Kitabı oku: «Die Gewissensentscheidung», sayfa 5
Die Idee, Beate dort unterzubringen, hatte natürlich Vor- und Nachteile… Die Wohnung lag abgelegen und die dicken Wände des ehemaligen Archives würden keinen Laut nach draußen dringen lassen, auch die Fenster waren - wie alle Fenster im Gebäude - vergittert, Schwachstelle war lediglich die Tür… Aber da würde sich sicher eine Lösung finden lassen. Je länger ich darüber nachdachte, umso besser gefiel mir die Idee.
"Ok, jetzt… wie bekommen wir sie dort hinein? Und wie sorgen wir dafür, dass sie friedlich bleibt?"
"Sie weiß doch noch nichts von dem geplanten Anschlag auf sie?"
"Nein, sie weiß noch nichts von ihrem Glück".
"Dann weihen wir sie ein! Wenn sie erfährt, dass ihr Leben in Gefahr ist, wird sie sicher mit uns zusammenarbeiten."
"Hm, da ist was dran… ok, wir warten bis heute Abend, wenn die Nachtschicht begonnen hat, solange musst du sie bewusstlos halten."
"Kein Problem", nickte sie selbstbewusst, als sie mich plötzlich am Arm festhielt. "Hast du gehört, was sie sagte?"
"Ja, habe ich. Ich habe meine kleine Tochter nicht umgebracht."
"Ich glaube nicht, dass jemand, der denkt, er stirbt, in diesem Moment lügt!"
Ja, diese Worte hatten sich in mein Gehirn eingebrannt, doch bis jetzt fehlte mir die Zeit, darüber nachzudenken. "Ja, ich habe es gehört!" Doch auch jetzt konnte ich mir darüber keine Gedanken machen, denn Franks Stimme donnerte durch die Luft. "Was gibt’s hier herumzustehen?! Macht euch auf den Weg zu euren Stationen, und zwar sofort!"
"Los, hilf mir" flüsterte Vera und bedeckte Beate völlig mit einem Laken. Kaum lag das Laken über Beate, riss Frank auch schon die Tür auf. Ohne ein Wort zu verlieren, zog er das Laken von Beates Gesicht und schaute dann zu Vera.
"Ein Schnitt in die Bauchschlagader. Sie ist innerhalb von zwei Minuten verblutet."
Frank nickte und hob das Laken soweit an, dass er den "Einstich" sehen konnte, dann richtete er das Laken wieder ordentlich, ja, beinahe liebevoll, über Beate. Anschließend drehte er den Kopf zu mir und zischte: "In mein Büro! Jetzt!"
***
"Das interessiert mich einen Scheiß!", hörte ich Frank zu einem Ermittler des LKA sagen, der in seinem Vorzimmer stand. "Meine Beamten werden mit Ihnen reden, nachdem ich mit ihnen geredet habe und weiß, was vorgefallen ist! Solange können Sie sich es bequem machen, ich werde es Sie wissen lassen, wenn ich fertig bin!"
Wir, das waren Jessika, Hannes, Gratzweiler und ich, standen in Franks Büro, als der Kommissar versuchte, in Franks Büro vorzudringen, um uns zu vernehmen. In derselben Zeit sahen sich weitere Polizisten den Flur im Haus D an, machten Bilder und befragten die Gefangenen, die sich zur Tatzeit auf dem Flur aufhielten. Da der Ermittler Franks "Bitte" zu warten nicht allzu ernst nahm, teilte dieser ihm nun unmissverständlich mit, wer hier das Sagen hatte! Frank ließ ihn stehen, kam ins Büro zurück und warf die Tür hinter sich zu. "Ich gehe nicht davon aus, dass ich euch einzeln befragen muss! Also! Auf der Krankenstation liegt eine verdammte Leiche, was zur Hölle ist passiert?!"
Hannes wollte gerade antworten, als die Tür aufging und Decker dazu kam: "Ich habe Johann abgeordnet, die Polizei zu unterstützen." Was hieß, Johann würde Decker alles berichten, was die Polizei tat, denn ohne einen Beamten mit Schlüssel konnten sie ihre Arbeit nicht machen.
"Also?", fragte Frank nach.
"Torres und Saar haben die Essen verteilt, als Torres plötzlich um Hilfe rief. Sie gibt an, dass Fischer versucht hat, mit einem Messer auf sie einzustechen."
"Hast du das gesehen?!"
"Nein, der Wagen mit den Tabletts stand zwischen mir und Torres, aber als ich Fischer erreichte, hatte sie ein Messer in der Hand."
"Bernd?"
"Ich habe es scheppern hören, dann rief Torres um Hilfe. Auch ich habe den Angriff selbst nicht gesehen, da zwischen Torres und mir sechs Gefangene standen, die sich natürlich sofort um die beiden scharrten. Aber auch ich habe gesehen, wie die Fischer das Messer in der Hand hielt."
"Was ist mit euch?"
"Wir waren zufällig im Flur", begann Jessika, "ich stand etwa zehn Meter entfernt und kam erst dazu, als Hannes und Bernd die Fischer von Torres trennte."
"Was ist mit dem Messer?"
"Das habe ich erst gesehen, als es im Flur lag", antwortete ich. "Ich habe Torres geschnappt und festgehalten, damit Hannes und Gratzweiler die Lage im Flur unter Kontrolle bringen konnten."
"Also hat Fischer die Torres angegriffen?"
"So sieht es zumindest aus."
"Und wieso liegt dann Fischer tot auf der Krankenstation?!"
"Keine Ahnung! Ich habe das Messer nur kurz gesehen, aber es schien beidseitig geschliffen zu sein. Vera sagt, dass sie durch einen einzigen Stich ums Leben kam, der ihre Bauchschlagader traf. Gut möglich, dass sich Fischer im Handgemenge selbst verletzt hat."
"Wie kam Fischer an das Messer?!"
"Weiß ich nicht."
"Hat einer von euch eine Idee, woher das Messer kam?" Frank sah die anderen nacheinander an und alle schüttelten den Kopf. "Na schön! Sonst noch etwas, dass ich wissen sollte, bevor die Polizei übernimmt?"
"Nein."
"Dann ab mit euch!"
Wir verließen Franks Büro und nur Decker blieb zurück, der sich mit steinerner Miene auf einen Stuhl setzte.
"Was denkst du?", fragte ihn Frank.
"Das ist Bullshit! Elvira Torres, der Kessel, der ständig zu explodieren droht, soll das arme Opfer sein? Ich könnte beinahe darüber lachen. Fischer ist erst ein paar Tage hier, woher soll sie das Messer haben?"
"Du meinst, Torres hatte das Messer?"
"Natürlich hatte sie es! Aber Torres Zelle wurde erst kürzlich unangemeldet durchsucht, da hatte sie definitiv noch kein Messer!"
"Fest steht, dass ein Messer im Spiel war, Fischers Leiche beweist das! Außerdem sagen Hannes und Gratzweiler übereinstimmend, dass Fischer das Messer in der Hand hielt."
"Für die beiden würde ich meine Hand ins Feuer legen, wenn sie sagen, dass Fischer das Messer hatte dann war es auch so. Doch eines steht fest, das Messer ist nicht aus der JVA, es wurde eingeschmuggelt! Irgendjemand hat es der Fischer zugesteckt, und zwar erst kurz zuvor! Die Frage lautet, wer war der Schweinehund!"
"Jessika und Peter sagen auch das Gleiche."
"Ja", schnaubte er, "natürlich sagen beide dasselbe, die beiden steckten schon immer unter einer Decke!"
"Du glaubst nicht ernsthaft, dass die Zwei damit etwas zu tun haben?"
"Ich finde es nur reichlich seltsam, dass sie zufällig gemeinsam vor Ort waren."
"Gehen wir mal davon aus, dass alle vier die Wahrheit sagen und das will ich ihnen Gott-verdammt-nochmal raten, dann ist Torres unsere Schlüsselfigur. Schaff' sie in das Besprechungszimmer…" ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn, als einer seiner Beamten den Kopf durch die Tür steckte.
"Sorry, Chef, die Staatsanwaltschaft ist da!"
"Soll warten!"
"Nein, nicht hier, ich meine hier in der JVA und der zuständige Staatsanwalt will sofort die Hauptzeugin Torres vernehmen."
"Wer ist der zuständige Staatsanwalt?", fragte Frank, obwohl er die Antwort schon kannte.
"Oberstaatsanwalt Trommer."
Decker und Frank sahen sich besorgt an, denn Frank wusste, dass er keine Chance hatte, Trommer zuvorzukommen – das ging nicht wie bei dem Kommissar. Torres war eine Insassin und keine seiner Beamten… "Ok, lassen Sie Torres in das Besprechungszimmer bringen."
"Sofort, Chef!" Damit drehte sich der Beamte zackig um und lief los.
"Verdammt!", fluchte Frank, sah Wolfgang an und der nickte nur: "Bin schon unterwegs!"
***
Ohne eine Miene zu verziehen stand Oberstaatsanwalt Trommer neben der Leiche von Beate Fischer und sah auf diese herunter, wobei sein Blick auf der klaffenden Wunde hängen blieb.
"Sie haben die Leiche nicht gereinigt?", wollte er von Vera wissen und zeigte auf die Blutspuren.
"Selbstverständlich nicht, schließlich ist sie praktisch ein Beweisstück, zudem habe ich eine Menge Fotos gemacht, nachdem ich den Tod festgestellt habe", antwortete Vera, die innerlich tausend Tode starb. Zwar hatte sie aus nachvollziehbaren Gründen nur Beates Bauch frei gelassen und Unterleib sowie Gesicht und Oberkörper abgedeckt, doch in Wahrheit diente dies dazu, die minimalen Atembewegungen zu verschleiern. Sollte Trommer auf die Idee kommen die "Leiche" ganz aufzudecken, würde alles Auffliegen. Dennoch stand sie selbstsicher neben dem Staatsanwalt und sagte: "Wenn es Sie interessiert, auf dem Computer können Sie sich alle Bilder anschauen. Ich leite sie auch gerne an Ihre Mail-Adresse weiter."
Trommer riss sich schließlich von dem Anblick los und nickte. "Natürlich werde ich eine Obduktion anordnen, die Ihre Untersuchung sicher bestätigen wird."
"Selbstverständlich, Herr Oberstaatsanwalt, ich werde die Leiche von Frau Fischer schnellstmöglich in das gerichtsmedizinische Institut überführen lassen."
***
"Ich konnte ausgiebig mit Frau Torres reden, sie scheint zu bestätigen, was bisher über den Vorfall bekannt ist. Daher wird Frau Torres unverzüglich in eine andere JVA verlegt", teilte Trommer Frank mit. "Sie ist eine zu wichtige Zeugin und daher kann ich nicht riskieren, dass sie ihre Aussagen mit anderen Insassinnen im Nachhinein abspricht."
"Dazu muss sie nicht in eine andere JVA, wir haben durchaus die Möglichkeit, sie in einem anderen Haus unterzubringen."
"Nein! Sie wissen genau, wie der Knastfunk funktioniert. Wenn sich zwei Gefangene absprechen wollen, werden sie es nicht verhindern können. Es sei denn, Sie stecken sie in den BgH (Besonders gesicherter Haftraum) und das würde bei Torres über das Ziel hinausschießen, schließlich scheint der Angriff nicht von ihr ausgegangen zu sein."
"Ich bezweifele diese Version, anders als Torres schien Fischer wenig gewaltbereit zu sein."
"Wie meinen Sie das?"
"Kommen Sie! Fischer saß wegen Kindesmord ein, also war sie Freiwild! Doch das wissen Sie ja alles bereits, schließlich war es Ihre Idee, Fischer in den gelockerten Vollzug zu verlegen!"
"Das sehen Sie völlig falsch. Es war nicht meine Idee, es steht so im Gesetz, werfen Sie mal einen Blick in die Bücher, die hinter Ihnen stehen", antwortete Trommer gelassen und wies auf das Bücherregal an der Wand. "Nach den ersten Vernehmungen zu urteilen, scheinen Ihre Beamten sich korrekt verhalten zu haben, daher sehe ich keinen Anlass, Verfahren gegen diese einzuleiten. Sie brauchen sich also keine Sorgen um Ihre Leute zu machen. Natürlich muss von Amts wegen ein Verfahren wegen eines Tötungsdeliktes gegen Unbekannt eröffnet werden."
"Was ist mit Torres?"
"Sie wird nach Freising verlegt, veranlassen Sie bitte das Nötige." Damit stand Trommer auf und ließ Frank in seinem Büro zurück.
Kaum hatte der Staatsanwalt die Tür hinter sich geschlossen, kam Decker zurück.
"Und?", wollte Frank wissen.
"Keine Chance, Trommer wusste, dass wir zuhören! Er hat die Befragung von Torres genau nach Drehbuch abgehalten. Torres hat laut und deutlich ihre Version wiederholt, Fischer hat sie angegriffen und sich im Handgemenge selbst verletzt."
"Was, wie du so schön festgestellt hast, Bullshit ist."
"So ist es! Also, was tun wir jetzt?"
"Wir? Wir beide tun erst einmal gar nichts, Jessika und Peter sollen sich darum kümmern."
"Was?! Die beiden hängen doch bis über beide Ohren in der Sache mit drin!"
"Eben! Sie haben die Suppe eingebrockt, also sollen sie diese auch auslöffeln."
"Das ist eine Scheiß-Idee."
"Ich weiß nicht… vielleicht sollten wir ihnen vertrauen. Schließlich haben sie die letzten zwanzig Jahre auch gewusst, was sie tun."
"Ich sag es nochmal fürs Protokoll! Das ist eine Scheiß-Idee!"
"Zur Kenntnis genommen!"
***
Vera schloss die Tür zum Flur auf und schaute nach rechts und links. Es war gegen 22 Uhr und die Flure lagen verlassen da, nachdem sich die Aufregung gelegt hatte. Es war wieder Routine eingekehrt, als die Polizei ihre Tatortuntersuchungen abgeschlossen, das Messer sichergestellt und die Zeuginnen befragt hatten. Gegen 20 Uhr, die Polizei war seit einer Stunde weg, war ein Leichenwagen in die JVA gefahren, der den Transportauftrag bekam, einen versiegelten Transportsarg und eine verschlossene Transportbox mit Proben in das gerichtsmedizinische Institut Mainstadt bzw. nach Frankfurt zu überführen.
Vera und ich luden den Sarg selbst in den Leichenwagen, gaben dem Fahrer die Probe, zusammen mit den nötigen Papieren und dieser verließ die JVA wieder. Nun war die Leiche von Beate Fischer also offiziell nicht mehr in der JVA.
"Alles klar", nickte sie und stieß die Tür auf. Da überall in der JVA Kameras installiert waren, hatten wir Beate in einen größeren Transportsack aus der Kleiderkammer gesteckt und auf das untere Blech eines Rolltisches gelegt. Auf dem oberen Blech lagen Kleider und Gegenstände, die wir in das Verwaltungsgebäude fuhren. Hier gab es nur am Eingang eine Kamera, also konnten wir Beate zum Aufzug und in den dritten Stock bringen.
Zusammen schoben wir den Rolltisch vor Veras Wohnung, die diese schnell aufschloss. Als die Tür hinter uns geschlossen war, atmete ich erleichtert auf, dass alles glattgegangen war. "Dass eine Leiche so schwer sein kann", brummte ich, während wir den Transportsack auf das Bett hoben und Beate herausholten. "Ich brauche eine Schüssel mit Wasser und Seife", sagte Vera und begann, Beate das Blut abzuwaschen und ihr die "Wunde" abzunehmen. Da ich damit beschäftigt war, den Transportsack zusammenzulegen und frisches Wasser zu holen, sah ich Veras Blick nicht, als sie Beate das Gesicht säuberte. Schließlich war Vera fertig und Beate lag sauber auf dem Bett. "Da hinten im Schrank muss ein Schlafanzug sein." Vera zeigte auf einen Schrank in der Ecke, aus dem ich einen Schlafanzug holte, den Vera Beate überzog.
"Das war es, jetzt heißt es warten", meinte Vera und wir setzten uns gemeinsam auf das Sofa, das in Sichtweite des Bettes stand und warteten.
Beate lag friedlich im Bett und ihre feuerroten Haare leuchteten auf dem hellen Kissen. Ich legte meinen Arm um Vera und betrachtete Beate, während immer wieder der Satz auf mich einhämmerte, den Beate für ihre letzten Worte hielt.
"Ich habe meine kleine Tochter nicht umgebracht."
Und eine leise Stimme in meinem Kopf flüsterte: "Was, wenn das wahr ist?"
***
"Ich glaube, sie kommt zu sich", flüsterte ich leise, als Beate sich leicht bewegte. Die kurz eingenickte Vera war sofort hellwach, denn jetzt kam der heikelste Moment.
Sie stand auf und setzte sich neben Beate auf die Bettkante, wo sie ihre Hand liebevoll in ihre nahm.
Beate öffnete kurz die Augen und blinzelte, schloss die Augen wieder, dann riss sie die Augen panisch auf und begann sofort ihren Bauch abzutasten.
Als Beate losschreien wollte, legte Vera den Arm um sie.
"Ruhig, ganz ruhig. Ich habe dich ganz fest!" Sie beugte sich zu ihr und nahm Beate fest in ihre Arme.
Beate hatte mittlerweile erfasst, dass sie nicht tot war, sondern irgendwo zusammen mit fremden Menschen in einer völlig fremden Umgebung. Ihre Blicke wanderten panisch durch den Raum und blieben an mir hängen. Jetzt brach die Angst durch und sie fing an zu schreien.
Vera schickte mich mit einem Wink aus der Sichtweite, also setzte ich mich in die Essecke der kleinen Wohnung. "Bitte versuche, dich zu beruhigen. Dir ist nichts passiert." Vera streichelte ihr den Kopf und strich Beate über die Wange.
"Was ist passiert? Wieso? Wo bin ich?"
"Es tut mir leid, dass wir dich nicht vorwarnen konnten. Wir haben deinen Tod nur vorgetäuscht. Du bist bei mir in meiner Wohnung."
Nun fing Beate an, hemmungslos zu weinen. "Warum quält ihr mich so?", schluchzte sie. "Warum…?"
"Deinetwegen!", sagte ich mit harter Stimme, trat hinter Vera hervor und sah sie mit festem Blick an. "Ich will eine Antwort! Deine letzten Worte waren: <Ich habe meine kleine Tochter nicht umgebracht.> Ich will wissen, ob das stimmt!"
Beate liefen die Tränen über das Gesicht, als sie mit ihren smaragdgrünen Augen direkt in meine sah.
"Ich habe versucht, sie zu retten", sagte sie tränenerstickt. "Ich habe alles versucht. Ich habe gesehen, wie er sie gewürgt hat und riss ihn weg, aber ich konnte ihr nicht mehr helfen. Ich weiß nicht mehr, was ich alles getan habe, um sie zu retten, aber ich höre noch immer dieses schreckliche Lachen. Die ganze Zeit hat sie gelacht und mich verhöhnt. Dann habe ich das Messer genommen…"
"Wer hat gelacht?"
"Petra Strass!", presste sie hervor und der Hass kehrte in ihre Augen zurück.
In den zwanzig Jahren, die ich nun schon mit Menschen in der JVA arbeitete, hatte ich mir eine gesunde Menschenkenntnis angeeignet und wusste, wann mich jemand anlog und wann er die Wahrheit sagte. Was Beate sagte, war die Wahrheit und in meinem Kopf legte sich ein Schalter um. "Das war es mit deinem Plan, Trommer!"
Vera sah mich nur mit schmalen Augen an. Sie hatte während Beates Erzählung die Lippen zusammengepresst und ihre Augen fingen an zu blitzen.
"Ich will dich nicht anlügen, vor ein paar Tagen kam Trommer zu mir und hat deine Verlegung in den offenen Vollzug angeordnet, obwohl ich ihn auf die Gefahr eines Angriffs auf dich hinwies. Er bat mich, es als persönlichen Gefallen zu sehen! Genau das waren seine Worte. Ich bin auf diesen Gefallen eingegangen, um Zeit zu schinden, denn tatsächlich steht dir das Recht zu, bis zum endgültigen Urteil im gelockerten Vollzug zu sein. Dann haben wir konkrete Hinweise auf einen Anschlag auf dich bekommen. Um mehr herauszufinden und um dein Leben zu schützen, haben wir deinen Tod vorgetäuscht. Der musste leider sehr echt wirken, daher konnten wir dich nicht vorher einweihen. Jetzt, da du tot bist, müssen wir herausfinden, warum Trommer will, dass du stirbst."
"Der Staatsanwalt? Warum macht er das? Er hat mich zu lebenslang verurteilen lassen! Warum will er mich umbringen lassen?"
"Tja, gute Frage. Da gibt es wohl mindestens zwei verschiedene Gründe. Erstens, er hat ein Verhältnis und will sich dieses bei Laune halten."
"Ein Verhältnis? Mit wem?"
"Petra Strass."
Beate, die sich aufgesetzt hatte, riss die Augen auf, denn jetzt schien ihr klar zu werden, warum Trommer dieses Urteil für sie gefordert hatte. "Nein", keuchte sie. "Nicht noch einmal. Das kann er nicht tun. Nicht für diese Schlampe."
"Der wahre Grund ist viel schlimmer."
"Schlimmer, als dass die Frau, die dein Kind umbringt, auch noch dich töten lässt? Das glaube ich kaum!"
"Oh, doch. Trommer nimmt das nur als Vorwand. Jeder soll genau das glauben. Der wahre Grund ist, er benutzt dich. Dich und deinen Fall."
"Ich verstehe nicht. Mein Fall ist abgeschlossen und ich wurde verurteilt. Warum soll er mich töten lassen?"
"Um ehrlich zu sein, ich weiß es noch nicht, aber Trommer tut das sicher nicht ohne Grund. Und den werde ich herausfinden müssen. Wenn du Trommer eins auswischen und dafür sorgen möchtest, dass Petra Strass nicht ungeschoren davonkommt, dann tust du, was wir dir sagen. Was das ist, wird dir Vera erklären. Aber ich warne dich! Wenn du auch nur eine einzige Dummheit machst, schleppe ich dich zurück in Haus D und das wirst du das zweite Mal sicher nicht lebend verlassen! Hast du mich verstanden?"
Sie starrte mich eine halbe Minute schweigend an. Der traurige und entsetzte Ausdruck in ihren Augen war mittlerweile einer festen Entschlossenheit gewichen. Nein, Beate würde keinen Ärger machen, Beate würde alles tun, um sich an Petra Strass zu rächen, und wenn es das Letzte wäre, was sie auf dieser Welt tun würde.
"Ja, ich habe dich verstanden."
"Ok, wir sehen uns morgen, schlaf etwas, morgen früh reden wir", nickte ich ihr zu und ging zur Tür. Da sagte sie: "Entschuldige …" und sah sie Vera hilfesuchend an.
"Peter."
"Entschuldige, Peter, du hast gesagt, anfangs hättest du es nur getan, um Zeit zu gewinnen. Und warum tust du es jetzt?"
"Wenn das stimmt, was du mir gesagt hast, dass die Strass am Tod deiner Tochter schuld ist, werde ich dich heraushauen… Ich kann bei einem solchen Unrecht nicht einfach wegschauen." Ich hatte die Tür fast erreicht, als sie mich fragte: "Wann hast du diese Entscheidung getroffen?"
Ohne den Kopf zu drehen, blieb ich noch einmal kurz stehen und brummte wahrheitsgemäß: "Vor zwei Minuten!"
***
"Verflucht, auf was habe ich mich da eingelassen?!" Es war weit nach Mitternacht und ich saß grübelnd auf meiner Couch. An Schlaf war nicht einmal ansatzweise zu denken, denn immer mehr Fragen kamen in meinem Kopf auf. Das Wichtigste, Beate war offiziell tot! Sie konnte nicht "einfach" wiederauftauchen, wie sollte sie plötzlich wieder lebendig werden?
Selbst wenn Trommer… und der hatte sicher kein Interesse, dass Beate von den Toten auferstand. Oder? Die Frage blieb… Warum wollte Trommer wirklich, dass Beate verschwand?
Die Geschichte mit der Strass war vorgeschoben, da war ich mir sicher. Die hatte er mir erzählt, damit ich genau dies denken sollte. Doch sich so zu gefährden, nur um seine Liebschaft bei Laune zu halten, dafür war Trommer zu schlau. Trommer wollte ein Medienspektakel, er wollte einen Aufhänger für… ja, aber für was? Das wusste ich noch nicht, aber es stand im Gegensatz zu dem, was Frank mir erzählt hatte. Nämlich, dass Trommer sich bei der breiten Öffentlichkeit beliebt machen wollte, um auf diese Weise auf Stimmenfang zu gehen. Aber man bekam keine Wählerstimmen, wenn man mit dem Tod einer Gefangenen in Zusammenhang gebracht wurde!
Vor zehn Minuten war die Pressemitteilung herausgegangen, in der stand, dass Beate Fischer am gestrigen Tag bei einer Auseinandersetzung getötet wurde.
Der Fall Fischer machte derweil noch immer Schlagzeilen, die Zeitungen brachten Beates Bild auf der Titelseite. Welchen Nutzen hatte eine tote Beate für ihn? Das war die 1-Million-Euro-Frage!
Tief in Gedanken versunken hatte ich überhaupt nicht mitbekommen, wie Vera in die Wohnung kam. "Sie schläft."
"Wenigstens eine von uns", brummte ich.
"Peter. Ich bin stolz auf das, was wir getan haben."
"Wir haben unsere Köpfe selbst in die Schlinge gelegt, darauf bin ich nicht unbedingt stolz."
"Du weißt genau, was ich meine. Sie ist unschuldig!"
"Unschuldig oder nicht, ein ordentliches Gericht hat sie verurteilt. Wenn die Sache schief geht, können wir ohne Umweg für den Rest unseres Lebens zum Jobcenter laufen."
Vera schwieg eine Weile, dann flüsterte sie. "Sie wäre es wert." Dann blickte sie zu mir und fragte mich. "Wie gehen wir weiter vor?"
"Wir reden mit Trommer. Er wird sehr schnell merken, dass er keine Leiche hat, also wird er uns aufsuchen. Dabei lassen wir ihn weiterhin im Glauben, dass wir es nur für ihn tun, zu seinem persönlichen Gefallen. Wir können ihn hinhalten und den Preis für Beates Leiche nach oben schrauben. Mal sehen, wie weit Trommer mitgeht, vielleicht verrät er sich ja irgendwie, aber wir können keinen Krieg gegen ihn führen, der wäre nicht zu gewinnen."
"Wow, das hast du dir in so kurzer Zeit ausgedacht? Nicht schlecht."
„Kommt daher, dass wir einige Erpresser hier einsitzen haben“, versuchte ich zu grinsen, doch irgendwie gelang mir das nicht richtig.
Vera hatte begonnen, sich auszuziehen, ging ins Bad und machte sich bettfertig, dann kam sie zu mir, stellte sich nackt vor mich und lächelte. "Sagtest du nicht neulich, du musst immer an Sex denken, wenn du mich siehst? Beweis es und komm jetzt ins Bett, du Retter unschuldiger Frauen. Morgen wird es hoch her gehen."
"Oh, je", dachte ich, "gerettet ist Beate noch lange nicht und wir schon gar nicht!" Aber in einem Punkt hatte Vera absolut Recht… heiß hergehen würde es morgen ganz sicher!
***
Der erste Auftrag
Eines Tages klingelte bei mir das Telefon. Mein Onkelchen, besser gesagt Dagan Meir, war am Apparat. Da ich gerade abkömmlich war, hatte er einen Job für mich. "Mischka, meine geliebte kleine Mischka. Wir haben ein kleines Problem. Bitte schau in das spezielle Postfach. Ich habe dir etwas geschickt, wir reden danach weiter."
"Michelle, ich ziehe meine Pause vor." Michelle winkte mir zu und prüfte eine defekte elektronische Schaltung.
"Ja, Onkelchen, ich schau gleich nach. Weißt du schon etwas Neues wegen meiner Dinge, die noch in den Staaten geblieben sind? Meine ganzen Kleider und die guten Spielsachen fehlen mir hier."
"Keine Angst, meine geliebte Mischka, das ist alles bereits geregelt. Ich habe die Kleider und deine Spielsachen an eine sichere Adresse senden lassen. Damit sie nicht etwa verloren gehen. So etwas soll in den USA schon einmal vorkommen."
"Gut, ich habe die Datei geladen, bei Fragen melde ich mich bei dir."
"Sehr schön, wie immer wünsche ich dir gutes Gelingen und eine perfekte Arbeit." Damit verabschiedete sich mein Gönner und ich ging den aktuellen Fall durch.
***
Auf der Antilleninsel St. Vincent hatte sich ein ehemaliger Agent der CIA seinen Alterssitz errichtet. Bereits zwei Teams der Amerikaner waren dabei gescheitert, ihn aus dem "Dienst" zu entfernen. Einen versteckten Luftangriff konnte man nicht fliegen, da rings herum bewohnte Häuser standen und der Anflug nur aus der Richtung der hohen Berge möglich war. Dort aber warteten Raketen auf ungebetene Gäste. Gegen Tiefflieger gab es modernste tragbare Raketen, sogenannte Manpads (Man Portable Air Defence System). Die beiden Radaranlagen zum Schutz der Villa waren hochmodern und würden sogar kleine Angriffsdrohnen erkennen.
Aus den verschlüsselten Datensätzen ging hervor, dass Albert Horastonian, so lautete sein wirklicher Name, Bestechungsgelder für Afghanistan umgeleitet hatte und zwei größere Lieferungen Opium damit bezahlt hatte. Damit wollte er das große Geld in den Staaten machen, unter Verwendung eines ganz unmenschlichen und gemeinen Tricks.
Er beauftragte seine Leute, junge, unbekannte Mädchen zu entführen und umzubringen, ließ sie dann tiefgefroren aus Afghanistan in die Staaten zur Einäscherung und Beisetzung überführen. Die wichtigsten Stationen wurden dabei bestochen, die armen Mädchen waren innerlich ausgeweidet und aufgefüllt mit Drogen. Die Mädchen, die dabei starben, bedeuteten Horastonian keinen Cent.
Da mein Freund Gerome in Kingstown eine Niederlassung hatte, wo ich in der Reparaturwerkstatt arbeitete, war ich problemlos auf die Insel gekommen. Horastonian überwachte nämlich jeden, der die Insel betrat und sie wieder verließ. Meine Elektronik-Kenntnisse waren in dem Geschäft natürlich sehr nützlich, denn eines Tages, als Michelle außer Haus war, erschienen drei Männer in der Niederlassung und checkten mich ab.
"Sagen Sie, kann man diesen Sender auch an jede Stabantenne anschließen?"
"Oh, das sollten Sie tunlichst lassen, der sendet mit maximal 250 Watt. Das sollten Sie keiner Stabantenne zumuten, nehmen Sie diese Anpassung mit, ideal wäre ein Dipol, bei einem Langdraht ist die Abstimmung schwieriger."
"Oh, danke, gut zu wissen. Wie lange kann ich das in meinem Pkw betreiben, wenn der Motor steht?"
"Sender, Empfänger und Verstärker ziehen heftig, da sind Sie schnell bei 8 Ampere. Aber mit zwei LKW-Batterien im Kofferraum sollten Sie locker zwei Stunden Betrieb hinbekommen."
So ging es noch eine Weile. Am Ende verkaufte ich ihnen zwei Wanzen und drei Aufspürgeräte, reparierte einen defekten kleinen KW-Sender und einen modernen. Natürlich waren das Testkäufer, das war mir klar und ich verkaufte mich gut als Nerd.
Schließlich bekam ich eine Einladung in seine "Villa", wie man das Anwesen nannte. Es war eine riesige Anlage zwischen St. George im Osten, Questellas im Westen und Dubiois im Norden der Insel.
Von Onkelchen wusste ich, das Horastonian auf spröde, gutaussehende Mädchen stand. Offensichtlich war die Beschreibung seiner Gorillas, die sie von mir abgaben, auf seinen Geschmack zutreffend. Die Villa war regelrecht in einen Berg hineingebaut und sehr schön, aber aus den bereits genannten Gründen aus der Luft nahezu unangreifbar.
„Durchsucht die Kleine, ich will nachher keine Überraschungen“, wies Horastonian am Eingang seine Leibwächter an, kaum dass ich die Villa betreten hatte.
„Ja, Boss. Ihr zwei, mitkommen und die kleine Caroline Fletcher abchecken, seid vorsichtig und macht sie nicht kaputt. Ihr wisst ja, wie Horastonian mit Leuten umgeht, die seine Spielsachen beschädigen!“
Die beiden Wachen kamen auf mich zu. „Hey, Kleine, Arme hoch, wir mögen keine versteckten Waffen und sonstigen Dinge, also sei brav, dann sind wir es auch.“
Die Untersuchung war schnell, aber sehr gründlich. Horastonian hatte sich gute Leute ausgesucht. Schließlich kam er durch die Tür in Begleitung zweier hochhackiger Blondinen und seines Leibwächters. Dann begann er mich auf raffinierte Weise auszuhorchen.
„Hallo Caroline, ich darf doch Caroline sagen? Ich bin Horastonian, der Hausherr. Meine Leute in der Stadt waren mit Ihnen sehr zufrieden, der Sender arbeitet bestens. Dieser Gerome ist von Ihnen ja auch sehr überzeugt. Ist er nicht gerade auf einer Elektronik-Messe in Fonds Panier?“
„Die Elektronik-Messe ist Fort de France auf Martinique, in Fonds Panier sind wir in zwei Wochen, da ist eine Messe für Messgeräte. Ich hoffe, dass er gute Neuigkeiten mitbringt.“
„Sehr schön, sicher waren Sie da auch schon bei José, dem Argentinier im Lotissement la Sérenité?“
„Oh ja, das Angus, das er zubereitet, ist tatsächlich eines der besten, das ich je gegessen habe.“
„Genau das bekommt er von einem meiner Leute geliefert. Wissen Sie, ob die Baustelle da an der Ostseite des Flughafens noch besteht, ich will dort demnächst hin?“

