Kitabı oku: «Gesammelte Werke: Novellen + Kurzgeschichten + Dramen», sayfa 6

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XI

Nach dem warmen, heiteren Wetter kam eine trübe, naßkalte Zeit, und die Wege wurden unpassierbar; den ganzen Mai hindurch war es kalt und regnete. Das Klappern der Mühle und das Rauschen des Regens stimmten zum Nichtstun und Schlafen. Der Fußboden zitterte, es roch nach Mehl und auch das schläferte ein. Meine Frau kam in einem kurzen Schafspelz, in hohen Männergaloschen zweimal am Tage auf die Mühle und sagte immer dasselbe:

»Und das nennt sich Sommer! Das ist ja schlimmer als im Oktober!«

Wir tranken zusammen Tee, kochten Brei, oder saßen stundenlang schweigend da und warteten, ob der Regen nicht aufhören würde. Einmal, als Stepan auf einen Jahrmarkt gegangen war, blieb Mascha die Nacht über auf der Mühle. Als wir aufstanden, konnten wir unmöglich feststellen, wie spät es war, denn die Regenwolken verdunkelten den ganzen Himmel; wir hörten nur die schläfrigen Hähne in Dubetschnja krähen und die Wachteln auf der Wiese schnarren; es war noch sehr früh … Wir gingen zum Teich und zogen das Netz heraus, das Stepan am Abend in unserem Beisein aufgestellt hatte. Darin zappelten ein großer Barsch und ein Krebs.

»Laß sie heraus,« sagte Mascha. »Sollen sie auch glücklich sein.«

Weil wir sehr früh aufgestanden waren und nachher nichts getan hatten, kam mir dieser Tag sehr lang vor, wohl als der längste meines Lebens. Gegen Abend kehrte Stepan zurück, und ich ging nach Hause.

»Heute war dein Vater hier,« sagte mir Mascha.

»Wo ist er denn?« fragte ich.

»Er ist wieder fort, ich habe ihn nicht empfangen.«

Da sie sah, daß ich schweigend stehenblieb und daß mir mein Vater leid tat, sagte sie:

»Man muß konsequent sein. Ich habe ihn nicht empfangen und ihm sagen lassen, daß er sich nicht mehr herbemühen möchte.«

Nach einer Minute war ich schon draußen auf dem Wege zur Stadt, um mich mit meinem Vater auszusprechen. Es war schmutzig, naß und kalt. Zum erstenmal nach meiner Hochzeit war mir traurig zumute, und durch mein Gehirn, das von diesem langen, grauen Tage ermüdet war, ging der Gedanke, daß ich vielleicht nicht so lebe, wie ich sollte. Ich wurde müde, allmählich bemächtigten sich meiner Kleinmütigkeit und Faulheit, und ich wollte mich nicht mehr bewegen, wollte nicht denken. Ich gab meine Absicht auf und kehrte um.

Mitten auf dem Hofe stand der Ingenieur in einem Ledermantel mit Kapuze und sprach sehr laut:

»Wo sind die Möbel? Es waren wunderbare Möbel im Empirestil, es waren Bilder, Vasen, und jetzt ist alles leer! Ich habe doch das Gut mit den Möbeln gekauft, daß sie der Teufel!«

Neben ihm stand, die Mütze in der Hand, Moïssej, der Arbeiter der Generalin, ein etwa fünfundzwanzigjähriger Bursche, mager und pockennarbig, mit kleinen frechen Augen. Eine seiner Wangen war kleiner als die andere, als ob er sie sich im Schlafe eingedrückt hätte.

»Euer Hochwohlgeboren haben das Gut ohne die Möbel zu kaufen geruht,« sagte er kleinlaut. »Ich erinnere mich.«

»Halt's Maul!« schrie ihn der Ingenieur an. Er wurde blaurot und zitterte, und das Echo im Garten wiederholte sein Geschrei.

XII

Wenn ich im Garten oder im Hofe etwas machte, stand dieser Moïssej immer, die Hände im Rücken, dabei und starrte mich mit seinen frechen, kleinen Augen an. Das ärgerte mich dermaßen, daß ich dann die Arbeit aufgab und fortging.

Von Stepan hatten wir erfahren, daß Moïssej der Geliebte der Generalin war. Ich merkte, daß die Leute, die zu ihr in Geldsachen kamen, sich immer zuerst an Moïssej wandten, und einmal sah ich, wie ein schwarzer Bauer, wohl ein Köhler, sich vor ihm bis zur Erde verneigte; zuweilen tuschelte er mit den Leuten und gab das Geld aus eigener Tasche, ohne es erst der Gnädigen zu melden, woraus ich schloß, daß er bei Gelegenheit auch auf eigene Rechnung operierte.

Er schoß in unserm Garten mit dem Gewehr, stahl aus unserm Keller Lebensmittel und benutzte oft, ohne uns zu fragen, unsere Pferde. Wir empörten uns darüber und glaubten nicht mehr, daß Dubetschnja wirklich unser Eigentum sei. Mascha wurde oft ganz blaß und sagte:

»Werden wir denn mit diesen Ungeheuern noch ganze anderthalb Jahre leben müssen?«

Der Sohn der Generalin, Iwan Tscheprakow, war als Schaffner an unserer Eisenbahn angestellt. Während des Winters war er sehr mager und schwach geworden, so daß er schon von einem einzigen Glas Schnaps betrunken wurde und es ihn im Schatten fror. Die Schaffneruniform trug er mit Widerwillen und schämte sich ihrer, aber seine Stellung hielt er für recht einträglich, da er die Möglichkeit hatte, Kerzen zu stehlen und zu verkaufen. Meine neue Lage erregte in ihm ein gemischtes Gefühl von Erstaunen, Neid und einer vagen Hoffnung, daß es auch ihm ähnlich gehen könnte. Er blickte Mascha mit entzückten Augen nach, und erkundigte sich bei mir, was ich jetzt zu Mittag esse; sein mageres, unschönes Gesicht nahm dabei einen traurigen und süßlichen Ausdruck an, und er bewegte die Finger, als betastete er mein Glück.

»Hör' einmal, kleiner Nutzen,« sagte er mir unruhig, seine Zigarette jeden Augenblick von neuem anzündend; wo er stand, war der Boden immer mit abgebrannten Zündhölzern besät, von denen er für jede Zigarette Dutzende verbrauchte. »Hör' einmal, ich lebe jetzt ein gemeines Leben. Jeder Fähnrich kann mich anschreien: ›Du, Schaffner!‹ Ich habe auf der Fahrt alle möglichen Dinge gehört und weiß es jetzt: das Leben ist gemein! Meine Mutter hat mich zugrunde gerichtet. Ein Arzt hat mir einmal unterwegs gesagt: wenn die Eltern ausschweifend sind, so werden die Kinder Säufer oder Verbrecher. Ja, so ist es!«

Einmal kam er schwankend auf den Hof. Seine Augen blickten blöde, sein Atem ging schwer; er lachte, weinte und sprach wie im Fieber, und von seiner wirren Rede verstand ich nur die Worte: »Meine Mutter! Wo ist meine Mutter?« Er weinte dabei wie ein kleines Kind, das im Gedränge seine Mutter verloren hat. Ich führte ihn in unseren Garten, ließ ihn sich dort unter einem Baum niederlegen, und Mascha und ich saßen dann den ganzen Tag und die ganze Nacht abwechselnd bei ihm. Es war ihm sehr unwohl, und Mascha blickte ihm angeekelt ins blasse, feuchte Gesicht und sagte:

»Werden denn diese Ungeheuer auf unserem Hofe noch ganze anderthalb Jahre wohnen? Das ist ja entsetzlich, entsetzlich!«

Wieviel Kummer bereiteten uns aber die Bauern! Wieviel schwere Enttäuschungen erlebten wir schon in den ersten Frühlingsmonaten, wo wir so glücklich sein wollten! Meine Frau baute eine Schule. Ich entwarf den Plan zu einer Schule für sechzig Knaben, und das Landamt bestätigte ihn, empfahl aber, die Schule im Kirchdorf Kurilowka zu bauen, das nur drei Werst von uns entfernt lag; die dortige Schule, in der die Kinder aus vier Dörfern, darunter auch aus unserem Dubetschnja, unterrichtet wurden, war zudem alt und eng, und der durchfaulte Fußboden war einfach lebensgefährlich. Ende März wurde Mascha auf ihren Wunsch zur Protektorin der Schule von Kurilowka ernannt, und Anfang April versammelten wir die Bauern dreimal zu einer Beratung und suchten sie zu überzeugen, daß die alte Schule eng und alt sei und daß man eine neue bauen müsse. Auch ein Vertreter des Landamtes und der Kreisschulinspektor kamen gefahren und wollten sie auch davon überzeugen. Die Bauern umringten uns nach jeder Versammlung und bettelten um einen Eimer Schnaps. Es war uns heiß im Gedränge, wir ermüdeten schnell und kehrten unzufrieden und verwirrt nach Hause zurück. Endlich gaben die Bauern den Platz für die Schule her und verpflichteten sich, das Baumaterial aus der Stadt mit ihren Pferden herbeizuschaffen. Sobald sie mit der Sommersaat fertig waren, gingen am ersten Sonntag aus Kurilowka und Dubetschnja Fuhren in die Stadt, um Ziegelsteine für das Fundament zu bringen. Sie fuhren beim ersten Morgengrauen fort und kamen spät abends zurück; die Bauern waren alle betrunken und sagten, sie hätten sich müde gehetzt.

Wie zum Trotz hielten die Regengüsse und die Kälte den ganzen Mai an. Die Wege wurden unfahrbar. Die aus der Stadt zurückkommenden Fuhren kehrten meistens auf unserem Hofe ein, und das war entsetzlich! Im Tore zeigt sich ein dickbäuchiges Pferd mit gespreizten Vorderbeinen; bevor es in den Hof einfährt, verbeugt es sich; dann kommt ein nasser, glitschiger Balken von zwölf Ellen Länge herein; neben ihm schreitet, ohne auf die Pfützen zu achten, ein Bauer, den Mantelschoß in den Gürtel gesteckt. Dann zeigt sich eine zweite Fuhre mit Brettern, dann eine dritte wieder mit Balken, eine vierte … und der Platz vor unserem Hause füllt sich allmählich mit Pferden, Balken und Brettern. Die Bauern und ihre Weiber mit umwickelten Köpfen und aufgesteckten Röcken schauen mit Haß auf unsere Fenster, lärmen, schreien und verlangen, daß die Gnädige zu ihnen herauskomme; auch grobe Schimpfworte fallen ab und zu. Abseits steht aber Moïssej und scheint sich an unserer Schande zu ergötzen.

»Wir werden nicht mehr fahren!« schreien die Bauern: »Wir haben uns zu Tode gequält! Sie soll doch einmal selbst fahren!«

Mascha ist ganz blaß und bestürzt, und da sie glaubt, sie würden jeden Augenblick das Haus überfallen, schickt sie ihnen Geld für einen halben Eimer hinaus; es wird still, und die langen Balken verschwinden einer nach dem anderen wieder.

Als ich zum Bau wollte, wurde meine Frau unruhig und sagte: »Die Bauern sind erbost. Daß sie dir nur nichts tun. Nein, wart, ich komme mit.«

Wir fuhren zusammen nach Kurilowka, und die Zimmerleute bettelten um Trinkgeld. Das Balkengehäuse war schon fertig, es war Zeit, das Fundament zu legen, aber die Maurer kamen nicht, die Arbeit stockte, und die Zimmerleute schimpften. Und als endlich die Maurer kamen, zeigte es sich, daß kein Sand da war: man hatte ganz vergessen, daß zum Bau auch Sand gehört. Die Bauern machten sich die schwierige Lage zunutze und verlangten dreißig Kopeken für die Fuhre, obwohl vom Bau bis zum Fluß, von wo sie Sand holten, kein viertel Werst war und mehr als fünfhundert Fuhren gebraucht wurden. Alle die Mißverständnisse, Streitigkeiten und Betteleien wollten kein Ende nehmen, meine Frau empört sich, und der Maurermeister Tit Petrow, ein siebzigjähriger Greis, nahm sie bei der Hand und sagte:

»Schau nur her! Schau nur her! Bring du mir nur Sand, dann stelle ich gleich zehn Arbeiter hin, und in zwei Tagen ist alles fertig! Schau nur her!«

Endlich brachte man den Sand, es vergingen zwei, und vier, und acht Tage, aber an Stelle des Fundaments gähnte noch immer ein Loch.

»So kann man wirklich verrückt werden!« regte sich meine Frau auf. »Was ist das für ein Volk! Was ist das für ein Volk!«

Während aller dieser Mißhelligkeiten kam zu uns manchmal der Ingenieur Viktor Iwanowitsch heraus. Er brachte immer Körbe mit Weinen und Delikatessen mit, aß lange und ausführlich, legte sich dann auf der Terrasse schlafen und schnarchte so, daß die Arbeiter den Kopf schüttelten und sagten:

»Der kann's!«

Mascha war über seine Besuche wenig erfreut, sie traute ihm nicht, beriet sich aber doch mit ihm; und wenn er nach seinem Mittagsschläfchen in schlechter Stimmung aufwachte und sich abfällig über unsere Wirtschaft äußerte oder bedauerte, Dubetschnja, das ihm schon so viel Geld gekostet hatte, gekauft zu haben, verlor Mascha jeden Mut, und ihr Gesicht drückte Verzweiflung aus; sie klagte ihm, er aber gähnte und sagte, daß man die Bauern prügeln müsse.

Unsere Heirat und unser Leben nannte er eine Komödie und sagte, daß das Ganze nur eine Laune, eine Spielerei sei.

»Sie hat schon einmal etwas Aehnliches gehabt,« erzählte er mir von Mascha. »Einmal bildete sie sich ein, Opernsängerin zu sein und brannte mir durch; zwei Monate habe ich sie suchen müssen, die Telegramme allein haben mich tausend Rubel gekostet.«

Jetzt nannte er mich weder Sektierer, noch Herr Maler und lobte auch nicht mehr mein Arbeitsleben, sondern sagte:

»Sie sind ein merkwürdiger Mensch! Sie sind sicher nicht normal! Ich will kein Prophet sein, aber Sie werden schlecht enden!«

Mascha aber schlief nachts schlecht und saß immer in Gedanken versunken am Fenster unseres Schlafzimmers. Beim Abendessen gab es weder die lieben Grimassen mehr, noch das Lachen. Ich litt entsetzlich, und wenn es regnete, drang mir jeder Tropfen wie Schrot ins Herz, und ich war bereit, vor Mascha in die Knie zu fallen und mich wegen des Wetters zu entschuldigen. Auch wenn im Hofe die Bauern lärmten, fühlte ich mich schuldig. Stundenlang saß ich am gleichen Fleck und dachte nur daran, was für ein herrliches Geschöpf Mascha sei. Ich liebte sie leidenschaftlich, und mich entzückte alles, was sie tat und sagte. Sie liebte es, im Zimmer zu hocken, viel zu lesen und zu studieren; sie, die die Wirtschaft nur aus den Büchern kannte, setzte uns durch ihre Kenntnisse in Erstaunen, und alle Ratschläge, die sie gab, kamen zustatten, und keiner von ihnen war vergebens. Bei alledem hatte sie auch viel Edelsinn, Geschmack und Gutmütigkeit, jene Gutmütigkeit, die nur sehr gut erzogenen Menschen eigen ist.

Für diese Frau mit einem so gesunden und positiven Verstand war die ganze unordentliche Umgebung mit den kleinlichen Sorgen und Zänkereien, in denen wir lebten, eine Qual; ich sah es und konnte auch selbst nachts nicht schlafen. Mein Kopf arbeitete unausgesetzt, und Tränen würgten mich. Ich war ganz ratlos, und wußte nicht, was zu tun.

Ich ritt zur Stadt und brachte Mascha Bücher, Zeitungen, Süßigkeiten und Blumen mit; oder ich fing mit Stepan zusammen Fische und stand oft stundenlang im Regen bis zum Halse im kalten Wasser, nur um einen Aal zu fangen und so Abwechslung in unser Menü zu bringen; ich flehte die Bauern demütig an, keinen Lärm zu machen, gab ihnen Schnaps, gab ihnen Geld und versprach ihnen alles mögliche. Und wieviel Dummheiten machte ich noch!

Die Regengüsse hörten endlich auf, uwd die Erde trocknete; wenn wir so gegen vier Uhr morgens aufstanden und in den Garten gingen, glänzte in den Blumen der Tau, die Vögel zwitscherten, die Insekten summten, und der Himmel war wolkenlos; der Garten, die Wiese, der Fluß, alles war herrlich, aber die Gedanken an die Bauern, die Fuhren, den Ingenieur vergällten uns alles! Manchmal fuhren wir beide in einem kleinen Rennwagen ins Feld, um uns den Hafer anzusehen. Sie kutschierte, und ich saß hinter ihr. Sie hob die Schultern, und der Wind spielte mit ihren Haaren.

»Rechts halten!« schrie sie den uns Begegnenden zu.

»Du siehst wirklich wie ein Kutscher aus,« sagte ich ihr einmal.

»Es ist wohl möglich! Mein Großvater, der Vater des Ingenieurs, war ja Kutscher. Hast du es noch nicht gewußt?« fragte sie, sich nach mir umwendend, und ahmte gleich darauf nach, wie die Kutscher zu schreien und zu singen pflegen.

– Gott sei Dank! – sagte ich mir, als ich es hörte; – Gott sei Dank! –

Und dann kam wieder die Erinnerung an die Bauern, an die Fuhren, an den Ingenieur…

XIII

Einmal kam Doktor Blagowo mit dem Rade herausgefahren. Auch meine Schwester besuchte uns jetzt oft. Wieder kamen die Gespräche von der körperlichen Arbeit, vom Fortschritt und vom geheimnisvollen X, das die Menschheit in der entfernten Zukunft erwartet. Der Doktor liebte unsere Wirtschaft nicht, weil sie uns von den Debatten ablenkte, und sagte, daß das Pflügen, Mähen und Kälberhüten eines freien Menschen unwürdig sei, daß die Menschen dereinst alle die groben Formen des Kampfes ums Dasein den Tieren und den Maschinen aufbürden werden, um sich selbst ausschließlich der wissenschaftlichen Forschung zu widmen. Meine Schwester aber bat jedesmal, sie früher nach Hause zurückkehren zu lassen, und wenn sie bis zum späten Abend oder zur Nacht blieb, hörte die Aufregung gar nicht auf.

»Mein Gott, was sind Sie noch für ein Kind!« sagte ihr Mascha vorwurfsvoll. »Es ist ja einfach lächerlich.«

»Ja, es ist lächerlich,« gab meine Schwester zu. »Ich weiß, daß es lächerlich ist; aber was soll ich tun, wenn ich nicht die Kraft habe, gegen mich selbst anzukämpfen? Es scheint mir immer, daß ich Unrecht tue.«

Zur Zeit der Heuernte tat mir, da ich diese Arbeit nicht gewöhnt war, der ganze Körper weh; wenn ich dann abends auf der Terrasse mit den Meinigen saß, schlief ich oft mitten in der Unterhaltung ein, und alle lachten mich laut aus. Man weckte mich, und ich mußte mich an den Tisch zum Abendessen zu setzen; ich schlief halb, ich sah wie in einer Ohnmacht die Lichter, Gesichter und Teller, ich hörte die Stimmen, und verstand sie nicht. Und wenn ich am nächsten Morgen erwachte, griff ich gleich nach der Sense oder ging auf den Bau und arbeitete den ganzen Tag.

Wenn ich an den Feiertagen zu Hause blieb, merkte ich, daß meine Frau und meine Schwester vor mir etwas verheimlichten und meine Gesellschaft mieden. Meine Frau war zwar noch immer zärtlich zu mir, aber sie hatte ihre eigenen Gedanken, die sie mir nicht mitteilte. Es war mir klar, daß ihre Erregung gegen die Bauern wuchs und daß dieses Leben ihr immer schwerer wurde, aber sie klagte nicht mehr. Mit dem Doktor unterhielt sie sich jetzt lieber als mit mir, und ich konnte es mir gar nicht erklären.

In unserem Gouvernement ist es Sitte, daß in der Zeit der Heuernte und des Einbringens des Getreides die Arbeiter jeden Abend in den Herrenhof kommen, wo man sie mit Schnaps bewirtet; selbst die jungen Mädchen trinken mit. Wir beobachteten diese Sitte nicht; die Arbeiter und ihre Weiber standen bei uns im Hofe bis zum späten Abend und warteten auf den Schnaps; dann gingen sie schimpfend weg. Mascha machte eine finstere Miene und schwieg, oder sie sagte zum Doktor leise und gereizt:

»Diese Wilden! Diese Petschenjegen!«

Auf dem Lande pflegt man die Neulinge unfreundlich, beinahe feindselig zu behandeln, wie in der Schule. So behandelte man auch uns. In der ersten Zeit sah man uns als dumme Menschen an, die das Gut nur deshalb gekauft haben, weil sie nicht wissen, was mit ihrem Gelde anzufangen. Alle lachten uns aus. In unserem Walde, sogar in unserem Garten ließen die Bauern ihr Vieh weiden; sie trieben unsere Kühe und Pferde zu sich ins Dorf und verlangten nachher Bezahlung für die Flurschäden. Sie kamen in großen Haufen zu uns auf den Hof und behaupteten mit viel Geschrei, daß wir beim Mähen ein fremdes Stück mitgenommen hätten; da wir die Grenzen unseres Besitzes nicht genau kannten, glaubten wir ihnen alles und zahlten; später stellte es sich natürlich heraus, daß wir richtig gemäht hatten. In unserem Walde schälte man von den jungen Linden die Rinde zu Bast ab. Ein reicher Bauer von Dubetschnja, der auch Schnaps ohne Konzession verkaufte, bestach unsere Arbeiter und begaunerte uns mit ihrer Hilfe auf die niederträchtigste Weise: er vertauschte die neuen Räder an unserem Wagen mit alten, stahl uns unsere Ackerkummete und verkaufte sie dann uns wieder. Am meisten kränkte uns aber das, was in Kurilowka am Bau vorging; die Weiber stahlen dort nachts Bretter, Ziegelsteine, Kacheln und Eisen; der Gemeindevorsteher machte bei ihnen Haussuchungen, die Bauernversammlung diktierte jeder Diebin eine Strafe von zwei Rubeln zu, und dieses Geld wurde von der ganzen Gemeinde vertrunken.

Wenn Mascha so etwas hörte, sagte sie empört zum Doktor oder zu meiner Schwester:

»Dieses Vieh! Es ist entsetzlich!«

Und ich hörte sie mehr als einmal bedauern, daß sie den ganzen Schulbau unternommen hatte.

»Begreifen Sie doch,« suchte sie der Doktor zu überzeugen, »begreifen Sie doch, daß, wenn Sie diese Schule bauen oder überhaupt Gutes tun, Sie es nicht für die Bauern, sondern im Namen der Kultur, im Namen der Zukunft tun. Und je schlechter diese Bauern sind, desto mehr Grund haben Sie, die Schule zu bauen. Begreifen Sie es doch!«

Seine Stimme klang aber nicht sehr überzeugt, und es schien, daß er die Bauern ebenso haßte wie Mascha.

Mascha ging oft zur Mühle und nahm meine Schwester mit; sie erklärten beide lachend, daß sie den Stepan sehen wollten, der ein so hübscher Kerl sei. Stepan war, wie es sich zeigte, nur in Männergesellschaft so träge und wortkarg; in weiblicher Gesellschaft hielt er sich aber ungezwungen und redete ununterbrochen. Als ich einmal am Flusse baden ging, belauschte ich zufällig ein Gespräch. Mascha und Kleopatra saßen in weißen Kleidern am Ufer im Schatten einer Weide, und Stepan stand, die Hände im Rücken, daneben und redete:

»Sind die Bauern denn Menschen? Sie sind keine Menschen, sondern, mit Verlaub, Tiere und Scharlatans. Wie lebt so ein Bauer? Er versteht nur zu essen und zu trinken, und das möglichst billig, und im Wirtshause zu schreien; man bekommt von ihm weder gute Reden zu hören, noch ein anständiges Benehmen zu sehen. Ein ungehobelter Flegel ist er! Er selbst lebt in Schmutz, auch seine Frau und die Kinder leben in Schmutz; worin er geht, darin schläft er; die Kartoffeln holt er aus der Kohlsuppe mit den Fingern heraus, trinkt seinen Kwaß mit den Küchenschaben und bläst sie nicht einmal weg!«

»Die Leute sind aber so arm!« trat meine Schwester für die Bauern ein.

»Ach wo, arm! Not leiden sie allerdings, aber es gibt Not und Not, meine Gnädige. Wenn ein Mensch im Zuchthause sitzt, oder blind ist, oder keine Beine hat, so kann er einem wirklich leid tun; wenn er aber frei ist und seinen Verstand, seine Augen und Hände, seine Kraft und auch seinen Gott hat, was fehlt ihm dann noch? Es ist Verdorbenheit, meine Gnädige, Roheit, aber keine Armut. Wenn zum Beispiel Sie, gute und gebildete Herrschaften ihm aus purer Herzensgüte helfen wollen, so wird er in seiner Gemeinheit Ihr Geld vertrinken, oder, noch schlimmer als das, er wird mit Ihrem Gelde eine Branntweinschänke auftun und das Volk ausbeuten. Sie sprechen von Armut. Lebt aber der reiche Bauer besser? Auch er lebt, mit Verlaub, wie ein Schwein. Er ist ein Grobian, ein Flegel, ist aber so dick wie lang, hat eine gedunsene, rote Fratze, und wenn ich so einen sehe, möchte ich ihm gleich eine herunterhauen. Nehmen wir z. B. den Larion von Dubetschnja: der ist auch ein reicher Bauer, und doch stiehlt er in Ihrem Walde die Lindenrinden genau so wie der Aermste; er selbst flucht unflätig, auch seine Kinder fluchen, und wenn er zu viel getrunken hat, fällt er mit der Nase in die Pfütze und schläft. Alle die Leute sind nichts wert, meine Gnädige. Das Leben im Dorfe ist eine Hölle. Das Dorf wächst mir, Gott sei Dank, zum Halse hinaus. Ich bin satt und versorgt, habe als Dragoner meine Zeit abgedient, war drei Jahre lang Dorfvorsteher gewesen und bin jetzt ein freier Mensch: wo ich will, dort wohne ich. Im Dorfe will ich nicht leben, und niemand kann mich dazu zwingen. Man sagt mir, ich sei verpflichtet, mit meiner Frau zusammenzuleben. Warum denn? Habe ich mich ihr denn verdungen?«

»Sagen Sie, Stepan, haben Sie aus Liebe geheiratet?« fragte Mascha.

»Was gibt's denn bei uns im Dorfe für eine Liebe?« antwortete Stepan lächelnd. »Eigentlich bin ich schon zum zweitenmal verheiratet, wenn Sie es wissen wollen, meine Gnädige. Ich selbst bin nicht aus Kurilowka, sondern aus Salegoschtsch, habe bloß nach Kurilowka geheiratet. Unser Vater wollte nicht seinen Besitz unter uns fünf Brüdern aufteilen; ich verabschiedete mich von ihm und heiratete in ein fremdes Dorf. Meine erste Frau starb aber in jungen Jahren.«

»Woran?«

»An der Dummheit. Sie weinte immer ohne Grund, kränkelte und starb. Sie trank allerlei Kräuter, um schöner zu werden, und hat sich dabei wohl die Eingeweide verdorben. Und meine zweite Frau, die aus Kurilowka, was ist an ihr? Ein Dorfweib, eine Bäuerin und sonst nichts. Als ich um sie warb, gefiel mir die Sache nicht schlecht; ich dachte mir: sie ist jung, hat ein weißes Gesicht, und die Leute leben sauber. Ihre Mutter sieht wie eine Sektiererin aus und trinkt Kaffee, aber die Hauptsache ist, daß die Leute sauber leben. Also heiratete ich sie. Wie wir uns am anderen Tag nach der Hochzeit zu Tisch setzen, sage ich der Schwiegermutter, sie solle einen Löffel geben. Sie bringt den Löffel, und ich sehe, wie sie ihn mit dem Finger abwischt. Das ist eine schöne Reinlichkeit, denke ich mir. Ein Jahr blieb ich bei ihnen wohnen, dann ging ich fort. – Vielleicht hätte ich eine Städtische heiraten sollen,« sagte er nach einer Pause. »Man sagt, die Frau sei für den Mann eine Gehilfin. Was brauche ich eine Gehilfin, ich kann mir auch selbst helfen, ich verlange von der Frau nur, daß sie mit mir spricht, aber nicht irgendwie, sondern vernünftig und mit Gefühl. Ohne gute Reden ist das Leben gar kein Leben!«

Stepan verstummte plötzlich, und gleich darauf hörte ich sein eintöniges Singen. Das bedeutete, daß er mich gesehen hatte.

Mascha kam oft auf die Mühle und fand in den Gesprächen mit Stepan ihr Vergnügen; Stepan schimpfte so aufrichtig und überzeugt auf die Bauern, und darum zog es sie wohl zu ihm hin. Wenn sie von der Mühle heimkehrte, rief ihr der blöde Bauer, der den Garten hütete, nach:

»Mädel Palaschka! Guten Tag, Mädel Palaschka!« Und er bellte sie wie ein Hund an: »Wau! Wau!«

Sie aber blieb stehen und sah ihn aufmerksam an, als hörte sie im Gebell dieses Blöden Antworten auf ihre Gedanken; er zog sie wohl ebenso an, wie Stepan mit seinem Schimpfen. Zu Hause erwartete sie aber schon irgendeine Neuigkeit: zum Beispiel daß die Dorfgänse das Kraut in unserem Garten zerstampft hatten, oder daß Larion die Pferdeleine gestohlen hatte, und sie sagte lächelnd, die Achseln zuckend:

»Was kann man auch von diesen Leuten verlangen?«

Sie empörte sich, in ihrem Innern kochte es; ich aber gewöhnte mich an die Bauern und fühlte mich immer mehr zu ihnen hingezogen. In der Mehrzahl waren es nervöse, überreizte, gekränkte, ungebildete Menschen mit dürftigem, trübem Horizont, mit den ewig gleichen Gedanken an die graue Erde, an die grauen Tage, an das Schwarzbrot; Menschen, die wohl schwindelten, aber so einfältig wie die Vögel, wenn sie den Kopf hinter einem Baumstamm verstecken, und die nicht zu rechnen verstanden. Sie weigerten sich, für zwanzig Rubel bei unserer Heuernte mitzuhelfen, taten es aber für einen halben Eimer Schnaps, obwohl sie für zwanzig Rubel vier Eimer hätten kaufen können. Es gab bei ihnen allerdings viel Schmutz, Trunksucht, Dummheit und Betrug, und doch fühlte man, daß das Bauernleben im allgemeinen ein gesundes, kräftiges Rückgrat hat. Wenn der Bauer hinter seinem Pfluge auch als ein plumpes Tier erscheint, und wenn er sich auch immer betrinkt, kann man in ihm doch bei näherem Zusehen etwas finden, was zum Beispiel Mascha und dem Doktor abging: nämlich den Glauben, daß das Wichtigste auf Erden die Wahrheit sei und daß seine Rettung und die Rettung des ganzen Volkes nur in der Wahrheit liege; darum schätzt er auch die Gerechtigkeit über alles in der Welt. Ich sagte meiner Frau, sie sähe nur die Flecke auf dem Glase, sähe aber das Glas selbst nicht; sie entgegnete nichts oder fing an wie Stepan eine traurige Weise zu summen. Wenn diese gute und kluge Frau vor Empörung bleich wurde und mit bebender Stimme dem Doktor von der Trunksucht und den Betrügereien der Bauern erzählte, mußte ich über ihre Vergeßlichkeit staunen. Wie konnte sie es vergessen, daß auch ihr Vater, der Ingenieur viel trank und daß das Geld, mit dem er Dubetschnja gekauft hatte, durch eine Reihe frecher und gewissenloser Betrügereien erworben worden war? Wie konnte sie das vergessen?

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07 ekim 2025
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9788026825722
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