Kitabı oku: «Auf getrennten Wegen», sayfa 3
1 - 8 Jagdwetter -
Sie erwachte mit Fieber und Schüttelfrost auf einem Berg abgestorbenen Schilfgrases. Ihr Lager befand sich zwischen zwei Hälften eines gespaltenen Felsens, die sie vor dem Regen schützten, den der Wind von Norden heran peitschte. Ihre Decke, die halb neben ihr lag, war verrutscht, doch sie fühlte sich zu schwach, um mehr zu tun, als sie halbherzig nach oben zu ziehen. Selbst den Kopf zu heben, strengte sie aufs Äußerste an. Immerhin lag ihr Wasserschlauch neben ihrer Hand.
Dennoch dauerte es, bis sie ihn geöffnet hatte, um einen Schluck zu trinken. Anschließend zitterten ihre Muskeln wie nach einem Marsch von fünfzig Meilen ohne Pause.
Das eiskalte Wasser war die Anstrengung jedoch wert. Danach sank sie erneut in einen dämmrigen Zustand irgendwo zwischen Schlafen und Wachen, in dem die Zeit still zu stehen schien.
Shadarr beobachtete, wie Jiang etwas trank, bevor sie wieder auf dem Graslager zurücksank, dass er zusammengetragen hatte, um sie warm und einigermaßen trocken zu halten.
Die Stelle zwischen den Felsen war ein Glücksfund, der auch ihm einen gewissen Schutz vor dem Regen bot.
Seit dem frühen Morgen schüttete es ohne Unterlass.
Zum Glück konnte er sich neben Jiang wenigstens zum Teil in die Felsspalte zwängen. Die Position war einigermaßen bequem, so dass er zwischen Jiangs Füßen hindurch die Umgebung gut im Auge behalten konnte.
Das schlechte Wetter schränkte die Sichtweite beträchtlich ein und machte Gehör und Geruch weitgehend nutzlos, doch es verbarg sie auch vor möglichen Raubtieren und neugierigen Bewohnern des Sumpfes.
Nur der ständige Hunger bereitete ihm Unbehagen. Das Wetter hatte die wenigen Libellenegel vertrieben, die er hatte fressen wollen. Nur drei konnte er erwischen, bevor sie zu ihrem trockenen Unterschlupf flüchteten.
Immerhin hatten sie halbwegs vernünftig geschmeckt. Um sich richtig satt zu fressen, hätte er die zehnfache Menge gebraucht. Leider hatten die Kreaturen beim ersten Donnergrollen sogleich die Flucht ergriffen.
Sie waren geradewegs zu einem großen Wald aus Blutbäumen geflogen.
Bei der Verfolgung war er im Wasser eines trüben Tümpels über ein paar Schlangenfrösche gestolpert. Leider hatten sie nicht viel besser geschmeckt als das brackige Wasser, aus dem sie gehüpft waren. Wenigstens sättigten sie ihn ein Wenig.
Jetzt hoffte er auf ein Ende des Regens, um wieder Jagd auf die fliegenden Egel machen zu können.
Solange er darauf wartete, betrachtete er Jiang, deren Decke erneut verrutscht war.
Mit einer einzelnen Kralle schob er sie wieder zurück. Er hatte bei Anayas zahlreichen Vorträgen über Verletzungen gehört, dass Wärme offenbar wichtig war und Decken dabei halfen.
Es war ziemlich mühsam gewesen, sie aus Jiangs Rucksack zu befreien, ohne den restlichen Inhalt dabei zu zerstören. Trotzdem war einiges beschädigt worden. Besonders geschickt war er noch nie gewesen.
Sie waren noch immer in Sichtweite des großen Flusses, inzwischen allerdings viele Meilen von der Stadt entfernt, in der sich das Siegel befunden hatte.
Normalerweise hätte Shadarr die anderen Mitglieder seines Rudels gesucht, aber er konnte Drakkan über ihre Geistverbindung nicht erreichen und Jiang war eines der Weibchen des Rudelführers, auch wenn er nicht verstand, wie die Beziehungen im Rudel entstanden und wodurch sie geprägt waren.
Auf jeden Fall hätte er gewollt, dass Shadarr als bester Jäger achtgab auf die Weibchen, und dieses hier in Sicherheit brachte.
An Flüssen gab es oft Behausungen von Menschen oder wenigstens Weiden und Felder auf denen Nahrung zu finden war.
Gewöhnlich fanden sich dort auch Boote, mit denen man noch schneller vorankam. Bei all seiner Stärke, war Shadarr nicht gut dazu geeignet jemanden zu tragen, der nicht selbst auf ihm Reiten konnte.
Nach dem Regen und einer ausgiebigen Jagd wollte er wieder aufbrechen. Er hasste das Nass, das von oben kam, genauso sehr wie Drakkan.
1 - 9 Lagerfeuergeschichten -
„Statt zu lachen, mach lieber Platz am Feuer.“
Ungerührt von ihrer Erheiterung stapfte Droin hinüber zu dem einladenden Lagerplatz.
„Bist Du verletzt?“, fragte sie überrascht, als sie bemerkte, dass sich Blut mit dem Schlamm vermischt hatte, das aus zahlreichen Bisswunden zu stammen schien.
„Scharfsinnig beobachtet“, spottete er mit leiser Stimme: „Mach mehr Feuer, damit Du siehst, was Du machst, wenn Du die Verletzungen vom Schlamm befreist. Ohne Rüstung gehe ich hier keinen Schritt mehr.“
Gehorsam fachte Phyria die Flammen an, auch wenn das Holz so schneller aufgebraucht sein würde. Sie war heilfroh, auf den erfahrenen Naurim getroffen zu sein. Besorgt musterte sie die Wunden.
Während Droin sich vom Feuer trocknen ließ, damit sie den Schlamm entfernen konnte, erzählte er ihr von den Schlangenfröschen.
Die Hitze und seine natürliche Zähigkeit ließen den Blutstrom aus den meisten Wunden schnell versiegen, trotzdem verband Phyria sie alle nach seiner Anweisung, sobald sie den gröbsten Dreck von seinem Körper geschrubbt hatte. Die Bisse brannten höllisch, dennoch machte er sich keine übermäßigen Sorgen wegen einer möglichen Entzündung.
Wundbrand gab es bei den Naurim so gut wie nie. Die Verbände dienten hauptsächlich der Polsterung damit seine Rüstung weniger stark scheuerte.
Phyria stellte eine entsprechende Frage: „Kannst Du so bandagiert überhaupt die Plattenteile anlegen?“
„Ein Vergnügen wird es nicht und ich werde mich vermutlich bewegen, wie ein betrunkener Ochse, aber gehen wird es.“
„Mit Deinen Wunden wäre ich längst gestorben“, erwiderte sie: „Ich verstehe nicht, wie ihr alle so…“, sie suchte nach Worten: „…zäh und unerschütterlich sein könnt. Verglichen damit erscheinen meine eigenen Fähigkeiten lächerlich und nutzlos.“
Zum ersten Mal fiel Droin auf, wie jung Phyria noch war. Kaum erwachsen geworden, ohne Erfahrungen, auf die sie zählen konnte. Er ließ sich Zeit mit der Antwort: „Der Leichensammler wäre sicherlich anderer Meinung. Du unterschätzt Dein Können. Was Dir fehlt, sind hauptsächlich Jahre. Jahre, in denen Du Erfahrungen sammeln konntest, in denen Du andere Länder besucht, fremde Völker und Kulturen getroffen hast. Eure Abtei mag stark gewirkt haben, doch eure Isolation hat euch auch verwundbar gemacht. Ihr konntet stets nur reagieren, niemals aktiv handeln. Du weißt nicht, was Du jetzt tun sollst, weil Du nicht gelernt hast, mit neuen Situationen wie dieser fertig zu werden.“
Erst wollte sie auffahren, doch der sachliche Tonfall ließ sie innehalten. Droins ruhige Art zeigte ihr, dass er sie damit nicht bewertete, er schilderte nur die Fakten, wie er sie sah.
„Immerhin hast Du mich nur dank meiner Fähigkeiten gefunden“, erwiderte sie.
Es gelang ihr sogar, nur wenig beleidigt zu klingen.
„Ja. Und auch jeder andere im Umkreis von zwei Meilen weiß jetzt, wo Du bist. Du hast Glück gehabt, dass niemand dabei war, der Hunger hatte. Lange können wir daher nicht mehr hierbleiben.“
„Mit denen werde ich schon fertig.“
„Dann frage ich mich, weshalb wir alle über den Sumpf verstreut worden sind.“
„Euch ist es auch nicht anders ergangen. Wenn ihr so erfahren seid, weshalb habt ihr dann auch nicht mehr Erfolg gehabt?“
„Weil das im Wesen des Unbekannten liegt. Ich habe allerdings auch nicht behauptet, dass ich damit fertig werde. Die Kunst, als Kopfjäger lange zu überleben besteht darin, sich schnell anzupassen. Wie jetzt. Das Feuer ist schon da, wieso es also nicht nutzen, solange es geht. Das Licht hilft mir dabei, den Kompass auf Schäden zu untersuchen und mit Dir zusammen kann ich es sogar tun, ohne gleichzeitig auf Gefahren zu achten, weil Du Wache halten kannst.“
Noch während er das sagte, hatte er die letzten Teile seiner alten Rüstung angelegt. Die kostbare Drachenrüstung ließ er in ihrem Gepäckbündel.
„Und was dann?“
„Du könntest einen Blick in die Karten von Biraanogk werfen und die Frage für uns beide beantworten.“
Einen Moment starrte sie ihn verblüfft an, dann musste sie lachen: „An die habe ich gar nicht mehr gedacht.“
Sie griff nach dem Schriftrollenbehälter, hielt aber mitten in der Bewegung inne: „Willst Du dann nach den Anderen suchen?“
„Nein. Ich glaube, wenn wir in einer großen Gruppe unterwegs sind, könnte uns das Wesen aufspüren, das die Flutwelle gesandt hat.“
An seiner Miene konnte sie ablesen, dass ihm die Antwort ebenso wenig gefiel, wie ihr.
„Wie kannst Du Deine Freunde einfach so im Stich lassen? Bist Du nicht der erfahrenste Spurenleser von euch? Ich bin sicher, Du könntest sie alle wiederfinden.“
Ohne aufzublicken, löste Droin die Seile um die Ölplane, mit der der Kompass verpackt war.
„Du hast nicht zugehört. Was ich vermag und was ich für das Beste halte, ist in diesem Fall leider nicht das Gleiche. Zuerst müssen wir selbst überleben, erst dann können wir uns erlauben, uns über die Anderen Gedanken zu machen.“
Phyria machte keinen überzeugten Eindruck. Außerdem fühlte sie sich fast wieder in das Klassenzimmer in der Abtei zurückversetzt. Droin hatte beinahe den gleichen schulmeisterlichen Tonfall angeschlagen, wie einst ihre Lehrerinnen.
„In der Umgebung nach Spuren zu suchen, kann nicht so lange dauern. Was sollte unser Überleben gefährden? Mit den Raubtieren, Blutbäumen und Fröschen werden wir zusammen schon fertig. In der Gruppe sind wir nur stärker.“
Sie hatte ihre Hände in die Hüften gestemmt und starrte Droin trotzig an.
Er machte sich nicht die Mühe, sich umzudrehen, als er den Kompass inspizierte: „Wasser.“
„Wie bitte?“
„Wasser.“
Er deutete auf die schlammige Pfütze zu seinen Füßen: „Glaubst Du, wir können das trinken?“
Phyria folgte seinem Finger: „Natürlich nicht. Wir werden schon sauberes finden.“
Doch ihre Stimme wirkte unsicher.
„Woher willst Du das wissen? Ich hoffe, es wird so sein, doch erstmal muss ich annehmen, dass wir kein Glück haben werden und muss entsprechend handeln. Und das bedeutet, so schnell wie möglich hier weg.
Genau da sind Deine Karten hilfreich. Glaub mir, wenn wir unterwegs zusammentreffen, werde ich mich darüber freuen, aber suchen kann ich sie nicht. Außerdem“, und damit deutete er auf den Kompass: „ist der noch hier.“
Phyria macht ein verständnisloses Gesicht.
Droin seufzte innerlich, während er sich daran machte, ihn wieder sorgfältig einzupacken. Attravals Kompass hatte die Reise bisher besser verkraftet als jeder einzelne von ihnen.
„Für mein Volk ist er ebenso wichtig, wie die Siegel, die Dein Orden bewacht hat.“
Er hob die Hand, um ihre Einwände abzuwehren: „Natürlich wartet keine Armee von Dämonen darauf, durch ihn freigelassen zu werden, aber was denkst Du, ist ein Artefakt wert, mit dem man alle Orte der Welt zu allen Zeiten sehen kann? Das Schicksal ganzer Völker vielleicht?“
Erst wollte sie etwas erwidern, doch sie unterbrach sich selbst: „Alle Orte? Zu jeder Zeit?“
„So sagt es die Legende.“
„Auch unsere Abtei? Vor dem Angriff?“
Phyrias Miene verfinsterte sich, als Droin bedächtig nickte.
„Dann muss ich einen Blick hineinwerfen.“
Aus irgendeinem Grund war Phorys der Erste, an den sie sich erinnerte. Andere Namen und Gesichter folgten.
Droin sah, wie ihr Tränen in die Augen traten. Für diese Art Erinnerungen gab es keine tröstenden Worte. Jeder musste alleine damit fertig werden. Daher fuhr er mit dem Verpacken des Kompasses fort. Gleichzeitig behielt er die Umgebung im Auge, weil er wusste, dass Phyria gerade andere Dinge sah als mögliche Bedrohungen.
‚Langsam werde ich zu alt dafür‘, dachte er amüsiert. Erst Jiang, dann Anaya und Kmarr und jetzt die junge Feuertänzerin. Nur mit Drakkan verhielt es sich anders.
Auch dieser war anfangs ungestüm und unbedarft gewesen. Allerdings war er weit umsichtiger, als sein Verhalten oft den Anschein hatte.
Zu Beginn hatte der Versuch, ihm etwas beizubringen etwa so viel Spaß gemacht, wie der Versuch, einen Nagel mit der bloßen Hand einzuschlagen: Er ging zwar ein, aber man schadete sich selbst mehr als dem Holz.
Phyria war dagegen eine einfache Übung.
„Bewahre ihre Andenken und such uns einen Weg hier raus, damit wir nach Hause kommen. Nur so war nicht alles umsonst.“
In seinen Ohren klang das schal wie abgestandenes Bier, doch Phyria hatte es anscheinend richtig verstanden. Sie nickte. Vorsichtig befreite sie die Karten aus dem gut verschlossenen Behälter. Sie suchte die Richtige heraus, bevor sie die Übrigen sofort wieder verstaute. Droin winkte sie zum Kompass herüber, der ungerührt von allem weiter einen Fuß hoch über dem Boden schwebte. Auf der Ölplane breitete sie die Karte aus. Droin deutete auf den Irrkatt, der das Land in eine Nord- und eine Südhälfte teilte: „Wir sind irgendwo am Fluss.“
Drei Städte und mehrere Weiler oder Dörfer waren daran entlang eingezeichnet.
„Aus der Reihenfolge und der Fahrt vermute ich, es ist die hier.“
Droin deutete auf die Erste, die am nächsten an Kalteon lag und deren Namen mit Serhel angegeben war, wenn er die alte Schrift richtig entziffert hatte.
Von dort führte eine Straße von Norden nach Süden bis zur Grenze nach Denelorn zur heutigen Blutmark.
Der Legende nach eine Handelsstraße zu einem anderen Ort mit Namen Heleran, weiter im Norden. Die Distanz betrug mindestens eine Wochenreise und von dort nochmals vier oder fünf Tage bis zur Grenze des Landes. Zumindest war dies in der Vergangenheit so gewesen. Mit einsetzendem Winter und einem lebensfeindlichen Sumpf wie diesem konnten leicht zwei Wochen daraus werden.
Droin teilte Phyria seine Überlegungen mit.
„Schaffen wir das?“
„Wenn es regnet oder schneit: Ja. Sonst wird es schwer.“
„Wegen des Wassers?“
Er nickte. Ganz ohne Verstand war sie also nicht: „Schnee ist besser. Zur Not tut es auch Regen. Verstehst Du nun, warum wir die Anderen nicht suchen können? Wir müssen los, sobald es geht.“
„Ist euer Leben immer so?“
Phyria fühlte sich ziemlich überfordert von der schieren Fülle an Möglichkeiten. Sie konnte alles tun, doch wie man daraus das Richtige auswählte, war ihr ein Rätsel.
„Du meinst abwechslungsreich?“
„Ich dachte eher an ungewiss.“
„Beides ist richtig. Das ist es, was dem Leben die Würze verleiht. Oder Du bleibst ein Schaf, dem man sagt, wo es grasen darf – bis man es schlachtet.“
Phyria musste an ihre Schafe denken, Sie waren sicher glücklich gewesen, besonders weil es bei ihnen nur um Wolle gegangen war – meistens zumindest. Geschlachtet werden, wollte sie selbst aber nicht.
Trotzdem, die Unbedarftheit hatte etwas Verlockendes.
„So denken Viele. Warte, bis Du mehr von den fantastischen Orten unserer Welt gesehen hast. Wer einmal von der Reiselust gekostet hat, wird niemals davon geheilt werden.“
Anscheinend hatte sie ihre letzten Gedanken laut ausgesprochen.
Sie war sich nicht sicher, ob sie dafür geschaffen war. Eine Wahl gab es für sie im Augenblick jedenfalls nicht.
Also tat sie, was sie in einem solchen Moment bisher immer getan hatte, wenn sie nicht weiterwusste: „Bring mir alles bei, was ich wissen muss.“
Droin nickte schlicht: „Lektion Eins: Wenn Du zu langsam lernst, bist Du tot. Und jetzt los.“
Er fasste seine Waffen fester: „Wir bekommen Gesellschaft.“
1 - 10 Nicht gestorben -
Überrascht registrierte Kmarr, dass er anscheinend nicht gestorben war. Dafür war er in einer undurchdringlichen Dornenhecke gefangen und ein kleines Feuer brannte neben ihm.
Der Ast, der ihn durchbohrt hatte, diente dabei als Brennholz. Zuerst wusste er nicht, was ihn geweckt hatte, doch dann ließ ihn das wütende Kreischen einer Horde Blutbäume zusammenzucken, die vergeblich an der Hecke rüttelte. Die winzige Bewegung sandte Wellen aus Schmerz durch seinen Körper. Ein Knurren war alles, was ihm entwich. Die Verletzung würde ihn noch immer töten, sobald er sich bewegte. Immerhin würden ihn die Bäume nicht bekommen. Doch das war kein sonderlicher Trost. Er würde verhungern oder vorher krank und schwach verenden, nicht stolz und aufrecht, wie ein Krieger. Er knurrte wütend. Dieses Mal so laut, dass sich auf einmal noch jemand bewegte.
Anaya hob soeben verschlafen den Kopf: „Gut, Du bist wach. Nicht bewegen, der Rest des Astes steckt noch drin.“
„Hab ich bemerkt“, keuchte er.
„Ich werde ihn glätten, damit er nicht bricht, oder sich Splitter lösen.“
„Du verstehst es, mir die angenehmen Seiten des Lebens schmackhaft zu machen.“
„Besser ich als Drakkan.“
Wieder besseren Wissen musste Kmarr lachen.
Schmerzen zuckten durch seinen Körper, die das Gelächter in ein abgehacktes Keuchen verwandelten.
„Du hast angefangen“, erwiderte Anaya, als er wieder halbwegs Luft hatte.
Sie kniete sich hinter ihn, eine Hand auf dem Ast, eine auf seiner Schulter.
Ein leiser Singsang lullte Kmarr in einen dämmrigen Halbschlaf, doch jede Bewegung des Astes rief wieder neue Agonie hervor, die sich immer weiter steigerte, ohne dass er etwas dagegen machen konnte. Seine Muskeln zitterten und was immer Anaya tat, es fühlte sich so an, als würde jemand ein Schwert in seinen Eingeweiden immer wieder hin und her drehen.
Bittere Galle sammelte sich in seinem Mund. Sein Fell klebte vom Schweiß und Dreck
Von seiner Position aus unsichtbar, spürte er trotzdem, wie Blut aus beiden Wunden rann.
Anaya arbeitete unterdessen konzentriert und schnell. Sie wusste, dass Kmarr nicht mehr lange durchhalten würde. Sie griff auf den enormen Vorrat an Lebenskraft zurück, den sie trotz der Hecke überall um sich herum spürte. Narfahel mochte als verlorene Provinz gelten, ohne Leben war sie deshalb keineswegs.
Der alte Ast ließ sich anfangs nur schwer wecken. Ein kleines Rinnsal neuer Lebenskraft fand nur langsam den Weg hinein. Im Rhythmus ihrer Herzschläge kehrte das Leben zurück. Aus dem Boden sog er sich schon bald mit Wasser voll. Dadurch wurde das Holz weicher und biegsam. Anaya nutzte dies, indem sie Sprösslinge entfernte. Abzweigungen zurück bildete und allmählich die gesamte Rinde glättete. Dabei beobachtete sie Kmarr genau. Beim ersten Anzeichen großer Schmerzen hielt sie inne, bis er sich wieder beruhigt hatte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit beendete Anaya ihre Arbeit. Kmarr bemerkte es jedoch nicht sofort. Er war in einem Dämmerzustand versunken.
„Fertig?“, mühte er sich zu sagen, als er endlich registrierte, dass sie längst dabei war, zwei Verbände vorzubereiten.
„Nö, keine Lust mehr.“
„Natürlich nicht. Der Ast ist doch noch da. Oder soll ich mal probehalber daran ziehen, damit Du das merkst?“
„Nicht lustig. Wie ist der Plan?“
„Ich ziehe Dich runter, dann verbinde ich die Wunden. Deine Aufgabe ist einfach: Du stirbst nicht.“
„Guter Plan.“
Anaya hielt nichts davon, die Wahrheit mit schönen Worten zu verschleiern, wenn es um Leben oder Tod ging. Während sie Kmarr antwortete, sah sie ihm daher direkt in die Augen.
„Wie?“
„Sieh zu und staune“, erwiderte sie schnippisch.
Sie stellte sich von ihn, genau an den Rand der Hecke, die sie beide umgab. Ihre Schuhe hatte sie bereits ausgezogen, so dass sie barfuß im eisigen Matsch stand.
Was sie vorhatte war schwierig und kraftraubend. Sich mit Tieren zu verbinden, war ihr stets leichtgefallen, doch Pflanzen waren etwas anderes. Sie waren ihr fremd, so dass sie nur selten auf deren Fähigkeiten zurückgriff.
Sehr langsam versenkte sie ihren Geist in den Erinnerungen an den Wald ihrer einstigen Heimat.
Mächtige Buchen, ehrwürdige Steineichen, langblättrige Uferweiden, Erlen, Ulmen, Eisenbäume, Dornstelzen mit ihren schmackhaften Wurzeln, Feuerblatt mit dem herrlichen Laub, das auch im Sommer in Rot und Orange zwischen den anderen Bäumen leuchtete. Sie fühlte ihre raue Rinde unter ihren Fingern, sog den Geruch nach Erde und Holz auf, hörte das Rascheln der Blätter, wenn ein Eichhorn es auf der Suche nach Nüssen und Beeren durchforstete, lauschte dem leisen Murmeln des Windes in den Wipfeln. Unter sich spürte sie die weiche Erde voller Käfer, Asseln, Würmer, Mäuse und Maulwürfe, durch die sich die Wurzeln bis hinunter zum Wasser ausbreiteten.
Während sie ihre Erinnerungen vertieften, bemerkte Kmarr erste Anzeichen einer äußerlichen Veränderung an ihr, auch wenn es ihn Kraft kostete, die Augen offen zu halten.
Anayas Haut verfärbte sich allmählich immer dunkler. Als flösse die grüne Farbe langsam in den Boden, wurde ihre Haut immer brauner. Gleichzeitig wurde sie hart und rissig, wie die Borke eines alten Baumes. Ihre Beine wurden dicker, ihr ganzer Körper massiger, sie sank einige Fingerbreit tiefer in den Schlamm ein, durch den Kmarr Wurzeln kriechen sah, die aus Anayas Füßen wuchsen und Halt im Untergrund suchten.
Ihre Haare wurden struppig, dicker wie die Nadeln von Bergkiefern. Ihre Arme verwandelten sich in knorrige Äste, ihre Finger in kräftige Triebe, die sie langsam in seine Richtung ausstreckte.
Unterdessen formte ihr Geweih eine wundervolle Baumkrone voller bunter Blätter unterschiedlicher Bäume.
Nur ihr Gesicht veränderte sich nicht, außer dass ihr Hautton das tiefe Dunkelgrün von Moos annahm, bis nur noch ihre Augen wie zwei kleine Juwelen daraus hervorstachen, den Blick in die ferne Vergangenheit gerichtet. Erstaunlich sanft umfassten die jungen Triebe der neu geborenen Dryade Kmarrs Arme. Er fühlte, wie sie sich vom Nacken bis zum Steiß hinter seinem Rücken verschränkten. Danach trat ein langer Moment der Ruhe ein, in dem sich Anaya langsam wieder zurück in das Hier und Jetzt tastete.
Ihr Blick bohrte sich in seinen: „Bereit?“, fragte sie ihn mit der unfassbar tiefen Stimme des Waldes, die seinen ganzen Körper erbeben ließ.
„Nein“, grollte er zurück: „Fang an.“
Anaya zog Kmarr so schnell zu sich heran, als wöge er nicht mehr als ein Kind.
Sein Gebrüll erschütterte die gesamte Umgebung, selbst die Blutbäume schienen davon beeindruckt, denn ihr Kreischen verstummte einen Augenblick, um dann bei dem Geruch von frischem Blut doppelt so laut zurück zu kehren.
Kmarr sank in Anayas Armen auf die Knie. Nur ihre Baumähnliche Kraft hielt ihn noch aufrecht. Langsam schwanden ihm die Sinne. Dieses Mal wehrte er sich nicht.
Anayas Finger tasteten nach den Verbänden, die bereit lagen. Sie presste die Moospakete nacheinander auf die Wunden an Bauch und Rücken. Rasch schlang sie die Verbände um seinen Leib, ehe sie ein letztes Mal die Kraft bemühte, um ihn vorsichtig auf die unverletzte Seite zu betten.
Danach kippte sie selbst wie ein gefällter Baum um.