Kitabı oku: «Unbequem und ungewöhnlich», sayfa 6
6. Emmericks Klosterjahre (1802–1812)
Anfang September 1802 zogen die beiden Mädchen im Kloster Agnetenberg zu Dülmen ein; Anna Katharina war eben 28 Jahre alt, Clara Söntgen 17 Jahre. Beide blieben in Freundschaft verbunden. Mit den beiden neu eingetretenen Schwestern wuchs die Gemeinschaft auf zehn Personen. Bis zur Aufhebung des Klosters im Jahre 1812 trat im Mai 1805 noch eine weitere Schwester ein.
Das Dülmener Kloster Agnetenberg war im Jahre 1457 vom Haus Niesing in Münster, auch Mariental genannt, auf Grund einer Schenkung gegründet worden. Unter den westfälischen Schwesternhäusern der sog. Schwestern vom gemeinsamen Leben, die nach der Ordensregel des hl. Augustinus lebten und von dem Bußprediger und Mystiker Gerhard Groote († 1384) ins Leben gerufen wurden, war das Haus Niesing in Münster in der Nähe der Servatii-Kirche das bedeutendste. Es war auch erst im Jahre 1444 gegründet worden. »Der bekannteste Vertreter der sog. Devotio moderna war Thomas von Kempen, der Verfasser des Büchleins von der ›Nachfolge Christi‹. Er gehörte zum Brüderhaus in Deventer und trat später in das Augustiner-Chorherrenstift Agnetenberg bei Zwolle ein. Hier starb er 1471 mit 91 Jahren.«96
Jetzt wird uns verständlicher, warum Anna Katharina gern in der »Nachfolge Christi« las, dem nach der Bibel am weitesten verbreiteten Buch geistlicher Tradition. Auch der Name »Agnetenberg« geht offensichtlich auf das berühmtere Kloster in Zwolle zurück. Das Dülmener Kloster lag an der alten Münsterstraße. Die Straße »Nonnengasse« und der »Nonnenturm« erinnern auch nach der Zerstörung Dülmens noch heute daran.97
Die kirchenrechtliche Stellung der Schwesternhäuser war zunächst ungeklärt. Darum nehmen die »Schwestern vom gemeinsamen Leben« die Augustinus-Regel an, legen die Ordensgelübde ab, richten die Klausur ein und tragen das Ordenskleid. So blieb nicht aus, dass sie Augustinerinnen genannt wurden. Anna Katharina verehrte demgemäß auch den hl. Augustinus als ihren Ordenspatron.
Das Dülmener Kloster Agnetenberg erlebte im Laufe seiner dreihun-dertfünfzig-jährigen Geschichte ein Auf und Ab. Schon im 18. Jahrhundert verarmte das Kloster mehr und mehr.98 Im Jahre 1792 »wurde der gesamte Unterricht für alle Mädchen (Dülmens) den Nonnen übertragen«99. In den letzten Jahren des Bestehens war dem Kloster sogar eine Behindertenanstalt angegliedert.100
Schwerer wog, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als Anna Katharina Emmerick und Clara Söntgen in das Kloster eintraten, die sog. Klosterdisziplin merklich gesunken war. Wesener: »Der Geist der Eintracht und der schwesterlichen Liebe war damals, wie aus den meisten, so auch aus dem hiesigen Kloster gewichen, dagegen hatte der Geist der Zeit Egoismus und Ungebundenheit sich seiner bemächtigt.«101
Wegen der Armut sorgte das Kloster nur für zwei Mahlzeiten am Tag und nur für einen Teil der Bekleidung. Für den Rest mussten die Schwestern selbst aufkommen; zwei halbe Tage durften sie für sich selbst arbeiten. Anna Katharina machte von der Aufweichung der Klosterregel keinen Gebrauch. Das machte sie nicht gerade beliebter. Die Visitationsberichte der letzten Jahre rügen insbesondere Streitereien, Eifersucht, Cliquenwirtschaft.102
Jetzt musste Anna Katharina Emmerick sehr schmerzlich erfahren, dass sie ja nur auf Drängen des Kantors Söntgen mit aufgenommen worden war. Overberg berichtet im Klartext über die näheren Zusammenhänge in den »Notizen über spätere Besuche in Dülmen« aus dem Jahre 1815:
»Söntgens Vater hatte gewollt, dass sie beide beieinander bleiben und in dasselbe Kloster gehen sollten. Sie hatten aber lange keines finden können, wo man sie beide hätte aufnehmen wollen. Söntgen hätte man überall wohl haben wollen, aber, hätte man gesagt, die andere, die Bauerndirne, wollen wir nicht. Als Söntgens Vater erklärt hätte, dass seine Tochter auch nicht dableiben sollte, wenn sie die Emmerick nicht behalten wollen, hätte man sich halb gezwungen dazu entschlossen, diese zu behalten; Söntgen hätte sie gerne behalten wollen, weil sie die Orgel schlagen konnte. Dass sie die Emmerick halb gezwungen hätten behalten müssen, war der erste Grund zum Verstoße gewesen, der zweite, dass Emmerick nicht so viel an Leinen etc. brachte, als man erwartete. Diese hatte vieles davon an die Armen gegeben.«103
Overberg fasst die ungünstigen Ausgangsbedingungen im Kloster nach der Erzählung der Emmerick selbst noch einmal zusammen. So wird ihre menschlich-psychische Lage sehr deutlich und ebenso die spirituelle Verfassung des Klosters in Dülmen. Anna Katharina ist trotz allem glücklich, ihr Lebensziel erreicht zu haben.
Meisterhaft, dichterisch überhöht, lässt Brentano sie im »Lebensumriss der Erzählerin« sprechen: »Bei allen Schmerzen und Leiden war ich nie in meinem Innern so reich, ich war überglückselig. Ich hatte einen Stuhl ohne Sitz und einen Stuhl ohne Lehne in meiner Zelle, und sie war doch so voll und prächtig, dass mir oft der ganze Himmel darin zu sein schien.«104
Die »Schmerzen und Leiden« aber nehmen zu. Schon Ende des Jahres 1802 fällt sie in eine schwere Krankheit. Sogar ihre endgültige Aufnahme wird infrage gestellt. Sie konnte dann doch am 13. September 1803 ihre Profess ablegen, zu der, wie wir oben berichteten, der Vater und ihr ältester Bruder erschienen. Doch: »Das Register ihrer Krankheiten, die sie im Kloster ausgestanden, ist sehr lang. Kaum war sie von einer genesen, so ward sie von der andern befallen«, so der nüchterne Bericht des Arztes Dr. Wesener.105
Drei Jahre nach ihrem Eintritt ereignet sich ein Unfall, in dem ihr ein Korb voll nasser Wäsche auf den Unterleib fällt. Sie litt nach Meinung Dr. Weseners bis zum Lebensende an den Folgen. Dieser fügt aber auch hinzu: »Alle ihre Krankheiten hatten einen eigenen nervösen Anstrich« dem Arzt des Klosters, Dr. Krauthausen, seien die Zustände schon damals so »rätselhaft« gewesen, dass er ihn, Dr. Wesener, schon im Jahre 1806 zur Konsultation dazu gebeten habe.106
In den Tagen, da sie das Bett hüten musste, wurde sie von ihren Mitschwestern schlecht gepflegt. Genauso schwer wog für ihr Inneres, dass sie sich kaum von einer Mitschwester wirklich verstanden fühlte.
Trotzdem wurden ihr eine Menge Arbeiten im Kloster zugeteilt. Sie war Sakristanin, war zuständig für Waschen und Bügeln; ihr war die Aufsicht über die Arbeiten des Personals in Haus und Garten übertragen worden. Es ist für uns nicht unmittelbar verständlich, aber sicher zutreffend, wenn auch Dr. Wesener – ähnlich wie Brentano – über ihre Zeit im Kloster feststellt: »Sie tat alles mit Freuden, fand ihren Trost im Gebete und hat mich oft versichert, dass sie nie zufriedener als im Kloster gewesen sei.«107
Genauso schwer wie ihre Krankheiten und körperlichen Leiden wog für Anna Katharina ihre seelische Demütigung im Kloster, ihr Ungenügen an der Friedlosigkeit ihrer Mitschwestern, an der nicht eingehaltenen Regel, vor allem auch an der Nicht-Akzeptanz ihrer Person. Dechant Rensing fasst ihre äußere und innere Befindlichkeit gut zusammen in einem Brief an den Generalvikar Droste zu Vischering vom 25. März 1813: »Während ihres zehnjährigen Klosterlebens war sie fast anhaltend kränklich, oft auch wochenlang bettlägerig; was aber ihr Leiden noch vermehrte, war, dass sie von ihren Mitschwestern als eine fromme Schwärmerin verkannt und lieblos behandelt wurde, weil sie zuweilen oder vielmehr gewöhnlich in der Woche mehrmalen kommunizierte, öfter von der Seligkeit der Leidenden mit heiligem Enthusiasmus sprach, viel auf Nebenandachtsübungen hielt und sich dadurch von den andern zu sehr unterschied, mitunter auch ein Wörtchen von Visionen und Offenbarungen hatte fallen lassen.«108
Ihre psychische Lage kann uns auch als Außenstehenden nur allzu verständlich vorkommen. Pater Seller beschreibt als Ordensmann eindringlich ihr Befinden im Kloster, das Missverhältnis, das Anna Katharina Emmerick zwischen Klosterregel und dem Verhalten ihrer Mitschwestern empfinden musste. »Alles, was sie tat, wurde ihr für Heuchelei, Schmeichelei, für Hoffart und dergleichen angesehen, für Trägheit und Verstellung.«109
Anna Katharina berichtet später über die Art und Tatsache schwerer Demütigungen. Einmal wurde sie unberechtigterweise der Unwahrheit beschuldigt und verurteilt, vor dem versammelten Konvent, »jeder Nonne zu Füßen zu fallen und Abbitte zu tun, welches sie auch ohne Widerrede getan«109. Später stellte sich die Unwahrheit der Beschuldigung heraus. Das aber wurde im Konvent nicht mehr bekannt gemacht; weil »die Sache längst vorüber und vergessen sei«110.
Während sich Anna Katharina gut in die Gesinnung ihrer Mitschwestern hineinfühlen konnte, blieb sie ihnen oft ein »Rätsel«111; man hielt sie für »eine halbe Hexe«112. Anna Katharina war von dieser Situation so betroffen, dass sie oft weinte. Brentano berichtet in den »Materialien zu nicht ausgeführten religiösen Werken«, dass ihre Tränen den Mitschwestern natürlich nicht verborgen blieben und sie darum erneut angeklagt wurde. Sie besprach das Motiv ihrer Tränen mit ihrem Beichtvater, der sie beruhigte, indem er ihr erklärte, dass sie »nicht aus Haß, sondern aus Mitleid um sie weine«113. »Gott schenkte ihr die Gabe der Tränen in hohem Maße«, so stellt Brentano zu Recht im »Lebensumriss der Erzählerin« fest.114
In ihrer äußersten Not wendet sich Anna Katharina an den gekreuzigten Herrn. Overberg und Brentano berichten beide über eine Reise nach Coesfeld, wo sie ihre Eltern besuchte und all ihre Sorgen an dem sehr ausdrucksstarken Kreuz in der Lamberti-Kirche, vor dem sie schon oft als Kind gebetet hatte, dem Heiland anvertraut. Es war vier Jahre vor Aufhebung des Klosters. »Da hätte sie einmal sehr lange (etwa ein paar Stunden) hinter dem Altar vor dem Kreuze in der Lamberti-Kirche gebetet, wäre sehr betrübt gewesen über die Beschaffenheit ihres Klosters, hätte gebeten, dass sie und ihre Mitschwestern ihre Fehler erkennen möchten, dass einmal Friede werde.«115
Das Gespräch mit Overberg fand zwischen dem 10. und 12. Mai 1813 statt. Er hatte Anna Katharina gefragt, wann sie die Schmerzen in den Händen und den Füßen bekommen habe. Da erinnert sie sich an diese Reise und an ihr Gebet vor dem »Coesfelder Kreuz«116 und fährt fort: »Auch hätte sie gebeten, dass Christus alle seine Leiden ihr möchte mitempfinden lassen. Von der Zeit an hätte sie immer die Schmerzen und das Brennen gehabt. Sie hätte gemeint, ein beständiges Fieber zu haben und dass hiervon der Schmerz herkäme. Oft wäre ihr auch der Gedanke gekommen, dass es wohl Erhörung ihrer Bitte sein sollte. Diesen Gedanken hätte sie aber suchen auszuschlagen, weil sie gedacht hätte, der Gnade wäre sie nicht würdig.«117
Die oben dargelegte und von Anna Katharina durchlittene Situation im Kloster ist also eine der Ursachen für die Wundmale; nicht unmittelbar, sondern indem sie zugleich ihr Leiden mit dem Leiden Jesu vereinigt. Sie fühlt, dass sie für ihre Mitschwestern mit Jesus zusammen leidet; wagt aber in aller Bescheidenheit kaum anzunehmen, dass ihre Bitte sogar Erhörung bei Gott findet.
Anna Katharina Emmerick erfährt in ihren Klosterjahren aber auch sehr deutlich menschlichen Trost und Beistand, verbunden mit geistlicher Hilfe, ja gründlicher spiritueller Anregung durch den Kontakt mit mehreren Priestern, die anders als ihre Mitschwestern ihre außerordentliche Existenz würdigen können. Diese Seite ist in den verschiedenen Biographien bisher kaum berücksichtigt worden.
Der Hausgeistliche des Klosters, Jean Martin Lambert (1753–1821), der wegen Verweigerung des Eides auf die französische Konstitution sein Vikariat bei Amiens verlassen musste und in die Diözese Münster emigrierte, fand durch den damaligen Generalvikar Fürstenberg, der sich sehr stark der Asyl suchenden französischen Geistlichen angenommen hatte, ein Unterkommen als Beichtvater des Herzogs von Croy. Er lernte Anna Katharina als Sakristeischwester kennen und wusste ihre menschliche und geistliche Qualität richtig einzuschätzen. Ganz bewusst stellt Dechant Rensing bei der späteren Vernehmung der Mitschwestern ihnen folgende Frage: »Was urteilte und sagte man wohl im Kloster über ihre freundschaftliche Verbindung mit dem Herrn Lambert?«118
Die ehemalige Oberin Franziska Hackebram antwortet sehr bestimmt: »Nichts Übles; aber unsere Mitschwestern waren unzufrieden, dass er sie immer uns allen vorzog.«119 Schwester Anna Maria Böhmer sagt: »Dass Herr Lambert sich zu sehr für sie interessierte, gab zu vielem Gerede im Kloster Anlass; jedoch hat man über diese Verbindung nie einen Verdacht geäußert, der dem unbefleckten Rufe geistlicher Personen nur im geringsten nachteilig wäre.«120
Auf Grund der gegebenen Antworten kann sich jeder Leser nun die Art von Gerüchten im Kloster vorstellen und evtl. auch außerhalb, nachdem Abbé Lambert die Schwester Emmerick als Haushälterin zu sich nimmt und später sogar in den Verdacht gerät, wenigstens von Seiten des Landrates bei der staatlichen Untersuchung 1819, die Wundmale verursacht zu haben. Dieser Verdacht wird aber strengstens vom Generalvikar Droste und vom Bürgermeister Dülmens, Möllmann, zurückgewiesen. »Lambert stand in Dülmen in bestem Ansehen und allgemeiner Achtung«, so fasst der Herausgeber der Akten, P. Hümpfner, den Befund zusammen.121
Lambert übt aber ungeachtet ihrer Freundschaft auch Kritik an Schwester Emmerick. Ihr Beichtvater, P. Limberg, hatte ihr empfohlen, häufiger zu kommunizieren, und, um weniger Aufsehen zu erregen, schon früh am Morgen. Einmal, so erzählt Anna Katharina später dem Overberg, wäre sie so früh erschienen: schon kurz nach Mitternacht, »weil sie geglaubt hätte, sie müsse vor Verlangen sterben«. Da hätte Herr Lambert sie gescholten, ihr dann aber doch die Kommunion gereicht, nachdem er »gewahr geworden, in welchem Zustande sie sich befände«122.
Für Anna Katharina bedeutet die Freundschaft zu dem Klostergeistlichen sehr viel. Als sie schon in den letzten Klosterjahren sich kaum »von der schlechten Kost, die die Tafel darbot«, ernähren konnte, steckte der Pater Rektor, der »ihre herrliche Seele und ihr körperliches Elend gleich erkannt«, ihr Wein und Kaffee und gutes Brot zu.123 – Offensichtlich erwidert Anna Katharina diese Freundschaft bis zum Tode ihres Wohltäters, der im Jahre 1818 erkrankt. Wesener notiert unter dem 9. Januar: »Wegen der Krankheit des Herrn Lambert hat die Kranke eine edle Resignation ergriffen; sie meint, dass der liebe Gott sie auch noch mit dem Verluste ihres besten Freundes auf Erden, dem sie so viel Dank schuldig sei, prüfen könne.«124 – Abbé Lambert stirbt am 7. Februar 1821.
Dechant Rensing hatte bei der oben zitierten Vernehmung auch nach dem Kontakt mit weiteren Geistlichen und weltlichen Personen gefragt. Die ehemalige Oberin Hackebram erwähnt daraufhin den ExKartäuser P. Paulus Möllmann, »der ihr viel Gutes tat«125.
Auch die ehemalige Novizenmeisterin Schwester Franziska Neuhaus erwähnt die freundschaftliche Verbindung mit P. Möllmann, die dann aufgehört habe.126 Und sie weist auch hin auf den Beichtvater der Emmerick, Pater Aloysius Limberg, »obwohl er damals noch im Kloster zu Münster war und man von der Aufhebung des Dominikanerklosters noch nichts wusste«127. Auf P. Limberg werden wir später im Zusammenhang der Stigmatisation noch zurückkommen.
Im Auftrage des Generalvikars Droste führt auch Dechant Rensing im Jahr des Bekanntwerdens der Wundmale, 1813, ein ausführliches Tagebuch über Anna Katharina Emmerick128, das sicher an Wert den inzwischen oft zitierten Äußerungen Overbergs nachsteht – ihm hat Emmerick viel mehr persönliches Vertrauen entgegengebracht –, viel nüchterner gehalten ist, aber dessenungeachtet wertvolle historische Details enthält: so gerade zu der Frage: Zu welchen Priestern hatte Anna Katharina Emmerick Kontakt?
Der Dechant von Dülmen, Bernhard Rensing (1760–1826), steht der Emmerick eher kritisch gegenüber. Trotzdem berichtet er nach dem Besuch vom 30. April 1813: »Ich ging gerührt, erbaut und erstaunt von ihr, dass eine Person, die keine andere Erziehung und Bildung als sie genossen hat, so reine, richtige und erhabene Begriffe von Religion und Moral hat.«129 In seiner sog. Kritischen Revision nimmt Dechant Rensing deutlich Abstand von der Emmerick und geht der gleichen Frage noch einmal nach: Wie kann eine Person von »ganz gemeinen, einfältigen« Eltern geboren, die sich durch Handarbeit ihr Brot verdient, auch im Kloster »durch Nonnenbegriffe und Weiber-Andachts-Maximen« den Kreis ihrer Religionskenntnisse nicht erweitern konnte, noch eine Ansicht über die »Lehren der mystischen Theologie« sich erwerben, wie kann sie ohne »besondere Erleuchtung so erhabene und reine Ansichten haben?«130.
Rensing glaubt nun der Emmerick »auf die Schliche« gekommen zu sein. Ihn habe der inzwischen verstorbene Ex-Kartäuser P. Anthelmus Kraatz besucht, aus der Kartause in Hildesheim stammend, sei er dann nach Dülmen-Karthaus gekommen; als auch diese Kartause 1803 aufgehoben, habe er Wohnung in der Stadt Dülmen bezogen. »Dieser, ein Muster der Geistlichkeit, gab sich beständig mit Lesen und Betrachten ab, war in der Aszetik und Mystik, in den Schriften der hl. Väter, in der Bibel und in exegetischen Werken ungemein bewandert« – er fand Kontakt zu Anna Katharina und umgekehrt; er unterhielt sich eben sehr gern über »Grundsätze des geistlichen Lebens«. Er berichtet dem Dechant von dem Kontakt zu Anna Katharina, diese sei »in diesem Stücke sehr wissbegierig« gewesen; oft sei sie »in ihren Freistunden« auf sein Zimmer gekommen, »sich mit mir über geistliche Dinge zu unterhalten«131.
Das, was Dechant Rensing hier meint, negativ über Emmerick recherchiert zu haben – in einer falschen Vorstellung von übernatürlichen Erleuchtung, die die Emmerick also nach seinem Fehlschluss nicht gehabt habe –, spricht gerade positiv für Anna Katharina. Wir meinen hier eine wesentliche Spur entdeckt zu haben, wie Emmerick trotz ihrer geringen Ausgangslage »wissbegierig« und gezielt weiter gestrebt hat, in die Lehren vom geistlichen Leben und sogar mystischer Theologie hineinzuwachsen. Das war ihre geistige und geistliche Welt, die sie schon als Kind, als Jugendliche und dann als Klosterfrau wahrhaft interessierte, die sie auch über viele Schwächen des konkreten Klosteralltags hinwegkommen ließ.
Exkurs: Zur historischen und kirchengeschichtlichen Situation der Jahre 1802–1824
Die Zeit, die Anna Katharina Emmerick in Dülmen verlebt: 1802–1812 im Kloster Agnetenberg, 1813–1824 in drei verschiedenen Wohnungen der Stadt als säkularisierte Ordensfrau, fällt in eine Zeit hochdramatischer Geschichte, die immer wieder in ihrem Leben eine große Rolle spielt: Wie in einem Brennglas finden wir die historischen Ereignisse im Leben der Mystikerin konzentriert. In diesem Exkurs geht es uns darum, einfach die historischen Daten zu benennen und als Hintergrund gegenwärtig zu halten.
Dülmen, das erst seit dem 3. August 1816 nach preußischer Neuordnung zum Kreis Coesfeld gehört, hatte 1818 2098 Einwohner. Bis zum Reichsdeputationshauptschluß am 25. Februar 1803 gehörte Dülmen auch politisch, nicht nur kirchlich, zum Fürstbistum Münster, dessen letzter Fürstbischof, Maximilian Franz von Österreich (geb. 1756 als jüngster Sohn der Kaiserin Maria Theresia), am 21. Juli 1801 in Wien gestorben war. Max Franz war zugleich Erzbischof von Köln. In Münster trat er kaum hervor.132
Die Geschicke in Münster wurden weitgehend durch den berühmten Generalvikar Franz Friedrich Wilhelm von Fürstenberg (1729–1810, von 1770–1807 Generalvikar)133 bestimmt, der selbst gern Bischof geworden wäre. Doch der damalige Fürstbischof Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels (1708–1784) setzte ihm 1780 Maximilian Franz als Koadjutor vor.
»Mit der Fürstin Amalie von Gallitzin« war Fürstenberg »Mittelpunkt des philosophisch-religiösen Kreises von Münster«134. Er hatte seine größten Erfolge als »Reformer« des Bildungswesens, er kümmerte sich ab 1792 um die Emigranten, besonders die Geistlichen, wie wir schon hörten. Er hatte 1776 die Gymnasien reformiert, in den Jahren 1773–1780 die Universität gegründet. Für die Reform der Normalschule gewann er 1783 Bernhard Overberg (1754–1826)135, den »Lehrer der Lehrer«, der später der außerordentliche Beichtvater Anna Katharinas wurde. Zur Zeit Fürstenbergs wurde das Münsterer Residenzschloss gebaut, kurz vor der Geburt Anna Katharinas (1774).
Auf den letzten Fürstbischof folgte in Münster – bedingt durch die politischen Umbrüche – eine zwanzigjährige Sedisvakanz. Erst am 7. Juli 1821 konnte der bischöfliche Stuhl jetzt im Einvernehmen mit Preußen durch Ferdinand Freiherrn von Lüninck, bisher Bischof von Corvey, neu besetzt werden.136
Generalvikar war schon 1807 als Nachfolger Fürstenbergs Clemens August Freiherr Droste zu Vischering (1773–1845)137 geworden, der spätere Erzbischof von Köln, der 1813 die Emmerick sehr bald nach Bekanntwerden der Wundmale besuchte und die kirchliche Untersuchung veranlasste.
Die weltliche Herrschaft in Dülmen wechselte in der Zeit zwischen 1802 und 1815 mehrfach. »Am 29. November 1802 ließ Herzog Anna Emanuel von Croy von Regensburg aus bekannt machen, dass er es sei, dem die Herrschaft Dülmen zugeteilt sei«138.
Alle geistlichen Güter gingen in das Eigentum des Herzogs über, der durch die Revolution 1789 seinen Besitz in Frankreich verloren hatte. Am 31. August 1803 hielt der Herzog seinen »feierlichen Einzug in die neue Landeshauptstadt«. Am folgenden Tage fand die »Huldigungsfeier« mit Festmahl und -ball im Kloster Agnetenberg statt »wegen Mangels eines anderen geräumigen Saales«.139
Mit Zustimmung des Papstes wurde 1804 die Aufhebung des Kartäuserklosters in Dülmen-Weddern vollzogen. Zuletzt waren nur noch sieben Mönche davon betroffen. Schon 1806 nahm die »Landeshoheit« der Herzöge von Croy ein Ende, doch sind ihnen die Domänen geblieben. Die Souveränität ging über auf das neu geschaffene Herzogtum Arenberg, die Besitzergreifung erfolgte am 13. August 1806 durch den herzoglichen Statthalter.
Die Lokalgeschichte Dülmens verläuft weiter sehr dramatisch und betrifft vor allem die Bürger und die Verwaltung der Stadt: »Als sieben Wochen später der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III., den Kampf gegen Napoleon aufnahm, kamen über Dülmen neue Kriegsbeschwerden. Zunächst wurde es von den Preußen überfallen, die sich die Brandkasse aneigneten und das Vieh von der Weide forttrieben, und nachdem dann ihre Macht schon am 14. Oktober bei Jena und Auerstädt zusammengebrochen war, rückte noch im selben Monat Napoleons Bruder Ludwig, König von Holland, mit einer französischen Armee von Haltern her über Dülmen vor, um das Erbfürstentum Münster zu besetzen, wobei alle Vorräte für den Winter aufgezehrt wurden.140 Die Not jener Jahre, der ersten Klosterjahre Anna Katharinas, können wir uns lebhaft vorstellen.
Am 10. März 1807 hält der neue Landesherr, Herzog Prosper Ludwig von Arenberg, unter französischem Begleitschutz seinen Einzug in Dülmen. Er nimmt in der Verwaltung durchgreifende Veränderungen vor und gewährt für zwei Jahre Steuerfreiheit. Ab 1. Februar 1809 sollten in den sog. herzoglichen Landen die Bestimmungen des Code Napoleon in Kraft treten. Damit kommen mehrere Reformen: Die Leibeigenschaft wird endlich abgeschafft; die alten Lehnsverhältnisse werden abgelöst; die Kirchhöfe müssen vor die Stadt gelegt werden; »die bei den Begräbnissen üblichen Zechereien« werden nicht mehr gestattet. In Dülmen wurde damals »der neue Friedhof vor dem Lüdinghauser Tor am 23. Mai 1803 durch den Pfarrdechanten Rensing feierlich eingeweiht«141, wo später Anna Katharina Emmerick beerdigt wurde und heute die Hl.-Kreuz-Kirche steht.
Doch auch die Herrschaft des Herzogs von Arenberg währt nicht lange. Er geriet bei einem Feldzug in Spanien in die Hände der Engländer; die Souveränität als Landesherr wurde ihm genommen; seitdem gehörte Dülmen zu Frankreich. »Seit dem 28. April 1811 bildete Dülmen einen Bestandteil des damals geschaffenen Lippe-Departements.« Napoleon ließ durch den Reichsbaron von Bacher von Dülmen »Besitz ergreifen«. Die Proklamation lautete: »Bewohner der Grafschaft Dülmen! Durch eure Vereinigung zum ersten Reiche der Welt ist euch der Weg zum Ruhm, zum Glück und zur Ehre geöffnet und ihr werdet alsbald die großen Vorteile genießen.«142
Dülmen erhielt für mehrere Jahre eine sog. Mairie (Bürgermeisterei). Am 3. Dezember 1811 wurde auf Grund eines Dekretes Napoleons über Aufhebung aller geistlichen Korporationen das Stiftskapitel an St. Viktor und das Augustinerinnenkloster aufgelöst. Das betraf an St. Viktor 13 Kleriker, sog. Kanoniker. »Im Kloster Agnetenberg befanden sich zur Zeit der Aufhebung nur noch zehn Nonnen, von denen drei sich dem Unterricht widmeten.«143
Im Jahre 1812 begann der große Russlandfeldzug Napoleons mit rund 600 000–700 000 Soldaten, der bekanntlich in einer fürchterlichen Katastrophe endete. Auch im »Canton« Dülmen wurden 22 junge Männer ausgehoben. Von der Hauptarmee mit 460 000 Mann blieben 160 000 übrig, die Moskau besetzten. »Von den 22 Dülmenern sind sieben nachweislich in russischer Gefangenschaft gestorben.«144 In Dülmen selbst gab es erneut Truppendurchmärsche und Einquartierungen.
Auf die Katastrophe in Russland begannen die Freiheitskriege 1813/14. Die Verbündeten Preußen mit Russland, Österreich und Bayern schlugen Napoleon entscheidend in der sog. Völkerschlacht bei Leipzig vom 16.–19. Oktober 1813. Napoleon konnte sich mit einem Drittel seiner Armee noch den Rückzug freikämpfen und zog sich hinter den Rhein zurück. Französische Abteilungen flüchteten von Münster über Dülmen nach Dorsten; am 13. November 1813 »erschienen preußische Husaren und russische Kosaken in Dülmen«; das Münsterland wurde vorsorglich von Preußen in Besitz genommen.145
An den Feldzügen 1814 und 1815 nahmen sehr viele Münsterländer teil, zweihundertundvierundsiebzig »Landwehrleute« aus Dülmen, die Dechant Rensing 1814 vereidigte. Es kam zur Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815. Die Verbündeten nehmen Paris ein; Napoleon wird auf die Insel St. Helena verbannt, wo er am 5. Mai 1821 gestorben ist. Zur Pflege der verwundeten und kranken Soldaten hat sich in Dülmen ein Frauenverein gebildet. Die Verdienste des Arztes Dr. Wesener werden hervorgehoben. Über die Kriegsbeschwerden heißt es in einem Bericht an die Regierung: »Die Not der kleinen, von aller Unterstützung entblößten Mairie war aufs höchste gestiegen, jeder sah den ankommenden Truppen mit Angst und Schrecken entgegen.« Der Bericht schließt: »Im ganzen Bezirk hat kein Ort durch Einquartierung und Kriegsfuhren so gelitten als Dülmen, was es seiner Lage an der Heeresstraße Münster–Dülmen beziehungsweise Düsseldorf zuzuschreiben hat.«146
Durch die Wiener Kongressakte vom 19. Juni 1815 wurde Dülmen endgültig unter preußische Herrschaft gestellt. Alle säkularisierten Stifts- und Klostergüter wurden erneut dem Herzog von Croy zugewiesen. Die Besitzergreifung durch den preußischen König Friedrich Wilhelm III. erfolgte am 21. Juni, die Erbhuldigung zu Münster am 18. Oktober 1815. In der St.-Viktor-Kirche wurde vom Dechanten ein feierliches Hochamt gehalten. Der Festpredigt lag der Text: »Fürchtet Gott, ehret den König!« zugrunde. Am Eingang des Rathauses wurde der preußische Adler befestigt.147
Am 10. Juli 1821 nahm der preußische König auf der Durchreise von Wesel nach Münster in Dülmen sein Mittagsmahl ein und schickte seinen Leibarzt, Dr. Wiebel, an das Krankenlager von Anna Katharina Emmerick.
Oberpräsident der jetzt preußischen Provinz Westfalen war Ludwig Freiherr von Vincke (1774–1844), der sich zwischen 1815 und 1818 mehrfach in Dülmen aufhielt, um die Arbeiten an der Straße Münster – Wesel zu kontrollieren. Am 15. November 1816 reiste er privat mit seiner Frau nach Dülmen, wo diese A. K. Emmerick besuchte, und nahm Kontakt mit Dr. Wesener auf. »Im Dezember 1818 erhielt Vincke aus Berlin die Weisung, eine staatliche Untersuchung des ›Falles der Emmerick‹ zu veranlassen.«148
Bürgermeister in Dülmen waren von 1813–1816 Clemens Mersmann; von 1816–1836 Melchior Anton Möllmann.
Im Jahre 1820 versetzt ein großer Kirchenraub »Köln und Dülmen in Unruhe«149. Der Täter ist der aus Merfeld bei Dülmen stammende Franz Becker. »Nach Beckers eigenen Angaben hat er im Haus seines Oheims, des Dechanten Bernhard Becker von der St.-Viktor-Pfarrei in Dülmen, eine ordentliche Erziehung genossen. Dieser Onkel ist 1809 im Alter von 47 Jahren gestorben.«150 Der vom Militärdienst desertierte Becker beraubt in der Nacht vom 18./19. Oktober 1820 den Dreikönigsschrein in Köln, wohl die gewalttätigste und folgenschwerste Beraubung des Schreines in seiner Geschichte, demoliert die aus purem Gold gearbeitete Stirnseite des Schreines und raubt die abgetrennten Figuren, Edelsteine und Perlen.
Becker versteckt einen Teil der geraubten Gegenstände in einem Beichtstuhl seiner Heimatkirche St. Viktor, wo er ein Ziborium (Speisekelch) stiehlt, nachdem er den Tabernakel aufgebrochen und die konsekrierten Hostien auf ein Tuch gebreitet hatte. Er entwendet Silberschmuck und bricht in das Haus des Dechanten ein, wo er früher einmal gewohnt hat, und in das Haus von Kaplan Schütte. Verständlicherweise erregte der Fall Becker die Gemüter in Dülmen sehr stark. »Da ein Sohn der Stadt und Neffe des (ehemaligen) Dechanten die schändlichen Taten begangen hatte, empfand man die Situation als äußerst peinlich.« Durch den Diensteifer des Bürgermeisters Möllmann und des Gendarmerie-Leutnants Lachner konnte Becker schon in der Nacht des 27./28. Oktober verhaftet werden. Wegen der Peinlichkeit des Falles gibt es nur »sehr dürftige Mitteilungen über die Geschehnisse in der lokalen Geschichtsüberlieferung«151.
Beide hier zitierte Autoren M. Th. Mösch und B. Frings weisen auch darauf hin, dass der Kirchenraub in St. Viktor von Anna Katharina Emmerick in einer Vision gesehen wurde, die Brentano am 24. Oktober 1820 aufgezeichnet hat: »Kircheneinbruch. Ich habe in der Nacht in steten Schmerzen unter entsetzlicher Angst gesehen, wie die hiesige Kirche beraubt worden. Ich hatte niemand, den ich senden konnte.
