Kitabı oku: «Jugend in Wien», sayfa 5
Zweites Buch – Mai 1875 bis Juli 1879
Man stelle sich einen Menschen vor, der unversehens in eine Maskenleihanstalt geriete: ringsherum an den Wänden, in offenen Schränken, auf Kleiderstöcken hängen Gewänder mit schlappen Ärmeln, Mäntel ohne Inhalt; papierene Larven starren mit leeren Augen und zwischen den offenen, rotgeschminkten Lippen gähnen Löcher; es ist eine bunt phantastische, aber tote Welt. Allmälig jedoch regt sich ein oder der andere Ärmel, der eben erst nichts zu enthalten schien als Luft, fingernde Hände strecken sich entgegen, ein Mantel bläht sich, wie wenn eine atmende Brust ihn schwellte, aus der leeren Augenöffnung einer Larve schimmert ein Blick, die Lippen beginnen zu lächeln oder zu grinsen, und was bisher hohle Gewandung oder bemalter Pappendeckel schien, erweist sich als atmend, schauend und bewegt. Es wäre das seltsamste Abenteuer, und doch ist es vergleichsweise nichts anderes als was ahnungsvoll und gefaßt der Knabe erlebt, wenn ihm hinter den Worten, soweit sie etwas Begriffliches bezeichnen, hinter Worten, die er hundertmal gehört, gelesen, ausgesprochen, niedergeschrieben und zu verstehen geglaubt hat, zum erstenmal ihr eigentlicher Sinn aufzuglänzen beginnt. Nicht mehr zwischen Larven und Gewändern wandelt er dumpf einher, das Leben selbst dringt und funkelt auf ihn ein; und auch, wo es sich noch nicht kundgetan, ist er der wundersamsten Überraschung in jedem Augenblick gewärtig.
Wie zum erstenmal in einer schlaflosen Nachtstunde das Wort Tod aus seiner Buchstabenstarrheit für mich erwachte, habe ich eben erzählt; nicht viel später, wie leicht zu denken, sollte mir mit dem Wort Liebe das gleiche begegnen.
Uns gegenüber, ein Stockwerk höher als wir, auf der anderen Seite der Eschenbachgasse, die zwischen Opern- und Burgring mündet, wohnte im Jahre 1875 ein Kaufmann oder Börsianer mit Frau, vier oder fünf Söhnen und einer einzigen Tochter. So war man einander von Angesicht zu Angesicht schon lang nicht mehr fremd, als eines frühen Sommertags die förmliche Vorstellung erfolgte, im Volksgarten, wo Fanny mit ihrem jüngsten Bruder, dem dreijährigen Fritz, und ich mit» Fräulein«, Geschwistern, Schulkollegen zu lustwandeln pflegten. Schon in unserer ersten Unterhaltung ergab es sich, daß wir beide kurz vorher, und zwar am gleichen Tag, dem 15. Mai, unseren dreizehnten Geburtstag gefeiert hatten; und diesem Schicksalszeichen gehorsam, beschlossen wir, uns unverzüglich ineinander zu verlieben. Spaziergänge in den grünenden Alleen des Volksgartens, Versicherungen gegenseitiger Zuneigung, Händedrücke, Blicke und andere Verständigungszeichen von Fenster zu Fenster, auch naivster Art – so stellte ich mich einmal auf einen Stuhl, um der Angebeteten meine ersten langen Beinkleider vorzuweisen – das waren die unschuldigen Äußerungen unserer Seelenregungen; – aber so harmlos die Beziehung sich auch anließ und weiterspann, die Eltern hüben und drüben zeigten sich höchst ungehalten; und einmal trat ich gerade ins Zimmer, als die meinen sich über die Notwendigkeit besprachen, sich mit denen Fannys ins Einvernehmen zu setzen, damit insbesondere der skandalösen Fenstertelegraphie ein Ende gemacht werde, die wir unter Verwendung von Fensterpolstern und brennenden Kerzen zu hoher Vollendung ausgebildet hatten. Aber es bedurfte gar keiner besonderen Maßregeln; schon im Herbst desselben Jahres zogen unsere Nachbarn aus; und da weder meiner Liebsten noch mir viel Freiheit vergönnt war, blieb mir nichts übrig, als manchmal nach der Schule in der Nähe ihrer neuen Wohnung auf der Wieden, einen glücklichen Zufall erhoffend, umherzustreifen. Er wollte sich nicht einstellen; erst als das Frühjahr wiederkam, traf ich an schönen Abenden ziemlich regelmäßig im Volksgarten mit Fännchen zusammen, wenn ich nicht gezwungen war, an den ärztlichen Landfahrten meines Vaters teilzunehmen, die mich nun immer mehr in Verzweiflung brachten. Briefe wurden gewechselt, es gab Liebesversicherungen und Liebeszwiste; und da Freunden und Freundinnen, Vertrauten und Mißgünstigen die üblichen Nebenrollen zugeteilt waren, mangelte es auch nicht an Zwischenträgereien, Eifersüchteleien mit nachfolgender Versöhnung; kurz, es war die echte und rechte Jugendliebe, wie man sie sich als vierzehnjähriger Gymnasiast und gar als Dichter schuldig zu sein glaubte, nur daß ihr leider das Beste fehlte, wovon ein zu dieser Zeit verfaßtes, sauersüßes Gedicht, das mit den Worten anhebt:»Kein einz'ges kleines Küßchen noch von ihrem rosigen Munde«… ein ziemlich beschämendes Zeugnis ablegt. Die kleinen Herren und Fräulein, die sich damals in unserer Gesellschaft herumtummelten, einzeln und paarweise, sind fast alle mit geringer Kunst, aber ziemlich getreu, in den Entwürfen und Fragmenten aus dieser Zeit abkonterfeit: in dem komischen Heldengedicht» Die Meyeriade «und in einem humoristischen Roman» Akademische Herzen«. Folge ich in dem ersteren den Spuren des Jobsiadedichters Kortum, so sind in dem Roman Einflüsse des liebenswürdigen und erfindungsreichen Hackländer und des um so viel platteren Winterfeld nicht zu verkennen. Das Heitere und Spaßhafte ist an einzelnen Stellen ganz leidlich gelungen, wenigstens dort, wo ich mich innerhalb realistischer Nachschilderung zu halten wußte; und die in der Schule oder im Volksgarten spielenden Szenen verraten überdies eine in solchen Jahren nicht häufige Selbstironie, die freilich, wie es meist der Fall ist, durch Sympathie für die eigene Person erheblich gemildert erscheint. Stumpfer wird der Witz und etwas läppisch die Erfindung, wo der Versuch gewagt wird, Universitätsstudenten oder gar ältere Herren, Balletttänzerinnen und dämonische Baroninnen in satirischer, sentimentaler oder frivoler Beleuchtung vorzuführen.
Auch in anderen Versuchen aus diesen Jahren tritt, ebenso wie manche andere Figuren aus dem bekannten Kreis, das interessante Liebespaar Arthur-Fanny immer wieder auf, wobei nichts weiter an die Wirklichkeit gemahnt, als die beibehaltenen echten Vornamen. Eine alberne Posse,»Fastnachtsgeschichten«, eine andere, nicht viel klügere,»O, welche Lust, zu reisen!«und ein dreiaktiges Lustspiel, in dem die Kotzebue'sche Technik stellenweise nicht ungeschickt nachgeahmt wird:»Die feindlichen Hoteliers«(1878), mögen für diese naivste Abart der Schlüsseldichtung als Beispiele gelten. Die meisten meiner Volksgartengenossen und – genossinnen, wie sie in jenen Schreibereien – vor allem in dem Romanfragment – eigentlich Lebendiger aufbewahrt sind als in meiner Erinnerung, was sogar für Fännchen selbst gilt – entschwanden in der kalten Jahreszeit meinen Augen, um mit dem Erwachen der Natur, unter der erneuten Möglichkeit des Lustwandelns im Freien, wieder emporzutauchen; nur einer, Jacques Pichler, der in der» Meyeriade «und in den» Akademischen Herzen «unter dem Decknamen» Steile «auftritt, ein gutmütig-harmloser, sich wienerisch fesch gebärdender Junge, der sich das Studium wenig anfechten ließ, blieb mir auch in den Wintermonaten nah, war mir eine Zeitlang als Billardkumpan willkommen, konnte sich aber später, als Vertrauter überflüssig geworden, weder bei mir noch sonst in meinem intimeren Kreise behaupten. Auf die Universität gelangte er mit beträchtlicher Verspätung, eine noch erheblichere gab es bis zur Erreichung des medizinischen Doktorgrades; seinen Beruf übte er zuerst im Militärverband aus, um endlich als Zahnarzt ins Zivil überzutreten.
Auch einiger anderer Figuren will ich hier flüchtig gedenken, zweier vor allem, die sich nicht nur durch ihr Glück bei Damen aller Art hervortaten, sowohl bei Backfischen als bei Dirnchen, sondern auch durch ihre Neigung, von ihren Erfolgen zu reden – des fröhlich-trivialen Handelsakademikers Emil Weichsel und des ernster angelegten Realschülers Krisar; – und eines dritten, den wir, allerdings nur hinter seinem Rücken, das» Nelkenvieh «nannten und der den blumigen Teil dieses Kosenamens seinem ständigen Knopflochschmuck, den minder zarten aber dem Umstand verdankte, daß er es wagte, meiner Angebeteten den Hof zu machen. Er war nicht mein einziger und keineswegs der gefährlichste Rivale: Josef Kranz, der spätere Advokat und Finanzier, brachte Fännchen seine Huldigungen in Gedichten dar, die mir viel besser erschienen als die meinen und es vielleicht auch waren. Ein paar Jahrzehnte später, als wir über jene längst verflossenen Zeiten sprachen, bedauerte er nicht nur in meinem, sondern auch in seinem Namen, daß wir» damals «noch nicht erwachsener und gewandter waren.
Vertrauter als mit den bisher Genannten verkehrte ich mit zwei Schulkameraden, die, beide um einige Jahre mir im Alter voraus, infolge ihres geringen Lerneifers, ihrer inneren Unstetheit und mancher unverschuldeten Umstände genötigt waren, ihre Gymnasiallaufbahn vorzeitig abzubrechen. Der eine, Moritz Wechsel, stammte aus einer armen Judenfamilie, die aus Amerika eingewandert war; und so durfte er sich der Aufgabe unterfangen, mich und meinen Bruder in den Anfangsgründen der englischen Sprache zu unterweisen. Doch bald wurden die Lektionen, in die mein Vater aus Güte für mich und aus Mitleid mit dem armen Schulkollegen gewilligt hatte, als unfruchtbar erkannt und daher abgebrochen; – nicht so unser freundschaftlicher Verkehr, den ich um so weniger missen wollte, als Moritz nicht nur an meiner Herzensgeschichte, sondern auch ernsthafter als irgend jemand zuvor an meinen dichterischen Bestrebungen Anteil nahm, mit denen er sich schon völlig nach Rezensentenart auseinanderzusetzen wußte. In einer absprechenden Kritik über den» Tarquinius Superbus«, dritter Teil, erwies er sich schon dadurch als der geborene Journalist, daß er von mir höhnisch als von einem Herrn Sch. sprach; und wenn er eine spätere Abhandlung über mein Drama» Der Raub der Sabinerinnen «mit den Worten schloß,»mein Lob dem jungen, hoffnungsvollen Dichter«, so schlägt aus ihnen der Geruch von Druckerschwärze ahnungsschwer entgegen. Aus einer Reihe von Aufsätzen, in denen wir miteinander polemisierten, könnte man, wenn sie noch existierten, eine Verschiedenheit unserer Weltanschauungen ableiten; er vertrat eine stoische, ich, wie schon aus dem Gesamttitel meiner Artikel» Fruere vita«(Genieße das Leben) hervorgeht, eine epikureische Auffassung; daß die meine ehrlicher gemeint war, glaube ich ebenso sicher behaupten zu dürfen, als daß er die seine gewandter zu formulieren wußte. Er war ein kleiner, blasser, krausköpfiger, wenig gepflegter, geduckter Junge, sichtbarlich umflossen von einer trübseligen Ghettoatmosphäre, die mir in seiner Leopoldstädter Wohnung noch greifbarer entgegenströmte, und er schloß sich mir um so lieber und lebhafter an, als sich ihm sonst nur wenig Sympathien zuwandten. Doch auch unsere Beziehungen flauten ab, nachdem er das Gymnasium verlassen; bald darauf, als er schon in die ihm vorbestimmte Laufbahn geraten war, verlor ich seine Person ganz aus den Augen und wußte ihn nur als politischen Mitarbeiter bei großen Wiener Zeitungen tätig. Auch später erfolgten immer nur flüchtige Begegnungen, und bei Gelegenheit des ersten ausführlicheren Gespräches nach Jahrzehnten, im Sommer 1915 in der Vorhalle eines Ischler Gasthofs, sah ich statt des untersetzten, älteren grauen Herren im Lodenrock, Redakteur des» Neuen Wiener Journals«, immer den blassen Judenjungen vor mir, der mich schon, als wir beide noch Schulbuben waren, lang vor Maximilian Harden und anderen Gestrengen, mit gebotener Verächtlichkeit» Herr Schnitzler «genannt hatte.
Nicht nur mein Vater hatte seine, allerdings pädagogisch begründeten Einwendungen gegen meinen Verkehr mit Moritz Wechsel – auch ein Kollege, der als Gymnasialschüler kaum besser als jener und überdies mit ihm ziemlich befreundet war, bemühte sich, ihn aus seiner Vertrauensstellung bei mir zu verdrängen. Sein Name war Adolf Weizmann; seine Familie, gleichfalls in beschränkten Verhältnissen, war in einem mährischen Städtchen ansässig, er selbst wohnte in Wien, bei Verwandten. Im Gegensatz zu Moritz war er ein gradgewachsener, hübscher Junge, freier, wohl auch vordringlicher im Betragen als der andere und nicht nur lyrischer, sondern auch, stolz auf sein starkes, wenn auch etwas trockenes Organ, deklamatorischer und schauspielerischer Neigungen beflissen. Auf einem Schulausflug 1876, wie er nach alter Gepflogenheit unter Führung eines Professors am ersten Mai unternommen wurde, machte er mich und Moritz in etwas geheimnisvoller Weise, aber unter Mitteilung überzeugender Einzelheiten, zu Mitwissern einer platonischen Beziehung zu seiner Cousine, worauf ich nichts Eiligeres zu tun hatte, als ihn in meine eigene Herzensgeschichte einzuweihen. Nicht lange darauf gestand er mir überlegen lächelnd, daß er die seine nur erfunden hatte, um mir durch diese scheinbare Preisgabe seines Geheimnisses das meine, dessen Bestehen er vermutet hatte, zu entlocken. Ich nahm es ihm weiter nicht übel und teilte von nun an meine freundschaftlichen Gefühle zwischen ihm und Moritz, wobei es nicht ohne Neckereien, Eifersüchteleien und Verstimmungen von allen Seiten abging. Auch als literarischer Berater und Kritiker wurde er mir bald unentbehrlich, und noch bewahre ich ein Manuskript des» Tarquinius Superbus, erster Teil «auf, in das er recht kluge, mit klassischen Beispielen belegte Bemerkungen eingetragen hatte, wie an solchen auch in seinen Briefen kein Mangel war. So behauptete er sich als mein Intimus durch geraume Zeit und blieb es auch eine Weile, nachdem er das Gymnasium, schon in der Sexta oder Septima, verlassen hatte. Stundenlang spazierten wir in den Straßen umher, wobei er den» Faust «und den» Uriel Acosta «zu deklamieren pflegte, saßen unerlaubterweise in Kaffeehausecken oder in kleinen Konditoreien, um uns bald über ernstere Gegenstände, vor allem Dichtkunst und Schauspielerei, bald mit harmlosem Geplauder und Spaßetteln aller Art zu unterhalten. Auch hier ist mir von den vielen hundert, einander ähnlichen Stunden, die wir miteinander verbrachten, eine mit besonderer Deutlichkeit im Gedächtnis geblieben, in der wir an einem kühlen, windigen Vorfrühlingstag im Wurstelprater, Brot und Käse verzehrend, zwischen den noch geschlossenen Buden umherzogen. Das Theater bildete nicht nur sein Hauptinteresse – so daß ich mich sogar einmal veranlaßt sah, meine Uhr zu versetzen, um ihm den Kauf eines Billets für eine Vorstellung des» Götz «im Burgtheater zu ermöglichen – es war auch sein persönlicher Zukunftstraum; ja, mit einer Empfehlung meines Vaters versehen, ließ er sich auf seine Eignung für den Schauspielerberuf hin von dem Vortragsmeister Alexander Strakosch prüfen. Dieser aber erklärte, daß er ihn mit Rücksicht auf seine noch in der Entwicklung begriffenen Stimmittel durch Erteilung von Sprechunterricht geradezu ermorden würde, und so entsagte Adolf vorläufig, auch aus materiellen Gründen, seinen Künstlerplänen, um nach einem kurzen Hofmeisterintermezzo mit obligater Verliebtheit in die reiche und schöne Millionärstochter, deren Brüder er unterrichtete, die auf Jahre durch seinen Militärdienst unterbrochene Laufbahn eines Handlungsreisenden einzuschlagen, für die er mehr Eignung besaß, als er sich eingestehen wollte. Unsere Verbindung lockerte sich, was nicht allein durch die räumliche Entfernung bedingt war, denn über sein etwas schönrednerisches und nicht durchaus aufrichtiges Wesen hatte ich mich, wozu es keiner sonderlichen Menschenkunde bedurfte, niemals einer Täuschung hingegeben. Aber es blieb dies keineswegs der letzte Fall, in dem eine solche Erkenntnis meiner Sympathie nichts anzuhaben vermochte, solange ich in einem weiteren Umgang geistigen Gewinn oder wenigstens bescheidene geistige Anregung zu finden glaubte. Freilich wußte ich später meine Seele, wenn auch nicht immer mein Herz, besonders, wenn es sich um Frauen handelte, besser zu wahren, als es mir in jenen jüngeren Jahren gelang. Kaum je in meinem Leben ist es mir begegnet, daß ich in einem Freundschaftsverhältnis der werbende Teil gewesen wäre, was man einfach, aber vielleicht nicht ganz erledigend, auf eine gewisse aus Kühle und Mit-sich-selbst-beschäftigt-Sein gemischte Grundstimmung meines Wesens zurückführen mag, die man später oft mit den Fremdworten Reserviertheit und Präokkupiertheit und allzu hart auch als Egoismus zu bezeichnen liebte. Richtig ist jedenfalls, daß ich die meisten Menschen eher an mich herankommen ließ, als daß ich mich ihnen näherte; – war aber ein Verhältnis einmal angebahnt, so konnte ich mir weiterhin keinen Mangel an Aufrichtigkeit oder Aufgeschlossenheit zum Vorwurf machen. Auch in jenen jungen Jahren war es gewiß oft nicht meine Persönlichkeit als solche oder sie allein, die mir Freunde gewann; und ohne die Ursprünglichkeit der Gefühle in Frage zu stellen, deren ich mich von vielen Jugendgenossen zu erfreuen hatte, spielte doch bei manchen, wie bei den eben erwähnten Moritz und Adolf, unbewußt oder halbbewußt das Bedürfnis mit, durch den Verkehr mit dem Doktors-und Professorssohn Anschluß an eine materiell bessergestellte und sozial etwas höhere Schichte zu gewinnen. Mit anderen wieder stellte sich ein Verhältnis noch ungezwungener durch eine schon vorhandene Gleichheit der bürgerlichen Rangsphäre her und festigte sich leicht durch eine außerhalb der Schule liegende Interessengemeinschaft, solange diese eben dauerte. Hier nenne ich als ersten Richard Hörn, in dessen engerem und weiterem Familienkreis ich mich noch lange wohl aufgehoben wußte, als zu ihm selbst eigentlich keine nähere Beziehung mehr bestand. Wir trafen uns vor allem in unserer Liebe für die Romantik. Unter den Dichtern war E.T.A. Hoffmann uns am teuersten, nächst ihm Tieck und Immermann. Ihr Einfluß zeigte sich in manchen meiner Entwürfe und Versuche aus damaliger Zeit, am deutlichsten in einer übrigens kindlich-süßlichen, gegen Schluß völlig verhudelten» Geschichte von Amadeus, dem Poeten«. Unter E.T.A. Hoffmanns Werken liebte ich am meisten den» Kater Murr«; Tieck kam mir mit» Sternbalds Wanderungen «und» William Lovell «am nächsten, von Immermann fesselten mich außer dem» Münchhausen «die weit schwächeren» Epigonen«, und weniger romantisch als harmlos-bubenhaft war mein Einfall, mit einem Unbekannten, der durch eine Zeitungsannonce Anschluß an ein weibliches Wesen gesucht hatte, eine Korrespondenz anzuknüpfen und mich mit dem Namen einer Figur aus jenem Roman» Flämmchen «zu unterzeichnen. Da ich bald, wie es mir auch in vernünftigeren Dingen begegnete, die Geduld an dem Spaß verlor, fiel mein letztes Schreiben etwas gar zu durchsichtig aus, und mein Partner, so erkennend, daß er mystifiziert worden war, antwortete mir nicht mehr.
Eine Korrespondenz, die ich mit Richard Horn führte, hatte mehr von innen her einen romantischen Einschlag; da gibt es Extrablättchen in Jean Paul'scher Manier – ohne daß ich für meinen Teil es über die Lektüre von» Katzenbergers Badereise «und» Quintus Fixlein «bis heute jemals hinausgebracht hätte —; pedantische Kanzleiräte und dämonische Archivarii Amadeus Hoffmann'scher Faktur gespenstern zwischen den Zeilen; Hauptsache bleibt indes knabenhaftes Schulgeschwätz und Berichte über pikante Erlebnisse oder wenigstens Anblicke, deren Richard sich in den primitiven Badeanstalten eines Salzkammergutsees zu erfreuen hatte. Seine Briefe besitze ich noch, die meinen hat der Empfänger später vernichtet, – und zwar, wie er mir schrieb, aus Kränkung darüber, daß ich zu einer gewissen Zeit den Verkehr mit all meinen Freunden aus einer früheren, vorliterarischen Epoche aufgegeben hätte, was im allgemeinen durchaus nicht zutraf. Ein Charakterzug, der sich noch jenseits der Dreißig nicht verleugnet – damals vernichtete Richard meine Briefe – und nach dem Fünfzigsten – damals teilte er's mir mit – als so berechtigt empfunden wird, muß tief wurzeln und von Geburt an vorgebildet sein. Und tatsächlich war Empfindlichkeit und Neigung zu Gefühlsduselei schon in jenen Knabenjahren bei Richard, der übrigens von strebsamem, nicht sehr rasch fassendem, gern ironischem und leicht überheblichem Geiste war, stark entwickelt; und zu häufigem ungeduldigem Spott forderte mich besonders seine Schwärmerei für einen begabten, liebenswürdigen Altersgenossen von mädchenhaft hübschem Aussehen heraus, der von einem anderen Kollegen sogar als Heiland besungen wurde, so daß sich um seine Gunst gänzlich ohne seine Mitwirkung, da er davon unberührt blieb, Rivalitäten erhoben, die mir höchst lächerlich und etwas widerlich erschienen. Daß bei jenen Schwärmereien homosexuelle Regungen mitschwingen könnten, kam den Beteiligten damals so wenig zum Bewußtsein wie mir; um so weniger, als wir alle von der gewiß nicht unbedeutenden, jetzt meines Erachtens freilich überschätzten Rolle, die diesen Trieben in der jugendlichen Seele zugewiesen ist, ja kaum von ihrem Vorhandensein eine Ahnung hatten. Richard versuchte sich nicht nur, gleich mir, auf belletristischem Gebiet, sondern schrieb auch kleine Klavierstücke in Schumann'scher Manier, von denen manche den Beifall seines Onkels, des Komponisten Ignaz Brüll, fanden, doch gab er nicht mit Unrecht sehr bald in beiden Künsten seine schöpferischen Bestrebungen auf und ließ es sich an einem Genießer- und Kennertum genügen, das zwar etwas begrenzt und selbstgefällig im Ausdruck, zum mindesten auf musikalischem Gebiete, der Echtheit und Wärme nicht ermangelte. In der Liebe für Schumann fanden wir uns vor allem. Denn auch meine innere und äußere Anteilnahme an der Musik war indes weiter vorgeschritten. Ich besuchte viele Konzerte, mit ziemlicher Regelmäßigkeit die der Philharmoniker und des Hellmesberger-Quartetts; ein neuer Klavierlehrer, Anton Rückauf, jung, sanft und blondlockig, mit dem ich mich auch persönlich besser verstand als mit dem früheren, fand mich pianistisch recht begabt und behauptete, daß ich es bei erheblicherem Fleiß weiter hätte bringen können als Moritz Rosenthal, den er übrigens haßte. Das vierhändige Klavierspiel mit Rückauf oder meiner Mutter wurde weiter geübt, auch improvisierte ich gern auf dem Flügel, wobei mir manchmal das Zufallsglück eines melodischen Einfalls oder einer hübschen Harmonisation zuteil wurde; doch als mich mein Lehrer einmal aufforderte, über ein von ihm angegebenes Thema zu phantasieren, versagte ich vollkommen und rettete mich mit Müh und Not in ein sozusagen Bachisches Fugato, wie es mir verhältnismäßig immer noch am besten gelang. Vor der Gefahr, mir eine schöpferische musikalische Begabung einzubilden, blieb ich damals wie später, auch in den inspiriertesten Momenten, dauernd bewahrt, da ich mir des tiefen Wesensunterschiedes zwischen Künstlertum und Dilettantismus schon dadurch im Innersten stets bewußt blieb, daß mir eben auf einem anderen Gebiet wirklicher Kunstverstand und wirkliche Kunstbegabung (von ihrem Ausmaß ist hier nicht die Rede) geschenkt war. Dieser Wesensunterschied wird dadurch nicht berührt, daß dem geschmackvollen Dilettanten durch ein Zusammentreffen von allerlei günstigen Umständen zuweilen im kleinen eine als künstlerisch bewertbare Leistung gelingen und daß der Künstler, auch der ernste und ehrliche, in schwachen Augenblicken oder unter dem Druck von Widerständen etwas Mattes, dilettantisch Wirkendes hervorbringen mag. Liegt das Produkt eines gebildeten und geschmackvollen Menschen vor, so gilt es, zur Lösung des Zweifels, oft von der Einzelleistung bis zu den Wurzeln der Persönlichkeit hinunterzusteigen, was nicht jedermanns Sache ist und wo auch der Berufene oftmals sein Urteil nicht mit Gründen, sondern nur aus seinem inneren Gefühl heraus zu rechtfertigen vermag. Einem abgeschlossenen Lebenswerk gegenüber ist die Entscheidung freilich nicht schwer. Aber ob es zum Beispiel möglich gewesen wäre, in dem, was ich bis zu meinem siebzehnten Jahre dichterisch hervorgebracht habe, – durchaus unselbständigem und größtenteils kindischem Zeug – eine Ahnung von Eigenart zu entdecken oder sonst irgend etwas, was einen sich entwickelnden Künstler ankündigte, möchte ich beinahe bezweifeln. – Kaum weiß ich zu sagen, ob ich selbst mich für berufen hielt, ja, ob ich damals meine gelegentlichen Bemühungen, das Urteil meiner engeren Umwelt oder gar der Öffentlichkeit anzurufen, im Innersten ernst genommen habe; ob ich nicht vielmehr auch hier, halb unbewußt, nur vor mir selbst und den anderen eine Rolle, in diesem Fall die des hoffnungsvollen jungen Dichters, weiterspielte. Meine novellistischen und dramatischen Versuche oder gar meine Liebeslyrik dem Vater mitzuteilen, erschien mir nach wie vor nicht rätlich, von dem» Tarquinius Superbus «machte ich ihm erst an meinem sechzehnten Geburtstag Mitteilung, ohne ihm die Lektüre zuzumuten. Doch hatte er schon früher Gedichte von mir – kaum auf meine Veranlassung – schriftstellerischen Freunden zur Beurteilung vorgelegt, so einem Redakteur der» Neuen Freien Presse«, dem liebenswürdigen Humoristen J. Oppenheim (wie ich aus einem Brief meines Vaters ersehe, der jene Sendung offenbar einbegleitete und die, ich weiß nicht, wie, wieder in seinen Besitz gelangt ist), und dem Novellisten und Concordiapräsidenten Johannes Nordmann, der – wie ich einer Tagebuchnotiz entnehme – meine Gedichte» reizend «fand, vielleicht nur, weil ihr Verfasser der Sohn des Concordiaarztes war, dem sich Nordmann dankbar verpflichtet fühlte. Wie – nach der gleichen Quelle – der Orientreisende und Novellist Vincenti dazu kam, mir» Talent fürs Epische «zuzusprechen, welche meiner Arbeiten und durch welche Vermittlung er sie gelesen, ist mir nicht erinnerlich. Eine mir persönlich unbekannte Frau Schaff hatte durch Moritz Wechsel Einblick in mein Romanfragment erhalten, erklärte mich als zu frivol für ein fünfzehnjähriges Kind und schloß weiter, daß ich – als so frühreif – auch klein und verwachsen, sowie nach meiner Schrift flatterhaft sein müsse. Im Juni 77 sandte ich ein paar Gedichte an einen gewissen Siegmey – den Herausgeber irgendeines Wochenblättchens – und erhielt ermunternde Antworten, die aber weiter keine Folge hatten. Dem» Salonblatt «schickte ich unter dem romantischen Pseudonym Richard Bleich etliche Verse ein, ohne auch nur einer Erwiderung gewürdigt zu werden. Ebenso erging es mir mit Gedichten, die ich an Robert Hamerling nach Graz adressierte, obwohl ich in meinem Begleitschreiben, wenig geschmackvoll, einen Appell an die vielleicht noch nicht vergessenen Träume seines eigenen sechzehnjährigen Dichterherzens gewagt hatte. Eine Art Feuilleton» Zwanzig Millionen Welten «war für ein Montagsblättchen bestimmt, in dem ich einen populären, astronomisch-kosmischen Aufsatz, der die Vielheit der Sonnensysteme behandelte, mit Ergriffenheit gelesen hatte; – doch der Redakteur, weniger ergriffen als ich, lehnte in der offenen Korrespondenz, mit ironischem Hinweis auf mein jugendliches Gemüt, die Veröffentlichung ab. Ein harmlos-läppisches Gedichtchen,»Omnibusträume «betitelt, wurde von einem Kollegen namens Ostersetzer, der eine Schulzeitung herausgab,»wegen seines für Klassenvorstände nicht geeigneten Inhalts «höflich zurückgewiesen. Ob ein anderes humoristisches Poem,»Ei ei, wie kommt denn das!«, den Beifall meiner Kollegen fand, denen ich es in einer Pause vorlas, weiß ich nicht mehr; jedenfalls trug ich meine Mißerfolge so wenig schwer, als ich etwa auf gelegentliche kleine Erfolge stolz war. Nicht nur Josef Kranzens, auch Adolf Weizmanns Gedichte schätzte ich beträchtlich höher ein als meine eigenen. Indes war ich auch zu einem andern Schul- und Dichterkollegen in ein näheres Verhältnis getreten, einem Tiroler, namens Engelbert Obendorf, mit dem ich während der Lehrstunden in Knittelversen zu korrespondieren pflegte; ihn besuchte ich zuweilen auf seiner Studentenbude in der Lerchenfelder Straße, der alten Kirche gegenüber, die mir in späteren Jahren bedeutungsvoll werden sollte. Einmal ließ ich bei ihm ein Drama zurück, von dem eben zwei Akte vollendet waren; es hieß»Der ewige Jude «und war mir wichtiger als alles andere, was ich geschrieben, weil darin, was mir selbst als das Wesentlichste meiner Art erschien, und das ich als» moderne Romantik «zu bezeichnen liebte, meiner Meinung nach am entschiedensten zum Ausdruck gekommen war. Trotz häufiger Mahnung konnte ich es von meinem Freund nicht wiedererhalten, bis er mir endlich in einem de- und wehmütigen Brief gestand, daß seine Bedienerin es aus Versehen verbrannt hätte. Da ich den Anfang nicht aus dem Gedächtnis neu herzustellen vermochte, und mich nie mehr entschloß, das Thema neu aufzunehmen, konnte ich mir leicht einbilden, daß mit jenem Fragment das Beste, was ich je geschaffen, und das aussichtsreichste meiner Werke verlorengegangen sei.
Außer den obenerwähnten Arbeiten und einer Anzahl von Gedichten, von denen ich eine Auswahl als» Träume «reinlich und zierlicher, als es sonst meine Art war, in ein Heftchen abgeschrieben und» meinem Fännchen «gewidmet hatte, begann ich noch etliches in erzählender und dramatischer Form, darunter ein romantisches Drama in Knittelversen» Die Komödianten«, doch da ich meist ohne rechten Plan anfing, meine Feder laufen ließ, wie sie wollte, und von eigentlicher Arbeit nicht die Rede war, so pflegte ich bei der ersten erheblicheren Schwierigkeit innezuhalten und das Ding, an dem ich das augenblickliche Interesse verlor, ein für allemal beiseite zu legen. War ich auch begreiflicherweise nicht ohne Eitelkeit, so war ich doch von eigentlichem Ehrgeiz, jedenfalls von Zielbewußtheit oder Zielstrebigkeit, frei, und der Gedanke, jemals Schriftsteller von Beruf zu werden, lag mir damals und noch lange Zeit, ja in einem gewissen Sinn immer fern; – und schon durch das väterliche Beispiel und Vorbild war mir die ärztliche Laufbahn in jenen jungen Jahren als unausweichlich und hoffnungsvoll vorgezeichnet. Ein ausgeprägtes naturwissenschaftliches Interesse zeigte sich freilich nicht bei mir, woran vielleicht weniger mangelnde Anlage als Erziehungsfehler schuld waren. Wurde man überhaupt in dieser Epoche auf das Sehen und Schauen nicht genug hingeleitet, legte insbesondere der Lehrplan des Gymnasiums – worin es seither sicher besser geworden – nicht den gehörigen Nachdruck auf Betrachtung und Studium der Natur, so waren wir noch überdies mit den Professoren, die uns in den betreffenden Gegenständen zu unterweisen hatten, übel dran. Die sogenannte» Naturgeschichte «sollte uns Professor Mik beibringen. Er besorgte das in trockener, ja verdrossener Weise, vor allem war es die Krystallographie, die mir bei meiner schwachen geometrischen Vorstellungsgabe erhebliche Beschwer verursachte. Physik, ebenso wie Mathematik, lehrte Professor Dvorak, der nicht nur ein Nichtskönner, sondern ein ungerechter, ja bestechlicher Mensch war, so daß er manche Schüler, deren Eltern er für wohlhabend hielt, so lange schlecht behandelte, bis sich der von ihm erwartete Erfolg, sei es in Bargeld oder Naturalien, einstellte. Schon mit ganz geringen Summen ließ sich seine Gunst erkaufen; noch sicherer aber war es, wenn man ihn zu Privatlektionen ins Haus berief, wie es zum Beispiel bei uns geschah. Zuweilen täuschte er sich in der Abschätzung der Vermögensverhältnisse, wie bei meinem Freund Adolf, der nicht in der Lage war, seine freilich wohlverdiente schlechte Note durch Aufwendung von ein paar Dukaten in eine bessere zu verwandeln, womit er sich vielleicht doch bis zur Matura weitergeholfen hätte. Bald nach meinem Austritt aus dem Gymnasium wurde Dvorak, mit ihm ein anderer, Professor Schenk, zwar auch bestechlicher, doch wenigstens nicht erpresserischer Natur und in seinem Fach ganz tüchtig, von dem neuernannten Unterrichtsminister Gautsch ohne weitere Ehrungen in Pension geschickt. Professor Dvoraks Tochter, schon als junges Mädchen von uns Gymnasiasten um ihrer Schönheit und ihres schlechten Rufs willen scheu bewundert, wurde eine beliebte Schauspielerin und leistete als Josefa in Anzengrubers» Viertes Gebot «ihr Bestes. Ich selbst lernte sie erst wenige Jahre vor ihrem frühen Ende, das sie dem Trunk verdankte, persönlich kennen.
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