Kitabı oku: «Mit Amor auf der Walze oder „Meine Handwerksburschenzeit“ 1805–1810», sayfa 5

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Den Sonntagmittag mußte ich noch einmal mitessen. Ich verabschiedete mich vom Meister und dankte ihm für alles, was er mir Gutes erzeigt und was ich bei ihm gelernt hatte. Auch der Frau Meisterin sagte ich Lebewohl und Dank und drückte ihr dabei die Hand wohl etwas heftiger, als Mode ist. Mit schwerem Herzen ging ich fort. – – –

Die Frau Muhme wollte mich noch acht Tage auf dem Dözel festhalten, aber ich machte Ernst und schnürte mein Bündel. Der Hofmaier mußte Holz fahren und kam bis in die Nähe von Magdeburg. Mein Felleisen lag schon auf dem Wagen; bald saß auch ich drauf. Noch ein Adieu für den Vetter und die Frau Muhme; ich versprach, bald zu schreiben, schwenkte noch einmal den Hut und die Pferde zogen an.

Meinen Freund Heinrich hatte ich lange nicht gesprochen; sein Meister wohnte noch am Magdeburger Tor. Ich ließ da halten, mußte einen Schnaps mittrinken und Meister und Meisterin Wiegemann gaben mir die Hand und forderten mich auf, sie zu besuchen, wenn ich wieder nach Neuhaldensleben käme. Keins von uns hatte wohl eine Ahnung davon, daß ich anderthalb Jahre später in diesem Hause in Arbeit treten würde.

Wieder in Magdeburg – Ernst Nentz und
Jeanette – Burg Genthin – Rathenow –
Brandenburg – Sanssouci – Potsdam –
Berlin – Wriezen – Frankfurt a. d. Oder –
Müllrose – Ein schlimmes Abenteuer –
Lieberose – Cottbus – Die liebe Seele – Hannchen –


Der Wagen fuhr wieder los und nach vier Stunden stand ich mit meinem Bündel auf dem Rücken vor der Bäckerherberge in Magdeburg. Ich ging die Treppe hinauf und klopfte dreimal an die Feierstube an, aber wie das erstemal – keine Antwort. „Nun, wenn der alte Schweriner hinterm Ofen kuzt, da lachste dich tot“, dachte ich, drückte die Tür auf und ging straks hinter den Ofen; aber da war’s leer. Ich kehrte in die Gaststube zurück; die Frau Mutter guckte mich an, aber kannte mich nicht: „Sind Sie Bäckergeselle?“ – „Jawohl, ist der alte Schweriner noch hier?“ – „Ach, jetzt besinne ich mich auf Sie. Nein, der Schweriner ist nicht da, wird aber wohl bald wiederkommen, denn länger als ein Vierteljahr bleibt der nie weg. Wo er sich jetzt eben herumtreibt, weiß ich auch nicht; der ist bekannt im ganzen Lande.“

Meine alte Kammer war besetzt, aber die Frau Mutter sagte: „Oben habe ich noch eine gute Kammer mit vier sehr reinen Betten, denn Lausestromer laß ich nicht herein. Kostet auch nur zwei Gutegroschen.“

Ich ließ mir Kaffee geben, setzte mich nieder zu meinem Bündel, dachte über mein kleines Schicksal nach und dabei fiel mir ein, daß heute der 4. September, also mein Geburtstag sei. Da klopfte es an die Türe; ich rief „herein!“ und ein Geselle, Bündel auf dem Rücken, kam, machte seinen Spruch und brachte den Gruß von Bremen. „Mit Gunst leg ich mein Bündel ab.“ Ich stand auf und reichte ihm die Hand. „Willkommen Bruder! mache dirs bequem und setze dich zu mir nieder.“

Er war der Sohn eines Bäckermeisters aus Wittenberg, also gleich mir ein kursächsisches Landeskind, mochte kaum zwei Jahre älter sein als ich, stellte einen hübschen Kerl vor und steckte in reinlichen Kleidern – kurz, wir paßten gut zusammen, gingen miteinander aus und bekümmerten uns wenig um die anderen, die noch kamen. Er wollte in die Ostseestädte wandern; in Königsberg hatte er einen Vetter. „Gut“, sagte ich, „da gehen wir bis Berlin einen Weg.“

Wir schliefen zusammen in der Kammer mit den vier wirklich guten Betten und zeigten uns den anderen Tag gegenseitig unsere Kundschaften. Er hieß Ernst Nentz; in der Folge nannten wir uns Ernst und Wilhelm. Es war schönes Wetter; wir hockten unser Bündel auf und marschierten auf die Stadt Burg los. Unterwegs wurden wir immer vertrauter miteinander und fingen an, von hübschen Mädchen zu sprechen.

Ich erzählte ihm freilich nur von Langensalza, von den beiden andern konnte ich vorerst noch kein Wort herausbringen. Bei ihm schien’s dasselbe, wenn er auf Rathenow zu sprechen kam, wo er bis vor vier Wochen, die er in Bremen zubrachte, ein ganzes Jahr gearbeitet hatte. Er jappste nach Atem, wenn er dies Kapitel berührte und wollte nicht recht aus sich heraus. Um ihn zutraulicher zu machen, erzählte ich ihm nun, daß ich zu Hause nicht Wilhelm geheißen habe, sondern erst bei Quedlinburg von einem blutjungen, ganz unschuldigen und schönen Mädchen auf diesen Namen getauft worden sei. Ich sprach von der Taufhandlung auf dem Wege, dem köstlichen Abschied unter den Pappelbäumen, auch von dem Schluchzen bei ihrer Tante und was mir’s für Kampf gekostet habe, nicht wieder nach Quedlinburg zurückzukehren.

Als er mich so bewegt sah, wurde sein Herz auch wabbelich [bewegt] und er fing an zu beichten. Es war seines Meisters Tochter, Jeannette Lamo, sie liebten einander heimlich und je mehr sie’s vor den Eltern verbergen mußten, desto mehr drängten sich ihre Herzen zusammen. Nun war Musje Ernst frühmorgens bei der Bäckerei in die Schlafkammer von Jeannettchen geraten; der Lehrjunge hatte es dem Meister gesagt und dieser war so ungezogen, daß er dazwischenfuhr, den Ernst bei den Haaren herausholte, die Treppe hinunter und zur Haustüre hinauswarf – ein schlechtes Finale von einem Roman!

Der arme Kerl dauerte mich; er mußte wohl Tag und Nacht an seine Liebste denken, denn er war matt und blaß. Wenn ich ihn manchmal beobachtete und hörte ihn jammern, daß er sich mit seiner Jeannette am liebsten in die Havel stürzen möchte, dann graute mir vor solchem Zustand. Nein, dann lieber jedes Vierteljahr eine andere als solch eine unglückliche Geschichte! Leider war ich mit meinen achtzehn Jahren noch nicht der Mensch dazu, um Ernst zu meiner Auffassung zu bekehren.

Von Burg gingen wir nach Genthin. Am Wachthaus vor dem Tore verlangte ein Soldat unsere Kundschaft zu sehn. Kaum, daß er die meinige aufgemacht, fing er an, überlaut zu rufen: „He da! der Langensalzer ist da. Heraus! Der Langensalzer ist da.“ – Nun kamen sechs bis acht Soldaten heraus; einen Alten von wenigstens fünfzig Jahren brachten sie an mich heran. Er fragte mich: „Ist’s wahr, Musje, sind Sie aus Langensalza?“

Ich bejahte und als er in meiner Kundschaft meinen Namen und die Namen der Obermeister gelesen hatte, freute er sich. Er war auch in Langensalza geboren, aber schon in seinem neunten Jahre dort weggezogen; sein Name war mir ganz unbekannt.

„Nun, herein in die Stube, ihr Bursche!“ sagten die Soldaten. Wir erfuhren, daß der Alte schon immer was hätte zum Besten geben sollen, weil er die Taschen voll Kröten hätte; doch habe er nie mit dem Ellenbogen in die Tasche gekonnt. Nun hätte er sich darauf festgelegt, „wenn mal ein Langensalzer Handwerksbursche hier vorbeikommt, dann gebe ich was aus“. Aber der alte Himmelhund sei mißtrauisch und drum hätten sie ihm meine Kundschaft zeigen müssen.

In kurzer Zeit stand eine Schüssel voll frischer Wurst nebst Broten und zwei Bouteillen Schnaps auf dem Tisch und wir langten kräftig zu. Ein bißchen lustig vom Branntwein, nahm ich mein Gläschen in die Hand. „Prost Ernst, Jeannettchen soll leben!“ Doch Ernst wollte nicht froh werden.

Die Herberge in Genthin war schlecht wie die in Burg. Wir lagen die Nacht auf hölzernen Bänken, die Bündel unterm Kopf – doch das war immer noch besser als ein unreines Bett und bekam mir ganz gut. Am andern Morgen kam Ernst mit einem Plan heraus, den er in der Nacht ausgeheckt hatte. Ich sollte von hier nach Rathenow und er wollte über Plauen nach Brandenburg gehn und mich dort in der Herberge erwarten. Er machte mir eine Waschfrau in Rathenow namhaft, die müsse ich aufsuchen, als sein Abgesandter, der dem Jeannettchen einen schönen Gruß brächte.

Ich wollte ihm das aus dem Sinn reden. „Laß doch Zeit hingehen“, sagte ich, „und wenn du in einer anderen Stadt in Arbeit kömmst, so sieh dich fleißig nach hübschen Mädchen um, vielleicht machst du dich dann nach und nach von deinem Unglück los, denn ein Unglück ist die Geschichte doch, da du noch lange nicht heiraten kannst.“– Aber davon wollte er nichts hören. „Wenn du mein Freund bist, so wirst du mir wohl diese Liebe erzeigen.“ So ergab ich mich drein.

Er schrieb noch ein Briefchen, das ich, wenn möglich, Jeannettchen selbst einhändigen, sonst aber der gar ehrlichen und guten Frau geben solle, bei der sie manchmal zusammengekommen seien. „Gut“, sagte ich, „ich werde hingehen, aber ich will das Wundermädchen auch selbst sehen, das dich so erschrecklich ein- und mitgenommen hat.“ – „Bruder, daß ich ein ungeheures Vertrauen zu dir habe, weißt du und was du ihr sagen mußt, wenn du sie siehst, weißt du auch. Adieu, reise glücklich und mache deine Sache gut, lieber Wilhelm. In Brandenburg auf der Herberge sprechen wir uns wieder.“

Nachmittags um vier Uhr stand ich vor der Herberge in Rathenow, trat ein, nahm einen Trunk Bier, gab dem Vater mein Bündel ins Gewissen und suchte meine Waschfrau auf. Ich traf sie bei ihrer Arbeit. Sie sah sich kaum um. „Was bringen Sie mir denn, Musje?“ Ich bat, sie möge ans Fenster kommen und flüsterte ihr zu: „Einen Brief von Ernst Nentz. Auf dem Briefe steht: ,An mein liebes Jeannettchen.‘“ – Die Frau sah mich groß an. „Hm, hm! – Kommen Sie in die Stube“, sagte sie laut, „ich kann Ihnen da gleich Antwort sagen wegen der Wäsche.“

Nun erzählte ich kurz von meiner Sendung und was ich sonst wußte und bat sie, mir Gelegenheit zu verschaffen, das Mädchen kennenzulernen. Die gescheite Waschfrau sah mich stark an. „Kennenzulernen? Wollen Sie vielleicht die Jeannette dem Ernst abspenstig machen? Da kämen Sie sehr links!“

Ich beruhigte sie. „Ich gehe schon morgen wieder fort. Nur sehen möchte ich Jeannettchen und wenn’s nur von weitem wäre.“

„Na ja“, meinte sie, „war auch nur ein Spaß. Kommen Sie halb Achte wieder her; ich will derweil mein möglichstes tun. Der Vater weiß glücklicherweise nicht, daß die beiden sich manchmal bei mir gedrückt und geküßt haben, sonst dürfte ich nicht mehr ins Haus.“

Als ich abends kam, fand ich Jeannettchen noch nicht, doch alles war in gutem Zuge. „Sie hat das Briefchen gelesen und geküßt“, erzählte die Frau, „und mir zum Aufheben gegeben. Aber zu mir kommen wollte das närrische Mädchen nicht; sie ist sehr furchtsam. Nach acht Uhr gehen wir in eine ziemlich tote Gasse, hier in der Nähe und erwarten Jeannette; sie möchte gerne mit Ihnen ein paar Worte über Ernst sprechen.“

Wir gingen also nach acht die Gasse ein paarmal durch; es wollte nicht dunkel werden. Da plötzlich bisperte die Frau mir zu: „Dort kommt sie, gehen Sie ihr entgegen!“ Ich ging als rechter Postillon d’amour frisch auf sie los und noch einen Schritt von ihr entfernt, fing ich schon mit meiner Mission an. „Guten Abend, Jeannettchen, ich bringe einen schönen Gruß von“ – ich suchte ihrem Gesicht nahe zu kommen – „Ernst Nentz“, hauchte ich und sah zugleich, daß sie ein sehr schönes Mädchen mit etwas aufgeworfenen dicken Lippen war. „Ach, guten Abend! was macht er denn?“ lispelte sie. – „Nicht gar vom besten, er denkt zuviel an Sie und kommt ganz von Kräften.“ – „Ach du lieber Gott! Sagen Sie ihm doch, er solle ja auf seine Gesundheit halten; ich wolle ihm treu bleiben bis in alle Ewigkeit.“

„Haben Sie nicht ein Briefchen für ihn?“ fragte ich und suchte ihre Hand zu fassen, die sie mir auch ließ.

„Ach nein, ich konnte ja nicht schreiben. Aber da Sie ein guter Freund sind, werden Sie ihm alles mündlich sagen.“

„Sein guter Freund und darum auch der Ihre, liebes Jeannettchen“, bestätigte ich und legte meine linke Hand auf ihre Schulter. „Ach Gott, ich muß fort – grüßen Sie ihn viel tausendmal von mir! Leben Sie wohl – “

„Jeannettchen“, sagte ich und hielt ihre Hand noch fest, „etwas muß ich ihm doch mitbringen.“ – Sie schluchzte. „Ach Gott, was denn?“ – „Na, einen Kuß für den Ernst.“ – Und nun fühlte ich drei Sekunden lang zwei dicke schwellende Lippen auf meinem Schnabel brennen, so daß ich die nächste Nacht davon geträumt habe. – Auf einer Seite kamen Leute in lautem Gespräch. Jeannettchen drückte mir rasch die Hand. „Gute Nacht, lieber Freund“, hauchte sie und lief fort.

Das war eine kurze Gesandtschaft. Das Mädchen ist ja wohl schön und gut, dachte ich, aber so gibt’s deren noch mehrere und es ist eine Torheit, bei so starken Hindernissen, immer fest aneinander hangen zu bleiben.

Am andern Morgen besah ich mir die Stadt. Über die Havel führt eine steinerne Brücke; es steht auch ein Denkmal vom großen Kurfürsten da, der hier einmal die Schweden geschlagen hat.

An einem Brunnen, in der Nähe eines Dorfes, hielt ich Mittag mit alten Semmeln und gesund, munter und lustig kam ich gegen fünf Uhr auf der Herberge in Brandenburg an, wo meine trauriger Ernst auf einer Bank saß.

Ich gab ihm einen Kuß, „da, hast du ihn wieder“, sagte ich, „den hat sie mir für dich mitgegeben, weiter hab ich nichts.“

Darauf erzählte ich ihm den Hergang der Sache und daß sie ihm treu bleiben wolle. „Nun sei aber auch vernünftig“, mahnte ich, „und plag’ dich nicht selbst. Du mußt auch was anderes denken, nicht immer nur an sie. Ich glaub ja wohl, daß dir der Mund wässert, wenn du an ihre schönen Lippen denkst, aber sie ist doch nun mal nicht da.“

Ich schleppte ihn mit in eine Kneipe, um auf Jeannettchens Gesundheit zu trinken und versuchte alles mögliche, ihn heiter zu stimmen, was mir auch einigermaßen gelang.

Den andern Tag nahmen wir die Schiffahrt auf der Havel in Augenschein, die ziemlich lebhaft ist, marschierten dann frisch auf Potsdam los und kamen bei guter Zeit nach Sanssouci. Wir sahen uns ein paar Stunden lang alles an und gingen abends in die Stadt auf die Herberge. Da es am folgenden Morgen beim Zusprechen keine Arbeit gab, verließen wir Potsdam, passierten die Havel noch einmal und rückten auf Berlin an.

Im letzten Gasthofe vor Berlin fanden wir wohl eine Mandel Handwerksburschen versammelt, worunter ein lustiger Friseur war. Wir mußten uns auf die Reihe hinsetzen und er frisierte und puderte uns. So zogen wir in richtigem Schritt vor die Wache am Tor. Die Soldaten wollten sich totlachen. Unteroffiziere besahen die Kundschaften. Ein Leutnant fragte, ob keiner Lust habe, Soldat bei einer guten Kompagnie zu werden; es wollte aber keiner was davon wissen.

In der Sophien- oder Katharinengasse befand sich unsere Herberge, eine Art Gasthaus. Auf der Feierstube, die ziemlich groß war, sahen wir viel Fremde, doch keinen Bekannten. Abends gingen wir ins große Theater, mußten aber lange im Gebäude herumsuchen, bis wir unsern Platz für drei Gutegroschen erreichten. Es wurde eine große Oper gegeben, habe aber das Sujet vergessen; Seeschiffe kamen auf die Bühne, eins geriet in Brand; ein Ritter holte noch seine Braut heraus und schwamm mit ihr ans Ufer. „So möchte ich meine auch retten“, sagte Ernst Nentz. Ich glaube, er hätte am liebsten ganz Rathenow in Brand gesteckt, um seine Jeannette herauszuholen.

Als wir vom Theater hinaus auf die Straße traten, war es sehr dunkel; wir irrten beim schwachen Schein der Laternen umher, ohne uns zurechtzufinden. Verschiedene Leute hatten auf die Frage nach unserer Herbergsgasse schon mit „Wees nich“ geantwortet und waren weitergegangen. Endlich hielt ein alter Soldat stand und gab uns Bescheid. Wir waren an einer andern Seite des Theaters hinaus- als hineingekommen und mußten nun wieder zurück, um zur Herberge zu gelangen. Der Alte begleitete uns; wir repassierten das Theater und eine Brücke, die wir vorhin überschritten und ließen uns von einem leuchtenden Transparent: „Punsch“ zur Einkehr bei Punsch und Kuchen verlocken. In der Herberge bezahlten wir unserm Begleiter noch einen Krug Bier und schliefen wieder in der Feierstube auf Tisch und Bank.

Anderntags bekamen wir ein Handwerksgeschenk von sechs oder sieben Gutegroschen, doch wie wir hörten, war es hier für fremde, erst zugewanderte Gesellen recht schwer, Arbeit zu bekommen. Man mußte den Sprechgesellen oder Sprechboten mit einem halben oder gar ganzen Taler bestechen, damit er einen in Arbeit brachte und noch dabei gewärtig sein, nach drei Tagen vom Werkmeister zu hören: „Bruder, ick kann dir nicht brauchen; du verstehst die hiesige Bäckerei nicht.“

Nachdem wir Schloß und Tiergarten gesehn und uns in der Stadt noch mancherlei angeschaut hatten, holten wir unsere Bündel von der Herberge und marschierten ab. Wir blieben lieber auf dem Dorfe bei den Fuhrleuten auf der Streu übernacht, als in schlechten Herbergen.

Ich ging Ernst zu Gefallen noch mit fort bis nach Wrietzen, aber hier wurde rechts abgebrochen. Mitten auf der Gasse nahmen wir Abschied voneinander. Wir hatten beide nah ans Wasser gebaut und weinten unser Stückchen, daß die Leute an den Fenstern beinahe mitmucksten [mitschluchzten]. Als wir uns losgelassen hatten, rief uns eine vornehme Dame heran. „Ihr seid recht brave Burschen“, sagte sie. „Ihr seid wohl Brüder?“ – „Nein!“ – „Warum bleibt ihr nicht zusammen, wenn ihr euch so lieb habt?“

„Ich muß nach Dresden und der will nach Königsberg“, sagte ich. „Ei, so weit! Nehmt ihr denn auch einen Zehrpfennig, wie Handwerksbursche tun?“ – „Oh, mit Vergnügen, Madame!“ – „Na, wartet.“ – Sie ging, kam bald wieder zum Fenster und reichte jedem ein Achtgutegroschenstück. „Da, bleibt immer brave tugendsame Bursche, dann wird euch der liebe Gott Glück schenken.“

Als wir uns recht schön bedankt hatten, kam es mir vor, als wenn wir aus Erkenntlichkeit gegen die gute Dame noch einen Abschiedsakt vornehmen müßten. Wir embrassierten uns noch einmal, „Adieu, Bruder Wilhelm!“ – „Adieu, Bruder Ernst!“, dann jeder noch einen großen Diener gegen die Dame und fort ging’s, nach rechts und links. Noch eine Minute und weg war mein Ernst Nentz; ich habe ihn nie wiedergesehn.

Zuerst wanderte ich recht traurig ohne meinen Kameraden, weiß auch nicht, ob ich den dritten oder schon den zweiten Tag nach Frankfurt gekommen bin. Es ist eine ziemlich große und lebhafte Stadt, dieses Frankfurt am linken Ufer der Oder. Mir wollte es nicht gefallen da, mag auch an meiner Stimmung gelegen haben. Von hier ging ich nach dem Städtchen Müllrose, wo der Friedrich-Wilhelm-Kanal durchgeht, der Oder und Spree verbindet.

Als ich von Müllrose abwanderte, war’s Mittag und es hätte leicht mein letzter Mittag in der Welt sein können. Noch heute graut mir, wenn ich daran denke, auf welch schreckliche Weise ich beinahe ums Leben gekommen wäre.

Ich war noch ungefähr eine gute Stunde von Beeskow. Rechts vom Wege sah ich in der Ferne die Stadt liegen, aber der Weg zog sich immer links fort. Da es schon auf den Abend ging, so schlug ich einen Fußweg ein, um abzuschneiden, wußte aber nicht, daß ich der Spree zu nahe kam und nicht, daß die Stadt auf der andern Seite lag und ich eine Brücke zu passieren hatte. Nach einer halben Stunde wurde es Nacht, doch am Horizont konnte ich noch die hohen Gebäude und Türme der Stadt erkennen und hielt die Richtung dahin. Ich mußte aber oft im Zickzack gehen, da ich in Krautland geraten war, an dessen Äckern Gräben mit Wasser hinliefen, worin ich in der Dunkelheit manchmal hineintrat bis über die Stiefel. Nun kam ich auf Wiesengrund hinaus. Unter mir wurde es immer feuchter und sumpfiger; ich wurde bange und überlegte, was zu tun sei. Auf jeden Fall dachte ich, mich links zu halten, denn da hatte ich die Straße verlassen. Mit Mühe arbeitete ich mich sechs Schritte vorwärts; jedesmal sank ich bis an die Knie ein, zuletzt gar bis an den Bauch.

Ob ich nun gleich bis auf den Tod erschrocken war, so hatte ich doch die Besinnung, mein Felleisen loszumachen und neben mir aufzudrücken. Das hob mich zwar ein wenig, blieb aber auch im Sumpfe stecken.

„Hier wirst du sterben müssen“, dachte ich und war im Begriffe, eine neue Anstrengung zu machen, als ich vor mir plätschern hörte. Ich sah scharf hin, konnte aber im Dunkel nichts erkennen, nur das Ohr unterschied deutlich Ruderschläge. Da schrie ich, was die Stimme hergeben wollte: „Zu Hilfe, ich stecke hier im Sumpf und muß ums Leben kommen!“

Nun horchte ich und verstand die Worte: „Ich kann nicht kommen; ich bin auf dem Wasser. Ihr müßt rückwärts und ja nicht vorwärts.“ – Er mußte wohl nach dem rechten Ufer gefahren sein, denn seine Stimme kam näher: „Nur gerade rückwärts, da ist eine Erhöhung. Aber nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht in den Mühlteich fallt, der ist tief. Dann geht Ihr rechts fort am Teiche, da kommt Ihr nach der Mühle.“

Nun machte ich furchtbare Anstrengungen, um rückwärts zu gelangen, fühlte auch, daß ich nicht weiter einsank als bis zum halben Mann und war glücklich darüber. Nach zehn Minuten forscher Arbeit kamen meine Knie wieder an die Luft. Ich ruhte ein wenig und hörte den Mann noch einmal: „Seid Ihr heraus aus dem Sumpf?“ – „Ja, lieber Freund, ich danke Euch,“ und von frischem fing ich an, rückwärts zu avanciren. Als ich ganz auf dem Trockenen war, mußte ich eine Viertelstunde ruhen, so abgemattet war ich. Vor meinem ganz mit Schlamm überzogenen Bündel kniete ich nieder und dankte dem lieben Gott für meine Rettung.

Gleich darauf fand ich auch den Mühlteich, drehte mich nach rechts und ging mit großer Vorsicht langsam daran hin. Nach ein paar hundert Schritten hörte ich die Mühle klappern, dann Hundebellen, kam an eine Brücke, die ich überschritt, an ein Gebäude, an eine Tür – aber kein Licht war zu sehen. Ich pochte also an die Türe und brauchte meine Faust dazu, da mein Wanderstab im Sumpf stecken geblieben war. Nach einer halben Stunde ging endlich die Türe auf; eine Frau oder Magd mit einer Laterne fuhr zurück, als sie mich anleuchtete.

„Wer seid Ihr? wie seht Ihr aus?“ – „Ich habe im Sumpfe gesteckt.“ – „Aber was wollt Ihr hier?“ fuhr sie mich an. „Ihr sollt mich nur auf den rechten Weg zur Stadt bringen, wenn Ihr weiter keine Barmherzigkeit im Leibe habt.“ – „Du lieber Gott, wir sind selber arme Leute und der Mann ist krank. Na, kommt her!“

Wir kamen durch den Mühlraum; es schien ein kleines Klapperwerk zu sein. Ein dicker Junge zeigte sich. „Du, Gorge, bring den Mann nüber auf den Fahrweg nach Beeskow!“ kommandierte sie. Nach einem langen Fußweg durch ein Tannenwäldchen erreichten wir die Fahrstraße. Ich marschierte nun allein rechts fort, überschritt die Brücke und kam in die Stadt. Es war erst halb zehn Uhr und ich traf noch Leute, die ich nach der Bäckerherberge fragen konnte.

Als ich in die Stube trat und Mann und Frau mich bei Licht betrachteten, waren sie außer sich vor Erstaunen über mein Aussehen – von den Sohlen bis auf den Hut war ich dick mit Schlamm überzuckert, das Gesicht nicht ausgenommen.

Sie schürten nun das Feuer wieder ein bißchen an, aber mit der Bewirtung sah es schlecht aus. Es gab nichts als kalte Kartoffeln und Kovent- oder Nachbier, wie sie es nannten.

Mir zu Gefallen holte die Frau Mutter noch für einen Groschen Branntwein, fluchte aber, als sie zurückkam, weil sie die Leute hatte herauspochen müssen. Kartoffeln, Salz, Kovent und Schnaps – oh, ich war glücklich! Meine Überzuckerung war rasselhart geworden und fiel nach und nach ab. Der Herr Vater war ein verjahrter und verarmter Bäckermeister und wohnte noch in seinem verpfändeten, verkauften und sehr ausgeschlachteten Backhause. An ein Bett war kein Gedanke, obgleich ich zu verstehen gab, daß ich zahlen könne. Ich mußte in einer gewesenen Backstube kampieren und behielt alles am Leibe; mein Bündel, das noch nicht trocken war, hängte ich an die Wand, legte mich auf eine zerbrechliche Tafel [Werktisch der Backstube], worunter sich ein alter Backtrog befand, nahm eine Mulde unter den Kopf und fing an einzudämmern. Aber die Mulde rutschte fort und fort und fiel herunter; die Tafel stand links und rechts nicht an; ich rückte hier und rückte da und auf einmal krachte die ganze Geschichte zusammen.

Nun nahm ich im Stockfinstern mein Felleisen von der Wand, zog Wäsche und Kleider hervor zu einem Kopfkissen und legte mich auf den Fußboden in eine Ecke. Nicht lange, so hörte ich Ratten pfeifen und fühlte, wie sie an meinem Rock zupften. Aber das rührte mich nicht, war ich doch aus dem Sumpfe heraus! So wie ich einschlief, träumte ich mich sogleich wieder hinein und dankte dem lieben Gott, wenn die Ratten mich aufweckten.

Als es Tag war, reinigte ich mich so gut als möglich vom Drecke, genoß den schlechten Kaffee und alte Semmeln und kaufte mir beim Zusprechen einen neuen Wanderstab für zwei Gutegroschen. Bald darauf schritt ich wieder über die Spreebrücke und zog rechts, etwas bergauf, nach Friedland zu. Es war so Mitte September, doch ziemlich schwül. Rechts am Wege traf ich auf einen erhöhten Rasenplatz mit einigen großen Bäumen. Ich war müde – und da gab es Schatten. Bündel unterm Kopf, Hut unterm Arm, Stock fest an der Seite in der Hand, so bin ich eingeschlafen. Ein starker Donnerschlag weckte mich auf. Ich war durch und durch naß und fror; es mußte wohl lange schön auf mich geregnet haben. Schnell raffte ich mein Bündel; der Regen strömte immer stärker herab, Chausseen gab’s nicht, bis an die Knöchel mußte ich im Dreck waten. Aber was machte das? Der Sumpf lag hinter mir; ich hatte geschlafen – ich war kreuzfidel.

Als ich das Städtchen Friedland längst passiert hatte, schien die Sonne wieder und der Weg war trocken. In Lieberose blieb ich über Nacht. Folgenden Tages hatte ich sechs Stunden bis Kottbus, brach früh auf und hielt schon um zwei Uhr nachmittags vor der Stadt. Ich wußte, daß in Kottbus ein Langensalzer in Arbeit stand und fragte die Herbergsmutter danach. „Nun, den treffen Sie beim Zusprechen gewiß, so und so heißt sein Meister.“ Ich hatte schon Arbeit angenommen, als ich zu dem genannten Meister kam und mich nach dem Gesellen erkundigte. Es war Gottlob Thaler (dem ich später, 1843, das Haus in der Langgasse abgekauft habe), sein Vater stammte aus Kottbus und seines Vaters Bruder war hier Wagemeister und konnte beim Verwiegen des Bäckergetreides, das verzollt werden mußte, mal ein Auge zudrücken, weswegen die Meister den Gottlob gern in Arbeit nahmen.

Auf dem Flur vor dem Backofen standen viele Bretter voll Brot zum Einschieben und mein Gottlob Thaler hielt daneben mit einer Stange, woran zwei Flederwische angebunden waren und machte Wind über das Brot her. „Siehste, Brüderchen“, sagte er nach der Begrüßung, „bei uns zu Hause muß das Brot glatt sein, aber wenn’s hier nicht kurz und klein gerissen ist, da koft’s niemand.“

Den nächsten Sonntag begleitete ich Thalern zu seinem Oheim. Da gab’s dünnen Kaffee und zwei Stückerchen Zucker, die sie auf dem bloßen Tisch wie Erbsen an meine Tasse schoben. Außer dem Oheim waren noch zwei verjahrte Töchter da – eine knickrige Gesellschaft! – ich ging nicht wieder hin.

Mein Meister, dessen Namen ich vergessen habe, war mir bald gewogen. Die Familie bestand außer ihm und seiner Frau aus zwei bis drei Kindern, Lehrjungen und Magd. En haut wohnte ein Schneider, dessen fünfundzwanzigjährige Tochter die rechte Hand der Frau Meistern war. Diese Tochter und der Trieb, sobald als möglich nach Dresden zu kommen, waren die Ursachen, daß ich nur vierzehn Tage in Kottbus blieb. Ich hatte der Jungfer am Kochherd neben dem Backofen hier und da was zu Gefallen getan und ich war freundlich mit ihr, dafür nannte sie mich „liebe Seele“. Nun, ich dachte, das sei ihre Art so.

Auf der Pritsche vor dem Backofen lagen Polster, worauf der Meister nachts während der Arbeit ein Stündchen schlief. Da war ich eines Nachmittags im Sitzen eingeschlummert. „Liebe Seele“ – ein unangenehmer Atem hauchte mir über Mund und Nase. „Prrr!“ fuhr ich auf. „Donnerhagelwetter! – ach, Sie sind es, Fräulein. Nehmen Sie’s ja nicht übel, aber mir träumte eben was Böses.“

Das Wort „Fräulein“ fing eben an, im hohen Bürgerstande Mode zu werden und machte sie ganz glücklich. „Na, da ist’s ja gut, daß ich Sie ermuntert habe, liebe Seele. Gehen Sie heute abend aufs Schützenhaus?“ – „Was ist denn da los?“ fragte ich und nahm mir sogleich eine Arbeit in der Backstube vor. „Das will ich Ihnen erklären, liebe Seele. Mein Vater ist Obermeister und heute machen zwei ihr Meisterstück. Die haben den Schützensaal gemietet und ich und noch einige Mädchen haben ihn schön mit Girlanden geschmückt. Musik und Bier sind frei; jeder Eingeladene kann tanzen, soviel er will und hiermit sind Sie eingeladen.“ Sie gab mir eine Karte, worauf mein Name stand. „Was, Teufel, Fräulein, wie kommen Sie zu meinem Namen?“ – „Hihihihi!“ lachte sie, „ja, sehen Sie, liebe Seele, ich weiß alles.“

Es war wirklich recht hübsch im Schützensaale. Ich rauchte mein Pfeifchen und machte einige Bekanntschaften mit jungen Helden von der Nähnadel, an die mich die liebe Seele rekommandiert hatte. Natürlich mußte ich zuerst mit ihr tanzen; aber hernach sah ich mich unter den Bügeleisengöttinnen um und bemerkte eine Sechzehn- bis Siebzehnjährige, die hatte eine Ähnlichkeit mit Lenchen. Ich war ganz entzückt darüber, mußte aber vorerst noch einmal die liebe Seele herumschwenken, die nicht gut abzugehen schien. Aus allen Übeln muß man Nutzen ziehn – in der Tanzpause fing ich an, die liebe Seele über die junge Unschuld zu befragen.

Die liebe Seele rümpfte ihre krumme Nase. „Das ist ein albernes, naseweises Ding und bildet sich was ein, weil ihre Mutter für vornehme Leute wäscht und plättet. Der Vater ist tot und ihre Mutter noch jung. Die schlägt sich so durch, hihihihi!“ – „Ist denn die Mutter auch hier?“ fragte ich. „Nein, die bleibt lieber zu Hause und läßt die Leute zu sich kommen, hihihihi!“ – ,Du bist mir eine schöne Prise‘, dachte ich und wandte mich nach dem Tanz an einen meiner jungen Böcke, mit denen ich schon Brüderschaft gemacht hatte. „Höre, wie heißt die Kleine da oben im hellblauen Kleide?“ – „Ha, die gefällt dir wohl, Bruderherz? Geh hin und hol dir das Hannchen Mühlmeier, eh’ sie ein anderer anrumpelt.“

„Kann ich die Ehre haben, Fräulein Mühlmeier?“ – Sie verneigte sich und schwebte wie eine Sylphide an meiner Seite bis zum Halt. „Da Sie meinen Namen kennen, darf ich auch wohl fragen, mit wem ich die Ehre habe?“ sagte sie mit lieblicher Stimme und schlug dabei ein Paar dunkelblaue Augen zu mir auf, daß ich mich zusammennehmen mußte. Ich sagte, in der Pause würde ich ihr alles beichten – auch wie ich die Einladung zu dem Doppelmeisterstücksball erhalten habe – und ihr mein ganzes Herz zu Füßen legen. „Wie lange sind Sie schon in Kottbus?“ fragte sie ablenkend, ohne mich anzusehen, indes der Schelm um ihren Mund spielte. „Kaum acht Tage, schönes Fräulein und habe schon jetzt soviel Vergnügen, daß ich’s mein Leben nicht vergessen werde.“ Ich hatte ihr dabei die Hand ein bißchen stark gedrückt und das war plump. Sie zog die ihrige schnell zurück und machte ein vornehmes, ja fast böses Gesichtchen, das ihr zum Verrücktwerden gut stand. „Alle Donnerwetter, das hast du dumm gemacht“, dachte ich, hütete mich aber vor fernerem Handdrücken.

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22 aralık 2023
Hacim:
508 s. 31 illüstrasyon
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9783867775250
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