Kitabı oku: «Unbequem und ungewöhnlich», sayfa 7
Es geschah zwischen eins und drei. Es waren wohl fünf bis sechs Menschen, drei waren in der Kirche, die anderen lauerten draußen an den Ecken. Als sie die Hostien auf das Altartuch gossen, sagte einer: ›Ich will unseren Herrgott auf ein Bett legen.‹
Das Bild war grässlich. Ich sah bei jedem einen Teufel.
Als sie Silber von dem großen Kreuz rissen, sah ich plötzlich ein Bild von Jesu als einem Jüngling, den sie schlugen, stießen und mit Füßen traten. Es war alles grässlich. Sie taten alles ganz frech und gleichgültig. Sie sind ohne alle Religion. Ich schrie, Jesus möge ein Wunder tun. Ich erhielt die Antwort, es sei nicht die Zeit, usw. Ich war in großer Angst und Verwirrung.«152
7. Stigmatisation und Nahrungslosigkeit von 1812–1819
Dülmen lag an der Durchgangsstraße Münster–Wesel–Düsseldorf, was auch die große Zerstörung im 2. Weltkrieg zur Folge hatte.
Die neue und heutige Münsterstraße wurde von den alliierten Truppen über Trümmerfelder gelegt.153
Nachdem Anna Katharina Emmerick im April 1812 als Letzte, auf eine Magd gestützt, das Kloster verlassen hatte, nahmen Abbé Lambert und sie Wohnung im Haus der Witwe Roters an der alten Münsterstraße.154 A. K. Emmerick in der Emmerickbiographie Clemens Brentanos: »Die Gnadenwunder Gottes, welche mir im Kloster zuflossen, waren so reich, so häufig, ja so unaufhörlich, dass ich jetzt manchmal erschrecke, alles dies in meiner Einfalt und gänzlichen Ratlosigkeit so gering geachtet und nicht erkannt zu haben. Ja, so oft fühle ich mich versucht, all mein Elend, seit ich aus dem Kloster in die Welt und wie an die Heerstraße gelegt ward, sei zur Strafe meiner Sünden.«155
Sie fühlte sich »wie an die Heerstraße gelegt«; das ist ein sehr symbolisches Wort, wohl von Brentano. Die Fenster des Hauses Roters liegen unten, sodass im Bedarfsfalle jeder Passant hineinschauen konnte.156 Emmerick empfindet es im Nachhinein als »Sünde«, Gottes Gnade im Kloster nicht genug geachtet zu haben.
Sie wurde Haushälterin des Abbé Lambert; beide hatten eine geringe Rente. »Die kleine Hauswirtschaft besorgte sie übrigens ganz vortrefflich.«157 Nur wurde sie im Laufe des Jahres 1812 immer hinfälliger. Allerseelen (2. November) ist sie das letzte Mal zur hl. Messe in ihre Pfarrkirche St. Viktor gegangen. »Gegen Weihnachten 1812 wollten ihre Füße sie nicht mehr tragen.«158 Sie kam noch einmal kurz wieder hoch; aber von Fastnacht 1813 bis zu ihrem Tode am 9. Februar 1824 blieb sie ans Bett »gebannt«, wie Wesener berichtet.
Abbé Lambert und ihr Beichtvater Pater Limberg »ließen nun nichts unversucht, die Kranke wieder auf die Beine zu bringen«159. Ihr Arzt Dr. Krauthausen, der sie schon im Kloster betreut hatte, versuchte es ebenfalls mit seinen Mitteln. »Wein, Kaffee, Schokolade, alle Nahrungsmittel und selbst die Arzneien gingen unverdaut wieder ab, und so fand ich sie im März 1813 auf kaltes, klares Wasser und ein wenig von einem gebratenen Apfel reduziert, welches letztere aber auch bald nicht mehr vertragen wurde, wo sie dann drei ganze Jahre hindurch von bloßem Brunnenwasser allein lebte«, so Dr. Wesener.160 Ihre sog. Nahrungslosigkeit, sehr gut durch den letzteren bezeugt – er verwahrt sich in der »Kurzgedrängten Geschichte« ausdrücklich gegen die Unterstellung der Lüge – ist mindestens genauso unerklärlich, vielleicht noch mehr als die Entstehung der Wundmale, über die im folgenden berichtet wird.
Über die Entdeckung der Wundmale gibt der Beichtvater Anna Katharina Emmericks folgenden eigenen Bericht, der erst viel später vom Pfarrdechant und späteren Weihbischof Cramer161 im Jahre 1857 veröffentlicht wurde:
»Im Jahre 1812 den 31. Dezember, hatte sie des Morgens die hl. Kommunion empfangen, die ich ihr, ehe ich die hl. Messe las, brachte; nachdem ich die hl. Messe gelesen hatte, ging ich wieder zu ihr, und da sah ich zuerst oben auf dem Rücken der Hände die Wundmale, welche bluteten; ich ging zum H. Lambert, der auf einem andern Zimmer in dem nämlichen Hause wohnte, er kam gleich zu der Jungfer Emmerick und sagte folgende Worte: ›Du musst nicht meinen, ma Sœur, du bist eine Catharina Senensis!‹ Wie aber die Wunden blieben, sagte der H. Lambert den andern Tag zu mir: ›Pater! Dies muss kein Mensch wissen, sondern unter uns bleiben, sonst haben wir viel Verdruss und Spektakel‹.«162 Wie recht er haben sollte!
Die »kargen« Notizen P. Limbergs gelten in der Forschung als sehr authentisch; er trug sie ein in freie Blätter seines Direktoriums zum Breviergebet. Am 28. Januar 1813 seien die Wundmale an den Füßen entstanden. Weiter beschreibt P. Limberg: »Das Kreuz auf der Brust soll sie am 28. August 1812, also am Feste ihres Ordensstifters, d. h. Augustinus, erhalten haben; wie ich es zuerst sah, war es nicht doppelt, sondern das untere zuerst allein da, nachher kam ein kleineres über dieses; die aber ineinander liefen.«163 Der Pater zeichnet dazu auch kleine Figuren.
Die Wundmale bluteten alle Freitage; das doppelte Kreuz auf der Brust, das stark an das berühmte Coesfelder Kreuz erinnert, jeweils am Mittwoch. Ein weiteres Kreuz auf dem Magen ließ Wasser hervortreten.164
Am 28. Februar 1813 sei ihr Zustand bekannt geworden. »Die Söntgen habe gesagt: das ist kurios mit der Emmerick. Er (P. Limberg): Ja, mit dem Bluten. Sie: Wie? Blutet sie? – Wesener habe es Fastnacht erfahren.«165
Die Biographie von Seller/Dietz stellt zu Recht fest: »Die verschiedenen Quellen gehen in der Datierung des Erscheinens der äußeren Male auseinander.«166 Das ist darum verständlich, weil Anna Katharina den Schmerz schon vorher empfunden hat. So sind auch nach eigenen Aussagen der Mystikerin nur ungefähre Angaben möglich. Sie sagt zu der kleinen Dülmener Ortskommission (Rensing, Krauthausen, Limberg, Lambert und Wesener) am 22. März 1813 auf deren Frage, ob sie es nicht empfunden habe, die Wunden an Händen und Füßen und in ihrer Seite zu erhalten: »Ja, die Schmerzen habe ich empfunden, aber ich habe nicht gewusst, dass es Wunden waren.«167 Die Wunden an Händen und Füßen habe sie »etwas vor Neujahr«, die Wunde in der Seite einige Tage später bekommen. Außerdem erwähnt die Ortskommission »die blutigen Stiche« an ihrer Stirn.168
Dr. Wesener hatte am 21. März 1813 abends in einer kleinen Gesellschaft von einem älteren, sehr ernsten Mann gehört: »Es ist doch kurios mit der Nonne, dass sie die fünf Wunden hat«, und zunächst skeptisch reagiert: »Glauben Sie auch daran?«169
Am nächsten Tage habe er versucht, einen Krankenbesuch zu machen, sei aber höchst unfreundlich empfangen worden, so ein späterer Bericht L. Hensels. Er sei aber doch wiedergekommen, habe die Emmerick schon aufrecht sitzend angetroffen. »Sie deutete mit dem Finger schweigend auf einen Stuhl. Ihr Blick war finster und gebieterisch, und der Doktor sagte mir, es sei ihm zu Mute gewesen wie in der Knabenschule« nach einem Streich, so L. Hensel.170
Nun ereignet sich eine Begegnung, die Weseners ganzes weiteres Leben prägen sollte.
In der Unterhaltung mit Anna Katharina erlebt Dr. Wesener »wie in einem Spiegel« seine vergangenen Jahre: »seine fromme Kindheit, seine selbstgesuchten Zweifel usw.« Er sagt später zu L. Hensel: »Ich würde selbst dadurch noch nicht überzeugt worden sein, denn es hätte ihr ja möglicherweise darüber etwas mitgeteilt sein können; aber sie sagte mir zwei Dinge genau und scharf mit allen Nebenumständen, die sie nur durch höhere Offenbarung wissen konnte, denn sie waren nur zwischen mir und Gott geschehen, nie hatte irgendein Mensch eine Ahnung davon gehabt noch haben können. Ich war zermalmt und rief aus: Das kann nur Gott Ihnen geoffenbart haben.«171
Der von Wesener selbst verfasste Bericht in der »Kurzgedrängten Geschichte« klingt zunächst nüchterner: »Am folgenden Morgen, dem 22. März, bei meinen Krankenbesuchen besuchte ich auch die Nonne und fand so viel Ungewöhnliches an ihr, dass ich mich entschloss, die Sache aufs genaueste zu prüfen.«172 Er zieht die oben schon genannte kleine Ortskommission zu Rate und verfasst ein Protokoll über das Gespräch mit der Emmerick, das die fünf Herren unterzeichnen.173
Im inneren Bewusstsein Weseners kämpfen zwei Gefühle bzw. Einstellungen miteinander: die des nüchternen Sachverstandes und jene des sehr ehrlichen Menschen, der zugibt: »Die Sache ergriff mich, ich gestehe es, wie noch keine in meinem Leben.«174 »Ich war in einer großen inneren Bewegung, behielt aber Ungewissheit, Argwohn und Mut genug, um die Sache genauer und schärfer anzuschauen.«175 In ärztlicher Gründlichkeit und mit von der Sache geforderter naturwissenschaftlicher Skepsis geht Dr. Wesener zu Werke.
Gleich von Anfang an schenkt Wesener seiner Patientin viel Zeit: er besucht sie fast täglich; ist z. T. auch nachts bei ihr. »Die Ruhe der Nacht bot mir Gelegenheit zu der genauesten Beobachtung, zu den mannigfaltigsten Versuchen und zu der ernstesten Unterredung mit der Kranken und dem Beichtvater, aber nirgend fand ich Betrug, nirgend auch nicht das geringste irdische Interesse, und in allen Stücken die unbefangene, ruhige, obgleich todschwache Person. Ich fand in ihr jenes harmlose Gemüt, welches mit sich und der ganzen Welt im Frieden lebt«, so habe er in den weiteren Unterredungen immer mehr festgestellt; ihre Gespräche seien »mit jeder Minute freier und offener« geworden. Des nachts wird er auch Zeuge ihres intensiven Gebetes »mit ausgespannten Armen eine halbe Stunde lang«, in einer Art ekstatischen Zustandes.176
Dechant Rensing unterrichtet sofort den Generalvikar Droste zu Vischering. Gleich, nachdem dieser am Samstag, dem 27. März 1813, den Bericht des Dechanten erhalten hatte, kommt er am Sonntag in Begleitung von Dechant Overberg und Medizinalrat von Druffel am 28. und 29. März zu einer Untersuchung nach Dülmen. Droste beauftragt den Dechanten und den bisherigen Arzt der Emmerick, Dr. Krauthausen, ein Tagebuch über die Emmerick zu führen.
Der Generalvikar beauftragt bewusst nicht Dr. Wesener, den er schon zu stark auf der Seite Emmericks vermutet; damals war er ja noch nicht ihr Hausarzt. Doch bald bittet sie ihn darum. Im April verfasst Dr. Krauthausen drei Berichte über Anna Katharina Emmerick177, gibt dann aber wieder auf, sodass wir uns im folgenden doch auf die genauen Ausführungen Dr. Weseners berufen.
Dieser berichtet in der »Kurzgedrängten Geschichte« sehr genau über ihre »außerordentlichen Blutungen«178. Im Jahre 1813 hätten die Hand- und Fußmale »meistens alle Nachmittage zwischen 3 und 5 Uhr« geblutet, das doppelte Kreuz auf der Brust meistens am Mittwoch, das Seitenmal und der Kopf nur am Freitag. Der Arzt untersucht genau und beschreibt das: »Ich habe gleich, sowie ich einige Tropfen Blutes unter der Kopfbedeckung hervorkommen sah, letztere abgenommen, die Stirn mit lauem Wasser abgewaschen, und entdeckte nun durch eine gute Lupe die erweiterten Pori, die das Blut ergossen hatten, und ich kann daher diese Blutungen mit vollem Rechte für ein lokales Blutschwitzen ausgeben.«179 Und: »Die Male an Händen und Füßen waren wirkliche Wunden, sie drangen aber nur bis in die Fetthaut, und ich habe mit der Lupe im Sonnenlichte, nachdem ich die Blutkruste losgeweicht und eine Wunde auf dem Rücken der Hand ausgewaschen hatte, die feinen Fettklümpchen in den Zellen deutlich liegen gesehen.« – Ein zweites »rechtwinklichtes Kreuz« unter dem Nabel gab vor allem Schweiß und Wasser ab.180
Der Zustand der Blutungen blieb auch in den folgenden Jahren bis 1816. Am Ende des Jahres wurden sie geringer. Die Kranke schien auch mehr Kräfte zu bekommen, nachdem sie in einem nächtlichen Gesichte erfahren hatte, sie würde wieder ihrer Glieder mächtig werden und auch wieder Nahrung zu sich nehmen können.181
Den ersten Versuch mit Nahrungsmitteln habe Dr. Wesener am 8. Januar 1817 gemacht so, dass er »einen Esslöffel voll frischer Milch, mit Wasser zur Hälfte vermischt, gab«182. Er versuchte es sogar mit dem »homogensten« Nahrungsmittel, der Muttermilch, nur mit begrenztem Erfolg. So sei alles fortgegangen bis zum Ende des Jahres 1819. Die Blutungen waren nur noch freitags, da aber noch regelmäßig, hörten während der staatlichen Untersuchung, über die später berichtet wird, und in den folgenden Jahren fast ganz auf. Ihre körperlichen Kräfte kamen nicht recht wieder.
Gegen Ende des Jahres 1819 gibt Dr. Wesener seine regelmäßigen Tagebucheintragungen auf, zugunsten von Clemens Brentano, der ihn an »Scharfsinn und Gelehrsamkeit« weit übertreffe.183 Für die Forschung ist der Rückzug Weseners, der aber die Kranke weiterhin als Arzt betreut, bedauerlich; er war uns der verlässlichere Zeitzeuge.
Exkurs: Das Tagebuch des Dr. Wesener
Das Tagebuch, das der Dülmener Arzt Dr. med. Franz Wilhelm Wesener »über die Augustinerin Anna Katharina Emmerick unter Beifügung anderer auf sie bezüglicher Briefe und Akten« vom 23. März 1813 bis zum 3. November 1819 führt, umfasst in der von P. Winfried Hümpfner herausgegebenen Ausgabe 307 Seiten.184 Es enthält noch ganz ungehobene Schätze, die in dieser kurzgefassten Biographie nur begrenzt verarbeitet werden können. Weitere Belegstellen werden im II. Teil des Hauptteiles, der theologischen und geistlichen Interpretation, ausgewertet werden. Im Anschluss an das Tagebuch berichtet Wesener auf den Seiten 308–366 »über die staatliche Untersuchung«; danach folgt die oben oft zitierte »Kurzgedrängte Geschichte der stigmatisierten Augustinernonne Anna Catharina Emmerick in Dülmen von ihrem Arzte« auf den Seiten 367–394.185 – Die ersten drei Teile: Tagebuch, staatliche Untersuchung und kurzgefasste Geschichte eignen sich vorzüglich für eine intensive Erstbegegnung mit Anna Katharina Emmerick.186 – Hier wird ein sehr ehrliches, ungeschöntes Bild der Emmerick gezeichnet; doch von echter Sympathie getragen. Für den eiligen oder gar »schnellen« Leser mögen die vielen medizinischen Daten, Berichte über Gesundheitszustände und äußeren Ereignisse und Besuche etwas fremd anmuten. Sie eignen aber gerade dem Tagebuch eines Arztes. Die Perlen der Darstellung sind die Erzählungen und Worte der Emmerick.187
Zu Recht stellt P. Adam fest, dass wir in den Schriften Weseners »einen reichen und kostbaren Schatz an Zeugnissen über A. K. Emmerick« haben »von unschätzbarem Wert für ein tieferes Verständnis ihrer Persönlichkeit«. »An Ausführlichkeit, Vielfältigkeit und Fülle des Materials kommt dem seinigen kein anderes Zeugnis gleich.« – An »Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit« sei er dem anderen »großen Zeugen«, Overberg, ebenbürtig; er übertreffe ihn aber durch die genaue Kenntnis der Persönlichkeit Emmericks. Elf Jahre sei er ihr Hausarzt gewesen. »Er besuchte sie täglich und war mit allen ihren körperlichen und seelischen Zuständen aufs engste vertraut. Er besaß ihr uneingeschränktes Vertrauen.«188
Dr. Wesener war am 5. Oktober 1782 in Recklinghausen geboren. Er starb schon am 6. Mai 1832 mit 49 Jahren – er wurde also genau so alt wie Anna Katharina: 49 Jahre; er hatte sich als Arzt für die Menschen, wie wir hörten: gerade in Notzeiten, verbraucht. Fünfundzwanzig Jahre war er praktischer Arzt in Dülmen; am 17. 8. 1807 hatte er die Stelle des Amtsphysikus erhalten.
In der Einleitung zum von P. Hümpfner herausgegebenen Tagebuch berichtet dieser über Weseners Leben auf den Seiten XI–XXXI und seine wissenschaftliche Tätigkeit Seite XXXI–XLVI. – Seine Veröffentlichungen auf rein medizinischem Sektor lassen staunen. P. Adam: »Seine Fachkenntnisse waren für seine Zeit ungewöhnlich, seine Beobachtungs- und Kombinationsgabe sicher und zuverlässig.«189
Das Tagebuch und die weiteren Emmerick-Veröffentlichungen gewannen sicher die innere Qualität auch dadurch, dass er selbst, wie er sagt, immer mehr der Freund der Emmerick geworden war und sie seine »teilnehmende Freundin«190, ja er selbst oft der Ratsuchende und des Trostes bedürftig. (Ende des Exkurses)
In der obigen Darstellung über Stigmatisation und Nahrungslosigkeit haben wir uns bisher stark auf die medizinischen Daten von Dr. Wesener gestützt. Für die menschliche und geistliche Beurteilung der Phänomene haben wir die Zeugnisse des Generalvikars Droste, der sehr nüchtern und klug zu Werke geht, des Dechants von Dülmen, Rensing, der eher kirchenpolitisch taktisch und gehorsam auf die Anweisungen seines Oberen reagiert, und des Dechanten und Regens Overberg nachzutragen. Die Besuche Overbergs in Dülmen und seine Aufzeichnungen besitzen in der Forschung wie das Tagebuch Weseners auch einen sehr hohen Stellenwert.191 – Overberg ist 20 Jahre älter als Anna Katharina und ein erfahrener Seelsorger. Wir haben uns immer wieder auf sein Zeugnis berufen.
Gleich beim ersten Besuch erzählt ihm Emmerick, dass sie Gott gebeten habe, sein Leiden mitempfinden zu dürfen, dabei aber nicht an die äußeren Male gedacht habe. So wie Dr. Wesener die medizinischen Umstände und Hintergründe, so erforscht Regens Overberg die geistliche und psychische Seite. Er erfährt, dass die Emmerick die Schmerzen schon ganz lange vor den Wundmalen gespürt hat. Overberg: »Wann haben Sie zuerst den Schmerz am Kopf empfunden?« Emmerick: Sie habe ihn schon drei bis vier Jahre gehabt, bevor sie ins Kloster ging. »Als ich zu Coesfeld in der Jesuitenkirche vor dem Kreuz in einem Winkel betete.«192
Auch gegenüber Overberg bewahrt sich Anna Katharina ihr ureigenes Selbstbewusstsein:
Die Münstersche Kommission hatte Dr. Krauthausen beauftragt, durch Verbände einen Heilungsversuch der Wundmale zu unternehmen, was der Emmerick ungeheure Schmerzen verursacht. Bei dem Besuch der Kommission am 7./ 8. April erklärt sie eindeutig, bis zum darauf folgenden Tag sei sie bereit, die Schmerzen zu ertragen, aber nicht länger. »So könnte sie es nicht länger zulassen, dass man ihre Geduld so auf die Probe setzte. Es schien ihr, dies heiße Gott versuchen.«193 Als Overberg sie am nächsten Tag darauf aufmerksam macht, sie habe »dreiste gesprochen, sie müsste doch gehorsam sein«, da weist ihn Emmerick darauf hin, es sei ihr in der vergangenen Nacht »eingegeben, sich so zu erklären«. Emmerick unterscheidet also einen inneren, persönlichen Gehorsam und einen äußeren, ihr gleichsam auferlegten.
Overberg gibt sich noch immer nicht zufrieden mit dem, was er als äußere Gehorsamsverweigerung erfährt – Dechant Rensing hat sowieso gegenüber der Emmerick »Unruhen und Zweifel« –, und forscht weiter nach den geistlichen Ursachen. Overberg berichtet: »Auf meine Frage, wie oft sie wohl auf Gott vergäße, schwieg sie ein Weilchen still und antwortete dann: ›In diesen Tagen (sie meinte die, in welchen sie wegen der Binden so viel gelitten) mehr als sonst in einem Jahre‹.«194 Das ist eine sehr entschiedene Antwort der Mystikerin; indirekt sagt sie nämlich mit: Ein solches, ihr künstlich auferlegtes Leiden fordert Gott nicht von ihr. Im gleichen Zusammenhang sagt sie dann aufklärend zu Overberg über ihre Wundmale allgemein: »Diese sind nicht wie andere Schmerzen, diese gehen bis ins Herz.«195
Das eben angeführte Gespräch zeigt sehr deutlich, dass die oft geschehene Unterstellung von masochistischen Tendenzen bei Anna Katharina Emmerick unberechtigt ist. Allenfalls bestimmte Deutungen und Übermalungen Brentanos mögen den Anlass dazu geben.196 Emmerick erschrickt förmlich vor dem, was Gott ihr zumutet. Gegenüber dem Generalvikar allein, nachdem Dr. Druffel und Overberg schon herausgegangen waren, äußert sie beim ersten Besuch am 29. März: »Eben diese äußern Male seien ihr Kreuz.« Sie habe Gott »um die Wegnahme der äußern Male« gebeten, wie Droste ihr befohlen habe.197
Um allen falschen Unterstellungen in der Öffentlichkeit zu begegnen, veranlasst der Generalvikar Droste zu Vischering eine kirchliche Untersuchung, die nach manchem Hin und Her tatsächlich vom 10. bis 19. Juni unter Aufsicht von Dechant Rensing stattfindet.
Sechzehn Männer bewachen die Emmerick Tag und Nacht.198 – Abbé Lambert hatte sich in dieser Zeit zurückgezogen.
Droste Vischering hatte in einem Brief an Rensing sehr klare Anweisungen gegeben:
»Es kommt hier gar nicht darauf an, was man glaubt, sondern nur darauf, mit möglichster Gewissheit auszumitteln: was ist.« Und: »Je mehr die ganze Geschichte in Vergessenheit gerät, je weniger davon gesprochen wird, je weniger Besuche die Kranke von solchen, die nichts bei ihr zu tun haben, erhält, je besser.«199
Der letzte Gedanke, die Besuche »einzudämmen«, blieb nur ein realistisch gedachter, aber doch nicht verwirklichbarer Wunsch des Generalvikars, so sehr sich auch Dechant Rensing bemühte, zumindest unerwünschte Besuche fernzuhalten. Nach der erfolgten kirchlichen Untersuchung urteilt Droste Vischering in der ihm eigenen Sachlichkeit: »Wenn ich durch die Untersuchung zu dem Resultat gelanget bin: vernünftigerweise kann man sich keinen Betrug denken, so kann ich nicht weiter forschen.«200
Am 14. November 1813 schreibt der Generalvikar Clemens August Graf Droste zu Vischering dann jenen Brief an den Grafen Friedrich Leopold von Stolberg, der als eines der großen Zeitzeugnisse über Anna Katharina Emmerick gilt und oft zitiert wird:
»Ich muss Ihnen nun auch etwas von der Nonne in Dülmen schreiben, doch bitte ich, was ich schreiben werde, nicht aus ihrem Zirkel kommen zu lassen: Ich würde glauben, auch nicht einmal dieses schreiben zu dürfen, wenn es nicht schon hier auf dem Lande und zwar unrichtig erzählet würde: Meine Meinung über sie ist: Dass sie eine besondere Freundin Gottes ist, wovon aber wir nichts gemerket hätten, so dass ihr Beispiel für uns würde verloren gewesen sein, wenn Gott sie nicht gestempelt hätte, deshalb denke ich, hat Gott sie durch die äußerlichen Male als Seine Freundin gestempelt – das scheint mir so klar, dass, wenn ich jetzt auch Betrug oder Täuschung finden würde, ich doch, nach dem, was ich von ihr in Händen, von ihr selbst gehöret, und an ihr gesehen habe: Vernünftigerweise hätte man sich das nicht denken können.«201
Hier spricht nicht mehr so sehr die kirchliche Amtsperson, sondern eher der Theologe und die überzeugte Person zu einem befreundeten Gleichgesinnten. Im weiteren Brieftext bezeugt der Droste sogar seine eigene Betroffenheit über die Ekstasen der Emmerick. Vor allem gelingt ihm als Theologen und Kirchenmann eine bis heute gültige Formulierung: er bezeichnet die Emmerick als »Freundin Gottes«. Er bittet den Grafen Stolberg auch um Antwort, was er über Emmerick denke; diese Antwort ist leider nicht bekannt.
Am 22. Juli 1813 hatte der berühmte Graf Stolberg (1750–1819)202 mit seiner Frau Sophie die Emmerick in Dülmen besucht und einen ausführlichen »Bericht« geschrieben, der ebenfalls weit über das Münsterland hinaus sehr bekannt wurde und wieder andere Persönlichkeiten motiviert, nach Dülmen zu kommen, nicht zuletzt Clemens Brentano.
Graf Stolberg erlebt die Emmerick so:
»Ihr geistvoller Blick, ihre heitere Freundlichkeit, ihre lichtvolle Weisheit und ihre Liebe atmen aus allem, was sie sagt; sie spricht leise, aber mit heller, reiner Stimme. Es ist nichts Überspanntes in ihren Äußerungen, weil Liebe nichts von Spannung weiß, sie zeigt hin aufs Höchste, auf eine in allen Handlungen, Worten und Empfindungen waltende Liebe zu Gott und auf Duldsamkeit gegen alle, Liebe zu allen Menschen.«203
Am Nachmittag sehen sich Emmerick und Graf Stolberg und seine Frau getrennt voneinander noch einmal. Sophie Stolberg berichtet folgendes schöne Wort von Anna Katharina: »Wie glücklich sind wir, Jesum Christum zu kennen, wie viel schwerer ward es unseren Vätern, den Heiden, zu Gott zu gelangen!« Schließlich stellt das Ehepaar Stolberg fest, dass Emmerick sich wegen ihrer Begnadigung gerade nicht erhebt; sie fühle sich der Zeichen »unwert und trägt mit demütiger Besorgnis den Schatz des Himmels in zerbrechlichen irdenen Gefäßen«204.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
