Kitabı oku: «Gesammelte Werke: Novellen + Kurzgeschichten + Dramen», sayfa 10

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– Nur weinen, weinen! dachte Uselkow.

Aber der Moment dazu war verschwunden. Wie auch der Alte mit den Augen zwinkerte, wie sehr er sich auch auf Moll zu stimmen suchte, aber die Tränen wollten nicht rinnen, und die Kehle schnürte sich nicht mehr zusammen… . Nachdem Uselkow ungefähr zehn Minuten so dagestanden hatte, raffte er sich auf und ging, um Schapkin aufzusuchen.

Der Typhus

Übersetzt von Alexander Eliasberg

Im Raucherabteil des Personenzuges, der aus Petersburg nach Moskau ging, saß der junge Oberleutnant Klimow. Sein Gegenüber war ein älterer Herr mit glattrasiertem Seemannsgesicht, wohl ein vermögender Finne oder Schwede, der während der ganzen Fahrt an seiner Pfeife sog und immer über das gleiche Thema sprach:

»Ha, Sie sind Offizier! Auch mein Bruder ist Offizier, aber bei der Marine… . Er ist Seeoffizier und dient in Kronstadt. Wozu reisen Sie nach Moskau?«

»Ich diene in Moskau.«

»Ha! Haben Sie Familie?«

»Nein, ich wohne mit meiner Schwester und meiner Tante.«

»Auch mein Bruder ist Offizier, Seeoffizier, aber er ist verheiratet, er hat eine Frau und drei Kinder. Ha!«

Der Finne staunte über etwas, grinste idiotisch, so oft er sein »Ha!« ausstieß, und blies jeden Augenblick seine übelriechende Pfeife aus. Klimow, der sich unwohl fühlte und dem es schwer fiel, alle die Fragen zu beantworten, haßte ihn mit ganzer Seele. Er dachte sich, wie gut es wäre, wenn man ihm die Pfeife aus der Hand reißen und unter die Bank werfen, und ihn selbst in ein anderes Abteil verjagen könnte.

– Ein ekelhaftes Volk sind diese Finnen und … auch die Griechen, dachte er sich. – Ein ganz überflüssiges, ekelbaftes Volk, das kein Mensch braucht. Sie nehmen nur umsonst Platz auf dem Erdballe ein. Wozu sind sie überhaupt da? –

Dcr Gedanke an die Finnen und Griechen erregte in seinem ganzen Körper eine Art Uebelkeit. Vergleichshalber wollte er nun an die Franzosen und Italiener denken, aber der Gedanke an diese Völker weckte in ihm nur die Vorstellung von Leierkastenmännern, nackten Weibern und den ausländischen Oeldrucken, wie sie seine Tante über der Kommode hängen hatte.

Der Offizier fühlte sich überhaupt nicht ganz normal. Seine Arme und Beine konnten auf dem Sofa nicht richtig Platz finden, obwohl es ihm ganz zur Verfügung stand; er hatte ein trockenes und klebriges Gefühl im Munde, und der Kopf war ihm mit einem schweren Nebel gefüllt; seine Gedanken regten sich, wie es ihm schien, nicht nur im Schädel, sondern auch außerhalb des Schädels, zwischen den Sofas und den in nächtliches Dunkel gehüllten Menschen. Durch den Nebel hindurch hörte er wie im Traum das Murmeln der Stimmen, das Klopfen der Räder und das Zuschlagen der Türen. Die Glockenzeichen, die Pfiffe der Schaffner, das Herumrennen des Publikums auf den Bahnsteigen waren viel öfter zu hören als gewöhnlich. Die Zeit flog schnell und unmerklich dahin, und darum schien es ihm, daß der Zug jede Minute an einer Station hielt, und jeden Augenblick hörte er die metallischen Stimmen:

»Ist die Post fertig?«

»Fertig!«

Es kam ihm vor, als ob der Heizer viel zu oft in den Wagen käme und auf das Thermometer schaue, als ob das Brausen der entgegenkommenden Züge und das Dröhnen der Räder auf den Brücken ununterbrochen zu hören wären. Der Lärm, die Pfiffe, der Finne, der Tabakrauch – alles vermischte sich mit den Drohungen und dem Winken nebliger Gestalten, auf deren Form und Charakter ein gesunder Mensch sich nicht besinnen kann, und lastete auf Klimow wie ein unerträglicher Alp. Von entsetzlichem Unlustgefühl bedrückt, hob er zuweilen den schweren Kopf, sah nach einer Laterne, in deren Lichte Schatten und Nebelflecke tanzten, und wollte um Wasser bitten, aber seine ausgetrocknete Zunge bewegte sich kaum, und er hatte fast nicht die Kraft, die Fragen des Finnen zu beantworten. Er versuchte, sich bequem auszustrecken und einzuschlafen, aber das gelang ihm nicht; der Finne schlief ein, erwachte, setzte seine Pfeife in Brand, wandte sich an ihn mit seinem »Ha!« und schlief wieder ein, und das wiederholte sich einigemal, aber die Beine des Oberleutnants konnten noch immer nicht Platz auf dem Sofa finden, und die drohenden Gestalten standen immer vor seinen Augen.

In Spirowo ging er ins Stationsgebäude, um Wasser zu trinken. Er sah hier Leute am Tische sitzen und mit großer Eile essen.

– Wie können sie nur essen! dachte er sich und gab sich Mühe, die Luft, die nach gebratenem Fleische roch, nicht einzuatmen und die kauenden Münder nicht zu sehen: beides erschien ihm ekelerregend.

Eine hübsche Dame unterhielt sich laut mit einem Offizier in roter Mütze und zeigte beim Lächeln herrliche weiße Zähne; das Lächeln, die Zähne und die Dame selbst erregten in Klimow den gleichen Ekel wie der Schinken und die Kotelette. Er konnte nicht begreifen, wie der Offizier in roter Mütze den Mut hatte, an ihrer Seite zu sitzen und ihr blühendes, lächelndes Gesicht anzuschauen.

Er trank etwas Wasser, und als er in sein Abteil zurückkehrte, war der Finne wieder wach und rauchte. Seine Pfeife gab heisere, schluchzende Töne von sich wie ein durchlöcherter Gummischuh bei nassem Wetter.

»Ha!« rief er erstaunt. »Was ist das für eine Station?«

»Ich weiß nicht,« antwortete Kliwow. Er legte sich hin und schloß den Mund, um den beißenden Tabakrauch nicht atmen zu müssen.

»Und wann kommen wir nach Twer?«

»Ich weiß nicht. Entschuldigen Sie, ich … ich kann Ihnen keine Antwort geben. Ich bin krank, ich habe mich erkältet.«

Der Finne klopfte seine Pfeife am Fensterrahmen aus und begann von seinem Bruder, dem Seeoffizier zu erzählen. Klimow hörte ihm nicht mehr zu und dachte mit Sehnsucht an sein weiches, bequemes Bett, an die Karaffe mit kaltem Wasser und an seine Schwester Katja, die es so gut versteht, ihn zu Bett zu bringen, zu beruhigen und ihm Wasser zu reichen. Er lächelte sogar, als er in Gedanken seinen Burschen Pawel sah, wie er ihm die schweren, drückenden Stiefel auszog und ein Glas Wasser auf das Nachttischchen stellte. Er glaubte, daß, wenn er sich bloß in sein Bett legen und etwas Wasser trinken könnte, der Alp einem tiefen, gesunden Schlafe Platz machen würde.

»Ist die Post fertig?« fragte draußen eine dumpfe Stimme.

»Fertig!« antwortete eine Baßstimme dicht vor dem Fenster.

Das war schon die zweite oder dritte Station nach Spirowo.

Die Zeit flog schnell, ruckweise dahin, und es war ihm, als ob die Glockenzeichen, Pfiffe und Haltestellen niemals aufhören würden. Klimow drückte das Gesicht voller Verzweiflung in eine Sofaecke, umfaßte den Kopf mit beiden Händen und begann wieder an seine Schwester Katja und den Burschen Pawel zu denken; aber die Schwester und der Bursche vermischten sich mit den Nebelbildern und verschwanden. Sein heißer Atem wurde von der Sofalehne zurückgeworfen und versengte ihm das Gesicht, seine Beine lagen unbequem, aus dem Fenster zog es ihm in den Rücken, aber wie qualvoll seine Lage auch war, wollte er sie doch nicht mehr wechseln… . Eine schwere, unheimliche Faulheit bemächtigte sich seiner und fesselte seine Glieder.

Als er sich entschloß, den Kopf zu heben, war es im Wagen schon ganz hell. Die Passagiere zogen ihre Pelzmäntel an und bewegten sich hin und her. Der Zug hielt. Träger mit weißen Schürzen und Blechnummern an der Brust machten sich überall zu schaffen und griffen nach dem Gepäck. Klimow zog seinen Mantel an und ging mechanisch mit den anderen aus dem Wagen. Es schien ihm, als ob es gar nicht er sei, der da ging, sondern jemand anderer, Fremder, und er fühlte, daß zugleich mit ihm auch sein Fieber, sein Durst und die drohenden Gestalten, die ihn die ganze Nacht nicht hatten einschlafen lassen, aus dem Wagen gestiegen waren. Er holte mechanisch sein Gepäck und nahm sich eine Droschke. Der Droschkenkutscher verlangte von ihm in der Powarskajastraße einen Rubel fünfundzwanzig, er aber feilschte nicht und setzte sich gehorsam in den Schlitten. Den Unterschied zwischen den Zahlen verstand er noch, aber das Geld hatte für ihn gar keinen Wert mehr.

Zu Hause empfingen ihn die Tante und seine Schwester Katja, ein achtzehnjähriges junges Mädchen. Katja hielt bei der Begrüßung ein Heft und einen Bleistift in der Hand, und er erinnerte sich, daß sie sich zum Lehrerinnenexamen vorbereitete. Ohne die Fragen und Begrüßungen zu beantworten, ging er planlos durch alle Zimmer, dann zu seinem Bett und fiel mit dem Kopf in die Kissen. Der Finne, die rote Mütze, die Dame mit den weißen Zähnen, der Bratengeruch und die verschwimmenden Flecken füllten auf einmal sein ganzes Bewußtsein, und er wußte nicht mehr, wo er war, und hörte nicht die besorgten Stimmen.

Als er zu sich kam, sah er sich entkleidet in seinem Bette liegen, sah die Wasserkaraffe auf seinem Nachttisch und den Burschen Pawel, aber davon wurde es ihm weder kühler, noch weicher, noch bequemer. Beine und Arme wollten noch immer nicht richtig liegen, die Zunge klebte am Gaumen, und er hörte das Schmatzen der Pfeife… . Am Bette machte sich, den Burschen Pawel mit seinem breiten Rücken stoßend, der dicke, schwarzbärtige Hausarzt zu schaffen.

»Keine Sorge, junger Mann!« murmelte er. »Sehr schön, sehr schön… . So, so… .«

Der Arzt nannte Klimow einen jungen Mann, und sagte immer: so, so, und: ja, ja… .

»Ja, ja, ja,« schüttelte er nur so hin. »So, so… . Sehr schön, junger Mann… . Nur nicht den Mut verlieren!«

Das schnelle, unhöfliche Gerede des Doktors, sein sattes Gesicht und die herablassende Anrede »junger Mann« brachten Klimow außer sich.

»Warum nennen Sie mich junger Mann?« stöhnte er. »Was für eine plumpe Vertraulichkeit? Zum Teufel!«

Und er erschrak vor seiner eigenen Stimme. So trocken, schwach und singend war diese Stimme, daß er sie gar nicht wiedererkannte.

»Sehr gut, herrlich,« murmelte der Arzt, der sich gar nicht verletzt zu fühlen schien. »Nur keine Aufregung… . Ja, ja… .«

Auch zu Hause flog die Zeit ebenso schnell dahin wie in der Eisenbahn… . Das Tageslicht wechselte in seinem Schlafzimmer jeden Augenblick mit der Abenddämmerung ab. Der Arzt schien von seinem Bette gar nicht wegzugehen, und er hörte jeden Augenblick sein »Ja, ja«. Ein langer Reigen verschiedener Menschen zog an seinem Bette vorbei. Er erkannte den Burschen Pawel, den Finnen, den Feldwebel Marimenko, den Offizier mit der roten Mütze, die Dame mit den weißen Zähnen und den Arzt. Sie alle sprachen, fuchtelten mit den Händen, rauchten und aßen. Einmal erblickte er sogar bei Tageslicht seinen Regimentsgeistlichen P. Alexander, der in vollem Ornat mit dem Brevier in der Hand vor seinem Bette stand, etwas murmelte und dabei ein so ernstes Gesicht machte, wie es Klimow bei ihm noch niemals gesehen hatte. Dem Oberleutnant fiel es ein, daß P. Alexander alle Offiziere katholischer Konfession in freundschaftlichem Verkehr »Pollaken« zu nenen pflegte; um ihn zum Lachen zu bringen, sagte er ihm jetzt:

»Hochwürden, der Pollake Jaroschewitsch ist zu den Aufständischen entlaufen!«

Aber P. Alexander, der sonst lustig und zum Lachen aufgelegt war, lachte jetzt nicht, sondern wurde noch ernster und bekreuzigte Klimow. Während der Nacht erschienen jeden Augenblick zwei Schatten vor seinem Bette. Es waren die Tante und die Schwester. Der Schatten der Schwester kniete nieder und betete: sie verneigte sich vor dem Heiligenbilde, und auch ihr grauer Schatten an der Wand verneigte sich, so daß zwei Schatten zu Gott beteten. Es roch die ganze Zeit nach Braten und nach der Pfeife des Finnen, aber einmal spürte Klimow auch den ausgesprochenen Geruch von Weihrauch. Es wurde ihm davon übel, und er schrie:

»Weihrauch! Fort mit dem Weihrauch!«

Er bekam keine Antwort. Er hörte nur leisen Priestergesang und wie jemand die Treppe auf und ab lief.

Als Klimow wieder zu sich kam, war im Schlafzimmer keine Seele. Die Morgensonne leuchtete durch den Vorhang herein, und ein wie eine Klinge feiner und graziöser zitternder Strahl spielte auf der Karaffe. Draußen dröhnten Wagenräder, also gab es keinen Schnee mehr. Der Oberleutnant betrachtete den Sonnenstrahl, die ihm wohlbekannten Möbel, die Türe und lachte plötzlich auf. Seine Brust und sein ganzer Leib zitterten vor süßem, seligem, kitzelndem Lachen. Seines ganzen Wesens vom Kopf bis zu den Füßen bemächtigte sich das Gefühl eines grenzenlosen Glückes und einer Lebensfreude, wie sie wohl der erste Mensch empfand, als er eben erschaffen war und zum ersten Mal die Welt sah. Klimow verlangte es leidenschaftlich nach Bewegung, nach Menschen, nach Stimmen. Sein Körper lag wie eine unbewegliche Masse da, nur seine Hände allein bewegten sich, aber er merkte es kaum und lenkte seine ganze Aufmerksamkeit auf allerlei Kleinigkeiten. Er freute sich über seinen Atem, über sein Lachen, er freute sich, daß es die Karaffe, die Zimmerdecke, den, Sonnenstrahl und das Band am Fenstervorhang gab. Die Welt Gottes erschien ihm selbst in einem so engen Raume wie sein Schlafzimmer herrlich, reich und groß. Als der Doktor kam, dachte sich der Oberleutnant, was für ein herrliches Ding die Medizin sei, wie lieb und sympathisch der Arzt, und wie gut und interessant alle Menschen wären.

»Ja, ja, ja,« sagte der Doktor. »Herrlich, herrlich. Nun sind wir gesund… . So, so!«

Der Oberleutnant hörte ihm zu und lachte vor Freude. Er erinnerte sich an den Finnen, an den Schinken und an die Dame mit den weißen Zähnen, und spürte plötzlich Lust zu essen und zu rauchen.

»Herr Doktor,« sagte er, »lassen Sie mir doch ein Stück Schwarzbrot mit Salz geben und … und Sardinen.«

Der Arzt verweigerte es ihm, Pawel hörte nicht auf den Befehl seines Herrn und brachte kein Brot. Der Oberleutnant konnte das nicht ertragen und fing wie ein verzogenes Kind zu weinen an.

»Kleinchen!« rief der Arzt lachend. »Mama! Eia popeia!«

Auch Klimow lachte und schlief, als der Arzt gegangen war, sofort ein. Er erwachte mit dem gleichen Gefühl von Freude und Seligkeit. An seinem Bette saß die Tante.

»Ach so, die Tante!« rief er erfreut. »Was hab ich gehabt?«

»Flecktyphus.«

»So, so. Jetzt ist mir aber so wohl, so wohl! Wo ist Katja?«

»Sie ist nicht zu Hause. Ist wohl nach dem Examen irgendwo hingegangen.«

Als die Alte das sagte, beugte sie sich über ihren Strickstrumpf; ihre Lippen zitterten, sie wandte sich weg und fing plötzlich zu schluchzen an. In ihrer Verzweiflung dachte sie nicht mehr an das Verbot des Arztes und sagte:

»Ach, Katja, Katja! Unser Engel ist nicht mehr! …«

Sie ließ den Strumpf fallen, und als sie sich nach ihm beugte, rutschte ihr die Haube vom Kopf. Klimow blickte verständnislos ihren grauen Kopf an und fragte erschrocken:

»Wo ist sie denn? Tante!«

Die Alte, die nicht mehr an Klimow, sondern nur noch an ihren Schmerz dachte, sagte:

»Sie hat sich bei dir den Typhus geholt und … und ist gestorben. Vorgestern hat man sie beerdigt.«

Diese schreckliche, unerwartete Neuigkeit bemächtigte sich im Nu des Bewußtseins Klimows, aber wie entsetzlich und stark sie auch war, konnte sie die animalische Freude doch nicht niederringen, die den genesenden Oberleutnant erfüllte. Er weinte und lachte und begann sehr bald zu schimpfen, daß man ihm nichts zu essen gäbe.

Erst nach einer Woche, als er in seinem Schlafrock, von Pawel gestützt, ans Fenster trat, den bewölkten Frühlingshimmel sah und das unangenehme Dröhnen der alten Eisenbahnschienen, die man gerade vorbeiführte, hörte, krampfte sich sein Herz vor Weh zusammen, und er drückte die Stirne an das Fensterglas und weinte.

»Wie unglücklich bin ich!« stammelte er. »Mein Gott, wie unglücklich!«

Und seine Freude machte Platz der gewohnten Langweile und dem Gefühl eines unwiederbringlichen Verlustes.

Wolodja

Übersetzt von Alexander Eliasberg

Wolodja, ein siebzehnjähriger, unschöner, kränklicher und schüchterner Junge saß an einem Sonntag, gegen fünf Uhr nachmittags in einer Gartenlaube an der Schumichinschen Landwohnung und langweilte sich. Seine wenig lustigen Gedanken bewegten sich in drei Richtungen. Erstens, hatte er morgen, Montag ein Examen in der Mathematik; er wußte, daß ihm, wenn er die schriftliche Aufgabe nicht machen würde, die Relegation bevorstand, da er in der sechsten Klasse schon einmal sitzengeblieben war und dreieinviertel als Jahresnote in der Algebra hatte. Zweitens, bereitete der Aufenthalt bei den Schumichins, der reichen Familie mit Prätentionen auf Aristokratismus, unaufhörliche Schmerzen seinem Ehrgeize. Ihm schien es, daß Frau Schumichin und ihre Nichten ihn und seine Mutter als arme Verwandte und Schmarotzer ansahen, daß sie seine Mama wenig achteten und über sie lachten. Einmal hatte er zufällig gehört, wie Frau Schumichin ihrer Kusine Anna Fjodorowna auf der Veranda sagte, daß seine Mama sich noch immer um jeden Preis jugendlich und schön machen wolle, daß sie ihre Kartenverluste niemals bezahle und eine Vorliebe für fremdes Schuhwerk und fremde Zigaretten habe. Wolodja flehte seine Mutter tagtäglich an, die Schumichins nicht mehr zu besuchen; er schilderte ihr die traurige Rolle, die sie bei diesen Herrschaften spielte, suchte sie zu überreden, wurde zuweilen auch grob, aber die leichtsinnige, verhätschelte Mama, die in ihrem Leben schon zwei Vermögen – ihr eigenes und das ihres Mannes – durchgebracht hatte und stets zu den vornehmsten Kreisen tendierte, wollte ihn nicht verstehen, und Wolodja mußte sie zweimal in der Woche auf die ihm verhaßte Landwohnung begleiten.

Drittens, konnte sich der junge Mann für keinen Augenblick von einem sonderbaren unangenehmen Gefühl befreien, das ihm vollkommen neu war … Ihm kam es vor, daß er in die Kusine der Schumichins, Anna Fjodorowna, die bei ihnen als Gast weilte, verliebt sei. Es war eine lebhafte, immer zum Lachen aufgelegte, etwas laute Dame von etwa dreißig Jahren, gesund, kräftig, rosig, mit rundlichen Schultern, rundem, vollem Kinn und ständigem Lächeln auf den feinen Lippen. Sie war weder hübsch, noch jung, – Wolodja wußte das ganz genau, aber er hatte nicht die Kraft, an sie nicht zu denken und sie nicht anzugaffen, wenn sie beim Krocketspiel ihre rundlichen Schultern zuckte, und den glatten Rücken bewegte, oder wenn sie nach dem langen Lachen und Herumrennen sich in einen Sessel fallen ließ, die Augen schloß, schwer atmete und so tat, als ob ihr etwas den Busen beengte und den Atem nähme. Sie war verheiratet. Ihr Mann, ein solider Architekt, kam einmal in der Woche aufs Land, schlief ausgezeichnet aus und kehrte am nächsten Morgen wieder in die Stadt zurück. Das seltsame Gefühl hatte bei Wolodja damit begonnen, daß er plötzlich einen grundlosen Haß gegen diesen Architekten spürte und sich jedesmal freute, wenn er abreiste.

Und auch jetzt, als er in einer Laube saß und an das bevorstehende Examen und an seine Mama, über die sich alle lustig machten, dachte, fühlte er ein mächtiges Verlangen, Njuta (so nannten die Schumichins Anna Fjodorowna) zu sehen, ibr Lachen und das Rascheln ihres Kleides zu hören … Dieses Verlangen hatte gar nichts von jener reinen, poetischen Liebe, die er aus Romanen kannte und die er sich jeden Abend beim Schlafengehen ersehnte; das Gefühl war so seltsam und unverständlich, er schämte sich seiner und fürchtete es als etwas Häßliches und Unreines, das er sich selbst nicht gerne eingestehen wollte ....

»Das ist keine Liebe,« sagte er sich. »In eine dreißigjährige und verheiratete Frau verliebt man sich nicht … Es ist einfach eine kleine Liebelei … Ja, eine Liebelei …«

Beim Gedanken an die Liebelei fielen ihm seine unüberwindliche Schüchternheit, der Mangel eines Schnurrbartes und seine Sommersprossen und Schlitzaugen ein; wenn er sich selbst an Njutas Seite dachte, erschien ihm dieses Paar ganz unmöglich; und er beeilte sich, sich als hübsch, kühn, geistreich und nach der letzten Mode gekleidet vorzustellen ....

Inmitten dieser Träume, als er zusammengekauert und auf den Boden blickend in der dunkelsten Ecke der Laube saß, ertönten plötzlich leise Schritte. Jemand ging durch die Allee. Die Schritte verstummten, und vor dem Eingange schimmerte etwas Weißes.

»Ist hier jemand?« fragte eine weibliche Stimme.

Wolodja erkannte die Stimme und hob erschrocken den Kopf.

»Wer ist hier?« fragte Njuta, in die Laube tretend. »Ach, Sie sind es, Wolodja! Was machen Sie hier? Grübeln? Wie kann man nur immer grübeln … so kann man ja auch verrückt werden!«

Wolodja stand auf und blickte Njuta verlegen an. Sie kam soeben vom Baden. Sie hatte ein Badelaken und ein Frottierhandtuch um die Schultern hängen, und unter dem weißseidenen Kopftuche lugten nasse Haare hervor, die an der Stirne klebten. Ihr entströmte ein feuchter, kühler Geruch von Bad und Mandelseife. Nach dem schnellen Gehen atmete sie schwer. Der oberste Knopf ihrer Bluse war aufgegangen, und der Jüngling konnte ihren Hals und Brustansatz sehen.

»Was schweigen Sie denn?« fragte Njuta, Wolodja musternd. »Es ist unhöflich zu schweigen, wenn eine Dame mit Ihnen spricht. Was sind Sie für ein Tolpatsch, Wolodja! Sie sitzen immer da und schweigen und grübeln wie ein Philosoph. In Ihnen ist gar kein Leben, kein Feuer! Sie sind wirklich ekelhaft … In Ihrem Alter muß man leben, springen, plaudern, Damen den Hof machen, sich verlieben.«

Wolodja blickte das Badelaken an, das sie mit ihrer weißen, vollen Hand hielt, und dachte, dachte ....

»Er schweigt!« wunderte sich Njuta. »Das ist sogar merkwürdig … Hören Sie einmal, seien Sie doch ein Mann! Lächeln Sie doch wenigstens! Pfui, ekelhafter Philosoph!« rief sie lachend. »Wissen Sie, Wolodja, warum Sie so ein Tolpatsch sind? Weil Sie niemand den Hof machen. Warum machen Sie niemand den Hof? Es gibt hier freilich keine jungen Mädchen, aber was hindert Sie, Damen den Hof zu machen? Warum machen Sie, zum Beispiel, mir nicht den Hof?«

Wolodja hörte ihr zu und rieb sich, in schwere, gespannte Gedanken versunken, die Schläfe.

»Nur sehr stolze Menschen schweigen und lieben die Einsamkeit,« fuhr Njuta fort, seine Hand von der Schläfe wegziehend. »Sie sind zu stolz, Wolodja … Warum blicken Sie so mürrisch drein? Wollen, Sie mir doch gerade in die Augen schauen! Nun, Sie, Tolpatsch!«

Wolodja entschloß sich, etwas zu sagen. Er wollte lächeln, zuckte mit der Unterlippe, zwinkerte mit den Augen und führte wieder die Hand an die Schläfe.

»Ich … ich liebe Sie!« sagte er.

Njuta hob erstaunt die Brauen und fing zu lachen an.

»Was höre ich?!« sang sie, wie ein Opernsänger zu singen pflegt, wenn ihm etwas Schreckliches berichtet wird. »Wie? Was haben Sie gesagt? Wiederholen Sie es, wiederholen Sie es …«

»Ich … ich liebe Sie!« sagte Wolodja noch einmal.

Ohne Beteiligung seines Willens und ohne Ueberlegnng machte er einen halben Schritt auf Njuta zu und faßte sie am Handgelenk. Er sah fast nichts, Tränen traten ihm in die Augen, und die ganze Welt hatte sich in ein großes Frottierhandtuch verwandelt, das nach Bad roch.

»Bravo, bravo!« hörte er sie lustig lachen. »Was schweigen Sie denn? Ich möchte, daß Sie sprechen! Nun?«

Als Wolodja merkte, daß sie ihre Hand nicht zurückzog, blickte er ihr ins lachende Gesicht und nahm sie ungeschickt mit beiden Händen um die Taille, so daß die Finger beider Hände sich auf ihrem Rücken trafen. So hielt er sie um die Taille, sie aber verschränkte beide Hände im Nacken, so daß er die Grübchen an ihren Ellenbogen sehen konnte, nestelte unter dem Kopftuch an ihren Haaren und sprach mit ruhiger Stimme:

»Man muß gewandt, liebenswürdig und galant sein, Wolodja, und das kann nur unter dem Einflusse weiblicher Gesellschaft werden. Was haben Sie aber für ein unangenehmes … böses Gesicht. Man muß sprechen, man muß lachen … Ja, Wolodja, seien Sie doch kein Wauwau, Sie sind noch jung und haben genug Zeit zum Philosophieren. Nun, lassen Sie mich, ich muß gehen. Lassen Sie mich doch!«

Sie befreite sich mühelos aus seinen Armen und ging trällernd aus der Laube. Wolodja blieb allein. Er strich sich das Haar zurecht, lächelte und ging dreimal von der einen Ecke in die andere; dann setzte er sich auf die Bank und lächelte noch einmal. Er schämte sich so furchtbar und staunte sogar, daß das menschliche Schamgefühl eine solche Kraft und Schärfe erreichen kann. Vor Scham lächelte er, flüsterte irgendwelche unzusammenhängende Worte und gestikulierte.

Er schämte sich, daß man ihn eben wie einen grünen Jungen behandelt hatte; er schämte sich seiner Schüchternheit; vor allen Dingen schämte er sich aber dessen, daß er sich erkühnt hatte, eine anständige verheiratete Dame um die Taille zu fassen, wozu ihm, wie er glaubte, weder sein Alter, noch seine äußeren Vorzüge, noch seine Stellung in der Gesellschaft auch das geringste Recht gaben.

Er sprang auf, trat aus der Laube und ging, ohne sich umzublicken, in die Tiefe des Gartens, möglichst weit vom Hause weg.

– Ach, wenn ich doch bald von hier fort könnte! – dachte er, sich an den Kopf fassend. – Mein Gott, so schnell als möglich! –

Der Zug, mit dem Wolodja und seine Mama abreisen sollten, ging um acht Uhr vierzig abends. Es blieben also noch an die drei Stunden; aber wie gerne wäre er schon jetzt, ohne auf Mama zu warten, zur Bahnstation gegangen ....

Gegen halb acht ging er auf das Haus zu. Seine ganze Figur drückte Entschlossenheit aus: komme, was kommen mag! Er hatte sich entschlossen, mutig aufzutreten, gerade vor sich zu blicken und laut zu sprechen, was ihn auch erwarten sollte.

Er ging durch die Veranda und den großen Saal und blieb im Gastzimmer stehen, um sich zu verschnaufen. Hier konnte er hören, daß man im anstoßenden Eßzimmer beim Tee saß. Frau Schumichina, seine Mama und Njuta unterhielten sich über etwas und lachten.

Wolodja horchte.

»Ich versichere Sie!« sagte Njuta: »Ich traute meinen Augen nicht! Als er mir seine Liebe gestand und mich sogar, denken Sie sich nur, um die Taille nahm, konnte ich ihn kaum wiedererkennen. Wissen Sie, er hat schon so eine gewisse Manier! Als er mir sagte, daß er in mich verliebt sei, blickte er so wild wie ein Tscherkesse.«

»Ist's möglich!« stöhnte die Mama auf und brach in Lachen aus. »Ist's möglich! Wie erinnert er mich doch an seinen Vater!«

Wolodja lief zurück und stürzte ins Freie.

– Wie können sie darüber laut sprechen! – dachte er sich voller Gram, die Hände zusammenschlagend und entsetzt auf den Himmel blickend. – Sie sprechen davon ganz ruhig und laut … Und Mama lacht … meine Mama! Mein Gott, warum hast du mir eine solche Mutter gegeben? Warum? –

Aber er mußte doch unbedingt zu den Damen. Er ging dreimal durch die Allee, beruhigte sich ein wenig und trat wieder ins Haus.

»Warum kommen Sie so unpünktlich zum Tee?« fragte Frau Schumichina streng.

»Entschuldigen Sie … ich muß schon fahren,« stammelte er, ohne die Augen zu heben, »Mama, es ist schon acht!«

»Fahre allein, liebes Kind,« sagte die Mama ganz matt. »Ich bleibe bei der Lilli über Nacht. Leb wohl, mein Freund … Komm her, ich will dich bekreuzigen …«

Sie bekreuzigte ihn und sagte französisch, sich an Njuta wendend:

»Er sieht doch ein wenig Lermontow ähnlich … Nicht wahr?«

Wolodja nahm Abschied, ohne jemand anzublicken, und ging aus dem Eßzimmer. Nach zehn Minuten war er schon auf dem Wege zur Station und freute sich darüber. Jetzt spürte er weder Angst noch Scham und atmete leicht und frei.

Eine halbe Werst vor der Station setzte er sich auf einen Stein am Straßenrande und begann auf die Sonne zu blicken, die schon mehr als zur Hälfte hinter dem Bahndamm untergegangen war. Auf der Station brannten schon Lichter, ein trübes grünes Flämmchen leuchtete auf, aber vom Zuge war noch nichts zu sehen. Wolodja war es angenehm, unbeweglich dazusitzen und zu beobachten, wie der Abend anbrach. Das Halbdunkel in der Laube, die Schritte, der Geruch des Lakens, das Lachen und die Taille – alles stand auf einmal mit erstaunlicher Deutlichkeit vor ihm und erschien ihm nicht mehr so schrecklich und bedeutsam wie früher ....

– Unsinn … Sie zog die Hand nicht fort und lachte, als ich sie um die Taille hielt, – dachte er sich: – also war es ihr angenehm. Wenn es ihr unangenehm wäre, so wäre sie böse geworden … –

Jetzt ärgerte sich Wolodja darüber, daß er vorhin, in der Laube, nicht kühn genug gewesen war. Es tat ihm leid, daß er jetzt abreisen mußte, und er war überzeugt, daß, wenn sich ihm wieder die Gelegenheit böte, er viel kühner und einfacher handeln würde.

Die Gelegenheit kann sich aber sehr leicht bieten. Bei den Schumichins pflegt man nach dem Abendessen noch lange herumzuspazieren. Wenn Wolodja mit Njuta durch den dunklen Garten geht, so ist auch schon die Gelegenheit da!

– Ich kehre um, – dachte er sich, – und fahre morgen mit dem Frühzug … Ich werde ihnen sagen, daß ich den Zug versäumt habe. –

Und er kehrt um … Frau Schumichina, seine Mutter, Njuta und eine der Nichten saßen auf der Veranda und spielen Whist. Wolodja log ihnen vor, daß er den Zug versäumt hätte; sie äußerten die Befürchtung, daß er morgen das Examen verpassen könnte, und rieten ihm, recht früh aufzustehen. Solange sie Karten spielten, saß er abseits, betrachtete Njuta mit gierigen Augen und wartete … Er hatte schon einen Plan fertig: er wird im Dunkeln auf Njuta zugehen, sie bei der Hand fassen und dann umarmen … er braucht dabei nichts zu sagen, denn alles wird ihnen beiden auch ohne Worte klar sein.

Nach dem Abendessen gingen die Damen gar nicht in den Garten, sondern setzten das Kartenspiel fort. Sie spielten bis ein Uhr nachts und gingen dann schlafen.

– Wie dumm! – ärgerte sich Wolodja, als er zu Bette ging. – Macht aber nichts, ich warte bis morgen … Morgen wieder in der Laube. Macht nichts … –

Er bemühte sich, nicht einzuschlafen, saß im Bett, hielt die Knie mit beiden Händen umschlungen und dachte. Der Gedanke an das Examen war ihm widerlich. Er hatte sich schon damit abgefunden, daß man ihn relegieren würde und daß dies gar nicht so entsetzlich sei. Morgen wird er ganz frei sein, morgen kann er Zivil tragen, öffentlich rauchen, öfters herkommen und Njuta nach Herzenslust den Hof machen; er wird kein Gymnasiast mehr sein, sondern ein »junger Mann«. Das Uebrige aber, was man Karriere und Zukunft nennt, ist ja klar: Wolodja kann Einjähriger werden, oder Telegraphenbeamter, oder Apothekerlehrling und es mit der Zeit zum Provisor bringen … gibt es denn wenig Berufe? So verging eine Stunde, noch eine Stunde, und er saß immer im Bett und dachte ....

Gegen drei Uhr, als schon der Morgen dämmerte, knarrte leise die Türe, und die Mama kam ins Zimmer.

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07 ekim 2025
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9788026825722
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