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Kitabı oku: «Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's», sayfa 15
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Berlin, den 10. Januar 1834.
Theure, liebe Gräfin! Mit der größten Unruhe erfüllt uns die Nachricht von Immermann's Krankheit, und nachdem wir uns die Nachrichten durch Zufall über ihn als zu ungenügend für unser Gefühl erklärt, wage ich Sie um Vermittlung zu bitten – nicht daß Sie mir selbst schreiben sollten, im Fall er noch bedeutend krank wäre, aber Sie beauftragten einen Andern zu einigen klaren Worten über seinen Zustand!
Sie entschuldigen gewiß diese Bitte mit dem natürlichen, unerläßlichen Interesse, das dies vaterländische Besitzthum, auf das wir alle stolz und angewiesen sind, uns Beiden giebt, und wollen gar nicht – und sollen auch nichts weiter von mir hören – als wie ich Ihnen treu bin und bleibe –
Henriette P. g. Wach.
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Berlin, den 14. April 1834.
Ehe ich Ihnen anfing zu schreiben, habe ich mich erst recht in den Gedanken vertieft, daß ich das nun überhaupt jetzt darf, und wie hübsch es von uns beiden ist, dies endlich als eine kleine anmuthige Zugabe unseres Lebens erkannt zu haben – Freund Immermann, welcher sich zuerst liebenswürdig entwickelnd diesem meinem schüchternen Wunsch zur Seite stellte, soll auch immer dafür mit freundschaftlicher Liebe anerkannt und besonders gemeint und gegrüßt sein in jedem Blättchen, das hinüber fliegt! Und so merke ich fast, daß ich die subtilste Spitze eines Briefanfanges niedergeschrieben, und könnte mich nun fortwährend nach allen Regeln betragen, wohnte mir das geringste Geschick dazu bei, und risse mich nicht Andenken und Antheil für den, dem ich schreibe, über so schöne, dezente Gränzen stets hinweg. Aber Sie haben mich ja nie anders gemocht als ich sein konnte, und mich oft erkannt, da wo der spanische Kragen meiner früheren Verhältnisse mein eigentliches Wesen bis zur Unkenntlichkeit einspannte – und was giebt es Süßeres, als dies Zeugniß einer schönen Seele für bange und unverständliche Zeugnisse in uns! – Ich begreife auch gar nicht, warum man sich bloß darum liebt, weil man sich alle Tage genau versteht, einmal muß man es freilich gekonnt haben, und dann für immer! und was das Leben drüber und dran wachsen läßt, begrüßen ohne Frage: woher kömmst du? Immer sicher daher, wo wir einmal die Heimath fanden. – Heimath! könnt' ich einmal aus den hellen Fenstern Ihres wohnlichen Zimmers in die grüne, zierliche Ordnung des kleinen Gartens niedersehn, durch dessen grüne Heckenwand ich Sie nach Jahren zuerst sah – wie Sie leicht dem Hause zuflogen, das uns bald Alle umschloß! – Es sollte mir heimathlich werden, sein Sie gewiß! Oder Sie steckten die kleinen Füße unter meinen Theetisch, und der grüne Thurm hätte keinen Eingang mehr, nachdem er Sie eingelassen! Nun, ich will warten auf Sie! Den ganzen grünen Sommer hindurch, vielleicht wenn Sie so sicher ein Plätzchen wissen, wo Ihnen frohes Willkommen entgegen kömmt, überlegen Sie es auf Ihrem grünen Epheukranz, worauf ich Sie immer ruhen weiß. Wir bleiben, wie Sie daraus sehn, in dem steinernen Berlin! Das ist nur die wahre Bezeichnung, keine Verunglimpfung oder Klage!
Ich liebe mich in verschiedenen Situationen zu finden, mit mir bekannt zu bleiben, und den Aufgaben ihren Inhalt abzufragen; ist man des einen Zustandes gewiß – reizt uns der andere mit seinem Widerspruch, der in uns seine Aussöhnung verlangt!
Die Sonne scheint, während ich schreibe, warm und verheißend auf meine Schultern – es ist gewiß, wir sollen das liebliche Wunder auf's Neue erleben, Blumen, Blüthen und Blätter zu sehn! – Den langen Winter wird man ganz träumerisch, ob solch Glück wiederkommen kann, und naht sich die Zeit, bewegt sie nicht allein die keimende Erde; in der ewig keimenden Brust findet sich auch ein neuer Eifer – etwas soll anders werden, zur Klarheit, zur Blüthe soll durchbrechen, was im Winterschlaf eingehüllt lag, wir fordern von uns, und die Gewährung ist schon halb erreicht – an Licht und Sonne hängt nicht blos das Blüthenleben mit seiner zarten Existenz, der Mensch selbst hofft in diesem freieren Spielraum etwas Größeres zu leisten, zu vollbringen. Fragen wir nicht nach dem Geleisteten, es muß nicht alles nach außen Existenz gewinnen, was darum doch als Errungenes, als Wahrheit aus solchen Epochen der Seele verbleibt! Während Berlin von dem ärgsten Paroxismus des Carnevals befallen war – hüllte mich ein kleines, glückseliges Fieberlein in die grünen Wände meines sichern Thurmes – auch besucht konnte man nicht viel werden, weil die Leute den göttlichen Einfall haben, ihre hohlen Gesichter dem Tageslicht zu déjeunés dansants zu produziren! So kamen nur die Freunde! Sage ich aber Freunde, so fällt mir Ihnen und Immermann gegenüber fast niemand ein, als die herrliche Familie, die ersterer gern hier wiederfand, ich meine Koppens. Liebe Freundin! es ließe sich in einem Urwald, oder auf einer wüsten Insel mit den Elementen, woraus diese Familie zusammengesetzt ist, lange haushalten als reicher Mann!
Gern rede ich mit Ihrem Vetter von Ihnen!5 Jetzt ist er General! es kleidet ihm gut! und ich freute mich, daß er nicht zugeknöpft die Achseln zuckte über eitle Ehre, sondern menschlich und natürlich eingestand – Ehre sei keine Schande! Ich soll Ihnen auch tausend Grüße sagen.
Und nun grüßen Sie Immermann auf's herzlichste! und wenn Sie erlaubt haben, daß Ihnen Wilhelm mit allen Gefühlen der Verehrung die schönen Hände küßt – so sagen Sie auch von ihm dem liebenswürdigen Freund, wie warm anhänglich und erkennend er ihm zugethan bleibt! Und Schadow's? Ob mein Briefchen im Rhein ertrunken ist, oder die holde Frau Schadow in den Carnevalsfreuden? – Ein Lebenszeichen empfing ich nicht wieder! Soll ich wagen sie zu grüßen?
Ach! nicht wahr, ob dies Briefchen glücklich hinüberkam, über den vaterländischen Strom – das erfahre ich bald – und von Immermann auch recht viel – und von Ihren holdseligen Gedanken, und in welcher Rubrik ich eingeschoben bin!
Ihre
Henriette P. g. Wach.
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Berlin, den 5. Juni 1834.
Meine theure Gräfin!
Wie klar und deutlich blicke ich in den Tag hinein, an dem mein letzter Brief mit der Sendung des Freundes bei Ihnen eintraf, und den Sie so reizend schildern, daß ich die Blüthen zu athmen glaubte, die alle wie aufgeblüht für den Dichter ihn begrüßten.
Es ist gar nicht wahr, lasse ich ihm sagen, daß die Blüthen allein diesen Versuch machen, und wenn er ganz ungeduldig ruft »warum die Menschen es nicht auch thun?« – so sage ich, sie thun es auch, aber können nicht alle es zum Duft bringen, oder gar zur Frucht – sie müssen bald den unschuldigen Versuch ermüdet, mit losgerissenen Blättern am Boden streuen, und wenn keiner zur rechten Zeit Acht gab, als sie sich um den kleinen Stiel reihten, so heißt's hinterher, sie haben sich gar nicht bemüht. Mein eigentliches geheimes Frühjahrsgeschäft ist, die Leute zu belauern – etwas ist in Jedem los – mitunter reine, baare Tollheit! etwa daß Spinat Rosen treiben will, oder Salat zum Cactus alatus befördert sein will durch irgend einen winzigen Schuß, den er hier oder dort hin thut u. s. w. – aber am allerlustigsten bin ich selbst, denn ich bin es mir recht klar bewußt, daß ich was will, und recht was tüchtiges, wovon der Herbst soll noch zu sagen wissen – aber was denn? Glauben Sie nicht, daß ich mich ausnehme, und denke, ich wolle keine andere Blüthe als die Wurzel in der grünen Erde mir verheißen kann – sicher habe ich eben so gut als alle, die ich darauf anschaue, etwas im Sinn, wobei die arme Wurzel seufzend sich tiefer in die Erde gräbt, damit das tolle Pflänzchen nicht an seinem Getriebe um alle Lebenskraft kommt. Aber was wäre es denn auch, wenn nicht dieser Frühjahrstrieb die Menschen wenigstens mit dem Gedanken neuer Gewinne erquickte! –
Besorgt tragen sich Immermann's hiesige warme Verehrer mit dem Gerücht, daß er seine sichere bürgerliche Stelle aufgebend, sich ganz der Bildung des dortigen Theaters widmen werde. – Jeder fühlt dadurch die Aussicht ihn für einen größeren Wirkungskreis in der Hauptstadt zu gewinnen, bedroht, und um so weniger geneigt diesem Opfer ergeben zu sein, wenn ihm selbst an dem Ort, wo er so große Kräfte verbrauchen will, nicht ein volles geistiges Zuströmen an Menschen und Verhältnissen sicher ist. Es macht mir den Eindruck, als läse ich ein Nachspiel von Torquato Tasso, wenn Sie, holde Eleonora Este, mir von der Krönung des Dichters schreiben! Leider zugleich den, auch des fern Liegenden, einer andern Zeit, einer andern Luft Angehörenden!
Unsere Bühne hat mich von jeder Hoffnung einer dort zu gewinnenden Erhebung rein verschüchtert – ich habe es verlernt dort auf Genuß zu hoffen – aber ich hoffe nicht zugleich die Empfänglichkeit dafür – ja, ich ziehe dies Zürnen, möchte ich sagen, dem Nachgeben vor, mit dem Schlechten vorlieb zu nehmen, wodurch die schädliche Gewöhnung endlich uns von dem Standpunkt zieht, auf den uns freiwillige Entsagung eingehegt läßt, wenigstens für eine höhere Idee unentweiht! – Ich darf mir also wohl eingestehn, daß ich für die unschätzbaren Anziehungskräfte des Rheines oder Derendorfs empfänglich zu werden oder zu bleiben suche, und Ihre lieben Worte um Fortunats Säckel oder Hut trafen ein begehrliches Herz! Aber froh empfinde ich um so mehr wie wir jetzt nicht mehr so ohne alle Beziehung als früher stehn, und freue mich wie Immermann desgleichen unserem geistreichen Freund hier sich anschließt, und wir uns hineinschlingen, daß es ein rechtes Ganzes zu werden denkt!
Wilhelm ist im rechten Sommerdienst begriffen. Schöne und häßliche Frauen begehrten aber seines Pinsels, der Nachwelt sich zu überliefern – dazwischen spielt eine Nymphe mit Blumen, und Amor giebt ihr einen Kuß! – Wenn Sie denken, ich freute mich zur Ausstellung, so irren Sie sich, und halten mich größer als ich bin – ich blute noch aus all den Wunden, die mir einfielen, als man die letzte benutzte, meinen Bruder zu mißhandeln – mein Leben ist wie das Blatt, das sich auf der Welle gerettet hat, es tanzt oben, wenn sie steigt, und ist verschwunden, wenn die nächste sie verschlingt. Sie möchten mich besser – ich weiß es. Es thut Ihnen leid, daß ich so kleinlich diese Zeilen schließe. Beklagen Sie mich, vielleicht wird es mit der Zeit besser, jetzt habe ich nur einen Dämmerschein von dem, was ich unter solchen Leiden sein könnte, aber es ist außer mir, ich bin isolirt in subjectiver Verdorbenheit!
Dem liebenswürdigen Freund, dem herrlichen Dichter die schönsten Grüße, erstlich von mir, dann von meinem Bruder, wenn er erst Ihnen hat in hochachtender Ergebenheit die Hand küssen dürfen.
Ihre Henriette.
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Berlin, den 10. November 1834.
Es möchte sogar fein, bescheiden und sehr schicklich erscheinen, wenn ich noch drei bis vier Wochen wartete, ehe ich Ihren inhaltreichen Brief, theure Freundin, beantwortete, und wenn ich statt dem nichts thue, als den ersten ruhigen Augenblick erwarte, um das Gegentheil zu vollführen, muß ich mich Ihnen auf Discretion ergeben! Das thue ich denn mit dem frohsten Muth! und außerdem drücke ich Sie an mein Herz, und sage Ihnen und Immermann den tiefgefühltesten Dank just für dies lang ersehnte Lebenszeichen – das uns so viel mehr sagt als daß Sie athmen und die Sonne auch über Ihnen scheint. Der Eindruck dieser Mittheilungen war erschütternd für uns Alle! – Wir hatten uns im Thiergarten bei den Freunden still zusammengerückt, und wie es die Ankündigung in Ihrem Briefe vorbereitete, mit Ernst und Bewegung fast, die Blätter des Freundes zur Hand genommen, die er uns gönnte, von seinem Innern zu hören!
So sind wir, nicht unwürdig seines Vertrauens, ihm Zeile vor Zeile gefolgt! ich denke, es wird uns Allen ein unvergeßlicher Abend bleiben – aber meine ganze Seele ruft ihm zu, nicht was in der Welt daraus wird, darf er mehr fragen, dürfen die Freunde fragen, wie es in ihm so ward, zur unabweislichen Nothwendigkeit, das ist die Hauptsache, von der aus es keinen Rückblick giebt– nie werde ich von der Welt so gering denken zu glauben, daß eine so mächtige, individuelle Wahrheit als hier ausgesprochen liegt, nicht schon hinübergreift in eine objective Wahrheit, die ihrer Entwicklung sich entgegen drängt; weiß er in sich von der Morgenröthe einer neuen Kunstepoche, so muß sie anbrechen. Der Gedanke, wie er sich durchringt aus der Seele des Menschen – der Gedanke ist schon der Anfang der Erfüllung, ja die Nothwendigkeit seiner wahren Existenz! Sagt es nicht Schiller? Dem Gedanken des Columbus mußte sich die neue Insel aus dem Meere entgegen heben! – er konnte nicht vergeblich nach ihr suchen! So haben sich die Freunde nur still um den muthigen Segler zu schaaren, und immer nur: Glück auf! zu rufen. – Glücklich aber muß er sein, denn jeder muß es sein, der seinem innern Leitstern folgt, und an eine Idee, die sein Inneres ganz durchdringt, das Leben setzt!
Wie rührte uns um so tiefer der Verlauf des Abends, an dem uns Koppe mit der vollen Begeisterung seines ihn verstehenden Herzens einige aus den Juwelen seiner einzelnen kleinen Gedichte auslas. Wie erfüllte sich an uns Allen, was er so schön ausspricht als vorgesetztes Ziel »etwas zu leisten, was den Zustand der Menschen und der Welt erhöht.« Wir fühlten uns Alle erhöht! – Ich fühlte den Zustand, den ich am höchsten und liebsten in mir halte, den einer ganz allgemeinen Begeisterung – in der nichts einzelnes hervortritt, aber alles einzelne inbegriffen ist, aber eben als einzelnes zu gering die weit und groß gewordene Seele zu beherrschen, die in dem Resümé von allen nur die Existenz findet. Es ist zugleich der leidenschaftsloseste und durchfühlteste Zustand der Seele!
Mir gefiel nicht eins oder das andere, weil es just diese oder jene Gefühlswelt mächtig und schön entwickelt – alles erfüllte die tiefe Sehnsucht der menschlichen Brust nach etwas Vortrefflichem, Erreichten, gleichviel in welcher Richtung, und löste, sonderbar genug, von dem Gegenstand los, indem es uns über ihn stellte, just in dem Augenblick, wo wir seiner wahrhaften Entwickelung alles verdankten. Bis zu Thränen waren wir, als wir nun seines Vertheidigungsbriefes gedachten! Derselbe, der uns dies gegeben, mußte sich vertheidigen gegen die knappe, rauhe Form, die ihm auf's Neue über die Flügel gedrückt werden sollte, mit der Hoffnung, er ginge wohl hinein, wenn er nicht ersticke!
Wie fern, wie nah ein Resultat für sein ungemeines Streben sei, dies ist eine Frage, der wir mit allen warmen Grüßen der Freundschaft, dem Glücke vertrauend, entgegensehen! Das Bedürfniß ist da! wird immer mehr erstarken, je mehr der Gegensatz: das Sinken der Bühnen – bis zum Ekel hervortritt. – Beide sich gegenüberstehende hart sich abstoßende Stufen auf der in Immermann gedachten, zu verbinden, ist das natürlich sich als nothwendig ergebende Ziel für die Zukunft. – Ich freue mich um so mehr noch Zeitgenossin dieser Ideen zu werden, da ich mich schüchtern von jeder Hoffnung zurückgezogen hatte, und die Idee eines besseren Zustandes für mich behütete, vor der flachen Berührung mit bloß zeittödtender Zerstreuung sie allein noch vorhanden.
Ich träumte mit den Freunden von einer kleinen Normalbühne, die unter Immermann lebengewinnend die Aufmerksamkeit dahin richtet, und von wo aus sich der wahre Geist über Deutschland, oder für's Erste, dem Vaterlande, ausbreitete. Möge doch der treue Bruder, dessen verständig besorgten Brief man in der Antwort verfolgen kann, ihn nicht mehr beunruhigen, und mein lieber Herr, der König, sich geneigt fühlen zu allen äußeren Arrangements. –
Ihr schöner Brief reihte sich so wohlthuend heran! – Welch eine schöne Landschaft haben Sie gemalt mit Ihrer Beschreibung jenes ersten Abends an der See! Ich sah sie augenblicklich, und hätte nicht einer unserer kühnen Seemaler sein müssen, hätte Sie Ihnen auf Leinwand zurückgesandt.
Dieser Brief blieb acht Tage liegen – ich war indessen in Tegel bei Wilhelm von Humboldt. Es geht ihm wieder viel besser – und wir hoffen, er lebt uns noch eine Zeitlang. Sein Geist blüht zum Erstaunen schön und vollständig aus diesem kaum noch verständlichen Körper! Er hat noch immer diese bezaubernde Heiterkeit, diese Ironie, die den Dingen ihren falschen Schein abstreift, aber wie würde Sie der tiefe, gefühlvolle Ernst überraschen, womit er in sich und andern das Gefühlsleben schätzt, liebt, möchte ich sagen, und entwickelt. – Meine Seele sitzt ihm, wie das Kind dem Vater, zu Füßen, ich bin wie eine junge Verliebte über seine Stuhllehne gebeugt, und werde so sorglos geschwätzig, als wäre ich schon mit ihm aus der Welt! Aber ich kann es Ihnen auch nicht verschweigen – er liebt mich vollständig wieder, und die Kinder bedauern nichts so sehr, als daß ich ihn nicht mehr heirathen kann. Mais, que faire? – seine liebe Hand zittert! Er könnte mir nicht mehr den Ring anstecken!
Ihr Andenken erfreute ihn sehr – er empfiehlt sich Ihnen herzlich, und sprach recht schön, recht bewundernd von Ihnen!
Eben so herzlich empfiehlt sich Ihr Vetter General; ich habe ihm versprochen Immermann's Brief vorzulesen. Dem Minister habe ich davon erzählt – er bewundert Immermann! – ich theilte ihm schon früher den »Merlin« mit – und er hat allerdings auch das Gefühl, daß der Moment vielleicht gekommen ist, eine neue Bühnenwelt heraufzuführen!
Sommergedanken habe ich noch nicht! Erst bau' ich mich im Winter emsig an! Ach! wenn ich nicht fröre – hätt' ich ihn sehr lieb.
Die Kunstausstellung ist wegen Anwesenheit des Kaisers noch offen. Seit gestern hängt dort das letzte Bild meines Bruders, der sehr fleißig gewesen ist. Er küßt Ihre schöne Hand, und bittet Sie, ihn gern unter Ihren Verehrern zu sehn. In der herzlichsten Freundschaft grüßen wir beide unsern lieben Freund Immermann, und stets bleibe ich Ihnen, holde Frau, getreu.
Henriette P. g. Wach.
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Berlin, den 12. März 1834
Wenn ich den Wunsch fühlte, Ihnen zu schreiben, theure Gräfin, erschrack ich immer vor dem Umfang des bisher Erlebten! – ein Stoff, den ich keine Kraft fühlte, zu bewältigen – es machte mich müde, oder vielmehr die Müdigkeit meiner Seele und meines Körpers hatte damit zu viel. Wie es mir nun heut doch dazu kömmt, daß die lebhaftere Erinnerung an Sie, die mir ein Bild Ihres freien, schönen, ungetrübten Wesens giebt – mit ungetrübt meine ich, daß Sie in keine fertige Form hineingepreßt worden sind, oder sich haben hineinpressen lassen, sondern schön menschlich sich selbst und andern gerecht bleiben. Ich sehe Sie, wie Sie aus dem Fenster schon die lieben Augen mit tausend lockenden Fragen unter das welke Laub stecken, um die Geheimnisse zu erlauschen, die da unten von Erde, Tropfen und Wärme in der kleinen Werkstatt gezimmert werden, und bald ganz naiv die kleinen grünen Mützen hervorstecken, innerlich so sicher und fertig, und des Erfolges gewiß, wie nie ein armes Menschenherz, das immer überbaut bleibt mit seinen treibenden Keimen von der kalten Erde überdeckt. Möge Ihnen und Ihrer reizenden Seele der Frühling recht erquickend, recht neu belebend einziehn – ich gönne es Ihnen mit alter treuer Liebe – und mußte Ihnen erst recht Gutes wünschen, ehe ich fortfahre.
Gott weiß, womit ich es verdient habe, daß man mir so viel buntes Papier geschenkt hat, daß ich mir ein Gewissen daraus mache, weißes zu kaufen – dabei mußte ich mich mit süßlicher Empfindsamkeit ansehn lassen, als hätte man eine große Zartheit in mir errathen. Es hat mir nichts geholfen, daß ich das Leben ernst, thätig und praktisch ergriffen habe, ich sehe immer noch den schalkhaft erhobenen Finger der Leute, die mir die Augen naß glauben bei Matthison's Mondschein und Cypressengelispel, oder Tiedge's religiösen Uranien. – Man denkt in der Jugend, wenn man nicht für das gehalten wird, was man sich innerlich zugesteht, ist man's nicht, und strebt und ringt, daß sie es begreifen sollen. Ach! liebe Freundin! Das ist recht rührend, wenn mir das Weinen nicht so weh thäte, das könnte mich dazu bringen, aber viel rührender ist es noch, daß man später nichts so wenig erwartet, als verstanden oder gehalten zu werden, für was man sich selbst halten darf! Wie darf man eigentlich einen Zustand, in dem wir mitten drin sitzen, verstehen wollen? Weit von uns gerückt müssen erst die Erscheinungen unseres Lebens sein, ehe sie sich von uns trennen und objectiv werden – mit weißen Locken, die ersten zarten blonden, um derenwillen wir die Kindermütze ablegen, am Rande des Grabes die erste Liebe beschauen und ihre Bedeutung erkennen, das möchte möglich sein, aber von selbst fehlt da die Zeit, wo uns die reiche Sommerzeit des Lebens anzuschauen käme – genug, wir sollen uns für incompetent erklären – und doch, wie sträubt sich das Herz gegen so kaltes Begehren!
Daß ich erst bei der letzten Zeile im vorigen Blatt den Irrthum mit dem Umwenden einsah, mögen Sie gütig entschuldigen, abschreiben – nicht wahr, es wäre unerträglich, abzuschreiben – es hat immer etwas Lügenhaftes – ich würde beschämt sein, den Brief an eine Freundin abgeschrieben zu übersenden – und wozu noch Lügen, deren man sich bewußt ist, da die unbewußten oder als solche uns überraschenden schon so viele sind.
An meinem Geburtstag bekam ich Immermann's sämmtliche Werke, schön grün eingebunden, geschenkt. Welch ein besonderer Reiz liegt darinnen, so etwas zu besitzen – hingehn zu können, und so einen stillen grünen Band herauszuziehen und sich mit der Hoffnung, es werde genug regnen oder schneien, um keinen lästigen Besuch einzulassen, so in einen Armstuhl zu drücken und nun aufzuschlagen und lesen zu dürfen, was das Geheimniß eines Geistes war, der die Sprache der Erde verstand, und sie empfing mit ihren Schätzen, und an den sie sich ergab mit der liebevollen Ungeduld des Gebens, das nur aufsteigt, wo das Empfangnehmen Verstehen und Wiedergeburt ist!
Alle Worte sind schon so oft nach falschem Ziel verschossen, wie schön und richtig könnte ich sonst sagen: ich habe alles so lieb! Auch rührt und beschämt es mich fast, daß wir gedruckt lesen können, und in beliebigen Gebrauch nehmen, was so in heiliger Einsamkeit von ihm ausging, sich selbst erst zur Genüge, weil er's nicht lassen konnte an sich und dem Gegenstand diese Liebe zu thun! Ich möchte um Verzeihung bitten, daß ich so roh darüber herfahre und wünsche, in mir wäre wenigstens Sabbathstille, und ich hörte nichts als die Glocken zum Festtag! Auch danken möchte ich ihm – könnte denken, er röthete sich vor edlem Zorn und früge, um wen anders als mein selbst willen dachtest Du, daß ich's geschehen ließ? – ist dies erledigt, mag es auch seinen Weg bis zu Dir finden, und was Du damit kannst, sei Dein Antheil, mir unbekümmert!– Und möchte er nur so stolz reich thun; da so viel Armuth ist, soll der Reiche ausstreuen, daß der Arme findet, der sucht; was verschlägt es ihm, ob er damit die nothleidenden Stunden fristet, ihm mehrt sich im Geben der Schatz!
Die nothleidenden Stunden! – ich habe deren viele! Wissen Sie, was ich überstanden habe, wissen Sie doch vielleicht nicht, was ich noch zu überstehn habe; denn meine Nerven beben lange nach und verfallen jeden Abend um halb sechs Uhr in schwere Zustände – einen Krampf im Kopf, aus dem sich ein schwermüthiges Deliriren mit Brustbeklemmungen entwickelt. Ich habe eine neue, eine ungeheure Erfahrung gemacht! Ich kannte den körperlichen Schmerz noch nicht – ich wußte nicht, welch ein Ungeheuer er ist, wie er sich über uns wirft und uns verschlingt. Die heiligen Schmerzen, die jede Frau mit eben so viel Hoffnung als Furcht erwartet – sie sollen leicht sein dagegen – wie das natürlich Bedingte gegen das unnatürlich Gewaltsame immer. – Die Aerzte schickten mich dann nach Ems. O, liebe Freundin! saßen Sie schon je zwischen diesen Felsen, wo die kleine monströse Putzschachtel mit dem Greuel aus der vornehmen Welt hineingeklemmt ist? Dort brach mir schon das Herz in unaufhaltsamer Nervenschwermuth! Aber ich täuschte alle, selbst die mich liebten, also beachteten, – ich flatterte wie ein geängstigter Vogel in und um meinen Käfig her, und hatte keine Ruh und keine Rast, und nach einer schlaflosen Nacht, in gegenstandlosen Thränen hingebracht, wünschte ich auf dem höchsten Felsen zu frühstücken und war vor den andern schon oben, und konnte dort nicht bleiben und hoffte auf den Eselritt am Nachmittag – und ging noch zuerst an der Lahn und wünschte an die Table-d'hôte zu kommen und ließ unter ewigem Hören und Sehen und den tödtenden Klängen der Tischmusik Thränen ungezählt über das hastig und gern genossene Mahl fallen – fünf Stunden ritt ich oft an einem Tage, und schloß der frühe Abend dies irre Treiben, glaubte ich, die Zimmer verschlängen mich, und mein kräftiger Gesang war dann oft noch lang zu hören. Dabei glühten Wangen und Augen, und in der ewigen Quarantaine eines steten Angekleidetseins, nöthigte ich jedem die Versicherung ab – ganz gesund zu sein! Dabei – hatte ich die Ueberzeugung, daß ich jeden Abend mit den Kleidern die Haut von meinem Körper zog, des Morgens weinte ich, daß ich über die Wunden mich kleiden mußte. – Gleichgültiger ist niemanden je die ganze Welt gewesen, aber einzelne tödtende Schmerzen über meine Zerstörung, die ich mit fürchterlicher Arglist ganz gescheut war zu beobachten, schnitten durch mein Inneres! – Ich wußte bis dahin nicht, was es heißt, durchaus trostlos sein – erst in dieser schrecklichen Zeit erfuhr ich es – und hatte kein Verlangen als den Tod! Mit der größten Anstrengung erhielt ich mich auf der Rückreise, jeden Morgen bedrohte ich mich, gesund zu erscheinen. – Als man die letzte Station vor Berlin die Pferde vor den Wagen legte, sagte ich: nun kannst Du krank sein!
Im Augenblick lag ich bewußtlos im Wagen, ohne Besinnung brachte man mich in meine Wohnung! Da brachen Krämpfe aus, die mit dem schwersten Deliriren verbunden waren. Seit dem 26. September kehren sie alle Abend wieder. Durch die sorgfältige, umsichtige Behandlung meines Arztes, des Homöopathen Stüler, sind sie ermäßigt bis zu schwachen Anklängen des ersten Zustandes – aber sie sind da – und mein Geist kann wohl nie ausruhen von der Ermüdung, die er erlitten. Ich leide ein tiefes unaussprechliches Leiden, ich weiß, daß ich jetzt erst Leiden kennen lernte – und dachte doch, ich hätte sie gekannt!
Niemals glaubte ich, könnte ich von mir erzählen, wie ich anfing zu schreiben, dachte ich es noch nicht und jetzt – liebe, wunderbare Frau, verstehen Sie mich?
Meine Handschrift ist schlecht! Leicht ermüdet der rechte Arm!
Grüßen Sie herzlich Immermann! Mein Bruder küßt voll Ehrfurcht Ihre schöne Hand – ach! wie gern hörte ich von Ihnen!
Ihre
Henriette.
