Kitabı oku: «Mädchenname», sayfa 4

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MEMOIREN


Julia trat gerade aus der Dusche, als es an ihrer Zimmertür klopfte. Ein Adrenalinstoß durchfuhr sie. In einem wahnwitzigen Gedanken wünschte sie, es wäre dieser geheimnisvolle Gärtner. Aber dann besann sie sich. So weit würde er sicherlich nicht gehen.

Sie warf sich einen Bademantel über und öffnete die Tür. Vor ihr stand ein massiger Typ mit kahl geschorenem Kopf. Er trug ein weißes T-Shirt und eine weiße Hose. An seinem rechten Oberarm lugte ein bläuliches Tattoo aus dem Ärmel. Sein auf den ersten Blick gefährliches Aussehen wurde allerdings durch sein freundliches Lächeln und sein sanftes Auftreten sofort gemildert.

„Bonjour, Madame. Ich bin Anatol. Möchten Sie eine Massage?“ Er sprach mit leicht russischem Akzent.

Julia blieb schon wieder der Mund offen stehen. Eine Massage? Für sie? Wow. Das wurde ja immer luxuriöser. Sie nickte, trat zur Seite und ließ Anatol ein, der ein Wägelchen hinter sich herzog. Von diesem hievte er eine zusammengeklappte Liege und baute diese in Julias Wohnzimmer auf. Er drapierte ein Kosmetiktuch auf der bagelförmigen Auflage für das Gesicht.

„Legen Sie sich bitte mit dem Gesicht nach unten auf die Liege.“

Julia war leicht verlegen, weil sie unter dem Bademantel nichts anhatte, und zögerte kurz. Anatol betrachtete sie lächelnd und reichte ihr dann einen hauchzarten Papierslip. Dankbar streifte sie diesen über und legte sich hin. Wenig später genoss sie wohlig seufzend die kundigen Griffe von Anatol, die ihre fliegenden Gedanken in einen ruhigen Strom kanalisierten. Wie herrlich so ein reiches Leben doch sein konnte.

Einen großen Café au Lait und ein Croissant später traf sich Julia mit Charles de Bertrand im Arbeitszimmer, einem luftigen Raum im ersten Stock, dessen Terrassentüren offen standen, sodass sich die cremefarbenen Vorhangschals leicht bauschten. Von draußen hörte man entfernt Stimmen.

Wie auch in der Villa in Zürich war der Raum dominiert von einem großen Schreibtisch, auf dem mindestens vier Monitore vor sich hin flimmerten. Ein großes Bücherregal befand sich rechts von ihm. Bei Julias Eintreten stand Charles, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, am Fenster und beobachtete irgendein Geschehen draußen.

Julia trat neben ihn und konnte weiter unten am Hang einen kleinen Laster sehen, von dem mehrere Arbeiter grob behauene Steine entluden. Als sie in einem von ihnen Mathieu erkannte, hämmerte unerklärlicherweise ihr Herz.

Charles wandte sich ihr zu und deutete auf die Sitzecke. „Lassen Sie uns dort Platz nehmen, das ist gemütlicher.“

Julia registrierte, dass Charles heute wohl keinen Rollstuhl benötigte und nur noch leicht hinkte. Stattdessen stützte er sich auf einen Gehstock aus blank poliertem, dunklen Holz.

Charles hatte Julias Blick bemerkt. „Anatol ist ein begnadeter Physiotherapeut. Allein deswegen hat sich die Reise gelohnt. Sie sehen ja die Fortschritte nach nur zwei Behandlungen.“

Julia nickte. Ja, dass Anatol heilende Hände hatte, konnte sie nur bestätigen.

Auf halbem Weg zur Sitzecke, neben der Tür, waren auf einem Sideboard mehrere Bilderrahmen mit Familienaufnahmen angeordnet.

„Schauen Sie ruhig, Julia“, gab Charles sein Einverständnis.

Julia betrachtete die Fotos aufmerksam. Sie konnte auf einem Bild den jüngeren Charles neben einer Frau entdecken. Vor ihnen standen zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen. Dem Mädchen, das zwei dicke Zöpfe trug und mit einem bezaubernden Zahnlückenlächeln in die Kamera strahlte, hatte Charles die Hände auf die Schultern gelegt. Der Junge, der recht selbstbewusst in die Kamera starrte, musste Philippe sein.

Charles war neben Julia getreten und blickte versonnen auf das Foto. „Ja, das ist lange her. Philippe haben Sie ja in Zürich kennengelernt. Er wird übrigens bald hier eintreffen. Das neben mir ist meine Frau, Inès de Bertrand. Mirabel wurde von ihrem Großvater erworben und ist seither in Familienbesitz. Und das ist Salomé, genannt Zaza, unsere Tochter. Beide werden ebenfalls bald hier sein. Aber bei Zaza weiß man nie, wann genau. Sie ist sehr engagiert in der Bank und hat immer neue Ideen, die sie dann auch direkt umsetzen will. Zurzeit strukturiert sie unsere Filiale in New York um.“

Charles rieb sich über das Kinn, und Julia konnte die Zuneigung für seine Tochter in seinen Augen sehen. Sie setzte sich und klappte ihr Laptop auf. Im selben Moment ertönte ein leises Klopfen an der Tür, und Virginie erschien mit einem kleinen Wägelchen, auf dem eine Auswahl an kalten und warmen Getränken sowie Obst angerichtet war. Sie parkte es neben der Sitzecke und zog sich still wieder zurück.

Charles bediente sich, und Julia hatte den Eindruck, als wollte er den Arbeitsbeginn hinauszögern. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen. Dann ließ sich Charles ächzend neben ihr nieder. Er hatte wohl Schmerzen. Nach einer Minute räusperte er sich.

„Julia, weshalb ich diesen Sommer vornehmlich eine Assistentin brauche, habe ich ja nur am Rande erwähnt. Mit ‚einigen Ereignissen’ aus meinem Leben meinte ich eigentlich etwas viel Umfassenderes.“

Julia wappnete sich innerlich. Was hatte er ihr verschwiegen? Sie hob die Brauen.

„Ich habe vor, und nicht nur in beruflicher Hinsicht, meine Memoiren zu schreiben. Ich gestehe, es ist mir etwas peinlich.“

Etwas beruhigt, lockerte sich Julia. Memoiren? Was sollte daran so unangenehm sein? Sie lächelte Charles verschmitzt an. „Weshalb peinlich? Haben Sie eine düstere erotische Vergangenheit?“

Charles hielt kurz inne und kicherte dann unvermittelt auf. „Ich? Nein, Gott bewahre.“

Julia entspannte sich noch mehr.

„Es ist mir einfach peinlich, weil nur alte, nervige Egomanen ihr eigenes Leben für so wichtig halten, es aufschreiben zu wollen. Erst letzten Sommer habe ich über meinen Freund Alexandre gelästert, als er seine Memoiren im Eigenverlag präsentiert hat. Als ob sein Leben irgendjemanden außer ihn selbst interessiert hätte.“ Kopfschüttelnd starrte er auf das Stück Melone auf seinem Teller.

„Aber Sie müssen sie ja nicht unbedingt veröffentlichen. Sein Leben aufzuschreiben, dient ja in erster Linie dazu, für sich selbst alles zu ordnen“, warf Julia ein.

Charles blickte sie verblüfft an. Ein erleichtertes Lächeln erhellte sein Gesicht. „Julia, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass ich Sie gefunden habe.“

„Charles, die Freude ist ganz auf meiner Seite. Sie haben mich in dieses Paradies eingeladen und verwöhnen mich nach Strich und Faden. Heute bin ich sogar massiert worden. Damit hatte ich als Ihre Angestellte gar nicht gerechnet.“

Charles legte seine Hand auf ihren Unterarm. „Nun vergessen Sie mal die Angestellte. Sie sind meine persönliche Assistentin und damit eine Freundin der Familie. Wenn es Ihnen gut geht, geht es mir ebenso gut. Und jetzt legen wir los, ja?“

Sie arbeiteten beschwingt bis zum Mittag. Julia hatte vorgeschlagen, dass Charles einfach anfangen sollte und sie dann hinterher alles in eine chronologische Ordnung bringen würde. Sobald Charles begonnen hatte, befand er sich in seiner eigenen Welt der Erinnerungen. Seine Augen leuchteten, als er Stationen seiner Kindheit Revue passieren ließ.

Julia erfuhr zu ihrer Verwunderung, dass er nicht immer so reich gewesen war. Sein Nachname war vielmehr der Mädchenname seiner Frau, den er angenommen hatte, als er in die Bankendynastie de Bertrand einheiratete. Und aus Karl wurde durch den französischen Einfluss Charles. Erstaunt lauschte sie den Erlebnissen des kleinen Karls, der ursprünglich im Ruhrgebiet Deutschlands als behütetes einziges Kind eines Lehrerpaars aufgewachsen war. Das schien ja spannend zu werden! Die Arbeit machte ihr wirklich Spaß. Viel besser, als trockenes Kleingedrucktes zu verfassen. Die Zeit verging wie im Flug.

Charles erzählte gerade: „Und als Jüngster meiner Zeit habe ich ein Stipendium für ein Auslandsjahr an der juristischen Fakultät in Lausanne erhalten. Dies war der Wendepunkt meines Lebens. In der Schweiz habe ich dann die Welt der Reichen und Ehrgeizigen kennengelernt.“ Vielsagend schaute er sie an. Da hallte ein Gong durchs Haus. Überrascht hielt Charles inne und checkte seine Uhr. „Oh, schon so spät. Lunchtime. Ich hatte Sie ja gewarnt, dass ich redseliger Narr Sie langweilen werde.“ Kopfschüttelnd versuchte Charles, sich zu erheben, und Julia bemerkte, welche Mühe er dabei hatte. Daher half sie ihm aus dem Sessel.

„Im Gegenteil, Charles, ich habe mich prächtig unterhalten. Vielleicht sollten Sie doch über eine Veröffentlichung nachdenken. Das wird sicherlich ein Bestseller“, grinste Julia ihn an.

Charles hob abwehrend die Hände. „Kommen Sie, Julia, wir stärken uns, und dann genießen Sie bitte den Nachmittag und erholen sich von meinem Gefasel.“ Charles hielt ihr die Tür auf, und einträchtig verließen sie das Arbeitszimmer.

Nach dem köstlichen Essen – Estelle war wirklich eine begnadete Köchin – zog Charles sich zurück.

Julia wollte auf dem Laptop die Arbeitsergebnisse des Morgens überarbeiten. Hierfür machte sie es sich auf einer der Liegen auf ihrem Balkon gemütlich. Die Mittagssonne war um diese Jahreszeit noch nicht so drückend, und Julia hoffte auf ein wenig Sonnenbräune. Ab und zu schielte sie in den Garten hinunter, um vielleicht einen Blick auf einen bestimmten Arbeiter zu erspähen. Aber die Vegetation war so dicht, dass sie außer dem Steinplattenweg keinen Teil des Grundstücks erkennen konnte. Gegen vier Uhr nachmittags hatte sie Hummeln im Hintern und fühlte sich auch ein wenig allein. Außerdem knurrte ihr Magen. Er erinnerte sie daran, dass sie in Zürich um vier Uhr immer eine Kleinigkeit gegessen hatte. Sie verließ ihr Zimmer und machte sich auf die Suche nach Virginie.

Julia traf sie und Estelle in der großen Küche im Erdgeschoss. Staunend schaute sich Julia in dem großen Raum um. So in etwa hätte sie sich die Küche einer großen Burganlage vorgestellt. Dieser Eindruck wurde durch einen großen begehbaren Kamin, über dem getrocknete Kräuter hingen, noch verstärkt.

Estelle stand an einem riesigen kupferfarbenen Gasherd, der nur auf den ersten Blick altertümlich wirkte, bei näherem Hinsehen allerdings sämtliche Features aufwies, von denen die moderne Hausfrau träumte. Virginie saß an einem großen antiken Holztisch, der in der Mitte des Raumes stand, und schnitt Gemüse. Diese Szenerie, wie beide Frauen einträchtig das Dîner vorbereiteten und dabei unbefangen miteinander plauderten, hatte etwas so Friedliches und Ursprüngliches, dass Julia unwillkürlich ehrfürchtig innehielt, um das Bild zu bewahren.

Dann kam Estelle freudestrahlend auf sie zu. „Julia, ist alles in Ordnung? Kann ich etwas für Sie tun, ma chère?“

Julia wurde verlegen. „Nein, Estelle, es ist alles gut. Kann ich Ihnen vielleicht etwas helfen?“

Mit einem Anflug von Irritation musterte Estelle sie und sah dann kurz zu Virginie.

Julia schluckte. Sie wollte nichts komplizieren. Sie hob beschwichtigend die Hände. „Natürlich nur, wenn es Ihnen recht ist. Der Nachmittag war mir nur so lang, und ...“

Da erschien ein mütterliches Strahlen auf Estelles Gesicht. „Oh, ich verstehe. Sie sind einsam“, sagte sie und zog Julia am Ellbogen zum Holztisch, wo sie sie auf eine Bank platzierte. Einsam?

„Nein, das nicht. Nur etwas ... unterbeschäftigt. Und ich vermisse die Arbeit in der Küche. Ich würde mich wirklich freuen, wenn ich Ihnen zur Hand gehen dürfte.“

Die beiden Frauen tauschten erneut einen Blick. Grinsend schob ihr Virginie ein Brettchen und ein Messer hin und wies auf eine Schüssel mit Tomaten, die darauf warteten, entkernt und gewürfelt zu werden.

Freudig machte sich Julia an die Arbeit. Sie liebte es, zu kochen, und genoss nun die vertrauten Bewegungen des Gemüseschnippelns. Kochen war ihre große Leidenschaft.

In den letzten Monaten, bevor sie sich endlich das Ende ihrer Beziehung mit Marcus eingestanden hatte, war die Küche ihre Zuflucht gewesen. Es hatte damit begonnen, dass sie beim Zwiebelschneiden plötzlich nicht mehr hatte aufhören können zu weinen. Marcus steckte mit einem Stirnrunzeln seinen Kopf in die Küche, wobei er ungeduldig mit der Zeitung, die er gerade gelesen hatte, gegen sein Bein schlug. Nachdem er gesehen hatte, dass Julia nur Zwiebeln schälte, verließ er mit tadelnd schnalzender Zunge – wie konnte sie ihn nur stören – die Küche.

Von diesem Moment an kochte Julia in ihrer Freizeit wie eine Besessene. Sämtliche Betty-Bossi-Wunderrezepte kredenzte sie Marcus. Sogar nachts sann sie über Bratenfond kochen und Buttercreme für die phänomenale Schichtentorte schlagen nach. Hauptsache, sie musste nicht über sich selbst nachdenken. Und wie elend und nutzlos sie sich fühlte. Wie Marcus ihr das Gefühl gab, unzulänglich zu sein. Vertrocknete Pflaumen, ha!

Irgendwann hatte sie den Punkt der Ruhe erreicht. Die Entscheidung hatte ihr plötzlich, mitten in der Zubereitung eines wirklich exzellenten Züricher Geschnetzelten, glasklar vor Augen gestanden. Am nächsten Tag hatte sie ihre Koffer gepackt und ihren Job gekündigt. Marcus verstand wahrscheinlich die Welt nicht mehr. Erst hatte ihn Julia wochenlang mit kulinarischen Schmankerln verwöhnt, um ihn dann Knall auf Fall zu verlassen.

Wie sich jetzt bestätigte, war das die einzig richtige Entscheidung gewesen, denn Julia fühlte sich so lebendig und zuversichtlich, wie schon lange nicht mehr.

Nachdem sie etwa eine Viertelstunde einträchtig, aber stumm miteinander gearbeitet hatten, entspannten sich Virginie und Estelle und nahmen ihre Plauderei wieder auf. Dann spitzte Julia die Ohren. Der Name Mathieu war gefallen. Und schon wieder fing Julias Herz seltsamerweise an, schneller zu schlagen. Virginie hackte gerade einen Berg Mandeln und kicherte vor sich hin.

Estelle verdrehte die Augen. Auf Julias fragenden Blick hin erklärte sie mit rollenden Augen: „Ach, die junge Liebe. Virginie hat sich in einen Jungen aus dem Dorf verguckt. Der junge Antoine arbeitet für Mathieu.“ Sie hielt inne. „Haben Sie Mathieu schon kennengelernt?“

„Ja, ist das nicht der Gärtner? Dem bin ich schon begegnet“, antwortete Julia so neutral wie möglich. Weshalb war sie nur so aufgeregt? Hoffentlich merkte ihr Estelle nichts an.

„Der Gärtner?“ Belustigt schaute Estelle Virginie an, die wieder kicherte.

Julia war verwirrt.

„Mathieu ist nicht unser Gärtner. Er ist Landschaftsarchitekt und gestaltet die Gartenanlage des Anwesens neu. Das war ein Wunsch von Monsieur Charles, denn der Garten wurde in den letzten Jahrzehnten stark vernachlässigt. Und für das große Geburtstagsfest im August soll der Garten in neuem Glanz erstrahlen. Dafür ist Mathieu genau der Richtige! Er ist zwar von hier, hat aber in Paris studiert und war sogar im Ausland für ein Praktikum.“ Estelle füllte ein Huhn mit Zitronenscheiben und Kräutern. „Auf jeden Fall ist Virginie aufgeregt, weil ihr Antoine heute hier arbeitet. Ihnen ist doch sicher der Lärm heute Vormittag aufgefallen? Es wurden Steine für neue Gehwege angeliefert.“

Als sie den Blick hob, bemerkte sie, wie Estelle sie nachdenklich musterte. Julia räusperte sich und wischte sich die Hände an einem Küchenpapier sauber.

„Danke, dass ich hier so freundlich aufgenommen wurde. Ich freue mich schon sehr auf das Abendessen. Das wird sicherlich wieder köstlich. Bis später.“ In weniger als einer Minute hatte Julia die Küche verlassen und hörte nur noch Virginies Kichern.

Ein Landschaftsarchitekt also.

Julia wusste selbst nicht, weshalb sie diese Auskunft so beschäftigte. War sie etwa enttäuscht? Eine Affäre mit dem Gärtner hätte schließlich etwas Verruchtes. Vielleicht sogar Vulgäres? Jetzt komm aber mal auf den Teppich!, ermahnte sie sich. Schließlich war sie nur Julia und nicht eine Dame aus Monaco, die das Personal vernaschen wollte. Auf jeden Fall war ein Landschaftsarchitekt weniger geheimnisvoll als ein Gärtner. War der Gärtner nicht auch immer der Mörder?

Sie schmunzelte. Seufzend gestand sie sich ein, dass sie mit ihren Gedanken wohl zu keinem Ergebnis kam. Sie hatte einfach weiche Knie, wenn sie an diesen Mathieu dachte, Gärtner hin oder her.

GÄNSEHAUT


Er war wieder da. Julia spürte ihn, bevor sie ihn sah.

Der Himmel war heute bedeckt, und Julia war wieder um sechs Uhr aufgewacht. Ein Adrenalinstoß war durch ihre Adern gefahren, als sie sich voll Vorfreude den Badeanzug übergezogen hatte. Sie hatte gewusst, er würde kommen.

Als sie seine Anwesenheit jetzt spürte, während sie ihre letzten Bahnen absolvierte, lächelte sie in sich hinein, zufrieden mit ihrem Instinkt. Aber nun war es gar nicht so einfach, ihr Training zu beenden. Am liebsten hätte sie ihn gleich angesehen, wäre gleich zu ihm hingeschwommen, denn schließlich hatte sie genau darauf gewartet. Aber auch wenn sie ihn nicht ansah, spürte sie es wie ein Brennen auf ihrer nassen Haut, wie er jede ihrer Bewegungen im Auge behielt.

Als sie aus dem Becken stieg, hielt er ihr genau wie die ganzen Tage zuvor stumm das Handtuch hin. Sie blinzelte ihn an. Wegen der fehlenden Sonne war sie von einer Gänsehaut überzogen. Dennoch fror Julia nicht, oder sie fühlte es nicht. Sein Blick löste sich nicht von ihrem, als sie das Handtuch entgegennahm und sich damit abtupfte.

Seit Mathieu sie das erste Mal bei ihrem Training beobachtet hatte, spielte sich jeden Morgen dieselbe wortlose Szene ab. Selbst wenn sie sich danach im Laufe eines Tages zufällig auf dem Grundstück über den Weg liefen, nickten sie sich nur zu. Julias Herz schlug jedes Mal so kräftig in ihrem Hals, dass sie zu mehr auch gar nicht imstande war.

Doch heute war es anders: Gerade als Julia in ihre Flipflops schlüpfte und sich von ihm abwenden wollte, ergriff Mathieu mit einem Mal ihr Handgelenk und stoppte ihre Bewegung. Julia erstarrte. Seine warme Hand auf ihrer kalten Haut beschleunigte ihren ohnehin schon schnellen Herzschlag. Vage verfluchte sie, dass er ihren verräterisch flatternden Puls durch seinen Griff unmittelbar wahrnehmen musste.

Er drehte sie zu sich. Sie standen dicht voreinander. Einzelne Wassertropfen lösten sich ausgerechnet in ihrem Schritt und rieselten ihr Bein hinab. So nah vor seinem Gesicht nahm sie ein Muttermal rechts von seinen Lippen wahr. Sie sah ihm in seine braungrünen Augen. Durfte ein Mann so verboten lange Wimpern haben?

Glutäugig. Das Wort schoss ihr unvermittelt in den Sinn. Was hatte er nur vor? Würde er sie etwa küssen? Unbewusst hob sie ihm ihr Gesicht entgegen. Er war groß, mindestens einen Kopf größer als sie, und sie war nicht klein. Mathieu blickte sie mit dunklen Augen an und holte tief Luft. Jetzt, dachte Julia erwartungsfroh.

Mathieu neigte sich vor.

Julia leckte sich unbewusst über die Lippen.

Doch er küsste bedächtig erst ihre eine Wange, dann die andere. Julia registrierte, dass er jeweils länger an ihrer Wange verweilte, als eine Begrüßung es erfordert hätte.

„Bonjour, Julia“, flüsterte er und schaute sie ernst an.

Julia spürte der Wärme seiner Haut und dem leichten Kratzen seines Bartschattens auf ihren Wangen nach. Unwillkürlich hatte sie die Nasenflügel gebläht, um mehr von diesem Duft, den er mit sich trug, zu inhalieren. Er roch vertraut, wieder nach sonnengewärmter Erde und Tabak. Einem Impuls folgend, hob sie ihre Hand und legte sie auf seine rechte Wange. Es gefiel ihr, wie ihr Name aus seinem Mund geklungen hatte. „Dschülia“, die letzte Silbe fragend angehoben. Das klang um Ellen erotischer als das strenge deutsche „Julia“.

„Oh“, krächzte sie. Das durfte doch nicht wahr sein. Hatte sie tatsächlich „Oh“ gesagt? Das erste Wort, das sie seit Wochen an ihn richtete? Sie räusperte sich und straffte ihre Schultern. „Bonjour, Mathieu.“ Offen blickte sie ihn an und war erleichtert, ein wenig von ihrer Souveränität zurückerlangt zu haben.

Seine Worte hatten diesen lächerlichen stummen Bann gebrochen, der seit knapp drei Wochen über ihren Begegnungen lag, diese Magie, die zwischen ihnen geherrscht hatte. Das leichte Bedauern, das Julia darüber empfand, wischte sie energisch fort. Schließlich war das hier kein Kitschroman, sondern sie war eine moderne, hübsche Frau und er ein höllisch attraktiver Mann.

Er schien ebenfalls darüber froh zu sein, denn ein erleichtertes kurzes Schnauben entfuhr ihm, bevor er sie freundlich anlächelte. Julia überlegte fieberhaft, wie sie eine unbefangene Unterhaltung mit ihm beginnen könnte.

„Du bist Landschaftsarchitekt?“, war die erste, denklogische Frage, die ihr in den Sinn kam.

Erstaunt blickte er sie an. „Ja, ich habe den Auftrag, das Anwesen umzugestalten.“ Er deutete mit einer umfassenden Geste auf die Pflanzen um sie herum.

„Und was hast du geplant?“, fragte sie aufrichtig interessiert.

Er fuhr sich mit der Hand durch die braunen Locken und überlegte einen Augenblick.

„Das kann ich so nicht erklären. Ich würde es dir gerne zeigen. Aber du solltest dir vorher trockene Sachen anziehen. Sonst holst du dir den Tod.“

Das klang so unerwartet vernünftig. Julia musste grinsen. „Wartest du hier?“, erkundigte sie sich.

„Das geht leider nicht, es kommt gleich eine Gruppe von Arbeitern, die ich einweisen muss. Du kannst mich ja suchen.“ Er blickte sie herausfordernd an.

„Okay, bis gleich“, sagte sie nur und wandte sich Richtung Plattenweg.

„Bis gleich, Julia“, hörte sie ihn flüstern. Sie entfernte sich rasch und musste an sich halten, nicht zu laufen. Eine unglaubliche Euphorie durchflutete sie.

Sie hatte ein Date! Mit Mathieu! Zugegeben, es war kein richtiges Date, aber es fühlte sich einfach so an.


Mathieu sah Julia nach. Wie schön sie war. Er liebte es, wenn Frauen natürlich aussahen. Seit die Neureichen Roquebrune für sich entdeckt hatten, war es ungewöhnlich, hier einer Frau zu begegnen, die nicht durchgestylt und schmuckbehangen oder zumindest stark geschminkt war.

Er drehte sich um und betrachtete eine Weile nachdenklich die vom Wind sanft gewellte Oberfläche des Wassers. Ein leichtes Lampenfieber wallte in ihm auf. Wollte sie tatsächlich wissen, welche Pläne er für den Garten hatte? Oder war das nur eine Tour, ihn ins Bett zu bekommen? Das alte Gefühl der Bitterkeit stieg in ihm hoch. Er schluckte es schnell hinunter, denn er begriff schlagartig, dass ihm das herzlich egal war. Er wollte sie auch, egal aus welchen Motiven.

Seit vier Uhr heute früh hatte er sich im Schlaf gewälzt und an sie gedacht. An ihre wiegenden Hüften, ihre Gänsehaut unter den Trägern ihres Badeanzuges, ihre katzenhaften grauen Augen. Sein Körper brannte von diesen Bildern und schrie nach Erleichterung.

Mathieu wusste, er durfte keinem erzählen, dass er seit knapp drei Wochen jeden Morgen um kurz vor sieben Uhr im Gärtnerschuppen herumkramte, um sie nur ja nicht zu verpassen. Dabei war er sich nach der ersten Begegnung nicht einmal sicher gewesen, ob sie am nächsten Tag wieder schwimmen würde. Jedes Mal, wenn er ihr gleichmäßiges Plätschern vernahm, verdichteten sich alle seine Sinne auf dieses Geräusch und die damit verbundene Vorstellung von ihrem Körper im Wasser.

Fast eine Ewigkeit verharrte er beim Poolhaus und genoss das lebendige Gefühl, das über ihn kam. Über sich selbst belustigt, gestand er sich ein: Er war verknallt. Verknallt, craquer, fou. Dieses Wort hatte er seit der Schule nicht mehr gebraucht. Aber einen anderen Begriff dafür, dass sie ihm ständig im Kopf herumspukte und er ihre Nähe suchte, gab es nicht. Oder doch?

Wieder wallte die Panik in ihm auf. Er verdrängte den Gedanken an Céline. War er dabei, den gleichen Fehler noch einmal zu begehen? Nein! Sicherlich war es nur körperliches Verlangen. Was auch sonst? Die Frauen, die er in seinem Leben begehrt hatte, hatte er in der Regel auch bekommen. Es war leicht. Irgendwann hatte er festgestellt, dass es ausreichte, mit einer Zeitung im Café zu sitzen und eben nicht zu lächeln. Seltsamerweise schien gerade das die Frauen anzuziehen.

Sein Freund Fredo, der bei Frauen sämtliche Register seines Charmes spielen ließ, war schier verzweifelt. „Wie machst du das nur?“, hatte er ihn immer wieder gefragt, wenn ein hartnäckiges weibliches Wesen sich mit eindeutigen Signalen in der Nähe seines Tisches positioniert hatte.

Mathieu konnte nur mit den Achseln zucken. Er wusste, er war keine Schönheit. Sein Gesicht war eher rau und markant. Seine Mimik nachdenklich bis abweisend. Aber gerade das schien die Frauen anzuziehen wie ein Honigtopf die Bären. Das und sein Desinteresse.

„Weniger ist mehr“, hatte Mathieu damals versucht, Fredo als Tipp an die Hand zu geben.

Fredo war es allerdings nicht gelungen, diese Philosophie umzusetzen. Sobald er eine Frau attraktiv fand, rutschte er unruhig umher wie ein Pennäler. Er konnte es einfach nicht lassen, zu lächeln, zu schauen, zu flirten. Seine gesamte Körpersprache war so offensichtlich, dass er auch gleich ein T-Shirt mit der leuchtenden Aufschrift „Ich will Sex“ hätte tragen können.

Mathieu jedenfalls musste mehrfach schallend lachen, wenn die Frauen vor Fredo die Flucht ergriffen und dieser verzweifelt überlegt hatte, worin sein Fehler diesmal gelegen hatte. Weshalb die Frauen gerade auf Typen abfuhren, die sie nicht wollten, würde Mathieu nie verstehen. Und das betraf nicht nur die Frauen an der Côte d’Azur. Dieselbe Erkenntnis hatte er auch während seiner Studienjahre in Paris und während seiner praktischen Zeit in England vertiefen können.

Auf jeden Fall hatte Mathieu sich zeit seines Erwachsenenlebens nicht über weibliche Zuwendung beklagen müssen. Aber so sehr die wenigen Frauen, denen er nachgegeben hatte, sich auch bemühten, sie hatten sein Herz nicht erreicht. Bei zweien hatte er kurz gedacht, er wäre verliebt.

Die durchgeknallte Lisa in Paris hatte ihn anfangs sogar stark fasziniert. Sie war ein verrücktes Huhn gewesen. Eine Kunststudentin, die durch das nächtliche Paris gestreift war, um ihre Street Art an Brücken und Häuserwände zu verewigen. Dass ausgerechnet Lisa nach wenigen Wochen Beziehung anfing, zu klammern und zu einem extrem häuslichen Typen mutiert war, der am liebsten DVD-Abende zu zweit veranstaltete, hatte er nicht erwartet. Abstand zu Lisa zu schaffen, war auch eines der Motive gewesen, weshalb er sich für ein Auslandspraktikum bewarb.

Charlotte war seine Chefin beim Gartenbaupraktikum im südenglischen Cheltenham gewesen. Sie war eine typische Engländerin, und zum ersten Mal war es ihm ergangen wie den Frauen anscheinend bei ihm. Sein Ehrgeiz, diese spröde Frau zu knacken und ihr ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern, war geweckt gewesen. Nächtelang hatte er Strategien ersonnen, wie er sie von sich überzeugen könnte. Merkwürdigerweise war seine Leidenschaft schlagartig abgekühlt, sobald er sie endlich erobert hatte. Das „Projekt Charlotte“ war, so sehr er sich auch dafür schämte, sie zu verletzen, rasch abgehakt. Erleichtert hatte er den Ablauf seiner Zeit in England vorgeschoben und Charlotte zurückgelassen.

Seither waren immerhin zwölf Jahre vergangen, und er trat in der Liebe immer noch auf der Stelle. Fredo war seit einer Ewigkeit mit der drallen, rothaarigen Joline verheiratet und Vater von ebenso drallen, rothaarigen Zwillingen. Manchmal hatte Mathieu den Eindruck, Fredo bemitleidete ihn. Dabei fehlte Mathieu nichts. Im Gegenteil. Er hatte sich die letzten Jahre auf den Aufbau seiner Selbstständigkeit konzentriert. Oft hatte er alleine in den Abendstunden noch in den Gärten gearbeitet, während seine Kollegen zu ihren Familien heimgekehrt waren. Selbstständigkeit erforderte eben einen enormen zeitlichen Einsatz, und er war erleichtert, sich nicht gegenüber einer Frau rechtfertigen zu müssen, dass er diesen erbrachte.

Zu Hause, in dem kleinen, von seiner Mutter Suzanne geerbten Haus, genoss er die stillen Abende bei einer Flasche Wein oder einem Buch auf der Terrasse mit dem schönen Blick auf das Meer. Ab und zu wärmte er einer attraktiven Frau das Bett. Was wollte er mehr?

Und jetzt war da Julia. Er konnte sich nicht erklären, weshalb er von ihr so angezogen war. Wie magisch. Sie war weder spröde wie Charlotte noch so wild wie Lisa. Er konnte es kaum erwarten, mehr über sie zu erfahren. Ob sie studiert hatte, ob sie gerne las, ob sie ein ausgefallenes Hobby hatte? Sie sprach fließend Französisch und hatte einen entzückenden, kaum wahrnehmbaren deutsch-schweizerischen Akzent. Ihr Lächeln war sanft. Sie hatte kluge, wache Augen, in denen ein Anflug von Traurigkeit hing.

Gerade diese Traurigkeit führte dazu, dass er den beinahe übermächtigen Drang verspürte, sie glücklich zu machen. Als er eben ihre vom Wasser kalten Wangen berührt hatte, hatte er ihr Frösteln gespürt. Mathieu hätte sie am liebsten in seine wärmenden Arme gerissen, um die Gänsehaut von ihrem Dekolleté zu vertreiben.

Gleich würde er sie wiedersehen. Ein breites Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Gut gelaunt entnahm er dem Schuppen sein Werkzeug und machte sich an sein Tagwerk.

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