Kitabı oku: «Die Gewissensentscheidung», sayfa 4

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"Ich bin wegen des Drogentests hier, soll ich vor euch ins Becherchen pinkeln…", sie brach ab, als Jessika die Tüte mit dem Messer auf den Tisch warf. Einige Sekunden starrte sie das Messer an, dann sah ich, wie sie wieder Oberwasser bekam. "Das Teil habe ich noch nie gesehen."

"Dann sei froh, dass wir es gefunden haben, es lag nämlich zwischen deinen Hygienebinden, so etwas kann zu hässlichen Verletzungen führen", kommentierte Jessika die Lüge trocken.

In diesem Moment begannen meine Alarmglocken zu läuten! Torres war sich zu sicher! Allein die Tatsache, dass wir das Messer in ihrer Zelle gefunden hatten, müsste sie zumindest besorgt machen, was sie natürlich zu überspielen versuchen würde, doch Torres spielte nicht die Unsichere! Torres war sich sicher!

"Im Ernst, ich habe das Ding noch nie in der Hand gehabt."

"Na klar!", antwortete Jessika, "und eine Erklärung, wie das Messer in deine Zelle kam, hast du auch sicher."

"Vielleicht ein Fehler beim Abpacken der Binden? Außerdem, wer sagt, dass das Messer in meiner Zelle war, vielleicht wollt ihr es mir ja auch unterschieben!"

Diesem Wortwechsel folgte ich nur mit einem Ohr, während meine Gedanken rasten. Das Messer stammte nicht aus der JVA, aber Messer hatten wir schon einige in den Zellen gefunden. Doch das Messer aus Torres' Zelle war das Erste, das in einem Plastikbeutel lag. Eine einfache Untersuchung würde Torres Fingerabdrücke bestätigen und sie der Lüge überführen, was das Unterschieben der Waffe betraf… und dennoch war sich Torres sicher, sehr sicher. Der Handschuh… plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Auf dem Messer waren keine Fingerabdrücke von Torres!

"Wessen Fingerabdrücke sind auf dem Messer?!", fuhr ich dazwischen.

"Was?!"

"Ich will wissen, wessen Fingerabdrücke ich auf dem Messer finden werde!"

"Keine Ahnung, Mann!"

Jetzt da Jessika die Frage verstanden hatte und meinen Gedankengängen gefolgt war, setzte sie auf einen Bluff: "Die Fingerabdrücke von Oberstaatsanwalt Trommer werden es nicht sein, er hat dir das Messer schon in dem Beutel gegeben, nicht wahr?"

Nun konnte ich ein erstes unsicheres Aufflackern in Torres' Augen sehen, das auch Jessika nicht entging. Ja, Torres war ein hartes Mädel, aber eine lausige Pokerspielerin.

"Keine Ahnung, wovon du redest, Wonder-Woman."

"Oh, ich denke doch", grinste Jessika und wies zur Wand, wo eine Kamera hinter Panzerglas angebracht war, "sieh mal." Natürlich war es verboten, die Gespräche zwischen Mandanten und Anwalt bzw. der Staatsanwaltschaft abzuhören, doch das mussten wir Torres ja nicht auf die Nase binden. "Schon mal daran gedacht, dass Trommer dich gelinkt hat?" Doch schon als die Frage in der Luft hing, kehrte die Selbstsicherheit zu Torres zurück. "Ich weiß immer noch nicht, wovon ihr da redet."

"Dann helfe ich dir mal nach!", meinte ich, denn mittlerweile hatte ich eins und eins zusammengezählt, "Trommer gibt dir das Messer, damit du Beate Fischer abstichst. Eine Kindermörderin abzustechen bereitet Elvira Torres keine Probleme. Was hat dir Trommer im Gegenzug versprochen? Haftverkürzung? Verlegung nach Wunsch? Was immer er versprochen hat, er wird es nicht halten können, denn wenn Beate etwas geschieht, wären alle deine Privilegien zum Teufel. Du würdest in den geschlossenen Vollzug kommen und auf die kommenden vier Jahre noch einige dazu packen."

Da sich Torres nur mit einem verächtlichen Gesicht zurücklehnte, setzte Jessika zum Angriff an. "Weißt du, es gibt da ein kleines Problem, an dem Trommer nicht vorbeikommt, nämlich uns Beide. Wir können dir das Leben scheißschwer machen."

"Ihr könnt mir nicht drohen."

"Ich drohe dir nicht, denn du bist schließlich die harte Torres."

"Da hast du verdammt Recht."

"Hast du nicht die Erlaubnis, einmal die Woche mit deiner Tochter zu skypen?", fragte Jessika und sofort kehrte die bekannte Wut in Torres Gesichtszüge zurück. Aber auch eine Spur Angst, denn dieses Privileg hatte Torres bei all ihrem rebellischen Verhalten nie aufs Spiel gesetzt. "Wem wird Brauer wohl glauben, wenn ich ihm mitteile, wo ich das Messer gefunden habe?"

"Ich warne dich, Wonder-Woman, wenn du es wagst…"

"Klappe, Torres!", fuhr ich dazwischen. "Entweder sagst du uns, was Trommer dir versprochen hat oder du siehst deine Tochter erst wieder, wenn du hier rauskommst! Und nach dem Messerfund wird das nicht in vier Jahren sein, sondern eher in fünf!"

"Aber… vielleicht müssen wir dir ja auch gar nicht drohen", schob Jessika nach, "auch wir können Privilegien geben oder garantieren…" Jessika lehnte sich zurück und ließ die Worte bei Torres wirken, die schließlich einknickte.

"Verlegung in den Freigänger-Knast bei Freising", flüsterte Torres leise. "Ich könnte die restlichen vier Jahre dort absitzen und meine Tochter zweimal die Woche treffen."

Hinter Jessikas Stirn rasten die Gedanken ebenso wie in meinem Kopf. Eine solche Verlegung auf Antrag einer Insassin würde von der Staatsanwaltschaft geprüft werden und Trommers Arm wäre sicher lang genug, dass diese dem Antrag zustimmen würde, doch wie sollte das nach einem Mord bzw. einem Mordanschlag gehen? Die Chance, dass Torres in U-Haft käme, wäre um einiges höher… plötzlich packte mich Jessika am Arm und zog mich ein paar Meter weiter in die Ecke des Raumes, wo Torres nicht hören konnte, was sie flüsterte. "Das Messer ist nicht aus der JVA! Jede Wette, es ist aus Fischers Haus! Deswegen die Tüte, deswegen der Handschuh! Auf dem Messer sind die Fingerabdrücke von Beate Fischer und sonst keine!"

"Scheiße!", fluchte ich, "Das gibt Sinn! Wenn Torres sagt, Beate hätte sie angegriffen und sie hätte sich nur verteidigt, und wenn das Messer untersucht wird, auf dem nur die Abdrücke von Fischer sind, dann würde die Staatsanwaltschaft Torres als Zeugin einstufen und sofort verlegen, damit sie sich nicht mit anderen Zeugen absprechen kann! Verdammt clever!" Wir drehten beide den Kopf zu Torres, die sichtlich geschrumpft war.

"Wie solltest du es drehen? Beim Aufschluss, von hinten zwischen die Rippen?", wollte ich wissen.

"Bei der Essensausgabe", antwortete sie, während ihr eine Träne über das Gesicht lief, die sie sofort wütend abwischte.

Das erklärte den Gummihandschuh, denn aus Hygienegründen mussten die Gefangenen, die das Essen ausgaben, Handschuhe tragen. Ein unübersichtliches Handgemenge anzuzetteln war für Torres ein Leichtes, das hatte sie schon mehrfach bewiesen und im Laufe der ersten chaotischen Sekunden Beate das Messer in den Leib zu rammen, würde sie sicher auch hinbekommen. Bis die Beamten die Lage unter Kontrolle brächten, wäre alles schon geschehen und niemand wüsste, was sich wirklich abgespielt hatte. Selbst wenn eine Mitgefangene den Anschlag mitbekam, würde sie ganz sicher den Mund halten, schließlich war Beate nur eine Kindermörderin! "Sitzenbleiben!", befahl ich Torres und ging mit Jessika aus dem Raum heraus. "Was tun wir jetzt?", fragte ich sie im Flur. "Sieh dich um, hier sind eine Menge Torres unterwegs. Wenn sie es nicht macht, tut es eine andere und wir haben absolut nichts, womit wir Trommer festnageln können, außer dem Wort von Torres, das jeder Ermittler oder Richter anzweifeln wird."

"Dieser Staatsanwalt fängt an, mir gewaltig zu stinken", nickte Jessika, "aber das ist unser kleinstes Problem! Wenn Trommer sich auf so ein riskantes Spiel einlässt, dann hat er seinen Plan gut durchdacht. Hinter dem Ganzen muss viel mehr stecken als das, was wir jetzt sehen."

"Egal, wie wir es drehen, ob wir zu Frank gehen oder nicht, Trommer wird zum Zug kommen, wir können es nur verzögern."

"Dann lassen wir ihn eben zum Zug kommen", jetzt sah mich Jessika an.

Ich brauchte einige Sekunden, um den Satz zu verstehen, und starrte sie ungläubig an. "Du willst Beate umbringen lassen?"

"Genau das! Aber das muss verdammt gut geplant werden!"

Jetzt, da ich sie verstanden hatte, schaute ich noch ungläubiger. "Dir ist schon klar, dass Frank ausflippen wird."

"Ja, das ist mir klar, deswegen sag ich ja, es muss gut geplant werden."

***

"Na, Bad-Man, hast du schon den Traum in Rot gesehen?", fragte mich Vera, als wir gegen Abend in unserer Wohnung waren.

"Fischer? Nicht genau, warum?"

"Ach, komm schon, du bist ein miserabler Lügner. Ich habe am Freitag genau gesehen, wie du Beate im Vorbeigehen angestarrt hast, deine Augen haben sie förmlich verschlungen."

"Ja", grinste ich, "sie sieht nicht schlecht aus."

"Schade, dass nur ich sie nackt, ganz ohne Kleider, sehen konnte. Sie hätte dir ganz sicher gefallen", neckte sie mich mit übertriebenem Bedauern.

"Ha, ha!", erwiderte ich gespielt zähneknirschend, dann erzählte ich Vera von Trommers Auftauchen und seinem speziellen Wunsch. Denn um unseren Plan durchzuführen, brauchten wir Vera, die schon bei der Erzählung ganz blass wurde.

"Im Ernst, wir sollen sie in den gelockerten Vollzug lassen?"

"Ja."

"Die anderen werden sie bei der ersten Gelegenheit umbringen! Warum denkst du, tut Trommer das?"

"Tja, er will nach oben. Dafür geht er buchstäblich über Leichen."

"Ist es nicht gefährlich für ihn, Petra Strass ihre Rache zu geben? Irgendwann könnte sich das als Bumerang erweisen."

"Das habe ich auch schon überlegt, aber ich komme nicht hinter seinen Plan… egal, wie sehr ich mich anstrenge! Trommer weiß, dass ich zu Protokoll geben würde, dass die Anweisung Beate in den gelockerten Vollzug zu verlegen von ihm kam und trotz aller Konsequenzen besteht er darauf. Wenn du die Karriereleiter aufsteigen willst, vermeidest du Ärger und suchst ihn nicht, das passt alles nicht zusammen."

"Und Bad-Man, was hast du vor zu tun?"

"Ich habe vor, Trommers Plan zu durchkreuzen und Beate zu schützen. Das Ganze so, dass Frank keinen Herzinfarkt bekommt."

"Warum gehst du nicht zu ihm?"

"Weil es mein Job ist, Ärger von ihm fern zu halten. Am besten, wir sperren sie in einen dunklen Keller, bis das Gericht zu einer Entscheidung gekommen ist."

"Du willst Beate nicht wirklich in den dunklen Keller sperren, oder?"

"Sehe ich so aus?"

"Lass mich raten, du und Jessika habt einen Plan."

"Ja, den haben wir und dafür brauchen wir dich!"

"Dann schieß los", grinste sie verräterisch, doch das Grinsen verging ihr augenblicklich als ich ihr unseren Plan und dabei besonders ihren Part erklärte.

"Weißt du, die nennen dich hier zwar Bad-Man, aber dass du ernsthaft, und ich meine ernsthaft, über so etwas nachdenkst, macht mich wirklich sprachlos! Wie seid ihr auf so einen Schwachsinn gekommen?!"

"Schwachsinnig ist der Plan nur, wenn du nicht mitmachst."

"Wenn ich nicht mitmache? Habt ihr eine Ahnung, was ich dabei riskiere?!"

"Dasselbe wie wir, wenn’s scheiße läuft, fliegen wir im hohen Bogen hier raus."

Vera stand auf und ging einige Male in der Wohnung hin und her, bis sie stehen blieb und sagte: "Ich gehe unter die Dusche, und zwar alleine!"

Das tat sie, wobei ich wusste, dass Vera unter der Dusche nachdenken würde. Also ließ ich ihr die Zeit, die sie brauchte, um zu einer Entscheidung zu kommen. Nach einer guten Viertelstunde kam sie, in ein Handtuch gewickelt, wieder zu mir. "Als ich Beate untersucht habe, sie hat… was denkst du, hat sie ihre Kleine umgebracht, ist sie schuldig?"

"Das Gericht sagt, ja."

"Das war nicht die Frage! Du hast die Akte gelesen, du hast die Berichterstattung mitbekommen, du hast sie im Gericht gesehen! Was denkst du?!"

"Ich weiß es nicht", gab ich zu. "In den Akten steht so gut wie nichts und die Ermittlungsakte kenne ich nicht, die Berichterstattung ging bis zur Verhandlung an mir vorbei und im Gericht… Da ist etwas, das ich nicht greifen kann, eine innere Stimme, die mich warnt, aber ich weiß es nicht. Aber ob schuldig oder nicht, keinem von uns steht es zu, über ihr Weiterleben zu entscheiden. Unser Job ist es, das zu garantieren."

"Ich glaube, sie ist unschuldig und ich will es beweisen, also mache ich bei eurem Schwachsinnsplan mit."

"Dann müssten wir uns als Erstes überlegen, wann wir den Schwachsinnsplan umsetzen."

"Am Samstag!", antwortete Vera. "Am Wochenende hat Schemmlein frei und ich habe das Kommando."

"Gut... dann bleiben noch drei Tage zur Vorbereitung. Apropos Vorbereitung", ich zog ihr das Handtuch herunter, so dass sie nackt vor mir stand, "war das Duschen die Vorbereitung für eine Runde heißen Sex?"

"Wirklich! Du denkst jetzt an Sex?!"

"Wenn ich dich sehe, denke ich pausenlos an Sex."

"Ich denke nicht, dass ich nach deiner Überraschung in Stimmung kommen wer…"

"Ich deute das als ja", unterbrach ich Vera, packte sie, legte sie über meine Schulter und trug sie ins Schlafzimmer.

***

Freitag

"Ich habe gehört, dass du Besuch hattest", fragte Frank ganz nebenbei beim morgendlichen Meeting am Freitag, nachdem wir unseren Entschluss gefasst hatten, Trommer in die Parade zu fahren. "Oberstaatsanwalt Trommer."

"Ja, der war letzte Woche wegen der Fischer-Sache hier. Er wollte mir nur mitteilen, dass er gegen sein eigenes Urteil Revision einlegt."

"Das hätte er auch schriftlich oder am Telefon machen können."

"Ja, aber ich glaube, er hatte noch mehrere Termine hier, wahrscheinlich kam er deswegen persönlich vorbei."

"Wusstest du, dass Trommer neben seinem ehrgeizigen Plan Generalstaatsanwalt zu werden, auch für den Vorsitz bei der PfR - Partei für Rechtsstaatlichkeit - kandidiert?"

"Diese mit braunen Streifen versetzte sogenannte Volkspartei?", fragte ich angewidert. "Ich hätte nie gedacht, dass Trommer soweit sinken könnte."

"Tja, genau das ist das Problem, er sinkt nicht! Da sich die Parteien unserer Landesregierung immer mehr selbst zerlegen, steigen die Werte der PfR. Die letzten Umfragen ergaben, dass die PfR gute Chancen hätte, zweitstärkste Kraft zu werden, wenn die Wahlen morgen stattfinden würden."

"Ja, leider! Aber zum Glück sind morgen keine Wahlen, die gibt’s erst in drei Jahren und ich habe die Hoffnung, dass diese Scheiß-Partei sich bis dahin selbst erledigt."

"Ich schätze deinen Optimismus, aber… das wird eher nicht geschehen. Außerdem, wenn Trommer dort tatsächlich das Ruder übernimmt, bezweifele ich, dass es erst in drei Jahren eine Wahl gibt."

"Wann auch immer Wahlen sind, meine Stimme bekommen sie nicht. Apropos Wahl, hast du schon gewählt, wohin dich dein diesjähriger Hochzeitstagausflug bringt?", versuchte ich möglichst unauffällig das Thema zu wechseln.

"Nein, Iris sagt immer, egal wohin, Hauptsache weit weg von Peter."

"Was bitte habe ich deiner Frau angetan?"

"Irgendwas wird es schon sein, ich werde sie fragen, wenn wir weit von dir weg sind", grinste Frank und ich stand auf. "Ok, ich wünsche dir ein schönes Wochenende", verabschiedete ich mich und war froh, aus dem Büro zu kommen, bevor mich Frank festnageln konnte. Denn ihn zu belügen käme nicht in Frage!

Frank beobachtete, wie ich das Büro verließ, und wartete, bis ich die Tür hinter mir geschlossen hatte. Dann schüttelte er den Kopf. "Irgendwie habe ich das Gefühl, dass mein Wochenende um einiges ruhiger sein wird als deines…"

***

Der Angriff

"Denkst du, Frank hat Lunte gerochen?", fragte Jessika, als ich am Samstagmorgen in ihrem Büro stand und auf den Dienstplan schaute. Laut Plan hatten heute nicht Berrlinger und Eders Dienst in Haus D zu verrichten, wo Beate seit gestern zusammen mit Torres untergebracht war, sondern Hannes Maier und Bernd Gratzweiler, zwei von Deckers "Elite"-Beamten.

"Nein, Eders hat sich gestern Mittag krankgemeldet, für die springt Hannes ein und Gratzweiler hat selbst den Dienst getauscht, da er morgen mit dem Schützenverein unterwegs ist, das ist zumindest seine Version. Wenn Frank etwas wüsste, hätte er Torres von der Essensausgabe ausgeschlossen."

"Wollen wir es hoffen, verdammt ausgerechnet Hannes und Gratzweiler, die riechen normalerweise Ärger meilenweit im Voraus."

"Jetzt bleib cool, Torres wird das schon schaffen."

***

Gegen 11.30 Uhr packten wir beide uns ein paar Alibiakten unter die Arme und gingen in Haus D, wo gerade die Warmhaltewagen mit den Tabletts von den eingeteilten Gefangenen durch das Haus gefahren wurden. Das Büro des diensthabenden Beamten war verschlossen und leer, da Hannes und Gratzweiler die Essensausgabe vorbereiteten. "Hätte nie gedacht, dass ich mal sowas Verrücktes mache", meinte ich und schaute durch die Panzerglasscheibe des Büros zum Flur, wo Torres und eine weitere Mitgefangene begannen, die Wagen zu öffnen und erste Essen verteilten. Dabei ging Gratzweiler voraus, schloss zwei Zellentüren auf, die Gefangenen traten heraus, nahmen ihr Essen in Empfang und Hannes schloss zwei Türen hinter Torres wieder die Türen. Da die meisten Zellen mit zwei Gefangenen belegt waren, standen auf diese Weise oft vier bis fünf Insassinnen gleichzeitig im Flur. Doch da im Haus D Gefangene im offenen Vollzug untergebracht waren, lag die Sicherheitsstufe nicht so hoch. Gegen 11:50 Uhr war die Essensausgabe im ersten Stock abgeschlossen und der Vorgang wiederholte sich eine Etage höher, wo Beate untergebracht war.

"Es geht los", teilte ich Jessika mit, die die Tür aufschloss, einen Stapel Akten nahm und sich in Richtung der Zellen in Bewegung setzte, während ich Vera das Startzeichen gab.

"Verdammt, Torres!", schimpfte ich leise, "nicht so auffällig!" Denn Torres starrte sehr angestrengt nach vorne und vermied jeden Blickkontakt. Gratzweiler schloss gerade die Zelle auf, die zwei Türen vor Beates Zelle lag, als ich auf den Flur trat. Als Gratzweiler Beates Zelle aufschloss, ließ sich Torres unter dem Vorwand zurückfallen, dass der Essenswagen ihr Probleme bereitete. Gratzweiler schloss in der Zwischenzeit zwei weitere Zellen auf, bevor er bemerkte, dass Torres am Wagen hantierte, der sich scheinbar nicht mehr gut lenken ließ. Nun standen sechs Zellen offen und fünf Gefangene standen zwischen Gratzweiler und Beates Zellentür. Hinter Beates Tür standen vier weitere Insassinnen auf dem Flur mit ihren Tabletts, als Beate aus der Zelle kam, um ihr Essen entgegenzunehmen. Als die zweite Gefangene der Essensausgabe das Tablett aus dem Wagen zog, schob Torres den Wagen quer in den Flur, so dass er zwischen Hannes und Beate stand.

Gratzweiler fuhr herum, als laut scheppernd Teller und Tabletts zu Boden fielen und Torres laut "Hilfe!" schrie. Innerhalb von Sekundenbruchteilen bildete sich ein unübersichtliches Gewühl um Torres und Beate, durch das sich sowohl Gratzweiler als auch Hannes erst durchkämpfen mussten. Hannes stieß den Warmhaltewagen aus dem Weg, während Gratzweiler von der anderen Seite kommend die Gefangenen zwischen sich und der laut schreienden Torres zur Seite riss. Als er das Gewühl endlich durchdrungen hatte, riss Gratzweiler Torres von Beate weg, die völlig blutüberströmt dastand und ein Messer in der Hand hielt. "Sie hat mich angegriffen!", schrie Torres, die mehrere Schnittwunden an den Armen hatte. Hannes, der Beates Messerarm gepackt hatte und herumriss, konnte sie gerade noch auffangen, als deren Beine unter ihr nachgaben. "Scheiße!", brüllte er, als er sah, dass Beates Kleider völlig blutgetränkt waren. "Zwei Verletzte durch Stichwunden! Haus D, erster Stock!", brüllte er ins Funkgerät, dann hatten Jessika und ich die Gruppe erreicht. "Ihr schafft die Gefangenen in die Zellen!", schrie ich, packte Torres und drückte sie gegen das Geländer des Ganges, während Jessika die taumelnde Beate aus Hannes Armen riss, um sie einige Meter weiter auf den Boden gleiten zu lassen.

Mittlerweile hatte der ganze Block mitbekommen, dass etwas geschehen war, so dass Hannes und Gratzweiler alle Hände voll zu tun hatten, um wieder Ordnung in das Chaos zu bringen und die Gefangenen auf dem Gang in ihre Zellen einzuschließen. Noch während das Geschrei im Flur anhielt, erreichte Vera den Flur, die sich mit ihrem Notfallkoffer sofort neben Jessika warf, um Beate zu untersuchen. "Peter?!", rief sie, ohne aufzublicken.

"Schnittwunden am Arm, blutend aber nicht bedrohlich!"

"Verdammt!", schrie Torres, "die Scheiß-Schlampe hat mich angegriffen! Alle haben es gesehen! Die Kindermörderin wollte mich abstechen!"

Hannes beugte sich, nachdem alle Zellen geschlossen waren, zu Vera herunter. "Wie sieht‘s aus?"

"Kann ich noch nicht genau sagen, sie muss sofort auf die Notstation!"

„Ok“, antwortete Hannes, drehte sich zu Gratzweiler und stellte fest, dass dieser schon einen Schritt weiter war. Er hatte aus dem Büro schon eine Transporttrage besorgt und kam zur Gruppe gerannt.

"Auf mein Kommando", rief Vera, als die Trage neben Beate lag, die immer mehr in die Bewusstlosigkeit abglitt. "Jetzt!"

Gemeinsam hoben Jessika, Hannes und Bernd Beate hoch und legten sie auf die Trage, mit der Hannes und Gratzweiler sofort losliefen, begleitet von Vera und Jessika. "Los, Torres!", scheuchte ich diese vor mir her in Richtung Krankenstation.

***

"Auf den Tisch, bei drei! Eins, zwei, drei!", schon lag Beate auf dem Behandlungstisch der Notstation und Gritt, die diensthabende Krankenschwester, kam in den Raum. "Gritt, kümmere dich um Torres!", wies Vera ihre Kollegin an und begann, mit einer Schere Beates Kleider aufzuschneiden. "Ihr wartet draußen!", befahl sie Hannes, der zusammen mit Gratzweiler den Raum verließ. "Das wird ein scheiß-langer Bericht!", konnte ich Hannes fluchen hören, als ich mich an ihm vorbei in den Raum drückte. "Gratzweiler, warte bei Torres!", sagte ich zu ihm und er nickte: "Ok."

Nun waren Jessika, Vera und ich mit Beate allein, die mit letzter Kraft noch einmal den Kopf hob und auf die blutverschmierte Kleidung schaute, die Vera aufschnitt. "Ich habe meine kleine Tochter nicht umgebracht…", flüsterte sie, dann fiel ihr Kopf nach links auf die Seite.

***

Als die Tür mit einem deutlichen Knall zufiel, hatte Vera die Kleidung ganz aufgeschnitten und schob sie zur Seite, um die Verletzungen sehen zu können, doch… da waren keine Schnittwunden oder Einstiche, von einem kleinen Einstich einer Kanüle abgesehen. "Dass so wenig Blut eine dermaßen große Schweinerei anrichten kann, ist doch immer wieder erstaunlich", grinste ich. Dabei zog ich die Überreste eines blutigen Kondoms aus meiner Tasche, das mir Torres zurückgegeben hatte - zusammen mit der Spritze, die sie Beate bei ihrem "Anschlag" verpasst hatte. Vera hatte ihr außer dieser Spritze, in der sich ein starkes Betäubungsmittel befand, noch ein mit etwa 200 ml Blut gefülltes Kondom gegeben. Das Blut hatte mir Vera kurz zuvor abgezapft und Torres hatte es im Ärmel ihres Overalls verborgen. Mitten im Chaos hatte Torres Beate die Spritze verpasst, mit dem Messer das Kondom zerschnitten, so dass das Blut sich über sie und Beate verteilte und sich schließlich selbst zwei Schnittwunden am Arm zugefügt, die man sicher als Abwehrverletzungen werten würde. Zuletzt hatte Torres Beate, bei der das Betäubungsmittel schon wirkte, das Messer in die Hand gedrückt und um Hilfe gerufen.

"Ich werde mich um die anderen kümmern", sagte Jessika und ging nach draußen, wo Gritt der Torres schon Verbände anlegte. Hannes, der Gratzweiler bei Torres zurückgelassen hatte, war zurück ins Haus D gelaufen, um dort das Kommando zu übernehmen. Denn durch den Alarm hatten alle Beamte, die im Dienst waren, ihre Sektionen abgeriegelt und warteten auf Informationen.

"Was ist mit Torres?", wollte Jessika von Gritt wissen.

"Zwei mittlere Schnittwunden und zwei leichte Schnitte, die mittleren habe ich klammern können, scheint so, als ob Torres Glück hatte."

"Ich? Die Schlampe hatte Glück! Ich gebe ihr das Tablett, da sehe ich, wie sie mich abstechen will! Nur durch Zufall konnte ich ihre Hand mit dem Tablett ablenken, sonst hätte sie mich voll erwischt."

"Und weiter?"

"Weiter?! Nichts weiter! Ich habe versucht, ihr das Messer aus der Hand zu nehmen, aber sie hat einfach weiter auf mich eingestochen, da habe ich ihr eine verpasst!"

"Und dabei hast du Fischer ihr eigenes Messer in den Bauch gesteckt?“

"NEIN! Ich habe das Messer nicht angerührt! Wenn, dann hat sich die Schlampe das Messer selbst in den Wanst gerammt!"

"Na klar!", schüttelte Jessika den Kopf und sah zu Gratzweiler.

"Ich habe den Angriff nicht gesehen, aber als Hannes die Fischer packte, hatte diese das Messer in der Hand."

"Na, schön", nickte sie und meinte dann zu Bernd: "Du kannst zu Hannes gehen, ich bleibe hier und bringe Torres zurück, wenn sie fertig ist."

"Ok", bestätigte Gratzweiler und machte sich auf zu Haus D. Als Gritt sich herumdrehte, um den Verband zu befestigen, nickte Jessika Torres zu: "Gut gemacht". Diese schloss erleichtert kurz die Augen.

***

Leichenschau

Im Behandlungsraum nebenan schaute ich Vera zu, die Beate ihre Kleidung auszog.

"Etwas Hilfe wäre nicht schlecht", zischte sie und so half ich ihr, Beate zu entkleiden.

"Tja, Bad-Man, ich wette, so hast du dir es nicht vorgestellt, sie mal nackt zu sehen."

"Nicht ganz", bestätigte ich. "Was machen wir mit den Klamotten?"

"Die sind Beweismittel, also packen wir sie in eine Tüte."

"Wird man nicht feststellen, dass es nicht Beates Blut ist?"

"Eine DNA-Untersuchung würde uns auffliegen lassen, aber warum sollte man das tun?"

"Keine Ahnung, ich bin kein Ermittler."

"Dann solltest du jetzt ganz schnell einer werden, denn jetzt, wo du Trommer die Stirn bietest, musst du herausfinden, wozu er das alles tut."

"Ich werde einen Crashkurs belegen", brummte ich. "Ok, was jetzt?", wollte ich wissen, als Beate nackt auf dem Tisch lag. "Wie lange wirkt das Zeug?"

"Sechs Stunden. In fünf Stunden werde ich ihr eine weitere Narkose verpassen, bis dahin wird die Leichenschau hoffentlich beendet sein."

"Leichenschau?"

"Peter! Sie ist tot! Was denkst du, ist hier gleich los?! Frank, die Polizei und eine Menge andere Leute werden die Leiche sehen wollen!"

"Aber…" Scheiße, soweit hatte ich gar nicht gedacht! Ich bin davon ausgegangen, dass sich das Interesse auf die Torres konzentrierte, nachdem Vera den Totenschein ausgestellt hätte. "…wir haben aber keine Leiche zum Anschauen!"

"Dann solltest du mir helfen, aus Beate eine Leiche zu machen. Keine Angst, ich habe beim Bund immer die Verletzten geschminkt, ich weiß, wie eine Leiche aussieht."

***

Weniger als eine Stunde, nachdem der Alarm ausgelöst wurde, bretterte Frank durch die Schleuse, wo er schon von Decker erwartet wurde.

"Was ist los?!"

"Es gab einen Messerangriff im Haus D. Torres war mit dabei, die andere war Fischer."

"Beate Fischer?"

"Ja, angeblich hat Fischer die Torres angegriffen."

"Wo sind die beiden jetzt?"

"Torres wird auf der Krankenstation behandelt, Fischer ist bei Vera auf der Notstation... tot!"

"Tot?!"

"Ja, Vera sagt, sie konnte nichts mehr für sie tun."

"Verdammte Scheiße! Wer war alles dabei?"

"Hannes, Gratzweiler, und welche Überraschung… Jessika und Peter."

"Schaff die Bande in mein Büro, bevor sie mit irgendwelchen Ermittlern reden, und sieh zu, dass die Polizei ihre Arbeit machen kann."

***

"Nur ein Stich?", fragte ich zweifelnd, als Vera ihr "Werk" betrachtete. Beate lag noch immer nackt auf dem Tisch, bloß mit dem Unterschied, dass sie nun eine scheinbare klaffende Wunde im Bauchbereich hatte, die täuschend echt aussah.

"Ja, das reicht völlig aus, dort ist nämlich die Bauchschlagader, das erklärt auch das ganze Blut."

"Wo hast du das gelernt?" Verdammt, die Wunde sah so echt aus, dass selbst mir ein Schauer über den Rücken lief.

"Da gibt’s extra Lehrgänge, die du belegen kannst. Beim Bund hielt ich es für eine gute Idee, alle angebotenen Kurse zu nutzen. So… fertig."

"Und jetzt?"

"Ich mache die Bilder und du kümmerst dich um die Papiere!"

***

Während Vera mit einer Kamera um Beate herum ging, dabei Dutzende Bilder aus allen möglichen Winkeln von ihr machte, setzte ich mich an den Computer und begann, die nötigen Frachtpapiere zu erstellen. Wir hatten eine Leiche und die Staatsanwaltschaft würde zwingend eine Obduktion anordnen, also musste die Leiche in die Gerichtsmedizin, wo sie natürlich nicht ankommen durfte!

Da es bei mehr als 600 Insassen immer wieder vorkam, dass jemand in Haft verstarb, gab es selbstverständlich eine vorgeschriebene Handlungsanweisung. Ein Bestattungsunternehmen wurde von uns, der Verwaltung, mit der Überführung der Leiche beauftragt, diese entweder in die Gerichtsmedizin oder bis zur Bestattung in das zuständige Bestattungsinstitut zu überführen. Des Weiteren gab es den "Einlieferungsbeleg" der Gerichtsmedizin, der bestätigte, dass die Leiche dort angekommen war. Von allen diesen Papieren hatte ich Blankobelege gespeichert, die ich nun ausfüllte. Lediglich den Beleg der Gerichtsmedizin musste ich "anpassen", doch ein von Jessika eingescanntes Dokument eines früheren Vorgangs hatte ich in ein neues Blankodokument umgewandelt. "Cool", dachte ich, als ich die Dokumente erstellte, "früher wäre das "Anpassen" solcher Dokumente nicht so einfach gewesen".

"Fertig!", rief ich und druckte die Dokumente aus, unterschrieb sie, um sie dann in einer Schublade verschwinden zu lassen.

"Ich bin auch so weit. Durch die Bilder werden sie sich die Leiche hier nicht genau ansehen wollen, ich denke, wir kommen damit vorerst durch. Was machen wir nachher mit ihr? Hierbleiben kann sie nicht."

"Nein, in ihrer Zelle kann sie aber auch nicht bleiben, es sei denn wir weihen Decker und sein Team ein."

"Keine gute Idee. Jessika hält doch immer für Notfälle ein paar Zellen frei, wie wäre es damit?"

"Ich weiß nicht… nein, sie muss essen und wir können sie auch nicht einfach auf Dauer dort hineinstecken, ohne dass es jemand bemerkt…"

"Wir nehmen meine Wohnung."

"Deine Wohnung?"

"Ja, die ist perfekt!"

Noch während ich über ihren Vorschlag nachdachte, musste ich ihr Recht geben. Veras kleine Wohnung lag am Ende desselben Flures, in dem auch meine eigene Wohnung lag. Sie war lediglich etwas kleiner und Veras Wohnung stand zurzeit mehr oder weniger leer, da sie die meiste Zeit bei mir verbrachte.

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Serideki Birinci kitap "Soulebda Reihe"
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