Kitabı oku: «Jugend in Wien», sayfa 4
In den unteren Klassen gehörte ein gewisser Marcel Barasch zu meinen vertrauteren Freunden. Er machte sich bald bei mir durch seine Affektation unbeliebt, und ich war endgültig fertig mit ihm, als er nach dem Tod irgendeines Verwandten, ein Fünfzehnjähriger, seufzend ausrief:»Wär' man erst auch so weit!«
Von natürlicherem Wesen, nicht sonderlich anregend, aber sympathisch und klug, erwies sich Alfred Rie, der einzige von all den Genannten, in dessen Hause ich verkehrte. Im Sommer wohnte er mit den Seinen in Hütteldorf, und mir ist noch eine Jause im Garten erinnerlich, in deren Verlauf Alfreds Mutter, nachdem wir reichlich Obst verzehrt, die Frage an mich richtete, ob ich Kaffee oder Bier haben wolle. Ich antwortete ganz logisch:»Zu Ribisel paßt besser Kaffee«, eine Erwiderung, die bei groß und klein unverhältnismäßige Heiterkeit erweckte und jahrzehntelang im Kollegenkreis Zitat blieb.
Unvergessen ist mir auch der philologisch begabte, für die Antike begeisterte Samuel Spitzer, dem ich in späteren Jahren als Bisenzer Gymnasialprofessor für alte Sprachen wiederbegegnete, – ebenso begeistert und ebenso bescheiden, wie ich ihn schon als Knaben gekannt hatte. So gab es kaum einen unter meinen Schulkameraden, soweit ich sie im Auge behalten konnte, der sich nach einer anderen Richtung entwickelte, als sie schon in der jugendlichen Seele mehr oder minder bestimmt angedeutet war. Und man fühlt es erst ganz, welch schweres, in gewissem Sinn unlösbares Problem die Erziehung bedeutet, wenn man erkannt und erfahren hat, einem wie vorgebildeten, ja, bei aller Unreife fertigen Material sich die Eltern und Lehrer gegenüberbefinden.
Ein häufigeres Zusammensein mit Vettern und Basen, unter denen ich der Älteste war, ergab sich von selbst durch die Lebhaftigkeit des allgemeinen Familienverkehrs, dessen Mittelpunkt das großelterliche Heim geblieben war. In gemessenen Abständen und der Reihe nach hatten sämtliche Schwestern meiner Mutter geheiratet. Emma, die Nächstälteste, einen ungarischen Gutsbesitzer, Leo Fried, dem sie auf ein Gut in der Nähe von Debreczin gefolgt war, um schon nach wenigen Jahren mit zwei Kindern, Gustav und Gisela, als trostlose Witwe in die Heimat zurückzukehren. Ihr klarer, etwas scharfer Verstand bewahrte sie nicht davor, ihren Schwestern und andern ganz unbeteiligten Wesen, die es glücklicher getroffen, diese Schicksalsgunst übelzunehmen. Die Schärfe ihres Verstandes griff allmälig auf ihre ganze Natur über, und so gewährte der Umgang mit ihr von Jahr zu Jahr ein geringeres Vergnügen.
Irene, harmloser und gutmütiger von Natur, wurde die Frau eines Getreidehändlers namens Ludwig Mandl, der, auch im Börsengeschäft wohlerfahren, bald als der reichste Mann in der Familie dastand, ohne es eigentlich merken zu lassen. Er trug sich salopp, ja schäbig, fuhr auf der Eisenbahn in der dritten Klasse und freute sich, wenn er die Bahnverwaltung gelegentlich um eine Abonnementskarte beschummeln konnte, wobei es ihm keineswegs auf den geringen Betrag ankam, den er beim Kartenspiel oder wohl auch auf Almosen leichten Sinns hundert- und tausendfach hinzuwerfen imstande war, sondern nur auf das Bewußtsein, der Schlauere gewesen zu sein. Übrigens beschränkten sich seine Reisen fast nur auf Fahrten zwischen Wien und Vöslau, wo er später Besitzer der Villa Rademacher wurde, in der gelegentlich wir zur Miete wohnten. Vier Kinder aus Irenens Ehe starben früh, zwei innerhalb weniger Tage an Diphtherie, nach welchem Ereignis die Mutter in eine schwere Melancholie verfiel, wie sie sogar nach solch einem erschütternden Erlebnis doch nur in einem schon belasteten Gemüt zur Entwicklung kommen kann, das unter anderen Umständen von dem Drohen eines solchen Verhängnisses vielleicht nie etwas verspürt oder auch nur geahnt hätte. Die später geborenen Kinder Olga, Alfred und Grethe blieben ihr erhalten.
Pauline, meine jüngste Tante, klug, heiter und» g'schnappig«, wirkte im Gegensatz zu ihren Schwestern in Aussehen, Gehaben und Redeweise völlig unjüdisch, ja eigentlich wie ein Wiener Vorstadtmädel. Ganz jung, kaum siebzehn, verliebte sie sich in den Sohn des Operettenkomponisten Suppé, einen unbemittelten Sparkassabeamten, der als Sänger dilettierte und aussah wie ein Photograph am Sonntag. Die Großmama, hauptsächlich aus konfessionellen Gründen, war gegen die Verbindung. Meine Mutter, in schwesterlicher Zärtlichkeit, förderte den Liebeshandel, und endlich kam eine Ehe zustande, der zahlreiche Kinder, aber sonst nicht viel Heil entsprang. Onkel Peter, der sich anfangs mit seiner blonden Frische bei den Verwandten in eine gewisse Beliebtheit zu setzen wußte und zuweilen mit Botanisierbüchse und Schmetterlingsfänger uns Jüngere auf Landpartien mitnahm, löste sich im Laufe der Jahre, zweifellos aus Rassenantipathie, immer entschiedener von der Familie seiner Gattin, allmälig aber auch von ihr selbst los und hatte bald außer für sie und seine ehelichen Kinder, auch für das ehemalige Stubenmädchen des Hauses zu sorgen, mit der er bis zu seinem frühen Tode eine Art Gewissensehe führte, aus der gleichfalls Kinder hervorgegangen waren. Von den ehelichen Töchtern starben zwei noch vor dem Vater. Im Wesen und in den Schicksalen der anderen drei nahm und nimmt der Niedergang der Familie mit gesetzmäßiger Tragik seinen Fortgang. Ein Sohn, der einzige, anscheinend unbelastet, Freude und Hoffnung seiner Mutter, schied an der Schwelle des Jünglingsalters unerwartet dahin. Die Mutter selbst war schon früh im Gefolge der schweren seelischen Aufregungen manchen Nervenstörungen, insbesondere der Platzangst, unterworfen, und fast wunderbar erscheint es, daß sie in all ihrem Unglück, dem sich materielle Sorgen, wenn auch durch schwesterliche Hilfeleistung gemildert, zugesellten, den Humor ihrer Jugendjahre niemals völlig eingebüßt hat.
Meiner Mutter ältester Bruder, Edmund, heiratete ein häßliches, nicht sehr gescheites, wohlhabendes Mädchen aus Lemberg, und unter den Spielereien, die sie für Neffen und Nichten von der Hochzeitsreise mitbrachte, erinnere ich mich noch einer kleinen Kegelbahn, die mir zufiel. Von Onkel Edmund, seinem Aufstieg, seinem Ruhm, seinen Verfehlungen und seinem Untergang, ebenso von seinen Kindern Otto, Else und Raoul, die gleichfalls jedes in seiner Art als lebendige Beispiele unaufhaltsam weiterwirkender erblicher Belastung in unserer Familie dastehen, werde ich, da ich ihnen äußerlich und innerlich in mancher Periode meiner Existenz näher kam als den übrigen Verwandten, bei anderen Gelegenheiten zu erzählen haben.
Von gewöhnlicherer Art, rauh im Wesen, Geschäfts- und Börsenmann vor allem, erschien Carl, Irenens Zwillingsbruder. In seiner Jugend galt er als Lebemann. Ich selbst, als Fünfzehnjähriger, bin ihm einmal in einem zweideutigen Praterlokal begegnet, wo wilde Damen von unzweideutigem Ruf auf ziemlich zahmen Pferden in einer dämmerigen Manège umhersprengten. Von dieser Begegnung an, die uns beiden nicht angenehm war, behielt er bei mir und meinem Freunde Richard Horn, einem meiner Begleiter auf dergleichen Ausflügen, den Namen Hippodromonkel. Seine zwei Knaben aus der Ehe mit Rebekka Lakenbacher stehen unter den Markbreiterischen Enkelkindern, wenn man versuchte, sie der Begabung nach in einer Reihe zu ordnen, am äußersten Ende.
Felix, der jüngste Bruder meiner Mutter und ihr Liebling, war nur um sieben Jahre älter als ich und vermittelte gewissermaßen in der Familie zwischen der älteren und jüngeren Generation, was ihm sowohl hier als dort eine Art Ausnahmsstellung verlieh. Einmal, als er sich auf einem Spaziergang mit mir bei einer Trinkhalle nicht nur an einem Glas Himbeer mit Soda delektierte, sondern sich auch mit dem Sodamädchen in eine galante Unterhaltung einließ, die nicht die erste gewesen sein mochte, schmeichelte er meiner Eitelkeit durch das vertrauensvolle Ersuchen, von einem so bedenklichen Abenteuer dem Großpapa nichts zu erzählen. Er war leidlich klug, recht gebildet, geschäftlich sehr begabt, korrekt bis zur Peinlichkeit, von einer nervösen, aber mehr äußerlichen als inneren Unruhe, erhielt bald eine Stellung in einem großen Pariser Bankhause, wo er rasch vorrückte und auf die ihm angebotene Hand der reichen und schönen Tochter seines Chefs verzichtete, um sich aus Wien eine fast mittellose, aber brave und kluge Verwandte als Frau zu holen. Mit ihr übersiedelte er nach London, wo er zuerst Leiter der Filiale des Pariser Bankhauses, aber bald völlig selbständig wurde. Ihm und den Seinen werden wir im Laufe der Jahre noch öfters begegnen. Doch schon hier sei seiner musikalischen Bestrebungen gedacht, die in jener frühesten Zeit auch auf mein eigenes Verhältnis zur Musik nicht ohne Einfluß blieben. Insbesondere teilte ich bald seine Schwärmerei für Wagner, vor allem für die Meistersinger, eine Oper, die damals noch nicht so allgemein bewundert und geliebt wurde, wie es später der Fall war; und gern hörte ich ihm zu, wenn er auf dem Piano phantasierte oder in sich geschlossene Einfälle zum besten gab, unter denen ich das Thema einer Hero-und-Leander-Ouvertüre länger in Erinnerung bewahrt habe als er selbst.
Ich nannte ihn eben den jüngsten Bruder meiner Mutter, aber es kam noch einer nach ihm zur Welt – Julius, der sich als Siebzehnjähriger in Schachendorf bei Rechnitz angeblich aus Heimweh erschoß. Ein sonderbarer Zufall fügte es, daß nicht nur meine Großmutter, sondern auch die beiden andern Töchter von Markus Schey je ein Kind durch einen Schuß verloren. Im Jahre 1848 zu Preßburg warf der Gatte der Ältesten, Iritzer, eine gefundene Pistole in den Ofen, sie ging los und traf eine seiner Töchter tödlich. Ein Sohn der zweiten, Nanette Rosenberg, der in der italienischen Fremdenlegion diente, wurde in der Kaserne durch die Unvorsichtigkeit eines Kameraden erschossen. Mein Onkel Julius, dessen ich mich übrigens durchaus nicht zu erinnern vermag, war der letzte, an dem sich ein scheinbar vorbestimmtes Schicksal erfüllte und zugleich zum erstenmal innerhalb der Markbreiterischen Nachkommenschaft die geistige Belastung in tragischer Einfachheit offenbarte.
Außer seinen drei Töchtern hatte mein Urgroßvater Markus Schey einen einzigen Sohn, Anton, der insbesondere mit den Kindern der Familie eine nähere Verbindung unterhielt, indem er sie sonntags manchmal zu Tische lud. Mit seinen Schwestern, also auch mit meiner Großmutter, stand er nicht zum besten, da er durch ein Vorgehen, das die Benachteiligten vielleicht nicht ganz mit Unrecht als Erbschleicherei auffaßten, den größten Teil des väterlichen Vermögens an sich zu bringen gewußt hatte.
Trotzdem brach man die Beziehung zu ihm nicht völlig ab, in der später nur zum Teil erfüllten Hoffnung, daß der zwar Verheiratete, aber kinderlos Gebliebene dereinst die Nachkommen seiner Schwestern schadlos halten werde. Er gab sich gern patriarchalisch-tyrannisch, unwirsch-humoristisch und fand seinen besonderen Spaß daran, gewisse weibliche Verwandte durch Spottnamen zu kennzeichnen, wie beispielsweise seine Cousine Karoline Jellinek als Lintscherl Plattschnas, während er sich in anderen Fällen begnügte, seiner Geringschätzung durch eine ganz eigene Art der Fragestellung Ausdruck zu verleihen, wenn er zum Beispiel wegwerfend bemerkte:»Hast du die Lakenbacherische schon lang nicht gesehen?«, womit er die Gattin seines ihm im Wesen nicht unähnlichen Lieblingsneffen Carl Markbreiter meinte und zugleich zu verstehen gab, daß für ihn eine Ehe, der er seinen Beifall versagte, nie und niemals zu Recht bestünde; – ein Standpunkt, den sein Testament in einer noch unerwünschteren Weise zum Ausdruck brachte. Ebenso wie Bemerkungen und Fragen dieser Art pflegte er auch andere bis zum Überdruß zu wiederholen, vor allem solche, die sich auf seine Tafel bezogen; und jedesmal von neuem mußten wir ihm bestätigen, daß niemand den Salat so vortrefflich anzumachen verstünde wie er (was er auch immer vor unseren Augen bei Tisch mit breitem Behagen besorgte), und daß man nirgends ein so gutes Rindfleisch vorgesetzt bekäme wie in seinem Hause. Manchmal waren der Tafel auch die zwei Kinder eines armen jüdischen Schneiders zugezogen, von denen behauptet wurde, daß es eigentlich die des freundlichen Gastgebers seien. Seine Gattin, eine kleine, häßliche, geizige, falsche, aber nicht dumme Person, nahm jedenfalls die Tatsache oder das Gerücht mit Ruhe hin. Dafür sagte man ihr nach, daß sie der Jugendliebe zu einem italienischen Lehrer nachträumte, dessen Namen, von vieldeutigem Lächeln begrüßt, in der weiteren Familie noch öfters genannt wurde, ohne daß man seiner Person jemals ansichtig geworden wäre. – Kaum war man von der Mahlzeit aufgestanden, so setzte mein Onkel eine Art Orchestrion in Tätigkeit, das, wie ein Sarg anzusehen, in den Schatten einer Wand gerückt war, und unter anderen Musikstücken die Rossini'sche Tell-Ouvertüre zum besten gab mit einem dumpfen Rhythmus der Trommeln, in deren Nachklang mir auch gleich wieder, im Pfeifenrauch schwimmend, das halbdunkle, altväterisch möblierte Zimmer des Onkels aus der Tiefe der Zeiten emportaucht. Denn auch die Frage» Habt ihr euch schon meine Pfeifen angeschaut?«stand unweigerlich auf der Tagesordnung, und jedesmal aufs neue mußte die auf einem Mahagoniständer in der Salonecke aufgereihte erlesene Sammlung nach Gebühr bewundert werden. In späteren Jahren pflegte uns der Onkel immer seine westöstlichen Reisetagebücher vorzulesen, auf die er sehr stolz war, die aber nichts anderes enthielten, als eine trockene Aufzählung von Sehenswürdigkeiten und allerlei Eisenbahn- und Postdaten, etwa in Baedekerart, doch ohne die Gedrängtheit und Präzision dieses Handbuchs, dem sie nachgebildet waren, so daß sie die Zuhörer, insbesondere beim zweiten- und drittenmal, ausnehmend langweilten. Auf diesen Reisen, die ihn bis nach Konstantinopel und Kleinasien führten, hatte ihn öfters Carl, der Lieblingsneffe, begleitet, natürlich bevor er die» Lakenbacherische «geheiratet, und es wurde behauptet, daß sich auf diesen Weltfahrten und nicht nur im Fernen Osten Dinge zu ereignen pflegten, die in die für die Gattin und andere Familienmitglieder bestimmten Tagebücher aus triftigen Gründen keine Aufnahme fanden. Es wäre vielleicht unbillig, wollte man die Gastfreundschaft, die Onkel Toni seinen Schwesterenkeln, nicht allen in gleichem Maß, erwies, nur als eine Abschlagszahlung auf die zu erwartenden oder gar als bescheidenen Ersatz für diejenigen Erbschaftsanteile gelten lassen, die nur erwartet, aber nicht zugedacht waren. Denn er war keineswegs ein harter, zuweilen war er sogar ein hilfsbereiter Mensch, und wenn er meinem Onkel Edmund zur Rettung aus ehr- und freiheitsgefährdenden Geldkalamitäten im Lauf der Jahre mit beinahe einer Viertelmillion Gulden aushalf (was am Ende leider doch nicht die endgültige Rettung bedeutete), so war das immerhin als ein edler Zug des Spenders anzuerkennen, trotzdem er keine Gelegenheit vorübergehen ließ, Verwandten und Bekannten das Kassabuch vorzuweisen, wo unter einem bestimmten Datum zu lesen stand:»Dem Haderlumpen E.M. zum allerletztenmal zweimalhunderttausend Gulden unter der Bedingung, daß er nie wieder wagt, mir unter die Augen zu treten. «Dies war natürlich auch der Frau und den Kindern untersagt, und deren eventuelle Erbansprüche ein für allemal aufgehoben.
Auf die obengenannte Karoline Jellinek oder Lintscherl Plattschnas, Nichte meiner Großmutter und meines Onkels Toni, will ich hier noch einmal zurückkommen, nicht so sehr um ihrer selbst, als um ihrer Töchter willen. Die Älteste, Mathilde, brachte meinen poetischen Anfängen eine Art von kollegialem Interesse entgegen, da sie selbst nicht ohne schriftstellerischen Ehrgeiz war. So las sie mir einmal aus einem dicken Wirtschaftsbuch den Beginn eines Romans vor, der wohl nie über das erste Kapitel hinausgedieh, aus dem ich mich aber der Figur einer beide Arme in die Hüften stemmenden Köchin erinnere, nicht darum, weil dieser Charakterisierungsversuch mir, sondern weil er der Verfasserin als ein außerordentlicher Talentbeweis erschien. Ich widmete ihr zum Dank ein Gedicht, das die Ruine Wildenstein bei Ischl poetisch verherrlichte, womit aber unsere literarischen Beziehungen ein für allemal beendigt waren. Sie heiratete bald ihren Onkel Sandor Rosenberg, einen mageren und fidelen Herrn, der Heinrich Heine nicht unähnlich sah und dem man wegen eines Herzfehlers ein frühes Ende prophezeite. Er nahm seine junge Gattin nach Paris mit, wo er schon früher ein Antiquitätengeschäft eröffnet hatte, das ihn bald zum wohlhabenden und allmälig zum reichen Manne machte. Eine harmlose Neigung zu Großtuerei und Mäzenatentum war ihm schon früh eigen, und ihr verdanke ich meine einzige Begegnung mit dem berühmtesten Wiener Maler jener Epoche, Hans Makart. Von Paris aus beauftragte nämlich Sandor seinen Schwager Felix, meinen Lieblingsonkel, bei Makart ein Gemälde zu bestellen, mit dem ausdrücklichen Bemerken, daß die Stoffwahl dem Künstler vollkommen anheimgestellt sei und der Preis keine Rolle spiele. Onkel Felix nahm mich als Begleiter zu Makart mit. Nachdem wir uns hatten anmelden lassen, warteten wir eine kurze Weile in einem schön ausgestatteten, etwas düster gehaltenen Vorraum, bis in braunem Samtanzug mit Pluderhosen auf der Treppe, die aus dem Atelier herunterführte, eine brennende Zigarre in der Hand, blaß und spanisch anzusehen, Hans Makart erschien und, ohne näher zu treten, uns um unser Begehr fragte. Onkel Felix entledigte sich seines Auftrags in wohlgesetzten Worten, nicht ohne Befangenheit, aber in guter Haltung; eine ganz kurze Pause entstand, Makart schüttelte den Kopf, antwortete kühl, daß er Bilder nicht auf Bestellung zu arbeiten pflege und entließ uns mit einem eben noch höflichen Gruß; Onkel Felix, der sich gern loben hörte, erkundigte sich auf dem Heimweg bei mir nach dem Eindruck seiner Rede, ich hielt mit meiner Anerkennung nicht zurück, Onkel Felix erklärte, auf die Ablehnung von Seiten Makarts gefaßt gewesen zu sein, und fügte nach kurzem Nachsinnen hinzu:»Übrigens keine üble Zigarre, die der Mann geraucht hat. «Hiefür hatte ich damals noch wenig Verständnis, doch verknüpft sich für mich seither unweigerlich die Erinnerung an Hans Makart mit dem Bild und dem Duft einer brennenden Havannazigarre.
Auch unser Pariser Mäzen nahm die Ablehnung, die seinem ehrenvollen Auftrag widerfahren war, weiter nicht übel, entschloß sich, seine Bilder anderswo zu bestellen und erreichte als glücklicher Ehemann und Vater von vier Kindern trotz seines Herzfehlers fast das siebzigste Jahr.
Daß ich einmal an einem schönen Sommertag als Dreizehnjähriger ohne Erlaubnis meiner Eltern im Hause Jellinek (der Vater, ein Arzt, war längst gestorben) zum Mittagessen blieb, wäre mir gewiß aus dem Gedächtnis geschwunden, wenn ich nicht bei dieser Gelegenheit von Mathildens jüngerer Schwester, der mit mir gleichaltrigen Julie, öffentlich und ohne jede weitere Liebeszeremonie einen warmen Kuß auf den Mund empfangen hätte, der zwar für alle Zeit der letzte blieb, mich aber die elterlichen Vorwürfe wegen meines Fortbleibens über das Mittagessen leicht verschmerzen ließ. Julie war es, die mein Onkel Felix zehn Jahre später als seine brave, kluge Frau nach London heimführte, wie sie mir überhaupt als eine der bravsten und klügsten Frauen erscheint, der ich jemals begegnet bin; und daß unsere gegenseitige, sich in Ferne und Nähe bewährende Sympathie, die mir später auch in meinen spärlichen literarischen Verbindungen mit England zustatten kam, mit jenem unschuldigen Jugendkuß ihren Anfang genommen hat, den sie selbst wohl längst vergessen, das weiß mein Herz, dem ich mindestens so viel Verstand und ein beträchtlich besseres Gedächtnis zutraue als meinem Kopf.
Mein dreizehnter Geburtstag wurde zwar ohne jedes rituelle Gepränge, aber durch besonders zahlreiche und schöne Geschenke gefeiert, die ich von Eltern, Großeltern und anderen Verwandten erhielt, – die Klassiker in schönen Einbänden, eine goldene Uhr, einige Dukaten; – ich aber, wohl wissend, was ich meinem Dichterberuf schuldig war, ermangelte nicht, auch meinerseits mich durch ein humoristisches Heldengedicht in Hexametern, auf zehn Gesänge berechnet und» Barmitzwe «betitelt, dankbar zu erweisen; – eine um so echtere Dankbarkeit, als ich darauf verzichtete, die paar Verse, die ich zustande brachte, meinen edlen Spendern zur Kenntnis zu bringen.
Hier aber, an der Wende zwischen Unter- und Obergymnasium, an der Schwelle der späteren Knabenjahre, die bei früher reifenden Naturen fast schon als die ersten Jünglingsjahre zu bezeichnen sind, muß ich einer unvergeßlichen und bedeutungsvollen, zeitlich vielleicht etwas weiter zurückliegenden Stunde gedenken, in der ich des Begriffs Tod zum erstenmal mit ahnendem Schauer innewurde. Es war eine Nacht, in der ich, entweder plötzlich erwacht oder noch nicht eingeschlafen, in einem aus der Tiefe meiner Seele aufsteigenden Grauen vor dem Sterbenmüssen, das mir zum erstenmal in seiner ganzen Unentrinnbarkeit zum Bewußtsein kam, laut zu weinen begann; in der Absicht, die Eltern aufzuwecken, die im Nebenzimmer schliefen. Es dauerte auch nicht lange, bis der Papa an mein Diwanbett trat, mich besorgt fragte, was mir fehle, sich zu mir setzte und mir zärtlich über Stirn und Haare strich. Ich schluchzte noch eine Weile still weiter, verriet mit keiner Silbe, was mich so heftig erschüttert hatte, und als der Papa sich nach einigen guten Worten entfernt hatte, schlief ich beruhigt wieder ein. – Ein Anfall von gleicher Heftigkeit hat sich niemals wiederholt. Doch ungefähr in der gleichen Epoche trug ein anderes Erlebnis sich zu, in dem die unbewußten Elemente meines Wesens wie von etwas Rätselhaftem berührt wurden. Mitten in der Nacht stand ich einmal im Halbschlaf von meinem Lager auf und begab mich durch das Schlafgemach der Eltern ins Speisezimmer, wo ich meinen Bruder im Nachthemd am Tische sitzend zu sehen mir einbildete. Als mein Vater, der mir gefolgt war, mich gänzlich erweckte, wußte ich auch schon, daß mich nur ein Mondstrahl in jenes entfernte Zimmer gelockt hatte, der durchs Fenster über Tisch und Sessel auf den Fußboden fiel. Obzwar sich ein Zufall dieser Art, soweit ich mir selbst davon Rechenschaft zu geben vermag, niemals mehr wiederholte, schmeichelte ich mir doch geraume Zeit mit der Einbildung, mondsüchtig zu sein.