Kitabı oku: «Unbequem und ungewöhnlich», sayfa 4

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Erster Hauptteil:

»Der Historiker ist ein rückwärts gekehrter Prophet.«

Friedrich Schlegel

1. Kriterien der Erforschung

Zu Beginn meines Versuches, die Biographie Anna Katharina Emmericks aus den historischen Quellen1 neu zu lesen und zu schreiben, möchte ich Kriterien nennen, die mich von der bisherigen hagiographischen Betrachtungsweise unterscheiden, aber auch Gesichtspunkte, die mich leiten, wie sie z. T. schon in der Einleitung anklangen.

Zunächst möchte ich einschränkend feststellen: Ich schreibe keine historisch-kritische Biographie2. Das scheint mir bei Anna Katharina Emmerick deswegen nicht erforderlich, weil das reichlich vorhandene historische Material mir genügend erforscht erscheint. Die Art, wie es vorgelegt wurde, scheint mir das Problem zu sein. – Vielleicht muss ich vorsichtiger formulieren, wie es schon mehrfach in der Einleitung anklang: Die Darbietung der bisherigen Biographien ist sehr zeitbezogen, ja einem nicht unbekannten hagiographischen Stil verhaftet3, sodass von mir das verlangt ist, für den Beginn des 21. Jahrhunderts Anna Katharina Emmericks Leben, Leiden und Wirken neu zu entdecken und kritisch zu würdigen.

Drei Biographien sind zu nennen, die jeweils zu ihrer Zeit eine große Bedeutung bei aller Einseitigkeit hatten: A) K. E. Schmöger, Das Leben der gottseligen Anna Katharina Emmerich. Erster Band: Vom Jahre 1774–1819, Freiburg 1867. – Zweiter Band: Letzte Lebensjahre und Tod, Freiburg 1870. – B) Th. Wegener, Das Leben der Anna Katharina Emmerick, Stein am Rhein 1990.4 C) H. J. Seller, I. Dietz, Im Banne des Kreuzes. Lebensbild der stigmatisierten Augustinerin A. K. Emmerick, Aschaffenburg 1974. – Im Unterschied zu Schmöger und Wegener nehmen der Verfasser P. Seller und der Herausgeber P. Dietz schon eine kritische Haltung gegenüber Brentano ein. Doch darf die von Clemens Brentano verfasste »Einleitung und Lebensumriss der Anna Katharina Emmerich«6, die er 1834 seinem einzigen von ihm selbst herausgegebenen Emmerick-Buch voranstellt, als erste und eher nüchterne Darstellung des Lebens, Wirkens, Leidens und Sterbens Anna Katharina Emmericks hervorgehoben werden. Schließlich ist Brentano ein Erstzeuge neben Dr. Wesener und vielen anderen.7

Nicht erwähnt werden in diesem kurzen Überblick unzählige Arbeiten im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts. Nur kurz nennen möchte ich die theologische Diplomarbeit der in Dülmen geborenen Franzis Kettelake, Anna Katharina Emmerick, Ein Leben aus dem Glauben, Dülmen 1985, die als kurze Darstellung in Dülmen und außerhalb auf lebhaftes Interesse stieß. Franzis Kettelake hatte im mündlichen Gespräch zu Recht formuliert: »Diese Frau fasziniert mich!«

Leider liegt die von P. J. Adam für den Seligsprechungsprozess innerhalb der »Positio super virtutibus« (Vorlage über die Tugenden)8 neu gefasste Biographie der Emmerick nur in französischer Sprache und in Deutschland nicht allgemein greifbar vor. Viele einschlägige Abschnitte der Positio sind noch von P. Adam selbst redigiert in den Emmerickblättern erschienen.9

Bei der folgenden Darlegung des Lebens, Leidens und Sterbens Anna Katharina Emmericks, sowie ihrer auf den ersten Blick sehr ungewöhnlichen Phänomene: Stigmatisation, Nahrungslosigkeit, Fähigkeit zu außergewöhnlicher Menschenkenntnis, zu Vision, ja Prophetie und Erkenntnis von Reliquien und geweihten Gegenständen, soll mich an erster Stelle Nüchternheit und Liebe zum historischen Detail leiten.

Wie in der Einleitung aufgezeigt, sind in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren, vor allem in den drei Symposien, neue Erkenntnisse, ja eine ganz neue Sichtweise der Mystikerin des Münsterlandes gefasst worden, die mir für meine Interpretation eine ganz große Hilfe bedeuten.

Ich möchte sehr viel stärker als die bisherigen Biographien auf die jeweiligen historischen Zeitumstände eingehen; Anna Katharina Emmerick eingebettet sehen in das Zeugnis vieler Zeitgenossen, die z. T. besser erforscht sind als sie selbst; ich nenne als Beispiele nur Clemens Brentano, Melchior von Diepenbrock und Johann Michael Sailer.

Gerade die außergewöhnlichen Phänomene, die in den oben genannten Biographien z. T. als übernatürliche Wunder erklärt werden, sind noch zu wenig erforscht.10 Es wird auch gerade nach der Seligsprechung die Aufgabe von Psychologen, Parapsychologen, aber auch Theologen und Erforschern der Frauenmystik sowie von Historikern und Germanisten sein, hier weiteres Licht in die geheimnisvollen Tiefen der Persönlichkeit Anna Katharina Emmericks zu bringen11, die aber wohl immer rätselhaft bleiben wird.12

2. Geburt und Kindheit. Die Eltern. Das soziale und religiöse Umfeld

Die Lebenszeit Anna Katharina Emmericks von 1774–1824 fällt fast symbolisch in eine Umbruchszeit, eine sog. Schwellenzeit13 politischer, wirtschaftlicher, vor allem auch religiös-geistiger Art. Die »Epochenschwelle um 1800«14 lässt die Auswirkungen der Französischen Revolution und das Wirken Napoleons in Deutschland erst voll spürbar werden.

Der Reichsdeputationshauptschluß vom 25. Februar 1803 ordnet die politischen Verhältnisse in Deutschland neu. Vor allem die geistlichen Herrschaften, so auch das Fürstbistum Münster, finden ihr Ende. Doch zur Zeit der Geburt Anna Katharina Emmericks ist es noch nicht soweit.

Anna Katharina Emmerick wurde am 8. September 1774 in der Bauerschaft Flamschen, drei Kilometer südwestlich von Coesfeld, einer Kreisstadt des Westmünsterlandes, geboren. Coesfeld hat im Jahre 1795 2061 Einwohner. Münster war mit 17500 Bewohnern die weitaus größte Stadt im sog. Oberstift des Fürstbistums, das einen großen Teil des heutigen Westfalens umfasste.15 »Das Fürstbistum Münster stellte das ausgedehnteste geistliche Territorium des Alten Reiches dar.«16

»Münster und das Münsterland gelten als urkatholisch, Konfession und landschaftlicher Charakter als seit undenkbaren Zeiten miteinander verwoben … eine letzte Bastion ungebrochener Katholizität angesichts einer in Norddeutschland beherrschend gewordenen Stellung der lutherischen und deutsch-reformierten Kirchentümer.«17

Die Gründe für eine solch starke Identifizierung der Menschen mit der katholischen Religion, die der Kirchengeschichtler Andreas Holzem als »Sonderfall« bezeichnet, liegen in der Übereinstimmung von geistlicher und weltlicher Herrschaft der Fürstbischöfe zwischen 1500 und 1800, die in den meisten deutschen Fürstentümern kaum übereinstimmten.18

Dabei gehörte das Fürstbistum Münster eher zu den dünn besiedelten Regionen Westfalens. Etwa 76 Prozent der Menschen lebten auf dem Land. »Ein gewisses Maß an Rückständigkeit« habe »tatsächlich zum absichtsvoll gehüteten Wesen geistlicher Territorien« gehört, so Holzem in der Bistumsgeschichte.19 – Viele Kleinstädte, so Coesfeld und Dülmen, unterschieden sich nicht von großen Dörfern (Ackerbürgerlandwirtschaft, wenig differenziertes Handwerk).20

Für Coesfeld kann die Reisebeschreibung des emigrierten Domherrn Baston »Coesfeld um 1800 – Erinnerungen des Abbé Baston«21 ein sehr anschauliches Bild über die näheren Sitten und Gebräuche und Lebensumstände geben, ein seltener Glücksfall von erlebter Geschichte aus dem Blickfang eines Ausländers. Abbé Baston schreibt in einem Kapitel über »Einfachheit und Armut in Coesfeld«: »Coesfeld ist eine arme Stadt. Wenn es ein Dutzend wohlhabender Familien in seinen Mauern hat, ist es viel. Und diesen kommt der Begriff ›wohlhabend‹ nur vergleichsweise zu. Die Ausstattung der besten Häuser ist unbeschreiblich erbärmlich. Kaum kennt man den Luxus eines Sessels, der dem verwöhnten Geschmack mehr als einfaches Stroh zum Sitzen bietet.«

Baston betont, dass er diese »achtbare Einfachheit« nicht »bekrittele«; er schätze sie mehr als den »Luxus« vieler seiner eigenen Landsleute in Frankreich. »Coesfeld hat nicht den geringsten Handel«. Jeder sei Kaufmann in seiner eigenen Weise. Puder müsse aus Münster besorgt werden; stattdessen nehme man Kartoffelstärke; »parfümierten Puder«, kenne man schon gar nicht. Baston schließt den kleinen Abschnitt: »Gebe Gott, dass die Coesfelder mit der Zeit nicht auch ihn kennenlernen!«22

In der »Anna Katharina Emmerick-Biographie« Clemens Brentanos sagt Anna Katharina: »Mein Vater hieß Bernd Emerick und meine Mutter Anna Hillers.«23 Sie wurde geboren als fünftes Kind ihrer Eltern, die 1766 geheiratet hatten. »Wir stammen her aus den zwei großen Bauernhöfen vor Coesfeld. Daraus sind mein Großvater und meine Großmutter die Kinder gewesen.«24

»Die Mutter meines Vaters hieß Rensing, sie war eines großen Bauern Tochter und eine sehr haushälterische Frau.«25

Ausgehend von dieser Aussage versuchte der Coesfelder Johannes Volmer durch genaue Überprüfung der Kirchenbücher die »Genealogie der Anna Katharina Emmerick«, der Eltern und Großeltern ihres Vaters zu erforschen26, kommt aber zu dem Ergebnis: »Wir müssen feststellen, dass sich aus den vorhandenen Quellen die Frage, wer die Großeltern (väterlicherseits) der Emmerick gewesen sind, derzeit nicht mit völliger Sicherheit entscheiden lässt.« Die Quellen aber führten zu der Annahme, Johann Emmerick und Christina Rensing seien die Großeltern väterlicherseits gewesen.27 An mehreren Stellen und Quellenüberprüfungen werde deutlich, so Volmer und der damalige Redakteur der Emmerickblätter, H. Schleiner, dass Brentano nicht ganz zuverlässig gearbeitet habe.28

Die Erforschung der Abstammung und verwandtschaftlichen Beziehungen Anna Katharinas ist aber noch in anderer Beziehung wertvoll für uns. Erstens: Volmer gibt Auskunft über das Lebensschicksal der Geschwister Anna Katharinas bis in die Generation der Neffen und Nichten: Der Neffe Bernhard, Sohn des ältesten Bruders Bernhard, geboren 1799, war oft bei seiner Tante in Dülmen, so z. B. im Herbst 1815; er wird Priester, stirbt aber jung im Jahre 1842.29 Die Nichte der Emmerick Katharina, geboren 1811, lebte mehrere Jahre bei ihrer Tante in Dülmen und war bei ihrem Tode in ihrer Nähe.30

Zweitens: Volmer gibt wertvolle Auskunft über die wirtschaftliche Situation der Kötterfamilie Emmerick (Kötter ist im westfälischen Sprachgebrauch ein abhängiger Kleinbauer): »Die Familie Emmerick verfügte wie die meisten Kötterfamilien in damaliger Zeit nicht über nennenswerten Grundbesitz. In der Regel war das von den Köttern bewirtschaftete Land angepachtet … Die Kötterfamilien mussten sich daher weitere Einnahmequellen erschließen.«

Wahrscheinlich habe sich die Emmerick-Familie durch Herstellung und Verkauf von Leinwand zusätzliche Einnahmen verschafft, die evtl. eine größere Bedeutung gehabt hätten als die Erträge aus der Landwirtschaft.31 – Aus dem gleichen Grunde erlernte Anna Katharina sicherlich das Schneiderhandwerk. Zu Recht stellt A. Holzem in der Bistumsgeschichte den sozialen und religiösen Zusammenhang her, wenn er schreibt: »Während die geistliche, beamtete und städtische Bevölkerung« das »Recht der Freizügigkeit« besessen habe, »gab es für die bäuerliche Bevölkerung abgestufte Formen persönlicher Unfreiheit.« Die meisten Bauern seien persönlich abhängig »vom Leibherrn« gewesen. Diese soziale Wahrnehmung gehöre deshalb in eine Bistumsgeschichte, »weil sie von den vormodernen Menschen als auch religiöse Grundtatsachen ihres Lebens begriffen und behandelt wurden.«32

In der Schilderung der Wohnverhältnisse greift Volmer wieder auf Brentano zurück, der Emmericks Geburtshaus, den Kotten in Flamschen sehr bald besucht hatte und so berichtet: »In dem leeren viereckigen Raum des Hauses fand ich keine Stube, was man so nennen kann, ein Winkel war abgeschlagen, worin der plumpe bäurische Webstuhl des einen Bruders stand, einige alte von Rauch geschwärzte Laden zeigten, so man sie öffnete, in großen Bettladen voll Stroh, auf welchen einige Federkissen lagen, da schliefen die Leute, auf der entgegengesetzten Seite schaut das Vieh hinter Pfählen hervor. Alle Gerätschaften stehen und hängen umher, oben von der Balkendecke hangen Stroh und Heu und Spinnweb voll Rauch und Ruß herab, und das Ganze war undurchsichtig voll Rauch.«33

Zu Recht stellt Volmer fest, dass »derart ungünstige Wohnverhältnisse« der Gesundheit der Bewohner schadeten. Besonders die Kinder seien betroffen gewesen. »Johann Hermann Emmerick, einer der Brüder der Anna Katharina Emmerick, lebte nur fünf Monate (April bis September 1782). Auch Johann Bernhard, das erstgeborene Kind (geb. 1766), und Anna Adelheid (geb. 1767) haben wohl nicht das Erwachsenenalter erreicht.«34

Für eine Biographie ist normalerweise die Erforschung der Charaktereigenschaften der Eltern bedeutsam. Die verlässlichen Angaben darüber sind spärlich; eher aus anderen Zusammenhängen lässt sich ein Bild erschließen. Anna Katharina sagt zu Overberg, ihrem außerordentlichen Beichtvater, bei dessen Besuch in Dülmen vom 20.–23. April 1813 nach Bekanntwerden ihrer Wundmale: »Ihre Eltern wären fromm, sehr strenge, doch nicht hart gewesen. Ihre Mutter hätte sie wohl mehrmalen leise sagen gehört: ›Mein lieber Gott, schlage so hart als Du willst, aber gib Geduld!‹«35 Diese Äußerung der Mutter, eine Art Sprichwort, wird in der Literatur immer wieder zitiert. Eine solche Aussage spricht eine Art Schicksalsergebenheit aus, die uns heute eher befremdlich anmutet und sicher auch aus dem oben angesprochenen sozialen Abhängigkeitsverhältnis des Kötter-Daseins herrührt. Umso mehr ist zu bewundern, wie Anna Katharina später ein sehr ausdrückliches und unabhängiges Selbstbewusstsein erlangt. Aber da greifen wir vor.

Ihre Mutter liebt ihre Tochter, weiß besonders ihre Geschicklichkeit zu schätzen. Als Anna Katharina, die offensichtlich ein sehr gut aussehendes Mädchen war, schon in ihrem 16. oder 17. Jahre »von jungen Burschen und deren Eltern zur Ehe begehrt« wird, wollte ihre Mutter sie nicht »von sich lassen, weil sie die flinkste und folgsamste ihrer fünf oder sechs meistens – kränklichen Kinder« war.36 Anna Katharina war also in ihren jungen Jahren eine hoch willkommene Stütze in ihrem Elternhaus.

Obwohl sie »von Jugend an schwächlich« war, wie Wesener sagt, »musste sie in einer angrenzenden, dürren, wüsten Heide das Vieh ihrer Eltern hüten, und da in der Familie patriarchalische Einfalt und reinste Frömmigkeit herrschte, so bekam ihr Gemüt früh eine kontemplative Richtung, welche häuslicher Kummer und die harte Behandlung ihrer Mutter zur gänzlichen Welt- und Selbstverleugnung heranreiften.«37 Der Zeitzeuge Wesener hat die Zeitumstände sehr zutreffend beschrieben:

Das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern war damals patriarchalisch geprägt, oft sehr nüchtern geartet. Das schloss aber keineswegs eine sehr persönliche Liebe aus.

Ich nenne ein Beispiel, das Brentano in seinem »Lebensumriss der Erzählerin« berichtet:

Um ihr zwanzigstes Lebensjahr hatte Anna Katharina »etwa 20 Thaler mit ihrer Näharbeit erspart«: Das große Vermögen hatte sie der Not der Familie Söntgen und den Armen geopfert. Da kommt ihre Mutter zu Besuch und bringt ihrer erwachsenen Tochter »Brot, Butter, Milch und Eier« und sagt zu ihr: »Du hast zwar dem Vater und mir ein großes Herzeleid angetan, dass Du von uns mit aller Gewalt ins Kloster willst, aber du bist doch noch mein liebes Kind, und wenn ich den Platz zu Haus ansehe, wo du gesessen hast, so bricht mir das Herz, dass du all dein Erspartes ausgeteilt und nun selbst große Not hast, ach du bist doch mein liebes Kind, siehe, da bringe ich einige Lebensmittel.«

Und die Tochter antwortet: »Gott vergelts, liebe Mutter, ja, ich habe selbst nichts mehr, es ist der heilige Wille Gottes gewesen, andre durch mich zu erhalten, er muss nun sorgen, ich habe ihm alles gegeben, er wird wohl wissen, wie er uns allen hilft.«38

Die zitierten Aussagen der Mutter und ihrer Tochter zeigen sehr deutlich den Charakter der beiden großen Frauen: Die Tochter ist ihrer Mutter würdig und umgekehrt.

Zwei weitere sehr sprechende Tatsachen seien an dieser Stelle berichtet, um das zur damaligen Zeit völlig anders geartete Beziehungsverhältnis zwischen Eltern und Kind zu kennzeichnen. Nachdem ihre Tochter 1813 schon durch ihre Wundmale ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt worden ist und selbst bettlägerig war, kommt ihre Mutter, um ihre Tochter zu besuchen. Das ist Anna Katharina sehr peinlich. Sie bittet daher ihre Freundin Clara Söntgen, bei dem Besuch dabei zu sein; diese zieht sich dann aber doch zurück und berichtet in einem Brief vom 2. Juni 1813 dem Generalvikar: »Vorgestern war der Emmerick ihre alte Mutter hier. – Emmerick wünschte, ich möchte da sein, wenn die Mutter käme; denn sie schämte sich vor ihrer Mutter … Gott hätte sie gebeten, damit ihre Mutter sie doch von der Sache nichts fragen möchte, weder die Wunden zu sehen begehren; und ihr Wunsch ist erfüllt worden.«

Auch ihre Freundin staunt über die Mutter der Emmerick. Sie schreibt nämlich weiter: »Das Benehmen dieser alten Frau ist zu bewundern.« – Nachdem man ihr gesagt habe, »sie könne sich über ihre Tochter freuen«, da habe sie geantwortet: »Davon könnte man noch nichts sagen, so lange der Mensch noch im Fleische wäre, dürfte man darauf keinen Wert setzen.«39

Die weitere Tatsache: Die Mutter hatte schon früh die besondere Begabung ihrer Tochter erkannt; aus erzieherischen Gründen aber meinte die Mutter, eher streng sein zu sollen. Der Arzt Dr. Wesener erfuhr das so von ihr: »Ich habe die alte Frau in ihrer letzten Krankheit behandelt, und sie hat mir oft mit Tränen gestanden, dass sie in dieser ihrer Tochter schon früh etwas Außerordentliches gesehen habe, dass sie selbe sehr geliebt habe, aber ihr doch hart zugewesen sei, weil sie als älteste Tochter ihre einzige Stütze habe sein müssen; sie wisse sich aber keines einzigen Verdrusses, den sie ihr vorsätzlich gemacht, zu erinnern; mit ihren andern Kindern wär es ihr nicht so gut gegangen.«40

Die offenen Worte der Mutter belegen deutlich die gute Beziehung zu ihrer Tochter. Das wertvolle, weil voll glaubwürdige Zeugnis des Arztes wird einerseits bestätigt, andererseits variiert, durch Clemens Brentano, der in den »Materialien zu nicht ausgeführten religiösen Werken«, der sog. Anna Katharina Emmerick-Biographie, sie selbst so sprechen lässt, sie sei durch ihre »bedeutende Verschiedenheit von andern Kindern« der Mutter ein Rätsel geworden.41 Und einige Seiten weiter – beim Lesen merkt man deutlich die redaktionelle Überarbeitung Brentanos – sagt Emmerick von sich: »Weil mich nun meine Eltern oft schmähten und nie lobten, ich aber doch andere Kinder von ihren Eltern loben hörte, so hielt ich mich für das schlechteste Kind in der Welt, und mir ward sehr bange, dass ich so übel bei Gott stehen möge.«42

Die Unsicherheit der Eltern, mit ihrem sehr begabten und sehr temperamentvollen Kind richtig umzugehen, überträgt sich auf Anna Katharina, die nach Brentano ihren »Gemütszustand« so bezeugt: »Weil ich nun nicht von allem meinem innern Leid Rechenschaft geben konnte, oder wenn ich es zu tun versuchte, den Meinigen ganz unverständlich ward, so ward ich oft von ihnen geschmäht und für eigensinnig gehalten. In diesen abwechselnden Gemütsleiden und auch manchen großen innern Freuden ward meine äußerliche Erscheinung sehr wandelbar, bald erschien ich als ein gesundes, starkes Kind und bald war ich wieder ganz abgezehrt, wodurch ich meinen Eltern noch rätselhafter ward. Ich hörte sie oft besorgt zueinander sagen, was wird nur mit der Dirne werden.«43

Brentano, der selbst eine schwere Kindheit durchlebt hatte, nachdem seine Mutter so früh verstorben war, hat sich, wie wir sehen, offensichtlich gut in die schwierige Gemütslage Anna Katharinas hineinversetzt und diese nach dem Erzählen Emmericks (in plattdeutscher Sprache) in eigene Vokabeln übersetzt.

Beide Eltern also machen sich Sorgen um die Entwicklung ihres Kindes. Über den Vater gibt es nur wenig authentische Zeugnisse. In den genannten Biographien wird das Vater-Tochter-Verhältnis oft verherrlicht und romantisiert. Sehr oft wird folgende kleine Geschichte wiedergegeben, die mir durchaus sehr glaubwürdig erscheint und ein sehr eindringliches Schlaglicht auf die frühe Visionsgabe Anna Katharinas, aber auch auf die Vater-Tochter-Beziehung und auf die starke Rührung und Verunsicherung des Vaters wirft.

Anna Katharina berichtet unter dem Abschnitt: »Kind. Frühe Gesichte« nach Brentano:

»Ich hatte die Gesichte von den Begebenheiten des Alten und Neuen Testamentes so frühe, dass ich mich wohl erinnere, wie mein Vater am Feuer sitzend mich als ein kleines Mädchen zwischen seine Knie nahm und zu mir sagte: Anntrienken, nu bist du in mien Kämmerken, nu vertell mi wat; da erzählte ich ihm nun ganz lebhaft und deutlich allerlei biblische Geschichten, und da er gar nie dergleichen und auf diese Weise je gehört noch gesehen, weinte er, dass die dicken Tropfen auf mich niederfielen, und sagte: Kind, wu her heffst du dat? Da sagte ich ihm, Vater, das ist ja so, das seh ich ja so. Da wurde er still und sagte nichts mehr.«44

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