimme des obersten Preisrichters dröhnte in meinen Ohren: Zelda Turris, rief er, Zelda Turris!

Kapitel 7

Bei den ersten Sonnenstrahlen wachte ich auf. Das Licht, das durch die Ritzen des Lakens, welches den Durchgang verhing, fiel und dieses vom Rest des Raumes abhob, malte die dunklen Umrisse meiner Geschwister und ließ in seinen Strahlen Staub tanzen. Meine Mutter rumorte irgendwo in unserem Wohnraum und mein Magen erinnerte sich nur noch schemenhaft an die letzte richtige Mahlzeit. Vorsichtig, um Dora nicht zu wecken, verließ ich auf Zehenspitzen das Zimmer. In der Kochecke stand meine Mutter bereits in einem Topf rührend am Herd. Sie war wohl schon früh aufgestanden, noch bevor die Sonne überhaupt zu erahnen gewesen war, um das bisschen Milch, das sie jetzt mit Haferflocken vermengte, zu kaufen. In den letzten drei Monaten seit der Zeremonie meines Bruders hatte sich die Knappheit an Lebensmitteln verschärft, jetzt, wo es den Leuten finanziell einigermaßen gutging, war nicht mehr viel da, was sich kaufen ließ. Die Preisrichter, so sagte man, hatten mal wieder die Rohstoffzufuhr unterbunden. Die Preise für Kleider und Lebensmittel, wenn den welche da waren, schossen in die Höhe. Die, denen es vorher schlecht gegangen war, ging es jetzt noch schlechter, denn Folge des Rohstoffmangels war vor allem eine steigende Arbeitslosigkeit. Auch meine Mutter war davon betroffen. Sie hatte sich vor einigen Jahren als Näherin selbstständig gemacht, doch jetzt, da Stoffe und Garne so enorm teuer waren, lag es nicht fern, dass sie wieder in die Fabrik gehen musste, wo sie die Hälfte verdiente und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeitete, um uns drei, Leo, Dora und mich, einigermaßen ernähren zu können. Wegen diesem Sachverhalt war es mir auch wirklich lästig in die Schule zu gehen. Lieber wollte ich arbeiten, um wirklich etwas beitragen zu können, aber meine Mutter stritt vehement ab, dass ich derartiges machte, da wollte sie schon lieber verhungern, als dass ich meine Zukunft opferte. Vielleicht würde das auch bald geschehen…

Dora holte mich aus meinen düsteren Gedanken, als sie über meine gedrückte Miene zu lachen anfing. „Wie schaffst du es nur, schon morgens so schlechte Laune zu haben?“

„Und wie schaffst du es nur immer, so nervig zu sein?“, erwiderte ich mürrisch, hellte meine Miene dann aber doch etwas auf, was meine Schwester mit einem triumphierenden Blick zur Kenntnis nahm, während sie mir gegenüber am Tisch Platz nahm.

Meine Mutter weckte Leo auf und zusammen aßen wir unser Frühstück. Danach zogen meine Schwester und ich unsere grauen Schuluniformen an, wuschen uns und standen schließlich startbereit vor der Tür, wo uns unsere Mutter eine Glasflasche überreichte, die ich in meine selbstgenähte kleine Tasche steckte, die auch einen Block und ein paar Stifte enthielt. Wir verabschiedeten uns und traten durch die Tür in den Morgen. In der kleinen Gasse, an der unsere Wohnung lag, war bereits reger Betrieb. Um der Enge zu entkommen rannten wir bis zum Ende der Straße, die in einen großen erhöhten Platz mündete. Die Sonne stand noch nicht hoch genug, um die Häuser in unserem Rücken zu überwinden und die unter uns liegenden Gebäude zu bescheinen. Wir standen an der verfallenen Mauer, die den Platz vom darauf folgenden Hang abgrenzte und blickten über die vielen rauchenden Schornsteine, die sich in der Ferne in ihrem eigenen Qualm verloren. Wie ich schon früher festgestellt hatte, war der Anblick Limestones am Morgen nicht mal halb so schön wie der von Ardesia, aber trotzdem hatte er etwas anziehendes. Ich sog die kühle Luft ein, die schon am Morgen eine schwache Rauchnote hatte und gab schließlich dem Ziehen meiner Schwester an meinem Arm nach. Wir folgten weiteren Gassen, bis wir pünktlich zum Siebenuhrfünfundzwanziggong das rostige Schultor passierten, hinter dem wir über den von Unkraut überwucherten Hof zum Schulgebäude gingen, einem alten grauen Betonklotz, der weiterer Erwähnungen nicht würdig war. Mein Stundenplan sah heute mittelmäßig aus, zuerst Stonisch, dann Mathe, Doppelstunde Murla, Geschichte und Kunst. In Mathe war ich ganz gut und auch an Stonisch hatte ich nichts auszusetzten, Geschichte war allerdings das schlimmste, was man mir antun konnte, eine dreiviertel Stunde lang Erzählungen darüber, wie hervorragend die Preisrichter waren und was sie alles für uns getan hatten. Heute sollte es besonders schlimm werden, denn der Besuch eines Preisrichters war angekündigt worden. Ich hatte meine Mutter angefleht mich krankzumelden, doch diese hatte erwidert, es wäre gar nicht schlecht, dem Feind einmal von Angesicht zu Angesicht zu begegnen und diesen mit Fragen zu löchern und hatte sich dann lachend wieder ihrer Näharbeit zugewandt. Wirklich hilfreich! Gerade hatten wir den Eingang erreicht und meine Schwester, die vier Klassen unter mir, also in der sechsten Klasse, war, verabschiedete sich von mir, um danach in Richtung ihres Klassenzimmers zu verschwinden. Ich selbst bog in einen Gang und folgte einer schnatternden Menge Fünftklässler zu meiner ersten Unterrichtsstunde.

Der Vormittag verging wie im Flug und schon saß ich in meinem Geschichtsklassenzimmer. Wie in allen Fächern hatte ich auch in diesem miefigen, kleinen und dreckigen Raum den hintersten Platz belegt, den Blick auf die Uhr über der Tür gewandt. Ruckartig und ohne Vorwarnung öffnete sich diese, als mein Geschichtslehrer, ein alter grauhaariger und ausgemergelter Mensch, und ein weiterer Mann das Zimmer betraten. Die ganze Klasse erhob sich und unser Lehrer zeigte mit einem Wink, nachdem er seine abgenutzte Ledertasche auf das hölzerne Pult geknallt hatte, dass wir uns setzen könnten. Er nahm ebenfalls Platz und der andere Mann, der wahrscheinlich der Preisrichter war, trat mit einem Räuspern in das spärliche Licht einer Glühbirne und begann seinen Vortrag. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Er begann mit der Legende zur Entstehung von Stones, jeder kannte sie. Vor ein paar hundert Jahren war Stones eine Wüste gewesen, doch durch einen sintflutartigen Regen war das Land grün geworden und schließlich hatten es auch einige Menschen für sich entdeckt, genauer der Stamm der Sontes. Die Mitglieder des Stammes waren alle unterschiedlich begabt gewesen, so erzählte es die Legende. Die einen waren gut darin niedere Arbeiten zu verrichten, die anderen glänzten wiederum in Führungsrollen. Der letzte bekannte Stammesführer war Marpel gewesen, ein weiser Mann, dem, wie jedem Anführer, ein Rat aus weiteren Männern gleicher Gesinnung unterstellt gewesen war und mit gleicher Gesinnung meinte ich vor allem gleichen Talents oder besser gesagt gleicher Wertigkeit. Über Marpel stand nur ein anderer Mensch, einer, der den Wert eines Menschen sehen konnte, der damalige Preisrichter, der in der Überlieferung nicht namentlich genannt wurde. Um noch einmal zu Marpel zu kommen oder vielmehr zu dem Grund, warum er der letzte Anführer war, musste man wissen, dass zu dessen Herrschaftszeit die Ernten reich waren und deshalb die Bevölkerung schon bald explodierte. Menschen unterschiedlicher Schichten lebten auf engsten Raum zusammen und schon bald kam es zu Unruhen vor allem unter den Leuten niederer Schichten, was wohl daran lag, dass die erntereichen Jahre vorbeigewesen waren. So hatte Marpel die geniale Idee gehabt das Gebiet zwischen den einzelnen Schichten zu teilen und den Tapfersten aus jeder Schicht zum Leiter des Neuanfangs zu ernennen. Eines Nachts trafen sich die Auserwählten, um die Gebiete aufzuteilen. Marpel hatte das Land in die Erde gemalt und überreichte jedem einen Stein, den er auf das Gebiet legen sollte, auf welches er Anspruch erhob. Er selbst hatte seinen Stein, einen Marmor, schon auf das Gebiet an der Küste gelegt, das heutige Marpel, da er das Meer und die sanfte Hügellandschaft der Küste liebte und die anderen folgten seinem Beispiel. Sein Bruder legte einen Kieselstein direkt neben den Marmor in das Gebiet, welches nun Pebble hieß, der Vertreter der 3. Schicht legte ein Stück Schiefer auf ein Gebiet südöstlich des Meeres, Ardesia, ein Mann aus der 4. Schicht warf seinen Kalkstein mit geschlossenen Augen und er landete neben Ardesia, dem heutigen Limestone. Der Mann aus der 5. Schicht, ein bescheidener Mensch, nahm ein Stück Kohle aus dem Feuer und legte es auf den einzigen noch freien Platz, fernab vom Glanz Marpels, um so den Standpunkt von Coalman zu begründen. Dies war also der Beginn des ganzen Unglücks, denn darauf folgten mehrere Aufstände gegen das System, die blutig niedergeschlagen worden waren. Da diese nicht in das Bild der Preisrichter passten, war es auch nicht verwunderlich, dass sie bei der Erzählung des Preisrichters unerwähnt blieben. Dieser knüpfte nahtlos das Heutige an die Legende von damals an, ohne die enorme Zeitspanne dazwischen zu beachten. „Das heutige Stones lässt sich von Historikern schon aus dieser frühen Legende herauslesen. Der Preisrichter stand weiter über den einzelnen Vierteln und über Marpel, die Anführer, die damals ihr Gebiet wählten, sind die heutigen Gouverneure von Stones. So fügt sich das eine in das andere. Die Preise drücken noch heute eure, unsere Bestimmung aus.“

Weiter nannte er viele Vorzüge des Systems und erklärte, dass es unsere Aufgabe war dieses wichtige System zu schützen, dass die Genialität dieser Gesellschaftsordnung jeden Tag aufs Neue bewiesen werden musste, um revolutionäre Kräfte im Keim zu ersticken und dass wir unseren Teil dazu beitragen sollten, indem wir treu und folgsam waren und uns diesem fügten. Ungläubig hob ich den Blick, den ich seit mehreren Minuten auf die Bleistiftzeichnungen auf meinem Tisch gerichtet hatte, da ich einfach nicht glauben konnte, dass irgendjemand nur ansatzweise unterstützen konnte, was dieser Mann da vorne predigte. Prüfend schaute ich einigen meiner Klassenkameraden ins Gesicht und wurde nur so von Enttäuschung durchflutet, als ich deren leere Blicke untersuchte. Anscheinend interessierte sich keiner dafür, was von uns verlangt wurde und was wir haben könnten, ihre von Arbeit abgestumpften Sinne nahmen nicht mehr die Ungerechtigkeit war, die in den Worten des Preisrichters mitklang. Die Enttäuschung machte der Wut Platz und brodelnd suchte ich die Quelle der Lügen, die in gesprochene Worte umgewandelt wurden, und machte den Preisrichter auf einem Holzstuhl vor der Tafel aus. Als mein lodernder Blick auf seine fast schwarzen Augen traf, durchfuhr mich ein Schreck, der mir ein leises Keuchen entlockte. Das konnte nicht sein, das durfte nicht sein! Wie konnte er es wagen, seine Leute so zu verraten! Der Schreck verwandelte sich abermals in Wut, in eine Wut, von der mir der Kopf pochte und die mich erzittern ließ. Der Hass war so groß auf diesen Preisrichter, der seine eigene Schicht und damit meine, nämlich die vierte Schicht verriet, dass ich nur am Rande wahrnahm, wie dem Preisrichter kurz seine Gesichtszüge entglitten, bevor er in sachlichem Ton fortfuhr. Zum Ende der Stunde hatte ich mich so weit unter Kontrolle, dass mir das Ausmaß meines Handelns erst so richtig bewusst wurde. Bittere Galle stieg in mir hoch und als schließlich das schrille Geräusch der Schulglocke ertönte, war ich nicht mehr zu halten. Ohne einen weiteren Blick zurück ließ ich das Schulhaus hinter mir und ging zu dem einzigen Ort, an dem ich jetzt noch sicher war.

Kapitel 8

Früher hatten meine Schwester und ich, als wir noch nicht in der Schule waren, immer in der Nähe der Fabrik gespielt, in der meine Mutter tagsüber arbeitete. Dort hatten wir uns in einer Ecke eine Höhle gebaut, in der wir uns bei Regen aufhielten. Diese war auch nicht weit entfernt von der Schule und so war ich nach wenigen Minuten dort und setzte mich noch rechtzeitig in den kleinen Raum aus Holz und Wellpappe, bevor mich die Tränen übermannten. Wie konnte ich nur so dumm sein, wie konnte ich nur! Ich hatte, ohne es zu bemerken nicht nur mein Leben, sondern auch das meiner Familie aufs Spiel gesetzt. Warum hatte ich die Beherrschung verloren, warum nur? Hätte ich nicht darauf vorbereitet sein können, dass es auch Preisrichter aus niederen Schichten gab? Nun war alles aus, unser Glück zerstört. Ich gab mir vielleicht noch einen Tag, dann würden mich die Preisrichter holen, um mich zu einer von ihnen zu machen. Schließlich war es für den Preisrichter ein leichtes gewesen, meine Überraschung und anschließende Wut darauf zurückzuführen, dass ich des Zahlensehens mächtig war. So saß ich nun da, auf der festgetretenen Erde, zusammengekauert und tränenüberströmt. Ich hatte jedes Gefühl für Zeit verloren, bald verdunkelte sich der Himmel, dann begann es zu regnen. Dicke Tropfen drangen durch das löchrige Dach, fielen auf meine leichten Klamotten, die alsbald durchnässt waren und ließen mich frösteln und schließlich beschloss ich, dass es keinen Zweck hatte, es weiter hinauszuschieben. Ich musste meiner Mutter die Wahrheit erzählen, bevor es die Preisrichter tun würden. Ich stand auf, streckte meine steifen Glieder und machte mich durch den Regen auf den Weg nach Hause, eine dunkle Gestalt auf grauem Hintergrund.

Glücklicherweise war es noch nicht allzu spät, als ich mich unserem Haus näherte, vielleicht drei oder vier Uhr. Der Glockenturm war schon vor langer Zeit baufällig gewesen und so war es kein Wunder, das auch die darin eingebaute Uhr kurz darauf ihren letzten Schlag getan hatte, was aber nicht weiter schlimm war, da sich die meisten Leute eh mehr auf die Sonne, als auf ein von den Preisrichtern kontrolliertes Messgerät verließen. Zu Hause angekommen, befreite ich mich im engen Flur zuerst von den nassen, schlammigen Schuhen und der dünnen Jacke, bevor ich unsere Wohnung betrat. Wie erwartet war meine Mutter noch nicht zu Hause und nur meine Schwester saß an dem kleinen Holztisch in der Küche, ihre Schulsachen vor sich ausgebreitet; wir nutzten eben jede Minute aus, in der wir einmal Strom hatten. Als sie mich bemerkte, hob sie den Kopf und ich sah in ihren Augen Erleichterung. Sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen. Keine einzige Minute hatte ich daran gedacht, dass meine Schwester sich sicherlich Sorgen machen würde, wenn ich zum Schulende nicht am Schultor erscheinen würde, um mit ihr nach Hause zu laufen. Tausende Entschuldigungen rasten mir durch den Kopf. Ich hatte nacharbeiten müssen, ich war noch einkaufen gegangen… Doch keine dieser Ausreden schien der Wahrheit gerecht zu werden. Ich hatte mir vorgenommen mein Geheimnis zu offenbaren, mich der Wahrheit zu stellen. Warum sollte ich also nicht jetzt anfangen? Erschöpft setzte ich mich auf den Stuhl ihr gegenüber und begann mit matter Stimme zu sprechen. „Hi, wie war dein Tag?“

Sie hob abermals den Kopf, dieses Mal ein spöttisches Funkeln in den Augen. „Gut. Und wie war der Vortrag des Preisrichters? War er so schlecht, dass du danach gleich fliehen musstest?“, fügte sie sarkastisch hinzu.

Ich bewunderte meine Schwester immer wieder dafür, wie sie immer sofort ins Schwarze traf und ärgerte mich gleichzeitig darüber, dass ich nicht bedacht hatte, dass meine plötzliche Flucht in Verbindung mit der vorausgegangenen Rede des Preisrichters eine explosive Tratschmischung abgab, die dazu führte, dass die ganze Schule binnen weniger Minuten über meinen Abgang Bescheid wusste und dass meine Schwester zur ganzen Schule zählte.

„Nicht direkt“, beantwortete ich wage ihre letzte Frage, dann holte ich tief Luft. „Ich habe heute etwas sehr Dummes gemacht…“

„Das sehe ich auch so“, sagte eine Stimme hinter mir.

Erstaunt fuhr ich herum und sah meine Mutter im Türrahmen stehen, auf dem Gesicht eine Mischung aus Sorge und Wut. Meine Mutter war bei einer ihrer Kundinnen gewesen, als deren Tochter von der Schule nach Hause gekommen war und erzählt hatte, dass ich die letzte Stunde Kunst geschwänzt hatte. Für die Lehrer an unserer Schule war es normal, dass der ein oder andere gelegentlich Schulstunden schwänzte, doch meine Mutter war bei dieser Information hellhörig geworden, da es normalerweise so gar nicht meine Art war, einer Stunde fernzubleiben. Also hatte sie auf dem Nachhauseweg einen Abstecher zur Schule gemacht, um dann dort zu erfahren, dass wir in den nächsten Tagen mit Besuch zu rechnen hatten. Meine Mutter hatte eins und eins zusammengezählt und stand nun mit einem heißen Tee in der Hand an die Küchenzeile gelehnt da und erwartete von mir eine Erklärung. Aber wie sollte man bei so einer Sache anfangen? Schließlich beschloss ich der Vollständigkeit zuliebe mit dem Tag anzufangen, an dem ich meine Gabe entdeckt hatte. Ich war gerade einmal fünf gewesen, als ich zum ersten Mal einen Preis gesehen hatte. Damals waren wir ganz frisch in diese Wohnung eingezogen, die Wände waren noch weiß und ich die einzige Tochter meiner Mutter gewesen, da meine Schwester erst ein Jahr später dazugekommen war. So hatten wir also auch noch mehr Geld gehabt und meine Mutter hatte mir eines Tages am Markt ein kleines Amulett gekauft. Wenn man dieses öffnete, hatte man einen kleinen von grünen Ranken umgebenen in das Metall eingelassenen Spiegel gesehen, der gerade wegen seiner Größe ideal für mich gewesen war. Ganz aufgeregt hatte ich mich zu Hause auf einen Stuhl gesetzt und meinen Blick auf den Spiegel gerichtet. Ich hatte mein Spiegelbild betrachtet, die schmalen Lippen, die rosigen Wangen, die großen erwartungsvollen Augen mit den langen Wimpern. Als ich zu meiner Stirn gekommen war, hatte ich dann aber etwas gesehen, was dorthin eigentlich nicht gehörte, nämlich eine grünflammende Zahl, die Zahl 222. Damals hatte ich mich sehr erschrocken und fortan Spiegel gemieden, doch als ich in die Schule gekommen war, hatte ich die Preisrichter durchgenommen, meine mit ihren Fähigkeiten verglichen und war zu dem Schluss gekommen, dass ich wohl selbst eine Preisrichterin war. Glücklicherweise war ich damals schon klug genug gewesen, mein Geheimnis für mich zu behalten und hatte stattdessen begonnen, mehr über meine Begabung zu erfahren. Ich fand heraus, dass die meisten Preisrichter zuerst ihren eigenen Preis sahen und dass sie sich selber als Preisrichter melden mussten und nicht anhand ihres Preises als ein solcher erkannt werden konnten und versuchte, dieselben flammenden Zahlen im Stirnbereich anderer Menschen zu sehen, was nach viel Übung auch mit ersten Erfolgen gekrönt wurde.

Meine Mutter und meine Schwester lauschten stumm meinem Bericht und für lange Zeit war meine Stimme das einzige, was im Raum zu hören war. Als ich geendet hatte, trat eine undurchdringliche Stille ein und mein Magen zog sich vor Aufregung über die Reaktionen meiner Familie zusammen. Nach einer halben Ewigkeit regte sich meine Mutter schließlich. Sie richtete ihren Blick auf einen Punkt irgendwo hinter mir und sagte mit ausdrucksloser Stimme: „Jemand muss Leo von den Nachbarn holen.“

Ohne auf eine Reaktion von Dora zu warten, verließ ich den Raum. Draußen angekommen lehnte ich meinen Kopf an die dreckige Wand des Ganges. Ich war auf alles gefasst gewesen, Wut, Geschrei, nur nicht auf dieses stumme Entsetzen, diesen leeren Blick in den Augen meiner Mutter, der mir ein schwarzes Loch in den Bauch riss. Mein Kopf schwirrte, schwarze Pünktchen tanzten vor meinen Augen und ich sackte restlos zusammen. Nur einmal zuvor hatte ich diesen Ausdruck auf ihrem Gesicht gesehen, damals, als sie mir von meinem Vater und meinem Bruder erzählt hatte. Doch diese abgeschwächte Form war Nichts gegenüber dem Heutigen gewesen. Nach ein paar Minuten riss ich mich zusammen, setzte ein Lächeln, das wohl etwas schief aussah, auf und klopfte an der hellblauen Tür der Nachbarn. Dort empfing mich Frau Son, eine kleine rundliche Frau mittleren Alters. Sie erwiderte mein Lachen und bat mich zu sich herein. Frau Son war Mutter zweier Kinder, einem vierjährigen Mädchen und einem zweijährigen Jungen. Ihr Mann arbeitete in einer Fabrik für Straßenbahnteile am anderen Ende von Limestone und war selten zu Hause anzutreffen, da er frühmorgens das Haus verließ und erst spät am Abend heimkehrte. Meine Mutter brachte Leo an Tagen, an denen sie Hausbesuche machte, zu ihr, für eine kleine Summe Betreuungsgeld, und holte ihn gegen Nachtmittag wieder ab. Unsere Nachbarin lebte von solch kleinen Gefallen, die sie der ganzen Nachbarschaft gab, da sie selbst nicht Arbeiten ging, aber bei dem kleinen Einkommen ihres Mannes mitverdienen musste. So lag Leo vergnügt in einem Bettchen, umringt von mehreren kleinen Kindern, die abwechselnd die Rassel schüttelten, was ihnen ein freudiges Glucksen entlockte und Leo zum Lachen brachte. Frau Son bot mir einen Tee an, den ich dankend annahm und wir saßen einige Zeit einfach nur da und betrachteten die glücklichen Kinder. Ich war froh, dass unsere Nachbarin nie allzu redselig war und wusste, wann andere Leute ihre Ruhe brauchten. Denn dieser kleine Abschnitt des Tages war meine einzige kurze Atempause, da es mir beim Kindergelächter leichter fiel, die düsteren Gedanken in eine Ecke zu schieben und mein Inneres mit der goldenen Farbe des Glücks zu bemalen, die nach dem Besuch wieder abblättern würde. So wurde ich, als ich mit dem schlafenden Leo auf dem Arm im Gang stand, wieder von Empfindungen und Ängsten durchflutet und eine Frage, die Frage aller Fragen, schob sich in den Vordergrund: Wann würden die Preisrichter kommen, um mich zu holen?

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9783754928622
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