Kitabı oku: «Die Welt unter Strom», sayfa 10
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Als die City and South London Electric Railway im Jahr 1890 ihren Betrieb aufnahm, hatten empfindliche Instrumente am sieben Kilometer entfernten Royal Observatory in Greenwich Störungen empfangen.2 Die Physiker dort waren sich nicht bewusst, dass elektromagnetische Wellen von dieser und jeder anderen elektrischen Eisenbahn ebenfalls in das Weltall strahlten und die Magnetosphäre der Erde veränderten. Eine Tatsache, die erst Jahrzehnte später entdeckt werden sollte. Um zu verstehen, was das für Leben und Natur bedeutet, widmen wir uns hier zunächst noch einmal dem Blitz.
Das Gebäude, in dem wir leben, d. h. die Biosphäre, dieser ungefähr 88 Kilometer hohe Raum, der mit Luft gefüllt ist und die Erde umgibt, ist ein Hohlraumresonator. Jedes Mal, wenn ein Blitz einschlägt, tönt der Hohlraum wie ein Gong. Das statische elektrische Feld, in dem wir uns bewegen und in dem die Vögel fliegen, wird vom Blitz mit 130 Volt pro Meter aufrechterhalten. Darüber hinaus löst er ein Echo in der Biosphäre bei bestimmten niederfrequenten Resonanzen („very low frequencies“, VLF) – 8 Schläge pro Sekunde (oder Hz), 14, 20, 26, 32 und so weiter – aus. Diese Resonanzen sind nach Winfried Schumann benannt, dem deutschen Physiker, der ihre Existenz voraussagte und mit seinem Assistenten Herbert König 1953 deren ständige Präsenz in der Atmosphäre bewies.
Nun ist es auch so, dass sich unser Gehirn in einem Zustand wacher Entspannung auf diese ganz bestimmten Frequenzen einstellt. Das dominante Muster eines menschlichen Elektroenzephalogramms von vor der Geburt bis zum Erwachsenenalter – der bekannte Alpha-Rhythmus im Bereich von 8 bis 13 Hz oder 7 bis 13 Hz bei einem Neugeborenen – ist auf die ersten beiden Schumann-Resonanzen beschränkt. Ein alter Teil des Gehirns, das sogenannte limbische System, das an der Verarbeitung von Emotionen und am Langzeitgedächtnis beteiligt ist, erzeugt Theta-Wellen von 4 bis 7 Hz, die von der ersten Schumann-Resonanz nach oben begrenzt werden. Der Theta-Rhythmus ist bei kleinen Kindern und während der Meditation bei Erwachsenen stärker ausgeprägt. Dieselben Frequenzen, sowohl die Alpha- als auch die Thetawellen, pulsieren auch bei Tieren, und soweit wir wissen, geschieht dies mit überraschend geringen Abweichungen. In entspanntem Zustand haben Hunde einen Alpha-Rhythmus von 8 bis 12 Hz, der mit dem unsrigen identisch ist. Bei Katzen ist der Bereich von 8 bis 15 Hz etwas breiter. Kaninchen, Meerschweinchen, Schweine, Ziegen und Kühe, Frösche, Vögel und Reptilien weisen fast die gleichen Frequenzen auf.3
Schumanns Assistent König war von den Ähnlichkeiten dieser atmosphärischen Wellen mit den elektrischen Schwingungen des Gehirns so beeindruckt, dass er eine Reihe von Experimenten mit weitreichenden Folgen durchführte. Die erste Schumann-Resonanz, schrieb er, ist tatsächlich so sehr identisch mit dem Alpha-Rhythmus, dass es selbst einem Experten schwerfällt, den Unterschied zwischen den Aufzeichnungen des Gehirns und denen der Atmosphäre zu erkennen. König war überzeugt, dass dies kein Zufall war. Die erste Schumann-Resonanz kommt bei schönem Wetter unter ruhigen, ausgeglichenen Bedingungen vor, genauso wie auch der Alpha-Rhythmus im Gehirn in einem ruhigen, entspannten Zustand auftritt. Der Delta-Rhythmus hingegen, der aus unregelmäßigen Wellen mit einer höheren Amplitude um 3 Hz besteht, tritt in der Atmosphäre unter unruhigen, unausgeglichenen Wetterbedingungen und im Gehirn bei Krankheits- oder gestörten Zuständen auf – Kopfschmerzen, spastische Zustände, Tumore und so weiter.
In einem Experiment mit fast 50.000 Menschen, die 1953 an einer Verkehrsausstellung in München teilnahmen, konnte König nachweisen, dass die zuletzt genannten gestörten Wellen in der Atmosphäre die Reaktionszeiten des Menschen erheblich verlangsamen, während bei den 8-Hz-Schumann-Wellen genau das Gegenteil beobachtet werden konnte. Je größer das Schumann-Signal in der Atmosphäre war, desto schneller reagierten die Menschen an diesem Tag. König duplizierte diese Effekte dann im Labor: Ein künstliches Feld von 3 Hz (Delta-Bereich) verlangsamte die menschlichen Reaktionen, während ein künstliches Feld von 10 Hz (Alpha-Bereich) sie beschleunigte. König bemerkte auch, dass einige seiner Probanden während der 3-Hz-Exposition über Kopfschmerzen, Müdigkeit, ein Engegefühl in der Brust oder Schwitzen an den Handflächen klagten.4
Im Jahr 1965 veröffentlichte James R. Hamer die Ergebnisse von ähnlichen Experimenten, die er für die Northrop Space Laboratories durchgeführt hatte. Der Titel seines Artikels war „Biologische Anpassung des menschlichen Gehirns durch niederfrequente Strahlung“. Wie König zeigte er, dass Frequenzen über 8 Hz die Reaktionszeiten beschleunigten, während niedrigere Frequenzen den gegenteiligen Effekt hatten. Aber er ging noch weiter. Er bewies, dass das menschliche Gehirn zwischen Frequenzen differenzieren konnte, die sich nur geringfügig voneinander unterschieden – aber nur dann, wenn das Signal schwach genug war. Als er die Signalstärke auf 0,0038 Volt pro Meter reduzierte, was nahezu dem Wert der erdeigenen Felder entspricht, hatten 7½ Hz einen erheblich anderen Effekt als 8½ Hz. Das Gleiche galt für 9½ Hz und 10½ Hz.
Aber damit ist das Repertoire des Blitzes noch nicht erschöpft. Zusätzlich zu dem statischen Feld, in dem wir uns bewegen, und den niedrigen Frequenzen, die unser Gehirn ansprechen, liefert uns der Blitz auch eine stetige Symphonie höherer Frequenzen, die als atmosphärische Störungen oder einfach als „Sferics“ bezeichnet werden. Sie erreichen Tausende von Zyklen pro Sekunde. Über einen Längstwellen-Empfänger („very low frequency radio“) hört sich ihr Knistern und Knacken wie das Brechen von Zweigen an. Normalerweise werden sie durch Gewitter verursacht, die jedoch Tausende von Kilometern entfernt sein können. Andere Geräusche, sogenannte Whistler, die den absteigenden Tönen einer Kolbenpfeife ähneln, entstehen häufig durch Gewitter am anderen Ende der Erde. Ihre fallenden Töne werden auf der langen Reise erzeugt, die die Wellen entlang der Magnetfeldlinien in den Weltraum und auf der gegenüberliegenden Hemisphäre zurück zur Erde führt. Diese Wellen können sogar viele Male von einem Ende der Erde zum anderen hin und her springen, wodurch gespenstisch schleppende Pfeiftöne erzeugt werden. Als diese in den 1920er-Jahren zum ersten Mal entdeckt wurden, schienen sie so wenig mit unserer Welt verwandt zu sein, dass sie die Presse zu Überschriften wie „Stimmen aus dem Weltraum“ inspirierten, die durchaus nicht unangemessenen waren.5
Zu den anderen Geräuschen, die man besonders in den höheren Breiten hören kann und die irgendwo in der elektrischen Umgebung unseres Planeten entstehen, gehören ein stetiges Zischen und ein „Morgenchor“, der wegen seiner Ähnlichkeit mit zwitschernden Vögeln so genannt wird. Beide Geräusche steigen und fallen sanft, ungefähr alle 10 Sekunden, mit den langsamen Pulsationen des Erdmagnetfelds.
Unser Nervensystem schwelgt in dieser VLF-Symphonie. Ihre Frequenzen, die ungefähr zwischen 200 und 30.000 Hz liegen, erstrecken sich über den Bereich unseres auditorischen Systems und umfassen, wie König beobachtete, auch die Frequenzen der Impulse, die unser Gehirn an unsere Muskeln sendet. Die Auswirkung unseres VLF-Umfelds auf unser Wohlbefinden wurde 1954 von Reinhold Reiter mit großem Erfolg dargestellt, als er die Ergebnisse mehrerer Bevölkerungsstudien auflistete, die er und seine Kollegen in Deutschland mit rund einer Million Menschen durchgeführt hatten. Geburten, Todesfälle, Selbstmorde, Vergewaltigungen, Arbeits- und Verkehrsunfälle, menschliche Reaktionszeiten, Schmerzen von Amputierten und Beschwerden von Menschen mit Hirnverletzungen nahmen an Tagen mit starken VLF-Sferics signifikant zu.6
Unser VLF-Umfeld reguliert den biologischen Rhythmus sowohl bei Menschen als auch bei Tieren. Goldhamster, die seit den 1930er-Jahren beliebte Haustiere sind, leben in freier Wildbahn in der Nähe von Aleppo in Syrien, wo sie jeden Winter für etwa drei Monate in regelmäßigem Turnus in den Winterschlaf gehen und wieder aus ihm erwachen. Wissenschaftler, die versuchten, Hamster für Winterschlafstudien im Labor zu verwenden, standen vor einem Rätsel: Es gelang ihnen nicht, bei diesen Tieren einen Winterschlaf auszulösen – weder durch eine Verlängerung der Kälteperiode noch durch eine Verkürzung des Tageslichts oder einer Änderung anderer bekannter Umweltfaktoren.7
Mitte der 1960er-Jahre verfolgten die Klimatologen Wolfgang Ludwig und Reinhard Mecke einen anderen Ansatz. Sie hielten einen Hamster im Winter in einem Faradayschen Käfig, geschützt vor allen natürlichen elektromagnetischen Wellen und ohne die Temperatur oder Stunden des Tageslichts zu regulieren. Zu Beginn der vierten Woche führten sie mittels einer Antenne die natürlichen atmosphärischen Frequenzen aus dem Freien zu, woraufhin der Hamster sofort einschlief. Während der folgenden zwei Monate konnten die Forscher durch das Zuführen oder Entfernen von natürlichen Frequenzen aus dem Freien oder von künstlichen VLF-Feldern, die das natürliche Wintermuster imitierten, das Tier in den Winterschlaf versetzen und auch wieder aufwecken. Zu Beginn der 13. Versuchswoche wurden dann die Frequenzen im Käfig geändert, um das natürliche Sommermuster nachzuahmen. Und innerhalb einer halben Stunde, als ob es durch den plötzlichen Wechsel der Jahreszeit in Panik geraten wäre, wachte das Tier auf. In einem „Bewegungsrausch“ rannte das Tier eine ganze Woche lang Tag und Nacht, bis das Experiment beendet wurde. Bei Wiederholungen dieses Experiments mit anderen Hamstern, stellten die Forscher fest, dass dieses hohe Aktivitätsniveau nur nach dem Erwecken aus dem Winterschlaf herbeigeführt werden konnte. Die künstlichen Felder, die sie verwendeten, waren extrem schwach – manche nur 10 Millivolt pro Meter für das elektrische Feld und 26,5 Mikroampere pro Meter für das Magnetfeld.
Eine Möglichkeit, herauszufinden, ob die natürlichen Felder der Erde für Menschen genauso wichtig sind wie für Hamster, besteht darin, menschliche Subjekte für ein paar Wochen in einem vollkommen abgeschirmten Zimmer unterzubringen und zu beobachten, was dann passiert. Genau das tat der Verhaltensphysiologe Rütger Wever am Max-Planck-Institut in Deutschland. Im Jahr 1967 ließ er ein unterirdisches Gebäude mit zwei Isolationskammern errichten. Beide wurden sorgfältig gegen Licht und Schall von außen geschützt, und eine der Kammern wurde auch gegen elektromagnetische Felder abgeschirmt. Während der nächsten zwei Jahrzehnte ließen Hunderte von Menschen ihre Schlafzyklen, Körpertemperatur und andere innere Rhythmen überwachen, während sie in dem einen oder anderen dieser Räume lebten, normalerweise jeweils einen Monat lang. Wever stellt dabei fest, dass der Schlafzyklus und der innere Rhythmus des Körpers – ohne Veränderung von Licht und Dunkelheit und ohne Uhren oder Zeitangaben – nahezu bei 24 Stunden blieben, solange die natürlichen elektromagnetischen Felder der Erde vorhanden waren. Wenn diese Felder jedoch ausgeschlossen wurden, wurden die Rhythmen des Körpers normalerweise länger, unregelmäßig und desynchronisiert. Der durchschnittliche „freie“ Schlafzyklus betrug 25 Stunden. In Einzelfällen konnte er jedoch zwischen lediglich 12 Stunden und maximal 65 Stunden liegen. Variationen der Körpertemperatur, der Kaliumausscheidung, der Geschwindigkeit der mentalen Prozesse und anderer Rhythmen traten mit unterschiedlicher Geschwindigkeit ohne Bezug zueinander auf und fielen überhaupt nicht mehr mit dem Schlaf-Wach-Zyklus zusammen. Sobald jedoch ein künstliches 10-Hz-Signal – was ungefähr der Stärke der ersten Schumann-Resonanz entspricht – in den abgeschirmten Raum eingeführt wurde, synchronisierten sich die Rhythmen des Körpers sofort von Neuem auf einen Zeitraum von 24 Stunden.
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Das Leben spielt sich zwischen Himmel und Erde ab und nimmt so an beiden Polaritäten teil. Wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, wurde die Verteilung der elektrischen Ladung in Lebewesen gemessen und extern abgebildet. Für Pflanzen wurde dies von Harold Saxton Burr, Professor für Anatomie an der Yale University, und für Tiere von Robert O. Becker, Orthopäde an der State University von New York im Upstate Medical Centre in Syracuse, durchgeführt. Bei Tieren sind die Bereiche mit der größten positiven Spannung die Kopfmitte, das Herz und der Unterbauch. Bei Bäumen ist es die Krone. Bei Bäumen sind die Bereiche mit der größten negativen Spannung die Wurzeln und bei Tieren die vier Pfoten und das Ende des Schwanzes. Dies sind die Stellen, an denen der globale Stromkreis auf seinem Weg zwischen Himmel und Erde in den Körper eintritt und ihn wieder verlässt. Die Kanäle, über die die Elektrizität in den Lebewesen fließt und die Elektrizität von Himmel und Erde auf jedes Organ verteilt, wurden vor mehreren Tausend Jahren genau kartiert. Sie gehörten zu einem Wissensfundus, den wir heute als chinesische Akupunktur kennen. Es wurde im Huángdì Nèijīng, dem Klassiker des Gelben Kaisers zur Inneren Medizin, zwischen 500 und 300 v. Chr. niedergeschrieben. Bereits die Namen der wichtigsten Akupunkturpunkte spiegeln das Verständnis wider, dass sich die Schaltkreise des Körpers in einem Kontinuum mit Erde und Himmel befinden. Niere 1 zum Beispiel, der Punkt in der Mitte der Fußsohle, ist auf Chinesisch als Yong Quan bekannt. Das bedeutet „sprudelnde Quelle“, weil Erdenergie durch diese Punkte in die Füße sprudelt und die Beine hinauf in den Rest des Körpers in Richtung Himmel steigt. Das Lenkergefäß 20, der Punkt oben auf der Mitte des Schädels, wird Baihue genannt oder „hundertfaches Zusammentreffen“. Dies ist auch der „tausendblättrige Lotus“ der indischen Traditionen, der Ort, an dem die Energie des Himmels in unseren Körper zur Erde hinabsteigt und an dem die Ströme unseres Körpers zusammenlaufen und sich zum Himmel erstrecken.
Aber erst in den Fünfzigerjahren begannen Wissenschaftler – angefangen mit Yoshio Nakatani in Japan und Reinhold Voll in Deutschland – die elektrische Leitfähigkeit von Akupunkturpunkten und Meridianen tatsächlich zu messen. Schließlich wurde auch das Wort „Qi“ (früher „Chi“ geschrieben) in den modernen Sprachgebrauch übersetzt: Es bedeutet schlicht „Elektrizität“.
Hsiao-Tsung Lin ist Professor für Chemie und Materialwissenschaften an der National Central University in Taiwan. Er sagt, dass das Qi, das durch unsere Meridiane fließt, ein elektrischer Strom ist, der unseren Zellen sowohl Energie als auch Informationen zuführt; ein Strom, dessen Quelle sowohl intern als auch extern liegt. Jeder Akupunkturpunkt hat eine doppelte Funktion: er dient als Verstärker für die internen elektrischen Signale auf ihrem Weg entlang der Meridiane, und als Antenne bzw. Empfänger für elektromagnetische Signale aus dem Umfeld. Die Dantian oder Energiezentren der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) befinden sich in Kopf, Herz und Bauch und damit entsprechen sie den Chakren der indischen Tradition. Sie sind elektromagnetische Oszillatoren, die bei bestimmten Frequenzen mitschwingen, mit den Meridianen kommunizieren und deren Fluss regulieren. Sie besitzen Kapazität und Induktivität – also die Fähigkeiten, elektrische Energie zu speichern sowie durch ein Magnetfeld eine Spannung zu erzeugen – wie Oszillatoren in jeder elektronischen Schaltung. Der Körper, sagt Lin, ist ein superkomplexes elektromagnetisches Schwingungsnetzwerk, enorm kompliziert und hochempfindlich.
1975 stellten Becker und seine Kollegen vom Upstate Medical Center fest, dass Akupunkturpunkte im Allgemeinen nicht nur Stellen mit geringem Widerstand, sondern auch mit hohem Potenzial sind, und durchschnittlich fünf Millivolt mehr anzeigen als die Haut um sie herum. Sie fanden auch heraus, dass der Weg eines Meridians, zumindest auf der Oberfläche des Körpers, eine signifikant höhere Leitfähigkeit und einen geringeren elektrischen Widerstand hat als die Haut, die ihn umgibt.
Als Ergebnis der Arbeit von Nakatani, Voll, Becker und anderen hat die Elektroakupunktur unter Verwendung von Mikroampere-Strömen ihren Platz neben der traditionellen Akupunktur eingenommen. Darauf aufbauend verwenden nicht-traditionell Praktizierende hier im Westen oft kommerzielle Punktsucher, die Akupunkturpunkte durch ein Messen der elektrischen Leitfähigkeit der Haut finden.8 In China werden seit 1934 Elektroakupunkturgeräte eingesetzt. Damit wird stillschweigend anerkannt, dass der Körper ein elektrisches Instrument ist und dass die richtige Verteilung und das Gleichgewicht der ständig um und durch uns fließenden elektrischen Energien bestimmen, ob er krank oder gesund ist. Ironischerweise verhindern sie aber auch, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zu wahren Erkenntnissen führen. Wenn nämlich atmosphärische Elektrizität durch künstliche Elektrizität ersetzt wird, um den Körper zu regenerieren, vergisst man dabei leicht, dass Elektrizität ja ohnehin in der Luft ist, die uns nährt und uns Leben gibt.
An der Shanghai University of Traditional Chinese Medicine, dem Fujian Institute of Traditional Chinese Medicine und anderswo in China bestätigen Wissenschaftler weiterhin, dass die Substanz, die in unseren Meridianen fließt, Elektrizität ist und weiter, dass Elektrizität nicht nur eine Kraft ist, die Lokomotiven bewegt, sondern auch ein unglaublich komplexer und hochempfindlicher Lebensstoff ist. Typischerweise ist der elektrische Widerstand eines Akupunkturpunktes zwei- bis sechsmal niedriger als der Widerstand der Haut um ihn herum, und seine Kapazität oder Speicherfähigkeit ist fünfmal so groß.9 Kommerzielle Punktsucher funktionieren nicht immer, da ein Akupunkturpunkt manchmal – abhängig vom inneren Zustand des Individuums – einen höheren Widerstand als seine Umgebung haben kann. Aber die Meridiane reagieren immer aktiv und nichtlinear auf elektrische Stimulation und laut zeitgenössischen Forschern verhalten sie sich genau wie ein Stromkreis.10
Die physikalischen Strukturen der leitenden Punkte und Meridiane wurden provisorisch identifiziert. In den 1960er Jahren veröffentlichte ein nordkoreanischer Arzt, Bong Han Kim, detaillierte Fotografien eines ganzen Netzwerks winziger Körperchen und fadenförmiger Strukturen, die sie verbinden. Diese existieren überall im Körper, in unserer Haut, in unseren inneren Organen und im Nervensystem sowie in und um unsere Blutgefäße. Er fand heraus, dass diese Kanäle elektrisch leitend waren und das Fluidum in ihnen überraschenderweise große Mengen an DNS enthielt. Ihre elektrischen Pulsationen waren erheblich langsamer als der Herzschlag: In der Haut eines Kaninchens lag die Pulsationsrate zwischen 10 und 20 pro Minute. Die Bahnen der oberflächlichen Kanäle in der Haut stimmten mit den klassischen Bahnen der Akupunkturmeridiane überein. Kim gelang es, dieses System zu identifizieren, weil er nur an lebenden Tieren arbeitete, denn die zunächst fast durchsichtigen Kanäle und Körperchen verschwinden kurz nach dem Tod. Er färbte das lebende Gewebe mit einem nicht näher bezeichneten blauen Farbstoff, der nur von diesem Netzwerk von Kanälen und Körperchen absorbiert wurde. Kims Buch über das Kyungrak-System (On the Kyungrak System) wurde 1963 in Pjöngjang veröffentlicht. Der Grund, warum seine Arbeit so grundsätzlich ignoriert wurde, hatte teilweise mit seinen Beziehungen zur nordkoreanischen Regierung zu tun – Kim wurde 1966 aus offiziellen Aufzeichnungen gestrichen, und Gerüchten zufolge beging er Selbstmord – und zum Teil mit der Tatsache, dass die Welt außerhalb Nordkoreas keinen physischen Beweis für unsere elektrische Natur finden wollte. Aber Mitte der Achtzigerjahre wiederholte Jean-Claude Darras, ein französischer Arzt, der in der nuklearmedizinischen Abteilung des Necker-Krankenhauses in Paris arbeitete, einige von Kims Experimenten. Er injizierte einen radioaktiven Farbstoff, der Technetium-99 enthielt, in verschiedene Akupunkturpunkte an den Füßen von Freiwilligen und stellte fest, dass der Farbstoff genau entlang der Meridiane der klassischen Akupunktur wanderte – so wie Kim es auch erkannt hatte.11
Im Jahr 2002 leitete Kwang-Sup Soh, der bereits die elektromagnetischen Eigenschaften von Akupunkturmeridianen untersucht hatte, ein Team an der Seoul National University in Südkorea, das den größten Teil des von Kim beschriebenen fadenförmigen Kanalsystems suchte und fand. Ein Durchbruch gelang im November 2008 mit der Entdeckung, dass Trypanblau – ein Farbstoff, von dem zuvor bekannt war, dass er nur tote Zellen färbt – in lebendes Gewebe injiziert ausschließlich die nahezu unsichtbaren Fäden und Körperchen, die das Team sehr mühselig identifiziert hatte, färbte. Das „Primo-Gefäßsystem“, wie es jetzt genannt wurde, wurde plötzlich Gegenstand von Forschungen in anderen Zentren in Süd- und Nordkorea sowie in China, Europa, Japan und den Vereinigten Staaten. Die Kanäle und Körperchen dieses Systems wurden ausfindig gemacht, genau wie Kim es beschrieben hatte. Sie ruhten auf der Oberfläche der inneren Organe und drangen in diese ein, schwammen in den großen Blut- und Lymphgefäßen, schlängelten sich entlang der Außenseite der großen Blutgefäße und Nerven, wanderten in das Gehirn und das Rückenmark und folgten den Leitbahnen der bekannten Meridiane in den tiefen Hautschichten.12 Beim Anfärben der Hautoberfläche mit dem Farbstoff wurde er nur von den Punkten entlang der Meridiane absorbiert.13 Im September 2010 berichtete Satoru Fujiwara, ein pensionierter Professor für Anatomie an der Osaka City University in Japan, auf dem ersten internationalen Symposium des Primo-Gefäßsystems in Jecheon, Korea, über vorläufige Erfolge bei der chirurgischen Identifizierung eines oberflächlichen Primoknotens – eines Akupunkturpunkts – in der Bauchhaut von einem Kaninchen.14 Und im Jahr 2015 verwendeten Forscher der Seoul National University ein im Handel erhältliches Färbeset, um ein fadenförmiges Gefäß aufzuzeigen, das direkt unter der Bauchhaut lebender anästhesierter Ratten verlief.15 Das vom Farbmittel dunkelblau gefärbte Gefäß folgte der Bahn des Akupunkturmeridians, der als Konzeptionsgefäß bezeichnet wird. Er verband einzelne Körperchen, deren Position den bekannten Akupunkturpunkten auf diesem Meridian entsprach. Die Feinstruktur dieses Systems von Knoten und Kanälen wurde durch Elektronenmikroskopie entdeckt. Die Forscher vermerkten, dass der Färbevorgang weniger als zehn Minuten in Anspruch nahm.