Kitabı oku: «Die Gewissensentscheidung», sayfa 10
"Miss Miles, was machen Sie hier? Sie sollten besser im sicheren Raum bei Penelope bleiben, hier wird scharf geschossen. Unteroffizier, geleiten Sie Miss Miles zurück in den sicheren Raum zu ..." Der Oberst wollte mich gerade aus dem Gefahrenbereich entfernen lassen, da ging die Schießerei los.
Aufständische durchbrachen die Glasdecke und seilten sich schießend an den Wänden ab, andere stürmten nach vorne und schossen, was die Waffen hergaben. Die Angreifer waren glücklicherweise nicht darauf trainiert, im Laufen zu schießen. Um uns herum schlugen die Kugeln ein. Ich drückte einer Gardistin, die neben mir stand, die Patronen und Magazine in ihre Hände. "Bitte helfen Sie mir." Sie begann sofort, die Magazine zu befüllen und ich selbst fing an zu schießen.
Die Distanz der Angreifer war etwa so groß wie auf dem Schießstand und so rannten die Revoltierenden direkt in ihr Verderben.
Als der erste Ansturm vorbei war, standen die Soldaten mit offenen Mündern da und vor uns lagen gut zwanzig tote Revoluzzer auf dem Boden. Ab diesem Zeitpunkt war der Oberst froh, mich bei sich zu haben. "Miss Miles, ich wusste gar nicht, dass Sie so gut schießen. Danke, Sie haben uns sehr geholfen."
Er teilte mir die Frau, die mir bereits die Munition nachgeladen hatte, fest zu und wir zogen uns in den sicheren Schutzbereich der Präsidentenfamilie zurück, um sie zu beschützen. Auf dem Weg dorthin schossen wir uns den Weg frei.
Dort angekommen, luden wir erneut die Magazine nach. Aus einigen Ecken stürmten bereits die nächsten Widersacher und schossen auf uns. Wir wehrten uns mit wirkungsvollen Schüssen.
Ich ließ meine Beretta heiß laufen und meine Leibgardistin lud die Magazine ständig nach. Meine 9mm hatte einen enormen Hunger. 15 Schuss waren schnell verbraucht und meine Gardistin befüllte die Magazine erneut. Ich schoss fast nur Doubletten und die trafen. Ich erinnere mich noch gut an den erschrockenen Koch, der von einem Aufständischen als Schutzschild gehalten wurde. Aber zwei Schuss stoppten den Angreifer und der Koch sah zwar erschrocken aus, dafür aber sehr dankbar zu mir herüber.
Endlich im Zentrum der alten Bibliothek angekommen, wurde der Ansturm der Revoluzzer blutig gestoppt. Fast wäre es den Angreifern gelungen, die Regentin zu umstellen, aber wir waren die Kavallerie und befreiten die Regentin und ihren Mann. Anschließend hielten wir sie immer sicher abgeschirmt von den Angreifern.
Auf diese Weise eliminierten wir die Eindringlinge nach und nach. Die Bibliothek wurde gerade umgebaut. Dadurch stapelten sich dicke Bücher auf Paletten mehrere Meter hoch, was für uns günstig war, denn Papier stoppt Kugeln sehr gut.
"Da oben, Miss Miles!", rief der Oberst. Über die Deckenfenster drangen immer wieder neue Angreifer ein. Da wir die Türen der verlassenen Räume verbarrikadiert hatten, blieb den Angreifern nur noch der Angriff über das Dach.
"Es sind so viele, die vom Dach kommen", rief eine junge Gardistin verzweifelt. "Nur die Ruhe, einen nach dem anderen anvisieren, dann schießen. Danach ausatmen und weitermachen, das machen Sie gut!", motivierte ich die Frau. Sie schoss zwei Angreifer vom Dach und zielte auf den nächsten. "Danke, Miss Miles, das hilft, einen nach dem anderen!"
"Miles, die Tür vorne links!", rief der Oberst. Doch da fielen bereits die ersten Angreifer von meinen Kugeln getroffen zu Boden. „Ich habe sie!", rief ich zurück und der Oberst nickte nur. Durch diese Tür traute sich keiner mehr herein. Die Angreifer in den Fluren waren deutlich weniger als jene, die über das Dach kamen. Aber die Angreifer waren schlecht organisiert und ungeschickt. Vom Dach kommend waren sie gut zu sehen und jeder Getroffene stürzte sofort herab. Die Angreifer fielen wie reife Früchte von der Decke auf den Steinboden. Wer von ihnen nicht gleich tödlich getroffen wurde, starb beim Aufprall auf den harten Boden. Inzwischen ging die Munition der Gardisten langsam zu Ende und ich musste nach allen Seiten absichern. Jetzt luden bereits zwei Mädchen die Magazine nach und ich konnte so schneller und effektiver schießen.
"Es kommen nun weniger Angreifer vom Dach, aber vom Hauptflur kommen jetzt die Elitekämpfer. Miss Miles, ich brauche Sie jetzt für die am Boden! Das müsste dann der Rest der aufständischen Truppe sein." Die letzten beiden Angreifer schoss ich noch vom Dach, lud die Waffen nach und wir erwarteten die letzten Elitekämpfer.
Am Ende stürmte noch eine Gruppe Widersacher mit einem Häuptling als Anführer die Bibliothek, es war deren letztes Aufgebot. Wir schossen, was die Waffen hergaben. Der Häuptling selbst war voller Adrenalin und die Wachen schossen scheinbar vergeblich auf ihn. Erst durch zwei Schüsse in den Kopf konnte ich den Häuptling stoppen. Ein solcher Ablauf war uns in der Ausbildung beigebracht worden, diese Adrenalin-getränkten Angreifer schossen auch noch nach einem Herztreffer. Die Mediziner nannten das "die Minute des toten Mannes".
Als sich der Überfall zu Ende neigte und das Schießen aufgehört hatte, stand ich da, inmitten unserer kleinen Burg aus zerschossenen Büchern, verschwitzt und schmutzig. Ein Streifschuss hatte meine Schulter blutig gefärbt. In beiden Händen eine rauchende Waffe und um mich herum lagen leere Magazine. Der Boden war übersät mit verschossenen Hülsen.
Dann stürmten endlich die Regierungssoldaten die Bücherei. Mit Freudengeschrei fielen sich die Soldaten und Gardistinnen gegenseitig in die Arme und der Oberst machte vor seinem General Meldung.
Vor mir erhob sich die Regentin, Heylah ai Youhaahb, und kam auf mich zu. Sie rief etwas in der Sprache, die ich noch nicht ganz verstand, und die Anwesenden begannen einen lauten Singsang. Danach machte Heylah einige Bilder mit ihrem Handy und lächelte mich an. Mit beiden erhobenen Händen wies sie auf mich und begann ein Jubelgesang. Die Umstehenden sangen laut und klatschten mit. Mehr und mehr kamen dazu und machten mit. Jubelrufe und Freudenschreie waren neben dem Geklatsche zu hören. Erst da bemerkte ich, dass diese Ehrerbietung mir galt.
***
Die Ehrung
Am nächsten Tag wurden beim Säubern der Räume 180 erschossene Angreifer und drei erschossene Mädchen der Leibgarde gezählt. Angeblich hatten mehr als die Hälfte der Angreifer kleinere Löcher als jene, die von den 45er Kugeln der Gardisten stammten. Die darauffolgenden Autopsien der Angreifer bestätigten diese Aussagen. Diese Erkenntnis trug man offenbar auch der Regentin vor.
Als wieder Ruhe eingekehrt war, wurde im Palast eine große Siegesfeier abgehalten und ich wurde von der Regentin persönlich eingeladen.
In einer großen Zeremonie wurden den Opfern gedacht und die überlebenden Soldatinnen und Soldaten des Angriffs wurden ausgezeichnet. Ganz am Ende wurde auch ich aufgerufen.
"Zum Abschluss des heutigen Freudentages rufe ich nun Miss Caroline Miles auf. Miss Miles, bitte."
Der große Empfangssaal im Palast war voll, nur der Gang in der Mitte wurde freigehalten. Über einen roten Teppich musste ich jetzt gehen, genau wie die anderen vor mir. Irgendwie fühlte ich mich dabei doch etwas unwohl. All die lächelnden Gesichter auf beiden Seiten und ich in meiner offiziellen Tracht, nur meine langen roten Haare bedeckten meine Brüste. Ich trat vor die Regentin und verbeugte mich, so wie es mir Penelope gesagt hatte. Der Gemahl der Regentin schaute ganz genau, ob ich mich auch tief genug verbeugte, was er wirklich sehen wollte, war mir aber klar.
"Erheben Sie sich, Miss Miles!" Damit trat ich neben die Regentin und sie lächelte mich mit freundlichem Blick an, nickte kurz und ihre Tochter Penelope trat vor mich. Unser beider Lächeln fiel allen im Saal auf. Dass wir beide zusammen waren, stellte auf Soulebda ja kein Problem dar.
Penelope nahm einen Orden von einem Samtkissen, das ihr eine Gardistin entgegenhielt, und legte ihn mir um. Dann trat sie neben mich an meine Seite und berührte sanft meine Hand mit ihrem kleinen Finger.
"Hiermit verleihe ich Ihnen, Miss Caroline Miles, den Orden Kahlscha’daar, das ist eine ganz besondere Auszeichnung. Sie, Miss Miles, haben sich während des Aufstandes als tapfere Heldin erwiesen und unerschrocken Ihr Leben für uns alle, die wir hier stehen, eingesetzt. Sie sind ein wahres Vorbild für uns."
Mit einem tosenden Beifall ging allerdings auch ein Gemurmel einher, das ich nicht einordnen konnte, und daher dachte ich, das sei, weil ich Ausländerin war. Erst später erfuhr ich, dass diese Auszeichnung für die Menschen auf Soulebda noch sehr viel mehr bedeutete. Sie enthielt einen Ehrenstatus, der mich als absolute Vertrauensperson der Regentin definierte.
Ab diesem Zeitpunkt war ich auf Soulebda so bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Wo ich war, erkannte man mich und grüßte sehr höflich. Ich selbst merkte, dass das von der Bevölkerung ehrlich gemeint war, denn die Regentin wurde von allen geliebt und ich hatte immerhin ihr Leben gerettet. Das Leben ihrer Regentin.
Meine geliebte Penelope bedankte sich auf ihre einzigartige Weise dafür, dass ich ihre Familie gerettet hatte. Außerdem überreichte sie mir ein großes, eingerahmtes Bild, es zeigte mich inmitten der Bücher stehend, mit den beiden Pistolen im Anschlag, verschwitzt und angeschossen. Das Bild, das damals die Regentin noch selbst geschossen hatte, war hervorragend ausgearbeitet und hätte für jede Action-Kinowerbung herhalten können.
Penelope und ich betrachteten an einem Sonntagabend das Bild, das in der Dienstvilla einen guten Platz gefunden hatte, als mein Handy summte. Penelope reichte es mir mit einem Grinsen im Gesicht. "Dein Freund Krischan ist da dran."
Krischan erzählte mir, dass er wieder für eine längere Zeit auf einen Einsatz gehen würde und es daher keine Kommunikation zu mir gäbe. Inzwischen wusste Penelope auch, dass ich noch für mein Onkelchen arbeitete und auch, dass Krischan bei ihm in Lohn und Brot stand. "Zwei Monate Funkstille, pass nur auf, dass du wieder in einem Stück und vor allem gesund heimkommst."
Penelope grinste, als sie mich erröten sah, und als das Telefonat beendet war, fielen wir beide uns in die Arme. "Ich sehe, wenn sich ein Mensch freut! Ich glaube, dieser Krischan sollte sich nicht so oft in der Welt herumtreiben und dich schnellstmöglich zum Altar führen."
"Oh, Penelope, ich fürchte, dass er sich für seinen Staat noch ein paar Jahre da draußen herumtreibt." Sie kam nah zu mir heran und wir umarmten uns ganz fest. "Wie auch immer, meine geliebte Caroline, ich werde dich auch immer lieben, vergiss das niemals." Danach küssten wir uns innig.
***
Polizeipräsidium Mainstadt
KHK Kurt Meyer saß an seinem Schreibtisch, als das Telefon klingelte.
"Meyer."
"Hier Trommer! Kommen Sie in mein Büro!", erklang eine eindeutige Aufforderung, der Meyer sofort nachkam. Der Tod von Beate Fischer fraß sehr an ihm und zum tausendsten Mal fragte er sich, warum er den Mund gehalten hatte. Doch jedes Mal, wenn er sich dies fragte, wusste er auch die Antwort darauf… die hatte genau jetzt ihren Spaß in der Kita!
Mit einem mulmigen Gefühl machte sich Meyer auf den Weg zur Staatsanwaltschaft, dennoch nahm er sich vor, diesem Scheißkerl Trommer dieses Mal die Stirn zu bieten! Als er an Trommers Tür klopfte, saß der an seinem Schreibtisch.
"Kommen Sie herein und setzen Sie sich", forderte er Meyer auf.
Als Meyer saß, legte Trommer die Ermittlungsakte Fischer auf den Schreibtisch und schob sie Meyer hin.
"Ich möchte, dass Sie sich die Akte nochmal vornehmen und sich einige Ungereimtheiten ansehen. Frau Strass scheint in einigen Passagen ihrer Aussage die Unwahrheit gesagt zu haben. Klären Sie das. Ihre Ergebnisse werden Sie ausschließlich mir zukommen lassen. Haben Sie das verstanden?"
Meyers Hände zitterten, als er völlig überrascht die Akte an sich nahm. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, Trommer zu sagen, was er ihn könne… Doch hier und jetzt hatte er die Gelegenheit ein Unrecht wieder gut zu machen, wenn auch zu spät für Beate… oder für sich selbst.
***
Vorbereitungen
Mit einem Pling teilte mir mein Computer mit, dass ich eine neue Mail erhalten hatte. Da ich mit den Gedanken sowieso nicht bei der Sache war, klappte ich die Akte vor mir zu und öffnete das Mailprogramm. Die Nachricht kam von Jessika und lautete: "Sieh dir mal den Gefangenen aus Zelle 19 Trakt 4 an."
Auch wenn Trakt 4 nicht in "meinem Haus" lag, habe ich dennoch Zugriff auf alle Daten, da Richard Facher, der Leiter des Traktes 4, und ich uns gegenseitig vertraten.
Der Gefangene Nr. 19 saß wegen Mord, Raub und Dokumentenfälschung in lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung.
Ich besorgte mir Zugriff auf die Prozessunterlagen - der elektronischen Akte sei Dank - und studierte die Akten der Nummer 19, dessen richtiger Name Jarvis Dunkowski lautete. Ich beschloss gedanklich, bei 19 zu bleiben.
Das Hauptgeschäft von Dunkowski war die Besorgung von gefälschten Reisepässen für eine Mafia-ähnliche Organisation. Dazu suchte sich Dunkowski Personen aus, die den zukünftigen Benutzern der Pässe äußerlich ähnelten und stahl ihnen ihre Pässe. Diese wurden dann nur auf das Nötigste abgeändert und die Mafia benutzte jeden Pass immer nur einmal.
Um sicherzugehen, dass nicht die Pässe vor der Benutzung als gestohlen gemeldet wurden, brachte Dunkowski die Besitzer der Pässe um.
Offiziell verbuchte Dunkowski acht Morde, davon drei Frauen. Ich sah mir die Bilder der Opfer an… Dunkowski schien eine Leidenschaft für Blondinen zu haben. Jessika hatte Recht, Dunkowski war genau der Mann, den ich brauchte, dennoch zögerte ich… durfte ich mit so einem Kerl Geschäfte machen? Heiligte der Zweck die Mittel? Wie weit würde ich ohne ihn kommen? Ich musste mir eingestehen, dass ich nicht sehr weit ohne professionelle Hilfe kommen würde, also schluckte ich die Kröte herunter und setzte mich an den Computer. Zunächst musste ich die "Bezahlung" klar machen, denn auch hier - gerade hier - hinter Gittern war nichts umsonst.
Ich durchsuchte die Vollstreckung und Führungsakte und fand, was ich suchte. Dunkowski hatte strengstes Post- und Einkaufsverbot, außerdem hatte seine Freundin schon mehrfach einen Besucherantrag gestellt, den das Gericht jedes Mal abgelehnt hatte. Perfekt! Wenige Klicks und ein paar anders gesetzte Häkchen und schon durfte Dunkowski seine Freundin sehen, Briefe erhalten und auf Einkauf gehen. Als ich fertig war, begab ich mich in den Trakt 4 zu Dunkowski, inständig hoffend, dass mir Richard nicht über den Weg lief. Ich hatte Glück, niemand sah mich und wer mir über den Weg lief, interessierte sich nicht für mich. Dann ein schneller Blick und ich schlüpfte in Dunkowskis Zelle.
"Oh, hoher Besuch, der Bad-Man persönlich. Haben sie dich von deiner Station verjagt?"
"Nein, Jarvis, mich verjagt niemand, denn ich bin der Beste in meinem Job. Ich bin sogar so gut, dass niemand weiß, wo ich gerade bin."
"So, so, und was willst du hier bei mir?"
"Ich brauche Hilfe und du bist genau der Mann, den ich suche."
"Ich? Hört sich an, als ob du ziemlich verzweifelt bist, wenn du mich schon um Hilfe bitten musst."
"Verzweifelt nicht, Jarvis, es gibt genug Passfälscher hier im Trakt, die ihr Handwerk verstehen, aber du sollst angeblich der Beste sein." Ich hatte gelernt, dass Schmeicheleien meistens bei Verbrechern funktionierten, wenn man etwas von ihnen wollte. Auch Dunkowski sprang darauf an.
"Das stimmt! Wegen meiner falschen Pässe sitze ich nicht hier. Scheiße, meine Ausweise sind überall durchgekommen."
"Ja, ich habe es gelesen. Du hattest das Pech, das dein Boss erwischt wurde und einen Deal mit dem Staatsanwalt gemacht hat, er hat dich verpfiffen und seinen eigenen Hintern gerettet. Schöner Boss."
Als Antwort spuckt Dunkowski auf den Zellenboden.
"Jetzt zu meinem Anliegen. Ich brauche echte Ausweise und Papiere für jemanden, der nicht existiert. Wie komme ich da ran?"
"Eigentlich ganz einfach. Du nimmst einen falschen Reisepass, gehst zu einem Einwohnermeldeamt einer großen Stadt. Dort sagst du, dass du die letzten Jahre im Ausland gelebt hast und möchtest jetzt wieder hier leben. Alle deine Papiere außer dem Reisepass sind im Ausland leider verloren gegangen. Ist der falsche Pass gut, bekommst du einen vorläufigen Ausweis, bis der Neubeantragte fertig ist. Wenn alles gut geht, bekommst du den neuen echten Personalausweis innerhalb einer Woche und mit dem kannst du dann die anderen echten Papiere anfordern. Alles, was du brauchst, ist ein gut gefälschter Reisepass."
"So einfach geht das?"
"Jede Bürokratie hat ihre Schwächen, Bad-Man."
"Also gut, reden wir nicht weiter Drumherum. Ich brauche einen deiner hervorragenden Pässe, was musst du dafür haben?"
"Was springt für mich dabei heraus? Komme ich hier raus?"
"Nein. Erstens ist das hier ein privater Auftrag und zweitens ist das, was ich vorhabe, nicht ganz legal."
"Warum sollte ich dir dann helfen?"
"Ich habe in deiner Akte gelesen, dass deine Freundin schon drei Anträge auf Besuch gestellt hat, aber alle wurden abgelehnt und es scheint so, als ob du sie nie mehr sehen wirst. Ich habe, als Zeichen meines guten Willens, die Anweisung abgeändert. Wäre dir nächste Woche Samstag recht?"
Dunkowski biss die Zähne zusammen, während er mich anstarrte. "Wenn du mich verarschst, leg ich dich um, Bad-Man!"
"Ich verarsche dich nicht, es ist mein voller Ernst. Außerdem habe ich deine Postsperre aufgehoben, verlasse mich aber darauf, dass deine Briefe privater Natur bleiben. Also was ist, haben wir einen Deal?"
"Wie lange darf sie bleiben?"
"10 Stunden, von 10 bis 20 Uhr."
Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber Jarvis musste tatsächlich kämpfen, um seine Tränen zurückzuhalten.
"Also gut, wir sind im Geschäft, Bad-Man. Ich brauche ein originales Dokument, wenn möglich von einer Person, die dem neuen Inhaber ähnlichsieht, auch was Alter und Größe betrifft, Bilder und wenn es geht, ein paar unterschriebene Dokumente."
"Geht klar. Wie lange wird es dauern."
"Eine Woche, außer meine Zelle wird gefilzt, dann war’s das."
"Keine Sorge, das wird nicht geschehen. Gut, sobald ich den Ausweis habe, sorge ich auch dafür, dass du auf Einkauf gehen kannst, der erste geht dann auf mich. Ich denke, ich muss dir nicht sagen, dass dieses Gespräch nie stattgefunden hat?"
"Welches Gespräch?"
Ich ließ Dunkowski wieder allein und schaffte es ungesehen wieder aus Trakt 4 herauszukommen. Gut, Punkt eins in Angriff genommen. Zurück im Büro gab ich Jessika Bescheid, dass der Ausweis in Arbeit war. Schnell ging ich eine Etage höher in meine Wohnung, wo die meisten Unterlagen von Vera lagen, suchte ihren Reisepass sowie ein paar Dokumente mit ihrer Unterschrift und wurde schnell fündig. Aus Beates Akte entfernte ich das Passfoto und ersetzte es durch ein Foto einer schon entlassenen Frau, die ihr halbwegs ähnlich sah. Jetzt musste ich nur noch einen passenden Namen finden, was gar nicht so einfach war. Ich brauchte eine ganze Weile, bis mir etwas Gutes einfiel. Oh ja, ... Der Name passte… Alle Unterlagen, die Bilder und den neuen Namen packte ich in einen Umschlag auf dem "Verteidigerpost" vermerkt war und ließ ihn über die Hauspost Dunkowski zukommen.
***
"Hast du Hunger?", fragte Vera und schaute zur Tür herein.
Jetzt, wo sie mich fragte, stellte ich fest, dass ich einen Mordshunger hatte, außerdem war es schon ziemlich spät. Also beschloss ich, Feierabend zu machen.
"Ja, ich habe einen Riesenhunger. Wollen wir was bestellen?"
"Ich habe da eine andere Idee", zwinkerte sie mir zu, "komm mal mit."
Sie brachte mich zu ihrer Wohnung und schob mich zur Tür hinein.
Ich traute meinen Augen nicht! Auf dem Tisch stand ein Menü, das selbst den besten Sternekoch blass aussehen ließ. Dazu waren im Kerzenlicht vier Gedecke aufgetragen und Jessika saß schon am Tisch.
"Ich weiß, es ist nicht viel, aber es soll ein kleines Dankeschön sein, das ihr für mich kämpft", sagte Beate und bat mich, Platz zu nehmen. Hm, allein der Duft des Essens war unglaublich gut, das Essen selbst war fantastisch und der Wein perfekt dazu gewählt. All das führte dazu, dass wir es tatsächlich schafften, einen schönen Abend zu verbringen und unsere Sorgen für einen kurzen Moment zu vergessen.
Während wir aßen, hielten Beate und Vera Blickkontakt wie zwei verliebte Teenager. Sie hielten auch Händchen, strichen sich gegenseitig über den Arm und ich war mir ziemlich sicher, dass die beiden auch unter dem Tisch Kontakt hatten.
Jessika sah mich grinsend an und verdrehte ihre Augen, was mir sagen sollte: "Nimm‘s nicht so schwer!" Und ich? Einerseits wurde mir hier deutlich vor Augen geführt, dass ich Vera als Partnerin verloren hatte, andererseits freute ich mich für sie.
Nachdem wir mit dem Essen fertig waren und unsere Gastgeberinnen den Tisch abgeräumt hatten, verabschiedete sich Jessika. "Danke für den schönen Abend. Wir sehen uns morgen." Sie stand auf und sowohl Vera als auch Beate verabschiedeten sie mit einem Kuss.
Da ich mir sicher war, dass heute Abend zwischen den beiden rothaarigen Schönheiten noch die Post abgehen würde, beschloss ich, die Beiden nicht länger mit meiner Anwesenheit zu stören, also stand auch ich auf und verabschiedete mich ebenfalls. "Ich werde dann auch mal die Biege machen, bis morgen, ihr zwei." Doch Vera hielt mich am Arm fest und zog mich vom Tisch weg in Richtung des Betts.
"Weißt du, Bad-Man", sagte Vera und schubste mich aufs Bett, "wir zwei hätten da noch ein ganz bestimmtes Dankeschön für dich."
***
Personalfragen
War das eine Nacht!
Wo ich diese Energie hergenommen habe, weiß ich nicht, doch meine beiden Frauen hatten das Letzte aus mir herausgeholt. Beate hatte mich damit überrascht, dass sie eine von Veras Gerten unter dem Kissen hervorzog, mir diese mit beiden Händen entgegenhielt und gemeinsam mit Vera vor mir auf die Knie ging, was die Nacht zu einem unvergesslichen Erlebnis machte.
Ein Blick auf meinen Terminplaner sagte mir, dass ich heute Vormittag noch einen Termin bei einem Abteilungsleiter hatte. Ich beschloss aber, diesen auf den Nachmittag zu verschieben.
Um mich etwas zu erholen, packte ich mich auf das Sofa im Büro, doch an Schlaf war nicht zu denken, denn zu viele Gedanken spukten in meinem Kopf herum. Irgendwann fielen mir dann doch die Augen zu, bis mich der Duft von frischem Kaffee weckte. "Meine" Jessika hatte an mich gedacht und mir einen großen Becher auf den Schreibtisch gestellt - und daneben lag ein Stapel Akten. Auch das ist typisch für Jessika. Die Arbeit schläft eben nie.
Kaum hatte ich an sie gedacht, kam Jessika auch schon herein und fragte mich, ob alles in Ordnung sei.
"Ja, warum?"
"Du hast Augenringe und siehst aus, als ob du die ganze Nacht nicht geschlafen hast."
"Tja, Bad-Man sein ist ein harter Job, aber einer muss ihn ja erledigen", grinste ich, was Jessika genervt aufstöhnen ließ. "Scheint wohl so zu sein. Hier liegen übrigens die Akten der neuen Bewerber."
"Welche neuen Bewerber?"
"Da Tanja jetzt hier im Gefängnis einsitzt, wurde ihre Stelle neu ausgeschrieben. Frank will, dass wir uns die Bewerber ansehen und eine Vorauswahl treffen. Während sich der Bad-Man von der Nacht erholen musste, habe ich schon mal ein paar Kandidaten ausgesucht, jetzt komm in die Gänge, da sind die Bewerbungsunterlagen. Du hast drei Stunden dafür, dann hast du einen Termin mit Frank im Konferenzsaal."
"Auch das noch", dachte ich. Bis jetzt hatte ich gehofft, einen Termin mit Frank umgehen zu können. Zumindest bis die Sache mit Beate erledigt war, denn wenn einer Lunte roch, dann Frank. Wir kannten uns seit Ewigkeiten und Frank war nicht einfach mein Chef, nein, er war auch mein Freud, der sich darauf verließ, dass ich ihm jeglichen Ärger vom Hals hielt. Momentan tat ich aber eher das Gegenteil davon.
Mit seiner Stelle als Direktor hatte er einiges an Verantwortung zu tragen, doch er ließ mir in allen Belangen freie Hand, die einzige Bedingung war, dass es keinen Ärger gab. Dennoch, er kannte mich gut, und ich durfte ihn nicht unterschätzen und schon gar nicht ein falsches Wort fallen lassen.
Also machte ich mich über die Akten her. Es waren sechs Bewerber, davon zwei Frauen. Anscheinend hatte die Emanzipation in diesem Job noch nicht vollständig Fuß gefasst.
"Was war das?", fragte ich mich, als ich die Akte der zweiten Frau vom Stapel nahm, denn die Akte hatte einen Knick im Deckel, was absolut ungewöhnlich für Jessika war. Ich schlug die Akte auf und mein Herz bekam einen Aussetzer.
"Verdammt, Jessika, ich liebe dich!", schoss es mir durch den Kopf, als ich ihren Gedanken begriff und ich grinste in mich hinein. Jessikas Plan war genial und gefährlich zugleich…
Ein grober Überblick reduzierte die Auswahl auf zwei Bewerber.
Von den vier Aussortierten waren zwei Bewerber eindeutig Spinner, die keine Vorstellung hatten, was auf sie zukommen würde.
Die andere Frau kam aus dem medizinischen Bereich und würde sich sicher mit Vera einen Konkurrenzkampf liefern, was unsere Belegschaft als Letztes gebrauchen konnte.
Der Letzte der vier war gerade erst volljährig geworden und ich glaubte nicht, dass er dem psychischen Druck, den der Job hier forderte, auf Dauer standhalten würde.
Somit blieben ein ehemaliger Armeeangehöriger und eine Frau übrig.
Der Armee-Typ hatte das Zeug dazu, sich im Gefängnisalltag zu behaupten, er war mehrmals im Auslandseinsatz gewesen und hatte haufenweise Belobigungen. Die Frau war nach einem längeren Bildungsaufenthalt, der sie durch mehrere Länder geführt hatte, wieder im Land. Sie war als Verwaltungsangehörige eine Zeitlang durch die Staaten getingelt, hatte in verschiedenen Staatsgefängnissen gearbeitet und sogar einen Abstecher nach Singapur gemacht, um den dortigen Justizbehörden über die Schulter zu schauen.
Sie wurde schnell mein Favorit, also schaute ich mir die Akte genauer an.
Sarah Schlosser, 35 Jahre, keine Familie, und bis jetzt bei sieben amtlichen Behörden im Ausland beschäftigt gewesen.
Fairerweise schaute ich mir die Akte des Armeetyps noch einmal an. Wenn ich Frank etwas ablenken wollte, musste ich ihm schon mehr als einen Kandidaten bieten und so beschloss ich, alle Akten mit in die Besprechung zu nehmen.
Pünktlich stand ich im großen Besprechungssaal des Verwaltungsgebäudes. Außer Frank waren noch Abgeordnete des Ministeriums, Mitglieder des Personalrates sowie die Frauenbeauftragte anwesend.
"Gut", dachte ich, "eine Verbündete habe ich schon mal". Mir war aber klar, dass ganz egal, was die einzelnen Teilnehmer anführen würden, entscheiden würde letztlich Frank. Ihn musste ich überzeugen. Die Konferenz begann und wie üblich hatte jeder Teilnehmer seinen Favoriten.
Schnell stellte sich heraus, dass das Rennen zwischen dem Armee-Typ und der Medizinerin stattfinden sollte, wobei der Armee-Typ deutlich mehr Anhänger hatte. Ich hielt mich noch zurück und erst, als Frank mich aufforderte, meine Meinung zu äußern, tat ich das.
"Also, ich schlage Sarah Schlosser vor", warf ich in den Raum und alle sahen mich verwundert an, denn deren Name war bisher noch gar nicht gefallen. Das heißt, nicht wirklich alle waren verwundert, Frank lächelte in sich hinein.
Nach einer kurzen Stille brach ein wirres Stimmengewitter über mich herein.
Ich wartete, bis sich der Sturm gelegt hatte, dann erklärte ich meine Entscheidung.
"Ich sehe bei Sarah den klaren Vorteil, dass sie diese Tätigkeit mit einer gewissen Leidenschaft ausübt. Der Mann, der von der Armee kommt, sieht in diesem Job lediglich eine gut bezahlte Arbeit. Dasselbe gilt für die andere Frau. Doch beide sind es nicht gewohnt die zweite Geige zu spielen, in einem gewissen Maß ist das auch ok, doch hier brauchen wir keine großen Egos oder Karrieremenschen, sondern Teamspieler." Es schadete sicher nicht, an den besonderen Geist in unserer JVA zu appellieren. "Dass es hier so gut läuft, ist der Verdienst von uns allen und von unserer Einstellung zueinander."
Wieder wurde eine laute Diskussion geführt, aus der Frank und ich uns heraushielten. Er zog die Augenbrauen zusammen, als er sich zu mir herüberbeugte. "Warum?"
"Ich habe einfach ein gutes Gefühl bei ihr."
Seine Augen durchbohrten mich beinahe, während er mich lange und nachdenklich ansah.
Unglaublich, Peter, der abgebrühte Bad-Man, schwitzte innerlich und hoffte, dass sein Chef es nicht bemerkte.
"Also gut", sagte er schließlich leise zu mir. "Ich vertraue deinem Urteil und nehme die Schlosser."
"Ich bin sicher, sie wird dich nicht enttäuschen", nickte ich zuversichtlicher, als ich tatsächlich war, versuchte aber, es mir nicht anmerken zu lassen.
Frank dagegen hatte seinen Blick noch nicht von mir abgewandt, als er meinte: "Ich hoffe, du weißt, was du tust."
Die Diskussion ging noch eine Weile weiter, dann gab Frank seine Empfehlung an die einzelnen Abteilungen und niemand widersprach seiner Wahl.
Als die anderen gegangen waren, hielt mich Frank zurück.
"Ich hörte, du hast jetzt einen neuen Freund, Trommer."
"Naja, ich würde Trommer nicht als Freund bezeichnen, und ich glaube auch nicht, dass Trommer diesen Begriff kennt."
"Trommer und ich haben zusammen studiert. Er war schon immer rücksichtslos, wenn es darum ging, ein Ziel zu erreichen. Sei vorsichtig, mach ihn dir ja nicht zum Feind."

