Kitabı oku: «Auf getrennten Wegen», sayfa 4

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1 - 11 Belohnungen -

Missmutig wartete er ab, bis aus dem Wolkenbruch ein feiner Sprühregen geworden war, dann packte er Jiang samt Gepäck wieder mit dem Maul und trabte weiter am schlammigen Fluss entlang.

Unterdessen floh Jiang aus Shâo. Beschämt, entehrt. Verfolgt von den Schattenmeistern des Jadekaisers, schlief sie in der Gosse, unter Marktkarren oder in Schweineställen. Ihre Kleidung war verfilzt und starrte vor Dreck. Ihre Haare waren als Zeichen der Schande geschoren worden, trotzdem hatte sie Läuse bekommen.

Sie stahl Essen, wo immer sie konnte, litt dennoch Hunger. Sie mied Siedlungen, wo es ihr möglich war, reiste nachts oder in der Dämmerung. Ihre Verfolger verloren mehrfach ihre Spur, aber es gelang ihr einfach nicht, sie abzuschütteln. Immer wenn sie glaubte, endlich aus ihrer Reichweite gelangt zu sein, tauchten sie wieder auf.

Shadarr hörte, wie Jiang leise in ihrer Sprache etwas flüsterte. In ihren Fieberträumen hörte sie auch die höhnischen Antworten der Hofdamen, als sie versuchte, zu erklären, dass sie nicht versucht hatte, Zi tsin Tau zu verführen, sondern er sie vergewaltigt hatte. Doch der unschuldig wirkende Jüngling, der zugleich ein hoher Beamter am Hof war, war natürlich über jeden Zweifel erhaben gewesen. Also hatte Jiang ihn mit seinem eigenen Messer kastriert und zusehen lassen, wie sie sein bestes Stück verbrannte, während er auf seinem Bett verblutete.

Danach hatte sie sein Haus angezündet und war geflohen.

Natürlich hatte man sie gefangen. Sie spürte noch immer die kalten Fesseln und die Folter, die ihrer Hinrichtung vorausgegangen war. Wieder und wieder versuchte sie sich zu befreien, doch es gab kein Entrinnen.

Für Shadarr waren ihre Bemühungen lästig, aber auch wenn sie in ihrem Fieberwahn kräftig zappelte, hatte er am Ende keine Mühe, sie festzuhalten. Unbeirrt trabte er weiter.

Unterdessen zitterte Jiang einsam in einem tiefen Kerkerloch, das stets beinahe hüfthoch unter Wasser stand. Nur ein enges Gitte unendlich weit am Himmel über ihr ließ manchmal ein wenig Licht zu ihr hinein.

Sie hing nackt und halb ertrunken auf ein Bambusgitter gefesselt im eisigen Wasser. Stinkender Unrat trieb auf der Oberfläche, die Wärter verrichteten lachen ihr Geschäft durch das Gitter. Sie zielten dabei immer auf ihren Kopf oder schlossen Wetten darauf ab, wer den besten Treffer landete. Die Küchenmägde kippten ihre Abfälle hinunter.

Sie wollte sich waschen, doch sie war gefesselt und konnte sie nicht bewegen. Bald schon würden die Henker kommen, um sie zur öffentlichen Hinrichtung zu bringen. Sie würde nackt gefesselt der Menge gezeigt werden, dann würde man ihr ihre Verbrechen vorlesen und sie anschließend langsam erwürgen.

Fast sehnte sie den nächsten Morgen herbei, damit alles endlich ein Ende finden würde, doch als er endlich kam, flackerte ein letzter Rest ihres Selbst auf. Einen Augenblick der Klarheit trotz des Fiebers, dass sie dem Unrat in der Zelle zu verdanken hatte, ließ sie das riesenhafte Monster erkennen, dessen Beute sie geworden war. Es trug sie gerade in seinem Maul durch den scheußlichen Geistersumpf in der Provinz des Tigers hinter dem Min Tsâo nahe des Nebelklosters von Tiang zao Lung. Wie sie aus ihrer Zelle dorthin gelangt war, konnte sie nicht sagen, doch ihr Schicksal schien kaum besser zu werden.

Dabei hatte sie Kun Lung Tar, der oberste Kanzler des Jadekaisers höchstselbst aus der Zelle holen lassen. Sie war mit groben Bürsten und eisigem Wasser sauber geschrubbt worden, man hatte ihre Wunden verbunden. Dann hatte er sie in einem kleinen Gemach in eine Seidenrobe gehüllt empfangen. Er bot ihr die Freiheit, offenbarte ihr, dass man wusste, dass ihr von Zi tsin Tau Gewalt angetan worden war und das, hätte sie gewartet, dieser in aller Stille entsprechend bestraft worden wäre. Sie selbst wurde nicht für ihre Tat bestraft, sondern dafür, dass sie das Recht und Privileg des Kaisers verletzt hatte, in dem sie diesem die Möglichkeit genommen hatte, Gerechtigkeit walten zu lassen.

Flucht und Verbannung waren ihr einziger Weg, zu überleben.

Natürlich hatte sie gezögert. Sie war eine treue Dienerin des Kaisers. Ihr Land für immer zu verlassen, kam ihr unvorstellbar vor. Der Tod war der bessere Ausweg. Offenbar hatte Kun Lung Tar dies erwartet, denn bedauernd hatte er ihr mitgeteilt, dass es bereits so beschlossen worden war. Sie würde nun Kleidung, Schuhe und Proviant erhalten und aus einer geheimen Pforte den Palast verlassen. Natürlich würde man sie verfolgen.

Aber ihre Verfolger würden nach Süden ziehen, sie dagegen nach Norden.

Und weil Kun Lung Tar all dies für sie arrangiert hatte, würde sie sich sicherlich dankbar zeigen.

Er ließ sie von seinen Wachen festhalten und bestieg sie wie ein Tier. Als er fertig war, ordnete er seine Kleidung, bevor er ohne ein weiteres Wort verschwand.

Seine Wachen waren äußerst beflissen. Sie nahmen sich ein Beispiel an ihrem Herren und taten es ihm nach.

Einer nach dem Anderen nahm sie, wie es ihm gefiel. Am Ende schleiften sie sie beinahe aus dem Palast, da sie kaum laufen konnte. Mit einem Bündel Ausrüstung stießen sie sie nackt durch die Pforte und warfen das Tor hinter ihr krachend ins Schloss.

Schlimmer beschmutzt als in ihrer Zelle hatte sie sich zum nächsten Wasserloch geschleppt, um sich so gut es ging zu reinigen, bevor sie sich in einem Bambuswald zusammenrollte und darum betete, zu sterben.

Shadarr hörte Jiang bitterlich weinen und jammern, konnte aber nicht verstehen, was sie so leise vor sich hin wimmerte. Immerhin hatte sie schon vor einiger Zeit aufgehört, zu zappeln. So war es bedeutend einfacher, sie zu tragen.

Zwischendurch hatte er einmal kurz den Eindruck gehabt, sie wäre wach und klar im Kopf, doch ehe er reagieren konnte, war der Moment bereits wieder vergangen.

Noch immer roch sie ungesund. Außerdem fühlte sich ihre Haut abwechselnd warm und kalt an.

Shadarr überlegte, ob er ihr eine Ruhepause gönnen sollte, doch Schwäche war ihm fremd, so dass er seinen Weg fortsetzte. Entweder sie würde überleben oder eben nicht.

Vor ihm lag ein ausgedehntes Feld mannshohen Schilfs, in dem sich allerlei Getier verbergen konnte, doch er kam gar nicht erst auf den Gedanken, einen Umweg zu gehen. Ohne anzuhalten, marschierte er direkt hinein.

1 - 12 Ein ungebetener Gast -

„Was ist denn da?“, wollte Phyria wissen, die nichts erkennen konnte.

„Leise.“

Droin schob sie um das Feuer herum in die Dunkelheit: „Weiß ich nicht“, flüsterte er.

„Wie kannst Du dann wissen, dass jemand auf uns zukommt?“, fragte sie zurück.

Dieses Mal versuchte sie leise zu antworten.

„Benutz Deine Ohren. Was hörst Du?“

Phyria überlegte einen Moment angestrengt, versuchte irgendwelche Geräusche zu entdecken, doch außer ihren eigenen Schritten hörte sich fast nichts, nur gelegentlich quietschte Droins Rüstung.

„In der Natur gibt es immer etwas. Blätter rascheln, Wind rauscht, ein Tier frisst Gras, rupft junge Triebe von einem Busch, Balzrufe, ein Vogel stößt Warnschreie aus. Wenn absolut nichts zu hören ist, bedeutet das, ein Raubtier ist in der Nähe, vor dem alle anderen Tiere Angst haben. Wenn wir Glück haben, überdeckt der Brandgeruch unsere Duftspuren.“

Unbehaglich sah sich Phyria um: „Und wenn nicht?“

„Dann hoffen wir, dass wir schneller und schlauer oder stärker sind.“

„Was ist, wenn nicht?“

„Dann sind wir tot. Und jetzt weniger reden und mehr laufen. Hilf mir, den Kompass zu schieben.“

Für die nächste Zeit war alles an das Phyria denken konnte, das unbekannte Raubtier, vor dem sogar die Blutbäume Respekt zu haben schienen, denn sie begegneten auf wundersame Weise keinem einzigen mehr.

Immer wieder blickte sie sich um oder zuckte bei einem vermeintlich verdächtigen Geräusch zusammen.

Einmal glaubte sie sogar, die Silhouette einer riesigen Bestie entdeckt zu haben, doch gerade als sie Droin darauf hinweisen wollte, musste sie feststellen, dass es nur die Reste eines verfallenen Gebäudes waren. Überrascht bemerkte sie, dass sie anscheinend einer Straße folgten. Rechts und links tauchten nun immer wieder Ruinen auf.

Wie Droin in der Finsternis hierher gefunden hatte, war Phyria unbegreiflich. Der Naurim musste eine eigene Art der Magie besitzen. Sie grübelte darüber nach, bis sie es nicht mehr aushalten konnte und ihn danach fragte.

„Einfach. Auf der Karte habe ich gesehen, wo sie ist. Dann sind wir immer darauf zu gelaufen, bis ich sie entdeckt habe.“

Danach schwieg er wieder. Die Wunden schmerzten, so dass er seine gesamte Konzentration darauf verwenden musste, nicht zu stolpern oder die Straße wieder zu verlieren. Nur hier war der Untergrund sicher genug, um schnell voran zu kommen. Trotzdem wurde er das Gefühl der Bedrohung nicht los. Im Gegenteil. Es wurde sogar noch stärker. Die Kreatur hatte sie als Beute ausgewählt.

Offenbar war sie intelligent genug, sich Zeit zu lassen, um ihre Beute zu ermüden, bevor sie angriff. Noch verbarg sie die Nacht vor ihren Blicken. Außerdem zog ein Sturm von Norden heran. Mit etwas Glück konnten sie darin ihre Spuren verbergen, auch wenn er es bezweifelte. Deshalb hielt er bei der Anstrengung und Eile Ausschau nach einem geeigneten Platz für einen Kampf.

Ein hoher Felsen etwa, oder wenigstens ein steiler Abhang. Die Ruinen empfand er zwar als verlockend, doch weder die schrecklichen steinernen Würmer noch die gequälten Seelen ihrer ehemaligen Besitzer ließen diese Möglichkeit zu.

Darüber hinaus spürte er, wie Phyrias Kräfte allmählich nachließen. Schon bald würde sie ihn eher behindern, als ihm helfen. Dass sie nicht im Mindesten leise war, störte dabei kaum noch, denn das Gewitter kam rasch näher. Ein leichter Regen hatte sie schon erreicht. Er übertönte die meisten Geräusche, die die Magana verursachte. Sie hüllten sich in Öl und Wachs getränkte Planen, um nicht sofort gänzlich durchweicht zu werden.

Droin wechselte vom Ziehen des Kompasses zum Schieben, weil ihm der Abstand zwischen ihm und Phyria nicht gefiel. Zusätzlich knotete er die Seile so, dass er sich mit einem einzigen Ruck davon befreien konnte. Er legte seine Waffengriffbereit oben auf dem Kompass ab, ebenso wie seinen Schild und Phyrias Gepäck. Es gefiel ihm nicht, das kostbare Artefakt so zu behandeln, doch es gab keine Alternative. Gefressen werden hatte noch weniger Reiz.

Auch wenn er nichts sehen konnte, war Droin sich sicher, dass die Kreatur wenig mehr als hundert Schritte entfernt war, höchstens eine Hügelkuppe weit weg. Dort zwischen den Ruinen oder dort, hinter den verkrüppelten Büschen.

„Wir werden kämpfen müssen.“

„Ich weiß. Ich kann es fühlen. Warum greift es nicht an?“, keuchte sie zurück. Sie war erschöpft, hungrig und fror erbärmlich.

„Die Kreatur ist schlau. Sie versucht, uns zu ermüden, bevor sie sich zeigt. Ich würde es ebenso machen.“

„Ist es dann nicht besser, wir bleiben stehen und kämpfen?“

„Erst wenn wir einen Platz finden, an dem wir uns verteidigen können.“

Phyria macht ein unglückliches Gesicht: „Ich fühle mich noch immer wie ein Mühlstein, um Deinen Hals, der Dich und Deine Freunde nach unten zieht.“

Droin wog seine Antwort sorgfältig ab: „Du hast eine schwierige Aufgabe. Viel schwieriger als eine Person alleine bewältigen kann.

Reisen ist alleine eine gefährliche Angelegenheit, egal wohin, und Du musst in besonders gefährliche Länder, die niemand bereist, sofern er nicht verrückt oder tollkühn ist. Jeder von uns hat sich aus freien Stücken dafür entschieden, Dich zu begleiten. Niemand ist dazu gezwungen. Wenn…“

In diesem Augenblick zerriss ein Blitz die trübe Dämmerung, gefolgt vom Krachen des Donners.

Als wäre das ein geheimes Signal gewesen, öffnete der Himmel seine Schleusen. Der Regen reduzierte die Sichtweite praktisch auf null. Das Prasseln der Tropfen übertönte alle anderen Geräusche.

‚Wäre ich unser Verfolger, würde ich es jetzt versuchen‘, dachte Droin grimmig und legte den Schild an.

Kaum hatte er seine Kriegshacke gehoben, hörten sie plötzlich ein markerschütterndes Gebrüll, das in ein langgezogenes Heulen überging.

„Hinter mich!“, brüllte er Phyria zu.

Kaum ausgesprochen, raste ein riesiger Schatten aus der Dunkelheit heran. Kreischend fuhren Klauen über den Schild, den Droin gerade noch zwischen sich und den sicheren Tod bringen konnte. Er wurde einen Schritt zurückgeworfen. Seine Schulter fühlte sich an, als hätte sie die Wucht des Treffers um ein Haar ausgekugelt. Dennoch hatte er den Eindruck, als wäre der Schlag noch kein ernsthafter Versuch gewesen, ihn zu verwunden.

Phyria reagierte fast ebenso schnell wie Droin, indem sie ihrem Angreifer eine lange Flammenlohe hinterher sandte. Zufrieden hörte sie die Kreatur wütend zischen.

„Nicht stehen bleiben! Das Biest sieht auch nicht besser als wir. Im Regen sind sein Geruchssinn und sein Gehör nutzlos.“

Droin schob den Kompass mit der einen Hand, ohne dabei die Waffe weg zu legen, während er mit dem Schild ihre Flanke schützte.

Natürlich kam der nächste Angriff von Phyrias Seite. Sie entging dem Schlag nur, weil sie im letzten Augenblick einen weiteren Flammenstoß aussandte, so dass ihr unsichtbarer Feind zurück zuckte. Er verfehlte sie nur um weniger als eine Fingerbreite. Ein Blitz vom Himmel vermittelte ihr den Eindruck einer massigen Gestalt mit vier klauenbewehrten Beinen. Aufgewühlte Dreckklumpen flogen an ihr vorbei, als sie wieder hinter dem Vorhang aus Wassertropfen verschwand. Wie vom Antlitz der Erde gewischt, verlor sie sich darin.

„Weiter!“

Doch kaum ausgesprochen flog die Bestie in einem gewaltigen Satz über sie hinweg. Dabei hinterließen ihre Krallen klaffende Risse in Droins Kettenhaube. Fluchend riss er sich die Reste vom Kopf, weil ihm ein Teil davon vor den Augen hin und her baumelte.

Dieses Mal hatte Phyria schneller reagiert und tauchte das Wesen kurz in einen dünnen Flammenstrahl, der dunkelviolette Muskelstränge enthüllte, um die herum fingerdicke Adern pulsierten, denn Haut besaß sie keine, dafür triefte sie vor Schleim und Regenwasser. Durch das Feuer peitschten zwei Tentakel mit knochigen Haken an den Enden nach ihr. Einer verfehlte sie, doch der zweite schnitt wie ein Fleischermesser tief in ihre Schulter, glitt aber zum Glück vom Schlüsselbein ab. Doch auch so wurde ihr linker Arm taub.

Keuchend ging Phyria in die Knie, bevor sie flüssiges Feuer blutete, um die Wunde zu verschließen.

Kaum fühlte sie das Leben zurück in ihre Fingerspitzen kehren, peitschten die Tentakel wieder aus der Finsternis heran.

Irgendwie gelang es Droin, die Bewegung vorherzuahnen. Sein Schild blockte einen ab, den anderen schlug er mit der Waffe zur Seite.

Schritt um Schritt kämpften sie sich voran. Bald bluteten sie beide aus zahlreichen Schnittwunden. Die Kreatur ließ nicht nach, attackierte mit ihren Klauen, Tentakeln, schlich, sprang oder stürmte im ständigen Wechsel. Niemals blieb sie stehen oder attackierte zweimal aus derselben Richtung. Sie schien weder über Kopf noch Maul zu verfügen.

„Da vorne ist eine Brücke!“, brüllte Droin plötzlich.

„Da stellen wir uns zum Kampf.“

Phyria nickte unter Schmerzen. Der Schnitt in ihrer Schulter brannte höllisch. Ihre Flammenstöße kamen langsamer und wurden schwächer, da Kälte und Nässe ihr mehr und mehr zu schaffen machten. Sie versuchte abzuschätzen, wie lange sie noch durchzuhalten vermochte.

Beinahe hätten ihre Gedanken ihren Tod bedeutet, denn wie aus dem Nichts fegte eine Pranke heran und erwischte sie voll an der Brust. Sie wurde drei Schritte weit durch die Luft gewirbelt.

Noch im Flug überlegte sie, ob dies wohl ihr Ende war, doch als sie landete knirschten lediglich ihre Rippen. Der Boden war so mit Wasser vollgesogen, dass er den Aufprall abfederte. Während sie keuchend nach Atem rang, schoss ein Tentakel aus der Dunkelheit, der sich um ihre Wade wickelte. Der Knochenhaken bohrte sich knapp über ihrem Knie in den Oberschenkel. Vor Schmerzen schreiend zerrte sie daran, ohne Erfolg.

Dann war Droin zur Stelle. Mit einem Fuß stampfte er auf den zuckenden Anhang. Ein Schlag mit der Hacke trennte ihn sauber ab wie ein Bauer die Wurzel eines Baumes beim Roden auf einem neuen Feld.

Mit dem zweiten Schlag schnitt er den Rest kurz vor dem Haken ab. Er drängte Phyrias Hände zur Seite und verhinderte so, dass sie ihn entfernte.

„Nicht. Er verschließt die Wunde. Auf der Brücke.“

Während er das sagte, blockte er die wütenden Attacken der Kreatur ab. Gleichzeitig hielt er ihr den Stiel der Waffe als Aufstehhilfe hin. Zitternd kam sie auf die Beine. Jeder Schritt ließ sie taumeln, die Schmerzen legten sich wie ein Schleier vor die Augen, trieben ihr den Schweiß auf die Stirn. Droin hatte Recht, doch das bot ihr nur wenig Trost.

Ohne den Kompass hätten sie es trotzdem nicht geschafft. Auf das Artefakt gestützt, humpelte sie weiter die Straße entlang.

Droin schob den Kompass mit der Waffenhand, den Blick hielt er ständig in Bewegung, auf die Dunkelheit gerichtet. Den Schild hielt er abwehrbereit erhoben.

„Schaffst Du es bis zur Brücke?“

Phyria brauchte einen Moment, bevor sie genug Kraft gesammelt hatte, um die Frage zu beantworten: „Wie weit ist es noch?“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Hundert Schritte, vielleicht ein paar mehr.“

„Wenn Du mir das Viech vom Leib hältst, dann ja“, keuchte sie zurück.

Er nickte. Sie war zäher, als er erwartet hatte. Es bestand noch eine Chance, zumindest das andere Ufer zu erreichen.

„Was, beim haarigen Arsch von Ugnot’s Mutter soll das denn sein.“

Droin stieß einen wütenden Schrei aus, der einen guten Teil Unglaube beinhaltet.

Die Brücke war verschwunden. Obwohl verschwunden das falsche Wort war. Sie war durchaus noch da. Allerdings lag sie in mehrere Teile zerbrochen im Fluss.

Schlammiges Wasser strömte schäumend zwischen den Bruchstücken hindurch oder überspülte sie stellenweise gänzlich. Trotzdem war das Pflaster noch deutlich zu erkennen. An beiden Seiten führte nun eine steile Rampe über schleimige, lockere Pflastersteine zur Wasseroberfläche.

„Und jetzt?“

„Rauf auf den Kompass! Wir müssen da durch!“

„Was ist mit Dir?“

Droin ignorierte die Frage, er kniete sich hin, so dass sie über seinen Schild auf das Artefakt klettern konnte.

Mit einem kräftigen Schubs wuchtete er sie hinauf. Ein Reflex ließ ihn herum wirbeln, gerade noch rechtzeitig, um die Tentakel abzublocken, die dumpf gegen den Schild donnerten. Die Kreatur hielt nicht an, sondern war bereits wieder in der Dunkelheit verschwunden.

Ein Strom von Flüchen begleitete sie dabei.

Droin stemmte sich ächzend in die Höhe, doch mittendrin hielt er inne. Er ließ den Schild fallen und schob ihn stattdessen an die Kante nach unten.

„Was…?“, wollte Phyria fragen, doch da hatte sich der Naurim bereits mit dem Hintern darauf niedergelassen. Wie auf einem Schlitten rodelte er die Rampe hinunter. Der Kompass glitt ohne Widerstand hinterher, als Droin eines der Seile ergriff, mit denen die Plane fest verzurrt war.

„Du bist verrückt!“, rief Phyria ihm hinterher.

„Brrr!“, erwiderte er, als er bis zum Bauchnabel im Wasser verschwand.

Die kalte Brühe brannte in den Wunden, die die Schlangenfrösche ihm zugefügt hatten. Er musste sich gegen die Strömung stemmen, um seinen Schild aus den Fluten zu reißen, die drohten, ihn weg zu spülen. Zum Glück lag vor ihnen ein Stück der einstigen Brücke, das noch aus den Fluten herausragte. Hier blieben sogar die Stiefel beinahe trocken.

Triefnass vom Regen und der Landung im Fluss spielte das eigentlich keine Rolle mehr, doch es erleichterte es ihm, den Kompass samt Phyria weiter zu ziehen. Kaum hatte er ein paar Schritte getan, deutete Phyria aufgeregt zum Ufer: „Ist das ein hässliches Biest.“

Die Hinterbeine angewinkelt, die langen Klauenbewehrten Arme in die Uferböschung gegraben, stierte ihnen die Kreatur hinterher. Von den vier Tentakeln, die in der Luft hin und her peitschten, fehlte von einem ein gutes Stück. Aus dem Stumpf tropfte bei jeder Bewegung zischend Blut.

Als Droin sich umwandte, bleckte es seine Zähne und gab keckernde Laute von sich, bei denen sich ihnen die Nackenhaare aufstellten. Geifer tropfte aus dem Maul.

Der Körper des Wesens begann an verschiedenen Stellen in einem fahlen, grünlichen Licht zu leuchten.

„Das gefällt mir nicht“, keuchte Phyria während Droin nur drohend die Waffe hob: „Komm nur her Du Mistvieh!“

Obwohl es so wirkte, als würde es tatsächlich jeden Moment springen wollen, duckte es sich nur tiefer. Das Leuchten wurde heller und die Kreatur bleckte erneut die Zähne, um wieder diese scheußlichen Laute von sich zu geben. Dabei öffnete sich ihr Maul wie das eines Fisches auf die vielfache Größe.

„Ich glaube wirklich, wir sollten gehen!“

Etwas in Phyrias Stimme veranlasste Droin, sich zu ihr umzudrehen.

Sie deutete nicht etwa auf ihren Verfolger, sondern auf das Wasser des Flusses. Wo eben noch nackter Stein aus den Fluten geragt hatte, spülte gerade eine erste Welle darüber hinweg.

„Das darf doch nicht wahr sein!“

Er riss sich von dem Anblick los, obwohl er beinahe erwartete, die Bestie springen zu hören. Er stapfte zum Kompass, um sich erneut mit seinem ganzen Gewicht dagegen zu stemmen. So schnell er konnte, schob er das Artefakt voran, ohne den Wasserspiegel aus den Augen zu lassen.

Phyria beobachtet unterdessen das wütende Biest, das sich aufgeregt hin und her wiegte.

Erst schwappte der schlammige Strom nur hin und wieder über das alte Pflaster der Straße. Schnell wurden die Wellen zahlreicher und höher. Noch während Droin sich über eine Lücke zwischen den Steinen kämpfte, verschwanden sie endgültig unter dem schneller und schneller anschwellenden Strom.

Natürlich traten Flüsse bei einem Regen irgendwann über die Ufer, aber das musste ja nicht ausgerechnet in dem Augenblick geschehen, in dem sie versuchten, einen davon zu überqueren.

Droin fluchte laut und ausdauernd.

Obwohl Phyria die Sprache der Naurim nicht verstand, war ihr ziemlich klar, was er da sagte.

Das Wasser war schon knöcheltief und stieg weiter. Die Strömung machte es zunehmend schwieriger, auf dem Pflaster nicht den Halt zu verlieren.

Zweimal musste sie zugreifen, um zu verhindern, dass Droin stürzte.

Jedes Mal schrie sie dabei auf, weil sich der Knochenhaken in ihrem Bein bewegte oder ihr linker Arm ihr das Gefühl vermittelte, abzureißen. Anschließend fluchte sie mit Tränen in den Augen fast so kreativ wie Droin, der trotz der ernsten Situation ein Grinsen unterdrücken musste.

Sie war wirklich aus härterem Holz gemacht, als er zunächst befürchtet hatte.

Noch bestand also Hoffnung.

- Wenn sie rechtzeitig aus dem Fluss kamen.

Das Ufer auf der anderen Seite kam in Sicht, leider war das Wasser schon knietief. Die Strömung war so stark, dass Droin mit jedem Schritt vorwärts zwei dagegen machen musste, nur um nicht sofort weggespült zu werden. Ohne die Reste der Brücke hätte er es niemals geschafft.

Direkt vor dem rettenden Ufer hatte der Fluss einen breiten Kanal gegraben, durch den das Wasser schäumend tobte.

Droin gab dem Kompass einen kräftigen Stoß und sprang dabei zugleich hoch. Er hielt sich an den Seilen fest, um sich empor zu ziehen.

Phyria rutschte so gut es ging zur Seite, als er sich ächzend den Schild voran neben sie fallen ließ.

Am liebsten wäre er liegen geblieben.

Einen Atemzug später konnte er ihren erstaunten Blick einfangen, als er begann, sich so schnell er konnte von seiner Rüstung zu entledigen. Irgendwie fand er den Platz dazu, ohne herunter zu stürzen. Es gelang ihm sogar, die Sachen alle auf dem Schild zu balancieren, ohne dass etwas herunterfiel.

„Was…?“, setzte sie an.

Droin kam ihr zuvor und deutete stromaufwärts: „Da kommt eine große Flutwelle, die Baumstämme und Sträucher vor sich her schiebt. Wenn die uns erreicht, werden wir mitgerissen. Kompass hin oder her.“

Er band sich ein Seilende um den Körper, obwohl die Bisswunden dabei höllisch brannten.

„Und…“

Wieder war Droin schneller. Er griff sich Hacke und Dolch und sprang nur im Lendenschurz mit Stiefeln in einem überraschend weiten Satz auf das Ufer zu: natürlich viel zu kurz.

Sofort riss ihn die Strömung mit. Phyria konnte nur tatenlos zusehen, wie er darin versank. Es gab einen Ruck, als sich das Seil spannte, dann wurde der Kompass mit ihr obendrauf hinter dem verrückten Naurim hergezogen.

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