Kitabı oku: «Wildfell Hall», sayfa 8
Elftes Kapitel.
Wieder der Vikar.
Sie müssen jetzt annehmen, daß etwa drei Wochen vergangen waren; Mrs. Graham und ich waren jetzt an erkannte Freunde —— oder vielmehr Geschwister, wie wir uns zu nennen beliebten. Sie nannte mich auf meinen ausdrücklichen Wunsch Gilbert und ich sie Helene; denn ich hatte diesen Namen in ihren Büchern gesehen. Ich machte selten den Versuch, sie mehr als zweimal wöchentlich zu sehen, und ließ unsre Begegnungen immer noch, so oft ich konnte, als das Resultat des Zufalls erscheinen, da ich es nöthig fand, äußerst vorsichtig zu sein, und benahm mich im Ganzen mit so ausnehmendem Anstand, daß sie — nie Anlaß fand, mich zu tadeln, und doch mußte ich zu weilen bemerken, daß sie unglücklich oder unzufrieden mit sich — oder ihrer Lage sei, mit welcher letzteren ich wahrhaftig auch nicht ganz zufrieden war. Die brüderliche Nonchalence war ungemein schwer zu behaupten, und ich fühlte mich oft dabei als einen verwünschten Heuchler und sah oder fühlte vielmehr, daß ich ihr trotz ihrer Strenge, »nicht gleichgültig war,« wie es Romanhelden bescheiden ausdrücken, und während ich dankbar mein gegenwärtiges Glück genoß, konnte ich mich nicht enthalten, von der Zukunft etwas Besseres zu wünschen und zu hoffen, behielt aber natürlich dergleichen Träume für mich.
»Wohin gehst Du, Gilbert?« sagte Rosa eines Abends kurz nach dem Thee, nachdem ich den Tag über auf dem Gute thätig gewesen war.
»Spazieren,« war die Antwort
»Bürstest Du immer Deinen Hut so sorgfältig und kämmst Du Dein Haar stets so schön, und ziehst Du immer so elegante neue Handschuhe an, wenn Du spazieren gehst?«
»Nicht immer.«
»Nicht wahr, Du gehst nach Wildfell Hall?«
»Weshalb denkst Du das?«
»Weil Du aussiehst,« als ob es so wäre — ich wollte aber, Du gingst nicht so oft.«
»Unsinn, Kind, ich gehe kaum alle sechs Wochen ein mal hin — was meinst Du denn eigentlich?«
»Nun, wenn ich an Deiner Stelle wäre, so würde ich mir nicht so viel mit Mrs. Graham zu thun machen.«
»Ei, Rosa, schließest Du Dich auch der herrschenden Ansicht an?«
»Nein,« antwortete sie zaudernd — »aber ich habe sowohl bei den Wilsons, wie im Pfarrhauses in der letzten Zeit so viel gehört — und übrigens sagt die Mama, daß sie nicht so allein dort leben würde, wenn sie eine anständige Person wäre — und weißt Du nicht mehr, vergangenen Winter, Gilbert, die Geschichte mit dem falschen Namen auf dem Gemälde — und wie sie ihn erklärt — indem sie sagte, daß sie Freunde oder Bekannte habe, vor denen sie ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort verborgen halten möchte, und daß sie fürchte, daß sie dieselben ausfindig machen könnten — und dann, wie plötzlich sie auffuhr, als jene Person kam — von der sie uns nichts sehen ließ, und die, wie uns Arthur mit so geheimnißvoller Miene sagte, der Freund seiner Mama war?«
»Ja, Rosa, ich erinnere mich noch an Alles, und kann Dir Dein liebloses Urtheil verzeihen, denn wenn ich sie nicht selbst kennte, so würde ich vielleicht alle diese Dinge zusammenstellen und dasselbe glauben wie Du, aber ich kenne sie, Gott sei Dank, und würde des, Namens eines Mannes unwürdig sein, wenn ich etwas zu ihrem Nachtheil glauben könnte, außer, wenn ich es von ihren eigenen Lippen hörte — ebensogut könnte ich dergleichen Dinge von Dir glauben, Rosa!«
»O Gilbert!«
»Nun, denkst Du, daß ich etwas von der Art glauben könnte — was auch die Wilsons und Milwards zu flüstern wagen?« —
»Ich sollte hoffen, daß Du es nicht thätest.«
»Und warum nicht? — weil ich Dich kenne — nun und eben so gut kenne ich Sie.«
»O nein, Du weißt nichts von ihrem früheren Leben, und vergangenes Jahr um diese Zeit wußtest Du noch gar nicht, daß eine solche Person existiere.«
»Das thut nichts« man kann einem Menschen durch die Augen in das Herz sehen, und in einer Stunde mehr von der Höhe und Breite und Tiefe der Seele eines Andern lernen, als man in einem ganzen Menschenleben entdecken würde, wenn er oder sie nicht geneigt wären, es zu enthüllen — oder wenn man nicht den Verstand hätte, es zu begreifen.«
»Dann gehst Du also wirklich heute Abend hin?«
»Allerdings!«
»Was wird aber die Mama sagen, Gilbert?«
»Die Mama braucht es nicht zu wissen.«
»Aber sie muß es einmal erfahren, wenn Du es so forttreibst.«
»Forttreibst.? — es gibt kein Forttreiben bei der Sache — Mrs. Graham und ich sind gute Freunde — und werden es bleiben, und kein Mensch auf der Welt soll es verhindern — oder hat ein Recht sich zwischen uns einzumischen.«
»Aber, wenn Du wüßtest, wie man redet, so würdest Du Dich mehr in Acht nehmen — um ihretwillen sowohl als um deinetwillen. Jane Wilson hält Deine Besuche in der alten Halle nur für einen weiteren Beweis ihrer Schlechtigkeit.« —
»Zum Kuckuk mit Jane Wilson.«
»Und Elise Milward ist ganz bekümmert über Dich.«
»Das will ich hoffen.«
»Aber ich würde es nicht, wenn ich an« Deiner Stelle wäre.«
»Du würdest was nicht? — woher können sie wissen, daß ich hingehe?«
»Vor ihnen ist nichts verborgen, sie spionieren Alles aus.«
»O, daran hatte ich nicht gedacht! — Sie wagen es also, meine Freundschaft als Nahrung für ihre weiteren Verleumdungen zu betrachten! — Das beweist auf alle Fälle, daß ihre übrigen Verläumdungen erlogen sind, wenn es eines Beweises bedürfte. — Widersprich ihnen, Rosa, wo Du kannst.«
»Aber sie sprechen über dergleichen Dinge nicht offen mit mir. Es geschieht nur durch Winke und Anspielungen, und nach dem, was ich Andere sagen höre, erfahre ich, was sie denken.«
»Nun wohl, ich will heute nicht gehen, da es schon etwas spät wird; aber zum Satan mit ihren verwünschten giftigen Zungen,« murmelte ich in der Bitterkeit meines Herzens.
In diesem Augenblicke trat der Vikar in das Zimmer wir waren von unserm Gespräche zu sehr in Anspruch genommen worden, um sein Klopfen zu bemerken. Nach seinen gewohnten heitern und väterlichen Begrüßungen Rosa’s, die ein Liebling des alten Herrn war, wendete er sich etwas streng zu mir:
»Nun« Sir,« sagte er, »Sie sind ja ein wahrer Fremder für mich geworden; es ist — lassen — Sie — mich — sehen« — fuhr er langsam fort, indem er seinen dicken Leichnam auf den Armstuhl niederließ, welchen ihm Rosa dienstfertig gebracht hatte, »es ist — meiner Rechnung nach — gerade — sechs Wochen seit Sie über meine — Schwelle — gekommen sind.« Er sprach diese Worte mit scharfer Betonung und schlug dabei mit seinem Stocke auf den Boden.
»Wirklich, Sir?« sagte ich.
»Ja, so ist es!« Er fügte ein bestätigendes Kopf nicken hinzu und fuhr fort, mich mit einer Art von erzürnter Feierlichkeit anzusehen, indem er seinen dicken Stock zwischen seinen Knieen hielt und über dem Knopfe die Hände faltete. —
»Ich habe viel zu thun gehabt,« sagte ich, denn es wurde offenbar eine Entschuldigung gefordert.
»Zu thun!« wiederholte er spöttisch.
»Ja, Sie wissen, daß ich mein Heu eingebracht habe, und jetzt ist die Ernte vor der Thür.«
»Hm, hm.«
In diesem Augenblicke kam meine Mutter herein und machte durch ihre gesprächige, lebhafte Bewillkommnung des Gastes eine Diversion zu meinen Gunsten. Sie bedauerte tief, daß er nicht etwas zeitiger gekommen sei, um mit Thee zu trinken, erbot sich aber augenblicklich wieder welchen zu bereiten, wenn er so gütig sein wolle, darauf zu warten.
»Für mich nicht, ich danke Ihnen,« antwortete er, »ich werde in einigen Minuten zu Hause sein.«
»O warten Sie nur und trinken ein wenig, er wird in fünf Minuten fertig sein.«
Er schlug jedoch das, Anerbieten mit einer majestätischen Handbewegung aus.
»Ich will Ihnen sagen, was ich genießen werde, Mrs. Markham,« sagte er« »ich will ein Glas von Ihrem vortrefflichen Ale trinken!«
»Mit Vergnügen,« rief meine Mutter, indem sie eilig die Klingel zog und das Lieblingsgetränk des Vikars bestellte.
»Ich dachte,« fuhr er fort, »ich wollte auf meinem Heimwege einmal bei Ihnen mit hereinschauen und Ihr Haus-Ale kosten. Ich habe einen Besuch bei Mrs. Graham gemacht!«
»Wirklich?«
Er nickte gravitätisch mit dem Kopfe und fügte mit furchtbarem Nachdrucke hinzu:
»Ich hielt es für meine Pflicht, dies zu thun.«
»Wirklich!« rief meine Mutter nochmals
»Wie so, Mr. Milward?« fragte ich.
Er blickte mich etwas streng an, wendete sich dann nochmals zu meiner Mutter, und wiederholte:
»Ich hielt es für meine Pflicht, dies zu thun.» Hierbei stieß er mit dem Stocke auf den Boden; meine Mutter saß ihm als ehrfurchtsvolle, bewundernde Zuhörerin gegenüber.
»Mrs. Graham« sage ich,« fuhr er kopfschüttelnd fort, »das sind entsetzliche Gerüchte.«
»Was, Sir, sagt sie und thut, als wüßte sie nicht, was ich meine. Es ist meine — Pflicht — als Ihr Pastor, sagte ich, Ihnen sowohl Alles zu sagen, was ich an Ihrem Benehmen Tadelnswerthes finde, als auch Alles, was ich zu argwöhnen Grund habe, und was mir Andere über Sie mittheilen. — Ich sagte es ihr also!«
»Sie haben das gethan, Sir?» rief ich, von meinem Stuhle aufspringend und mit der Faust auf den Tisch schlagend
Er warf blos einen flüchtigen Blick auf mich und fuhr dann, zu meiner Mutter gewendet, fort:
»Es war eine schmerzliche Pflicht, Mrs. Markham; aber ich habe es ihr gesagt!«
»Und wie hat sie es aufgenommen?» fragte meine Mutter.
»Verhärtet, fürcht’ ich —« antwortete er mit niedergeschlagenem Kopfschütteln, »und zu gleicher Zeit gab sie irregeleitete, ungebeugte Leidenschaften kund, ihr Gesicht wurde weiß, und sie zog den Athem auf wilde Art durch die Zähne ein; aber sie gab keine Milderung- oder Vertheidigungsgründe kund und sagte mir mit einer Art von schamloser Ruhe — die bei einem so jungen Wesen wahrhafte entsetzlich zu sehen war — soviel wie, daß meine Vorstellungen nutzlos und meine geistlichen Rathschläge an ihr ganz weggeworfen seien. Ja, daß ihr meine Gegenwart schon, während ich von solchen Dingen sprach, unangenehm wäre. Und ich entfernte mich endlich, da ich nur zu deutlich wahrnahm, daß sich nichts thun lasse, und schwer bekümmert, ihr Uebel so hoffnungslos zu finden; aber ich bin fest entschlossen, Mrs. Markham, daß meine Tochter mit ihr keinen — Umgang pflegen solle. Fassen Sie in Bezug auf die Ihrigen den gleichen Entschluß! Was Ihre Söhne betrifft — was Sie betrifft, junger Mann, fuhr er sich streng zu mir wendend fort —
»Was mich betrifft, Sir,« begann ich, sagte aber, durch ein Hinderniß in meiner Kehle zurückgehalten und wahrnehmend, daß mein ganzer Körper vor Grimm zitterte, weiter nichts, sondern befolgte das weisere Verfahren, meinen Hut vom Tische zu reißen, aus dem Zimmer zu schießen und die Thür mit einer Gewalt zuzuschlagen, von der das ganze Haus bis in seine Grundfesten erzitterte und meine Mutter zu kreischen anfing und meine aufgeregten Gefühle auf einen Augenblick beschwichtigt wurden.
In der nächsten Minute eilte ich mit schnellen Schritten nach Wildfell zu — zu welchem Zwecke oder in welcher Absicht, konnte ich kaum sagen, aber ich mußte mich nach irgend einer Richtung hin bewegen und konnte an kein anderes Ziel denken. — Ich mußte sie sehen und mit ihr sprechen, so viel war gewiß. Aber was ich sagen, oder wie ich mich benehmen sollte, davon hatte ich keine bestimmte Idee. So stürmische Gedanken — so viele verschiedene Entschlüsse drängten sich auf mich ein, daß mein Geist um wenig besser als ein Chaos streitender Ideen war.
Zwölftes Kapitel.
Ein tête-à-tête und eine Entdeckung.
Ich machte den Weg in weniger als zwanzig Minuten. An der Gartenthür blieb ich stehen, um meine schweiß triefende Stirn abzuwischen, zu Athem zu kommen und einige Fassung zu erlangen. Von dem schnellen Gehen war meine Aufregung bereits ein wenig gemildert worden, und ich schritt festen, geraden Ganges über den Gartenweg hin. Als ich an dem bewohnten Theile des Hauses vorüberkam, erblickte ich durch das offene Fenster Mrs. Graham, die langsam in ihrem einsamen Zimmer auf und ab ging. Sie schien von meiner Ankunft bewegt und selbst erschreckt zu werden, als denke sie, daß auch ich komme, um sie anzuklagen. Ich war in der Absicht in ihr Zimmer getreten, ihr über die Gottlosigkeit der Welt zu kondolieren und ihr beizustehen, auf den Vikar und seine gemeinen Gewährsleute zu schimpfen — jetzt schämte ich mich aber geradezu, den Gegenstand zu erwähnen, und beschloß, mich nicht darauf zu beziehen, wenn sie nicht selbst den Weg dazu bahnte.
»Ich komme zu einer unpassenden Stunde,« sagte ich, eine Heiterkeit heuchelnd, die ich nicht fühlte, um ihr ihre Fassung wiederzugeben, »aber ich werde nicht lange da bleiben.«
Sie lächelte mich an, zwar schwach, aber äußerst gütig — ich hätte beinahe gesagt, dankbar, als ich ihre Befürchtungen entfernte,
»Wie trübe Sie sind, Helene! warum haben Sie kein Feuer?« sagte ich, mich in dem düsteren Zimmer umschauend.
»Es ist noch Sommer,« antwortete sie.
»Aber wir haben des Abends immer Feuer, wenn wir es ertragen können — und Sie besonders bedürfen in diesem kalten Hause und traurigen Zimmer der Wärme.«
»Sie hätten etwas eher kommen sollen, dann würde ich für Sie Feuer haben anzünden lassen, aber es ist jetzt nicht der Mühe werth — Sie werden, wie Sie sagen« nicht lange bleiben, und Arthur ist zu Bett gegangen.«
»Aber ich habe das Feuer gern; wollen Sie befehlen, das eins angezündet wird, wenn ich klingle?«
»Ei, Gilbert, Sie sehen doch nicht aus, als ob Sie frieren,« sagte sie, indem sie lächelnd mein Gesicht betrachtete, welches ohne Zweifel warm genug aussah.
»Nein, aber ich möchte Sie behaglich sehen, ehe ich gehe.«
»Ich, behaglich!« wiederholte sie mit bitterem Lachen, als ob in der Idee etwas lächerliches, absurdes liege. »Es paßt so besser für mich,« fügte sie im Tone kummervoller Resignation hinzu.
Ich war aber entschlossen, meinen Willen zu haben, und zog die Klingel.
»Da, Helene,« sagte ich, als die sich nahenden Schritte Rahels hörbar wurden. Sie konnte jetzt weiter nichts thun, als sich umwenden und die Magd auffordern, Feuer anzuzünden.
Ich habe noch heut zu Tage auf Rahel einen Groll für den Blick, welchen sie auf mich warf, ehe sie hinaus ging, um ihren Auftrag zu verrichten — den sauern, argwöhnischen, inquisitorischen Blick, der deutlich fragte: »Ich möchte wissen, was Du hier willst.« Ihre Herrin ermangelte nicht, denselben ebenfalls zu bemerken, und ihre Stirn wurde durch einen Schatten von Unruhe bewölkt.
»Sie dürfen nicht lange bleiben, Gilbert,« sagte sie, als sich hinter Jener die Thür schloß.
»Das werde ich auch nicht,« sagte ich mürrisch, wiewohl ohne einen Gran von Zorn in meinem Herzen gegen irgend Jemanden, außer dem seinen Rath aufdringenden alten Weibe, »aber, Helene, ich habe Ihnen, ehe ich gehe, noch etwas zu sagen.«
»Was ist dies?«
»Nein, jetzt nicht — ich weiß noch nicht genau, was es ist, noch wie ich es sagen soll,« antwortete ich, wahrer als klug und hierauf begann ich, in der Furcht, von ihr aus dem Hause gewiesen zu werden, und um Zeit zu gewinnen, von gleichgültigen Gegenständen zu sprechen. Unterdessen kam Rahel herein, um das Feuer anzuzünden, was bald dadurch geschehen war, daß sie ein rothglühendes Schürreisen zwischen die Kaminstäbe steckte, wo das Holz zum Anzünden bereits aufgehäuft war. Sie beehrte mich beim Hinausgehen wieder mit einem zweiten ihrer harten, ungastlichen Blicke — ich ließ mich davon aber wenig rühren, sondern fuhr fort, zu sprechen, setzte auf die eine Seite des Kamins einen Stuhl für Mrs. Graham und auf die andere einen für mich und wagte mich zu setzen, obgleich ich halb und halb vermuthete, daß sie es lieber sehen würde, wenn ich ging
Nach einiger Zeit versanken wir Beide in Schweigen und blickten mehrere Minuten lang zerstreut in das Feuer sie mit ihren eigenen, trüben Gedanken beschäftigt und ich denkend, wie herrlich es sein würde, so neben ihr zu sitzen, ohne daß uns die Gegenwart eines Andern störte selbst nicht die Arthurs, unseres gemeinschaftlichen Freundes, ohne, den wir noch nie zusammengekommen waren — wenn ich es nur wagen könnte, mich auszusprechen und mein volles Herz der Gefühle zu entlasten, die es so lange gedrückt hatten und welche es mit einer Anstrengung, die noch länger fortzusetzen unmöglich zu sein schien, es zu behalten strebte — und überlegte die Pro’s und Contra’s des Eröffnens meines Herzens in diesem Augenblicke und an diesem Orte und Flehens um eine Erwiederung meiner Liebe, der Erlaubniß, sie von nun an als die Meine betrachten zu dürfen, und des Rechtes und der Macht, sie gegen die Verläumdungen boshafter Zungen zu vertheidigen; andererseits fühlte ich ein neues Vertrauen auf meine Ueberredungskraft — eine starke Ueberzeugung, daß die Gluth meines Geistes mir Beredtsamkeit gewähren würde, — daß meine Entschlossenheit selbst — die absolute Nothwendigkeit des Gelingens, die, wie ich fühlte, mir das erringen mußten, was ich suchte«, während ich andrerseits fürchtete, den mit so vieler Mühe und Geschicklichkeit gewonnenen Grund und Boden zu verlieren und durch eine voreilige Anstrengung alle künftigen Hoffnungen zu vernichten, wenn Zeit und Geduld mir den Sieg verschafft haben würden. Es war, als ob ich mein Leben auf den Würfel setze, und doch war ich bereit, den Versuch zu wagen. Auf alle Fälle wollte ich sie um die Erklärung bitten, die sie mir früher halb und halb zu geben versprochen hatte. Ich wollte nach dem Grunde der verhaßten Schranken, des geheimnißvollen Hindernisses meines Glücks, und, wie ich überzeugt war, auch des ihren fragen.
Während ich aber noch überlegte, auf welche Weise ich meinen Besuch am besten fassen könne, erwachte meine Gefährtin mit einem hörbaren Seufzer aus ihren Träumen, blickte nach dem Fenster, wo der blutrothe Erntemond, der sich so eben hinter einem der phantastischen, immergrünen Bäume erhoben hatte, zu uns hereinschien, und sagte:
»Gilbert« es wird spät.«
»Ich sehe es,« sagte ich, »Sie werden wünschen, daß ich gehe.«
»Ich denke, Sie sollten es thun; wenn meine guten Nachbarn diesen Besuch erfahren — was ohne Zweifel geschehen wird — so werden sie ihn nicht sehr zu meinem Vortheil auslegen.«
Sie sagte dies mit einem Lächeln, was der Vikar ohne Zweifel ein wildes genannt haben würde
»Sie mögen es auslegen, wie sie wollen,« sagte ich, »was gehen ihre Gedanken Ihnen oder mir an, so lange wir mit uns und mit einander zufrieden sind. Sie mögen mit Ihren gemeinen Auslegungen und lügnerischen Erfindungen zum Kuckuk gehen!«
Dieser Zornesausbruch brachte ein tiefes Erröthen auf ihr Gesicht.
»Sie haben also gehört, was man von mir sagt?«
»Ich habe einige abscheuliche Lügen gehört, aber kein Mensch, der nicht ein Narr ist, wird sie auch nur einen Augenblick glauben.«
»Ich hielt Mr. Milward für keinen Narren und doch glaubt er das Alles; aber wie wenig Sie auch die Ansichten Ihrer Umgebungen schätzen — wie gering Sie dieselben als Individuen halten mögen, so ist es doch nicht angenehm, für einen Lügner und Heuchler gehalten zu werden, im Rufe zu stehen, das zu thun, was man verabscheut, und die Laster, welche man verdammt, zu üben, — zu finden daß alle guten Absichten durch die geargwöhnte Unwürdigkeit vereitelt und die Grundsätze, zu denen man sich bekennt, geschmäht werden.«
»Ganz richtig, und wenn ich durch meine Gedankenlosigkeit und egoistische Rücksichtslosigkeit in Bezug auf den äußern Schein auch nur im geringsten dazu beigetragen habe, Sie diesen Uebeln auszusetzen, so flehe ich Sie an, mir nicht nur zu verzeihen, sondern mich auch in den Stand zu setzen, Sühnung zu üben, mich zu ermächtigen, Ihren Namen von jeder Beschuldigung zu reinigen, mir das Recht zu geben, Ihre Ehre, als mit der meinen gleich bedeutend zu betrachten, und Ihren Ruf, als kostbarer, wie mein eigenes Leben, zu vertheidigen.«
»Sind Sie Held genug, um sich mit einem Mädchen zu verbinden, von dem Sie wissen, daß es von allen Ihren Umgebungen beargwöhnt und verachtet wird, und Ihre Interessen und Ihre Ehre mit der seinen zu verschmelzen? Bedenken Sie, es ist eine ernste Sache.«
»Ich würde stolz sein, es zu thun, Helene! — höchst glücklich — unaussprechlich entzückt! — und wenn dies alle Hindernisse unsrer Vereinigung sind, so enden dieselben hiermit und Sie müssen, — Sie sollen mein werden!« —
Ich sprang in leidenschaftlicher Gluth von meinem Stuhle auf, bemächtigte mich ihrer Hand, und wollte sie an meine Lippen drücken; sie riß dieselbe aber ebenso plötzlich hinweg und rief mit bitterem Schmerze:
»Nein, das ist nicht Alles!«
»Was ist es denn? Sie haben mir versprochen, daß ich es dereinst erfahren solle und —«
»Sie sollen es erfahren — aber jetzt nicht, — der Kopf schmerzt mir fürchterlich« — sagte sie, ihre Hand an die Stirne drückend, »und ich muß etwas Ruhe haben. Ich bin doch sicherlich heute schon elend genug gewesen,« fügte sie fast wild hinzu.
»Aber es könnte Ihnen nichts schaden, wenn Sie es sagen; es würde Ihren Geist beruhigen, und ich wüßte dann, wie ich Sie trösten solle.«
Sie schüttelte verzweifelnd den Kopf. »Wenn Sie Alles wüßten, so würden auch Sie mich tadeln — vielleicht mehr noch, als ich verdiene — obgleich ich Ihnen schweres Unrecht zugefügt habe,« fügte sie murmelnd, als ob sie laut dächte hinzu.
»Sie, Helene? Unmöglich!«
»Ja, nicht absichtlich, denn ich kannte die Stärke und Tiefe Ihrer Liebe nicht — ich dachte, — wenigstens bemühte ich mich zu denken, — daß Ihre Zuneigung so kalt und brüderlich sei, wie sie vorgaben.«
»Oder wie die Ihre?«
»Oder wie die meine — hätte sein sollen — von so leichter und selbstsüchtiger, aber flüchtiger Natur, daß —«
»Da haben Sie mir wirklich Unrecht gethan!«
»Ich weiß, daß ich das gethan habe, und zuweilen argwöhnte ich es damals; aber ich dachte, daß es im Ganzen keinen großen Schaden thun könne, wenn ich Ihren Phantasieen und Hoffnungen überließ, sich auszuträumen, oder zu einem geeigneteren Gegenstande hinwegzuflattern, während ich Ihre freundschaftliche Zuneigung bewahrt hatte. Würde ich aber die Tiefe Ihrer Neigung, die edle, uneigenützige Liebe gekannt haben, welche Sie zu fühlen scheinen —«
»Scheinen, Helene?«
»Nun, die Sie fühlen, so hatte ich anders gehandelt.«
»Wie? Sie konnten mir nicht weniger Aufmunterung geben, noch mich mit größerer Strenge behandeln, als Sie es thaten. Und wenn Sie denken, daß Sie mir dadurch Unrecht gethan, daß Sie mir Ihre Freundschaft gewahrt, und zuweilen den Genuß Ihrer Gesellschaft und Unterhaltung gestattet haben, wenn alle Hoffnungen auf eine innigere eitel waren — wie sie mir in der Zeit stets zu Verstehen gegeben haben — wenn Sie denken, daß Sie mir dadurch Unrecht zugefügt, so irren Sie sich, denn solche Begünstigungen sind an sich schon nicht nur meinem Herzen köstlich, sondern auch reinigend, erhebend, veredelnd für meine Seele, und ich möchte lieber Ihre Freundschaft, als die Liebe irgend eines anderen Weibes auf der Welt genießen.«
Hierdurch wenig getröstet, faltete sie ihre Hände auf dem Kniee, blickte nach oben, und schien in schweigender Qual den Beistand des Himmels anzurufen; woraus sie sich zu mir wendete und ruhig sagte:
»Wenn Sie mich morgen gegen Mittag auf dem Moore treffen wollen, so werde ich Ihnen Alles sagen, was sie zu wissen wünschen, und dann sehen Sie vielleicht, die Nothwendigkeit ein, unsern Verkehr einzustellen, wenn Sie mich nicht gern als Eine, die nicht länger Achtung verdient, aufgeben sollten.«
»Ich kann hierauf zuversichtlich mit Nein antworten. Sie können nicht so schwere Bekenntnisse zu machen haben — Sie müssen meine Treue auf die Probe setzen, Helene.«
»Nein, nein, nein,« rief sie ernstlich, »ich wollte, daß dem so wäre; dem Himmel sei Dank,« fuhr sie fort, »ich habe kein grobes Verbrechen zu beichten, aber ich habe mehr, als Ihnen zu hören angenehm sein wird, oder Sie vielleicht zu entschuldigen bereit sein werden — und mehr, als ich Ihnen jetzt sagen kann, — lassen Sie sich also bewegen, mich zu verlassen!«
»Ich will; beantworten Sie mir aber erst eine Frage: Lieben Sie mich?«
»Ich werde darauf nicht antworten.«
»Dann werde ich schließen, daß Sie es thun, und nun gute Nacht!« — Sie wendete sich von mir ab, um die Bewegung, welche sie nicht gänzlich zu beherrschen vermochte, zu verbergen. Aber ich ergriff ihre Hand und küßte sie glühend.
»Gilbert, ich bitte, verlassen Sie mich!« rief sie in einem Tone so tiefer Qual, daß ich fühlte, es würde grausam sein, wenn ich ihr den Gehorsam versagen wollte.
Ehe ich die Thür schloß, warf ich aber noch einen Blick nach rückwärts und sah sie mit gegen die Augen gepreßten Händen convulsivisch schluchzend; sich am Tische vorlehnen. Ich entfernte mich jedoch schweigend, ich fühlte, daß ich durch Aufdringen meiner Tröstungen in diesem Augenblicke ihre Leiden nur vergrößern würde.
Wenn ich Ihnen alle die Fragen und Conjekturen, die Befürchtungen und Hoffnungen und milden Regungen erzählen wollte, die einander in meinem Geiste drängten und jagten, so könnte ich damit allein schon einen Band füllen; ehe ich aber noch halb herabgekommen war, hatte ein Gefühl von der Theilnahme an der, welche ich so eben Verlassen, alle übrigen verdrängt, und schien mich gebieterisch zurückzurufen. Ich begann zu denken:
»Warum eile ich so schnell nach dieser Richtung hin? Kann ich zu Hause Trost, Frieden, Gewißheit, Zufriedenheit, alles oder irgend etwas von dem, was mir noth thut, finden? Und kann ich dort alle Unruhe, Sorge und Bekümmernisse hinter mir zurücklassen?«
Und ich wendete mich um und schaute nach der alten Halle. Ueber meinem engen Horizonte war außer dem Schornstein nur wenig davon sichtbar, — ich schritt zurück, um eine bessere Aussicht zu erhalten, als sie sich vor meinen Blicken erhob, blieb ich einen Moment stehen, um darauf hin zu schauen und schritt dann nach dem düstern Gegenstande, welcher mich anzog, weiter. Ein gewisses Etwas rief mich näher — immer näher — und warum nicht? Konnte ich nicht mehr Nutzen aus der Betrachtung des ehewürdigen Gebäudes, über das der volle Mond am wolkenlosen Himmel so ruhig mit dem einer Augustnacht eigenthümlichen warmen, goldenen Glanze herabschien, und in dem sich die Herrin meiner Seele befand, als wenn ich nach meiner Heimath zurückkehrte, wo Alles verhältnißmäßig hell und lebensvoll und heiter und mir das her bei meiner gegenwärtigen Stimmung feindlich war — umso mehr, als alle Bewohner derselben mehr oder weniger von dem verabscheuungswürdigen Glauben angesteckt waren, bei dem bloßen Gedanken an welchem schon das Blut in meinen Adern kochte — und wie konnte ich ertragen, ihn offen kund geben, oder was schlimmer noch, vorsichtig insinuiren zu hören, — da ich so schon Mühe genug mit einem geschwätzigen Satan hatte, — der mir fortwährend in das Ohr flüsterte: »Es kann doch wahr sein,« — bis ich laut schrie: »»Es ist eine Lüge, ich biete dir Trotz, mich zum Glauben daran zu bewegen!««
Ich konnte den rothen Feuerschein in ihrem Zimmer glimmen sehen, ich ging bis an die Gartenmauer, lehnte mich darüber, heftete meine Augen auf das Fenster und dachte, was sie wohl jetzt thun, denken oder leiden möge und wünschte, daß ich jetzt nur ein Wort zu ihr sprechen oder auch unreinen Blick von ihr erhaschen könne, ehe ich ging.
Ich hatte noch nicht lange so hingeblickt, und gewünscht und gedacht, als ich unfähig, der Versuchung, noch einen Blick in das Fenster zu werfen, um zu sehen ob sie gefaßter sei, als bei unsrem Scheiden — und wenn ich sie noch in tiefem Kummer finde, vielleicht ein Wort des Trostes zu versuchen — einem von den vielen Dingen Worte zu geben, die ich früher hätte sagen sollen, statt ihre Leiden durch meine einfältige Heftigkeit zu vergrößern — zu widerstehen, über die Mauer sprang. — Ich sah hinein, ihr Stuhl war leer und ebenso das Zimmer. In diesem Augenblicke öffnete aber Jemand die Hausthür und eine Stimme — ihre Stimme — sagte:
»Komm heraus, ich möchte den Mond sehen und die Abendlust einathmen, dies wird mir wohlthun, wenn es irgend etwas vermag.«
Sie kam also mit Rahel heraus, um einen Spaziergang im Garten zu machen! Ich wünschte mich wohlbehalten über die Gartenmauer zurück — blieb jedoch im Schatten des hohen Stechpalmenbusches stehen, welcher sich zwischen dem Fenster und der Thür befand, und mich für den Augenblick vor Bemerkung schützte, aber nicht verhindern konnte, daß ich zwei Gestalten in dem Mondschein herauskommen sah.
Mrs. Graham, welcher eine andre folgte, nicht — Rahel, sondern ein junger, schlanker, ziemlich langer Mann. O Himmel! wie meine Schläfe pochten! Die furchtbarste Qual verdunkelte meine Augen, aber ich dachte — und die Stimme bestätigte es —— daß es Mr. Lawrence sei.
»Du solltest Dich nicht so sehr davon beängstigen lassen, Helene,« sagte er, »ich werde künftig vorsichtiger sein und mit der Zeit —«
Ich hörte das Uebrige des Satzes nicht, denn er ging dicht neben ihr, und sprach so sanft, daß ich die Worte nicht vernehmen konnte. Mein Herz wollte mir vor Hast zerspringen, aber ich lauschte aufmerksam auf ihre Antwort. Ich hörte sie deutlich genug.
»Aber ich muß diesen Ort verlassen, Friedrich,« sagte sie, »ich kann hier nie glücklich sein — noch irgendwo anders; was das betrifft,« fügte sie mit einem Lachen ohne Heiterkeit hinzu, »aber ich kann hier nicht bleiben.«
»Aber wo könntest Du einen bessern Ort finden,« antwortete er, »so abgeschieden — so nahe bei mir — wenn Du darauf Werth legst.«
»Ja,« antwortete sie« »er ist Alles, was ich wünschen kann, wenn man sich nur nicht um mich kümmern wollte.«
»Aber Du magst gehen, wohin Du willst, Helene, überall wirst Du dieselben Quellen des Aergernisses finden. Ich kann nicht zugeben, daß ich Dich verliere; ich muß mit Dir gehen, oder zu Dir kommen, und es giebt an andern Orten eben so gut aufdringliche Narren, wie hier.«
Unter diesen Reden waren sie langsam den Gartengang hinab an mir vorbei gekommen und ich hörte von ihrem Gespräch weiter nichts, sah aber, wie er seinen Arm um ihren Leib schlang, während sie liebevoll ihre Hand auf seiner Schulter ruhen ließ — und dann verdunkelten sich meine Blicke, das Herz that mir weh und der Kopf brannte mir wie Feuer. Ich stürzte halb, halb schwankte ich von der Stelle hinweg, an die mich das Entsetzen gefesselt hatte, und sprang oder fiel über die Mauer — welches von beiden, weiß ich selbst kaum — aber ich weiß, daß ich mich nachher wie ein erzürntes Kind auf den Boden warf und dort in einem Paroxysmus von Wuth und Verzweiflung liegen blieb — wie lange, kann ich nicht wohl sagen — aber es muß eine bedeutende Zeit gewesen sein, denn als ich, theilweise durch einen Thränenstrom erleichtert, zum Monde hinauf sah, der so ruhig und sorglos, von meinem Elende so wenig berührt wie ich durch sein friedliches Strahlen — herabschien und eifrig um Tod oder Vergessen gebetet hatte. — Als ich mich darauf erhob und, ohne aus den Weg zu achten, aber instinktmäßig von meinen Füßen nach Hause getragen, hinwegging, fand ich die Thür verriegelt und verschlossen und Alles im Bette, außer meiner Mutter, die sich beeilte, auf mein ungeduldiges Klopfen herabzukommen und mich mit einem Regen — von Fragen und Vorwürfen überschüttete.