Kitabı oku: «Jugend in Wien», sayfa 3

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Trotz all meiner zwar nicht geheuchelten, aber doch etwas äußerlichen Bravheit fühlte ich mich von früh an ganz besonders zu manchen der schlechten Schüler hingezogen, und in der zweiten Lateinklasse zählte zu meinen intimsten Freunden der Allerletzte, ein gewisser Thomas, der sich, ganz im Gegensatz zu mir, ausschließlich im Zeichnen bewährte. Von den eigentlichen bösen Buben, an denen es natürlich nicht mangelte, hielt ich mich instinktiv fern, und auch sie ihrerseits ließen mich in Frieden. Und so blieb ich ziemlich lange unverdorben, ja in einem ganz lächerlichen Maße unwissend, so daß mir die unausbleiblichen Aufklärungen erst in meinem elften oder zwölften Lebensjahr zuteil wurden. Und zwar geschah das eines Abends im Vöslauer Kurpark auf einer Bank vor der Villa Rademacher, in der wir damals zum Sommeraufenthalt wohnten, durch einen Schulkameraden und Vetter zweiten Grades, Ludwig Mandl, also sonderbarerweise gerade durch denjenigen, der später als Frauenarzt in manchen Perioden meiner Existenz zu einer nicht unwichtigen Rolle berufen sein sollte.

Im selben Sommer etwa mag es gewesen sein, daß mir ein erster zufälliger Einblick in das Schauspielerleben des kleinen Badeortes gegönnt sein sollte. Eines Morgens im Kurpark sah ich ein junges Paar der nahen Arena zuspazieren und konnte hören, wie die beiden, die meines Wissens nicht verheiratet waren, in vertraulichem Du miteinander sich unterhielten. Gerade am Abend vorher hatte ich die beiden in dem Kaiser'schen Volksstück» Mönch und Soldat «das Liebespaar spielen sehen und zweifelte nun nicht mehr daran, daß auch in der Wirklichkeit ein zärtliches Verhältnis zwischen ihnen bestände. Neugierig und bewegt sah ich ihnen nach, bis sie im Bühneneingang verschwunden waren. Die Umstände fügten es, daß ich den Lebensgang gerade dieser beiden von jenem Sommer an, in dem vielleicht ihre Künstlerlaufbahn eben begonnen, lange hindurch weiterverfolgen konnte. Das hübsche Mädchen von damals ist unvermählt geblieben und spielt schon seit manchem Jahr an einer ersten Wiener Bühne das Fach der komischen oder auch würdigen Alten; ihren Partner von einst fand ich im Winter 90/91 in Salzburg wieder, dessen Theaterverhältnisse damals aus einem ganz persönlichen Grunde mein Interesse in hohem Grade in Anspruch nahmen. Der verbürgte Umstand, daß seine Frau daheim ihre Liebhaber empfing, während er auf der Bühne, ein versoffener Schmierenkomödiant, seine Partien zweiten und dritten Ranges heruntersang und spielte, fügte sich in seiner grotesken Trivialität dem Gesamtbild des Provinztheatertreibens, wie es allmälig vor mir erstanden war, würdig ein.

Die Aufklärungen psychologischer und physiologischer Natur, die dem Knaben zuteil geworden waren, hatten vorläufig keinerlei, weder äußerliche noch innerliche Folgen. Sogar von den kindischen Verliebtheiten, die in diesen Jahren so häufig sind, blieb ich ziemlich frei. Nur einer Regung von Eifersucht erinnere ich mich aus meinem elften oder zwölften Lebensjahr, die sich darin äußerte, daß ich meinen Bruder, als ich ihn von einer unserer kleinen Cousinen mir gegenüber auffallend bevorzugt sah, heftig durchprügelte. Doch tat ich es ohne innere Notwendigkeit, vielmehr aus einer Art von Pflichtgefühl, wie um mich von dem Bestehen einer Leidenschaft zu überzeugen, an die ich doch selbst nicht glaubte. Es scheint mir überhaupt, als wäre die Neigung, nicht so sehr vor andern als vor mir selbst eine Rolle zu spielen, ob ich mir nun in ihr gefiel oder nicht, in jenen Kinderjahren viel stärker in mir ausgesprochen gewesen, als je in späterer Zeit. So hatte ich mich einmal beim Spazierengehen im Vöslauer Wald verirrt, und als ich mich endlich zurechtgefunden, begann ich mein unbeträchtliches Abenteuer ins Interessante zu stilisieren und, unter dem Schatten der Bäume mit umgehängtem Überzieher heimwärtseilend, mir selbst als Monolog vorzutragen, den ich bei der Rückkehr vor versammeltem Publikum zu wiederholen gedachte; und studierte meinen Part so lange ein, bis ich von einer Bank her, an der ich eben vorüberging, den spöttisch-erstaunten Blick eines alten Herrn auf mich gerichtet sah, worauf ich beschämt verstummte. – Auch erinnere ich mich, wie mich einmal beim Spiel im Garten eine kleine Verwandte durch ein gewisses hochmütiges Zucken der Mund- und Nasenwinkel in Ärger versetzte und ich dieses Zucken, vor allem in der Absicht, mir nichts bieten zu lassen, nachzuäffen begann und eine Zeitlang gewohnheitsmäßig beibehielt. Und so habe ich allen Grund, mich zu fragen, ob an meinen frühesten poetischen Versuchen das Bedürfnis, einen Dichter vorzustellen, kindlicher Nachahmungstrieb und endlich der ermutigende Beifall, auf den ich damals begreiflicherweise immer rechnen konnte, nicht mindestens ebensolchen Anteil hatten als ein eingeborener, dichterischer Drang, an dessen Vorhandensein ich freilich nicht zweifeln darf, wenn auch in jenen ersten Schreibereien selbst der nachsichtigste Beurteiler bestenfalls Anzeichen einer gewissen Frühreife, aber kaum solche einer wirklichen Begabung entdecken könnte.

Zum ersten Gedicht begeisterte mich ein Erlebnis, dessen Inhalt aus meinen Versen ohneweiters zu entnehmen ist, so daß ich diese, zumal es meine ersten sind, als Chronist, keineswegs, wie man gleich merken wird, aus Eitelkeit hierhersetzen will. Sie lauten:»Figaros Hochzeit ist vorbei – Doch immer noch hört man Arthurs Geschrei – Er hat verloren seinen Hut – Mama ist außer sich vor Wut. – Doch endlich findet er ihn – Und bald liegt er ruhig im Bette drin. «Es erscheint begreiflich, daß der Erfolg dieses Poems, als ich es neben einem andern, ernsthafteren,»Sardanapal «betitelt, meinen israelitischen Kollegen vortrug, während die Katholiken Religionsstunde hatten, vieles zu wünschen übrigließ; und ich sollte die ersten Regungen von Schriftstellerneid kennenlernen, als gleich nach mir ein Kamerad mit selbstverfaßten heiteren Gedichten erheblich größeren Anklang fand. Bald gelang es mir, meinen Mißerfolg vor dem gleichen Publikum durch Verlesung von Spottversen auf einzelne meiner Mitschüler wettzumachen. Ein umfangreicheres Spottgedicht war auf den schon früher genannten Professor Windisch, den Ordinarius unserer Klasse, gemünzt; ob ich es gleichfalls meinen Kollegen vortrug, weiß ich nicht mehr; sicher ist aber, daß mein Vater es eines Abends unter meinen Schulheften entdeckte, als ich schon zu Bett lag; und zugleich damit ein ägyptisches Traumbüchel, sowie ein sogenanntes Punktierbuch, welche beiden sonderbaren Werke ich mir auf Rat meines Freundes Thomas zu unbekanntem Zwecke angeschafft hatte. Das Gedicht mußte ich nun meinem Vater persönlich vorlesen, der sich zwar das Lachen verbiß, wie ich deutlich merkte, sich aber doch am nächsten Tag in die Schule begab, und mir, nicht wegen des Gedichtes, dessen er dort wohl keine Erwähnung tat, jedoch wegen der Traum- und Punktierbüchel und insbesondere wegen meines unbegreiflichen Umgangs mit dem Letzten der Klasse die ernstlichsten Ermahnungen des Herrn Ordinarius mit nach Hause brachte.

Professor Windisch, ein Weltpriester, der uns in den ersten Klassen in Latein und Deutsch unterrichtete, war ein tüchtiger Pädagoge und zugleich ein gutmütiger Mensch, was in dieser Vereinigung nur wenigen seiner Amtskollegen, soweit ich sie in ihrem Beruf kennenlernte, nachgerühmt werden durfte. Ein schwacher Lehrer und dabei ein durchaus unleidliches Subjekt war insbesondere unser Mathematikprofessor Woldrich, dem es sichtlich Vergnügen machte, seine jugendlichen Schutzbefohlenen zu peinigen und in Angst zu versetzen. Eine seiner harmloseren Marotten war es, die Schüler, oft völlig ohne Grund, nur nach Laune, ihre Plätze wechseln oder eine ganze Stunde lang in einer Zimmerecke, im sogenannten» Winkel«, stehen zu lassen. In widerwärtiger Erinnerung blieb mir ferner der Schönschreib- und Zeichenlehrer Fallenböck, ein geckenhafter Herr mit rötlichem Knebelbart; und nie vergesse ich den hämischvernichtenden Blick, mit dem er sich nach mir umwandte, als ich einmal, wie ich es von meinem Hauslehrer gewohnt war, in Zerstreutheit meinen Kinderarm um seinen Nacken geschlungen hatte, während er auf dem Katheder mein Heft korrigierte. Aus diesem Blick starrte mir zum erstenmal jene eigentlich unfaßbare, nur aus einem angeborenen Haß von Mensch zu Mensch verständliche Feindseligkeit entgegen, wie man ihr später draußen in der Welt so oft, freilich mit den Jahren immer besser gewappnet, zu begegnen pflegt. Doch liegt es mir fern, etwa meine schlechte Schrift mit der unerfreulichen Nachwirkung jenes lächerlichen Fallenböck entschuldigen oder gar tiefsinnig begründen zu wollen; um so weniger, als die Kalligraphie nur in der ersten Klasse gelehrt wurde; und was nun gar das Zeichnen anbelangt, so war es nicht obligat, und bei meiner völligen Talentlosigkeit auf diesem Gebiet schied ich schon nach dem ersten Jahre freiwillig aus. Als Lehrer nicht ohne Verdienst, doch streng und verdrossen, trat unser erster Professor für Griechisch, Ambrosius Lissner, auf. Sein vorurteilsvoller Groll gegen die Schüler aus wohlhabenderen Häusern war unverkennbar, und dieser seiner Grundstimmung habe ich es auch zuzuschreiben, wenn er einmal, an meinem Eckplatz vorübergehend, meinen aufgestützten Arm ergriff und ihn ohne weitere Bemerkung, ja ohne seinen Gang nur zu unterbrechen, auf die Tischkante hinstieß. Er endete, wie nicht anders möglich, als Gymnasialdirektor und Schulinspektor. Von anderen Professoren, die uns in die höheren Klassen begleiteten oder uns erst dort übernahmen, berichte ich später; hier erwähne ich noch kurz des Supplenten Herrn Rutte, eines süßlich-stutzerhaften Dümmlings, der, unentwegt seinen Schnurrbart zwirbelnd, uns in der dritten Lateinklasse in der deutschen Sprache unterwies und einige Zeit hindurch auch in meinem Vaterhaus als Lehrer aus und ein ging, wie uns denn, sowohl meinem Bruder als mir, der dessen eher bedurfte, während des ganzen Gymnasiums solche Nachhilfe in geringerem oder höherem Maße mit mehr oder minderem Nutzen zuteil wurde. Unserem vortrefflichen Maximilian Lang war als Hauslehrer sein Vetter gefolgt, gleichfalls ein Mediziner, übrigens ein unbeholfener und unbegabter Mensch, über den wir uns gern lustig machten und der sich nicht lange als Lehrer bei uns halten konnte, aber in gelegentlichem Verkehre mit uns verblieb. Um sich die Mittel zur Beendigung seiner Studien und zur Ablegung seiner Rigorosen zu verschaffen, heiratete er zum allgemeinen mitleidslosen Ergötzen eine abgetakelte, ungarische Provinzschauspielerin, die er uns wohl gelegentlich vorgestellt haben mag, von der ich aber nicht weiß, ob ich sie jemals wirklich gesehen oder ob ich nur nach Schilderungen ihr Bild als das einer nicht mehr jungen, lächerlich geschminkten, auffallend angezogenen Dame im Gedächtnis bewahrt habe.

In höheren Respekt zu setzen als die Herren Neuhaus und Rutte wußten sich die Herren Strassmann und Holzinger, die ich übrigens in ihrer Physiognomie kaum zu unterscheiden und in der Zeitfolge nicht recht unterzubringen vermag; einer von ihnen war es, der sich als Artillerieoffizier in der Reserve rühmen durfte, bei keiner Lohengrinvorstellung im Stehparterre der Hofoper zu fehlen. All den hier Genannten war keine lange Frist in unserem Haus beschieden; erst ein armer, häßlicher, kleiner Judenjunge, der als Schüler der sechsten Klasse des Akademischen Gymnasiums, mir damals um zwei oder drei Jahrgänge voraus, den Unterricht bei uns aufnahm, hielt sich zur größten Zufriedenheit aller Beteiligten dauernd, das heißt bis über meine Matura hinaus, in seiner Stellung. Ernst, mit Neigung zur Ironie, klug, gewissenhaft und von nie rastendem Fleiß, war er nicht allein ein vorzüglicher Lehrer, sondern setzte seine eigenen Studien auf der Universität, die der Rechtswissenschaften, unbeirrt und mit stets wachsendem Erfolge fort. Bald trat er in Staatsdienste, gilt heute als erste Autorität im Staats- und Völkerrecht und amtiert im Verwaltungsgericht als Hofrat Tezner, was ihm unter seinem einstigen Namen, Tänzerles, bei gleichen Verdiensten kaum geglückt wäre. Daß ich, im Gegensatz zu meinem Bruder, auch unter seiner vortrefflichen Leitung ein etwas bequemer, ehrgeizloser und recht eigentlich oberflächlicher Schüler gewesen bin, hat er mir erst vor wenigen Jahren anläßlich einer unserer nicht häufigen, aber mir jederzeit willkommenen Begegnungen mit Humor ins Gedächtnis zurückgerufen.

Mit ebenso mäßigem Eifer wie die Schulgegenstände betrieb ich das Klavierspiel, zu dem ich schon in frühen Jahren angehalten worden war. Die Anfangsgründe brachte mir ein außerordentlich kleiner Herr namens Basch bei, der schon im Haus meiner Großeltern Musikunterricht erteilt hatte und sich in seinem Neben- oder Hauptberuf als Heiratsvermittler bewährte. In dieser seiner doppelten Eigenschaft tritt er in einem meiner zahlreichen unvollendeten Dramen» Albine «unter dem Namen Tüpfel episodisch auf. Sein Nachfolger – als Klavierlehrer versteht sich – war ein gewisser Peschke, der dem dritten Napoleon auffallend ähnlich sah und bald durch einen blonden, liebenswürdigen, aber jähzornigen jungen Mann, den Korrepetitor der Wiener Hofoper, Hermann Riedel, abgelöst wurde, denselben, der damals als Komponist der Scheffel'schen Trompeterlieder eines lauten, aber bald verstummenden Ruhmes genoß. Seine Oper» Der Ritterschlag«, an der Wiener Hofbühne aufgeführt, blieb ohne Erfolg. In jungen Jahren, eben in den Ehestand geraten, wurde er als Hofkapellmeister nach Braunschweig berufen, wo er nach jahrzehntelanger, vielgelobter Dirigententätigkeit, ohne je wieder mit einem eigenen Werk hervorzutreten, im Jahre 1914 verstorben ist. Blaß und flüchtig, wie es einer Episodenfigur geziemt, schwebt seine Erscheinung durch meinen Roman» Der Weg ins Freie«. Das Üben machte mir nicht viel Spaß, so blieb ich in der Technik zurück, brachte es aber dank meinem durch Oper-und Konzertbesuch geförderten Musikinteresse zu einer gewissen Fertigkeit, insbesondere im Vierhändigspielen, bei welchem meine Partnerin meistens die Mama war, mit der übrigens auch Hermann Riedel zum Abschluß der Lektion zu musizieren pflegte. Mein Bruder ging vom Klavier zur Violine über und lief mir auch in der Musik, wie in sämtlichen Schulgegenständen und später in der Medizin durch Beharrlichkeit und Gewissenhaftigkeit, vielfach auch durch Auffassung und Begabung, den Rang ab. Er war, nach dem wenig besagenden Ausdruck, im Gegensatz zu mir, ein schlimmes Kind gewesen. Aber schon in frühen Knabenjahren änderte sich auch hier das Verhältnis zu meinen Ungunsten. Wir vertrugen uns übrigens sehr gut miteinander und beide auch mit der kleinen Schwester, wenn wir uns auch manchmal brüderlich verbanden, sie zu sekkieren. Im ganzen war der Charakter unserer Beziehungen damals und noch viele Jahre hindurch eher als herzlich, denn als innig zu bezeichnen, was überhaupt auf die in unserer Häuslichkeit herrschende seelische Grundstimmung zutreffen dürfte. Bei aller Zärtlichkeit, deren wir uns von den Eltern zu erfreuen hatten, bei aller Sorgfalt, die auf unseren Unterricht – mehr auf diesen als auf unsere Erziehung im weiteren Sinn – verwendet wurde, war mein Vater nach Anlage, Beruf und Streben, welch letzteres bei all seiner unermüdlichen ärztlichen, wissenschaftlichen und journalistischen Betätigung sehr stark auf sichtbaren Erfolg und äußere Ehren, keineswegs auf Gelderwerb gerichtet war, doch so sehr von sich selbst erfüllt, ja auf sich angewiesen, und die Mutter in all ihrer hausfraulichen Tüchtigkeit und Übergeschäftigkeit hatte sich seiner Art und seinen Interessen so völlig und bis zur Selbstentäußerung angepaßt, daß sie beide an der inneren Entwicklung ihrer Kinder viel weniger Anteil zu nehmen vermochten und dieser Entwicklung vor allem viel weniger echtes und befruchtendes Verständnis entgegenbrachten, als sie sich jemals einzugestehen auch nur fähig gewesen wären. Und so wie ihnen selbst kam auch mir in den frühen Knabenjahren dieser Mangel kaum zum Bewußtsein; – was uns an elterlicher Liebe geboten wurde, war insbesondere in seinen äußeren Zeichen so warm und reich, daß meine kindliche Dankbarkeit auch damals schon hinter meinen Verpflichtungen erheblich zurückblieb.

Immerhin konnte die Atmosphäre eines Hauses, innerhalb dessen bei aller auch um ihrer selbst willen geübten und ersprießlichen Tätigkeit die Anerkennung für wichtiger galt als die Leistung und die Meinung der Welt höher gewertet wurde als die Selbsterkenntnis, auf meine eigene Entwicklung, insbesondere auf die meiner Grundbegabung (deren größeres oder geringeres Ausmaß für diese Erwägungen nicht in Betracht kommt), nicht ohne Einfluß bleiben; und betrachte ich das Heft, in das ich mit unbeholfener Kinderschrift meine ersten Gedichte eingetragen und um Nachsicht werbend als» Erstlinge «bezeichnet hatte, so erkenne ich nicht an den Titeln allein, daß nicht immer ein angeborener dichterischer Trieb in mir wirksam war, sondern daß ich oft genug ohne inneren Drang irgendeinen sich bietenden Anlaß ergriff, um mich vor den Eltern und anderweitigem Publikum oder auch vor mir selbst aufs neue als Dichter auszuweisen.»Rom in Brand «war das erste Gedicht betitelt, das ich der Aufnahme in diese Sammlung für würdig hielt; verfaßt zu Vöslau, Ende Juni 1873, und von meiner guten Großmama mit dem Ausruf begrüßt:»Ein zweiter Schiller!«Es folgten» Der glückliche Hirt«,»Ulysses und Achilles«,»Hektors Tod«,»Achilles' letzte Worte«,»Andromaches Trauer«,»Heimweh eines deutschen Flüchtlings«,»Memnon«,»Penthesilea«, womit ich die erste Sammlung abschloß, um bis Ende 1875 zwei weitere folgen zu lassen von ähnlich gemischtem Charakter, in denen aber doch die historischen und mythologischen Stoffe allmälig zurücktreten und sich gelegentlich neben der Gefühls- eine Art von Gedankenlyrik hervorwagt, wie zum Beispiel in einem Gedicht, darin die vier Temperamente sich der Reihe nach zum Problem des Ruhms vernehmen lassen. Im engeren Familienkreise wurden alle diese durchaus unbeträchtlichen Versuche als Talentproben eingeschätzt, und öfter als mir lieb war, richtete zu einer Zeit, da ich meine lyrische Periode schon als abgeschlossen betrachten durfte, mein Vater die mahnende Frage an mich:»Hast du schon lange kein Gedicht gemacht?«Auch um die Weiterbildung meiner Prosa war er damals insoweit besorgt, als er mich veranlaßte, Beschreibungen unserer Sommerreisen 1874 und 75 zu verfassen, wofür ich pro Kapitel oder Reisetag je nach Gelingen zehn oder zwanzig Kreuzer Belohnung empfing. Bei Gelegenheit solcher Reisen fehlte es natürlich nicht an Episoden, die zu humoristischer Behandlung geeignet schienen; und so wandte ich unter anderm viel Fleiß und Laune an die Schilderung der Begegnung mit einem braven Landarzt in der Nähe von Heiligenblut, der sich im Wirtshaus gesprächsweise zufällig als ein Abonnent der von meinem Vater geleiteten medizinischen Zeitung zu erkennen gegeben und dem sich dieser erst im Weiterfahren vom Wagen aus in einer Art von Kaiser-Josef-Laune als der hochverehrte Redakteur und Professor aus Wien entdeckt hatte.

Entschiedener und mit einer Ursprünglichkeit, die im Vergleich zu meinen, etwas gezwungenen lyrischen Bestrebungen besonders klar zutage tritt, kündigte sich meine theatralische Sendung an, wobei ich wieder die Frage der Begabung ganz außer acht lassen darf; – denn mit dem, was ich hier schreibe, maße ich mir keineswegs an, die Entwicklung eines dichterischen Genius zu schildern, sondern die einer menschlichen Seele, in der künstlerische, dilettantische und mancherlei andere Elemente einander bedingten, störten und förderten. Im Gegensatz zu meinen Gedichten blieben meine dramatischen Versuche lange Zeit fast durchaus meine Privatangelegenheit. Insbesondere hatte ich keine sonderliche Neigung, sie meinen Eltern mitzuteilen. Ich verfertigte sie insgeheim und ließ die Schulhefte, in die ich sie einzutragen pflegte, wenn mein Vater oder sonstwer ins Zimmer trat, unter den Aufgaben verschwinden. So entstanden bis zum Jahre 1875, also noch im Untergymnasium, folgende Werke, deren Titel ich der Kuriosität halber hieher setzen will:»Die Loreley«, eine Tragödie in fünf Akten und einem Vorspiel; —»Der chinesische Prinz «in vier Bildern; —»Die Loreley«(nochmals) in zwei Abteilungen; —»Gold und Ehrlichkeit«, ein Märchen in vier Aufzügen (in reimlosen Jamben); —»Königin Himmelblau«, Märchen in vier Akten; —»Cornelius Ombra«, dramatisches Märchen; —»Die verbrannte Katze«, eine Szene; —»Der große Krach «in fünf Akten; —»Die Wundergeige«; —»Die Schutzgeister«, Märchen in drei Akten; —»Theegesellschaft«, Lustspiel in einem Akt; —»Prinz Ernst und Werner von Kyburg«, historische Tragödie in einem Vorspiel und sechs Akten; —»Der Schatzgräber«, Märchen in fünf Akten; —»Der Alpenjäger«, Trauerspiel in zwei Akten; —»Kraut und Rüben«, Lustspiel in zwei Akten; – endlich der dritte Teil einer Trilogie» Tarquinius Superbus«, deren ersten Teil ich erst einige Jahre später in Angriff nahm. Von all den hier genannten Stücken ist nur» Gold und Ehrlichkeit«, sowie der» Tarquinius Superbus «erhalten geblieben. Von den andern wüßte ich mich der wenigsten zu erinnern, wenn ich nicht das Verzeichnis aufbewahrt hätte. Doch weiß ich noch, daß»Die verbrannte Katze «sich auf einen nicht ganz aufgeklärten Vorfall bezog, der sich in der Schule zugetragen, und daß ich zum» Alpenjäger«, dessen Handlung mir entfallen ist, durch den Anblick einer Gasthofterrasse am abendlichen Wolfgangsee und der auf den gedeckten Tischen brennenden Windlichter angeregt worden war.

Unvollendet blieb innerhalb derselben Epoche eine Tragödie» Die Brüder«; eine Art Volksstück» Die Türken vor Wien«; ein Märchen» Aschenbrödel«;»Die Schauspieler «und (dieses noch vorhanden) ein satyrisches Lustspiel» Teutschlingen«, in dem ich mit wenig Witz und nicht übermäßig viel Behagen unsere Professoren, insbesondere den deutschtümelnden Zitkovszky zu persiflieren suchte; – diesen vielleicht nur darum, weil mir daran lag, an dem ersten Menschen, der sich zu mir in eine bewußte literarische Opposition gesetzt hatte, mein Mütchen zu kühlen. Als er nämlich in der Vierten unsere Klasse übernahm, hatte er an den Primus die Frage gerichtet, wer die besten deutschen Aufsätze zu liefern pflege, worauf mein Name genannt wurde. Als meine ersten Arbeiten nicht zu Zitkovszkys Zufriedenheit ausfielen, bemerkte er wegwerfend, daß er an ihnen nichts Besonderes finden könne, ein Urteil, in dem ich ihm übrigens, soweit ich es an aufbewahrten Schulheften noch zu überprüfen vermag, nicht nur heute beipflichten muß, sondern dem ich mich schon damals im stillen anschloß. Denn, obzwar ich in der Schule spöttisch Poeta laureatus genannt und über mich sowie über meine gleichfalls literarisch beflissenen Freunde, Wechsel und Obendorf, das Gerücht in Umlauf gesetzt wurde, wir hätten einen Verein zur Verbesserung der Klassiker gegründet, – ich war auf meine Aufsätze und sonstigen schriftstellerischen Erzeugnisse keineswegs stolz, hatte kaum das Bedürfnis, sie in weiteren oder engeren Kreisen bekanntzumachen, sondern fand mein Genügen im rast-, aber auch planlosen Niederschreiben meiner Szenen und Stücke, über die ich mich kaum mit jemand zu unterhalten und die ich nur ausnahmsweise meinen nächsten Freunden bekanntzugeben pflegte; außer Wechsel und Obendorf einem gewissen Otto Singer, dem ich den» Tarquinius Superbus «einmal im Salon vorlas, nicht ohne das Manuskript, wenn mein Vater eintrat, unter den Diwan verschwinden zu lassen. Flüchtig tauchte einmal im Gespräche zwischen mir und einem gewissen Konrad Willner der Plan einer poetischen Schulzeitung auf, die abwechselnd unter seinem und meinem Vornamen erscheinen sollte, doch kam der Plan schon aus dem Grunde nicht zur Ausführung, weil mein Mitherausgeber das Gymnasium bald verließ.

Zusammenfassend wäre nur zu sagen, daß alles, was ich innerhalb dieser frühen Epoche schrieb, kaum an irgendeiner Stelle das Vorhandensein eines wirklichen dichterischen Talents ahnen ließe, wenn man nicht schon die unbezwingliche Schreibelust, zum mindesten auf dramatischem Gebiete, als Anzeichen eines solchen Talents will gelten lassen; und selbst das früher beiläufig gebrauchte Wort Frühreife glaube ich treffender durch» Frühbildung «ersetzen zu müssen, ja mir ist, als hatte ich mir gerade durch jene unermüdliche, irgendwie mechanische Art des Produzierens eine gewisse Unbewußtheit, Kindlichkeit und Unreife des Wesens länger erhalten, als es sonst der Fall zu sein pflegt; denn das bißchen Leben, das in meinen Gesichtskreis fiel, wurde sofort, ohne daß ich mich als Individuum damit abzufinden suchte, von dem produktiven Element meiner Natur aufgenommen, verarbeitet und abgetan.

Über Haus und Schule, über Theater und Lektüre und das, was ich Dichten nannte, gingen meine Interessen kaum hinaus; was sich in Stadt und Land oder in der weiten Welt draußen begab, fand in meiner Seele noch wenig Widerhall. Aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges, die in mein neuntes Lebensjahr fiel, ist mir außer den großgedruckten Überschriften der Zeitungsblätter nur in Erinnerung geblieben, daß meine Sympathien, wie die von ganz Österreich, zu Beginn des Feldzugs auf französischer Seite waren. Näher berührte mich zwei Jahre später die ökonomische Katastrophe, die unter dem Namen» Der große Krach «berüchtigt geblieben ist, in der mit manch anderen unschuldigen Opfern auch mein Vater alles verlor, was er bis dahin erspart hatte, und die mich, wie jenes früher erwähnte Dramenregister verrät, sogar zu fünf, wahrscheinlich humoristisch gedachten Szenen begeisterte. Wenige Tage vor dem schwarzen Freitag, der als solcher in der Wiener Lokalgeschichte weiterlebt, am 1. Mai 1873, war die Wiener Weltausstellung eröffnet worden, und ich sehe mich noch meinen Eltern gegenüber in einem geschlossenen Wagen sitzen, der sich langsam dem Tor der Rotunde nähert und an dessen Scheiben die Regentropfen klatschen. Allem sonstigen politischen und sozialen Geschehen, auch in seinen entferntesten Ausstrahlungen, war ich bis dahin entrückt geblieben, wie die meisten Knaben aus meinen Kreisen, blieb es auch äußerlich wie innerlich noch geraume Zeit; wie denn damals auch die Weltgeschichte kaum unmittelbar auf mich gewirkt, sondern vor allem als Fundort von poetischen, insbesondere dramatischen Stoffen mein Interesse angeregt haben dürfte.

Mit all meiner Poeterei war ich keineswegs ein verträumter oder eigenbrötlerischer Knabe, vielmehr, trotz gelegentlicher Zerstreutheit, recht aufgeweckt und von geselligen Neigungen. Schulkameraden kamen in unser Haus, und ich besuchte sie wieder, mit einem oder dem andern sprach ich mich wohl auch gründlicher oder vertrauter aus, ohne daß intimere oder gar schwärmerische Freundschaften entstanden wären, wie sie in diesen Jahren sonst nicht selten sind. Womit man sich gemeinsam die Zeit vertrieb, wäre mir nahezu gänzlich entfallen, wenn mir nicht ein Abend im Gedächtnis geblieben wäre, an dem ich im Hause eines Schulkameraden ihm und seinen Schwestern eine Novelle von Zschokke oder Hackländer vorlas und, unversehens in eine etwas erotische Stelle geratend, tief errötete. Von jenem Kollegen, Leo Arnstein, besitze ich aus viel späterer Zeit eine Karte, durch die er mich, übrigens ohne Erfolg, zu einer gemeinsamen Ferialreise aufforderte, mit dem ausdrücklichen Bemerken, daß Bergfexereien ausgeschlossen seien. Das Schicksal wollte es, daß er selbst schon im Sommer nach jener Einladung beim Blumenpflücken von einer Felswand abstürzte und auf der Stelle tot blieb.

Hier will ich noch einiger anderer Schulkameraden gedenken, mit denen ich ein oder mehrere Semester lang flüchtigen Verkehr pflegte oder die mir aus sonst einem Grund lebendiger im Gedächtnis verblieben sind als die andern. Da war vor allem Ernst Radnitzky, Sohn des rühmlich bekannten Kupferstechers, in den ersten Gymnasialjahren der Primus unserer Klasse, ein begabter Knabe von etwas sonderlingshaftem Gebaren, der während des Respiriums allein mit umgehängtem Überzieher in den gotischen Gängen unseres Gymnasiums umherzuwandeln liebte. In den oberen Klassen, als er seinen Rang als Erster verlor, wurde er etwas umgänglicher und mit einigen Kollegen, darunter mit mir, so intim, daß sich sowohl in den Schulstunden von Bank zu Bank, als in den Ferien zwischen Wien und einer Wasserheilanstalt bei Graz, wo er sich zur Erholung aufhielt, eine Korrespondenz zwischen uns anknüpfte. Auch poetisch scheint er sich mehrfach versucht zu haben, wie ich aus einem Sonett entnehme, in dem er mich auffordert,»gleich mir ein hoffnungsloser Ringer «das Dichten aufzugeben. Ich nahm ihm das, wie manche andere hämische Bemerkung, gewiß nicht übel; aber über die Matura hinaus wollte unsere Freundschaft doch nicht halten, und wenn ich ihm auch später als Universitätshörer und als Ministerialbeamten auf der Straße, stets mit umgehängtem Überzieher, manchmal wiederbegegnete, zu längeren Unterhaltungen bestand von beiden Seiten keinerlei Neigung, und im Laufe der Zeit wurde auch der gegenseitige Gruß wie auf Verabredung eingestellt.

Der Primus der A-Klasse war unentwegt von der Ersten an ein gewisser Katzer gewesen, der diesen Rang auch beibehielt, als unsere B-Abteilung mit der andern zwei Jahre vor der Matura vereinigt wurde. Das war ein fleißiger, freundlicher, bescheidener, aber beschränkter Junge, der wahrscheinlich aus Familienrücksichten zu frühem Erwerb genötigt, eine kleine Beamtenstelle bei der Post annahm, aber es selbst in diesem, nicht übermäßige Anforderungen erheischenden Amt meines Wissens nicht sonderlich weit brachte.

Ihm der Nächste in der Klasse war ein gewisser Lubowienski, ein recht aufgewecktes, nicht unbegabtes Bürschchen, das später in Salzburg als Advokat und deutschnationaler Parteimann eine politische Rolle zu spielen suchte, seinen Namen, der ihm in dieser Carriere hinderlich sein konnte, ablegte und ihn mit einem deutscher klingenden vertauschte. Einmal hatte sich die ganze Klasse zu irgendeinem mir nicht mehr erinnerlichen Zweck photographieren lassen, Herr Kilcher-Lubowienski, der eines der Bilder aufbewahrt hatte, ließ es in Salzburg unter seinen Freunden zirkulieren, nicht ohne es mit der düsteren Bemerkung zu begleiten:»Schaut euch das einmal an! Mit so viel Juden zusammen hab' ich in die Schul' gehn müssen!«Er wurde, wie ich nicht zweifle, ob dieses traurigen Loses von seinen Gesinnungsgenossen nach Gebühr bedauert.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
19 haziran 2026
Hacim:
440 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783849635572
Yayıncı:
Telif hakkı:
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