Kitabı oku: «Seewölfe Paket 12», sayfa 18

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„Da drüben!“ rief er gegen den Höllenlärm an. „Das muß das Gefangenenlager sein.“

Johannes Lederer und die anderen spähten nach links in die angegebene Richtung.

Aus dem offenen Gatter eines eingezäunten Areals stürmte eine Gruppe von Offizieren, denen Mannschaften in wirrer Formation folgten. An der Spitze der Offiziere hastete ein fülliger Mensch, der an seinem Körpergewicht erheblich zu tragen hatte. Der Uniform nach mußte es sich um einen Capitán handeln, wie Hasard feststellte.

Im offenen Gatter tauchte eine weitere Gruppe von Soldaten auf. Sie waren im Begriff, das Gatter zu schließen.

„Los jetzt!“ rief der Seewolf und schnellte als erster hoch.

Johannes Lederer und die übrigen Männer der „Isabella“ folgten ihm. Im selben Augenblick erschienen auch Ed Carberry und Ferris Tucker auf der Bildfläche. Sie hatten ihren Höllenspektakel eingestellt und schwangen sich unbehelligt über die Palisaden. Die Geschützmannschaften auf den Batterietürmen waren vollauf damit beschäftigt, sinnlose Kugeln einem unsichtbaren Gegner nachzujagen.

Die Soldaten beim Gatter vergaßen ihre Aufgabe. Erschrocken wirbelten sie herum, als sie die Angreifer heranstürmen sahen. Zwei oder drei der Spanier versuchten noch, die Musketen in Anschlag zu bringen. Die anderen sahen ein, daß es dafür zu spät war.

Hasard und seine Männer drangen aus dem Schatten einer Wagenremise vor, die sich den aufgereihten Maultierkarren anschloß. Der Seewolf feuerte im Laufen. Wummernd entlud sich der Drehling in seiner Faust. Die großkalibrige Kugel fegte einen der Musketenschützen von den Füßen. Auch die beiden anderen schafften es nicht mehr, ihre Langwaffen abzufeuern. Fassungslos starrten die anderen, die mit ihren Säbeln in Abwehrposition gegangen waren, auf den schwarzhaarigen Riesen, der da wie ein Ungewitter gegen sie vordrang und eine Waffe hatte, mit der er mehrmals hintereinander feuern konnte, ohne nachladen zu müssen.

„Ar – we – nack!“ brüllte Edwin Carberry, der gemeinsam mit Ferris Tucker aufschloß, und die anderen stimmten mit ein.

„Ar – we – nack!“ schmetterte es dem kleinen Haufen der Spanier beim Gatter donnernd entgegen, und ehe die anderen bei den Baracken und auf dem Appellplatz auch nur erfassen konnten, was sich abspielte, war es bereits zu spät.

Mit der entfesselten Gewalt eines Wirbelsturms brachen die Seewölfe über die Spanier herein. Letztere hatten es weder geschafft, die Brükke hochzuziehen noch das Gatter zu schließen. Verzweifelt setzten sie sich zur Wehr.

Hasard drang als erster auf sie ein. Unbarmherzig zerschlug er die Gegenwehr eines der Männer, der sich ihm in den Weg zu stellen versuchte. Ein zweiter sank unter seinem herabsausenden Säbel zusammen, während er in der Linken den Drehling am Laufbündel gepackt hielt und Hiebe mit dem schweren Knauf der Waffe austeilte, um sich die Seite freizuhalten.

Der Seewolf erreichte die Bohlenbrücke. Hinter ihm klirrten die Säbelklingen. Doch nur noch für einen Moment.

Jäh stoppte Hasard seine Schritte, als er die beiden gefesselten Gestalten am jenseitigen Ende der Brücke erblickte. Ein Blick zur Seite ließ seinen Atem stocken. Tief unten, in schlammiger Brühe, wälzten sich die häßlichen Körper von Alligatoren und Kaimanen, und ihre schuppigen Schwänze peitschten das Wasser.

Die unüberschaubare Menge der Galeerensklaven verharrte in stummer Furcht – hilflos dem Geschehen ausgeliefert. Doch dabei sollte es nicht mehr lange bleiben, das schwor sich der Seewolf in diesem Moment voller Ingrimm.

Johannes Lederer stürmte plötzlich an ihm vorbei.

„Gerhard!“ rief er. „Sigmund! Um Himmels willen!“

Hasard drehte sich zu den anderen um.

„Bewacht das Gatter!“ Er deutete auf die reglosen Körper der Spanier. „Nehmt ihnen die Waffen ab! Wir brauchen jeden Säbel, jede Muskete und jede Pulverflasche!“

„Aye, aye, Sir!“ brüllte Edwin Carberry begeistert. „Wir ziehen den lausigen Dons die Haut in Streifen von ihren Affenärschen! Die kriegen jetzt Zunder unter dem Hintern, daß ihnen heißer wird als den Kakerlaken im Kombüsenfeuer!“

Eilends führten die Männer den Befehl des Seewolfs aus, während Ferris Tucker und Smoky seitlich am Gatter mit ihren Musketen in Stellung gingen, um für Feuerschutz zu sorgen.

Johannes Lederer kniete vor den beiden Gefesselten nieder und befreite sie mit seinem Dolch von den Stricken. Nur die Ketten konnte er ihnen nicht abnehmen, ebensowenig wie den anderen, die sich in fassungsloser Freude vor ihm gruppiert hatten.

„Meine Kameraden!“ rief Lederer dem Seewolf zu. „Gerhard von Echten und Sigmund Haberding! Und all die anderen!“

Der Geschützdonner war mittlerweile versiegt. Doch die Ruhe sollte sich als trügerisch erweisen.

Von Echten und Haberding rappelten sich auf.

„Das ist der Mann, dem wir alle unsere Rettung verdanken“, sagte Johannes Lederer mit einer Handbewegung. „Sir Hasard, den sie den Seewolf nennen. Philip Hasard Killigrew.“

Gerhard von Echten, der hochgewachsene Deutsche, trat auf Hasard zu und reichte ihm die Hand.

„Sie waren in letzter Minute zur Stelle“, sagte er in fließendem Englisch. „Ohne Ihr Eingreifen wären mein Freund und ich nicht mehr am Leben. Wir sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet, Sir Hasard.“ Mit knappen Worten schilderte von Echten, wie Capitán Gutiérrez nach dem plötzlichen Geschützdonner in einem Anflug von Panik auf die Hinrichtung verzichtet hatte.

„Später mehr darüber“, entgegnete der Seewolf knapp. „Ich denke, uns bleibt nicht viel Zeit. Wie weit sind Ihre Männer einsatzfähig, trotz der Ketten?“

Gerhard von Echten hob mit einem entschlossenen Lachen die Handgelenke, um die noch die Ketten gewikkelt waren.

„Sehen Sie sich das an! Das ist sogar eine recht wirksame Waffe!“

Johannes Lederer war zu den übrigen Deutschen gelaufen, begrüßte sie freudestrahlend, schüttelte Hände, klopfte auf Schultern. Für die Wiedersehensstimmung blieben jedoch nur wenige Minuten. Hasard mahnte zur Eile, ließ die Waffen verteilen, die sie den getöteten Spaniern abgenommen hatten.

Eine Gruppe von Indios lief auf den Seewolf zu, und einer von ihnen, stämmig gebaut, war der Wortführer. Auch er hatte sich die Ketten um die Gelenke gewickelt.

„Gracias, Señor“, sagte er in kehligem Spanisch, „wir danken Ihnen für unser Leben. Und wir werden ohne Angst um unser Leben an Ihrer Seite kämpfen.“

Hasard nickte und lächelte kaum merklich.

„Noch habt ihr nur eure Fäuste und eure Ketten!“ rief er. „Aber das soll sich schnell ändern. Als erstes werden wir die Waffenkammer stürmen.“

Für einen weiteren Wortwechsel blieb keine Zeit. Hasards Vermutung, daß sie sehr bald in Bedrängnis geraten würden, bestätigte sich. Vom Gatter her ertönten die Warnrufe der Männer von der „Isabella“. Inzwischen waren dort auch jene Deutschen in Stellung gegangen, die die Waffen der toten Spanier übernommen hatten.

Mit einem energischen Handzeichen beorderte der Seewolf die Indios zurück, die sich ebenfalls zur Verteidigung an die Brücke begeben wollten. Es wäre Selbstmord gewesen. Widerstrebend gehorchten sie.

Hasard folgte Johannes Lederer und den anderen, die über die Bohlenbrükke hasteten. Die Seewölfe hatten das Gatter geschlossen und Musketen und Pistolen in Anschlag gebracht. Im Schutz der Einzäunung waren die Deutschen noch damit beschäftigt, die Beutewaffen zu laden. Hasard schob sich zwischen seine Männer und lud die leergeschossenen Läufe seines Drehlings mit geschickten Handgriffen nach.

„Seht sie euch an, die Kanalratten!“ grollte Edwin Carberry. „Glauben diese Stinte etwa, sie könnten hier ein Scheibenschießen veranstalten, was, wie?“

„Zieh bloß den Kopf ein“, sagte Ferris Tucker grinsend, „mit deiner großen Klappe bist du sonst die beste Zielscheibe.“

Der Profos ruckte herum.

„Was soll denn das schon wieder heißen? Mister Tucker, ich warne dich. Wenn du mich verscheißern willst, werde ich dir eigenhändig …“

„… die Haut in Streifen von deinem Affenarsch ziehen!“ fielen die anderen im Chor ein.

Gerhard von Echten und seine Männer wechselten erstaunte Blikke. Doch sie verstanden sehr wohl, mit welch einer hartgesottenen Sorte von Rauhbeinen sie es hier zu tun hatten. Und ebenso erklärte dies, weshalb es den Seewölfen überhaupt gelungen war, in die Festung einzudringen. Das waren Kerle, die Tod und Teufel nicht fürchteten und garantiert schon manches Mal mitten in die Hölle gesegelt waren, um den Leibhaftigen am Schwanz zu ziehen.

Auf dem Appellplatz, außer Schußweite noch, hatten sich inzwischen etwa fünfzig Spanier formiert. Ein Teniente stand wenige Schritte abseits und schrie seine Ordnung in die Dreierreihe. Weiter entfernt war ein Trupp von noch einmal fünfzig Soldaten auf dem Marsch in Richtung Festungstor.

„Vorwärts, marsch!“ ertönte der schneidende Befehl des Teniente.

Regungslos, die Waffen schußbereit, verfolgten die Seewölfe und ihre deutschen Kampfgefährten das Schauspiel.

Im Gleichschritt setzte sich die Dreierreihe der Spanier in Bewegung, auf die Einzäunung des Gefangenenlagers zu. Rasch schmolz die Entfernung zusammen. Sechzig Yards, dann nur noch fünfzig Yards …

„Ferris, auf was wartest du noch!“ zischte der Seewolf.

Der rothaarige Schiffszimmermann sah Hasard zweifelnd an.

„Soll ich wirklich? Ich meine, sie haben doch keine Chance, wenn ich …“

„Und wir haben keine andere Wahl“, fiel ihm Hasard ins Wort. „Wenn wir uns nicht augenblicklich die Waffenkammer unter den Nagel reißen, können wir einpacken.“

Ferris Tucker nickte, sagte nichts mehr. Er lehnte seine Muskete an das Gatter und griff in einen großen Segeltuchbeutel, den er am Gürtel trug. Zum Vorschein brachte er eine Flasche, die mit Pulver, Nägeln und gehacktem Blei gefüllt war. Aus dem Korken, der die Flasche hermetisch verschloß, ragte eine Lunte.

In vierzig Yards Entfernung stoppte ein schneidender Befehl das Teniente die Reihenformation der Spanier.

Ferris Tucker biß die Lunte der Höllenflasche ab, so daß sie nur noch um Fingernagelbreite über den Korken hinausragte. Mit zwei Flinten schlug er geschickt Funken und schaffte es im Handumdrehen, die Lunte zu entfachen.

Die vorderste Reihe der Spanier kniete nieder. Mit einer gutgeübten Synchronbewegung brachten sie die Musketen in Anschlag.

„Erste Reihe, Feuer!“ schrie der Teniente.

„Deckung!“ brüllte der Seewolf. Augenblicklich lagen er und seine Männer flach.

Auf einen Schlag zuckten die Mündungsblitze aus den Musketenläufen der Spanier. Die Schüsse vereinten sich zu einem einzigen weithallenden Krachen. Gefährlich nahe orgelten Kugeln über die Verteidiger hinter dem Gatter weg. Berstend und splitternd hackte Blei auch in die Einzäunung links und rechts vom Gatter.

Besorgt drehte Hasard sich um. Aber zum Glück hatten die Indios reagiert und sich ebenfalls zu Boden geworfen.

Blitzartig sprang Ferris Tucker auf. Mit aller Kraft schleuderte er die Höllenflasche.

„Zweite Reihe …“ schrie der Teniente.

Weiter gelangte er nicht.

Der Seewolf feuerte als erster, und sofort bellten auch die Musketen seiner Gefährten. Für die Distanz von vierzig Yards reichte die überdosierte Pulverladung seines Drehlings mühelos.

Schreie gellten bei den Spaniern, und ihre Reihen lichteten sich.

„Zweite Reihe, Feuer!“ schrie der Teniente mit sich überschlagender Stimme, während er sich verzweifelt zu Boden warf. Keiner von ihnen achtete auf die Flasche, die ihnen mit glimmender Lunte und dünner kleiner Rauchfahne entgegenrollte.

Immer noch feuerten die Seewölfe und die Deutschen. Nur vereinzelt schafften es die Spanier, mit Musketenschüssen zu antworten.

Der Feuerblitz der Detonation löschte alles aus. Schreie gellten markerschütternd, menschliche Körper wirbelten durcheinander. Diejenigen, die es überstanden hatten, warfen sich herum und ergriffen panikartig die Flucht. Kugeln folgten ihnen vom Gatter her, streckten drei, vier von ihnen nieder. Der Teniente brüllte nicht mehr. Reglos lag er dort, wo er sich zu Boden geworfen hatte.

Hasard schnellte hoch, stieß die Rechte mit dem Drehling in die Luft. Halb wandte er sich dabei auch zu den Indios um.

„Vorwärts!“

Die Männer stießen das Gatter auf und stürmten in weit auseinandergezogener Front los. Auch die Indios setzten sich in Bewegung. Alle hatten sich die Ketten um die Gelenke gewickelt, und zu Hunderten quollen sie über die Brükke. Ihr Freudengeschrei tönte weit über die Festung hinaus.

Der Seewolf und seine Gefährten orientierten sich rasch. In einem der Stabsgebäude am Ende des großen Platzes mußten sich die Waffenkammer und auch die Pulverkammer befinden. Da war niemand mehr, der sich ihnen jetzt noch in den Weg stellte. Es gab nur eine denkbare Erklärung dafür. Die restlichen Soldaten waren abgezogen worden, um die Galeeren zu bemannen – oder zumindest eine. Offenbar rechnete der Festungskommandant mit der größeren Gefahr von See her.

Es gab einen weiteren Grund, den weder Hasard noch die anderen einkalkuliert hatten. Capitán Gutiérrez hatte alle sonstigen noch verfügbaren Kräfte auf die Batterietürme gescheucht.

Das wurde den Seewölfen und den befreiten Ruderknechten jäh deutlich, als von der Landseite der Festung Geschützdonner herüberhallte. Das Orgeln der Kugel war zu hören, und der darauffolgende Einschlag ließ das Freudengeschrei der Indios in blankes Entsetzensgeheul übergehen.

Die Kugel war in den Graben vor dem Gefangenenlager gerast. Dreck und Schlamm spritzten hoch, vermischt mit den zerfetzten Leibern von Alligatoren und Kaimanen.

Hasard wich zur Seite und verlangsamte seine Schritte. Die ersten seiner Männer hatten bereits den Schutz der Gebäude erreicht.

„Schneller!“ brüllte er den Indios zu. „Dort hinüber!“ Er deutete auf die Baracken, hinter deren Bohlenwänden sie wenigstens fürs erste einigermaßen sicher sein würden.

Die Indios flohen panikartig, als die nächste Kanonenkugel heranheulte. Die Brücke erwies sich als Nadelöhr. Diesmal lag der Einschlag im Gefangenenlager. Hasard schloß die Augen, als er die markerschütternden Schreie hörte. Er wußte nicht, wie viele der Indios sich noch dort hinter der Einzäunung befanden.

Aber die übrigen schafften es, sich rechtzeitig vor dem nächsten Schuß in Sicherheit zu bringen.

Hasard winkte Gerhard von Echten und die Männer von der „Isabella“ zu sich heran.

„Übernehmen Sie die Waffenkammer“, forderte er den Deutschen auf. „Verteilen Sie alles, was Sie finden, an die Männer.“

Von Echten nickte nur, wirbelte herum und war in der nächsten Sekunde in der Riesenschar der Gefangenen untergetaucht.

Abermals orgelte eine Kanonenkugel über die Köpfe der Männer weg. Reaktionsschnell warfen sie sich zu Boden.

Der Einschlag riß einen Krater in die Mitte des Appellplatzes.

„Batuti!“ rief der Seewolf. „Schieß das Signal!“

Während sie sich wieder aufrappelten, zog der schwarze Herkules einen besonders präparierten Pfeil aus dem Lederköcher. Eine Lunte hing von der verdickten Spitze herab. Mit seinen Flinten setzte Ferris Tucker sie in Brand, und dann legte Batuti den Pfeil auf die Bogensehne und schoß ihn steil in die Luft, zum Meer hin.

Hasard war sich indessen darüber im klaren, daß sie keine Zeit mehr zu verlieren hatten. Die Batterietürme, deren Geschütze auf das Innere der Festung gerichtet worden waren, bildeten jetzt die größte Gefahr für sie.

„Ferris!“ rief er. „Wie viele Höllenflaschen hast du noch?“

„Fünf, Sir.“

„Dann los!“

Geduckt hasteten sie auf die Unterkunftsbaracken zu und drangen in deren Schutz vor.

8.

Gleich nachdem sie im Nebel verschwunden waren, hatte Ben Brighton den Kurs ändern und die „Isabella“ in langen Schlägen gegen den Wind kreuzen lassen. Dann waren sie erneut auf Ostkurs gegangen und näherten sich nun abermals dem Hafen von Macuro aus der ursprünglichen Richtung.

„Deck!“ schrie Bill, der Moses, aus dem Großmars. „Leuchtkugel an Backbord!“

Die Köpfe der Männer ruckten herum. Deutlich sahen sie den hellroten Feuerball, der hoch am Himmel zerplatzte und einen Funkenregen niederschweben ließ. Es war das vereinbarte Zeichen.

Längst war die Galeone klar zum Gefecht. Murrend zwar, doch letztlich folgsam, hatten sich die Zwillinge ins Mannschaftslogis verzogen, nachdem sie Sand ausgestreut sowie Kohlenbecken und Pützen mit Wasser aufgestellt hatten. Und wieder standen die Geschützmannschaften unter Al Conroys Kommando an Backbord bereit.

Unvermittelt tauchten die zerschossenen Galeeren aus dem Dunst auf. Nach dem ersten Angriff war die Sicht merklich besser geworden. In der Pfahlbausiedlung regte sich keine Menschenseele. Die Indios mußten die Flucht in den Dschungel ergriffen haben. Unter dem leicht zunehmenden Wind begann der Nebel sich mehr und mehr zu verflüchtigen.

Auch die Festungspalisaden von Macuro wurden jetzt sichtbar.

„Drei Strich Steuerbord!“ befahl Ben Brighton reaktionsschnell. „Backbordgeschütze klar zum Feuern!“

Pete Ballie ließ das Steuerruder wirbeln, und der Bug der „Isabella“ schwenkte nach Südosten.

Bevor die Festungsbatterien auch nur eine Chance hatten, das Ziel zu erfassen und sich darauf einzurichten, gab der Erste Offizier der „Isabella“ den Feuerbefehl. Jetzt zeigte sich der unschätzbare Vorteil, den die überlangen Rohre der Culverinen an Bord der Galeone boten. Gegen die Reichweite dieser Geschütze war kein Kraut gewachsen.

Yardlange Feuerblitze zuckten aus den Stückpforten, hart krängte die „Isabella“ unter dem Rückstoß nach Steuerbord. Der Donner der Culverinen rollte gegen die Festung an, mit verheerender Gewalt raste die volle Backbord-Breitseite auf die Palisaden zu.

Schreie gellten, noch bevor die Siebzehnpfünderkugeln das Palisadenholz in Trümmer legten. Berstend und krachend flogen die Palisaden unter den Einschlägen auseinander. Die Batterietürme sanken mit ihrer schweren Geschützlast in sich zusammen wie unter wegknickenden Getreidehalmen. Planken und Bohlen wirbelten durch die Luft und begruben die Soldaten unter sich. Innerhalb von Sekunden bestand die vordere Festungsmauer nur noch aus zerfetzten Fragmenten.

Während der Pulverrauch sich lichtete, stimmten die Männer auf der „Isabella“ ihr Triumphgebrüll an.

„Ar – we – nack!“ hallte abermals der Schlachtruf, dessen rollender Takt an den Marschtritt eines herannahenden Heeres erinnerte.

„Deck!“ gellte von neuem Bills Stimme aus dem Großmars. „Galeere Backbord voraus!“

Noch während er die letzte Silbe hervorstieß, erfolgte ein dumpfer Schlag, dann das unverkennbare Orgeln eines herannahenden Geschosses. Klatschend fuhr es durch das Vormarssegel der Galeone und riß an Steuerbord eine hohe Fontäne aus den Fluten.

Al Conroy reagierte blitzschnell. Mit wenigen Sätzen war er auf der Back. Die Drehbasse an Backbord war bereits geladen, wie alle anderen der Hinterladergeschütze in den schwenkbaren Gabellafetten.

Wie Ben Brighton, der auf dem Achterkastell nach Backbord geeilt war, erfaßte auch der Stückmeister die Situation blitzschnell.

Die Prunkgaleere des Festungskommandanten war mit Soldaten als Ruderern bemannt worden und löste sich von der Pier. Auf der Plattform am Bug war die Geschützmannschaft im Begriff, den schweren Mörser für den zweiten Schuß zu laden. Da nicht einmal die Hälfte der Ruderbänke besetzt war, lief die Galeere nur langsame Fahrt.

Al Conroy schätzte die Entfernung auf neunzig bis hundert Yards. Ruhig visierte er an, nachdem er die Lunte ins Zündloch der Drehbasse geschoben hatte.

Im selben Moment ging Ben Brighton aufs Ganze.

„Geh auf Ostkurs, Pete!“

„Aye, aye, Sir.“ Der Rudergänger begriff sofort. Trotz des zerrissenen Vormarssegels hatte sich die Fahrt der schlanken Galeone noch nicht verringert.

Al Conroy glich den beginnenden Kurswechsel aus. Brüllend entlud sich die Drehbasse und spie ihren tödlichen Hagel aus gehacktem Blei aus.

Als der Pulverrauch verflog, war die Plattform am Bug der Galeere wie leergefegt. Nur der Mörser stand einsam und verlassen da. Schreie gellten im nächsten Moment, doch das Entsetzen, das aus ihnen klang, galt nicht dem Meisterschuß Al Conroys.

Groß und drohend rauschte der Bug der „Isabella“ auf das Vorschiff der Prunkgaleere zu. Viel zu spät erhielt die zahlenschwache Rudermannschaft den Befehl zum Streichen. Panikartig sprangen die ersten Ruderer auf, als der Schatten der heranrauschenden Galeone auf sie fiel. Befehle, die unter dem Sonnendach hervorgellten, wurden nicht mehr befolgt.

Rasend schnell verringerte sich die Distanz.

Mit ohrenbetäubendem Krachen bohrte sich der Bug der „Isabella“ in das prachtvoll verzierte Vorschiff der Galeere. Für einen Moment hob sich der Bug der Galeone. In einem Meer von Trümmern versank auch der schwere Mörser.

Die Soldaten, einschließlich der Offiziere, sprangen in wilder Flucht über Bord und retteten sich schwimmend an Land.

Ben Brighton ließ beidrehen. Zurück blieb das Wrack der „Virgen de Murcia“, deren reichgeschmücktes Heck jetzt schräg emporragte.

Aus der Festung wehten noch immer Schüsse und Detonationen herüber. Besorgnis überschattete die Gesichtszüge Ben Brightons. Er durfte den Männern an Land nicht zu Hilfe eilen, denn noch war die Lage zu unklar, um die „Isabella“ schutzlos vor Anker zu legen.

Insgesamt drei Batterietürme gab es an der landeinwärts gelegenen Palisadenwand der Festung. Bevor die Mannschaften die Geschütze zum nächsten Schuß klarieren konnten, waren Hasard und seine Männer heran. Smoky und Ferris Tucker gaben Feuerschutz mit ihren Musketen. Mit Höllenflaschen, deren Lunten bereits glimmten, jagten der Seewolf, Ed Carberry und Dan O’Flynn auf die Türme zu. Batuti stand seelenruhig an der Ecke einer Barakke und feuerte seine Pfeile auf die Türme ab. Die Mannschaften waren gezwungen, in Deckung zu gehen.

Alles Weitere spielte sich in Minutenschnelle ab. Hasard und die beiden anderen schleuderten ihre Höllenflaschen aus geringer Entfernung nach oben. Dann warfen sie sich herum und hasteten zurück.

Beinahe gleichzeitig erfolgten die Detonationen. Trümmer wirbelten durch die Luft, und die mächtigen Kanonen schlugen hart auf dem Boden auf.

Stille kehrte ein.

Der Seewolf und seine Männer vergewisserten sich rasch, daß die Festungstürme an den Längsseiten der Palisaden nicht besetzt waren. Dann eilten sie zurück über den Appellplatz, wo die meisten Indios schon bewaffnet waren und unter dem Kommando der Deutschen auszuschwärmen begannen. Gerhard von Echten und seine Freunde waren noch in den Gebäuden beschäftigt.

Durch die zerfetzte Palisadenfront der Festung eilten die Männer von der „Isabella“ zum Hafen hinunter. Grenzenlose Erleichterung befiel sie, als sie die Szenerie vor sich sahen. Hier gab es keine Probleme mehr. Ben Brighton und die anderen hatten ganze Arbeit geleistet.

Erst beim zweiten Hinsehen erblickten Hasard und seine Männer die Gestalten, die aus dem seichten Uferwasser an Land krochen. Und die Seewölfe waren rechtzeitig genug zur Stelle, um die Spanier in Empfang zu nehmen. Die triefendnassen Männer unter Capitán Ramón Marcelo Gutiérrez leisteten keinen Widerstand mehr. Es gab keinen Gedanken daran angesichts der drohenden Waffen, die sich ihnen entgegenrichteten. Überdies saß ihnen der Schock der gerade erlittenen Niederlage noch in den Knochen.

Den beleibten Festungskommandanten übernahm der Seewolf persönlich. Gutiérrez war ein schlotterndes Abbild seiner selbst. Er konnte den hünenhaften Engländer nur anstieren und brachte kein Wort des Protestes hervor, als Hasard ihn mit einem Schwenker seines Drehlings aufforderte, loszutraben.

Frenetischer Jubel der Indios empfing ihn und die anderen, als sie die Spanier über die heruntergelassene Bohlenbrücke in das ehemalige Gefangenenlager trieben. Von allen Seiten erschienen jetzt Gruppen bewaffneter Indios, die versprengte Spanier aufgegriffen hatten und dem Beispiel der Seewölfe folgten. Im Handumdrehen befand sich die überlebende Schar der Soldaten unter Capitán Gutiérrez in jenem Lager, in dem sie zuvor die Rudersklaven wie Tiere hatten vegetieren lassen.

„Ihr werdet eine Weile hier ausharren müssen“, erklärte Hasard, „und denkt daran, daß in eurem schönen Graben noch genügend Alligatoren am Leben geblieben sind.“

Er wandte sich ab. Sie zogen die Brücke hoch und schlossen das Gatter. Irgendwann würden die spanischen Galeonen erscheinen, die den Silbervorrat abzutransportieren hatten. Bis dahin mußten sich Gutiérrez und seine Leute gedulden. Schon jetzt stand fest, daß es härter für sie werden würde als eine gnädige Kugel.

Als Hasard und seine Männer auf den Appellplatz zurückkehrten, waren die Deutschen unter Gerhard von Echtens Kommando damit beschäftigt, metallbeschlagene Kisten aus einer der Baracken ins Freie zu transportieren.

Von Echten erblickte den Seewolf und trat auf ihn zu. Mit einer ausladenden Handbewegung deutete der hochgewachsene Deutsche auf die inzwischen gestapelten Kisten.

„Ich hoffe, Sie haben einen ausreichend großen Laderaum, Sir Hasard.“ Er warf einen Blick über die zerborstene Festungsfront. Vor dem Hafen ankerte die „Isabella“. „Wir sollten keine Zeit verlieren und das Silber gleich an Bord mannen lassen. Es steht Ihnen zu.“

Hasard schüttelte energisch den Kopf.

„Abgelehnt. Das Silber gehört Ihnen, denn Sie wurden von den Spaniern um die Ausübung Ihres Rechts betrogen. Ich werde die Kisten zwar an Bord nehmen, aber nur bis zu Ihrem Stützpunkt, wo ich Sie und Ihre Männer absetzen werde.“

„Ich sehe schon“, Gerhard von Echten seufzte, „das wird eine schwierige Verhandlung. Versuchen wir es so: Ich nehme Ihren Vorschlag teilweise an. Allerdings nur unter einer Bedingung. Wir schließen einen Vertrag, den ich als Bevollmächtigter des Augsburger Bankhauses unterzeichne. Darin wird der britischen Krone die Hälfte des erbeuteten Silbers überschrieben. Die Auslieferung erfolgt in London, und zwar bei der Rückreise unseres nächsten Schiffes nach Europa.“

Hasard willigte ein, denn er begriff, daß von Echten niemals die gesamte Beute für sich allein akzeptieren würde.

Mit Hilfe der Indios brauchten sie nur wenig mehr als eine Stunde, um die insgesamt achtzig Kisten an Bord zu mannen. Während dieser Arbeit waren Ferris Tucker und mehrere Helfer unablässig damit beschäftigt, alle ehemaligen Galeerensklaven mit kräftigen Hammerschlägen von ihren Ketten zu befreien.

Und die Freiheit war das Geschenk für die Indios, die zu Hunderten am Strand ausharrten und mit leuchtenden Augen die Galeone verfolgten, bis ihre Segel über der östlichen Kimm verschwunden waren …