Kitabı oku: «Auf getrennten Wegen», sayfa 6
1 - 17 Flussüberquerung -
Das Seil zog den Kompass unbarmherzig weiter auf die braunen Fluten zu. Phyria klammerte sich eisern fest, um nicht herunter gerissen zu werden.
Irgendwo dort drin, am anderen Ende ertrank gerade Droin und sie konnte nichts tun. Wasser war nicht ihr Element.
Ein Baumstamm trieb auf sie zu, der drohte, den Kompass zu rammen.
Ihr Schicksal schien gewiss, da durchbrach plötzlich ein Arm mit einem Dolch die Wasseroberfläche. Die Klinge senkte sich und verschwand im weichen Uferschlamm samt der Faust, die sie hielt. Ihr folgte einen Lidschlag später Droins anderer Arm mit der Kriegshacke.
Wie ein Dämon der Unterwelt erhob er sich langsam aus den Fluten. Wasser rann in Sturzbächen über seinen muskelbepackten Körper. Er schüttelte prustend den Kopf, so dass Tropfen in alle Richtungen geschleudert wurden.
Den Baumstamm vergessend konnte Phyria nur staunend zuschauen, wie Droin sich eine Handbreit nach der anderen am Ufer emporzog.
Schlamm spritzte jedes Mal auf, wenn er eine der Waffen neu versenkte, um sich wieder ein Stück weiter nach oben zu ziehen. Wo seine langen schwarzen Haare einen Blick auf seinen Körper frei gaben, entdeckte Phyria Narben und Tätowierungen.
Noch immer bewundernd bemerkte sie, wie er die Stiefel ebenfalls in den Schlamm rammte, als er sich gänzlich aus den Fluten befreite.
Das Tau zog er dabei nach und nach hinter sich her.
Keinen Augenblick zu früh, wie sie plötzlich entdeckte.
Der Baumstamm, der sich bis gerade noch träge auf sie zu bewegt hatte, war unterdessen beinahe zu einem Geschoss geworden, von den Wassermassen ergriffen, sauste er auf sie und den Kompass zu.
Doch Droin hatte die Kante der Uferböschung bereits erreicht.
Wie ein Fischer seinen Fang, zog er sie an der Leine Hand über Hand zu sich heran.
Nur ein paar besonders ausladende Äste streiften das Artefakt, als der Stamm krachend an ihr vorbei gespült wurde. Es zeigte sich, dass er nur ein Vorbote einer viel größeren Flutwelle war, die den Fluss noch weiter anschwellen ließ. Während sie erleichtert am Ufer vom Kompass glitt, verschwanden die Reste der einstigen Brücke bis auf einen einzelnen, abgebrochenen Felsen in den Wassermassen.
„Das war knapp“, kommentierte Droin nüchtern. Er war bereits wieder dabei, sich in seine zum Glück trockene Kleidung zu anzuziehen.
„Was macht Dein Bein?“, fragte er dabei.
Als hätte die Wunde nur darauf gewartet, schoss ein brennender Schmerz hindurch, der sie einknicken ließ. Nur dank des Artefakts blieb sie keuchend stehen.
„Dachte ich mir.“
Droin unterbrach seine Tätigkeit. Statt sich weiter anzuziehen, wühlte er in seinem Gepäck, bis er eine Kräuterpackung von Anaya gefunden hatte.
„Wir müssen aufhören, uns zu verletzen“, meinte er, während er sie rasch, aber sorgfältig verband.
„Du wirst eine Krücke brauchen. So kannst Du nicht weiterlaufen.“
„Müssen wir denn weiter?“
Sie schwankte unsicher hin und her.
Droin, der schon wieder damit fortfuhr, die Rüstung anzulegen, nickte: „Das komische Biest wird einen anderen Weg über den Fluss finden.“
„Woher willst Du das wissen?“
„Ich kann es sehen. Es steht da drüben und starrt uns hinterher. Ein Glück, dass es nicht schwimmen kann.“
Phyria schüttelte den Kopf: „Wie kannst Du sicher sein?“
„Es ist dort drüben, wir sind hier. Wenn es keine Angst vor dem Wasser hätte, könntest Du diese Frage jetzt wohl nicht mehr stellen.“
„Auch wieder wahr.“
Sie seufzte: „Jetzt hast Du mir schon wieder das Leben gerettet. So werde ich ewig in Deiner Schuld stehen.“
„Und in der von Anaya, Kmarr, Jiang und sogar Drakkan“, fügte sie nach einer Pause hinzu.
„Warte, bis Du die Rechnung bekommst. Wir sind teuer.“
So wie er das sagte, klang es ganz und gar nicht nach einem Scherz: „Wenn Du einen Teil davon begleichen willst, töte einfach das Viech, wenn es das nächste Mal auftaucht.“
„Und jetzt weg hier“, unterbrach er sie, als sie etwas erwidern wollte.
Sie fühlte sich wie ein kleines Kind, als er sie samt Kompass die Straße entlang schob, die sich hier auf der anderen Seite des Flusses fortsetzte. Sie bemerkte den müden Schritt und das leise Ächzen von Droin, als sie so in die Dämmerung stolperten.
Weit marschierten sie nicht mehr. Kaum außer Sicht des Ufers, zwischen den Resten eines alten Heuschobers, der kaum groß genug für sie beide war, hielten sie an.
Droin sank in sich zusammen, als hätte sein Körper sich in Gelee verwandelt.
„Du kochst“, gab er noch von sich, dann begann er zu schnarchen.
Kochen war es wahrlich nicht. Phyria stellte aus ihren Vorräten einfach zwei Teller voll mit getrocknetem Obst und Brot, Hartkäse und einem Schinken zusammen, der so zäh war, dass man ihn erst mit einem Hammer bearbeiten musste, bevor man ihn kauen konnte – jedenfalls fast. Zum Schluss erhitzte sie einen Kessel mit Wasser, um darin einen Kräutertee zu bereiten. Mit einem Becher voll davon weckte sie den schnarchenden Naurim.
Der nahm dankbar Becher und Teller entgegen.
„Du kochst wie Drakkan“, bemerkte er trocken.
„Aber ich sehe besser aus.“
„Na das ist auch nicht weiter schwierig.“
„Kochen auch nicht – zumindest mit den richtigen Zutaten. Ich habe im Kloster viel in der Küche geholfen.“
‚Zur Strafe.‘
Bedauernd dachte sie an die Zeit in der mit Mehl und Fett geschwängerten Luft der großen Küche der Abtei zurück.
„Das ist wirklich von Nutzen. Spuren lesen und Überleben in der Wildnis kann man lernen. Fürs Kochen braucht man Talent.“
„Und Drakkan hat keins? Es gibt also etwas, das er nicht kann“, stellte sie befriedigt fest.
„Vieles. Diplomatie ist nicht seine Stärke.“
Phyria musste lachen: „Und von Frauen versteht er auch nicht viel mehr.“
Droin nickte bedächtig: „Wenn es um ihre Gefühle geht, ist er zugleich blind und taub. Das schein die meisten allerdings eher anzuspornen. Du hast das schnell bemerkt.“
„Das Anaya und Jiang beide in ihn verliebt sind? Natürlich. Anaya weiß es selbst auch noch nicht und Jiang traut sich nicht.“
„Gut beobachtet. Ist es tatsächlich so offensichtlich? Ich habe länger gebraucht, es zu erkennen.“
„Ich hätte blind sein müssen, um es nicht zu bemerken. Und taub“, fügte sie mit einem Hinweis auf die nächtlichen Aktivitäten von Drakkan und Anaya hinzu.
„Das Eine bedeutet nicht immer das Andere. In diesem Fall hast Du jedoch Recht.“
Er dachte einen Moment nach: „Einen Rat will ich Dir geben: Behalte Dein Wissen für Dich. Und misch Dich nicht ein. Das mag er gar nicht. Er hat dafür viele Qualitäten, die seinen Mangel an Taktgefühl wettmachen.“
„Wenn er sonst so direkt ist, warum versucht er dann, seine Liebschaft mit Anaya zu verbergen?“
„Das musst Du ihn schon selber fragen“, brummte Droin: „Wir haben alle unsere Geheimnisse.“
Er sah sie dabei so betont an, dass sie gar nicht anders konnte, als rot zu werden.
„Du hast Recht. Ich werde es mir merken. Erlaubst Du mir dennoch eine Frage?“
Phyria schluckte einmal, dann nahm sie all ihren Mut zusammen: „Wie kommt ihr damit klar, dass Drakkan zur Hälfte ein Dämon ist? Macht euch das gar nichts aus?“
Zu ihrer Überraschung blieb Droin ruhig: „Ich weiß, weshalb Du fragst. Du hast gelernt, dass alle Dämonen Feinde sind. Lass mich Dir so antworten: Ich habe Viele getroffen, die aufrichtig und edel wirkten und dennoch Kinder mordeten und Frauen schändeten. Und ich habe den abgerissensten Bettler gesehen, der sein Leben für einen Fremden riskierte, indem er ihn aus einem brennenden Haus rettete. Es kommt nicht darauf an, was man ist oder wo man herkommt, sondern was man tut.“
Phyria schüttelte den Kopf: „Aber genau das verstehe ich nicht. Es ist das, was er tut, was ihr verurteilen müsstet.“
Auch wenn sie den Finger nicht darauflegen konnte, was es war, dass sich geändert hatte, spürte sie, wie Droins Erschöpfung plötzlich einer wachsamen Anspannung wich.
Seine Stimme blieb dagegen vollkommen ruhig: „Was genau meinst Du? Er tötet, um zu überleben. Das tun wir alle. Gut, er kämpft nicht fair und nutzt sein dämonisches Erbe, doch wir müssen alle mit den Gaben leben, die uns die Götter gegeben haben.“
„Aber der Raub der Seele? Wie kannst Du das rechtfertigen? Er vergeht sich an dem, was Anderen von den Göttern geschenkt wurde.“
Sie war vollkommen verwirrt. Wie man einen solchen Frevel einfach mit einem Schulterzucken abtun konnte, war ihr unbegreiflich.
Als Droin dieses Mal antwortete, glich seine Haltung einer Statue, kein Muskel zuckte. Seine Stimme war eisig: „Diese Frage solltest Du ihm stellen, wenn Du in das nächste Mal siehst. Ich bin neugierig, was er darauf erwidert. Und noch etwas: Nur weil man etwas kann, bedeutet das nicht, dass man es auch tut, oder hast Du ihn schon dabei gesehen?“
Sie schüttelte wortlos den Kopf. Dabei bemerkte Sie nicht, dass Droins Hand sich so fest um den Griff seiner Waffe geschlossen hatte, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
1 - 18 Gedankenkreise -
Die Zwangspause, eingepfercht in der undurchdringlichen Dornenhecke, zehrte an Anayas Nerven. Kmarr hatte es da besser. Durch die Verletzung war er müde. Die meiste Zeit verbrachte er daher schlafend.
‚Wenigstens schnarcht er nicht‘, dachte Anaya gelangweilt. Sie hatte bereits ihre Kleidung gewaschen, ihre Ausrüstung sortiert, ein paar Pfeile repariert und vorsichtig den Schöpferstab untersucht. Doch das alles zusammen hatte insgesamt weniger als einen Tag gedauert. Jetzt war alles getan. Sie formte lustlos ein Loch in der Hecke, um hindurch auf die ferne Landschaft zu schauen. Der heftige Gewitterregen hatte ihnen reichlich Wasser beschert, dafür waren sämtliche Flüsse über die Ufer getreten. Sie spürte die Wassermassen, die sich ganz in der Nähe an ihnen vorbei wälzten.
Eine schlammige, braune Brühe voller Unrat und Treibgut. Ohne Brücke oder Fähre unmöglich zu überqueren.
Das bedeutete, entweder noch länger warten oder zurück zu der Stadt. Keine verlockende Perspektive, aber immerhin eine Möglichkeit.
Dieses Mal würden sie es heimlich versuchen müssen.
Obwohl es ihr nicht gefiel: Der Stab war ein mächtiges Artefakt. Mit ihm sollte es ihr gelingen, sie beide vor Entdeckung zu verbergen. Blieben noch die Blutbäume. Zwar waren sie ruhiger geworden, aufgegeben hatten sie leider nicht.
Die meisten standen um ihre Zuflucht herum und wiegten sich im Wind, wie es normale Bäume beständig taten. Nur das gelegentliche Kreischen verriet ihre wahre Natur.
Hier würde einfache Heimlichkeit genügen, sofern sie nachts aufbrachen.
‚Frühstens in zwei Tagen‘, entschied Anaya schließlich. Dann waren die Vorräte verbraucht. Kmarr würde länger brauchen, sich zu erholen, doch dann sollte er stark genug sein, alleine zu gehen. Sie würde ihre Gerüche maskieren und die Spuren im inzwischen schneebedeckten Schlamm verwischen. Sobald die Bäume einmal außer Sicht waren, war es kein Problem mehr, schneller zu sein.
Neidisch sah sie hinüber zu Kmarr, der ihre Überlegungen friedlich verschlief.
Die Fragen, die er ihr zu Drakkan gestellt hatte, beschäftigten sie mehr, als sie zugeben wollte. Die Situation die lange stabil geblieben war, drohte vollends im Chaos zu versinken. Zwar war Phyria für sich genommen, unschuldig daran, doch für Anaya war sie der Auslöser. Und nun wusste Drakkan, dass Jiang ihm schöne Augen machte. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen würde.
Was sie verwirrte, waren ihre eigenen Gefühle. Bislang hatte es ihr keine Probleme bereitet, ihm seine Freiheit zu lassen, doch jetzt wo sie sicher sein konnte, dass er auch Spaß dabeihaben würde und wusste mit wem, hatte sie das Bedürfnis, es zu verhindern.
Dieser Instinkt ärgerte sie, weil die Alian nie heirateten und mit einem einzigen Partner zusammenlebten. Anscheinend war sie doch ebenso sehr aus der Art geschlagen, wie Drakkan, Droin und Kmarr. Leider gereichte es ihr in ihrem Fall nicht zum Vorteil.
Seufzend wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem Stab zu. Hölzer verschiedener Bäume waren darin zu einer Gestalt verschmolzen: rissig vom Alter, rau und entsetzlich verzerrt. Für sie gab es keinen Zweifel, der gequälte Gesichtsausdruck ließ sie schaudern. Es war in jedem Fall eine Dryade, wenn auch die seltsamste, die sie je gesehen hatte.
Als wäre sie erst von einer gewaltigen Kraft zusammengedrückt und gleichzeitig in die Länge gezogen worden. Im Holz verbargen sich überall Runen, meist in Form kleiner Blätter. Außerdem gab es zahlreiche Stellen mit goldenem Harz, in dem eingeschlossen, winzige Ausgaben von Tieren oder Pflanzen zu erkennen waren, wenn man sie gegen das Licht hielt. Bei manchen hatte sie das Gefühl, als würden sie sich bewegen.
Überhaupt machte der Stab einen sehr lebendigen Eindruck. Ganz so, als wüsste er genau, dass sie da war und ungeeignet, ihn zu führen.
Im Augenblick war sie dazu auch noch nicht bereit.
Die Gedanken wanderten hin und her.
Stab, Drakkan, Jiang, Stab, Phyria und wieder zurück. Nichts davon hob ihre Stimmung. Und eingesperrt zu sein, half auch nicht unbedingt. Mit zusammengebissenen Zähnen hockte sie am Rand der Hecke und starrte vor sich hin, bis sie schließlich in unruhigen Träumen versank.
1 - 19 Ein hölzernes Puzzle -
Wie gut und leise die kleinen Gestalten aus Schilf auch waren, Shadarr spürte sie dennoch auf. Während sie sich der schlafenden Jiang mit deutlicher Absicht näherten, glitt Shadarr ebenso lautlos näher an seine Beute heran. Obwohl es eigentlich unmöglich war, fiel er nicht auf. Noch bevor eine der Kreaturen den Lagerplatz betrat, schlug er zu.
Mit einem mächtigen Satz begrub er gleich drei von ihnen unter sich. Er hörte ihre Körper brechen, biss einem den Kopf ab und riss einen dort entzwei, wo bei einem Menschen der Bauchnabel gewesen wäre.
Sie raschelten laut, während dickflüssiger, grünlicher Saft aus den Wunden floss. Dann lagen sie still.
Ein süßlicher Geruch von Zucker und Zitrone stieg Shadarr in die empfindliche Nase.
Er musste niesen, bevor er sich nach weiterer Beute umsah.
Er war nicht der Einzige, der etwas von Heimlichkeit verstand.
Die kleinen Kreaturen waren so raffiniert verborgen, dass er keine mehr entdecken konnte, solange sie sich nicht bewegten. Vermutlich waren sie geflohen.
Das alles hatte nur wenige Herzschläge gedauert, so dass Jiang nicht davon wach geworden war, sondern selig weiterschlief. Ohne ein Geräusch zu machen, betrat Shadarr die Lichtung im Schilfmeer, um sich mit seiner Beute neben der kleinen Shâi nieder zu lassen.
Die beinahe, wie die Puppen kleiner Kinder anmutenden Wesen schmeckten, wie sie rochen: süß und nach Zitrone.
Ihre Körper zersplitterten wie Zuckerrohr oder Bambus zwischen seinen mächtigen Kiefern. Zufriedenstellend war die Mahlzeit nicht, dafür umso nahrhafter. Nachdem er die fünf Kreaturen verspeist hatte, fühlte sich ein Magen an, also hätte er einen Stapel Brennholz verschluckt.
Er beschloss deshalb zu ruhen, bis Jiang erwachte. Sie konnte die anschließende Wache übernehmen. Schließlich hatte sie sich lange genug von ihm tragen lassen. Sie war wieder gesund, also war das nur gerecht. Er schlief ein und träumte von saftigen Rindern.
Jiang erwachte neben einem längst kalt gewordenen Feuer und dem riesigen Körper von Shadarr, der ruhig und gleichmäßig atmete.
Zunächst konnte sie nur ein Auge öffnen, für mehr fehlte ihr die Kraft. Außerdem schätzte sie, dass es nichts gab, dass ihr nicht wehtat. Ihre Haut brannte, die Muskeln schmerzten bei jeder kleinen Bewegung und ihr Magen lieferte ständig Krämpfe.
In ihrem Nacken hatte sich offenbar etwas eingeklemmt, denn sie konnte ihren Kopf nur in eine Richtung drehen.
Erstaunt stellte sie fest, dass neben den Schmerzen auch eine leichte Lähmung existierte, die sie zusätzlich behinderte. Eine Erklärung fand sie dafür nicht, denn ihre Erinnerungen an die letzten Tage waren bestenfalls vage. Sie erinnerte sich daran, Anayas Gift genommen zu haben und an das Feuer, um ihre dreckige Kleidung zu verbrennen. Davor war alles ziemlich verworren.
Zunächst blieb sie deshalb ruhig liegen. Mit einer einfachen Atemübung klärte sie ihre Gedanken. Nach und nach gelang es ihr, den Schleier zu zerreißen, der über ihren Erinnerungen lag. Kaltarra, Phyria, die Bootsfahrt, das Siegel, die Flutwelle.
Ihrem Gespür nach, waren mindestens zwei oder drei Tage vergangen. Da sie nirgends den Fluss oder die Stadt mit dem Tafelberg sehen konnte, musste Shadarr sie getragen haben. Kein Wunder, dass sie sich so zerschlagen fühlte. Ihre Fieberträume waren zum Glück nur eine blasse Erinnerung. Allmählich kehrte das Gefühl in ihren Körper zurück. Sie konnte sich bewegen, wenn die Schmerzen auch kein Vergnügen daraus machten.
Für einen Außenstehenden wirkte es noch immer so, als wäre ihre Körper an unmöglichen Stellen biegsam, in ihrer eigenen Wahrnehmung bewegte sie sich dafür eher wie Droin.
Schließlich hatte sie es in einen Lotussitz geschafft, in dem sie häufig für mehrere Kerzenlängen meditierte, um Kraft zu sammeln.
Dieses Mal wollte es ihr nicht so recht gelingen. Dafür war Ihr Körper einfach noch zu steif und schmerzte.
Als sie schließlich entnervt aufgab, war sie überzeugt davon, dass es am Zustand ihrer völlig verdreckten Kleidung und den verfilzten Haaren lag. Der Dreck störte den Fluss ihres Chi.
Um wenigstens etwas Sinnvolles zu tun, barg sie das Chi-An aus ihrem Gepäck.
Die hölzerne Puzzle-Box, in der das mystische Spiel verborgen war, ließ sich nur öffnen, wenn man wusste, wie man die Verzierungen ziehen, schieben, klappen und drehen musste.
Jedes Element stand symbolisch für ein Element einer Geschichte. Kannte man die Geschichte, war es leicht die Box zu öffnen.
Sie hatte das Kästchen schon ein paar Mal untersucht, aber die Symbole passten zu keiner Erzählung, die sie kannte.
Da es sich einst um ein Geschenk gehandelt hatte, ging es vielleicht um den Beschenkten.
Leider brachte sie dieser Gedanke zunächst auch nicht weiter, weil sie nicht wusste, für wen es ursprünglich angefertigt worden war.
Wieder versuchte sie einen Ansatz zu finden, immerhin musste der Schenkende aus Shâo ja davon ausgegangen sein, dass es dem Empfänger aus Kalteon möglich war, die Box zu öffnen.
Ein Irrtum, denn augenscheinlich war es nicht so gewesen.
Ausgerechnet in diesem Augenblick fiel ihr der winzige Jadedrachen am Rand der Box auf. Ein Symbol für den Kaiser. Trotz der geringen Größe hätte ein Shâi es nie gewagt, ihn zu berühren. Ein Kalteaner hätte damit keine Schwierigkeiten gehabt. Jiang drückte ihn vorsichtig ein Stück ein. Dadurch konnte sie ein angrenzendes Stück Holz drehen, was ihr an anderer Stelle wiederum erlaubte, etwas zu verschieben.
Schritt um Schritt verfolgte sie die Lösung, die sich wie eine Schlange um die Kiste herum wand. – Nein, nicht um das Kästchen, sondern um die Bergsymbole herum, die Kalteon darstellten und sich nach und nach sogar zu einer Landkarte des Landes verschoben.
Der Drache im Bergreich. Verzückt klatschte sie in die Hände. Der Handwerker musste ein Meister seines Faches gewesen sein.
Ihr Lächeln wurde noch breiter, als sie erkannte, wohin sie die Elemente führten: zum Jadedrachen.
Kopf und Schwanz des Drachen: Anfang und Ende des Schlosses. Sie drückte das Jadestückchen noch weiter in das Holz hinein.
Ein Berg hob sich daraufhin auf der Oberseite, genau dort, wo Kaltarra auf der Karte gelegen hätte. Sie drehte ihn herum, bis das Wappen des Königs, das auf der Seite sichtbar geworden war, genau zum Jadedrachen zeigte.
Mit einem Klicken sprang die Box auf.
1 - 20 Gespräche am Lagerfeuer -
Ohne Droin hätte Phyria es niemals geschafft. Nur seiner eisernen Konstitution hatte sie es zu verdanken, dass sie überhaupt vom Fleck kam. Er hatte ihre Wunde am Bein mehrfach versorgt und sie dann auf den Kompass gesetzt.
Sie wunderte sich über seinen Umgang mit dem kostbaren Artefakt und fragte ihn danach.
„Natürlich gefällt es mir nicht, so mit ihm umzugehen, doch mein Volk ist Jahrhunderte ohne ihn ausgekommen. Lieber bringe ich ihn beschädigt zurück als überhaupt nicht. Du kannst kaum laufen und ich kann Dich nicht tragen und den Kompass schieben. Also müsste ich Dich zurücklassen. Und Dein Leben ist das Ding nicht wert.“
Sie war für seine Antwort äußerst dankbar. Also saß sie auf einem kleinen Berg Ausrüstung, während Droin trotz seiner Wunden sie samt dem Artefakt stetig weiter gen Norden schob.
Von ihrem Aussichtspunkt konnte sie beobachten, wie der Winter nach und nach Einzug hielt. Am Morgen war das Wasser in den kleinen Pfützen bereits gefroren. Selten hielt sich das Eis gegen die Sonne.
Mittags zogen Wolken auf, aus denen am Abend der erste Schnee fiel.
Mit jedem Schritt, so schien es ihr, wurde es kälter. Zwar kannte sie Winter auch aus ihrer gebirgigen Heimat, aber das Tal, in dem das Kloster stand, war durchzogen von heißen Quellen aus denen unaufhörlich Dampf strömte, gegen den nur der strengste Frost bestehen konnte.
Die feuchte Kälte des Sumpflandes hier war etwas, dem man auf Dauer nicht entkommen konnte. Sie wickelte sich nacheinander in alle Decken, die sie hatten, fühlte sich dennoch bald verfroren.
Da sie der Straße weiter folgten, machten sie guten Weg, auch wenn der Schnee es immer schwieriger machte, sie nicht zu verlieren.
Dreimal nur wich Droin davon ab. Jedes Mal mit Absicht.
Beim ersten Mal bildete sich vor ihnen plötzlich eine Senke, in die sie um ein Haar gestürzt wären. Nur ihr entsetzter Aufschrei rettete sie, als sie die Mäuler voller scharfer Zähne entdeckte, die rings um das Loch darauf lauerten, sie zu zermalmen.
Unsanft daran erinnert, dass hier in Narfahel alles darauf aus war, sie zu töten, verbrachte Phyria die nächsten Kerzenlängen damit, nervös auf den Weg vor ihnen zu starren, obwohl nichts weiter passierte.
Erst am darauffolgenden Tag gelang es ihr, rechtzeitig eine Warnung zu rufen, als sich in der Ferne eine große Bodenwelle formte, die das Pflaster der Straße anhob, als sie sich auf sie zu bewegte.
Ruhig schob Droin den Kompass zwanzig Schritte zur Seite und wartete mit gezogener Waffe ab, bis die Welle sie passiert hatte.
Das Gelände wurde zunehmend hügeliger, so dass es nur auf den Kuppen möglich war, in die weitere Entfernung zu spähen. Dort entdeckte dieses Mal Droin als Erster das Hindernis. Es war keine weitere Begegnung mit einer der verfluchten Kreaturen, sondern ein großes Dorf.
In jedem anderen Land hätte Droin den Bewohnern zur Wahl ihres Siedlungsplatzes gratuliert. Hier erwies er sich leider als Problem.
Die Straße führte eine Art Rampe hinauf auf einen platt gedrückten Hügel, dessen Hänge steil und zerklüftet vor ihnen aufragten. Ein Blick zwischen ihnen genügte, um zu entscheiden den Ort in weitem Bogen zu umgehen.
Abseits der Straße war das Gelände alles andere als einfach. Unter dem Schnee verborgene Sumpflöcher oder knietiefer Morast machten den Weg zu einer Tortur für Droins angeschlagenen Körper.
Einen halben Tag dauerte der Umweg. Immer wieder unterbrochen von Schlangenfröschen oder Blutbäumen.
Zum Glück erschienen ihnen die Kreaturen träge und langsam.
Eine Folge der Kälte, wie Droin vermutete. Ihr größter Feind war und blieb dennoch das Land selbst.
Als sie schließlich wieder auf der Straße standen, deutete Droin grimmig auf einen nicht weit entfernten Hügel, auf dem die Rester einer Windmühle in den wolkenverhangenen Abendhimmel ragten: „Das wird unser Lagerplatz.“
„Aber was ist, wenn die ehemaligen Bewohner dort spuken?“
„Dann haben sie Pech und sterben ein zweites Mal.“
Die Art, wie Droin das sagte, hatte etwas sehr Endgültiges.
Trotzdem näherten sie sich, begleitet von der untergehenden Sonne, äußerst vorsichtig.
Es war ein alter Bau, die Steine bewachsen von einem dichten Geflecht aus Moosen und zähen Ranken, die entfernt Efeu ähnelten. Nur der untere Stock war übriggeblieben, ein schwerer Mühlstein und zwei der einstmals drei Segel des Windrades. Ihre vermoderten Reste ragten wie die gebrochenen Flügel einer riesigen Fee aus dem Boden.
Der Ort hatte etwas Trauriges an sich, der Phyrias Stimmung trübte.
Viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht.
Unter Droins Anweisung spannten sie eine Ölplane als Dach zwischen die alten Steine. Die Ranken boten dabei hilfreichen Halt, bis sie sich einen kleinen Kratzer zufügte, der fürchterlich juckte und brannte.
Zusammen mit der Verletzung am Bein, der Kälte und der Trostlosigkeit wurde es ihr schlagartig zu viel: „Ich hasse dieses Land!“, schimpfte sie mit Tränen in den Augen.
„Wie kann man seinem Land nur so etwas antun?“
Ihr Blick brannte Löcher in das wettergegerbte Gesicht von Droin.
„Wenn Du Antworten suchst, kannst Du lange warten. Ich habe keine. Auch wenn ich älter bin als Du,“ fuhr er ruhiger fort, als er begonnen hatte: „so verstehe ich Grausamkeit noch immer nicht besser als als kleiner Junge. Es liegt einfach in der Natur Mancher, Andere zu quälen und sich daran zu erfreuen. Frag die Götter, vielleicht können sie Dir eine bessere Erklärung liefern.“
„Wie erträgst Du Dein Leben, wo Du darum weißt?“
„Eine harte Frage.“
Droin zerhackte ein paar Ranken in kleine Stücke, die er aufschichtete, so dass sie gut brennen würden. „Das Alter hilft dabei. Man gewöhnt sich an alles, wenn es nur lange genug andauert.“
Er schlug Funken in die Feuerkugel, um das Kohlepulver darin zu entzünden: „Halt Dich an die guten Dinge. Familie, Freunde, Gutes Bier, Huren, Abenteuer.“
„Hast Du denn Familie?“
„Ja. Meine Frau Roona, drei Söhne und zwei Töchter mit ihren Familien, sowie meine Enkel und Urenkel. Du wirst sie vielleicht kennenlernen, wenn wir meine Heimat erreichen.“
Phyria war so erstaunt, dass sie ihre Wut vergaß: „Warum reist Du dann umher? Willst Du nicht bei ihnen sein?“
Droin schüttelte den Kopf: „Wozu? Meine Kinder passen auf sich selbst auf. Sie sind alle weit älter als Du und haben ein eigenes Leben. Kaya ist froh, wenn ich nicht so oft da bin. Im Winter freuen wir uns darauf, uns zu sehen und im Frühjahr darüber, wieder getrennte Wege zu gehen. Nur die Menschen halten es für eine gute Idee, ihr ganzes Leben miteinander zu verbringen. Liebe ist ein flüchtiges Gut, dass sich oftmals zu schnell verbraucht, wenn man es ständig benutzt. In einem sehr langen Leben hat alles mehr Zeit.“
Droin sah, dass Phyria darüber eine Weile nachdenken würde, so dass er sich dazu entschloss, dieses Mal das Kochen zu übernehmen.
Es gab eine einfache, würzige Suppe mit wildem Reis und Akaria-Wurzeln.
„Sag, was weißt Du noch über die arkanen Kräfte der Dämonen“, fragte Droin beim Essen.
„Dass sie von der Art des Dämons abhängig sind. Jede Art hat eigene Fähigkeiten. Und manche erlernen auch die Disziplinen eines Arkanisten dazu.“
„Und alle rauben Seelen, um ihre Kräfte zu erneuern?“
Phyria schüttelte den Kopf: „Nicht alle, aber die Meisten.“
Droin ließ sich nichts anmerken, innerlich atmete er jedoch erleichtert auf.
„Und wenn Du einen Dämon siehst, kannst Du dann sagen, welche Kräfte er hat?“
„Solange er kein Arkanist ist, ja.“
„Wir haben bis jetzt einen Draanyr, Bakura, Lodon, Anjii und die Vulshara getroffen.“
„Außer, dass sie im Dunkeln sehen können und ihnen Kälte wenig ausmacht, sind dies keine, die über außerordentliche Fähigkeiten verfügen – sieht man von Draanyr ab. Und was der kann, wisst ihr selbst. Alles sind niedere Fußtruppen. Die Vulshara ist da schon eher ein Offizier, wenn man es mit den Rängen des Militärs vergleichen würde. Sie kann besser Gestaltwandeln als der Draanyr, ihr Blut beißt und zerfrisst sogar Gestein und sie heilt unnatürlich schnell. Ihre mächtigste Gabe ist aber die der Verführung. Sie vermag es, den Geist vieler zu verwirren oder zu beherrschen.“
Schaudernd erinnerte sich Droin an den Kampf in den Höhlen unter Kaltarra.
„Was ist mit einem Dämon, so groß wie Kmarr, breites Gesicht, schwarze Haut, rote Augen, Klauenfüßen, vier Armen…“
Phyria unterbrach ihn: „mit einem dreifach teilbaren Maul und drei Augen?“
Droin nickte.
„Das ist ein Utarr, ein Schattenmeister. Doch die gibt es nicht mehr.“
„Und wenn doch?“
„Du hast einen gesehen? Wann und wo?“
Phyria schien ehrlich überrascht: „In Freiheit?“
„Meine Sache. Ist schon lange her. Was können sie?“
Obwohl er sehen konnte, wie es ihr unter den Nägeln brannte, zu fragen, wann die Begegnung stattgefunden hatte, besann sie sich anders: „Sie beherrschen Licht und Schatten. Man sagt, sie bestünden aus der Essenz der Dunkelheit. Sie haben viele Augen und doch keines. Sie hungern nach dem Licht, können an mehreren Orten zugleich sein, haben wie Schatten auch jede Form und doch keine. Sie bewohnen die Zwischenwelt. Ihre Waffe ist der Blitz und…oh…“
„Ja. Behalte es für Dich.“
„Drakkan…“
„Ja. Wie ich gesagt habe: behalte es für Dich.“
„A-aber Utarr sind große Dämonen. Wie…“
„Blut lässt sich nicht leugnen.“
Schaudernd erinnerte sich Droin an den Kampf mit Drakkans Vater. Selten nur rief er sich die Ereignisse von damals ins Gedächtnis. Nur knapp hatten sie überlebt. Und nur, weil sie weit besser vorbereitet gewesen waren, als Assarth erwartet hatte.
„Und es war wirklich ein Utarr?“
Noch immer war Phyria fassungslos.
„Genauso, wie Du ihn beschrieben hast.“
Das war natürlich gelogen. Assarth hatte Flügel besessen, eine Anzahl Hörner und Hufe statt Klauen.
„Wenn wir das früher gewusst hätten, hätte der Orden eine Kongregation Dämonenjäger entsandt, um ihn zu vernichten. Dann wären wir nicht so überrascht worden“, fügte sie bitter hinzu.
Ihre Stimme gewann einen verlorenen Unterton, als ihr der Verlust wieder bewusst wurde, den sie erlitten hatte.