Kitabı oku: «Seewölfe Paket 29», sayfa 22
Es mußte eine leichte Aufgabe gewesen sein, denn das Kontorhaus wurde nicht bewacht. Natürlich nicht. Welche Gefahr sollten Pfeffersäcke auch schon zu befürchten haben?
Ayasli spähte zu dem Zweimaster hinüber. Die Hecklaterne brannte, und die Gestalt eines einzelnen Mannes, der an Deck auf und ab schritt, war zu erkennen. Die Wache. Ein Mann, mehr nicht. Günstiger konnte man es nicht antreffen. Das Risiko war minimal.
Entsetzen und panische Angst bei der Explosion der Yildiz-Bombe.
Schlimmeres Entsetzen und größere Angst, wenn der Zweimaster auseinanderflog. Dies, so beschloß Ayasli, während er weiter beobachtete, sollte seine Meisterleistung sein.
Und das Ergebnis seiner Meisterleistung würde er mit eigenen Augen beobachten. Es sollte etwas Großartiges werden, soviel stand fest.
Niemals zuvor hatte jemand eine Bombe gebaut, die unter Wasser explodierte. Er setzte ein wasserdichtes Gehäuse für das Pulver und ein wasserdichtes Gehäuse mit Luftzufuhr für die brennende Lunte voraus. Kein Mensch hatte so etwas jemals geschafft. Er, Süleyman Ayasli, würde es zustande bringen.
Diese britischen Bastarde würden in ihre Christenhölle geblasen werden, bevor sie überhaupt wußten, wie ihnen geschah!
Nur einmal, am darauffolgenden Tag, sahen Hasard und Don Juan ihren Informanten im Gewühl des Kaffeehauses. Ahmet Ezgin schob sich durch die Tischreihen und gab mit keiner Miene zu erkennen, daß er mit den Männern von Bord der Dubas etwas zu tun haben wollte oder gehabt hätte.
Erst bei beginnender Dämmerung näherte sich ihnen jemand. Es war ein drahtiges Kerlchen, das da mit verschwörerischem Grinsen herantänzelte und sich unaufgefordert an ihrem Tisch niederließ. Ein Ziegenbart gab dem Kerlchen ein Aussehen, das zum Lachen reizte.
„Ich habe gehört, die Gentlemen suchen einen Boten für gewisse Nachrichten?“ Er blickte lauernd-listig von einem zum anderen.
„Wie heißt du?“ antwortete der Seewolf mit einer Gegenfrage.
„Oh, mein Name tut nichts zur Sache. Wenn Sie auf solche Nebensächlichkeiten Wert legen, sind wir die falschen Gesprächspartner. Aber Sie sollten es sich überlegen. Ich bin der beste Nachrichtenübermittler, den Sie sich wünschen können. Weil ich nämlich die besten denkbaren Beziehungen in Istanbul habe.“
„Man könnte annehmen“, sagte Don Juan lächelnd, „daß ohne dich praktisch jegliches Leben unmöglich ist.“
Das Kerlchen verzog sein Ziegenbartgesicht. „Sie müssen selber wissen, wie Sie entscheiden. Ich dränge mich nicht auf.“
„Nicht beleidigt sein.“ Hasard klopfte ihm freundlich auf die schmale Schulter. „Vielleicht kommen wir ins Geschäft. Aber wir möchten dir unsere Nachricht nicht hier drinnen anvertrauen. Hier gibt es zu viele Ohren.“
„Wie Sie wollen. Mein Lohn beträgt einen Piaster. Ich weise vorher darauf hin, damit es nachher keine Unklarheiten gibt. Und gezahlt wird immer im voraus.“
„Selbstverständlich“, sagte der Seewolf mit wegwerfender Handbewegung.
„Haben Sie Ihre Nachricht nicht schriftlich aufgesetzt?“ fragte das Kerlchen erstaunt.
„Wir vertrauen deinen Fähigkeiten als bester Übermittler von Istanbul“, sagte Don Juan grinsend. „Und jetzt raus mit uns, sonst palavern wir uns hier drinnen noch fest.“
Sie nutzten einen Moment, in dem im Kaffeehaus besonders reges Kommen und Gehen herrschte. So gelang es ihnen, auf den schon hinreichend bekannten Hinterhof hinauszuschlüpfen, ohne daß jemand mit sonderlichem Interesse darauf achtete.
„Du kennst den Höllenfürsten?“ fragte Hasard, als sie im Schatten eines Mauerwinkels standen. Die Dunkelheit würde innerhalb weniger Minuten hereinbrechen.
„Den kennt niemand“, sagte das Kerlchen. „Und wenn ihn jemand kennt, dann ist das gleichbedeutend mit dem sicheren Tod.“
„Aber du weißt, wie man ihm eine Botschaft übermitteln kann“, fuhr der Seewolf fort.
„Klar“, erwiderte der kleine Türke etwas prahlerisch. „Ich habe schon jede Menge Nachrichten für ihn angenommen und korrekt weitergegeben. Allerdings immer schriftlich. Mündlich ist es das erste Mal, daß ich …“
Er gurgelte vor Schreck, denn der Seewolf hatte ihn blitzartig am Kragen gepackt. Ohne sonderliche Mühe hob Hasard das Kerlchen hoch, so daß es um Fußeslänge über dem Boden schwebte.
Er riß den Mund auf, um zu schreien. Und er wollte anfangen zu zappeln.
Don Juan hob die flache Hand zur Ohrfeige.
Das Kerlchen blieb ruhig. Sein Gesicht wurde weißgrau, und die Augen ragten daraus wie sich wölbende starre Knöpfe hervor.
„Wir wollen keine Zeit verschwenden“, sagte der Seewolf eisig. „Wenn du unsere Fragen beantwortest, passiert dir nichts. Darauf gebe ich dir mein Wort.“
„Aber ich – ich kenne den – den Höllenfürsten wirklich nicht!“ stotterte der kleine Mann. „Ich habe ihn nie gesehen. Kein Mensch kennt ihn!“
„Uns geht es um die andere Seite“, entgegnete Hasard. „Wer erteilt dem großen Unbekannten die Mordaufträge? Wer hat den Befehl gegeben, Kemal Yildiz umzubringen?“
Der Mund des Kerlchens klappte auf. „Das – das kann nicht Ihr Ernst sein“, stammelte er nach Sekunden. „Sie verlangen von mir, daß ich – daß ich …“ Er wußte nicht weiter.
„Er kennt den Namen“, sagte Don Juan trocken.
„Den Eindruck habe ich auch“, entgegnete Hasard und nickte. „Es liegt natürlich an ihm selber, wie lange er es aushalten muß.“ Er drückte etwas fester zu und hob das Kerlchen noch ein Stück höher.
Der Zuträger begann zu wimmern. „Ich spreche mein eigenes Todesurteil, wenn ich es sage! Ich könnte mich ebensogut selbst töten.“
„Nun übertreibe mal nicht!“ Hasard schob ihn mit dem Rücken gegen die Wand. Durch den unverminderten Druck am Hals wurde die Atemluft des Kerlchens noch knapper. „Ernsthafte Probleme kriegst du in erster Linie mit uns, wenn du nicht bald ein bißchen plauderst.“
Don Juan zog zur Untermalung seinen Entersäbel. In der nun einsetzenden Dunkelheit war das Funkeln der Klinge auf bedrohliche Weise zu erkennen, zumal der Spanier die Klingenspitze beeindruckend nahe vor das weißgraue Gesicht mit den hervorquellenden Augen hielt.
Die Wirkung blieb nicht aus. Das Wimmern des Kerlchens steigerte sich zu hohen Tönen, die fast wie ein Quieken klangen. Nicht einen Atemzug lang zweifelte er daran, daß diese Ungläubigen ihn massakrieren würden.
Nach allem, was man über sie hörte, mußten sie wahre Bestien in Menschengestalt sein. Das Kerlchen bedauerte sich selbst zutiefst. Ausgerechnet ihm mußte es widerfahren, solchen Teufeln in die Hände zu fallen! Womit, bei Allah, hatte er das verdient?
Aber sollte er selbst zugrunde gehen, damit sich ein anderer ins Fäustchen lachte? Die Gedanken jagten sich in seinem Kopf. Gewiß, er würde aus Istanbul verschwinden müssen, damit er nicht gejagt und umgebracht wurde.
Denn er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie diese Engländer gegen eine Übermacht bestehen wollten. Sie hatten einfach keine Chance. Aber sie hatten es, verdammt noch mal, in der Hand, über sein Leben oder Sterben zu entscheiden.
Und er wollte nicht sterben.
„Unsere Geduld ist nicht grenzenlos“, sagte der Seewolf leise und doch drohend.
Don Juan de Alcazar bewegte den Säbel ein Stück und ließ die Klingenspitze sachte das Kinn des Kerlchens berühren.
Er zuckte zusammen und riß den Mund weit auf, um zu schreien. Er fing an zu zappeln.
Hasard rammte ihn fester gegen die Wand, und sofort wurde er wieder still.
„Ich – ich rede“, keuchte er.
Hasard ließ ihn zu Boden sinken und lockerte seinen Griff – doch nur ein wenig.
„Wer hat Kemal Yildiz umbringen lassen?“ wiederholte er seine Frage in rauhem Ton.
„Es ist einer der mächtigsten Männer in Istanbul“, antwortete das Kerlchen schnaufend. „Wenn nicht der mächtigste überhaupt.“
Der Seewolf lachte leise. „Niemand ist so mächtig, daß er nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann. Den Namen!“
„Mehmet Küzürtüsi.“
Hasard und Don Juan wechselten einen Blick. Also hatte Münnever Yildiz mit ihrer Vermutung recht gehabt. Dieser Küzürtüsi zählte zu jenen Kreisen in Istanbul, die alles Herkömmliche und Überlieferte eisern bewahrten und um nichts in der Welt durch neue Denkanstöße ablösen lassen wollten.
Männer wie Kemal Yildiz, der die Grenzen seines eigenen Standes mutig überschritt und für Gerechtigkeit eintrat, waren Küzürtüsi und seinesgleichen in höchstem Maße unbequem.
Yildiz hatte sie in ihren Machtansprüchen zu sehr gestört.
Hasard ließ das Kerlchen los. „In Ordnung. Du wirst uns zu Küzürtüsi führen.“
Der Zuträger erschauerte. „Aber – aber …“ Seine Stimme erstickte.
Hasard lachte rauh. „Keine Angst. Wir lassen dich rechtzeitig vorher laufen. Du wirst niemandem in die Hände fallen.“
6.
Das Kerlchen war erleichtert, als der Seewolf sein Versprechen einhielt.
Hasard ließ ihn laufen, als er gemeinsam mit den Männern in einer Seitengasse verharrte. Die Gasse mündete in den Platz vor dem Küzürtüsipalast. Die Zwillinge, Old Donegal, der Kutscher und das „Viehzeug“, Carberrys Sammelbegriffe für Plymmie, Arwenack und Sir John, waren auf Befehl des Seewolfs an Bord geblieben.
Sämtliche übrigen Männer waren mit Säbeln und Pistolen ausgerüstet, und sie hatten eine Mordswut im Bauch, die sie beim besten Willen nicht unterdrücken konnten.
Menschen, die wehrlos und ahnungslos waren, mit einer Pulverladung zu töten, war nach ihrer übereinstimmenden Meinung so ziemlich das Niederträchtigste, was man sich vorstellen konnte.
Man muß einem Gegner die Chance geben, sich zu wehren. Das war das mindeste, was man tun konnte.
Dieser Küzürtüsi und sein Höllenfürst waren zusammen gewissermaßen ein Ausbund an Gemeinheit. Den Arwenacks lief die Galle über, wenn sie nur daran dachten, in wie vielen Fällen diese Hundesöhne schon auf ähnliche Weise gemordet hatten.
Es wurde höchste Zeit, daß man ihnen das Handwerk legte. Dabei hatten weder der Seewolf noch einer seiner Männer das Gefühl, daß sie sich in eine Sache einmischten, die sie nichts anging.
Kemal Yildiz wäre eine Art Verbündeter geworden, ein guter Freund, da waren sie sicher. Yildiz hatte das Format gehabt, den Mittler zwischen unterschiedlichen Weltanschauungen zu spielen. Die Arwenacks hatten das allein aus den Worten seines Abgesandten schließen können. Und was sie von Münnever Yildiz erfahren hatten, bestätigte ihr Urteil.
Dem Andenken dieses Mannes waren sie es schuldig, seinen Tod zu rächen.
Die Männer verharrten mehrere Minuten lang. Regungslos beobachteten sie den Palast, dessen filigran wirkende Türme und Zinnen wie ein kunstvoller Scherenschnitt vor dem Nachthimmel aussahen.
Die Schritte des davoneilenden Kerlchens waren längst verklungen. Er hatte sorgfältig darauf geachtet, daß ihn niemand zusammen mit den Engländern bemerkte. Einen Erfolg ihrer Aktion schien er nicht zu erwarten.
Der Palast war von einer etwa mannshohen Mauer umgeben. Auf der Mauerkrone befand sich ein schmiedeeisernes Gitter von drei Fuß Höhe. Die oberen Enden des Gitters waren wie Speere zugespitzt und nach außen gebogen. Auch das Haupttor, ganz aus Gitterwerk, war auf diese Weise geschmiedet.
Sam Roskill und Bob Grey übernahmen die erste Aufgabe. Auf ein Zeichen des Seewolfs huschten die beiden schlanken Engländer los. Sam trug ein zusammengerolltes Tau über der Schulter, an dessen Ende sich ein Enterhaken befand, den sie mit Lappen umwickelt hatten. Bob hatte sich ein zusammengerolltes Bündel von dickem Segeltuch unter den Arm geklemmt.
Ohne ein verräterisches Geräusch erreichten sie die Umfassungsmauer unmittelbar neben dem rechten Torpfeiler. Bewegungslos verharrten sie. Von dem Kerlchen wußten sie, daß zwei Posten in entgegengesetzter Richtung auf der Innenseite der Mauer patrouillierten.
In Abständen von etwa fünfzig Yards gab es Treppen, die zu kleinen, wehrturmartigen Plattformen hinaufführten. Von dort aus konnten die Posten überblicken, was sich außerhalb des Palasts abspielte.
Sie mußten beseitigt werden, wenn man in den Palast vordringen wollte. Es gab keinen Weg, der daran vorbeiführte.
Sam und Bob spähten zu den Turmplattformen in ihrer Nähe. Noch war dort niemand zu sehen. Auch Schritte waren auf der anderen Seite der Mauer nicht zu hören. Besser konnte die Gelegenheit nicht sein. Die Posten mußten sich an entfernteren Stellen des Grundstücks befinden.
Sam Roskill nahm das Tau in die Linke und schleuderte den dick ummantelten Enterhaken senkrecht hoch. Es klappte schon beim ersten Versuch. Mit einem dumpfen Laut verfing sich der Enterhaken in den schmiedeeisernen Spitzen des Gitters. Sam Roskill zog an dem Seil, und der Haken saß unverrückbar fest.
Angespannt horchten die beiden Männer.
Kein Alarmgebrüll, keine eiligen Schritte. Bob Grey riskierte einen vorsichtigen Blick durch die Gitterstäbe des Tors. Da waren auch keine Lichter von Laternen, die im Palast angezündet wurden. Noch schien keiner etwas bemerkt zu haben.
Bob zögerte nicht. Er hatte sich das Segeltuchbündel mit einer Schnur um die Hüfte gebunden. Mit kraftvollen Bewegungen hangelte der drahtige blonde Engländer am Tau nach oben. In Sekundenschnelle erreichte er die Mauerkrone, hielt sich am Gitter fest und löste das Bündel von der Hüfte. Geschickt warf er es über die gefährlichen Eisenspitzen und zupfte es so zurecht, daß mehrere Lagen Segeltuch das Eisen entschärften.
Es bereitete ihm keine Mühe, sich trotz der gebogenen Gitterspitzen hinüberzuschwingen. Auf der Innenseite des Gitters wollte er verharren, um sich einen erneuten Überblick über die Lage zu verschaffen.
Eine schneidende Stimme ließ ihn zusammenzucken.
„Keine Bewegung, oder du stirbst!“
Bob wandte den Kopf vorsichtig nach links. Das Licht von Mond und Sternen reichte aus. Er sah den Posten, der hinter dem linken Torpfeiler gelauert haben mußte. Der Mann hatte eine ziselierte einläufige Pistole im Anschlag. Wo steckte der andere? Wollte dieser eine sich Lorbeeren verdienen und alle Schwierigkeiten selbst beseitigen?
Bob hörte seinen Gefährten, der begonnen hatte, die Mauer zu erklimmen. Keine Zeit mehr, ihn zu warnen.
Schon im nächsten Atemzug erschien Sam Roskill auf der anderen Seite des Eisengitters.
Der Mann mit der ziselierten Pistole war einen Sekundenbruchteil lang irritiert. Bob sah es an der ruckartigen Bewegung seines Kopfes. Die winzige Zeitspanne genügte dem drahtigen Engländer.
Blitzartig griff er zum Gurt, zog das Messer mit einer fließenden Bewegung und warf es mit der ganzen Kraft seiner Armmuskeln.
Den dumpfen Einschlag der Klinge, die bis zum Heft in die Brust des Postens drang, folgte das Krachen der Pistole. Aber der Schuß bedeutete keine Gefahr. Der Mann, der schon hintenüber kippte, riß den Abzug nur noch reflexartig durch. Das Blei raste in den Nachthimmel.
Bob Grey sprang auf den gepflasterten Weg, der sich an der Innenseite der Mauer entlangzog. Sam Roskill überwand das Eisengitter und folgte seinem Gefährten.
Innerhalb der nächsten Sekunden mußte die Hölle losbrechen.
Tatsächlich ertönte wildes Alarmgebrüll aus dem hinteren Teil des Palastgartens. Bob Grey kniete bei dem Toten, nahm sein Messer wieder an sich und löste ein Schlüsselbund vom Gurt des Postens. Sam Roskill stand mit schußbereiter Pistole hinter einem Zierstrauch am Rand der Zufahrt, die vom Tor zum Palast führte.
Zusehends mehr Stimmen wurden dort laut. Lampenlicht flutete aus einer aufschwingenden Tür. Die Palastwache reagierte schnell. Gestalten stürmten ins Freie. Waffenstahl erzeugte matte Reflexe.
„Beeil dich, verdammt noch mal!“ rief Sam zischend.
Bob hatte das Messer in die Scheide geschoben. Mit dem Schlüsselbund lief er zum Tor.
Draußen stürmten die Arwenacks über den Platz.
In Bobs Händen klirrten die Schlüssel. Fieberhaft suchte er den passenden.
Die Männer der Palastwache rannten mit langen Sätzen. Mehr als vierzig, fünfzig Yards waren sie nicht mehr vom Tor entfernt.
Sam Roskill duckte sich unwillkürlich. Er hielt die schwere Pistole im Beidhandanschlag.
Noch dreißig Yards. Die Gesichter der Palastwächter waren im Mondlicht schon zu erkennen.
Endlich fand Bob Grey den richtigen Schlüssel. Die Torflügel schwangen mit leisem Kreischen auf.
Aus den Augenwinkeln heraus sah Sam Roskill den Seewolf und die anderen herbeistürmen. Sam feuerte.
Die Pistole ruckte in seinen Fäusten. Eine grelle Feuerzunge stieß in das bleierne Mondlicht.
Einer der Küzürtüsi-Männer überschlug sich im Laufen. Die anderen, links und rechts von ihm, gerieten ins Stolpern, da er ihnen quer vor die Füße stürzte.
Der alte Kampfruf aus Cornwall donnerte in den Palastgarten. „Ar – we – nack! Ar – we – nack!“ Es war wie der tönende Ausdruck einer entfesselten Urgewalt, die den Palastwächtern entgegenbrandete.
Und eben dieses Gefühl hatten sie im nächsten Moment.
Ihre Schüsse waren schlecht gezielt, zu überhastet. Durch die präzise Kugel von Sam Roskill war das Verteidigungskonzept der Türken völlig durcheinandergeraten.
Der Anblick der Angreifer, die durch das offene Tor hereinstürmten, bewirkte ein übriges. Die Verwirrung steigerte sich ins Grenzenlose. Als sie ihre Krummsäbel zogen, waren der Seewolf und seine Männer bereits zur Stelle.
Klingenstahl klirrte.
Die Wächter Mehmet Küzürtüsis mußten all ihr Beharrungsvermögen zusammenraffen, um angesichts der Angreifer nicht in Panik zu geraten. Da waren so furchterregende Gestalten wie der hünenhafte Mann mit dem Narbengesicht, der riesige Schwarze mit dem mörderisch funkelnden Gebiß und der rothaarige Riese, der statt eines Säbels eine Zimmermannsaxt schwang. Eine Waffe, die gleich zwei Palastwächter auf einmal niedermähte.
Hasard stürmte über den zusammensinkenden Gegner hinweg, den er mit einer blitzartigen Attacke niedergestreckt hatte. Ben Brighton, Dan O’Flynn und die anderen waren unmittelbar hinter ihm. Gemeinsam stürmten sie auf den offenstehenden Eingang der Wache zu.
Der Haupteingang des Palasts befand sich ungefähr zehn Yards weiter rechts. Auch dort brannte jetzt Licht hinter den Fenstern. Man richtete sich auf die weitere Verteidigung ein.
Der Seewolf und seine Gefährten fackelten nicht lange. Wie erwartet, gab es einen Durchgang von der Wache zur Eingangshalle des Palasts. Hasard riß die Tür auf und schnellte mit flachem Sprung in die Halle.
Schüsse krachten. Kugeln sirrten über ihn hinweg, durch die offene Tür zur Wache. Auf der anderen Seite des Raums klatschte das Blei in die Wand.
Hasard federte hoch. Der Radschloßdrehling lag in seiner Rechten. Im Bruchteil einer Sekunde erfaßte er die Lage. Weitere Wächter waren bei der großen Eingangstür herumgewirbelt. Einer von ihnen, am weitesten links, hatte seine Pistole noch nicht abgefeuert.
Hasard zog durch und ließ sich sofort darauf fallen. Der Drehling wummerte. Im Fallen spürte der Seewolf den sengenden Hauch des Bleies aus der Pistole des anderen. Aber seine Kugel hatte getroffen.
Hasard feuerte im Liegen, als die drei anderen Kerle nach bereitliegenden geladenen Pistolen griffen. Grenzenloses Erstaunen zeichnete ihre Gesichter. Eine sechsschüssige Waffe hatten sie noch nicht gesehen. Es war dieses Erstaunen, mit dem sie starben.
Der Seewolf gab den anderen mit einem knappen Ruf zu verstehen, daß die Gefahr beseitigt war. Zügig drangen sie weiter vor und schwärmten im Palast aus. Hasard, Ben Brighton, Don Juan de Alcazar und Dan O’Flynn stürmten die breite Treppe hinauf, die von der Halle ins obere Stockwerk führte. Das Kerlchen hatte ihnen den Weg zu Küzürtüsis Schlafgemach beschrieben.
Hasard ließ die Tür mit einem Fußtritt auffliegen. Drinnen krachte sie gegen eine Kommode. Mit wenigen langen Sätzen war er als erster im Zimmer.
Keine weiteren Wächter.
Nur ein schlotternder Koloß von Kerl war da, der sich die seidenen Decken bis zum Kinn hochgezogen hatte. Unter dem Baldachin seines Luxusbetts wirkte er wie ein verängstigtes Riesenbaby, dessen Augen von innen her aus den Höhlen gedrückt zu werden schienen. Es sah beängstigend aus.
„Sie sind Mehmet Küzürtüsi“, sagte der Seewolf und ließ es nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung klingen.
Statt einer Antwort erschauerte der Füllige heftiger. Seine Zähne begannen zu klappern.
„Sie haben Kemal Yildiz ermorden lassen“, fuhr Hasard mit klirrender Stimme fort. „Geben Sie es zu.“
Das Zähneklappern des Dicken wurde zu einem rasenden Rhythmus. Wieder brachte er keine Antwort hervor. Doch seine unverhohlene Angst war wie ein Geständnis.
Der Seewolf ließ den Drehling sinken, den er bis eben noch auf Küzürtüsi gerichtet hatte. „Wir werden dafür sorgen, daß Sie zur Rechenschaft gezogen werden, darauf können Sie sich verlassen. Erleichtern Sie Ihr Gewissen, Küzürtüsi. Sagen Sie uns, wer der Höllenfürst ist, wo wir ihn finden. Heraus damit!“
Der feiste Türke stieß einen kreischenden Laut aus. Plötzlich brachte er die schwammige Rechte unter der Decke hervor.
Hasard reagierte sofort. Mit einem Satz flankte er um den Bettpfosten herum auf Küzürtüsi zu.
Aber der Feiste war erstaunlich schnell. Was er zwischen den Fingern hielt, stopfte er sich hastig in den Mund.
Als der Seewolf sein Handgelenk packte, war es zu spät.
Küzürtüsi schluckte angestrengt. Ein triumphierender Ausdruck erschien auf seinem vom Angstschweiß nassen Gesicht.
Hasard schleuderte die Decke beiseite. Ben Brighton und die anderen blickten mit fassungslosem Kopfschütteln auf das, was überdeutlich alles erklärte – eine offene Pillendose neben Küzürtüsis Körpermasse, das Eingeständnis seiner Schuld, seine Feigheit, sich vor irdischen Richtern zu verantworten.
Sein Gesicht verkrampfte sich jäh, sein Körper begann zu zucken. Innerhalb von Sekunden war es vorbei. Mehmet Küzürtüsi starb mit fratzenhaft verzerrtem Gesicht.