Kitabı oku: «Unbequem und ungewöhnlich», sayfa 2

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4. Der römische Prozess

Der Seligsprechungsprozess in Rom dauerte mehr als hundert Jahre, von 1899–2004, wovon er fünfundvierzig Jahre »ruhte«. Unter Datum vom 30. 11. 1928 verfügte nämlich das Hl. Offizium (Vorgängerin der heutigen Glaubenskongregation), also nicht die Ritenkongregation, in deren Kompetenz die Prozesse damals lagen, »die Causa (der Prozess) Emmerick solle im Archiv abgelegt werden. Einfach so. Gründe wurden, wie hier üblich, nicht angegeben.«43 Vom Eingreifen des Hl. Offiziums erging keine offizielle Mitteilung nach Deutschland, weder an den Bischof von Münster noch an den damaligen sog. Aktor des Prozesses: den Orden der Augustiner-Eremiten, sodass die Bemühungen um den Seligsprechungsprozess Anfang der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts sogar verstärkt weitergingen und bei einer Papstaudienz am 27. April 1933 einen gewissen Höhepunkt erreichten.44

Seit dem 6. April 1930 erschien im Laumann Verlag sogar das »Emmerick-Kirchenblatt. Offizielle Kirchenzeitung für die Pfarreien des Dekanates Dülmen. Nachrichten des Emmerick-Bundes. Unter Mitarbeit des Augustinerordens.«45 Vor allem aber ließen sich die Dülmener Katholiken – auch nach langsamem »Durchsickern« der römischen Entscheidung – nicht davon abhalten, auf dem sog. Emmerick-Friedhof die notwendig gewordene zweite Pfarrkirche zu planen und in den Jahren 1936–38 unter der Leitung des anerkannten Architekten Dominikus Böhm auch zu errichten. Die Pfarrkirche wurde von Böhm nämlich als Gedächtnisstätte für Anna Katharina Emmerick entworfen und gebaut.46 D. Böhm schuf keine dunkle Krypta, sondern ein lichtes Grabparadies für Anna Katharina Emmerick, die Mystikerin des Münsterlandes. Der »Glaubenssinn des Volkes«, der sensus fidelium, neuentdeckt im II. Vatikanischen Konzil, hatte schon in den dreißiger Jahren in Dülmen den längeren geistlichen Atem bewiesen.47 Mein Vorgänger als Pfarrer von Hl. Kreuz (1972–1980), Karl Hegemann, stellt in seinen »Gedanken zur Umgestaltung der Kreuzkirche« voll Stolz fest: Von Dominikus Böhm »war die Heilig-Kreuz-Kirche als Grabeskirche für Anna Katharina Emmerick geplant und errichtet worden. Erst heute ist diese Idee voll verwirklicht. Die Gebeine der Dienerin Gottes ruhen nunmehr in der Krypta dieser Kirche.«48

Die Umbettung der Gebeine geschah nach römischer Genehmigung im Jahre 1975. Die sog. Erhebung der sterblichen Überreste in den Altarraum der Kirche, die in früheren Zeiten fast einer diözesanen Seligsprechung gleichkam, so bei der hl. Ida von Herzfeld49, war auch bei Anna Katharina Emmerick wie ein Vorzeichen der Seligsprechung.

Das Verdienst, den Seligsprechungsprozess neu in Gang gesetzt zu haben, kommt eindeutig dem Bischof von Münster, Heinrich Tenhumberg, zu (1969–1979). Durch das Konzil waren die ursprünglichen Rechte der Bischöfe aufgewertet worden. Bischof Tenhumberg wandte sich am 31. Januar 1973, also 45 Jahre nach dem fatalen »reponatur« (Der Prozess möge abgelegt werden),50 an die Kongregation für Heiligsprechungen mit dem Wunsch, den Emmerickprozess wieder aufzunehmen.51 Warum waren die Seligsprechung und die Verehrung Anna Katharina Emmericks Bischof Tenhumberg ein so großes Anliegen? Er wollte offensichtlich gewissen aufklärerischen Tendenzen in der Kirche und Theologie der Nachkonzilszeit gegensteuern. Im Geleitwort zu dem unmittelbar nach seinem Tod erschienenen Buch: »Anna Katharina Emmerick, Jesus mitten unter den Seinen« sagt der Bischof: »Jesus mitten unter den Seinen. Das war nicht nur eine Wirklichkeit in den Tagen des Kaisers Augustus und des Prokurators Pontius Pilatus. Es ist vielmehr eine Wirklichkeit, die sich in der Gemeinschaft der Kirche, in ihren Sakramenten, in allen Christgläubigen und insbesondere in den Heiligen bis heute bewahrheitet. Auf ungewöhnliche Weise hat sich die Gegenwart Christi gezeigt im Leben und Leiden der Seherin von Dülmen. An Anna Katharina Emmerick wurde sichtbar, was Paulus im Galaterbrief schreibt: ›Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir‹ (Gal 2, 20).«52 Bischof Tenhumberg bat auch die Vollversammlung der deutschen Bischöfe, die vom 5.–8. März in Cloppenburg-Stapelfeld in der Diözese Münster tagte, um eine Empfehlung der Seligsprechung Anna Katharina Emmericks bei Papst Johannes Paul II. In der sog. Bittschrift heißt es: »Ihre Gestalt, durch eine Seligsprechung vor aller Welt aufgerichtet, kann den Menschen unserer Zeit eine Hilfe sein, fast vergessene Wahrheiten unseres Glaubens wieder zu entdecken: den Wert des Opfers und des Mitleidens, die Realität des Fortlebens und des -wirkens Christi in der Kirche und ihren Sakramenten; das Hineintragen der göttlichen Wirklichkeit überhaupt in das tägliche Leben. Breite Volksschichten, die heute durch die einseitige Intellektualisierung des Glaubensgutes verunsichert sind, könnten gerade durch die Klarheit und Eindeutigkeit ihrer Glaubenshaltung eine Stütze finden.«53 P. Adam betont immer wieder, dass diese Bittschrift, von vierundsechzig deutschen Bischöfen unterschrieben, in Rom ihre Wirkung nicht verfehlte.54

Bischof Tenhumberg wies bei seinen Bemühungen in Rom auf das Jubiläumsjahr 1974 hin, das die Emmerick-Verehrung beleben werde: den 200. Geburtstag und 150. Todestag; und wagte, unumwunden die »Gretchenfrage« zu stellen: er bitte »um die Bekanntgabe der Motive«, die zu der damaligen Ablehnung geführt hätten. Als keine Antwort kam, wandte sich der Bischof direkt an die Glaubenskongregation, damals von Kardinal Seper geleitet, »mit der gleichen, aber diesmal dringender gefassten Bitte um eine unmittelbare Antwort.«55 Die kirchliche Anerkennung liege gerade heute im Interesse der Pastoral. Jetzt ging alles sehr schnell. Kardinal Seper schrieb dem Bischof, von Seiten der Kongregation für die Glaubenslehre werde das Seligsprechungsverfahren für Anna Katharina Emmerick nicht mehr behindert. Papst Paul VI. habe das Dekret am 18. Mai 1973 approbiert. Aber die Gründe für das damalige »Reponatur« wurden wieder nicht der Öffentlichkeit bekannt gegeben. Gerade darüber aber wurde viel gerätselt. Deswegen erlaubte sich P. Adam aus der »vertraulichen« Approbation des Papstes die Gründe bekannt zu geben: »Es bestehen zwei Einwände: bezüglich der Keuschheit und bezüglich der Schriften. Der erste ist kein Einwand, denn es gibt keine Gründe zu einem Verdacht.56 Schwierigkeit machen dagegen die Schriften, die im Falle einer Seligsprechung an Kredit, an Ansehen gewinnen werden. Die Schriften müssen mit kritischem Auge geprüft und ihre Stilform muss bezeichnet werden. Wer ist der Autor, und welchen Wert haben sie? Sind es Visionen oder Phantasie oder Betrachtungen? Wenn die Schriften Phantasievorstellungen sind, so sagen wir es. Doch das ist an sich kein Hindernis für eine Seligsprechung.«57

Die Glaubenskongregation knüpfte dann auch an die Aufhebung des sog. Reponatur die »Auflage, dass die der Dienerin Gottes zugeschriebenen Schriften noch einmal von Fachleuten begutachtet würden«58. Die beiden Gutachten wurden von dem Augustinerpater Ildefons Dietz, dem damaligen Vizepostulator, und Prof. Dr. Erwin Iserloh, Kirchengeschichtler in Münster, 1976 und 1978 erstellt. Sie stimmten, wie P. Adam schreibt, mit den bereits vorliegenden Gutachten überein, d. h. z. B. mit dem Urteil des Augustinerpaters W. Hümpfner, der schon 1924 festgestellt hatte: »Von einem verschwindend kleinen Bruchteil abgesehen, ist für die ganze Masse der Visionen allein der, wie wir bewiesen, höchst unzuverlässige Dichter Brentano der Gewährsmann.«59 Nur hatte die damalige Beweisführung noch nicht zu dem gewünschten Erfolg geführt, die Brentano-Schriften methodisch von der Emmerick zu trennen. Erst nach den bereitgestellten Gutachten trat am 10. Februar 1981 der besondere Kongress der für die Seligsprechung zuständigen Kongregation zusammen mit fünf Konsultoren und einem Vorsitzenden, die sechs Voten abgaben, die alle für eine Wiederaufnahme des Prozesses stimmten, nachdem die Schriftenfrage ja geklärt war. Es wurde allerdings eine historisch-kritische Untersuchung, die sog. Positio, gefordert, die P. Adam erarbeitete, und ein (besser zwei) Gutachten zur Mystik der Emmerick, von denen eins der heutige Leo Kardinal Scheffczyk vorlegte. Erst nach diesen langwierigen und kritischen Klärungen begann der neue Seligsprechungsprozess, der jetzt zu einem guten Ende gekommen ist und seinen Höhepunkt in der Seligsprechung am 3. Oktober in Rom gefunden hat.

Mit der starken Initiative des Bischofs von Münster wechselte auch der Aktor der Causa, der Antragsteller und Förderer des Seligsprechungsprozesses. Im 19. Jahrhundert war der Anstoß von den Augustiner-Eremiten ausgegangen. Nur gehörten das Kloster Agnetenberg in Dülmen und auch Anna Katharina Emmerick zu den Augustiner-Chorfrauen. P. Adam berichtet, wie von der Kongregation für die Seligsprechungen das Bestreben ausging, den Aktor vom Orden auf das Bistum Münster zu übertragen.60 Der Aktor ernennt einen Postulator, der seinen Sitz in Rom hat, dieser wiederum einen oder mehrere Vizepostulatoren. Bischof Tenhumberg ernannte bereits am 2. Mai 1974 Pater Alonso zum Postulator, dieser P. Ildefons Dietz zum Vizepostulator. Nachfolger von P. Alonso wurde P. Prof. Dr. Rojo – alle drei noch Augustiner-Eremiten – ihm folgte erst im Jahre 2000 Avv. Andrea Ambrosi, der die letzten Phasen des Prozesses sehr erfolgreich durchführte. Nachfolger von P. Dietz wurde 1993 Pfarrer Dr. Clemens Engling; in der letzten Prozessphase wurde auch der Offizial der Diözese Münster, Martin Hülskamp, zum Vizepostulator ernannt. Seit seiner Ernennung zum Bischof von Münster (1980) hat Dr. Reinhard Lettmann den Seligsprechungsprozess der Emmerick neben der Hirtensorge für die anderen Seliggesprochenen und noch Seligzusprechenden so tatkräftig gefördert wie sein Vorgänger.61 In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden auch zwei bzw. drei Initiativen begründet, die sich für die Emmerickverehrung und -forschung und für den Fortgang des Seligsprechungsprozesses bewährt haben:

Es ist und bleibt die Aufgabe des Emmerickbundes – der jeweilige Pfarrer von Hl. Kreuz in Dülmen ist der geborene Vorsitzende –, die Emmerickverehrung zu fördern.62 Zweimal im Jahr, möglichst zum Geburtstag am 8. September und zum Todestag am 9. Februar erscheinen die Emmerickblätter, die viele aktuelle Mitteilungen, aber auch eine Reihe fachlicher Artikel, z. B. Veröffentlichungen von Vorträgen enthalten.63 Der Emmerickbund lädt Mitglieder und Interessierte einmal im Jahr zu einem weiter führenden Vortrag ein. Die Bischöfliche Emmerickkommission – die Mitglieder wurden jeweils auf Vorschlag des Gremiums vom Bischof ernannt – fördert den Seligsprechungsprozess, hat jetzt ihr Ziel erreicht und wurde noch vor der Seligsprechung vom Bischof aufgelöst. Die Kommission tagte zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst in Coesfeld und Dülmen. Ihre Vorsitzenden waren Heinrich Kochs, Paul Wewers, Hubert Festring und Hermann Flothkötter.

5. Zum Stand der Verehrung

Nach sieben- bis achtjähriger Erfahrung als Pfarrer der Hl.-Kreuz- und Grabeskirche Anna Katharina Emmericks konnte ich am 8. September 1988 feststellen: »Immer wieder neu bin ich erstaunt über die Zeichen der Verehrung am Emmerickgrab in der Krypta der Hl.-Kreuz-Kirche: immer neu entzündete Lichter, sehr oft Blumen und Blumensträuße, die am Grab niedergelegt werden, spontan auftauchende Gläubige, nicht nur aus Dülmen, nicht nur aus Deutschland, sondern sehr oft auch aus Holland, Belgien, der Schweiz, ja aus aller Welt.«64

In der Reihe »Landesspiegel Ortserkundung« strahlte das Fernsehen WDR III am 6. 5. 1983 einen von Dieter Koch redigierten Film aus: »Eine Rose ist … eine Rose«, der mit folgendem Satz eingeleitet wurde: »Es gibt Orte, die uns im Bewusstsein sind aus dem Erleben einzelner Menschen. Bei Weimar denken wir an Goethe, bei Wittenberg an Luther. Das im Münsterland gelegene Städtchen Dülmen ist in der Welt bekannt geworden durch eine Nonne, die stigmatisierte Anna Katharina Emmerick. Durch die Erinnerung an sie hat sich der Filmemacher Dieter Koch nach Dülmen führen lassen.«65

Trotz der eben aufgezeigten Erfahrungen darf die realistisch-kritische Frage nach dem heutigen Stand der Verehrung gestellt werden. Wird die bevorstehende Seligsprechung der inneren Verehrung, auf die es vor allem ankommt, förderlich sein? Der äußere Bekanntheitsgrad wird sicher gefördert: »Anna Katharina Emmerick könnte bald wieder Aktualität in Dülmen erlangen und Dülmen in Europa erneut bekannt machen.«66

Der heute eher vergessene Dichter Werner Bergengruen bringt in seinem Reise-Bericht über Deutschland die beiden Phänomene, die Dülmen in der Welt bekannt gemacht haben, in einen sehr tiefen und nachdenkenswerten Zusammenhang. Er schreibt in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts: »Mittelpunkt des Croyschen Besitzes ist das alte Städtchen Dülmen, in welchem gesponnen und gewebt wird. Hier steht am Park das herzogliche Schloß.67 Allein das Zeichen, das dieser Stadt gebietet, ist nicht der Croysche Herzogshut. Es sind die Wundmale Christi, erschienen am armseligen, leidenden, abgezehrten Körper der Augustinernonne Anna Katharina Emmerick.68

Eine große Zäsur in der Verehrung A. K. Emmericks scheinen der zweite Weltkrieg und die erschreckende Zerstörung Dülmens bis über 90 % der vorhandenen Baumasse, darunter auch der erst 1938 konsekrierten Hl.-Kreuz-Kirche ausgemacht zu haben. Pfarrer Heinrich Schleiner, langjähriger »Promotor« der Emmericksache (1974–1989), berichtet aus eigener Anschauung und Erfahrung: »Viele Dülmener erhofften sich von der Fürbitte der Emmerick die Bewahrung ihrer Stadt vor dem Schicksal völliger Zerstörung, das damals schon so viele Städte getroffen hatte. Eindringlich hatte darum Dechant Knepper immer wieder seine Gläubigen vor einem falschen, vermessentlichen Vertrauen auf die Fürbitte der Emmerick gewarnt, weil nirgendwo in ihren Visionen zu lesen sei, dass sie ihre Heimatstadt vor dem Schicksal der Zerstörung bewahren werde.« Die dann eingetretene »Katastrophe führte manche Dülmener Bürger trotz der berechtigten Warnung des Dechanten in ihrem Verhältnis zur bisher so hochverehrten Emmerick in eine Krise – unverdientermaßen muss man sagen.«69

Die Initiative Bischof Heinrich Tenhumbergs in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kam für viele überraschend. Die Zeiten hatten sich gewandelt. Zwischen 1945 und 1974, fast eine Generation lang, war das Ansehen der Anna Katharina Emmerick, geschweige denn die Verehrung, nicht sonderlich gepflegt worden in der Nachkriegsgeneration, die ganz andere Sorgen hatte. Außerdem begegnete Anna Katharina in einem Gewand des 19. Jahrhunderts, das den allermeisten Zeitgenossen kaum noch verständlich sein konnte. Schon ihre Bezeichnungen drücken z. T. Antiquiertheit, z. T. Hilflosigkeit aus: Leidensbraut, Dulderin, Visionärin, Nonne aus Dülmen, Seherin. Bischof Tenhumberg, der allzu früh im Herbst 1979 starb, hatte im Jubiläumsjahr zwar selbst durch Predigten in Coesfeld und Dülmen einen starken Anstoß zur erneuten Verehrung gegeben70; hinzu kamen die weiteren Bemühungen, von denen berichtet wurde. Aber dadurch war Anna Katharina noch keineswegs anerkannt. Es gab sogar deutliche Stimmen gegen eine Seligsprechung, die mich privat erreichten.

Mehrere Mitglieder in den Gremien: Bischöfliche Emmerick-Kommission, Emmerick-Bund und -Verein erkannten das Defizit: einen großen Zwiespalt zwischen dem Verständnis der Anna Katharina Emmerick im 19. Jahrhundert, noch in den zwanziger und dreißiger Jahren des zwanzigsten und dem möglichen Verstehen in dessen letztem Viertel, in dem wir uns damals befanden. Es galt, dieses Defizit im Verständnis der Mystikerin aufzuarbeiten, bevor eine Seligsprechung wirklich Anerkennung finden konnte. Es zeichnet die Weitsicht jener Mitglieder der »ersten Stunde« im neuen Seligsprechungsverfahren aus, wenn sie um die genannten Schwierigkeiten in der »Verheutigung« der Emmerick wussten und sich um ein neues Verständnis mühten. Zunächst war nur eine Ahnung wirkmächtig, dass die Mystikerin gerade heute unserer Zeit viel zu sagen hat.71 Jean Guitton, der A. K. Emmericks Aktualität überaus positiv kennzeichnet (›unerklärlicher Diamant‹), sagt dessenungeachtet: »Katharina Emmerick gibt der Wissenschaft dieses Jahrhunderts viele Probleme auf: physiologische, pathologische, medizinische, die keineswegs gelöst sind. Das Schweigen, das man über diese Probleme breitet, ist kein Beweis für ihr Nichtvorhandensein.«72 Mit dieser Feststellung und mit der Selbsterkenntnis des vorhin gekennzeichneten Defizits war für die Verantwortlichen der Ausgangspunkt für weitere Forschungen in der Brentano-Emmerick-Beziehung und in vielen weiteren Fragen gegeben.

6. Der Stand der Forschung

Als der römische Prozess Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts plötzlich unterbrochen wurde, trotz breiter Verehrung in Dülmen, in Deutschland und in aller Welt, war das Ergebnis der Forschungen zu den Brentano-Schriften noch nicht so eindeutig wie heute. Im Jahre 1956 legte Pater Joseph Adam seine inzwischen sehr anerkannte germanistische Dissertation vor: »Clemens Brentanos Emmerick-Erlebnis. Bindung und Abenteuer.«73 Darin zieht er nach Lektüre der »stupenden Manuskripte« Brentanos74 den sehr ausgewogenen Schluss, »dass Brentanos theoretisch und programmatisch durchaus objektiver Einstellung zur Visionswelt ein praktischer Subjektivismus von solchen Ausmaßen entgegensteht, dass zwar noch manches aus der verworrenen Stoffmasse der Visionen als das ursprüngliche Ideen- und Gesichtsgut der Emmerick herausgeschält werden könnte, dass jedoch der überwiegende Teil als durch seine Einwirkung entscheidend beeinflusst und geprägt angesehen werden muss.«75

Brentano sagt selbst, »das eigentliche Wesen des Ganzen« sei »bis jetzt verloren«; er habe »nichts zu retten« vermocht »als ein paar arme Lappen«, »nur ein paar Federstäubchen des ganzen bunten Vogels.«76 Daher, so Adam, wüssten die »Dülmener Tagebücher selbst bis zum Tode der Emmerick« endlos »bis zur Ermüdung« von dem »Vergeblich« zu berichten.77 Die Zeitzeugen: der eigene Bruder Christian, Luise Hensel und vor allem Melchior von Diepenbrock78, der spätere Erzbischof und Kardinal von Breslau, der sowohl der Emmerick als auch Brentano nahe stand, bestätigen diesen selbstkritischen Befund des Dichters, der ja bewusst auf Drängen Diepenbrocks zu Beginn des »Bitteren Leidens« feststellt: »Sollten die folgenden Betrachtungen unter vielen ähnlichen Früchten der kontemplativen Jesusliebe sich irgend auszeichnen, so protestieren sie jedoch feierlich auch gegen den mindesten Anspruch auf den Charakter historischer Wahrheit.«79

Zufällig zeitgleich mit den für Rom erstellten Gutachten zum Emmerick-Brentano-Problem legte Wolfgang Frühwald seine Habilitationsschrift vor: »Das Spätwerk Clemens Brentanos (1815–1842). Romantik im Zeitalter der Metternichschen Restauration.«80 Auf der einen Seite weist Frühwald den verbreiteten Vorwurf einer minderen Qualität des Dichters nach Beginn seiner religiösen Phase zurück, auf der anderen Seite bestätigt er das Negativurteil zur Authentizität der Emmerickaussagen, ja er verstärkt dieses noch, indem er die Intentionen Brentanos hervorhebt, ein eigenes religiöses Weltepos zu schreiben. »Aus der Fülle von Brentanos Visions-Aufzeichnungen eventuelle Reste von Visions-Berichten der Emmerick selbst zu eliminieren, scheint … noch fruchtloser als ein Versuch, aus den Märchen der Brüder Grimm die Stimme der bekannten Märchenfrau zu rekonstruieren. Selbst wenn es gelänge, aus den Emmerickpapieren Worte, Formulierungen, Visionsfragmente etc. der Kranken herauszuheben, so hätte man nur Gedanken des Dichters im sprachlichen Kleid der Nonne erfasst.«81

So entsprach die römische Forderung der Trennung von Emmerick und Brentano, was die Schriftenfrage angeht, ganz und gar der inzwischen erreichten Forschungslage. Erst jetzt konnte der EmmerickProzess verantwortlich aufgenommen werden und braucht auch keineswegs das kritische Licht der Öffentlichkeit zu scheuen, wie sich in der Diskussion um den Gibsonfilm zeigte.82 Das Interesse der Verantwortlichen in der Bischöflichen Emmerick-Kommission und im Emmerick-Bund wandte sich in einem ersten Symposion 1982 in Münster dem Thema »Emmerick und Brentano« zu. Führende Germanisten und Theologen waren eingeladen zu einem intensiven interdisziplinären Gespräch. Das erwies sich als äußerst fruchtbar. »Denn oft ist festzustellen, dass Emmerickverehrer zu wenig von Clemens Brentano und Brentano-Interessierte zu wenig von A. K. Emmerick wissen.«83

Wolfgang Frühwald zeichnete ein ungewohntes Bild Anna Katharina Emmericks. Es gelte, wie schon oben bemerkt, sie als Person ernst zu nehmen, »ohne sie aber zur Gallionsfigur naiver Wundersucht, eines restaurativen Katholizismus oder auch zur Denunziationsfigur menschlichen Autonomiedenkens zu machen.« Anna Katharina Emmerick sei »gequält« worden von der Bürokratie der preußischen Verwaltung, die sie unter »Betrugsverdacht« stellte, »von ihrer stumpfsinnigen Umwelt«, die Brentano oft genug beschrieben habe; von der Theologie ihrer Zeit, »die sich Rationalismus und Liberalismus verschrieben hatte«, »gequält selbst von denen, die sich wie Brentano ihre Freunde nennen, aber nicht ihre Person, sondern ihre Zustände meinen.«84 Unter diesen Umständen habe Anna Katharina ihren Glauben bewahren, ja die Leiden in ihr Leben einbeziehen können; das sei »fast ein Wunder zu nennen. Darum habe das Münstersche Symposion die Emmerick-Frage auf »ein neues Niveau gehoben« und so könne »sogar der Beatifikationsprozess sinnvoll sein.«85 Frühwalds Emmerick-Bild wurde positiv ergänzt und stärker inhaltlich bestimmt durch Pater Dr. Elmar Salmann, der »Religiöse Topoi bei Anna Katharina Emmerick. Versuch einer theologischen Annäherung« beitrug.86 »Anna Katharina Emmerick lebt natürlich in der Welt des Trans- und Übernatürlichen – und bleibt dabei ›natürlich‹, so möchte ich einen ersten Eindruck bei der Durchsicht der Akten wiedergeben.« Dieser »erste Eindruck« wendet sich gegen das verbreitete Vorurteil von Hysterie oder gar religiös-neurotischem Verhalten. Ein paar Sätze später stellt Salmann geradezu heraus: das »Fehlen jeder Überspanntheit«, dagegen positiv eine »empfindsame Empfänglichkeit für Menschen«. Der Pater beobachtet bei Anna Katharina ein »einfältiges Leben mit Gott bar jeder Wundersucht und mit wacher Selbstkritik gepaart.« Alles das aber verbinde sich »zu einem Eindruck elementarer Lauterkeit, einer Durchsichtigkeit, in der sie zum natürlich-einfältigen Spiegel des Übernatürlichen wurde.« Auf diese Weise hebe sich die Emmerick positiv ab von einer Umwelt, »die überskeptisch reagiert oder auch in peinlicher Weise das Übernatürliche herbeizwingen will.« So sei der Weg der Emmerick eine »Gratwanderung« gewesen.87 Das war ein neues Bild der Emmerick, ein auch in unserer Zeit vermittelbares Bild der »Mystikerin des Münsterlandes«. Dieser neue Titel – Emmerick sprach ja normalerweise niederdeutsch und war ein sehr typisches Kind ihrer Heimat – setzte sich, das erste Mal im Vorwort zum Symposion gebraucht, überall sehr schnell durch.

Die guten Erfahrungen mit dem ersten Symposion ließen die Verantwortlichen in Emmerick-Kommission und -Bund schon bald nach einer zweiten wissenschaftlichen Tagung fragen, die diesmal mehr theologisch der Mystik der Emmerick gewidmet sein sollte. Sie fand wieder zu Beginn der Karwoche in Münster statt im Jahre 1990. Professor Leo Scheffczyk sprach über die »Mystik der Anna Katharina Emmerick« und zitierte den sehr schönen Satz des Mystikforschers der dreißiger Jahre, Alois Mager, der über Anna Katharina gesagt hatte: »Über ihre ganze Persönlichkeit waren die bezaubernden Schleier des Mystischen gebreitet.«88 Scheffczyk erkennt bei Anna Katharina eine »mystische Begnadung von höchstem Range«89. Der »Vereinigungsweg mit dem Leiden Christi« mache aus ihrer Persönlichkeit eine »Gestalt der Leidensmystik«, die »würdig in die Gefolgschaft einer Theresia von Avila einzureihen wäre«90. Scheffczyk gab mit seiner Deutung dem Titel »Mystikerin« die volle Rechtfertigung. – Der Beitrag von Pater Josef Sudbrack S. J. leitete neu dazu an, die außergewöhnlichen mystischen Phänomene Anna Katharinas als Konkretion ihrer Heiligkeit zu sehen, wie es das katholische Volk in seiner Verehrung immer getan hat. Sie seien »als Kleid ihrer inneren Begegnung mit Gott zu verstehen, als Gesicht, als Zeichen des Berührtwerdens von Gott.«91

Im näheren Zugehen auf die Seligsprechung fand kurz vor dem Palmsonntag 1999 an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom das dritte Symposion »Anna Katharina Emmerick. Passio-Compassio-Mystik« statt.92 Das Leben und Leiden (Passio) Anna Katharina Emmericks im heute oft zitierten Kontext »einer leidlosen Gesellschaft«93, besonders A. K. Emmericks Fähigkeit zum Mitleiden (Compassio) bildeten die thematischen Schwerpunkte der Vorträge und Diskussionen. Professor Dr. John Fetzer, Germanist und Brentano-Fachmann in den USA, hielt eines der am meisten beachteten Referate, in dem er »Anna Katharina Emmerick als literarisches und geistiges Phänomen einer Schwellenzeit« darstellte.94 Fetzer zitierte sehr bald Frühwald: »Den Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert haben zahlreiche Autoren der romantischen Generation als eine Schwelle der Hoffnung erlebt, jenseits derer ein neues Zeitalter anbrechen würde.«95 Fetzer charakterisierte umfassend den Begriff der Schwelle und wendete ihn auf das Leben und Schicksal der Emmerick an, die schon von ihrer Lebenszeit 1774–1824 her in einer Umbruchzeit gelebt habe; er sprach auch von der inneren und existenziell-religiösen Grenze, die sie in sich überschritten habe.

Michael Bangert zog »Anregungen aus der Biographie und der Frömmigkeit Anna Katharina Emmericks für eine christliche Spiritualität in unserer Gegenwart«, indem er als Titel seines Referates das Wort der Emmerick wählte: »Ich habe den Dienst des Nächsten immer für die höchste Tugend gehalten.«96 Bangerts großes Anliegen ist es, wie schon oben angedeutet, die Persönlichkeit der Emmerick aus den alten Klischees zu befreien und sie gleichsam neu zu entdecken aus heutiger Sicht. Nur so stelle »diese große Frau christlicher Frömmigkeit … eine Herausforderung« für uns dar; sie eröffne »aber auch einen Schatz an Möglichkeiten, das eigene Leben in seiner Gebrochenheit, in seiner sozialen Determinierung, in seiner Geschlechtsbestimmtheit, in seinem Trost und seinem Kummer anzunehmen und in Freiheit zu gestalten.«97

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