Kitabı oku: «Das Erwachen der Raben», sayfa 6

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Umso erschrockener und verwirrter war sie, als Astrid sie wegstieß, sich mit dem Arm über den Mund fuhr und sagte: „Das ist widerlich. Du sabberst wie ein Hund.“

Johanna glaubte, ihr Herz würde aussetzten. Ihr ganzes Blut schoss ihr ins Gesicht und schien zu verbrennen. Sie flüchtete nach Hause, rannte und rannte. Astrid rief ihr etwas hinterher, aber es rauschte an ihr vorbei.

Sie war für alle Zeit blamiert und wenn Astrid etwas erzählen würde, würde sie sterben. Wie hatte sie nur so dumm sein können? Sie war nicht normal, das musste es sein. Kein normaler Mensch fühlt so etwas bei einem Kuss. Sie schwor sich, nie wieder zu küssen, als sie sich auf ihr Bett warf und in das Kissen Wasser und Rotz heulte. Es war, als würde sie unter Krämpfen leiden. Sie hatte keine Kontrolle darüber und konnte es nur geschehen lassen. Allmählich ebbten die Schluchzer ab und der Tränenstrom trocknete.

Die Holzdielen quietschten, jemand kam zu ihr und am Gang erkannte Johanna, dass es Astrid war. Auf keinen Fall wollte sie ihr begegnen, schnell rutschte sie unters Bett und presste sich die Hand vor den Mund, damit sie sich nicht verraten konnte. Die Tür öffnete sich. Johanna betrachtete die Schuhe von Astrid, die mit der Spitze zu ihr wiesen. Was machte Astrid da nur? Oh, Gott, war das ein Spiel, wusste sie, wo Johanna sich versteckte? Tiefer konnte Johanna nicht sinken, wenn Astrid gleich nachsehen würde; wenn gleich ihr Gesicht mit dem Grinsen erscheinen und die Frage kommen würde, was dieser Kinderkram solle. Bei jeder Gelegenheit zeigte Astrid ihr, wie unreif sie sei, ganz im Gegenteil zu ihr oder Claudia. Die linke Spitze bewegte sich. Johanna durchzuckte etwas, das wie der Stromschlag war, den sie abkriegte, wenn sie mit den Mädchen im Wettstreit an den Elektrozaun der Weiden griff. Der Schuh wurde wieder an die alte Position gestellt. Hör endlich auf, Astrid. Am liebsten hätte Johanna wieder zu heulen angefangen, sie wusste, Astrid beherrschte dieses Spiel besser als sie. Noch einmal bewegte sich der Schuh und Johanna nahm die Hand vom Mund, es hatte sowieso keinen Sinn. Der Schuh wurde wieder zurückgezogen und dann ging Astrid weg.

Erst nach einer halben Stunde kroch Johanna unter dem Bett hervor und wusch sich ihr Gesicht. Wie ein Hund, der aus dem Wasser ans rettende Ufer klettert, sein Fell schüttelt und davontrottet, ging Johanna nun zum Opa, um mit ihm eine Partie Mühle zu spielen. So war das damals gewesen mit ihrem ersten Kuss.

Die Piratin hielt ihre Finger noch immer an die Lippen. Sie zwinkerte ihrem Spiegelbild zu und griff nach einem Stift mit dem sie sich einen Schmiss auf die Wange zeichnete. Danach legte sie den Degen an, den sie auf dem Dachboden gefunden hatte. Ihr Vater war in seiner Studentenzeit Mitglied einer schlagenden Verbindung gewesen. Zum ersten Mal in ihrem Leben gefiel sie sich von Kopf bis Fuß. Ja, sie war nicht die Schönste im Land. Ja, sie war die Frucht einer Dorfromanze. Ja, ihre Eltern waren kein Liebespaar. Ja, durch ihre Schuld war ein Mensch ums Leben gekommen. Aber heute Abend würde sie sich amüsieren, würde sie tanzen und lachen, sich ins Leben stürzen. Nein, sie war nicht wie ihre Mutter.

Der Abiturball war ein Erfolg. Johanna redete sogar mit Schülern, mit denen sie in der Oberstufe kaum ein Wort gewechselt hatte. Sie fühlte sich dazugehörig, tanzte mit den anderen im Kreis und trank auf ihre Zukunft. Sie bekam Komplimente wegen ihres Kostüms und der eine oder andere Junge flirtete mit ihr. Sie aber fand Gefallen an dem Kellner. Sie interessierte sich tatsächlich für einen Mann und sie ließ es geschehen. Die ganze Zeit hatte sie ihn im Visier. Conny, die Schulsprecherin, lehnte ihren Arm auf Johannas Schulter.

„Jonnie, Süße, du bist lockerer als ich gedacht habe. Mit dir kann man Spaß haben.“ Johanna gab ihr einen Knutscher auf die Backe. Der Kellner sah herüber zu ihr. Sie grinste ihn an und er grinste zurück. „Du hast Geschmack, der Typ ist heiß“, sagte Conny in einer Lautstärke, die auch er verstehen konnte.

Der heiße Typ ging an den beiden vorbei und streifte dabei Johannas Arm. Ihr wurde etwas schwummrig. Conny holte einen Joint aus ihrer Hosentasche.

„Durchs Pottrauchen haben die Frauen in meiner Familie seit Generationen den Orgasmus entdeckt.“ Conny ließ ihn in Johannas Ausschnitt fallen. „Süße, versau mir die Statistik nicht“, sagte sie und stürzte sich wieder auf die Tanzfläche. Das verrückte Huhn war schon eine Nummer für sich, und sie war wirklich nett.

Johanna fischte nach dem Joint, da fragte sie der Kellner, ob sie Hilfe brauche. Sie käme darauf zurück, antwortete sie. Jetzt galt es, einen Joint auszuprobieren. Schließlich gab es immer ein erstes Mal. Im Vorbeigehen schnappte sie sich ein Streichholzheftchen vom Tresen und verschwand auf den Parkplatz. Kassiopeia, Schlange und die anderen funkelten um die Wette. Bei ihrem ersten Zug bekam Johanna gleich einen Hustenanfall. Das Zeug war stark, brannte im Rachen, aber sie gab nicht auf. Komisch, es schien keine Wirkung auf sie zu haben. Doch dann bemerkte sie ein Kribbeln, das sich ausbreitete. Eine Sternschnuppe blitzte auf. Das fand sie so lustig, dass sie vor lauter Lachen vergaß, sich etwas zu wünschen.

„Darf ich mitlachen?“ Der Kellner war ihr nach draußen gefolgt.

„Das ist dein Wunsch?“, fragte sie, worauf er verdutzt dreinblickte. „Die Sternschnuppe, hast du sie nicht gesehen? Also, was ist dein Wunsch?“

Johanna zückte ihren Degen und richtete ihn auf seine Brust. Er erhob die Arme und kam einen Schritt vor. Die Spitze drückte sich in sein Hemd.

„Ich bin unbewaffnet und ergebe mich Eurer Gnade“, sagte er, wobei sein Blick ihrem standhielt. Es wäre eine Schande gewesen, eine solche Beute zu verschmähen. Ihr Arm senkte sich Stück für Stück, ein Hemdknopf nach dem anderen fiel. Dann warf sie den Degen zu Boden und griff nach seinem Nacken.

Was für ein Körper, was für ein Mund. Sie konnte gar nicht genug bekommen. Und was für Pobacken. Keine Sekunde dachte sie darüber nach, dass jemand sie sehen könnte, dass sie den Mann gar nicht kannte. Sie wollte diesen Mann, genau diesen Mann und zwar hier und jetzt. Das war ihre Nacht, die Nacht, in der sie sich häutete. Schaut nur zu, Kassiopeia und Schlange.

Als im Oktober ihr Politikstudium beginnen sollte, freute sie sich auf das neue Leben. Einen Anfang hatte sie bereits gemacht. Das alte Leben würde zurückbleiben. Johanna hatte gepackt und überlegte, ob sie sich von ihrer Mutter verabschieden sollte. Mit Absicht bügelte die Mutter im Keller die Wäsche. Wenn sie im Wohnzimmer gewesen wäre, hätte Johanna praktisch im Vorbeigehen Tschüss sagen können. So müsste sie hinuntergehen. Das wäre eine Niederlage und genau das wollte ihre Mutter. Darauf konnte Johanna verzichten.

Der Vater fuhr sie zum Bahnhof. Mehr als einen Rucksack und zwei Sporttaschen hatte sie nicht dabei. Sie würde ein möbliertes Zimmer im Studentenwohnheim beziehen, was ihrem Vater nicht gefiel, aber sie hatte sich durchgesetzt. Am Bahnsteig gab ihr der Vater noch einen Fünfzigmarkschein, damit sie in ein Restaurant gehen konnte, schließlich würde sie nicht mehr zum Einkaufen kommen.

Und dann sagte der Vater: „Ruf deine Mutter an. Es ist schwer für sie, dass du fortgehst.“

Für Johanna war es stets seltsam gewesen sich vorzustellen, dass die Eltern über persönliche Dinge sprachen, sich Sorgen und Freuden anvertrauten. Taten sie das? Eher wirkten sie wie zwei Fremde, die sich ab und an in einem großen Haus begegneten. Wahrscheinlich interpretierte ihr Vater zu viel in das Verhalten der Mutter hinein. Die Mutter vermisste jemanden, an dem sie herummäkeln konnte. Johanna nickte und winkte zum Abschied.

Das Leben an einem anderen Ort ermöglicht einem, Ballast zurückzulassen. Doch manchmal reisen einem Altlasten hinterher. Im vierten Semester erhielt Johanna eine Postkarte mit Babyschuhen als Motiv. Katja hatte eine Tochter geboren. Die Eltern verkündeten ihr Glück. Es war die erste Karte von Katja gewesen.

Johanna hatte schon lange nicht mehr an die Freundinnen aus Kindertagen gedacht. Die Sache war für sie abgeschlossen, war verarbeitet. Deswegen wollte sie auch nicht auf die Karte antworten. Warum alte Bindungen erneuern, Höflichkeit war nicht erforderlich nach so vielen Jahren. Doch dann, vielleicht aus einem Impuls vergangener Schuldgefühle, schickte sie Katja eine Gratulationskarte, was ein Fehler war. Von da an erhielt sie jede Weihnachten Briefe, besser gesagt Kopien, in denen Katja über die Entwicklung ihrer Tochter und die Ereignisse in der Familie berichtete. Quasi ein Familienjournal für alle Verwandten und Bekannten und den Ehemann, der häufig auf Montage war. Ein Journal über eine Bilderbuchfamilie, so stellte es zumindest Katja dar.

Am Ende des Studiums war dann sogar ein Anruf erfolgt, in dem Katja ein Treffen vorschlug. Wie Katja an diese Nummer gekommen war, konnte Johanna sich nicht erklären. Sie war zu verdutzt gewesen, um zu fragen und als sie es dann später tat, meinte Katja, Johanna habe ihr die Nummer geschrieben. Das war eine Lüge gewesen, aber sie hatte nicht weiter nachgeforscht.

Johanna löste sich aus dem Türrahmen und ging zurück in die Küche. Sie nahm den Stieltopf aus dem Mülleimer. Der Topf hatte nichts verbrochen. Sich an Dingen zu vergreifen, war keine gute Idee und es wäre auch keine gute Idee, die Einladung zur Beerdigung anzunehmen. Nichts, was sich lohnte, würde sie in diesem Dorf erwarten. Johanna beschloss, die Vergangenheit ruhen zu lassen.

8

Maria schob die Sonnenbrille in die Stirn, damit ihr die dunklen Haare nicht mehr ins Gesicht fielen und versuchte, das Schloss ihrer Haustür zu öffnen. Die schwere Sporttasche behinderte ihre Bewegungsfreiheit und die Trageriemen schnitten schmerzhaft in ihre Schulter. Mit beiden Händen rüttelte sie an der Klinke, endlich drehte sich der Schlüssel und die alte Holztür sprang mit einem Ruck auf. Das Schloss klemmte in letzter Zeit häufiger und normalerweise würde sie Fred bitten, es sich anzusehen; Fred war der Mechaniker von der Tankstelle gegenüber und für alles Handwerkliche zuständig in Rahmeln. Der Ort war noch so klein, dass man sich kannte, aber doch so groß, dass man sich aus dem Weg gehen konnte. Doch Maria würde Fred nicht fragen, denn im Moment musste sie ihn meiden. Ihre letzte Begegnung mit ihm im Klöntje, ihrer Stammkneipe, war nicht besonders angenehm verlaufen. Er wollte sich sogar mit Maria prügeln.

Sie schnaubte verächtlich, auf ihn war sie wegen einer Tür, die klemmte, nicht angewiesen. Schwungvoller als sie beabsichtigt hatte, schwang die Tür auf, so dass sie gegen die Garderobe in der Diele stieß.

Fred hatte ihr vorgeworfen, Ella heimlich schöne Augen zu machen, womit er nicht falsch lag. Maria lächelte, als sie an die schöne Wirtin dachte. Aber Fred hatte kein Recht, eifersüchtig zu sein. Zwar war er der Vater ihrer kleinen Tochter Sandra, aber Ella hatte sich schon vor langer Zeit von Fred getrennt und wollte nichts mehr von ihm wissen. Dieser armselige Tropf wollte diese Tatsache – die Maria zwar Hoffnung, aber keinen Mut machte – einfach nicht wahrhaben und betrachtete Ella noch immer als seinen Besitz. Also hatte er ihr Prügel angedroht. Maria ging hinein, legte den Schlüssel auf die Ablage und stellte ihre große Tasche daneben. Sie seufzte. Fred hatte ihren wunden Punkt getroffen. Sie hatte Ella ihre Verliebtheit nie offen eingestanden, dazu war Maria viel zu feige. Außerdem war sie sowieso nicht liebenswert. Sogar ihr Vater lehnte sie ab.

Bei diesem Gedanken hatte sie das grimmige Gesicht ihres Vaters vor Augen. Seitdem sie als Dreizehnjährige ihn darum gebeten hatte, ihr das Sportinternat für ihre Schwimmkarriere zu erlauben, war zwischen ihnen beiden nichts mehr wie zuvor. Bis dahin war Maria sein Augenstern und seine Prinzessin, und sie führten ein zwar bescheidenes, aber glückliches Leben zu zweit. Nur sie beide, denn ihre Mutter war bei Marias Geburt gestorben. Die enge Beziehung zu ihrem Vater war für Maria selbstverständlich. Dass es für andere aber nicht selbstverständlich war, so geliebt zu werden, war ihr nicht bewusst gewesen, bis zu dem Tag, als Claudia ihren Neid darauf offenbarte.

Marias Vater hatte sich mit einem Kuss von ihr verabschiedet und ihr einen schönen Tag gewünscht und sie ging gemeinsam mit Claudia auf zur Schule.

„Eine Affenliebe ist das zwischen euch“, sagte Claudia mit gespieltem Ekel in der Stimme. „Affenliebe“, sang sie bis zum Schultor immer wieder provozierend, „Affenliebe, Affenliebe!“

Doch Maria reagierte nicht auf den Spott, sondern gab ihr etwas aus ihrer wertvollen Lakritztüte und brachte Claudia damit zum Schweigen, denn Süßigkeiten konnte sich Maria nur selten leisten. Dennoch blieb Claudia den ganzen Tag zickig und regte sich wegen Kleinigkeiten auf. Als sie Maria in der großen Pause den Trinkbecher aus der Hand stieß und sich selbst etwas Saft auf das Kleid schüttete, fauchte sie Maria an.

„Pass doch auf!“

„Du spinnst wohl“, sagte Maria laut, der es zu bunt wurde, „was ist denn bloß los mit dir? Schon den ganzen Tag bist du unausstehlich!“

„Affenliebe zwischen dir und deinem Vater“, sagte sie mürrisch.

„Kannst du mal eine neue Platte auflegen.“ Maria war noch immer wütend.

Plötzlich begann Claudia zu weinen, dicke Tränen sammelten sich in ihren großen grünen Augen.

„Was hast du?“, Maria war schockiert. Claudia war ein starkes Mädchen, das sich lieber umgebracht hätte, als in der Öffentlichkeit zu weinen.

„Ich wünschte, meine Eltern wären auch so“, nuschelte Claudia. „So lieb.“ Eine Träne löste sich tatsächlich und rann ihre Wange hinunter. „Weiß gar nicht mehr, wann ich zuletzt von Mama ein Küsschen bekommen habe.“

Jetzt hielt Claudia nichts mehr und sie schniefte hemmungslos und Maria sah sich genötigt, die sonst so stachelige Claudia in den Arm zu nehmen und zu trösten. Verwundert musste sie feststellen, dass Claudia neidisch darauf war, dass Maria sich von ihrem Vater geliebt fühlen durfte. Es dauerte eine Weile, bis sich Claudia wieder beruhigte und sie sich mit einem Ruck aus Marias Umarmung befreite.

„Wenn du das irgendjemandem erzählst, bist du tot. Schwöre es mir!“

Maria schwor ihr also, niemals jemandem zu erzählen, dass Claudia sich liebevollere Eltern wünschte. Im Gegenzug erhielt Maria ewige Loyalität. Etwas, worauf Maria nur selten zurückkam, nur manchmal, wenn Astrid es zu wild mit ihnen trieb, war es unvermeidlich, gemeinsam mit Claudia gegen sie Front zu machen.

Seit jenem verhängnisvollen Sommer, als Karola zu Tode gekommen war, konnte Maria nachfühlen, was Claudia damals gemeint hatte. Über die schrecklichen Ereignisse hatte Maria niemals zu sprechen gewagt. Mit niemandem, auch nicht mit ihrem Vater. Sie zog sich von allen Menschen zurück, eingekapselt in ihrem Entsetzen. Eines Nachmittags war Johanna in den Garten gekommen. Sie sah traurig aus. Maria war schlicht nicht in der Lage, mit ihr zu sprechen. Was hätte sie denn auch sagen sollen?

Etwa vielleicht: „Tag, Mörderin.“

Johanna hätte möglicherweise gelächelt und das Spiel mitgespielt: „Tag, du Strohschmeißerin.“ Mit ihrer rechten Hand hätte sie dann wie immer ihre Strähne hinters Ohr zurückgestrichen. Eine Geste, die anzeigte, dass das, was jetzt kommen würde, wichtig war. „Wollte mal mit dir darüber reden, welche Maßnahmen wir ergreifen, um nicht wahnsinnig zu werden.“

Es wäre klar, dass Johanna pragmatisch nach einer Lösung suchen würde, sie würde sich darauf verlassen, dass Maria den gleichen Humor aufbrachte.

„Gute Idee“, würde Maria dann sagen müssen und würde ihr schließlich die Schulter tätscheln, „Komm, ich mach’ uns Pudding. Diese schwere Kost, die wir durchkauen müssen, flutscht dann einfach besser.“

Diese Vorstellung war grotesk. Johanna stand neben ihr vor dem Kräuterbeet. Am liebsten hätte Maria ihr Pudding über den Kopf gegossen. Nie wieder würde es einen Löffel Pudding geben, dachte Maria. Es war vorbei. Es hatte sich ausgeflattert. Karola war tot. Die Raben gab es nicht mehr. Maria hatte Johanna ignoriert, war vom Garten ins Haus gegangen und hatte wortlos die Tür hinter sich geschlossen.

Möglicherweise wäre Maria das veränderte Verhalten ihres Vaters gar nicht aufgefallen, denn sie war nicht mehr das unschuldige Mädchen, das er noch vor wenigen Wochen gekannt hatte. Bis heute hatte der Vater ihr nicht mehr direkt in die Augen gesehen und nur noch das Nötigste mit ihr gesprochen. Am Tag des Abschieds, vor der Abreise ins Sportinternat in der Nähe von Hamburg, war er morgens vom Frühstückstisch aufgestanden und beinahe über ihren Koffer gestolpert.

„Geh nur!“, fluchte er laut. „Geh, wie es deine Mutter auch schon getan hat.“

Maria erstarrte. So hatte ihr Vater noch nie mit ihr gesprochen, nie zuvor hatte er ihr jemals vorgeworfen, dass ihre Mutter bei ihrer Geburt gestorben war. Doch die Tränen blieben wie ein Stein in ihrem Hals stecken. Er hatte ja recht, dachte sie in diesem Moment. Sie war schuld daran, dass seine Frau tot war, genauso wie sie schuld daran war, dass ein Mädchen sterben musste. Maria wollte von diesem Augenblick an nur noch weg, weit weg von diesen Trümmern ihrer Kindheit.

Das war vor dreißig Jahren gewesen. Vor sechzehn Jahren war sie wieder hergezogen, nicht nur weil sie einen guten Job als Schwimmlehrerin im städtischen Bad von Rahmeln bekommen hatte, sondern vor allem, um in seiner Nähe zu sein. Sie besuchte ihren Vater so oft wie möglich. Zunächst zu Hause im alten Dorf, jetzt im Altenheim. Er hatte sich seine Knochen für andere kaputtgearbeitet, war noch immer klar im Kopf, litt aber unter zunehmenden Herzproblemen und Atemnot. Wenn es seine zitternden Hände erlaubten, spielten sie Karten oder Scrabble, was mitunter über Stunden dauerte. Manchmal musste sie ihn füttern, weil er die Gabel nicht halten konnte. Für die Außenwelt musste ihr Verhältnis sehr harmonisch wirken, aber Maria wusste, dass sie nur Vater und Tochter spielten, aus alter Gewohnheit.

Sie vermisste den liebevollen Vater ihrer Kindheit sehr, doch sie hatte nie gewagt, nach ihm zu suchen. Die Überzeugung, dass er sie zu Recht ablehnte, begleitete Maria wie ein monströses Haustier, das sie mit ihrer depressiven Traurigkeit nährte, das dick und fett geworden war und sie seit damals nie verlassen hatte.

Maria öffnete die Tasche und nahm die nassen Badetücher und den ebenfalls feuchten Jogginganzug heraus. Eigentlich war es gleichgültig, ob Ella etwas für sie empfand. Maria wäre sowieso nicht gut genug für sie. Frustriert drehte sie sich mit beladenen Armen um und stieß mit dem Fuß die Haustür rückwärts mit voller Wucht zu.

„Aua!“, hörte Maria eine Stimme von draußen. Sie hatte nicht bemerkt, dass jemand vor der Tür stand.

„Moment!“, rief sie, warf die nassen Badesachen zurück auf die Tasche vor der Garderobe und öffnete die Tür wieder. Vor ihr stand Leni, die unsicher lächelte.

Zu Katjas Tochter hatte Maria früher eine tantenähnliche Beziehung gehabt, doch inzwischen war diese längst erwachsen und sie sahen sich nur selten. Die Haare der knapp Zwanzigjährigen waren glatt aus dem Gesicht zurückgekämmt und zu einem Pferdeschwanz gebunden. Korrekter schwarzer Rock, passende Bluse und blickdichte Strumpfhose. Leni war von ihrer frommen Mutter schon immer dazu angehalten worden, sich züchtig in gedeckten Farben zu kleiden. Aber die Schwärze von heute, ließ Maria stutzen.

„Was ist los?“

„Mama ist tot“, sagte Leni. Ihr Lächeln wich einem schmerzvollen Blick.

„Komm herein.“

Leni trat ein und Maria merkte, dass ihre Hand zitterte, als sie hinter ihr die Türe schloss. Eigentlich war es keine Überraschung, dass Katja gestorben war, schließlich hatte sie Krebs, aber Maria war dennoch geschockt. Jetzt waren beide Schwestern tot. Unwiderruflich tot. Maria wurde plötzlich schwindelig und sie musste sich auf einen der Küchenstühle setzen.

Die Geräusche des Gartens waberten durch das Küchenfenster und wurden auf einmal überlaut. Maria hörte das Zirpen der Grillen und in ihrer Erinnerung konnte sie das Flirren des Lichts über der Wiese sehen, auf der sie neben Astrid, Beatrice und Claudia lag. Sie dösten gemeinsam mit Katja durch den Tag und sprangen ab und zu ins Wasser, um sich abzukühlen. Mit den Freundinnen aus der Mädchenclique hatte sie ihre gesamte Freizeit verbracht. Wunderbare Sommer am See zwischen den Feldern am Dorfrand. Wenn es Abendbrotzeit wurde, veränderte sich das Licht und der See lag auf einmal schwarz und unheimlich da. Nicht ein Windhauch, sondern nur Mücken, die übers Wasser liefen, kräuselten die Wasseroberfläche. Die Luft über den Feldern wurde zu einem gelb schimmernden Ozean, in dem die Insektenkaskaden wie die Meeresbewohner an den Hängen eines Kliffs einer unsichtbaren Strömung folgend hin und her stoben. Mit geschlossenen Mündern mussten sie auf ihren Fahrrädern hindurchtauchen und konnten bis zu Hause nur ab zu nach Luft schnappen.

Maria seufzte sehnsüchtig. Ihre Erinnerungen waren geprägt von dem glücklichen Gefühl, hierher zu gehören und einen unstreitigen Platz im Leben zu haben. Davon spürte sie schon lange nichts mehr. Eigentlich seit damals, als das mit Karola passiert war. Und jetzt Katja.

„Das tut mir leid“, sagte sie lahm.

„Ich wusste ja, dass es so kommen würde, Tante Maria, ist schon in Ordnung.“

„Wann ist die Beisetzung?“ Maria griff sich in den Nacken und massierte ihn ein wenig.

„In einer Woche.“

„Warum erst so spät?“ Üblich waren im Dorf allenfalls drei bis vier Tage zwischen Tod und Beisetzung.

„Deswegen.“ Leni zog einen Stapel Briefe aus ihrer Handtasche. „Ich will sie gleich zur Post bringen. Den Umschlag für Tante Claudia habe ich schon in ihren Briefkasten gesteckt. Den für dich wollte ich auch persönlich vorbeibringen.“ Sie gab ihr einen der cremefarbenen Umschläge mit schwarzem Rand. Maria erkannte sofort Katjas Handschrift, mit der sie ihr all die Jahre Weihnachts- und Geburtstagskarten geschrieben hatte.

„Was soll das bedeuten?“, fragte sie erschüttert.

„Ihr sollt alle zur Beisetzung kommen, der ganze Clan der Raben. Das war der wichtigste Wunsch von Mama. Sie hat ihre Beisetzung schon vor Monaten im Detail vorbereitet, du kennst sie ja. Sie hat die Lieder ausgesucht für die Trauerfeier, den Sarg, die Karten geschrieben und extra mit dem Bestatter ausgehandelt, solange gekühlt zu werden.“ Leni holte ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich. „Sorge dafür, hat sie oft zu mir gesagt, dass die ganze Clique kommt, sie sollen alle bei meinem letzten Gang dabei sein.“

Solch ein morbider Auftrag an ihre Tochter passte zu Katja, dachte Maria bitter. Mit dieser kontrollsüchtigen Mutter hatte Leni nie die Freiheit gehabt zu leben, wie sie wollte. Maria erinnerte sich, als Leni als kleines Mädchen, sie war vielleicht sechs Jahre alt, unproportioniert und schmächtig, eines Tages vor ihrer Tür gestanden hatte. Maria war gerade aus dem Trainingslager vor den Weltmeisterschaften aus der Schweiz zurückgekehrt. Der Trainer hatte ihr gedroht, sie aus dem Team auszuschließen. Er war ein widerlicher Kerl. Eines Abends nahm er sie zur Seite und raunte ihr zu, dass sie es sowieso nicht mehr ohne Hilfsmittel schaffen würde, ihre Leistungen zu steigern. Er kenne da einen guten Arzt, der ihr helfen könne.

„Kinder“, sagte er und klapste ihr anzüglich auf den Po, „willst du Lesbierin doch sowieso nicht haben.“ Er lachte gemein und Maria war klar, dass sie dopen sollte. Sie weigerte sich, Hormone oder Amphetamine zu nehmen. Für ihren Starrsinn rächte sich der Trainer und nahm sie doppelt so hart ran wie die anderen. Oft war sie vom Training so erschöpft, dass sie beinahe ertrunken wäre. Wahrscheinlich verdankte Maria diesem Scheißkerl deshalb sogar ihren letzten großen Erfolg im Becken. Danach gab sie das Leistungsschwimmen auf und nahm das Angebot aus Rahmeln an, Schwimmunterricht zu geben. Die Stadtoberen mit ihren dicken Bierbäuchen waren der Meinung, sie würde ob ihrer erfolgsgekrönten Praxiserfahrung das kleine Provinzteam zu Siegen führen. Dieser Job sicherte Maria den Ausstieg aus einem Leben, an dem sie über kurz oder lang zugrunde gegangen wäre. Heute allerdings war sie davon überzeugt, dass dieses scheinbar geregelte Leben ihren elenden Abgang nur verzögerte.

„Tante Maria“, die kleine Leni hatte vor ihr gestanden und ihr großer Kopf hatte auf diesem bemerkenswert schmalen Hals aufgeregt hin und her gewackelt. „Ich möchte schwimmen lernen.“

Dass Leni ohne Wissen ihrer Mutter zu ihr gekommen war, brachte Maria in einen Gewissenskonflikt. Sie durfte das Kind nicht ohne Erlaubnis der Mutter im Schwimmbad unterrichten, das hätte sie den Job gekostet. Doch dies war Katjas Tochter, die Tochter der Frau, der sie das Leben ihrer Schwester schuldete, und sie konnte diesem Kind schlicht nichts abschlagen. Weil Leni etwas von Tante Astrid stammelte und irgendwelchen Seerosen und liebenswerten Fischen kam Maria auf die Idee, ihr das Schwimmen dort beizubringen, wo sie es selbst gelernt hatte: im See.

Sie trafen sich in diesem Sommer ein paar Mal dienstags am späten Nachmittag. Wie die Kleine ihre Ausflüge an den Dorfrand vor ihrer Mutter geheim hielt, hatte Maria nie erfahren. Beinahe allerdings wäre es zur Katastrophe gekommen.

Gerade hatte sie noch die Froschbewegung der Beine von Leni gelobt, sie war schon ein ganz kleines bisschen von Marias stützender Hand weggeschwebt. Sie wollte eine Pause machen. Maria ging aus dem Wasser und nahm an, dass Leni ihr folgte. Am Ufer legte sie sich in die Sonne und schloss kurz die Augen. Das feuchte Gras neben ihrem Gesicht, der leicht modrige Duft ihrer Haut vom Seewasser, sie hörte das leise Quaken der Enten von der Insel gegenüber, wohin sie früher mit Katja und Claudia ihre Wettschwimmen veranstaltet hatte. Damals schien die Welt noch in Ordnung. Maria ließ sich von der sonnigen Wärme auf ihrer Haut trösten und lauschte auf die Stille. Stille?

Maria schreckte hoch. Wo war Leni? Auf dem See sah sie ein paar letzte Kringel auf der Wasseroberfläche, die langsam zum Ufer rollten. In fliegender Hast fixierte sie die Mitte dieser Wasserbewegung, stürzte sich aufs Geratewohl hinein und hoffte, dass sie richtig geschätzt hatte. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ohne jede Sicht zu tauchen und suchend den Seeboden abzutasten. Der Boden war schlammig, ihre Hände wühlten ihn noch mehr auf und ekelige Brocken kitzelten ihre Arme. Ihre Lunge schien zu bersten und ihre Panik wuchs. Sie verbot sich, aufzutauchen um Luft zu holen. Sie musste das Mädchen finden. Das Brennen in der Lunge war nicht mehr auszuhalten und schon schwanden Maria die Sinne. Da, im letzten Moment, ein Fuß. Ein kleiner nackter Kinderfuß, den sie sofort ergriff. Keuchend stieß sie durch die Oberfläche und mit letzter Kraft schleppte sie sich mit dem leblosen Körper an Land. Marias pumpende Bewegungen und beherzte Beatmung hatten Erfolg. Sie schaffte es. Leni atmete wieder. Später bestand Leni darauf, mit ihrem Fahrrad nach Hause zu fahren, so als wäre nichts passiert. Dennoch begleitete Maria die Kleine bis nach Hause.

Katja wohnte noch immer auf dem Hof ihrer Eltern. Als sie an der alten Scheune vorbeifuhren, konnte Maria den Blick von den inzwischen ausgeblichenen Brettern nicht wenden und starrte auf das große bogenförmige Holztor. Katja hatte seit damals offenbar nichts verändert. Maria schauderte, das war irgendwie unheimlich, wie ein Totenschrein.

Schon bevor sie in den kleinen Vorgarten eintraten, wurde die Haustür aufgerissen. Katja hatte zerzauste Haare und obwohl sie keinen Tag älter war als Maria, wirkte sie grau und abgehärmt, was durch ihren altmodischen graulila gestreiften Putzkittel noch unterstrichen wurde. Maria war überrascht, kannte sie Katja in den letzten Jahren doch nur wie aus dem Ei gepellt. Meistens hatten sie sich sonntags nach der Messe getroffen, die ihre frühere Cliquenfreundin niemals verpasste.

Katja erkannte sofort, dass ihre Tochter sie angelogen hatte. Schallend traf sie die Ohrfeige ihrer Mutter, doch Leni weinte nicht. Hastig zog Katja ihr Kind zur Tür herein.

„Fasse meine Tochter niemals wieder an, hörst du!“ Katja fixierte Maria mit schmalen Augen. „Geh! Geh weg!“, rief sie laut mit kaltem Hass in der Stimme.

Maria war schockiert. Katja hatte nichts vergessen und nichts verziehen. Sie wollte etwas erwidern, aber die Worte blieben ungesagt. Katja hatte recht, dachte sie resigniert, sich selbst hatte Maria auch nie verziehen.

Doch bevor Katja die Tür ins Schloss fallen ließ, drehte sich die kleine Leni noch einmal zum Abschied um. Es war klar, dass dies ihr letzter Schwimmausflug war.

„Zu mir sind die Fische nicht gekommen“, sagte das Mädchen traurig. Leni hatte in diesem Moment eine unglaubliche Ähnlichkeit mit dem Kind, das Katja einst gewesen war. Dann hellte sich ihr Gesichtchen auf. „Aber du, Tante Maria, du bist gekommen.“

Bis heute fragte sich Maria, was Leni damit gemeint hatte.

„Hier der Brief für Johanna.“ Leni gab ihr einen der Umschläge aus dem Stapel. „Sie wohnt in Berlin. Wusstest du das?“

Maria hatte es nicht gewusst. Sie schwankte zwischen Verwunderung und Anerkennung, dass Katja trotz ihrer Krankheit alles daran setzte, die alte Clique an ihrem Grab zu versammeln.

„Und das Beste ist, dass Tante Astrid kommt. Aus New York! Stell’ dir das vor!“ Leni sah in freudiger Erwartung zur Küchentür hinaus in den Garten, so als würde dort die Freiheitsstatue stehen. „Ist das nicht toll?“

„Sag mal“, fragte Maria, „hast du eigentlich jemals schwimmen gelernt?“

„Nein“, antwortete sie gleichgültig. Sie steckte die Umschläge sorgfältig zurück in ihre Tasche und stand auf. „Es war mir nicht mehr wichtig. Und Mama hatte es mir sowieso verboten.“

„Was war das eigentlich für eine Geschichte damals mit den Fischen, die Ertrunkene retten können?“

„Keine Ahnung, Tante Maria. Ist schon zu lange her. Irgendeine Kindergeschichte.“

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