Kitabı oku: «Zur buckligen Wildsau», sayfa 6
Die unbucklige Wildsau
In der Wildsau passierte nicht viel. Es dauerte drei Tage, aber endlich hatte Adasger sie fertig aufgeräumt und blitzsauber geschrubbt. Er hatte nichts mehr zu tun und sah sich um. Eigentlich mochte er Kneipen gar nicht. Sie waren ein geselliger Ort, aber ihn störte, dass Alkohol so ein zentraler Faktor war. Es war zwar angenehm, ab und zu mal ein wenig oder auch ein wenig mehr zu trinken, aber auf Dauer von dieser Atmosphäre umgeben zu sein, fühlte sich nicht gut an. Der ganze Raum schrie förmlich permanent ‚Alkohol‘. Er musste nicht lange überlegen und räumte kurzentschlossen die Flaschen über der Theke weg.
Außerdem mochte er Bücher. Er kramte in den ungenutzten Räumen der Wildsau, fand ein Bücherregal, stellte es neben den Kamin und füllte es mit passender Lektüre. Na, das sah doch schon viel besser aus.
Dann fiel sein Blick auf die Trophäe der Wildsau, die immer noch über der Theke hing, ohne Jörgen toter als tot. Die neue KI dazu zu ermuntern, ab und zu die Augen leuchten zu lassen, fühlte sich falsch an. Es war an der Zeit, diese Erinnerung ebenfalls verschwinden zu lassen, das Leben ging weiter. Mögen Jörgen und das arme Tier, das als Blickfänger hatte herhalten müssen, nun in Frieden ruhen. Adasger nahm die Trophäe ab und ersetzte sie durch eine impressionistische Skulptur aus Bronze, die jemand mal angeschleppt hatte: Sie zeigte den Kopf einer durch die Wand brechenden Wildsau mit irrem Blick.
Er machte sich einen Kaffee, sah sich um und war vorläufig zufrieden. Noch nicht ganz ideal, aber ein Anfang. Er suchte im Regal nach einem guten Buch und machte es sich auf dem Sofa bequem. Borowski lag schlafend auf Renkos T–Shirt, im Kamin prasselte – wie immer – ein Feuer.
Der Drache
Renko sah den Drachen zurückkehren und war hin und weg von dem Anblick. Als dieser wieder halb im Meer lag, sah er so aus wie vorher: nur ein Felsen, auf den die Brandung krachte. Renko hätte ihn sich gerne aus der Nähe angesehen, aber er war sich nicht sicher, ob das eine gute Idee wäre.
Amanda war immer noch geistig abwesend. Langsam fing Renko an sich zu fragen, ob er sie vielleicht mal anstubsen sollte, aber er selbst hasste es, wenn er tief in Gedanken war und dabei gestört wurde, also ließ er es bleiben.
Er sah wieder den Drachen an. Ach, warum eigentlich nicht. Renko stand auf und schlenderte langsam auf ihn zu. Was sollte ihm schon passieren? Feuer konnte ihm nichts anhaben. Der Drache könnte zwar angreifen und versuchen ihn zu fressen, aber notfalls könnte sich Renko einfach wegteleportieren.
Doch dazu kam es gar nicht. Als er Renko sah, schnaubte der Drache zuerst ein paar Rauchwolken in seine Richtung – und drehte sich dann auf den Rücken. Renko musste lachen, das sah wirklich einzigartig albern aus. Der Drache benahm sich wie ein Hund, der gekrault werden wollte. Moment. Wollte er das etwa wirklich? Renko trat an die Seite des Drachens und strich zögernd über die Schuppen des Bauches. Er schien es zu mögen, zumindest ließ er es sich gefallen. Ganz hinauf reichte Renko nicht, dafür war er nicht groß genug. Er konnte den Puls des langsam und kräftig schlagenden Herzens fühlen. Es war nicht in Worte zu fassen, was Renko dabei empfand.
Aus einem Impuls heraus kletterte Renko unbeholfen auf den Drachen und stand schließlich auf seinem Bauch. Die Gischt durchnässte Renko, aber davon bekam er gar nichts mit, denn der Herzschlag des Drachen drang durch seine nackten Füße und schien durch seinen ganzen Körper zu pulsieren, ganz im Einklang mit dem Schlag seines eigenen Herzens. Das war mit nichts zu vergleichen, was Renko jemals erlebt hatte. Er stand einfach nur da, schloss die Augen und genoss das Gefühl.
Dann fing der Drache an, sich zu bewegen, ganz vorsichtig, wie es schien. Er warf Renko nicht ab, also bemühte dieser sich, oben zu bleiben, indem er sich balancierend den Bewegungen anpasste. Als sich der Drache vom Rücken auf den Bauch gedreht hatte, breitete er langsam die großen Flügel aus. Mit klopfendem Herzen setzte sich Renko auf die Schultern des riesigen Wesens. Nach zwei kräftigen Flügelschlägen, deren Bewegung Renko nach Luft schnappen ließen, erhob sich der Drache in die Luft. Sie flogen. Unfassbar. Sie flogen!
Schritt für Schritt auf Umwegen
Als sich Josh und Amanda am nächsten Tag mit den Dolbs trafen, herrschte eine gedrückte Stimmung, aber immerhin hatten sich alle ein wenig beruhigt. Josh war mit einer vagen Idee erwacht.
„Egal, was wir machen, wir müssen die Nesodoraner vor der geplanten Entführung warnen, damit sie endlich Kontrollen für die Wüste einführen. Ansonsten sollten wir uns erst mal überlegen, was wir erreichen wollen”, sagte Josh zu Amanda und bimmelte den Satz dann für die Dolbs. „Es wäre doch am sinnvollsten, wenn das Konglomerat einen guten Grund hätte, die Idee mit der Entführung aufzugeben und Amanda gar nicht erst zu suchen, oder? Wenn sie beispielsweise denken, dass ihr alle tot seid, hättet ihr eure Ruhe. Was haltet ihr davon?”
Amanda und die Dolbs waren skeptisch. Wie sollten sie das anstellen?
„Grob umrissen: Ich könnte einen Schwarm erschaffen, der aussieht wie ihr”, wandte er sich an die Dolbs. „Amanda könnte so tun, als ob sie euch einfängt und an Bord ihres Shuttles bringt, damit das so abgespeichert wird. Wir müssten nur irgendwie an die Datenbank in deinem Kopf rankommen, Amanda, und die Erinnerungen an unser Treffen und die Gespräche löschen. Und dann tun wir so, als hätte das Shuttle irgendein technisches Problem und lassen es explodieren. Kurz bevor es hochgeht, teleportiere ich in einem PAL rüber und hole dich in die Wildsau.”
Amanda lachte bitter auf und schüttelte frustriert den Kopf. „Abenteuerlich, aber viel zu kompliziert. Das klappt nie im Leben, völlig unmöglich. Außerdem: Sabotage erkennen die sofort, die sind doch nicht blöd. Die Datenbank ist verschlüsselt und gesichert. Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich da leider nichts machen kann.”
„Könnt ihr über euer Ebenen–Gebimmel herausfinden, wie man Amandas Datenbank entschlüsselt?”, fragte Josh die Dolbs.
Nein, aber das war nicht wichtig, denn sie hatten eine vollkommen andere Idee: Sie wollten sich zu dem Auftraggeber durchbimmeln und versuchen herauszufinden, worum es überhaupt ging. Dazu bräuchten sie Amandas Hilfe. Sie sollte die Augen schließen und sich ihren Auftraggeber vorstellen so gut es ging.
Josh übersetzte und Amanda probierte es aus. Ja, sie sah ihn deutlich vor sich.
„Gut. Die Dolbs wollen sich einklinken, wenn du einverstanden bist. Sie werden sich dazu auf deinem Körper verteilen und bimmeln. Du sollst dich nur so gut es geht weiter auf das Bild konzentrieren, bis die Dolbs von ganz allein neben deinem Auftraggeber auftauchen. Wenn sie wieder verschwunden sind, kannst du die Augen öffnen. Den Rest kriegen sie alleine hin”, erklärte Josh ihr. „Einverstanden?”
„Ich weiß nicht. Hältst du das für eine gute Idee?”
„Keine Ahnung. Lassen wir sie doch einfach machen.”
„Wir? Du hast leicht Reden, dich wollen sie ja nicht bebimmeln, du Eule.”
„Hast du etwa Schiss?” Josh grinste.
„Pah! Quatsch. Wovor denn?” Amanda warf ihm einen finsteren Blick zu. „Na gut”, seufzte sie schließlich. „Einverstanden.”
Sie legte sich hin, schloss die Augen und stellte sich widerwillig noch einmal Gordogan Foregga vor. Sie mochte sowieso kaum jemanden, aber ihr Boss, dieser Foregga, ging ihr ganz besonders auf die Nerven. Ein arroganter Pinsel, der es sichtlich genoss, seine Untergebenen herumscheuchen zu können, wie es ihm gerade in den Kram passte. Widerlich. Nun gut, egal, sie sah ihn vor ihrem geistigen Auge und wartete ab.
Sie konnte fühlen, wie sich die Dolbs überall auf ihrem Körper verteilten und sich das Bimmeln wie ein Vibrieren in ihrem Körper ausbreitete. Amanda musste sich sehr konzentrieren, um das innere Bild nicht zu verlieren, aber es gelang ihr irgendwie. Sie erinnerte sich an den Moment, als Foregga ihr in seiner gewohnt überheblichen Art und mit abschätzigem Blick ihren Auftrag erklärt hatte. Im Geiste streckte sie ihm den Mittelfinger entgegen. Grinsend lag sie im Sand und Josh fragte sich, was wohl so lustig sein mochte.
Tatsächlich sah Amanda die Dolbs neben Gordogan auftauchen. Sie verteilten sich auf seinem Körper und bimmelten dort weiter. Dann verschwanden sie gemeinsam mit Gordogan. Amanda setzte sich auf und sah Josh stirnrunzelnd an. Die Dolbs waren weg.
„Das ist absurd. Wo sind sie denn hin? Teleportieren geht hier doch angeblich nicht. Wie haben sie das gemacht?”
Josh zuckte die Schultern. „Was weiß ich”, sagte er fröhlich. „Zauberei? Ist doch unwichtig. Ich find's coool, Mann.”
Verzweiflung und ihre Blüten
Gordogan Foregga war nur mit großer Mühe in der Lage, seiner Arbeit auch nur ansatzweise angemessen nachzugehen. Das fiel natürlich auf. Mit jedem Tag erntete er zweifelndere Blicke. In keinem schwang Besorgnis mit, denn er hatte es sich nicht zur Gewohnheit gemacht, sich mit seinen Untergebenen über das nötige Maß hinaus abzugeben. Im Gegenteil, sie waren ganz eindeutig unter seinem gesellschaftlichen, finanziellen und intellektuellen Niveau und interessierten ihn kein bisschen.
Gut so. Bis jetzt hatte es noch keiner von ihnen gewagt, ihn auf sein verändertes Verhalten anzusprechen. Anscheinend hatte sich auch noch niemand getraut, sich über ihn zu beschweren, aber er musste sich zusammenreißen, sonst würde es über kurz oder lang darauf hinauslaufen. Leider war ihm das unmöglich. So sehr er sich jeden Tag aufs Neue dazu zwingen wollte, er schaffte es nicht, denn er war mit den Gedanken ganz woanders.
Entgegen seiner langjährigen Gewohnheit ließ er seit einigen Wochen pünktlich zum Feierabend alles stehen und liegen und flüchtete aus dem Büro. In seiner Führungsposition konnte er sich das eigentlich nicht leisten und seit dem Tod seiner Frau vor fast sieben Jahren hatte er sich erst recht in die Arbeit geflüchtet wie ein Besessener. Umso stärker fiel es nun allen auf, dass er nicht bei der Sache war. Egal. Das ging niemanden etwas an, die sollten sich gefälligst um ihren eigenen Kram kümmern. Er tat ja schließlich seinen Job, oder? Zur Zeit nicht sehr gut, das konnte er sich selbst gegenüber zähneknirschend zugeben, aber so gut er konnte. Das musste reichen. Es gab Wichtigeres.
Wie jeden Tag in den letzten Wochen fuhr Gordogan direkt in das abgelegene, private Krankenhaus und ging die langen Gänge entlang, ohne auf die prachtvollen Gärten zu achten, die um das Krankenhaus herum angelegt worden waren. Er hielt vor der Tür inne, durch die er nicht gehen wollte, und wie jeden Tag stand er zuerst ein Weile wie gelähmt davor und konnte sich nicht überwinden. Erst, wenn er sich gewappnet genug fühlte, oder wenn jemand vom Pflegepersonal vorbei kam und ihn grüßte, schaffte er es endlich, die Klinke zu drücken und einzutreten.
Der Anblick seines einzigen Sohnes, Mesoran, der leblos in den Kissen lag, war so unerträglich schmerzhaft, dass ihm täglich davor graute. Trotzdem konnte er nicht wegbleiben. Jede freie Minute verbrachte er hier und saß an Mesorans Bett – um Buße zu tun, denn Gordogan war entsetzt klar geworden, dass er alles falsch gemacht hatte. Alles. Die plötzlich über ihn hereinbrechenden Schuldgefühle waren ein eiskalter Schock gewesen. Nun lasteten sie auf ihm wie ein Berg. Sie drückten ihn zu Boden und zerquetschten ihn, bis er sich wie ein widerwärtiger Haufen Dreck fühlte. Denn das war er. Er ekelte sich vor sich selbst.
Er war verantwortlich für die Umstände, die zum Tod seiner Frau geführt hatten, und daran, dass sein Sohn ein Fremder für ihn war. Ausgerechnet in der schlimmsten Phase der Pubertät und unter der Trauer über den Verlust seiner Mutter leidend hatte Mesoran ohne seinen Vater auskommen müssen, weil Gordogan lieber gearbeitet hatte, statt für ihn da zu sein. Und nun lag sein erwachsener Sohn wie tot in den Kissen. Gordogan konnte nichts tun. Er konnte sich nur abgrundtief hassen und auf die Dolbs warten.
Vor ein paar Wochen war Gordogan mit Mesoran zu ihrem monatlichen Abendessen verabredet gewesen. Als Gordogan wie immer verspätet von der Arbeit gekommen war, hatte er seinen Sohn in seinem jetzigen Zustand auf dem Rasen hinter dem Haus liegend gefunden. Mit einem Aufschrei war er zu ihm gestürzt und hatte erleichtert festgestellt, dass Mesorans Herz schlug und dass er atmete. Gordogans Bodyguards waren noch im Haus gewesen – offenbar ein unfähiger Haufen, er würde sie ersetzen, sobald dieser Albtraum überstanden war – und so hatte er sie nach Hause schicken können, ohne dass sie etwas von der Katastrophe mitbekommen hatten. Er hatte ihnen gesagt, dass er sich melden würde, wenn er sie wieder bräuchte, bis dahin hätten sie bezahlten Urlaub. Das fanden sie gut, keine weiteren Fragen. Danach hatte er seinen Sohn in sein Auto getragen und klammheimlich in das beste Krankenhaus gefahren.
Die Ergebnisse der Untersuchungen waren niederschmetternd. Mesoran beziehungsweise sein Gehirn war zwar nicht tot, aber Scans zeigten keinerlei Reaktion auf Licht, Berührung oder Geräusche. Niemand wusste, wodurch dieser Zustand verursacht worden war oder was das genau zu bedeuten hatte, und daher gab es keine Kur, kein Medikament, nichts was man tun konnte. Es war auch unklar, ob sich im Laufe der Zeit an Mesorans Zustand etwas ändern würde. Das würde man abwarten müssen. Gordogan hatte genug Einfluss, um die besten Spezialisten im Handumdrehen an Mesorans Bett zu beordern, aber auch das half nichts. Das Ergebnis blieb das Gleiche.
Die Hilflosigkeit brachte Gordogan fast um den Verstand. Da er auch bei der Arbeit an nichts anderes mehr denken konnte, recherchierte er wie ein Besessener. Durch Zufall fand er einen seltsamen Bericht über Wesen, die angeblich mit dem Unterbewusstsein kommunizieren konnten. Dolbs. Lächerlich! Der ganze Bericht war völlig absurd. Frustriert suchte Gordogan weiter, aber die Dolbs gingen ihm nicht aus dem Kopf. Schließlich rang er sich dazu durch, sich doch näher mit den Dolbs zu beschäftigen, aber er fand keine weiteren Informationen. Der kurze Bericht war und blieb der einzige über die Dolbs. Trotz der wirklich dürftigen Informationen entschloss er sich noch am gleichen Tag, sich auf diese idiotische Sache einzulassen, einfach um überhaupt irgendetwas zu tun und nicht bloß herumzusitzen.
Gordogans Gedanken drehten sich im Kreis, während er stumm seinen Sohn anstarrte. Gerade musste er schon wieder an die merkwürdigen Dolbs denken, er sah sie quasi vor sich – sie schienen zu bimmeln. Darüber hatte er gelesen, sich bisher aber nichts darunter vorstellen können. Er fand das alles zutiefst befremdlich.
Er erinnerte sich daran, wie verzweifelt er gewesen war, als er gelesen hatte, dass er durch eine Superwüste hätte reiten müssen, um zu ihnen zu gelangen, und es gab kein zuverlässiges Prozedere für die Reiseerlaubnis. Das hörte sich gar nicht gut an, aber irgendwie hätte er es möglich gemacht, sich wochenlang freizunehmen. Leider waren die Berichte aber eindeutig: Selbst wenn er sich auf unbestimmte Zeit von der Arbeit freistellen ließe, würde er den Ritt durch die Wüste nicht überleben – und Mesoran schon gar nicht.
Trotzdem. Die Dolbs mussten ihm helfen. Mussten! Nun, wenn er nicht zu ihnen gelangen konnte, mussten sie eben zu ihm gebracht werden, so einfach war das. Aber wen konnte er losschicken? Wer kam dafür in Frage? Eigentlich nur ein Cyborg – und kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, wusste er auch schon, welche dieser Halbmaschinen perfekt geeignet war.
Amanda gehörte nicht zu seinem anderen Team aus Bodyguards. Er hatte sie vor ein paar Jahren zusätzlich für die Zeit engagiert, die er im Büro verbrachte. Eigentlich wäre das nicht nötig gewesen. Die Sicherheitsmaßnahmen dort waren einwandfrei, aber es konnte auch nicht schaden. Sobald er Feierabend machte, hatte auch sie Feierabend. Daher wusste sie rein gar nichts über ihn – und weil er sie gezielt wegen ihrer Amnesie und ihrer Zurückgezogenheit ausgewählt hatte, konnte Gordogan davon ausgehen, dass niemand sie vermissen würde. Er hatte sie zu sich gerufen und vorgegeben, sie in einem Geheimauftrag losschicken zu müssen.
Die Dolbs seien für ein sehr wichtiges Projekt nötig, hatte er ihr erklärt, es habe absolute Priorität und unterläge der höchsten Geheimhaltungsstufe. Sie müsse die Dolbs so schnell es ging einfangen und herbringen, ohne dass die Nesodoraner oder irgend jemand sonst davon erfuhr. Er hatte ihr eingeschärft, dass es absolut dringend und geheim war, ihr einen saftigen Bonus in Aussicht gestellt und alles Nötige veranlasst. Er hatte außerdem heimlich die Speicherfunktion ihrer Datenbank und ihren Tracker deaktiviert, ohne es sie wissen zu lassen. Schließlich sollte niemand etwas von der Sache erfahren. Dann hatte er sie losgeschickt. Nun war es für ihn eine Frage des Wartens. Er saß wie auf glühenden Kohlen.
Auch Dämonen haben Gefühle
Der Drache flog mit Renko immer höher, bis sie die spärlichen Wolken am Himmel erreichten. Durch die Wolken zu fliegen gab dem Ganzen zusätzlich etwas Mystisches. Abwechselnd hauchzart und dann wie dicke Suppe an ihnen klebend waberten sie um die beiden herum. Als sie daraus hervorbrachen, wurde Renko von der grellen Sonne geblendet, die über den Wolken an einem strahlend blauen Himmel hing. Nachdem sie die Wolken hinter sich gelassen hatten, konnte er jenseits davon die Landschaft sehen, die sich unter ihnen erstreckte: Berge und Meer, wunderschön.
Renko war schon in allen möglichen Fluggeräten auf den unterschiedlichsten Planeten durch die Gegend geflogen, aber frei auf einem lebendigen Drachen zu sitzen, war ein ganz anderes Erlebnis. Die gleichmäßigen Bewegungen der Muskeln, die rauen Schuppen, das Pulsieren des Herzens und der Wind auf seiner Haut gaben Renko ein intensives Gefühl von Verbundenheit und gleichzeitig von Freiheit. Es war unbeschreiblich, und je länger sie flogen, desto intensiver wurde dieses Gefühl.
Gefühlsausbrüche waren nicht Renkos Ding, aber schließlich konnte er nicht anders. Er stieß vor Begeisterung einen Schrei aus und riss die Arme in die Luft, wie Josh es gerne tat, aber das reichte irgendwie nicht. Renko wollte sich bewegen, wollte aufstehen und den Wind am ganzen Körper fühlen. So gut es ging setzte er sich zuerst auf die Knie und stand dann vorsichtig balancierend auf – zwar etwas wackelig, aber er bekam es hin. Doch noch während Renko voll und ganz damit beschäftigt war, nicht vom Rücken des Drachens zu fallen und all die Gefühle zu verdauen, die in ihm brodelten, sackte der Drache unter ihm weg und kreiste nach rechts.
Während Renko alarmiert feststellte, dass er nicht teleportieren konnte, beäugte ihn der Drache gelassen und drehte gemächlich ein paar Kreise um ihn herum. Schockiert schreiend und zappelnd fiel Renko ins bodenlose Nichts. Was, um alles in der Hölle … Er fiel und fiel und schrie sich die imaginäre Seele aus dem Leib. Schließlich fing der Drache Renko wieder auf, als sei es das Normalste der Welt. Fassungslos, gleichzeitig überdreht und ernüchtert und mit wild klopfendem Herzen versuchte Renko sich wieder zu beruhigen.
You have been dolbed
Die Dolbs waren wieder aufgetaucht, zuerst als durchsichtige Schatten, dann immer deutlicher werdend, bis sie schließlich vor Josh und Amanda in der Luft schwebten. Nachdem sie ihren Bericht über Gordogan beendet hatten, herrschte betretenes Schweigen. Josh war der erste, der seine Sprache wiederfand.
„Das ist ja der Hammer”, sagte er. „Es gibt also keine Verschwörung, Mann, das ist doch gut zu wissen. Und ohne Tracker und Datenbank bist du raus aus der Nummer. Du kannst einfach abhauen.”
„Ja”, antwortete Amanda lahm, aber mehr brachte sie nicht heraus.
Schweigen.
„Freust du dich gar nicht?”, fragte Josh schließlich irritiert.
„Ehrlich gesagt, keinen Schimmer.”
„Warum nicht, was ist los?”
Amanda sah Josh lange an. Sie versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Gar nicht so leicht.
„Also, ich konnte diesen Foregga ja von Anfang an nicht leiden. Ihm täglich dabei zusehen zu müssen, wie er sich anderen gegenüber benimmt, hat es nicht besser gemacht, im Gegenteil. Ich kann auch das Konglomerat nicht ausstehen, die ganze Gesellschaftsform geht mir gegen den Strich. Die sind doch alle komplett krank, wenn du mich fragst. Die ganze Zeit wollte ich einfach nur weg da.”
Amanda verstummte und Josh wartete.
„Aber?”, hakte er schließlich nach. Amanda ließ den Kopf hängen.
„Verdammt!”
„Aber verdammt?”
Amanda lachte kurz auf. „Ja, aber verdammt, jetzt tut er mir leid und ich will ihm helfen. Ich will, dass alles wieder gut wird. Bin ich bescheuert, oder was? Er ist ein Arsch! Ein echter, riesiger Vollarsch!”
„Ach, weißte, ich denke, niemand ist grundlos ein Vollarsch.”
„Ja, na und? Hätte nicht so ziemlich jeder genug Gründe? Ob man sich deswegen benimmt wie ein Arsch, ist eine Entscheidung, vor der jeder mal steht, oder etwa nicht? Er hat es jedenfalls nicht verdient, dass ich jetzt anfange, Verständnis zu haben. Ich bin auch eigentlich viel zu sauer auf ihn.”
„Jepp. Eigentlich.” Josh grinste.
„Ach, verdammt. Sauer zu sein, war viel einfacher. Was machen wir denn jetzt?”
„Keinen Schimmer. Erst mal sacken lassen?”
Da bimmelten die Dolbs wieder. Gordogan war nur der Anfang dessen, was sie herausgefunden hatten.
