Kitabı oku: «Seewölfe Paket 12», sayfa 17
6.
Der Dschungel erwachte zu schrillem Leben, während die Morgendämmerung heraufkroch. In dichten Schwaden hing der Nebel scheinbar unauflöslich im Dickicht. Überall hatten sich Tropfen auf Blättern und Schlingpflanzen gebildet. Das Wasser rann herab wie Regen. Noch herrschte trübgraues Halbdunkel unter den mächtigen Baumkronen des Tropenwaldes.
Die Luftfeuchtigkeit erschwerte den Männern jeden Atemzug. Ihre Kleidung klebte ihnen wie zähes Leder auf dem Leib.
Johannes Lederer hatte sie mit untrüglicher Zielstrebigkeit durch das Dikkicht geführt. Neidlos mußte der Seewolf anerkennen, daß dieser Mann über eine bemerkenswerte Dschungelerfahrung verfügte. Lederer ging an der Spitze der kleinen Formation. Ihm folgten der Seewolf und Edwin Carberry, dann Ferris Tucker, der riesenhafte Schiffszimmermann mit dem leuchtend roten Haar, Dan O’Flynn, der schlanke junge Mann mit den schärfsten Augen an Bord der „Isabella“, Batuti, der schwarze Herkules aus Gambia, und Smoky, der bullige Decksälteste.
Alle waren mit Musketen, Pistolen und Entermessern bewaffnet. Batuti trug außerdem seinen Bogen über dem Rücken und einen Lederköcher mit Pfeilen an der Hüfte. Dan O’Flynn und Smoky schleppten gemeinsam eine längliche Kiste, deren Inhalt wohlweislich mit wasserdichtem Ölpapier ausgeschlagen war.
Johannes Lederer hob die Hand, ging langsamer und blieb dann stehen. Sofort stoppten auch die anderen ihre Schritte. Hasard trat neben den Deutschen, als dieser ihn zu sich heranwinkte.
„Sehen Sie das?“ fragte Lederer halblaut. Er deutete mit ausgestrecktem Arm nach vorn. „Der verdammte Nebel läßt die Dinge verschwimmen, aber wenn mich nicht alles täuscht, sind wir am Ziel.“
„Ohne den Nebel“, entgegnete der Seewolf lächelnd, „könnte unser Plan von vornherein nicht gelingen.“ Er kniff die Augen zusammen und spähte angestrengt in die milchiggrauen Schwaden.
„Ich weiß“, murmelte Johannes Lederer, „ich hoffe nur, daß es nicht zum Nachteil für uns umschlägt.“ Er gab sich einen Ruck. „Es sieht so aus, als ob wir den Außenbezirk der Festung erreicht haben.“
Hasard nickte. Schemenhaft waren kantige Umrisse zu erkennen. Gebäude, deren klare Linien sich bei längerem Hinsehen deutlich von der wild wuchernden Vegetation des Dickichts abhoben. Geräusche waren indessen nicht zu hören. Die Nachtruhe war in Macuro noch nicht beendet. Auch das gehörte zum Plan der Männer von der „Isabella“.
„In Ordnung“, sagte der Seewolf, „wir werden uns das aus der Nähe anschauen.“ Er wandte sich zu seinen Männern um und klärte sie mit knappen Worten über die Lage auf.
„Endlich“, entgegnete Edwin Carberry. Er versuchte zu flüstern, was bei seinem Reibeisenorgan allerdings nur ein Versuch blieb. Es klang noch immer wie ein Grollen, tief aus seinem mächtigen Brustkorb. „Es muß doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir den Dons nicht noch vor dem Frühstück in die Suppe spukken.“ Er rieb sich die Hände, die das Format von Ankerklüsen hatten.
„Dazu müssen sie uns erst mal spucken lassen“, bemerkte Smoky mit breitem Grinsen. „Man soll das Maul nicht zu voll nehmen, bevor der Tag angefangen hat.“
Der Profos wirbelte herum.
„Ho, du Molch, woher willst du denn wissen …“
„Schluß damit!“ fuhr der Seewolf energisch dazwischen. „Eure Sprüche könnt ihr an Bord weiterklopfen.“
Ed Carberry klappte den Unterkiefer hoch und schob beleidigt sein Rammkinn vor. Gegen Philip Hasard Killigrew hatte er noch nie ein Widerwort gefunden.
Der Seewolf gab das Zeichen. Langsam und nach allen Seiten sichernd, setzte sich die kleine Kolonne wieder in Bewegung. Das Geschrei der Tropenvögel, das in voller Lautstärke eingesetzt hatte, schützte sie. Denn wegen der umfangreichen Ausrüstung, die sie mitschleppten, konnten sie nicht völlig geräuschlos vordringen.
Allmählich zeichneten sich die Gebäude deutlicher ab. Johannes Lederer verharrte abermals.
„Das muß die Werft sein“, flüsterte er dem Seewolf zu. „Rechts von uns befindet sich dann irgendwo die Pfahlbausiedlung. Wir müssen aufpassen, daß die Indios nichts von uns hören.“
Hasard nickte nur. Sie pirschten sich weiter voran, verschmolzen zur Schemenhaftigkeit mit dem Nebel – auch dann noch, als das Dickicht zurückwich und den Weg auf das Werftgelände freigab.
Mit einer knappen Handbewegung ließ Hasard seine Männer ausschwärmen. Es mußte im Schnekkentempo geschehen, denn jeder unbedachte Schritt konnte ein Geräusch verursachen und eine Katastrophe auslösen. Überall konnte es herumliegende Gerätschaften geben.
Groß und dunkel erhob sich das Schutzdach der Helling vor ihnen aus dem Nebel. Im nächsten Moment sahen sie die schlanke Silhouette der Galeere, die hier zur Reparatur lag.
Hasard zog sein Entermesser, und die anderen taten es ihm nach. Möglicherweise gab es auch hier draußen einen Posten. Wenn es so war, dann konnten sie ihn nur lautlos überwältigen.
Doch ihre Befürchtung bewahrheitete sich nicht. Unbehelligt erreichten sie die Bordwand des flachen Schiffes, dessen Außenbeplankung an mehreren Stellen Lücken aufwies. Der Bohrwurm verrichtete auch hierzulande sein zerstörerisches Werk, gegen das noch immer kein Kraut gewachsen war. Immerhin schien es aber in Macuro genügend Arbeitskräfte zu geben, die solche Schäden rechtzeitig behoben.
Gemeinsam mit Johannes Lederer schlich Hasard bis zum Bug der Galeere. Von dort aus konnten sie verschwommen den Palisadenzaun der Festungsanlage erkennen. Auch einer der Batterietürme lag weiter rechts in ihrem Blickfeld. Die Entfernung betrug kaum mehr als fünfzig Yards. Dementsprechend war die Sichtweite, die draußen auf See herrschte.
Für Ben Brighton ein höllisch schwieriges Unterfangen!
Johannes Lederer deutete mit einer Kopfbewegung zu den Palisaden.
„Wenn wir Glück haben, liegt das Gefangenenlager auf dieser Seite.“
Der Seewolf antwortete nicht. Lederer hatte die Festung nur aus einiger Entfernung gesehen, als es ihm gelungen war, die Flucht zu ergreifen. Deshalb hatte er keine absolut präzise Beschreibung von Macuro liefern können. Aber sie würden sich auch ohnedem schnell zurechtfinden, wenn sie den Palisadenzaun erst einmal überwunden hatten. Ed Carberry und Ferris Tucker trugen aufgerollte Tampen über der Schulter. An den Enden der Taue waren Enterhaken befestigt. Für alle Voraussetzungen, in die Festung einzudringen, hatten sie gesorgt.
Sie brauchten nur noch auf das Zeichen zu warten.
Sigmund Haberding hob vorsichtig den Kopf, nur um Handbreite. Er hatte kein Auge mehr zugetan, seit das Unvorstellbare geschehen war. Zweifellos war es auch den übrigen Männern nicht anders ergangen. Hilflos ausharren und dem Unabwendbaren entgegensehen zu müssen, das war schlimmer als körperliche Qualen.
Da entstand eine Bewegung, die Haberding anfangs nur im Unterbewußtsein wahrgenommen hatte. Jetzt sah er es deutlich.
Einer der Indios richtete sich langsam auf. Dabei spähte er fortwährend zu den Posten. Sie waren im Laufe der Nacht zweimal abgelöst worden. Als sie jetzt nicht reagierten, erhob sich der Indio vollends. Er war ein älterer Mann und hatte einen sehnigen Körper mit Muskelsträngen, die von langer Fronarbeit verhärtet waren.
Gerhard von Echten hing kraftlos in den Fesseln, die ihn am Pfahl hielten. Irgendwann hatte er nicht mehr standhalten können. Auch für ihn gab es eine Grenze der Belastbarkeit, wie für jeden Mann.
Sigmund Haberding schmerzte der Anblick des Freundes, noch mehr jedoch die Gewißheit über das furchtbare Schicksal, das ihm drohte.
Der Indio hob etwas vom Erdboden auf. Er tat es behutsam. Ein Gefühl der Rührung ergriff Sigmund Haberding, als er erkannte, was es war. In einer Lederkappe, die er vermutlich tagsüber auf dem Kopf trug, hatte der dunkelhäutige Mann die Feuchtigkeit während der Nachtstunden aufgefangen. Vielleicht waren es nur ein oder zwei Schlucke Wasser, die sich gesammelt hatten. Trotzdem eine köstliche Erfrischung für einen Mann, der unmenschliche Qualen erdulden mußte.
Der Indio hielt die Lederkappe wie ein Kleinod in beiden Händen und schritt vorsichtig durch die Reihen der am Boden Liegenden.
Auf dem Bohlengang, der sich in den Nebelschwaden nur grau und undeutlich abzeichnete, patrouillierten ebenfalls Soldaten. Die Männer, die den am Pfahl Gefesselten bewachten, waren von Gutiérrez zusätzlich abgestellt worden.
Natürlich waren sie längst auf den Indio aufmerksam geworden. Haberding sah es an ihren Blicken, mit denen sie ihn verfolgten. Er glaubte, ein hämisches Grinsen bei einigen der Soldaten zu bemerken. Weshalb, in aller Welt, scheuchten sie ihn nicht auf seinen Platz zurück?
Der hagere Venezolaner erreichte jetzt den Pfahl, an dem Gerhard von Echten in seinen Fesseln hing. Von der Seite näherte er sich dem hochgewachsenen Deutschen, der nichts von alledem mitkriegte.
Die Soldaten begannen zu tuscheln und stießen sich mit den Ellenbogen an. Einer von ihnen nickte, dann waren sie wieder still und beobachteten den Indio mit scheinbar wohlwollendem Interesse.
Dieser trat bis dicht vor den Gefesselten und hob die Lederkappe an dessen Lippen.
„Bitte, Señor“, sagte der Indio halblaut, „bitte, trinken Sie, es wird Ihnen guttun.“
Bevor Gerhard von Echten vollends erwachte, schnellte jener Soldat los, der so entschlossen genickt hatte.
Es geschah so blitzartig, daß Sigmund Haberding das Gefühl hatte, sein Herzschlag setze aus.
Der Spanier packte den Indio an der Schulter und riß ihn herum. In hohem Bogen flog die Lederkappe durch die Luft. Die wenigen Wassertropfen blitzten auf und schienen versiegt zu sein, noch bevor sie den Boden erreichten. Der Indio stieß einen erschrockenen Laut aus, stolperte, blieb aber auf den Beinen. Abwehrend hob er die Hände und wich einen unsicheren Schritt zurück.
„Hijo de puta!“ brüllte der Spanier. „Hurensohn, verdammter! Wer hat dir das erlaubt?“
„Niemand, Señor. Ich wollte doch nur …“
„Nichts hast du zu wollen!“ überschrie ihn der Soldat. Jäh riß er den Säbel hoch.
Die Klinge verursachte einen flirrenden Reflex.
Der Indio stieß einen gellenden Schrei aus, doch nur einen Atemzug lang. Ein Gurgeln war das letzte, was er hervorbrachte.
Etwas zerriß in Sigmund Haberding. Etwas, das stärker war als Besonnenheit und Vernunft. Mit einem Satz war er auf den Beinen. Die Ketten, noch um Hand- und Fußgelenke gewickelt, behinderten ihn nicht. Ein Laut des Entsetzens ging durch das Lager. Fast alle waren inzwischen wach geworden.
Unendlich langsam sank der Indio in sich zusammen. Sein Leben erlosch, bevor er den Boden erreichte. Das Gesicht des Spaniers war verzerrt. Er stieß die blutige Klinge in den Sand und bewegte sie hin und her, um sie zu reinigen.
Den Deutschen, der in blindem Zorn auf ihn losschnellte, bemerkte er einen Atemzug zu spät. Auch der Warnruf der übrigen Soldaten half nichts mehr.
„Sigmund!“ schrie Gerhard von Echten. „Bist du verrückt ge …“
Zu spät.
Mit einem wilden Satz überbrückte Haberding die letzten zwei Yards. Vergeblich versuchte der Spanier, den Säbel hochzureißen. Die Ketten an den Handgelenken des Deutschen trafen seinen Kopf und seine Schulter. Wie vom Blitz gefällt, stürzte er zu Boden.
Haberding stolperte, vom eigenen Schwung getrieben. Bevor er sich wieder aufrichten konnte, waren die Soldaten zur Stelle, packten ihn, rissen ihn hoch, hieben mit den Fäusten auf ihn ein und traten ihn. Sein Widerstandswille wurde buchstäblich zerschlagen. Den Kopf schützend unter den Armen geborgen, krümmte er sich zusammen und rührte sich nicht mehr.
Einer der Spanier hob seinen Säbel.
„Laß ihn“, knurrte ein anderer und riß ihn zurück. „Den Alemán wird der Capitán für sich selbst aufheben wollen. Das ist was anderes als mit den lausigen Indios.“
Gerhard von Echten schloß die Augen. Ohnmächtige Wut und Hilflosigkeit loderten wie eine alles verzehrende Flamme in ihm. Das grausame Geschehen war wie ein körperlich spürbarer Schmerz in sein gerade erwachtes Bewußtsein gefahren. Es brachte ihn fast um den Verstand, daß nun auch sein Freund von dem gleichen Schicksal ereilt werden sollte wie er selbst. Denn daran gab es für Gerhard von Echten kaum noch einen Zweifel.
Als er die Augen wieder öffnete, hatten sie Sigmund Haberding gefesselt und am Boden liegenlassen. Auch um den toten Indio kümmerten sie sich nicht. Statt dessen hielten sie ihre Musketen schußbereit, denn offenbar rechneten sie mit einem weiteren Aufruhr im Lager. Auch die Posten auf dem erhöhten Bohlengang waren stehengeblieben und hatten ihre Waffen auf dem Geländer in Anschlag gebracht.
Doch weder die deutschen noch die indianischen Galeerensklaven wagten auch nur eine verstohlene Bewegung. Es gab nichts, was sie der brutalen Gewalt der Bezwinger hätten entgegensetzen können.
Die Stille hielt nicht lange an.
Wenige Minuten nach dem blutigen Zwischenfall wurde das Gatter der Lagereinzäunung geöffnet.
Capitán Gutiérrez eilte mit kurzen, energischen Schritten über die Bohlenbrücke. Ihm folgten die drei ranghöchsten Offiziere seines Stabes und eine Gruppe von sechs Soldaten, die lediglich mit Pistolen und Säbeln bewaffnet waren.
Gutiérrez stoppte seine Schritte jäh, als er die am Boden liegenden reglosen Körper sah. Der füllige Leib des Capitán erbebte.
„Zum Teufel!“ rief er schnaubend. „Was ist hier los?“
Der Dienstälteste des Bewachungskommandos eilte herbei und salutierte vor ihm.
„Ein kleiner Zwischenfall, Capitán“, meldete er schnarrend. „Der Indio und dieser Deutsche haben versucht, einen Aufruhr anzustiften. Dabei haben sie einen unserer Kameraden fast erschlagen.“ Er deutete auf den, der von Sigmund Haberdings Ketten getroffen worden war und jetzt benommen am Boden hockte und sich den Kopf hielt.
„Das ist eine Lüge!“ brüllte Gerhard von Echten. „Der Indio wollte …“
Was er noch hinausschreien wollte, blieb ihm im Hals stecken. Zwei Soldaten sprangen auf ihn zu. Drohend richteten sie die Säbelklingen auf seinen Brustkorb.
Capitán Gutiérrez scheuchte den Dienstältesten mit einer Handbewegung zur Seite und stapfte auf von Echten zu. Haberding, der neben dem Pfahl lag, streifte er nur mit einem Blick. Den toten Indio beachtete er nicht.
„Soso“, sagte Gutiérrez mit hohntriefender Stimme. „Du Schweinehund meinst also, hier ginge es nicht gerecht zu?“
„Das ist eine verdammte Untertreibung“, entgegnete von Echten gepreßt.
Sein Gegenüber stieß ein glucksendes Lachen aus. Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder beruhigte.
„Glaubst du im Ernst, daß mich deine Meinung interessiert, Alemán? Von mir aus kannst du den Krokodilen vorjammern, wie schlecht du hier behandelt wurdest. Vielleicht hören sie dir sogar eine Weile zu, ehe ihr Appetit stärker wird als ihr Interesse an deinem Lamento!“ Gutiérrez lachte abermals, und pflichtgemäß stimmten auch seine Offiziere mit ein.
„Perdón, Capitán“, meldete sich der Dienstälteste des Bewachungskommandos noch einmal zu Wort. „Was fangen wir mit diesem Mistkerl an?“ Er stieß mit der Stiefelspitze in Sigmund Haberdings Seite.
Ramón Marcelo Gutiérrez zog die Augenbrauen hoch.
„Oh, daß ich daran nicht sofort gedacht habe! Aber natürlich – sicher wird es unseren beiden deutschen Amigos leichterfallen, wenn sie gemeinsam den Krokodilen ins Maul schauen dürfen. Es ist zwar ein unverdienter Vorzug für die Alemanes, aber wir wollen gnädig mit ihnen sein.“ Er drehte sich zu den Männern um, deren Brustpanzer und Helme in der frühen Morgenstunde noch blank geputzt und ohne ein Staubkorn waren. „Packt sie jetzt! Ich will nicht zuviel Zeit mit ihnen verschwenden, bevor ich mich an den Frühstückstisch setze. Es wäre wahrhaft unverzeihlich, sich deswegen einen knurrenden Magen einzuhandeln.“
Die Soldaten beeilten sich, den Befehl ihres Capitán auszuführen. Vier Mann lösten die Fesseln, mit denen Gerhard von Echten an dem Pfahl festgebunden war. Dann schleiften sie ihn hinüber auf die Bohlenbrücke, wo inzwischen die restlichen Soldaten sowie die Offiziere und Capitán Gutiérrez Aufstellung genommen hatten. Nur zwei Mann waren nötig, um den noch halb bewußtlosen Sigmund Haberding herbeizuschleifen.
Sie lehnten die beiden Deutschen mit den Rücken gegen das Brückengeländer, so daß von Echten und Haberding den Capitán ansehen mußten. Die stoßbereiten Säbel der Soldaten zerstörten jede Hoffnung auf eine Rettung in letzter Minute.
Gutiérrez trat zwei Schritte vor, blieb breitbeinig stehen und legte die Hände auf den Rücken. Aus kalten kleinen Augen fixierte er die beiden Todgeweihten.
„Sehr schön“, sagte er zischend, „wir wollen kein langes Theater veranstalten. Aufgrund des hier geltenden Kriegsrechts verurteile ich euch beide zum Tode. Das Urteil wird sofort vollstreckt. Und zwar von mir. Ihr könnt beten, wenn ihr wollt.“
„Fahr zur Hölle, Spanier“, sagte Gerhard von Echten kalt.
Ein Grinsen kerbte sich in die Mundwinkel des Festungskommandanten.
„Das ist alles?“ Er zuckte mit den Schultern. „Wie du meinst. Und du?“ Er blickte Haberding an.
Dieser spie dem Capitán vor die Füße. „Das war ebenfalls alles, du Kröte!“
Gutiérrez’ Augen wurden schmal. Deutlich war zu erkennen, wie sich seine Muskeln anspannten.
„Zur Seite!“ herrschte er die Soldaten an, die die Delinquenten in Schach hielten.
Gutiérrez setzte sich ruckartig in Bewegung, hob die Arme und ballte die Hände zu Fäusten. Nur ein kurzer Stoß war erforderlich, um die beiden Wehrlosen in die Tiefe zu den Alligatoren und Kaimans zu befördern.
Der Capitán schaffte nur einen halben Schritt.
Brüllender Donner zerriß die morgendliche Stille. Der rollende Nachhall schien nicht enden zu wollen.
Ramón Marcelo Gutiérrez erstarrte mitten in der Bewegung. Einen Atemzug lang stand er wie gelähmt.
7.
Der Wind wehte mäßig aus Westnordwest, doch er reichte der „Isabella“ für die geringe Fahrt, die dem dichten Nebel angemessen war. Sie waren an der Pfahlbausiedlung vorbeigeschlichen und hätten den Indios buchstäblich in die Kochtöpfe spukken können.
Als sich die erste Galeere aus den milchiggrauen Schwaden herausschälte, ließ Ben Brighton beidrehen. Das Steuerruder wirbelte unter Pete Ballies mächtigen Fäusten, und das Heck der schlanken Galeone schwenkte durch den Wind. Ben Brightons Feuerbefehl folgte zwei Sekunden später.
Alle Mann waren an den Culverinen an Backbord eingesetzt. Al Conroy, der schwarzhaarige Stückmeister, führte das Kommando. Ruhig wartete er den richtigen Augenblick ab, bis die momentane Krängung der Galeone nachließ.
Auch die zweite der an den Piers liegenden Galeeren wurde nun erkennbar. Keine Menschenseele befand sich an Bord der schlanken, flach gebauten Schiffe.
„Feuer!“ gellte der Befehl des Stückmeisters.
Acht Lunten senkten sich gleichzeitig auf die Zündlöcher der schweren Geschütze. Das zischend entflammende Zündkraut ließ dünne Säulen von Pulverrauch emporsteigen. Die Männer sprangen zurück.
Wie mit einem einzigen urgewaltigen Donnerschlag entluden sich die acht Siebzehnpfünder. Grellrot zuckte das Mündungsfeuer aus den geöffneten Stückpforten. Der Rückstoß warf die Culverinen rumpelnd in die Brooktaue.
Durch die mächtige Wolke aufwallenden Pulverrauches war das Krachen und Bersten von Holz zu hören. Teile von Masten und Planken wirbelten in hohem Bogen durch die Luft.
Die Männer unter Ben Brightons und Al Conroys Kommandos stießen frenetisches Jubelgeschrei aus. Doch sofort gingen sie wieder an die Arbeit. Der Stückmeister konnte sich den Befehl zum Nachladen schenken.
Big Old Shane, der Schmied von Arwenack, hatte auf der Back Stellung bezogen. Seelenruhig griff der riesenhafte Mann mit dem wilden grauen Bart nach dem ersten Brandpfeil und legte ihn auf die Sehne seines Bogens.
Der Pfeil zog seine glühende Bahn und traf die vorderste Galeere mittschiffs. Sie bestand nur noch aus einem Chaos hellfaseriger Splitter. Die Breitseite der „Isabella“ hatte das Schanzkleid zerschmettert und das Deck einschließlich Ruderbänken und Masten kahlrasiert.
Während die Geschützbedienungen die Pulverschaufeln in die überlangen Rohre der Culverinen kippten, schoß Big Old Shane Pfeil um Pfeil ab. Die ersten Flammen züngelten auf dem Wrack und auch auf der zweiten Galeere.
In der Festung, die noch unter den Nebelschwaden verborgen lag, wurde es jetzt erst lebendig. Langgezogene Alarmschreie und heisere Befehle waren zu hören.
Ein grimmiges Lächeln spielte um die Mundwinkel Ben Brightons.
„Zwei Strich Backbord, Pete“, sagte er knapp.
„Aye, aye, Sir, zwei Strich Backbord“, wiederholte Pete Ballie und legte Ruder.
Abermals schwang das Heck der schlanken Galeone durch den Wind. Nur Großsegel und Focksegel waren gesetzt, zum Anbrassen blieb den Männern keine Zeit. Sekundenlang schlug das Tuch, doch dann stand es wieder steif unter dem eben ausreichenden Westnordwest. Auf Ostkurs, wie urspünglich, segelte die „Isabella“ in nur fünfzig Yards Entfernung vor den Galionsspornen der vertäut liegenden Galeeren entlang. Fast lautlos glitt das schlanke Schiff der Seewölfe durch den wallenden Nebel, durch den es sich unbemerkt der Festung hatte nähern können.
An Land verdichtete sich das Stimmengewirr.
Al Conroy meldete die Backbordgeschütze feuerbereit.
Aus den Galeeren schlugen jetzt höhere Flammen. Keiner von Big Old Shanes Brandpfeilen war fehlgegangen.
Ben Brighton gab das Kommando für die zweite Breitseite.
Abermals brüllten die mächtigen Geschütze der „Isabella“. Die Rohre spien Feuer und Eisen durch die Stückpforten, und diesmal legten die Siebzehnpfünderkugeln drei Galeeren in Trümmer. Wieder wirbelten Splitter und zerfetzte Planken hoch durch die Luft und erreichten in dichtem Regen auch die „Isabella“. Die Männer zogen die Köpfe ein, suchten Deckung, und dann stimmten sie von neuem heiseres Gebrüll an.
„Ar – we – nack! Ar – we – nack!“ Ihr Schlachtruf hallte über den Hafen zur Festung hin.
Im nächsten Moment schnitt ein urwelthafter Schlag ihre Stimmen ab. Aus der ersten Galeere stieß eine Stichflamme hoch in den Himmel. Unter der Wucht der Explosion wurden die Nebelschwaden zerrissen und gaben einer schwarzgrauen Wolke von Pulverrauch Platz. Die Druckwelle erreichte auch die Galeone der Seewölfe. Hätten sie nicht ohnehin noch in Deckung gelegen, wären sie umgefegt worden.
Die Explosion der Pulverkammer hatte die Galeere in zwei Teile gerissen. Bug und Heck ragten schräg aus dem flachen Hafenwasser. Im zerborstenen Holz fanden die Flammen rasche Nahrung.
„Nachladen, Sir?“ rief Al Conroy von der Kuhl.
Ben Brighton traf eine schnelle Entscheidung.
„Nein“, entgegnete er energisch. „Alle Segel setzen!“
„Aye, aye, Sir!“ Auf dem Hauptdeck flitzten die Männer los und enterten behende in den Wanten auf.
„Pete!“
„Sir?“
„Geh auf Kurs Südost.“
„Aye, aye, Sir, Kurs Südost.“
Kurz darauf lief die Galeone unter Vollzeug vor dem Wind, und das Tuch blähte sich steif und prall. Rasch gewann die „Isabella“ an Fahrt.
Keine Sekunde zu spät, wie sich im nächsten Moment zeigte. Ben Brighton hatte den richtigen Riecher gehabt.
Feuerblitze zuckten an Land auf – aus den Nebelschwaden heraus. Einen Sekundenbruchteil danach rollte der Geschützdonner der Festungsbatterien über die See.
Doch die Kugeln orgelten weit hinaus und klatschten unsichtbar im Nebel in die Fluten.
Unsichtbar war längst auch die „Isabella“ für die Geschützmannschaften auf den Palisadentürmen von Macuro. Für diesen Teil des Planes hatte der Nebel den Zweck erfüllt, den der Seewolf ihm zugedacht hatte.
Noch bevor der Donner der ersten Breitseite von der „Isabella“ verklang, stürmten der Seewolf und seine Männer los. In Minutenschnelle erreichten sie die Palisadenwand an der zum Dschungel gelegenen Seite der Festung. Zwanzig Yards rechts von ihnen befand sich einer der Batterietürme. Auf der anderen Seite, nach links, verschwammen die Palisaden im Nebel.
Noch aus dem Ansturm heraus schleuderten Ferris Tucker und Edwin Carberry die Enterhaken, die hinter den Spitzen der Palisaden sofort faßten. Dan O’Flynn, Smoky und Batuti brachten ihre Musketen in Anschlag und richteten die Mündungen auf den Batterieturm, wo die Silhouetten von Soldaten zu erkennen waren.
Hektisches Geschrei gellte mittlerweile in der Festung. Befehlsstimmen überbrüllten sich gegenseitig. Das Chaos schien perfekt.
Hasard und Johannes Lederer enterten als erste an den Tampen auf. Noch hatten die Soldaten auf dem Turm nichts bemerkt, viel zu sehr hielt sie der Geschützdonner von See her in Atem. Mit kraftvollen Klimmzügen hangelten der Seewolf und der Deutsche hoch und stützten sich dabei mit den Stiefeln am glitschigen Holz der Palisaden ab. Ihre Musketen hatten sie geschultert.
Noch bevor die beiden Männer die Spitze des Zaunes erreichten, hatten Ed Carberry und Ferris Tucker die Trickkiste aus Al Conroys Pulverkammer geschnappt und liefen damit zurück. Zwanzig Yards abseits der Palisaden öffneten sie die Kiste im Schutz eines der Werftschuppen. Eilends trafen Carberry und Tucker ihre Vorbereitungen.
Inzwischen schwangen sich der Seewolf und sein deutscher Begleiter mit einem entschlossenen Ruck über die Spitze der Palisaden.
Von außerhalb des Zaunes bellte ein Musketenschuß. Zwei weitere Schüsse folgten.
Federnd landete Hasard auf dem Boden. Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie auf dem Batterieturm einer der Soldaten die Arme hochwarf, vornüberkippte und lautlos hinunterstürzte. Ein zweiter Soldat sank hinter der Brüstung des Turms in sich zusammen.
Sofort riß Hasard die eigene Muskete vom Rücken. Johannes Lederer, der neben ihm glücklich gelandet war, tat es ihm nach. Ihnen blieb vorerst keine Zeit, sich um das Geschehen in der Festung zu kümmern. Nur so viel konnten sie feststellen, daß alles wild durcheinanderhastete. Und weiter rollte der Kanonendonner von See her.
Die Geschützmannschaft auf dem Batterieturm hatte spätestens jetzt begriffen, was sich am Palisadenzaun abspielte. Silhouetten tauchten über der Brüstung auf. Zwei, nein drei Männer. Hasard und Johannes Lederer gingen in die Knie, visierten an. Oben schimmerte Waffenstahl im trüben Licht des beginnenden Tages.
Die beiden Männer feuerten fast gleichzeitig. Schreie gellten. Die Silhouetten waren hinter der Brüstung verschwunden. Hasard und Johannes Lederer warteten keine Sekunde, warfen sich herum, orientierten sich blitzschnell und stürmten los. Hinter ihnen schwangen sich Batuti und Dan O’Flynn über den Zaun und landeten mit federnden Sätzen auf dem weichen Erdboden.
Hinter einer Reihe von Maultierkarren fanden der Seewolf und der Deutsche Deckung. Batuti und Dan O’Flynn folgten ihnen. Im selben Moment, als sich auch Smoky über die Palisaden schwang, begann der Feuerzauber.
Für die Spanier mußte es den Anschein haben, als breche die Hölle los.
Zischend stachen rotglühende Linien aus der milchigen Unergründlichkeit des Nebels heraus, und grelle Kugeln schwebten in weitem Bogen auf die Festungsanlagen innerhalb der Palisaden nieder. Die Soldaten, die unter den barschen Befehlen ihrer Offiziere und Unteroffiziere wie aufgescheuchtes Wild über den Appellplatz hasteten, begriffen nicht sofort.
Im nächsten Moment erfolgten die Detonationen dicht über ihren Köpfen. Es krachte wie von Kanonenschüssen in rascher Folge. Funkenregen ergoß sich über die Männer, die vor Schreck ins Stolpern gerieten, sich zu Boden warfen und verzweifelt Deckung suchten, wo es keine gab. Auch das Gebrüll ihrer Vorgesetzten verstummte schlagartig, denn ihnen war der Schreck nicht minder heftig in die Knochen gefahren.
Unablässig fauchten die Lichtspuren, die wie glühende Ketten aussahen, aus den Nebelschwaden von außerhalb der Palisaden. Die niederschwebenden, grell leuchtenden Kugeln, die mit wummernden Schlägen explodierten, verfehlten nicht ihre demoralisierende Wirkung. Es sollte noch geraume Zeit dauern, bis die Spanier begriffen, daß dieser Feuerzauber zwar einen Höllenlärm bescherte, sonst aber keinen Schaden anrichtete.
Keiner von diesen Männern hatte jemals das Reich der Mitte gesehen, und so konnten sie nicht ahnen, daß es nichts weiter als ein harmloses „chinesisches Feuer“ war, das über ihren Köpfen mit Donnergetöse krepierte.
Die Seewölfe hatten es auf einer ihrer Reisen in den Fernen Osten kennengelernt, und Al Conroy war ein gelehriger Schüler jener Chinamänner gewesen, die auf so unglaublich kunstvolle Weise mit dem Schwarzpulver umgehen konnten.
Der Nebel hatte sich kaum merklich gelichtet. Immer noch undeutlich waren jetzt schon die Umrisse der Batterietürme und der einzelnen Gebäude innerhalb der Palisaden zu erkennen.
Eins der Geschütze beim Haupttor begann zu feuern, nachdem eine ohrenbetäubende Explosion jeglichen anderen Lärm übertönt hatte. Hasard und seine Männer meinten auch, das Triumphgebrüll von Bord der „Isabella“ gehört zu haben. Die Pulverkammer einer der Galeeren mußte in die Luft geflogen sein.
Alles hing jetzt davon ab, ob es den Spaniern gelang, die Galeeren zu bemannen. Zwar hieß es allgemein, eine gut armierte Galeone könne sich mühelos gegen ein ganzes Rudel von Galeeren durchsetzen, aber die „Isabella“ segelte mit verringerter Crew und war folglich in ihrer Beweglichkeit geschwächt. Denn sie konnten nicht gleichzeitig die Geschütze bedienen und Segelmanöver ausführen.
Nicht mehr als zwei oder drei Minuten waren vergangen, seit Hasard und seine Gefährten in die Festung eingedrungen waren. Noch immer herrschte Verwirrung bei den Spaniern. In unverminderter Folge ließen Edwin Carberry und Ferris Tukker das chinesische Feuer niederregnen. Zwar versuchten die Offiziere mit erneutem Gebrüll, für Ordnung zu sorgen, aber nach wie vor schienen die meisten der Soldaten das Gefühl zu haben, ihnen säße der Gehörnte persönlich im Nacken.
Hasard hatte sich einen raschen Überblick verschafft. Die Muskete lehnte er an einen der Karren, er brauchte sie nicht mehr. Statt dessen zog er seinen Radschloßdrehling und überprüfte mit einem raschen Blick die Ladung der sechs Läufe.








