Kitabı oku: «Mädchenname», sayfa 6
Als er den Brief zu Ende gelesen hatte, ließ er das eng beschriebene Papier in seinen Schoß sinken und starrte wieder eine Weile auf das Schattenspiel der Blätter auf den Steinplatten vor ihm.
Sie war also tot.
Er horchte in sich hinein. Die lang unterdrückten Gedanken an sie sammelten sich zu einem dumpfen Schmerz in seiner Brust. Mit jedem Bild seiner fernen Erinnerung nahm er still Abschied von dieser Frau. Als die Trauer abebbte – er wusste nicht, wie viel Zeit verstrichen war –, sah er klarer als je zuvor: Sie hatte recht mit ihren Zeilen. Seine Entscheidung war die einzig richtige gewesen. Er bereute es nicht. Im Gegenteil. Er wurde sich erst in diesem Moment mit aller Klarheit bewusst, dass nichts anders sein sollte in seinem Leben. Dann riss er sich aus seinen Tagträumen. Er musste sich konzentrieren.
„Ein Sohn?“, flüsterte er, als erwartete er von den Pflanzen rings um sich eine Antwort. Es blieb weiter still. Beim Anblick der wild wuchernden Oleanderbüsche reifte langsam in ihm ein Plan. Zufriedenheit machte sich auf seinem Gesicht breit.
Mit einer ruckartigen Bewegung hob er die Hand und rieb sich die Benommenheit aus den Augen. Wie es seine Art war, faltete er den Brief sorgfältig wieder zusammen, falzte ihn sogar mit einem Fingernagel. Dann war er aufgestanden und hatte die schattige Laube über den Steinplattenweg verlassen.
Ein unerwartetes Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenfahren. Virginie steckte ihren Kopf in das Arbeitszimmer.
„Monsieur Charles, Ihr Freund Alexandre ist soeben eingetroffen.“
„Danke, Virginie, ich komme sofort“, antwortete Charles seufzend. Wie lästig. Ausgerechnet Alexandre, der Schwätzer, hatte sich für heute angesagt. Es war Samstag, und so würde seine lieb gewonnene, anregende Arbeit mit Julia ausfallen. Aber die Gute war so fleißig und hatte sich ihr Wochenende redlich verdient. Er war mehr als zufrieden mit seinem Gespür. Julia einzustellen hatte sich als ausgesprochenen Glücksgriff erwiesen. Nicht nur für seine Memoiren. Ihre freundliche Art und ihre unaufdringliche Anwesenheit erfüllte das gesamte Haus mit Licht.
Charles atmete tief aus und wandte sich endlich vom Fenster ab. Da hörte er bereits Alexandres unverwechselbaren Bass durch den Flur schallen.
„Der alte Schwerenöter lässt mich doch wohl nicht absichtlich warten und hat ein Stelldichein?“
Charles verdrehte genervt die Augen, als die verzweifelte Virginie wieder im Türrahmen erschien und gerade noch entschuldigend die Achseln hob, bevor sie von dem massigen Alexandre zart, aber bestimmt zur Seite geschoben wurde. Geduld und gutes Benehmen waren noch nie Alexandres Stärke gewesen. Mit einem beschwichtigenden Blick zu Virginie legte Charles rasch den Brief auf seinem Schreibtisch ab und humpelte seinem alten Freund entgegen.
„Alexandre, du musst nicht immer von dir auf andere schließen. Lass das bloß nicht Inès hören!“
Lachend klopfte Alexandre seine kräftige Hand auf Charles’ Schulter. „Die gute Inès weiß doch ohnehin, dass du kein Kostverächter bist.“
Langsam wurde es Charles zu bunt. Vor allem wollte er diese Gespräche nicht vor den Angestellten austragen. Geschickt wechselte er das Thema.
„Kann das sein, dass du zehn Elefanten verputzt hast, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?“ Frech kniff er Alexandre in den stattlichen Bauch, der daraufhin in schallendes Gelächter ausbrach.

„Papa, hast du ein Aufladekabel?“ Salomé öffnete nach einem raschen Anklopfen die Tür zum Arbeitszimmer ihres Vaters. Das Büro war leer. Im selben Moment hörte sie Alexandres aufdringliche Stimme durchs Haus schallen.
Salomé verzog ihr Gesicht. Eigentlich mochte sie Alexandre. Er war gutmütig und von berechenbarer Natur. Sie kannte ihn schon, seit sie denken konnte. Aber sie hatte gerade keine Lust auf Small Talk. Sie konnte hören, wie sich die Stimmen langsam Richtung Terrasse entfernten.
Salomé war gerade auf dem Weg zum Pool gewesen, um mit Julia ein Sonnenbad zu nehmen, als sie bemerkt hatte, dass ihr Handy-Akku leer war. Obwohl sie wusste, es musste sich mindestens ein Dutzend Ladegeräte im Haus befinden, hatte sie verflixterweise keines finden können.
Als sie gerade wieder die Tür schließen wollte, erblickte sie aus dem Augenwinkel ein Kabel auf dem Schreibtisch, das eindeutig zu einem Ladegerät gehörte. Rasch durchmaß sie das Zimmer und nahm das Kabel an sich. Während sie noch damit beschäftigt war, den Stecker in die Buchse ihres Handys zu schieben, blieb ihr Blick an einem Schreiben hängen, das offen auf dem Tisch lag.
Salomé war nicht der Typ, der in fremden Sachen schnüffelte. Sie hatte es ihre ganze Studienzeit über, die sie sich Zimmer in Wohnheimen geteilt hatte, geschafft, diese Maxime für sich durchzuhalten. Sie hatte es auch heute nicht vor. Schließlich ging es sie überhaupt nichts an, welche Briefe ihr Vater erhielt. Der rasche Blick hatte allerdings zwei Worte in ihre Netzhaut gebrannt.
„Mein Charles“, stand dort als Anrede. Unbewusst begann es, in Salomé zu rattern. Wer, wenn nicht Inès, würde ihren Vater „Mein Charles“ nennen. Aber das war eindeutig nicht die Handschrift ihrer Mutter. Vielleicht ein guter männlicher Freund?
Salomés Neugier war letztlich stärker als ihre Willenskraft. Sie musste diesen Brief lesen. Es war wie ein Sog. Schließlich war es besser, Verdächtigungen gleich auszuräumen, als sich über Halbinformationen den Kopf zu zerbrechen und ihrem Vater vielleicht Unrecht zu tun. Oder etwa nicht? Salomé blickte sich dennoch rasch um und sah zur Tür. Weit entfernt vernahm sie die gedämpften Stimmen ihres Vaters und Alexandres. Nach einem klärenden Räuspern hob sie den Brief langsam auf und las:
Suzanne Fontaine
Hôpital Saint-Joseph
6 Boulevard de Louvain
13285 Marseille
Charles de Bertrand
Mirabel
8, Chemin des Gorges
06190 Roquebrune-Cap Martin
Mein Charles,
wie unwirklich das für dich klingen mag. Aber es stimmt: Du warst immer mein. Selbst, als du mit ihr gegangen bist. Ich habe nie wieder jemanden so geliebt wie dich!
Ich habe dein Leben aus der Ferne mitbekommen, und es scheint dir gut zu gehen. Dann war deine Entscheidung damals richtig, und all deine Träume und Vorstellungen, wie dein Leben zu sein hat, sind in Erfüllung gegangen.
Vielleicht war es nicht richtig, dich die ganzen Jahre nicht mit meiner Sehnsucht nach dir zu belasten. Wie oft habe ich mich gefragt, ob ich mich damals zu schnell zurückgezogen habe. Aber im Grunde wusste ich, dass deine Entscheidung für dich das Glück bringen würde. Und da ich dich immer geliebt habe, lag mir an deinem Glück, und ich bereue nichts.
Meine Stunden sind gezählt. Ich bin sehr krank, und wenn du diesen Brief liest, bin ich bereits gestorben.
Unsere Liebe von damals ist nicht ohne Folgen geblieben: Wir haben einen Sohn gezeugt, und er heißt Mathieu Charles Fontaine. Er trägt meinen Mädchennamen, aber sein zweiter Vorname ist von dir, ebenso wie seine Augen, sein Charme und seine Intelligenz.
Aus ihm ist inzwischen ein wunderbarer Mann geworden, und er betreibt ein kleines Unternehmen als Landschaftsarchitekt hier in Roquebrune. Es ist schmerzlich für mich, dass ich sein weiteres Vorankommen nicht mehr miterleben werde. Aber du kannst es, wenn du das möchtest.
Er ist ein gut aussehender, beliebter Mann. Dennoch habe ich den Eindruck, dass er einsam ist. Er würde es niemals zugeben. Aber ich kenne ihn. Er sucht nach einer Gefährtin, aber er traut es sich nicht zu, sie wirklich zu finden.
Ich fürchte, daran bin ich schuld. Oder aber wir beide, Charles.
Glaube mir, ich habe versucht, Mathieu Zuversicht in das Leben und die Liebe zu lehren. Aber wie hätte ich ihm etwas erfolgreich vermitteln können, das mir selbst abgeht? Er weiß nicht, dass du sein Vater bist – ich möchte es dir überlassen, ob du mit ihm in Kontakt treten und ihn kennenlernen möchtest.
Leb wohl, mein Charles!
Für immer die deine,
Suzanne
Die Adresse deines Sohnes:
Mathieu Charles Fontaine
Architecte paysagiste
Rue du midi 68
06190 Roquebrune-Cap Martin
Salomé ließ den Brief sinken und stieß die Luft aus, die sie unbewusst angehalten hatte. In ihrem Kopf arbeitete es. Ihr Vater hatte noch einen Sohn? Von einer Suzanne? Wusste ihre Mutter davon? Wer war diese Frau? Warum hatte er sie verlassen? Wie alt war dieser Sohn? Es gab also noch einen Bruder. Halbbruder, korrigierte sie sich automatisch. Ihre Gedanken rasten. Was würde Philippe dazu sagen? Würde dieser neue Bruder eine Rolle in der Bank spielen? Würde er alles zerstören?
Plötzlich schwindelig, lehnte sie sich kraftlos gegen die Tischkante. Sie ermahnte sich, Ruhe zu bewahren, und atmete tief ein und aus, bis sich ihr Puls beruhigt hatte. Dann begann sie in der ihr eigenen Art, die Sache rational zu durchdenken.
Er hieß Mathieu und lebte hier in Roquebrune, war Landschaftsarchitekt ... Hm, die Wahrscheinlichkeit, dass er für die Bank arbeiten wollte, war vermutlich gering.
Stirnrunzelnd wiederholte sie seinen Namen: Mathieu, Mathieu Fontaine ... und schlagartig fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Ihr neuer Bruder Mathieu war Julias Mathieu! Mathieu, der Gärtner! Unfassbar! Salomé konnte nicht verhindern, dass ihr bei dieser Erkenntnis ein keuchender Laut entfuhr, der im leeren Zimmer widerhallte. Erschrocken blickte sie zur Tür, aber nichts tat sich.
Mathieu Fontaine war ihr Bruder! Sie hatte ihn bisher nur kurz gesehen, und da war er mit Erde beschmiert gewesen und hatte auch nur Augen für Julia gehabt. Je weiter sie den Gedanken vertiefte, desto offensichtlicher wurde, welche Tomaten sie auf den Augen gehabt hatte! Wie ähnlich Mathieu ihrem Vater sah. Dieselbe Kinnpartie. Dieselbe maskuline, selbstbewusste Ausstrahlung. Unglaublich, wie ihr das entgangen war. Unvermittelt freute sie sich darauf, Mathieu näher kennenzulernen. Ob er ihr auch ähnlich war? Ein erstauntes Glucksen entwich ihr, als ihr aufging, dass Julia vielleicht ihre Schwägerin werden würde. Oder wäre das dann auch nur Halbschwägerin?
Dann kappte schlagartig ein bitterer Gedanke ihre Träumerei. Falls ihre Mutter bislang keine Ahnung von dem weiteren Sohn ihres Mannes hatte, wie verletzt würde sie sich fühlen, wenn sie es nach all den Jahren herausbekam? Arme Maman!
Ein Geräusch von draußen ließ sie zusammenfahren. Sie hörte Schritte im Gang. Durch den Türspalt erspähte sie Pierre, der sie allerdings nicht bemerkt hatte und am Arbeitszimmer vorbeiging. Sie entspannte sich.
Achtsam legte sie den Brief wieder so auf den Tisch, wie sie ihn vorgefunden hatte. Am liebsten hätte sie das Schreiben kopiert und in Ruhe auf ihrem Zimmer noch einmal durchgelesen. Aber das wagte sie nicht.
Um ihre Spuren zu verwischen, entstöpselte Salomé sogar rasch das Handy und legte das Kabel zurück an seinen Platz. Dann schlich sie aus dem Arbeitszimmer, dessen Tür sie geräuschlos schloss. Äußerlich gelassen, arbeitete es in ihr weiter. Da gab es noch einiges zu klären. Eine leise Furcht, was diese Entdeckung für ihre Familie bedeuten könnte, griff nach ihr. Salomé seufzte. Sie war ein optimistischer Mensch. Es würde alles gut gehen. Fest stand nur: Dieser Sommer war in jeder Hinsicht bisher anders als die vorausgegangenen.
LA CABANE DU SOLEIL

Sie war natürlich viel zu früh. Julia stand im Schatten einer Bougainvillea vor der Toreinfahrt von Mirabel. Entsetzt stellte sie fest, dass sie unglaubliches Lampenfieber hatte.
Ja, das Gefühl war tatsächlich vergleichbar mit dem vor fünfundzwanzig Jahren, als sie aufgeregt durch den Vorhang der Schulbühne geblinzelt hatte. Ihre Geige hatte sie fest umklammert und gewusst, dass sie gleich vor ihren Klassenkameraden und Lehrern, die erwartungsvoll in der Aula saßen, ein Stück von Mozart spielen musste.
Nachdem sie diesen Auftritt gemeistert hatte, war sie nie wieder in ihrem Leben aufgeregt gewesen. Auch nicht vor den mündlichen Prüfungen ihrer Staatsexamina, den Vorstellungsgesprächen und den Gerichtsverhandlungen. Gerade jene Unaufgeregtheit hatte den Personalchef des Schweizer Energiekonzerns damals so stark beeindruckt, dass er sie umgehend eingestellt hatte, ohne den üblichen Weg einer zweiten Vorstellungsrunde zu gehen.
Aber jetzt trippelte Julia unruhig von einem Fuß auf den anderen. Sie ärgerte sich fast über die ihr ungewohnte Anspannung. Gleichzeitig genoss sie jede Sekunde der Vorfreude, den Blick auf ihre nochmals frisch lackierten korallenroten Nägel gerichtet.
Sie hatte den Nachmittag damit verbracht, sich mindestens ein Dutzend Mal umzuziehen, da sie nicht wusste, was Mathieu genau vorhatte. Stirnrunzelnd hatte sie sich das zartblaue Dessous angehalten und sich an Carmens vielsagenden Blick dazu erinnert.
Das regelmäßige morgendliche Schwimmen machte sich bereits nach nur vier Wochen bemerkbar. Bei einem Blick in den großen Spiegel des Ankleidezimmers hatte es ihr den Atem verschlagen. Die leichte Sonnenbräune ihrer Haut ließ den zarten Blauton der Spitze leuchten. Der Stoff fühlte sich auf ihrer unbehaarten Haut einzigartig sinnlich an.
Nach vielen transparenten Kleidchen hatte sie sich endlich für eine schlichte weiß-blaue Tunika entschieden, die durch einen schmalen Ledergürtel in der Taille gerafft wurde. Den Look komplettierte sie mit einer schmal geschnittenen dunkelblauen Leinenhose. Ihr gefiel es, und sie ging davon aus, dass Mathieu sie nicht gerade ins Casino von Monte Carlo ausführen würde.
Als sie allerdings hier in der Nachmittagssonne stand und wartete, wäre sie am liebsten panisch wieder zurückgelaufen, um sich doch für ein anderes Outfit zu entscheiden. Herrgott noch mal!, ermahnte sie sich und versuchte, tief ein- und auszuatmen. Warum nur war sie auf einmal so unsicher wie ein Teenager?
Sie blickte links und rechts die verschlafen wirkende, enge Straße entlang. Eigentlich ziemlich unspektakulär, wenn man bedachte, welcher Reichtum hier angesiedelt war. Die leuchtend rote Bougainvillea, unter der sie stand, umrankte eine lange Steinmauer, die das Grundstück der de Bertrands begrenzte und sich die Straße entlang zog. Der Briefkasten rechts vom Tor wirkte fast gammelig.
Philippe hatte ihr erklärt, weshalb die Einfahrt nicht so imposant war, wie Julia das erwartet hätte. „Das ist eine Gegend, die in den Sechzigerjahren von den Reichen entdeckt und mehr und mehr besiedelt wurde. Unser Haus wurde zwar schon früher erbaut, aber in dieser Ära von meinem Urgroßvater komplett saniert. Damals dachte man noch, Einbrecher ließen sich abhalten, wenn die Anwesen von der Straße her nicht so aufsehenerregend wirkten. Daher der schlichte Eingang.“
Julia hatte verstanden und genickt.
„Damals gab es aber auch noch nicht Google Earth“, hatte Philippe lachend geschnaubt. „Jetzt lassen sich die Ganoven nicht mehr täuschen und erkunden alles vom Weltraum aus.“
Endlich vernahm Julia ein leichtes Motorengeräusch, und ihr Herz begann, wie wild zu hämmern. Das wird er sein, dachte sie. Endlich sehe ich ihn wieder und werde mehr über ihn erfahren. Und wer weiß, was der Abend noch bereithält?
Sie trat aus dem Schatten, straffte die Schultern und blickte dem sich nähernden Geräusch entgegen.

Durch das Visier seines Helmes sah er die Frauengestalt am Straßenrand langsam größer werden. Julia. Sie hatte seine Nachricht tatsächlich bekommen. Er zog scharf die Luft ein, als ihn bei ihrem Anblick ein unerwarteter Adrenalinstoß durchfuhr.
Mathieu brachte seine Vespa neben ihr zum Stehen, bockte sie auf und nahm während des Absteigens seinen Helm ab. Wie schön sie war! Ihre Augen leuchteten, und sie strich sich mit ihrer schmalen Hand eine Haarsträhne hinters Ohr. Ihr Gesicht war hübsch gebräunt, und sie wirkte entspannter als noch vor einer Woche. Einen Augenblick lang standen sie befangen voreinander. Dann sagten sie gleichzeitig: „Salut …!“ „Mathieu …!“
Sie stoppten und lachten sich an. Mathieu beugte sich vor und küsste sie rechts und links auf ihre Wangen. Sie roch gut. Nach Teerosen. Sie hatte während der Begrüßung eine ihrer Hände kurz auf seine Brust gelegt und sich ihm entgegengereckt. Er unterdrückte den unvermittelten Wunsch, sie ganz in seine Arme zu ziehen, und schluckte schwer. „Schön, dass du gekommen bist, Julia.“
„Danke für den Flieger. Das war sehr ...“, sie stockte kurz, suchte wohl nach dem richtigen Wort im Französischen, „... außergewöhnlich.“
Sie blickten sich an. Weshalb war er nur so aufgeregt?“ Seine Handflächen waren schweißnass, und er widerstand dem Drang, sie an seiner Jeans zu trocknen.
„Wo warst du?“, fragte Julia jetzt.
„Ich musste nach Nizza. Lästige Formalitäten. Und ich habe noch ein anderes Projekt bei Cannes, das ich bereits zu sehr vernachlässigt hatte. Dort war im wahrsten Sinne des Wortes einiges zu begradigen.“
Er strich sich mit seiner Hand über das Kinn und blickte sie gequält an bei der Erinnerung daran.
Gequält hatte er sich nämlich gefühlt, als sein Assistent Antoine ihm von den fehlenden Genehmigungen für den Umbau der Terrasse auf dem Grundstück der Villa in Cannes erzählt hatte und er kurzfristig abreisen musste. Er hatte geahnt, dass das eine langwierige Angelegenheit werden würde. Seit er dann noch versucht hatte, das Chaos in den Griff zu bekommen, das seine Jungs so bravourös in Cannes bereitet hatten, wusste er, es würde länger dauern. Vielleicht kann ich mir fähigere Mitarbeiter leisten, wenn erst dieser Auftrag bei den de Bertrands gut abgeschlossen ist, hatte er gedacht.
Jeden Tag, den er Julia nicht sehen konnte, hatte seine Sehnsucht nach ihr ins Unendliche geschürt. Eine leichte Panik, sie könnte das Interesse an ihm verlieren, war hinzugekommen. Er hatte schließlich Augen im Kopf. Der Sohn von Charles de Bertrand hatte nach seiner Ankunft die Augen und Finger nicht von Julia lassen können.
„Du hast gefehlt.“ Julia blickte ihn zaghaft und zugleich herausfordernd an, wenn das möglich war.
Mathieu war verwirrt. Hatte sie das wirklich gerade zu ihm gesagt? Andererseits hatte sie nicht wörtlich gesagt, dass er ihr gefehlt hatte. Sie kaute auf ihrer Unterlippe und schien selbst darüber nachzudenken, wie sie so mutig sein konnte. Ein Hauch von Unsicherheit schlich sich in ihren Blick. Erleichterung wallte in ihm auf. Er hatte also ihr gefehlt. Dann war bestimmt nichts gewesen mit diesem Philippe. Er bewunderte ihre Ehrlichkeit. Keine Spielchen. Warum auch? Sie waren ja schließlich keine fünfzehn mehr. Genug mit „Versuch und Irrtum“. Keine Zeit mit Nebensächlichkeiten verlieren. Er nahm sich das selbst als Credo für den bevorstehenden Abend vor.
Er freute sich unbändig auf den Abend mit ihr. Es war lange her, dass er so bewusst die Umgebung wahrgenommen hatte. Schon auf der Fahrt zu ihr war ihm das erste Mal seit Langem der unverwechselbare Duft der Region nach Rosmarin und Meer in die Nase gestiegen. Und wie ein Tourist hatte ihn der Farbkontrast der roten Ziegeldächer von Roquebrune gegen den blauen Himmel, ein beliebtes Postkartenmotiv, fasziniert. Das Leben war schön! Er hatte noch mal richtig Gas gegeben und seine Hochstimmung genossen.
„Gut, dass du Hosen anhast. Es wird vielleicht kühl auf der Fahrt.“ Er entnahm einem kleinen Kasten auf dem Roller einen zweiten Helm und reichte ihn ihr. Julia winkte, wie zur Bestätigung seiner Worte, mit einer Strickjacke und schlang sich diese um die Hüfte. Sie überreichte ihm ihre kleine Handtasche, die er in der Box verstaute.
Nachdem er Platz genommen und die Maschine gestartet hatte, stieg sie hinter ihm auf den Sitz. Wie selbstverständlich legte sie ihre Hände auf seine Hüften. Mathieu musste kurz seine Augen schließen, weil die Wärme ihrer Finger seine ganze Aufmerksamkeit erforderte. Dann fuhr er an. Der Druck ihrer Finger verstärkte sich, als sie sich fester an ihn klammerte. Unvermittelt regte sich sein Verlangen, und er konnte es kaum erwarten, die kurvigen Serpentinen mit ihr hinabzubrausen.

Julia saß andächtig hinter Mathieu. Es war lange her, dass sie auf einer Vespa gesessen hatte. Und jetzt auch noch hinter diesem Mann und vor dieser Kulisse. Fast hätte sie den Kopf über so viel Lebensglück geschüttelt. Dann aber lächelte sie sacht. Sie hatte sich lange genug von diesem Idioten Marcus klein halten lassen und sich jede Minute Glück verdient.
Mathieu hatte so gut ausgesehen, als er so unbeschreiblich cool von der Vespa gestiegen war. Er trug eine tief sitzende Jeans mit weißem Hemd, das auf der einen Seite aus der Hose gerutscht war. Das sah so unglaublich lässig aus, dass Julia sich fast wie ein kleines Mädchen fühlte, dem gerade ihr begehrtestes Geburtstagsgeschenk überreicht wurde. Und das sie gleich auspacken ... Oh nein, Julia, reiß dich zusammen!, ermahnte sie sich wieder. Ob du ihn auspacken willst oder darfst, steht doch noch in den Sternen.
Als sie gemächlich den Berg hinunterkurvten, zog Julia tief die laue Sommerluft in ihre Lungen. Sie spürte Mathieus muskulöse Hüften warm unter ihren Händen und war fast versucht, ihre Hände streichelnd wandern zu lassen. Auf der anderen Seite war gerade die Anstrengung, es nicht zu tun, äußerst erregend.
Als eine enge Kehre die Vespa zur Seite legte, lehnte sie ihren Körper näher an ihn und spürte, wie sein breiter Rücken unter seinem weißen Hemd zart gegen ihre Brüste rieb. Um ihre Finger davon abzuhalten, sich in seine Seite zu krallen, nahm sie die Hände rasch vor seinen Bauch und verschränkte sie vor diesem. Jetzt war sie noch näher an ihm. Sie spürte ein Vibrieren in seiner Brust. Brummte er? Hoffentlich vor Genuss und nicht als Zeichen der Abwehr.
Julia hätte ewig so weiterfahren können. Sie liebte es. Das Knattern des Motors, Mathieus Nähe, der Wind in den Haaren. Als sie den Fuß des Berges erreicht hatten, fuhr Mathieu an der Küste entlang. Zu ihrer Linken glitzerte das Meer. Mathieu manövrierte sie geschickt durch den Verkehr von Monaco, und Julia erfasste gestochen scharf jede kleine Szene am Straßenrand, um sie auf ewig im Gedächtnis zu behalten.
Unter ihren Fingern spürte sie bei jeder Bremsung und jedem Anfahren das Spiel seiner Bauchmuskeln. Ein kleines Stück hinter Monaco bog Mathieu von der Hauptstraße ab und steuerte eines der vielen kleinen Kaps an der Küste an. Die privaten Villen, die das Ufer säumten, wurden spärlicher, bis Matthieu und sie einen staubigen Privatweg entlangholperten.
Vor einer flachen Hütte, eigentlich eher ein Holzverschlag, auf der in handgepinselten gelben Lettern „La Cabane du Soleil“ stand, mündete die Straße in einen kleinen Parkplatz. Mathieu drosselte den Motor und bedeutete Julia, abzusteigen. Nachdem er die Helme verstaut hatte, hielt er ihr lächelnd seine Hand hin. Julia ergriff sie, und ein seltsam vertrautes Gefühl überkam sie. Es fühlte sich so richtig an.
„Durstig?“, fragte er.
Julia spürte ihre trockene Kehle. „Ja, sehr sogar.“
Offenbar zufrieden zog er sie Richtung Hütte. Julia fühlte in den Sandalen den Sand zwischen ihren Zehen, als sie den Parkplatz verließen und auf die weinbeschattete einfache Terrasse des Lokals traten. Hier herrschte, abseits der Hektik von Monaco, eine friedliche Stimmung. An einem der Tische nahe bei der Bar saßen zwei ältere Männer, vertieft in ein Damespiel. Eine junge Frau fegte Sand und getrocknete Weinblätter sorgfältig zusammen. In einer Nische neben der Bar spielte ein Halbwüchsiger an einem Spielautomaten. Ohne sichtbares Konzept drückte er auf die blinkenden Tasten.
Hinter dem Tresen stand ein etwa vierzigjähriger, beleibter Mann mit starken Geheimratsecken in einem gestreiften T-Shirt. Er polierte gerade Gläser. Sein strahlendes Lachen, als er Mathieu ausmachte, zauberte einen jugendlichen Glanz in seine freundlichen Augen.
„Mathieu, das gibt es ja gar nicht! Lässt du dich auch mal wieder blicken, altes Haus?“
Mathieu grinste schief. Der Mann kam flink wie ein Wiesel hinter seinem Tresen hervor und herzte Mathieu. Bereits während der Umarmung betrachtete er Julia neugierig und zwinkerte ihr frech zu. Julia mochte ihn sofort.
„Darf ich vorstellen: Julia. Julia, das ist mein guter Freund Fredo. Fredo, sag brav ‚Hallo’ zu Julia!“
Fredo verdrehte gespielt die Augen und boxte Mathieu in die Seite, der daraufhin tat, als hätte es ihm wirklich wehgetan. Dann kam Fredo auf Julia zu. Und ehe sie sich’s versah, hatte er auch sie in eine feste Umarmung gezogen. Ich muss mich langsam an diese stürmische Art in Südfrankreich gewöhnen, dachte sie.
„Nun mal halt, das ist mein Mädchen!“, dröhnte Mathieu von hinten.
Julias Bauch kribbelte bei Mathieus Worten.
„Mädchen ist gut. Wo hast du denn diese atemberaubende Venus aufgegabelt? Die hast du doch gar nicht verdient.“
Julia schoss unweigerlich die Röte in die Wangen, als Fredo sie losließ. Sämtliche Anwesenden des Lokals hatten jede Sekunde der Szene im Auge behalten. Die beiden Damespieler nickten beifällig, und die Frau hatte ihre Hände auf den Besen gestützt. Selbst der Jugendliche verpasste mindestens drei blinkende Tasten, während er sie angrinste.
Julia kam sich ein bisschen vor wie eine Preiskuh auf dem dörflichen Viehmarkt. Gleichzeitig fühlte sie sich sehr entspannt. Der ganze Reichenschnickschnack hatte zwar seine Annehmlichkeiten. Hier in dieser schlichten Bar fühlte sie sich allerdings auf Anhieb wohl und zugehörig.
Mathieu ergriff sacht ihren Arm, wie, um keinen Zweifel an seinem Besitz zu lassen.
„Fredo, hast du noch eine deiner unglaublich guten Pasteten, ein wenig Brot und Käse und eine Flasche Wein, zum Mitnehmen?“
Fredo strahlte wieder. Er hob die Brauen und schaute bedeutsam auf Mathieu.
„Ah, mon ami, ich ahne, was du vorhast. Seit wann bist du so ein Romantiker?“
War Mathieu etwa verlegen? Er strich sich nervös durch sein Haar und entgegnete mit ein wenig Schärfe: „Fredo, wir sprechen uns später noch. Jetzt quatsch nicht, sondern pack das Zeug ein!“
Fredo verschwand kichernd hinter einem Vorhang aus Bastfäden, hinter dem sich vermutlich die Küche befand. Mathieu wandte sich Julia zu und hob entschuldigend die Schultern. „Was will man machen? Es gibt kaum etwas Nervigeres als alte Freunde, die zu allem ihren Senf dazugeben müssen.“
Julia grinste ihn an. „Das kenn ich“, sagte sie knapp und dachte in diesem Moment innig an ihre Freundin Stella.
Mathieu ging hinter die Bar und fragte Julia nach ihrem Wunsch.
„Ein Glas Rosé, bitte.“
Er hantierte versiert hinter der Bar, als wäre das sein Laden. Julia schielte unauffällig auf seine definierten Unterarme.
„Uns auch noch zwei Bier!“, riefen prompt die Damespieler.
Nachdem er die beiden und sich selbst mit einem kühlen Bier versorgt hatte, zog Mathieu Julia zu einem großen verwitterten Holztisch in der hintersten Ecke der Terrasse. Der Platz lag im Halbschatten, die Sonne zeichnete zitternde Weinrankenmuster auf die Tischplatte.
„Julia, erzähl mir bitte von dir.“
Julia verschluckte sich fast an ihrem Wein. Hatte nicht Charles vor nicht allzu langer Zeit dieselbe Frage gestellt? Seitdem hatte sie nicht wirklich an einer plausiblen Geschichte gearbeitet. Wo sollte sie nur anfangen? Bei ihrer Geburt in Köln oder bei dem Desaster ihrer letzten Beziehung? Plötzlich kam Julia ihr Leben recht uninteressant vor. Nachdenklich fuhr sie mit dem Finger den feuchten Kreis nach, den ihr Glas auf der Tischplatte hinterlassen hatte, während sie einen weiteren großen Schluck nahm.
Mathieu hatte ihr Zögern bemerkt. „Pardon, tut mir leid, du musst nichts erzählen. Aber mich würde schon interessieren, weshalb du den Sommer bei den de Bertrands verbringst.“
„Nein, mir tut es leid. Halte mich bitte nicht für verschlossen. Es ist nur so, dass ich hier die letzten Wochen wie in einer Kapsel gelebt habe. Mein Leben außerhalb dieser Kapsel kommt mir gerade sehr fern vor. Du wirst mir nicht glauben, aber ich musste mich tatsächlich erst einmal daran erinnern und überlegen, wo genau ich beginne.“
Er blickte sie ernst an und nahm bedächtig einen Schluck aus seiner Flasche. Als er nichts sagte, fuhr Julia fort: „Also, ich habe mich bei Charles de Bertrand für eine Assistentenstelle beworben, und jetzt bin ich hier.“ Sie machte eine allumfassende Geste.
„Du bist also kein Hausgast?“ Warum nur schien er so erleichtert?
„Nein, ich bin die Assistentin von Charles de Bertrand. Eigentlich ganz einfach. Und wie es scheint, wird das der Sommer meines Lebens“, grinste sie ihn wieder herausfordernd an. Die Unsicherheit von eben war wie weggeblasen.
„Der Sommer deines Lebens? Ich hoffe, ich habe daran einen großen Anteil, Julia.“ Sanft legte er seine Finger auf ihren Unterarm.
Sofort bildete sich eine leichte Gänsehaut, die ihr bis in den Unterleib zog. Am liebsten hätte sie seinen Kopf umfasst und ihn ungestüm geküsst. Aber wie viel köstlicher war es, diesen Moment hinauszuzögern.
„Davor hatte ich ein vergleichsweise stressiges Leben als Juristin in Zürich.“
Er verzog sein Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. Deshalb verwunderte sie sein anschließender Satz. „Aber Juristin zu sein, ist doch nicht schlecht.“
„Das kann gut sein. Aber mein Bild von mir als Jeanne d’Arc, die flammende Reden vor Gericht hält und Unschuldige vor dem Strang bewahrt, ist recht bald von der Realität des Gerichtsalltags eingeholt worden. Im Alltag hatte ich dann irgendwann die Leidenschaft verloren.“
Er knibbelte stirnrunzelnd den Rand des feuchten Bieretiketts ab, während er ihr zuhörte. Seine Hände waren gepflegt. Nicht ein einziger Trauerrand am Fingernagel zeugte davon, dass er den ganzen Tag in der Erde buddelte.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.


