Kitabı oku: «Mädchenname», sayfa 5

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ANKUNFT DER FAMILIE


Sie hatte geduscht und verzweifelt versucht, ihren widerspenstigen Haaren einen pfiffigen Touch einzuföhnen. Aus Carmens Schatzkiste fischte sie ein weißes, schlichtes – wahrscheinlich dennoch höllisch teures – Sommerkleid heraus, zu dem sie silberne Riemchensandalen anzog. Mit leichtem Bedauern schickte sie den freundlichen Anatol weg, der ihr eine weitere Massage angeboten hatte. Kurz überlegte sie, ob sie sich noch ein Frühstück einwerfen sollte. Immerhin musste sie um zehn Uhr bei Charles im Büro sein. Allerdings war ihr Magen vor Aufregung so zugeschnürt, dass sie ohnehin nichts heruntergebracht hätte.

Als sie eine nun den Plattenweg entlanglief, fühlt sich Julia wie ein junges Mädchen.

Am Pool war Mathieu nicht mehr. Aber das hatte er ihr ja gesagt. Julia folgte dem Weg den Hügel hinunter, vorbei an der verwitterten Tennisanlage, bis die üppige Vegetation einen atemberaubenden Ausblick freigab. Hier war Julia bisher noch nicht gewesen.

Vor ihr lag das Mittelmeer unter einem perfekten Himmel mit zarten Schäfchenwolken. Die Wasserfläche war noch spiegelglatt. Am Horizont konnte sie die Silhouetten von mehreren Frachtern erkennen. Weiter vorne, in der Bucht von Cap Martin, lief das Meer türkisfarben aus. Die roten Hausdächer, die Julia zwischen den Wipfeln der Zypressen, Pinien und Palmen ausmachte, schmiegten sich an die Küste.

Julia holte tief Luft und genoss das Gefühl der Spannung und Vorfreude, das sie durchströmte. Lächelnd blickte sie sich um. Etwa einhundert Meter zu ihrer Rechten erkannte sie Mathieu, und ihr Herz klopfte bei seinem Anblick in ihrem Hals. Er hatte sie noch nicht entdeckt, und Julia nutzte die Gelegenheit, ihn wieder zu beobachten.

Eine Locke hing in seiner Stirn, wurde jedoch just in diesem Moment von seiner Hand nach hinten geschoben. Sein Arbeitsoutfit, wieder Jeans und T-Shirt, sah unbeschreiblich lässig an ihm aus. Neben Mathieu stand Charles, und die beiden waren in ein angeregtes Gespräch vertieft. Charles stützte sich auf seinen Gehstock. Mathieus linke Hand ruhte auf dem Griff seines Spatens. Mit seiner Rechten deutete Mathieu ab und an im Garten umher. Als er in ihre Richtung zeigte und sie sah, hielt er kurz inne. Ein Lächeln huschte über seine Züge, und Julia lächelte automatisch zurück.

Charles, der Mathieus Reaktion bemerkt hatte, drehte sich ihr nun ebenfalls zu. Er winkte sie erfreut heran. Julia räusperte sich und näherte sich den beiden Männern. Sie waren beide gleich groß und wirkten, als wären sie sehr vertraut miteinander. Sie erinnerte sich daran, wie verträumt Charles bei ihrer Hinreise nach Roquebrune sowohl von der Landschaft als auch von den Menschen der Region geschwärmt hatte. Offenbar kannten sich die beiden Männer schon lange.

„Julia, bonjour. Das ist ja eine Überraschung, Sie hier anzutreffen. Machen Sie einen Spaziergang?“, begrüßte Charles sie überschwänglich.

Julia lächelte ihn breit an und nickte nur. Sie wagte es kaum, Mathieu in die Augen zu schauen. Als sie doch den Kopf hob, begegnete sie seinem aufmerksamen Blick. Er lächelte sie verschwörerisch an. Julia schien es in diesem Moment, als würde die Welt nur aus ihnen beiden bestehen. Nervös strich sie sich eine Haarsträhne hinters Ohr.

Charles schien etwas gesagt zu haben.

Sie riss sich zusammen. „Wie bitte?“

„Ich hatte Sie gefragt, ob Sie Mathieu bereits kennen? Aber mir scheint, Sie tun es.“

Julia bemerkte, wie Charles schmunzelte. Oh nein, war ihre Verknalltheit so offensichtlich? Wie peinlich. So neutral wie möglich entgegnete sie: „Ja, wir haben uns bereits am Tag unserer Ankunft kennengelernt.“

Charles wandte sich Mathieu zu. „Also, dann haben Sie ja bereits meine zauberhafte Assistentin Julia kennengelernt. Sie kommt aus Deutschland. Spricht sie nicht ein hervorragendes Französisch?“

Mathieu nickte.

Charles runzelte nachdenklich die Stirn. „Mathieu hat wunderbare Pläne für das Grundstück“, wandte er sich wieder an Julia. Da schien ihm etwas einzufallen. „Julia, wie gut, dass ich Sie schon so früh treffe. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gerne unser Treffen heute vorverlegen. Meine Familie wird gegen Mittag ankommen, und so bleibt uns wenig Zeit. Je früher wir heute anfangen, umso besser kommen wir voran.“ Er rieb sich mit leuchtenden Augen die Hände.

Er schien sich auf seine Familie ebenso zu freuen wie auf die Fortsetzung seiner Memoiren. Doch sie seufzte innerlich: aus der Traum eines aufregenden Vormittags mit Mathieu. Wie bedauerlich. Sie blickte Mathieu mit einem Achselzucken entschuldigend an. An seinem Blick konnte Julia erkennen, dass er ebenfalls enttäuscht war. Charles hatte sich bereits abgewandt.

Kaum hörbar flüsterte Mathieu: „Ein andermal dann.“

Julia strahlte ihn an. „Oui, ein andermal.“ Sie nickte Mathieu zu und folgte Charles zum Haus.

Julia erlebte gemeinsam mit Charles einen produktiven Vormittag, nur unterbrochen von einem phänomenalen Frühstück, das ihnen Virginie im Arbeitszimmer servierte. Charles schilderte Julia seine Zeit in der Schweiz bis zu dem Tag, an dem er ein Praktikum im bedeutenden Bankhaus de Bertrand in Zürich begonnen hatte. Wieder verging die Zeit wie im Fluge, und erst das Geräusch eines sich nähernden Helikopters riss beide aus ihrer Gedankenwelt.

Charles lächelte freudig und erhob sich hastig. „Das werden sie sein.“

Julia war bereits routiniert darin, ihn dabei dezent zu stützen.

In diesem Augenblick öffnete Estelle die Tür und rief aufgeregt: „Sie sind da, Monsieur Charles. Sie sind da!“

„Ich hab’s gehört, meine Liebe.“

Vor dem Haus hatte sich bereits das Empfangskomitee aufgestellt. Julia schmunzelte, als sie sich mit Charles neben Virginie stellte. War es tatsächlich erst knappe drei Wochen her, seit sie selbst hier angekommen war? Es kam ihr eher wie Monate vor.

Einen Augenblick später bog auch schon Pierre mit dem Golfcart um die Ecke. Neben Pierre saß Philippe de Bertrand. Diesmal war er leger gekleidet in Jeans und weißem Hemd. Julia stellte anerkennend fest, wie gut er aussah. Als er Julia erkannte, lächelte er ihr vertraulich zu.

Auf der Rückbank saß die perfekteste Frau, die Julia je gesehen hatte. Obwohl sie sicherlich schon knapp sechzig war, strahlte sie eine gepflegte Präsenz aus, die Julia den Atem verschlug. Wie eine Königin, so huldvoll blickte sie auf die Wartenden. Das musste Charles’ Frau Inès sein. Sie trug einen aprikotfarbenen Hosenanzug, unter dem ein goldfarbenes T-Shirt hervorblitzte. Neben Brillantohrringen gehörte eine edle Uhr zu ihren Accessoires. Ihr blond gesträhntes Haar war kunstvoll hochgesteckt.

Neben ihr saß wohl die Tochter des Hauses, Salomé, die ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war. Sie hatte wenig Ähnlichkeit mit dem frechen, bezopften Mädchen auf dem Foto, das Julia in Charles’ Büro betrachtet hatte. Im Gegensatz zu Inès waren ihre Haare nicht blond, sondern fast schwarz. Ihre Kleidung war mit Jeans und Bluse eher unauffällig. Als einzigen modischen Akzent machte Julia den modern geschnittenen Pony über dem stufigen Haarschnitt aus.

Unter viel Hallo, begleitet von den obligatorischen Küsschen, wurden die Ankömmlinge begrüßt. Julia war ein wenig befangen, als sie Inès die Hand reichte. Diese betrachtete sie interessiert und ignorierte ihre förmliche Begrüßung, indem sie die verblüffte Julia herzlich an sich zog und ihr ebenfalls zwei Küsschen verpasste.

„Ah, Julia. Wie schön, Sie endlich kennenzulernen. Charles und Philippe haben in den höchsten Tönen von Ihnen geschwärmt. Und das will etwas heißen!“

Julia spürte, wie sie leicht errötete.

Salomé war neben ihre Mutter getreten und drängte sie spielerisch zur Seite. „Darf ich auch endlich mal die berühmte Julia begrüßen. Hallo, ich bin Salomé. Aber hier in Südfrankreich nennt mich eigentlich jeder Zaza.“

Julia wurde noch verlegener. Ehe sie sich’s versah, fand sie sich in Salomés Armen wieder. Julia sah dabei in Philippes Augen, der entschuldigend die Schultern zuckte.

„Ich bin nicht alleine daran schuld. Mein Vater hat auch seinen Teil dazu beigetragen.“ Wie zuvor Salomé bei ihrer Mutter, schubste Philippe Salomé energisch beiseite und riss Julia fast in seine Arme.

Sie war so überrumpelt, dass sie kaum wusste, wie ihr geschah. Du meine Güte! So gut kannten sie sich nun wirklich nicht. Sie hatten sich doch erst einmal kurz getroffen. Julia verstand nicht, weshalb jeder so tat, als wäre sie ein lang vermisstes Familienmitglied. Aber sie hatte ja bereits bei Charles gesehen, wie herzlich und vertrauensvoll er sich ihr gegenüber verhielt. Ihr Vorurteil, reiche Leute wären eher blasiert und unnahbar, musste sie auf jeden Fall streichen.

Philippe hielt sie länger als nötig in seinen Armen. Julia spürte, wie sich ihre Atmung gegen seine breite Brust hob und senkte. Sein herbes Aftershave stieg ihr in die Nase. Streichelten seine Hände etwa über ihren Rücken? Julia nestelte sich aus seiner Umarmung. Mit einem Anflug von Irritation schaute sie ihn an. Philippe überging ihren fragenden Blick und wandte sich herzlich an Estelle. Dann betrat die Gesellschaft munter plaudernd das Haus, und wenig später servierte Estelle einen aufwändigen Lunch.

Julia genoss die angeregte Atmosphäre und war wieder erstaunt über den herzlichen Umgang miteinander. Unweigerlich dachte sie an ihre eigene Familie.

Sie war ein Einzelkind und nach Auffassung ihrer Mutter viel zu selten „zu Hause“. Sie hatte es damals kaum übers Herz gebracht, ihren Eltern beizubringen, dass sie in die Schweiz ziehen würde. Ihre Eltern waren zwar auch herzliche Menschen. Allerdings nicht so offensichtlich wie die de Bertrands. Vielleicht lag es an der provenzalischen Umgebung, dass alles so unbeschwert schien. Zugegebenermaßen war das Reihenhaus ihrer Eltern in einem Kölner Vorort nicht mit diesem Ort vergleichbar. Dort gab es auch keine Estelle und keine Virginie, die wie gute Geister umherflatterten und alle lächelnd verwöhnten. Außerdem durfte man nicht vergessen, sie alle waren in Urlaubsstimmung.

Salomé hatte sich den Platz neben Julia ergattert und Philippe dabei triumphierend angegrinst. Es fehlt noch, dass sich die Geschwister gegenseitig die Zunge herausstrecken, dachte Julia.

Salomé war eine interessante Gesprächspartnerin. Julia betrachtete die Tochter des Hauses, die sie auf Anfang dreißig schätzte, aufmerksam. Ihre strahlend hellblauen Augen leuchteten, und sie gestikulierte leidenschaftlich, als sie von ihrem Leben in New York erzählte, wo sie zurzeit in einer Dependance des familieneigenen Bankhauses arbeitete.

„Ich habe übrigens während des Sommers Geburtstag, und ich wollte eine kleine Party schmeißen. Hast du Lust, zu kommen?“, fragte Salomé.

„Ja, selbstverständlich. Wann denn? Ich habe nämlich auch bald Geburtstag, am 4. August.“

Salomé kreischte entzückt auf und klatschte begeistert in die Hände. „Das gibt es doch nicht. Das wird dann ja wohl die Party des Jahres! Philippe, hast du das mitbekommen? Julia hat am selben Tag wie ich Geburtstag.“

„Moment mal, die Party des Jahres feiere ja wohl immer noch ich!“, warf Charles mit gespielter Empörung ein.

Salomé und Julia grinsten ihn nachsichtig an. In diesem Moment klopfte es, und Pierre betrat den Raum. „Madame Inès, Gerard ist soeben mit dem Gepäck und Ihrem Personal eingetroffen.“

Inès erhob sich und verließ den Raum. Salomé verdrehte schalkhaft die Augen. „Es ist unglaublich, wie viel Zeug Maman für den Sommer braucht.“

Julia war verwirrt. Hatte Pierre „Personal“ gesagt? „Aber wofür braucht sie denn weiteres Personal?“

Salomé lachte nur und winkte ab. „Das wirst du schon noch sehen. Eigentlich gar nicht schlecht, denn wir werden auch davon profitieren. Dir wird aufgefallen sein, wie gut sie aussieht. Das kommt ja schließlich nicht von ungefähr. Nein, da braucht es Trainer, Berater, Stylisten und, und, und.“

Julia blieb schon wieder der Mund offen stehen.

Salomé sprang auf und ergriff ihre Hand. „Komm, ich zeig dir, was ich meine.“

Als sie den Eingangsbereich passierten, mussten sie eine stattliche Anzahl von Koffern und Kisten umrunden. Inès stand vor einer Gruppe junger Menschen. Neben ihr stand eine streng gekleidete, sehr schlanke Frau, deren Haare zu einem Knoten zusammengefasst waren. Sie erläuterte den anderen die Hausregeln. Unwillkürlich assoziierte Julia mit ihr das Fräulein Rottenmeier aus dem Roman Heidi.

Auf Julias fragenden Blick rollte Salomé nur genervt mit den Augen und flüsterte: „Das ist Mademoiselle Courbier, die persönliche Assistentin meiner Mutter. Ich sage dir, die hat Haare auf den Zähnen.“

Julia entwich ein Kichern, was sogleich mit einem strengen Blick von Fräulein Rottenmeier quittiert wurde. Selbst Inès schien in deren Gegenwart wie verwandelt und schnalzte tadelnd mit der Zunge. Salomé zog Julia aus dem Haus, und sie brüllten vor Lachen wie junge Mädchen, sobald sie außer Hörweite waren.

„Oh mein Gott, die nimmt sich fürchterlich wichtig. Ich verstehe nicht, wie meine Mutter sich mit einer so spaßfreien Person umgeben kann. Da gibt es doch ...“

Salomé stockte in ihrem Satz und blickte mit offenem Mund über Julias Schulter. Julia drehte sich, um zu sehen, was Salomé so abgelenkt hatte. Etwa zwanzig Meter von ihnen entfernt war Mathieu aus einem Oleandergang getreten. Sein T-Shirt war verschwitzt und lehmverschmiert. Selbst sein Gesicht zierte ein breiter Erdstreifen. Den Spaten hatte er wie ein Wandersmann über die Schulter gelegt. Noch hatte er sie nicht entdeckt.

„Oh. Mein. Gott“, entfuhr es Salomé leise, die ihren Blick nicht von Mathieu lösen konnte.

Moment mal, der gehört mir!, dachte Julia empört. So sehr sie Salomé in diesen wenigen Stunden bereits ins Herz geschlossen hatte, durchfuhr Julia ein jäher Schreck. Konnte sie mit der attraktiven, reichen Salomé überhaupt mithalten, sollte es um die Gunst von Mathieu gehen? Julia konnte die Augen ebenfalls nicht von Mathieu wenden. Dieser war ihnen jetzt näher und hob den Kopf. Ein Strahlen ging über sein Gesicht, als er Julia erkannte. Er trat zu ihnen.

„Salut, Julia. Hast du einen schönen Tag?“, fragte er.

Julia verlor sich kurz in seinem Lächeln. Gebannt von dem Grübchen auf seiner Wange, antwortete sie automatisch: „Oui, Mathieu. Sehr. Merci.“

Salomé räusperte sich vernehmlich.

Julia besann sich. „Ah, das ist Salomé de Bertrand. Salomé, das ist Mathieu ...“ Sie hielt inne. Unvermittelt wurde ihr bewusst, dass sie seinen Nachnamen gar nicht kannte. „Ach, ihr kennt euch doch sicher schon lange.“

„Nein, wir kennen uns bisher noch nicht. Mathieu Fontaine, sehr erfreut, Salomé“, sprang Mathieu hilfreich ein und nickte Salomé zu. Da er mit der Rechten den Spaten hielt, fügte er hinzu: „Ich schüttele Ihnen lieber nicht die Hand. Zu erdig.“

Salomé stutzte. „Mathieu Fontaine?“, überlegte sie. „Sind Sie hier aus der Gegend?“

Mathieu nickte und neigte fragend den Kopf. „Ja, ich lebe in Roquebrune. Sind wir uns vielleicht früher doch schon einmal begegnet?“

Salomé winkte ab und grinste ihn keck an. „Nein, nicht persönlich. Also, wenn überhaupt kennen wir uns nur vom Sehen. Aber ich muss zugeben, dass ich Ihren Namen in meiner Jugend öfter gehört habe.“

Mathieus Gesichtsausdruck versteinerte. Mit einem Male schien er es eilig zu haben. Er nickte Julia und Salomé zu.

„Also ... hat mich gefreut.“ Mathieu wandte sich bereits wieder Richtung Plattenweg. Dann hielt er kurz inne und sah Julia an. Sein Blick schweifte zu ihren Lippen. „Bis dann“, sagte er rau.

„Bis dann“, wisperte Julia und blickte ihm nach.

Kaum war Mathieu um die Ecke verschwunden, konnte Salomé nicht mehr an sich halten. „Oh, oh. Da hat es aber zwei ganz schön erwischt.“ Sie klatschte in die Hände. „Unsere Julia und Mathieu Fontaine, ich glaube es einfach nicht.“

Julia holte tief Luft. Das konnte doch nicht so weitergehen, dass alle Welt sofort um ihre Gefühle für diesen Mann wusste. Hilflos zuckte sie die Achseln und grinste Salomé an.

„Du kennst ihn ja doch! Er schien es jedenfalls nicht so toll zu finden, dass du seinen Namen kennst. Gibt es etwas, was ich wissen sollte?“

Lachend hakte sich Salomé bei Julia unter und zog sie wieder ins Haus.

„Ach was! Sein Name war nur einen Sommer lang bei einigen Mädchen meiner Clique sehr angesagt. Wie alt war ich da? … Ich glaube … siebzehn. Meine Freundinnen haben mich ziemlich genervt mit ihrer Schwärmerei für ihn. Ich hätte ihn eigentlich gleich erkennen sollen. Aber er war ein bisschen … erdig.“ Sie lachte laut auf.

Julia konnte an ihren glasigen Augen sehen, wie sie in weit entfernten Erinnerungen kramte. Ihre Neugier war geweckt. Sie fand es hochspannend, zu erfahren, wie Mathieu wohl damals gewesen war.

„Jetzt erzähl schon, Zaza!“

„Hach. Er war ... war so anders. Er war wild und schroff. Ganz anders als die braven Jüngelchen, mit denen wir sonst so loszogen. Wenn er den Strand langging, seufzten alle Frauen auf. Und nicht nur die jungen! Es war so wie in diesem Girl from Ipanema-Song, nur halt mit Mathieu Fontaine.“

„Und er? Hatte er eine Freundin?“

„Eine?“ Salomé lachte laut auf. „Ach, Julia. Ich weiß ja nicht, wie er heute ist. Aber ich habe doch gesagt, dass er wild war. Das machte ja gerade seinen Reiz aus. Ich glaube, neunzig Prozent der Mädchen damals waren total in ihn verknallt.“

Julia kaute nachdenklich ihre Unterlippe.

„Und du? Warst du auch in ihn verknallt?“

Belustigt begegnete Salomé ihrem zaghaften Blick. Dann wurde sie schlagartig ernst. „Nein, ich war damals immun gegen ihn. Ich hatte einen Freund.“

„Und das hat dich abgehalten?“

Salomé zuckte die Achseln. „Tja. Was wieder ein Beweis dafür wäre, wie dumm man mit siebzehn sein kann.“

Sie brach wieder in schallendes Gelächter aus, und Julia war erleichtert, dass ihr Anflug trüber Stimmung so rasch verflogen war. Kichernd betraten sie wieder den Essraum.

Inès erhob sich. „Da seid ihr ja! Ihr zwei Kichererbsen. Ich warte schon auf euch. Alleine macht es einfach keinen Spaß.“

Julia runzelte verwirrt die Stirn. Was meinte Inès?

Salomé hingegen klatschte wieder begeistert in die Hände. „Au ja, ich fange mit der Maniküre an, Julia nimmt das andere.“

Julia begriff, dass es sich also um ein Kosmetikprogramm handelte. Wow. Zuerst Massage, jetzt Kosmetik. Was für ein Leben. Aber was um alles in der Welt meinte Salomé mit „das andere“? Selbst Inès hatte bei Salomés Worten geschmunzelt. Salomé zog Julia am Arm hinter ihrer Mutter her, die den Speiseraum bereits verlassen hatte und dabei in unbestimmter Richtung mit den Fingern schnippte. Sogleich traten aus versteckten Ecken Fräulein Rottenmeier und ihr Gefolge zu ihr.

„Was meinst du mit das andere, Zaza?“, fragte Julia.

„Du wirst schon sehen.“ Salomé lächelte sibyllinisch und folgte der Prozession in Inès’ Gemächer.

ÜBERRASCHENDE ZEILEN


„Autsch!“ Julia biss sich auf die Unterlippe, um einen saftigen Fluch zurückzuhalten. Warum nur hatte sie dieses Waxing an Stellen ihres Körpers zugelassen, mit deren Behaarung sie die letzten zwanzig Jahre eigentlich ganz zufrieden gewesen war?

Salomé grinste. „Wie heißt es so schön: Wer schön sein will, muss leiden.“

Julia schnaubte. Salomé hatte gut reden. Ihr Leidensdruck bestand darin, ihre Hand ruhig zu halten, während dunkelroter Nagellack appliziert wurde.

Die drei Frauen befanden sich bereits seit einer Stunde in Inès’ Räumen, die mit unzähligen Köfferchen, Tiegeln, Tüchern und Spiegeln eher einem Kosmetikinstitut glichen. Inès, an deren Kopf Alufolienpakete für frische Strähnchen baumelten, plauderte entspannt über einen Karibiktrip mit einer Freundin, von dem sie kürzlich zurückgekehrt war.

Julia fragte sich, ob sie selbst es ertragen könnte, keine sinnvolle Aufgabe im Leben zu haben. Wie es wohl wäre, um die Welt zu jetten und zu setten? Ohne Termindruck, ohne Leistungsanspruch. Julia war überzeugt davon, sie würde bereits nach einem Jahr vor Unterforderung die Tapete der Hotelzimmer von den Wänden knibbeln.

Inès hingegen machte nicht gerade einen depressiven Eindruck. Aber sie war ja wesentlich älter als sie selbst und hatte schon erwachsene Kinder, quasi „ihr Soll erfüllt“. Wer weiß, wie es ihr selbst in zwanzig Jahren ergehen würde. Und Julia musste zugeben, die Annehmlichkeiten des Luxus, die sie bislang erleben durfte, hatten auf jeden Fall einen großen Teil dazu beigetragen, dass der Druck der letzten Monate von ihr abgefallen war.

Ihre Zeit mit Marcus, die enttäuschten Morgen vor dem negativen Teststäbchen, der Termindruck in dem Justiziariat des Konzerns, die gehetzten Mittagessen mit Kollegen waren ganz weit weg von ihrem jetzigen Leben auf Mirabel. Sie schienen in einen gnädigen Nebel der Erinnerung eingehüllt, und Julia hoffte, sie würden gefälligst dort bleiben.

„Wie kommt es eigentlich, dass du Zaza genannt wirst?“, wandte sie sich an Salomé.

„Den Namen hat ihr Philippe verpasst“, antwortete Inès an Salomés Stelle. „Er war damals ziemlich eifersüchtig, als seine kleine Schwester ihn vom Thron des Einzelkindes stieß. Salomé war schon recht früh sehr eigensinnig, und Philippe merkte, wie sehr sie sich ärgerte, wenn er absichtlich ihren Namen zu Zaza verstümmelte, indem er sie imitierte. Sie konnte ihren Namen als Kleinkind nicht richtig sagen. Es klang eher wie Zaza.“

Salomé fiel strahlend in Inès’ Erläuterung ein. „Ja, und irgendwann habe ich begriffen, dass es ihn wurmt, wenn ich den Namen Zaza toll fände. Also habe ich aus reinem Trotz begonnen, mich selbst so zu nennen, auch als ich dann meinen Namen bereits sagen konnte, und es seitdem beibehalten. Der Einzige, der mich heutzutage nicht mehr gerne Zaza nennt, ist Philippe.“ Salomé klatschte belustigt in die Hände.

Eine Geste, die Julia schon bei ihr aufgefallen war.

Drei Stunden später verließ Julia rundum erneuert Inès’ Zimmer. Zufrieden betrachtete sie ihre korallenroten Zehennägel, die durch die silbernen Riemchen ihrer Sandalen blitzten, und freute sich über die lindernde Wirkung von Aloe vera an diversen wunden Stellen zwischen ihren Beinen. Es war bereits sieben Uhr abends. Unglaublich, dass schon wieder ein Tag verflogen war. Bis zum Abendessen blieb ihr nur wenig Zeit. Unschlüssig verharrte sie vor ihrer Zimmertür.

Sie hätte eigentlich die Arbeitsergebnisse des Vormittags mit Charles noch ein wenig ordnen müssen. Andererseits spürte sie den unbändigen Drang, Mathieu zu suchen. Aufgeregt lief sie über die Plattenwege, vorsichtig darauf bedacht, ihr Nagelwerk vom Gestrüpp nicht zerstören zu lassen. Die Stelle, an der sie Mathieu am Morgen mit Charles angetroffen hatte, lag verlassen da. Julia suchte noch eine Weile, von Mathieu war allerdings nichts zu sehen. Enttäuscht kehrte sie zum Dahlienzimmer zurück und schaltete lustlos den Computer an.

Wie Julia erwartet hatte, gestaltete sich das Abendessen mit der Familie de Bertrand heiter. Sie registrierte amüsiert, wie Philippe alle Register seines Charmes zog, um sie zu umgarnen. Er war sehr unterhaltsam und mit seinem unglaublich guten Aussehen eine Augenweide. Auch Salomé beteiligte sich rege am Gespräch, und ihre Schlagfertigkeit brachte die Runde öfter zum Lachen. Die jungen de Bertrands hatten von den Eltern sowohl Charme, Intelligenz als auch Schönheit geerbt. Inès hatte eine etwas zurückhaltendere Art, war jedoch sehr belesen und konnte neben dem üblichen Small Talk mit fundiertem Wissen über Kunst und Kunstgeschichte begeistern. Es war schön zu sehen, wie wohl Charles sich im Kreise seiner Familie fühlte.

Julia zog sich dennoch früh zurück. Erschöpft – von was eigentlich? – sank sie in ihr Himmelbett.

Für den nächsten Morgen hatte sich Julia zum ersten Mal einen Wecker gestellt, um nur ja nicht zu spät zu ihrem Schwimmtraining – und Mathieu – zu kommen. Doch diesmal musste sie sich selbst das Handtuch nehmen. Mathieu war nicht erschienen. Fröstelnd stand Julia am Beckenrand und schaute sich enttäuscht nach ihm um.

Den restlichen Tag hielt sie nach ihm Ausschau, konnte ihn aber nirgends entdecken. Vermeintlich ohne Ziel schlenderte sie durch den Garten, passierte mit raschem Herzklopfen mehrfach die Gruppe von Arbeitern, die mit der Einfassung der Wege beschäftigt waren. Aber Mathieu war nicht unter ihnen. Seltsam, wie sehr sie sich in den Tagen vorher bereits an seine Anwesenheit und die lieb gewonnenen Treffen gewöhnt hatte.

Die kommenden Tage blieben ebenfalls Tage ohne Mathieu. Julia musste sich auf die Zunge beißen, um Charles während ihrer gemeinsamen Arbeit an seinen Memoiren nicht nach ihm zu fragen. Ansonsten folgte ihre Zeit langsam einer eingespielten Routine.

Das Manuskript über Charles’ Leben wurde immer umfangreicher. Nach einem leichten Lunch vertieften Salomé und Julia ihre neue Freundschaft. Allerdings ging sie auf Salomés neckende Anspielungen, was einen gewissen sexy Gärtner anging, nicht ein. Sie zog es vor, ihre Gefühle für sich zu behalten. Das stimmte allerdings nur zur Hälfte, denn ihrer Freundin Stella gab sie per SMS ein tägliches Mathieu-Sichtungs-Update.

Wenn die Kosmetiktruppe von Inès nicht gerade neue Einsatzgebiete fand, führte Philippe sie in schicke Cafés nach Cap Martin, ins Monte Carlo Beach Hotel oder zum Shoppen in die Boutiquen von Monaco aus. Das heißt, Julia schaute in der Regel Salomé beim Shoppen zu. Bei der Fülle ihres Kleiderschranks und ihrer ungewissen Zukunft verspürte sie dann doch kein Bedürfnis, sich noch mehr Klamotten anzuschaffen.

Julia nahm staunend die Atmosphäre des unbeschwerten Lebens an der Côte d’Azur in sich auf: die dünnen Models, die teuren Outfits, die hohen Absätze, die imposanten Sportwagen, die Menge der Yachten, die weißen Tischdecken in den designten Lokalen. Aber auch die zauberhafte Landschaft, die charmanten Menschen, die Strände und das imposante Blau des Mittelmeeres.

Sie absolvierte unzählige Begrüßungsküsschen, als sie Freunden von Philippe und Salomé vorgestellt wurde, deren Namen sie sich anfangs noch zu merken versuchte, es irgendwann jedoch aufgab, denn es waren einfach zu viele.

Philippe führte sich bei diesen Ausflügen auf wie ein Prinz. Nach Julias Geschmack kam er ihrem Körper dabei zu häufig viel zu nah. Wie selbstverständlich legte er seine Hand um ihre Schultern und an ihre Hüfte, ergriff ihre Hand, umarmte sie zum Abschied. Auf ihren strengen Blick hin hob er mit einem entwaffnenden Grinsen die Schultern. „Was soll ich tun? Bei schönen Frauen kann ich halt nicht widerstehen.“

Julia und vor allem Salomé rollten nur mit den Augen. Aber Philippes jungenhafter Charme schaffte es, dass Julia ihm nicht ernstlich böse sein konnte. Es gab Schlimmeres, als von attraktiven Männern berührt zu werden. Innerlich seufzte sie jedoch, denn der eine Mann, dessen Berührung sie herbeisehnte, war weit und breit nicht zu sehen.

Nach einer Woche dachte Julia schon fast, sie hätte sich Mathieu und seine blitzenden Augen nur eingebildet. Es war Freitagabend, kurz vor dem Abendessen. Julia trocknete ihr Haar und trat währenddessen auf ihre Terrasse, um einen abendlichen Gruß an das Meer zu senden. Sie genoss dieses kleine Ritual und liebte die Stimmung des frühen Abends und vor allem das Licht, das den Garten und die Bucht in eine orange angehauchte Kitschpostkarte verwandelte. Während sie die Haarspitzen mit dem Handtuch knetete, schaute sie entspannt auf ein großes Kreuzfahrtschiff, das vor der Küste aufgetaucht war.

Da berührten ihre nackten Füße auf einmal einen Gegenstand. Erstaunt erblickte sie auf dem Terrassenboden einen Papierflieger. Sie hob ihn lächelnd auf und wollte ihn gerade wieder segeln lassen, da hielt sie in der Bewegung inne. Auf dem einen Flügel des Fliegers erkannte sie ihren Namen. Julia sah sich herzklopfend nach dem Absender des Fliegers um, konnte jedoch niemanden entdecken. Behutsam entfaltete sie das Blatt Papier. Auf diesem standen nur wenige Zeilen, aber Julia wusste sofort, von wem diese waren.

Julia,

ein andermal kann morgen sein. Ich erwarte dich nachmittags um vier vor dem Tor.

M.

Julia spürte, wie sich ihre Atmung beschleunigte. Unwillkürlich hielt sie ihre Hand an die Brust. Hatte sie jemals etwas so geheimnisvoll Romantisches erlebt? Freude breitete sich in ihr aus und ließ sie innerlich ganz warm werden. Wie einen kostbaren Schatz faltete sie das Schreiben zusammen und kehrte mit einem leisen Lächeln in ihr Zimmer zurück.


Charles senkte seufzend das Blatt Papier, das er zum hundertsten Mal in den letzten Monaten gelesen hatte. Tief in Gedanken verloren, starrte er auf das große Kreuzfahrtschiff, das seit gestern vor der Bucht lag, ohne jedoch wahrzunehmen, was er sah. Er erinnerte sich genau an den Moment, als er den Brief zum ersten Mal gelesen hatte.

Ein Windstoß hatte einen Schwall vertrockneter Oleanderblätter vor die Steinbank geweht, auf der er gesessen hatte. Seufzend erwachte er aus der Starre, die ihn befallen hatte, und er konnte sich endlich überwinden, den Brief zu öffnen, den er seit einer gefühlten Ewigkeit nur angestarrt hatte.

Mit dem Zeigefinger bohrte er am oberen Rand des Umschlags behutsam ein Loch und erweiterte dann vorsichtig die Öffnung. Als der Briefumschlag offen war, dauerte es wieder eine Weile, bis er sich in der Lage sah, fortzufahren. Was würde er zu lesen bekommen? Mit zittrigen Händen entnahm er die Zeilen und entfaltete das Blatt Papier. Die feinen, leicht nach rechts geneigten Buchstaben ließen seine Hand noch stärker zittern. Ihre Schrift war ihm so vertraut, und ihm war, als flüsterten die raschelnden Oleanderblätter in diesem Moment mit ihrer Stimme und mit der ihr eigenen Zärtlichkeit seinen Namen. Er riss sich zusammen und heftete seinen Blick auf das Schreiben.

Es war still um ihn herum. Wie immer hier um die Mittagszeit. Vor allem aber an diesem durch die wuchernden Oleanderbüsche fast verborgenen Ort. Hier hatten sie sich heimlich getroffen, und jeder Zweig schrie ihren Namen. Seitdem sie fortgegangen war, war er nicht mehr hier gewesen.

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9783754178003
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