Kitabı oku: «Unbequem und ungewöhnlich», sayfa 5
3. Anna Katharinas weitere Kinder- und Jugendjahre. Ihre religiös-sittliche Entwicklung
Durch die gerade geschilderte Situation ihres Elternhauses bedingt, wird Anna Katharina zu früher Selbstständigkeit und zu ganz eigen ausgeprägter Religiosität erzogen. »Schon früh brachte sie in dürrer Heide manche Stunde und auch manche halbe Nacht auf den Knien im Gebete zu, und schon als zartes Kind hatte sie die schönsten allegorischen Träume und wahre Visionen aus dem Leben Christi«, so berichtet Dr. Wesener.45
Eine Art Schule – die Lehrer waren oft Tagelöhner – besuchte sie nur vier Monate. Nach Bekanntwerden der Stigmatisation berichtet die Freundin Clara Söntgen am 7. April 1813 dem Generalvikar auf dessen Bitte hin: »Sie hat sich in der Schule schon zwischen allen übrigen Kindern an Verstande so ausgezeichnet, dass der Magister oft zu ihren Eltern gesagt hat, er könne ihr keine Frage tun, die sie ihm nicht beantwortete.«
Nach der ganz kurzen Schulzeit habe sie sich das »Übrige … in Nebenstunden und wenn sie das Vieh gehütet hat, erworben. Wenn andere Kinder gespielt haben, hat sie sich in ein Eckchen mit einem Buche gesetzt.«
Mit andern Worten: Anna Katharina hat sich von Anfang an selbst fortgebildet. Nachdem sie größer geworden, habe sie die schwersten Arbeiten mittun müssen; nachdem ihre Eltern zu Bett gegangen seien, habe sie sich »in die Stube heimlich geschlichen und mit Lesung geistlicher Bücher zugebracht«. Ihre Eltern seien oft aufgestanden und hätten ihr »befohlen«, ins Bett zu gehen. – So berichtet die um zehn Jahre jüngere Jugendfreundin offensichtlich aus dem Erzählen Anna Katharinas.46
Die Angaben Söntgens werden bestätigt durch die Aufzeichnungen Overbergs, der beim Besuch am 7./8. April 1813 von ihr selbst erfährt: »Als sie in die Schule gegangen, hätte sie oft kleine Endchen Licht von ihren Eltern weggenommen, welche sie, wann die andern wären schlafen gegangen, angezündet und sich damit in ein Eckchen gesetzt, um zu lesen oder zu beten.«47
Alle Quellen bezeugen immer wieder ihre ursprüngliche Religiosität und Gottessehnsucht, die sich im Gebet konkretisieren. Offensichtlich spielten am Anfang auch jene im Elternhaus hervorgerufene Angst und Unsicherheit, ja eine frühe kindliche Gottesfurcht eine große Rolle. Overberg fragt bei dem schon eben genannten Besuch nach ihren ganz frühen Gesinnungen – Overberg ist an erster Stelle Pädagoge und Seelenführer:
Emmerick: »Dass ich Gott oft bat, er möchte mich sterben lassen.« Overberg: »O warum denn das?«
Emmerick: »Weil ich gehört habe, dass man, wenn man groß würde, Gott oft mit vielen Sünden beleidigte.«48
Die Deutung dieser Stelle würde ich gern den Psychologen und Erforschern der frühkindlichen Psyche überlassen. Emmerick beklagt später selbst, dass sie Gott zunächst nur aus Angst, später erst aus Liebe geliebt habe; d. h. erst im Laufe ihrer religiösen und menschlichen Entwicklung entdeckt sie den gütigen Gott.
Beim dritten Besuch Overbergs vom 20.–23. April 1813 – wir sehen, wie genau er das Seelenleben Anna Katharinas zu analysieren versucht – verstärkt sie noch die oben angeführten Sätze. »Sie hätte wohl gedacht, wenn sie aus dem Hause gegangen: Möchtest du doch gleich tot vor der Türe niederfallen, so beleidigst du Gott nicht.«
Dann aber merkt sie selbst an, »dass sie damals die Sünde so gescheuet hätte aus Furcht, nicht in den Himmel zu kommen, noch nicht aus rechter Liebe zu Gott.« – Inzwischen hat Anna Katharina ein völlig anderes Gottesbild, worauf später zurückzukommen sein wird. Es bestätigt sich auch die oben von mir beschriebene Beobachtung, dass die Furcht des Kleinkindes auf die Erziehungshaltung der Eltern zurückgeht. Auf Rat der Eltern sei sie oft beim Spaziergang mit anderen Kindern entweder vorausgegangen oder zurückgeblieben. »Ihre Eltern hätten sie auch hierzu ermahnt und hätten ihr gesagt, dass sie bald um dies, bald um das auf dem Wege beten sollte.«49
Schon sehr früh: im siebten Lebensjahr um Ostern ging Anna Katharina zur ersten Beichte, erst im zwölften Jahre zur Erstkommunion. Wen von uns wundert es, wenn bei einer derart skrupulösen Haltung die erste Beichte dramatisch ablief. Das Kind glaubte, »eine Todsünde begangen zu haben; weinte im Beichtstuhle so, dass der Beichtvater sie kaum beruhigen konnte. Ihre Sünde aber war weiter nichts, als dass sie sich einmal mit einem andern Kinde gezankt hatte.«50
Herrn Regens und Dechant Overberg, den der Generalvikar Droste zu Vischering gleich zur ersten Untersuchung nach Dülmen mitgebracht hatte, schenkt Anna Katharina Emmerick ihr vollstes Vertrauen. »Ich sah Sie so innerlich«, sagte sie gleich beim ersten Besuch am 28. und 29. März 1813. – Und Overberg fügt hinzu: »Sie war deswegen auch gleich so zutraulich, als wenn wir schon lange miteinander bekannt gewesen wären.«51 Offensichtlich erkennt Emmerick auch die Kompetenz des wirklichen und erfahrenen Seelenführers an.
Herrn Overberg berichtet sie auch von dem, was in der damaligen Sprache »Mortifikation«, also Abtötung genannt wird, eine in der Geschichte des geistlichen Lebens sehr bekannte asketische Maßnahme, wie auch immer wir heute dazu stehen mögen.
Vor der ersten hl. Kommunion, so berichtet Emmerick Overberg im dritten Gespräch, habe sie angefangen, sich »abzutöten«, aber erst nach der Erstkommunion recht danach gestrebt. Und Emmerick stellt auch jetzt mit neununddreißig Jahren fest: »Mortifikation wäre absolut nötig.«52 – Da fragt Overberg, wie sie sich abtöte. Auf Nachfragen seinerseits gibt die Emmerick Auskunft:
Sie tötet ihre Sinne ab. Nimmt Augen, Ohren, Zunge, das innere Gefühl in Zucht. Vieles klingt für uns sehr befremdlich, wenn sie z. B. sagt: »Sie hätte sich oft mit Nesseln gebrannt, hätte lange auf einem doppelten Kreuze von Holz geschlafen.« Anderes wird für uns viel verständlicher, klingt sogar sympathisch, wenn sie das Hauptaugenmerk des Kampfes um die vierte Kardinaltugend »Zucht und Maß« auf ihre geistliche innere Verfassung bezieht. Sie sagt: »Sie sei von Jugend auf hitzig und eigensinnig gewesen; wäre auch darüber von ihren Eltern bestraft worden. Die Abtötung des Eigensinnes hätte ihr am meisten gekostet.«53
Die genaue Untersuchung der geistig-seelischen Umstände, vor allem ihrer inneren religiösen Entwicklung durch Overberg zielte gewiss darauf ab, dem sehr erstaunlichen Phänomen der Stigmatisation auf die Spur zu kommen. So zielt seine Hauptfrage darauf ab, ob Anna Katharina aus Abtötungsbedürfnis oder evtl. fehlgeleiteter Frömmigkeit gar die Wundmale sich ersehnt habe.
Hier ist ihre Antwort klar und eindeutig: »Sie erzählte mir (doch erst, nachdem ich sie gefragt und versichert, dass ich nicht aus Neugierde, sondern zur Ehre Gottes fragte), sie hätte Gott gebeten, Er möchte ihr sein Leiden mitempfinden lassen, aber nie um die äußerlichen Male.«
Und Emmerick fügt sogar hinzu: »Dass Gott ihr diese gegeben, darüber hätte sie sich mehrmalen gegen Gott beklagt, hätte aber keinen Trost erhalten.«54 Wir werden später darauf zurückkommen!
Obwohl Anna Katharina schon früh den Kontakt zu Priestern und Beichtvätern gesucht hat, so ist sie doch in ihrer Kindheit und frühen Jugend weitgehend ohne geistliche Führung aufgewachsen. So wird ihre Äußerung zu Overberg beim zweiten Besuch im April 1813 verständlich, da sie bekennt: »Sie hätte, ehe sie ins Kloster gegangen, viel mehr Strengheiten gebraucht als nachher; hätte da noch nicht gewusst, dass man dies ohne Erlaubnis des Beichtvaters nicht tun dürfte.«55
Aus heutiger Sicht hat sich Anna Katharina bei ihrer schwachen körperlichen Konstitution sicher zuviel zugemutet; vielleicht sogar den Anfang von manchen gesundheitlichen Schäden schon früh grundgelegt.
Bisher haben wir noch zu wenig betont, dass ihr Verzicht nicht nur religiöse Ursachen hatte, sondern schon ganz früh aus sehr lebhafter Liebe zu den Armen erwuchs. »Ich habe von Kind auf nicht wiederstehen können, alles, was ich nur irgend vermochte, den Notleidenden zu geben. Ich rief als Kind die Hungernden an: warte, ich will dir Brot zu Hause holen, und holte es ihnen. Meine Mutter sah es wohl zuweilen, sagte aber nichts Besonderes darüber. Ich aß aber, um mich abzutöten, morgens und abends nur sehr wenig und brach mir mittags immer etwas an der vollen Sättigung ab, und dachte dabei: das spare ich dir, lieber Gott, gib es den Armen, die es am nötigsten haben.«56 In fast klassischer Form sehen wir hier bei Anna Katharina schon ganz früh die Motivationen Nächstenliebe und Gottesliebe ineinander verschränkt.
Wir haben oben das heutige Empfinden von Befremdung gegenüber der krassen Form von »Abtötung« bei Anna Katharina ausgesprochen. Doch dürfen wir auch nicht ihre geistliche Erfahrung verschweigen: »Erst als ich mich der Enthaltung und Abtötung befliss, erwachte die rechte Liebe Gottes in mir, so dass ich sagen konnte: Wenn auch kein Himmel und keine Hölle und kein Fegefeuer wäre, wollte ich dich doch von Herzen über alles lieben.«57 – Aus dieser Äußerung ersehen wir zugleich, wie das Gottesbild sich vom strafenden zum liebenden Gott entwickelt hat, auch gerade durch das, was man früher mit dem Ausdruck »Abtötung« bezeichnete. Emmerick bei Brentano: »Ich habe mich fest überzeugt; dass dieses Bestreben durchaus notwendig ist, wenn man sich Gott ganz ergeben will.« Sie fügt hinzu: »Ich kann nicht sagen, wer mich darin unterrichtet, außer die Liebe zu Jesus.«58
In das bisher gewonnene Bild einer strengen sittlichen Bemühung passt ihre Äußerung zur Entwicklung auf sexuellem Gebiet. Overberg: »Mir sagte sie, sie hätte auch wohl Reize zur Unkeuschheit gehabt. Gott hätte sie aber so bewahrt, dass sie noch nie nötig gehabt, sich in der Beichte darüber anzuklagen.«59
4. Emmericks Ausbildungszeit als Magd auf dem Bauernhof und als Schneiderlehrling. Ihr Klosterwunsch
Erst im zwölften Lebensjahr ging Anna Katharina zur Erstkommunion.60 Sehr bald danach »nach ihrem zwölften Lebensjahr«, wie P. Adam schreibt61, begann sie auf dem benachbarten Bauernhof Emmerick zu arbeiten. Sie schlief auch dort. »Ihre Eltern hätten«, sagte sie zu Overberg bei dessen vierten Besuch, »es auch gewollt, dass sie viel da sein sollte, um mehr unter Menschen zu sein, weil sie ihr vieles Stillsein für nicht gut angesehen hätten.« Diese Äußerung ist sehr bezeichnend. Drei Jahre also sei sie bei ihren Verwandten »beständig« geblieben.62
Mit 15 Jahren holten ihre Eltern sie zurück. »Alle Arbeit ging ihr, ihres schwachen Körperbaus ungeachtet, ganz flink und vortrefflich von der Hand, weshalb die Mutter, die mit einem kränklichen Manne und zwei rachitischen Kindern unbeschreiblich viel Elend litt, sie auch noch nicht von sich lassen wollte.«63
Trotzdem begann Anna Katharina in diesem Alter eine Lehre, um Schneiderin zu werden, wie ihre Lehrmeisterin Elisabeth Krabbe bei einer Vernehmung bezeugt: Sie kenne Anna Katharina, seit sie zwölf Jahre alt war »und von da, als sie 15 Jahre alt war, zu mir kam und das Nähen lernte«. Keine volle zwei Jahre sei sie bei ihr gewesen; »denn sie wurde krank, und nach ihrer noch nicht völligen Besserung ging sie nach Coesfeld, wo sie blieb«64.
Anders als ihre Meisterin behauptet Anna Katharina Emmerick in Dr. Raves Untersuchungsprotokoll vom 18./19. Februar 1819, dass sie bis zu ihrem »Eintritt ins Kloster immer gesund gewesen« sei und auch seit dem 13. Lebensjahr die monatliche Regel gehabt habe.65
Wie wir schon oben in einem andern Zusammenhang hörten, wurden dem jungen Mädchen, das sehr arbeitsam und freundlich war66, mit 16 oder 17 Jahren Heiratsanträge gemacht. Aber einerseits wollte die Mutter sie noch nicht fortlassen, wie wir hörten; andererseits verfolgte Anna Katharina ein ganz anderes Lebensziel.
Der Wunsch, einmal ins Kloster zu gehen, geht offensichtlich schon bis in ihre Kindheit zurück. »Sie erinnere sich«, sagt sie am 8. September 1814, also an ihrem vierzigsten Geburtstag, zu Dr. Wesener, »von ihrem dritten Jahre an das meiste, was ihr als Kind widerfahren sei, immer aber habe ihr das einsame, contemplative Leben als das schönste, einzige Ziel aller ihrer irdischen Wünsche vorgeschwebt.«67 Die Neigung zu Einsamkeit und Kontemplation zeigt sich auch in ihrem ständigen Bemühen, schon als Kind sich zurückzuziehen, zu lesen, zu beten, sich abzutöten, wie wir oben gesehen haben. Die Eltern beobachteten das mit Sorge. In der Pubertät wird nun diese Neigung, und wohl auch Eignung von einem ausdrücklichen Berufungserlebnis geprägt.
Im gleichen Gespräch erzählt sie Dr. Wesener: »Als sie ungefähr 16 Jahre alt gewesen, sei ihr einst auf dem Felde unter ihren Geschwistern und Mitarbeitern etwas widerfahren, welches ihre Herzensneigung ihren Eltern völlig verraten habe.« An einem Nachmittag gegen drei Uhr hörte sie die Glocke eines Klosters in Coesfeld läuten, was bei günstigem Wind möglich war. Schon oft hatte sie das Läuten gehört. »Aber dieses Mal wandelte sie ein so unbeschreibliches, wunderbares Gefühl an, dass die Arbeiter ihr zu Hilfe eilen wollten, indem sie einer Ohnmacht nahe war. Es sei ihr vorgekommen, als wenn ihr einer zurief: Du musst ins Kloster, es gehe auch, wie es wolle!«68
Von jetzt an steht ihr innerer Entschluss fest. Aber jetzt beginnen erst recht die Kämpfe und Auseinandersetzungen, ihre Berufung und ihren Willen wirklich durchzusetzen. Und zwar hat Anna Katharina, was für eine echte Berufung überhaupt typisch ist, einen doppelten Kampf zu bestehen: den ersteren in sich selber; den zweiten mit ihren Eltern und mit den äußeren Bedingungen, überhaupt das rechte Kloster zu finden.
Trotz ihres inneren Entschlusses, oder dürfen wir sogar sagen, wegen der inneren Überzeugung wird ihr Wille in den kommenden Jahren auf eine harte Probe gestellt. Es war klar, sie hätte heiraten können. Sie sah gut aus, kleidete sich gern entsprechend. Noch zu Overberg sagt sie am 20. April 1813: »Sich reinlich und ordentlich kleiden, ist auch gut für die Seele.« Das klingt fast wie eine Entschuldigung! Denn Overberg hatte gefragt: »Ob sie wohl eitel in der Kleidung gewesen.«69 Ihre Meisterin Elisabeth Krabbe übt sogar eine gewisse Kritik an Anna Katharina; in der oben zitierten Vernehmung wird die Meisterin u. a. auch gefragt: »Hat sie an selber (Anna Katharina) wohl was zu tadeln bemerkt?« Und interessanterweise lautet ihre Antwort: »Nein, als dass sie gern in ihrer Kleidung fein war, und empfindlich, wenn sie es nicht so hatte, wie die übrigen. (Vielleicht wegen ihrer Armut!). Sonst gar nichts.«70
Uns scheint, Anna Katharina wird uns eher dadurch sympathischer, dass die zitierten Quellen sie als ein ehrgeiziges natürliches Mädchen schildern, voller Temperament.71 In dem geschilderten Zusammenhang wird es uns jetzt verständlicher, wenn Anna Katharina ihrem außerordentlichen Beichtvater Overberg am 21. April 1813 gesteht: »In diesen drei Jahren (vom 17. Lebensjahr bis zum zwanzigsten) hätte sie schreckliche Versuchungen gehabt zur Eitelkeit und zu den Gesellschaften junger Mannspersonen.«72
Und wieder spricht sie von ihrer Kleidung. Sie ist ja schließlich auch Näherin; aber nicht nur das. Sie ist in diesen Jahren hin- und hergerissen zwischen ihrer tief angelegten, nicht anerzogenen Religiosität und ihrem Erwachen zur attraktiven jungen Frau. Etwas beschwichtigend klingt darum das Bekenntnis: »Sie hätte sich darum aber nicht anders gekleidet; hätte sich auch nicht der Welt wegen gut kleiden wollen und hätte sich deswegen ebenso gut gekleidet, wenn sie im Finstern zur Kirche gegangen, um zu kommunizieren wie bei Tage.«73 Sie wäre aber ungern zu Gesellschaften gegangen; die Eltern hätten das gewollt. Einmal habe sie sich von anderen Mädchen mitziehen lassen; »hätte auch da wohl singen und tanzen müssen. Das wäre ihr aber so zuwider gewesen, dass sie heimlich dabei geweint hätte.«74 Hier meldet sich wieder der andere Pol, ihre innerste Berufung. Offensichtlich gelingt es ihr nicht, beide Pole: das innere Ja zu ihrer Berufung und das Ja zur »Welt«, wie sie sagt, zu verbinden, was sicher auch sehr schwer ist.
Hinzu kommt eine hinter allem zuvor Gesagten noch gravierendere Tatsache, die man so ohne weiteres bei der Emmerick kaum vermutet hätte, wenigstens nicht nach traditionellem Verständnis. Emmerick sagt Overberg in allem Freimut: »Vom 17. Jahre ihres Alters bis zum 20. hätte sie zu allen gottesdienstlichen Handlungen und hl. Übungen, die zuvor ihre größte Freude gewesen, sich mit Gewalt zwingen müssen, so widerlich wären sie ihr gewesen.«75 Die Reserve zur Liturgie und Frömmigkeitsformen der Kirche dürfte von vielen Jugendlichen heute entsprechend geteilt werden. Erstaunlicherweise kann Anna Katharina ehrlich über ihre religiösen Erfahrungen sprechen, auch über ihre Entfremdung, die so gar nicht zum traditionellen Emmerickbild zu passen scheint.
Doch es gehört eben auch zu ihr, dass sie nicht aufgibt, was heute viele in dergleichen Situation tun. »Sie hätte dieselben (die religiösen Handlungen) doch fortgesetzt, hätte wohl einige Mal weniger kommuniziert, weil sie geglaubt, so oft nicht kommunizieren zu dürfen.« Anna Katharina hat ein hoch sensibles Gewissen, und ihr Durchhalten wird belohnt. »Im 21. Jahr wäre ihre Freude an den gottesdienstlichen Handlungen zurückgekommen.«76
»Da hätte sie gern eine Trappistin werden wollen und wäre heimlich nach Darfeld77 gegangen, darum anzuhalten.«78 Kaum hat sie ihre religiöse Identität wiedergewonnen und die Klarheit über ihren inneren und äußeren Weg, schon wird sie selbstständig aktiv, was für Temperament, Durchsetzungskraft und große Ichstärke spricht; Eigenschaften, die bisher zu selten bei Emmerick herausgestellt wurden.79 Sogar ihr Beichtvater muss sie »bremsen«. »Ihr Beichtvater hätte dies (Trappistin zu werden) ihrer Schwäche wegen abgeraten und ihr versprochen, ihr zu Münster ins Klarissenkloster zu helfen.«80 Der Trappistenorden schien dem Beichtvater wegen der körperlichen Zartheit der Emmerick zu streng.
5. Die zwanziger Jahre der Emmerick bis zum Klostereintritt
Am 22. Juni 1796 empfing Anna Katharina durch Weihbischof Kaspar Max Droste zu Vischering, den Bruder des Generalvikars, das Sakrament der Firmung. Lange war dieses Sakrament, das heute viel früher gespendet wird, wegen der kirchenpolitischen Umstände nicht erteilt worden.81
Offensichtlich bedeutet die hl. Firmung in der damaligen Lebenssituation der schwierigen Suche nach einem Klosterplatz für Anna Katharina eine große Stärkung und Ermunterung im erwachsenen Alter von zweiundzwanzig Jahren. Seit der Zeit war die Bitte um den Gottesgeist, besonders in der Zeit zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten für sie ihr bleibendes Anliegen des Gebetes, ja einer eindringlichen Betrachtung. Ihre Freundin Clara Söntgen berichtet: »Sie hat mir mal erzählt, dass sie von Christi Himmelfahrt bis Pfingsten immer eine innerliche Betrachtung gehalten hätte, sie wäre mit den Jüngern in einem Saale versammelt.« Wir sehen, Emmerick ist in ihrem religiösen Bewusstsein nicht wenig selbstbewusst! – Söntgen fährt fort: »Dieses hätte sie auch schon, ehe sie ins Kloster gegangen wäre, getan; auch während dieser Zeit hätte sie denn mehrmals die hl. Kommunion empfangen. In dieser Zeit war sie oft so in Gedanken, dass ich sie, weil ich neben ihr an der Tafel saß, anstoßen musste, damit sie aß.«82 – In diesem Zusammenhang wird es verständlicher, dass Anna Katharina die sog. kirchliche Untersuchung im Jahre 1813 nicht in der Zeit vor Pfingsten zulassen wollte. Obwohl sie grundsätzlich der kirchlichen Obrigkeit gehorsam war, erstaunlich gehorsam, scheute sie sich nicht, sogar gegenüber dem Generalvikar, ganz persönliche religiöse und geistliche Gründe ins Feld zu führen.
Nachdem Anna Katharina Emmerick innerlich mit sich im reinen ist, also den inneren Kampf bestanden und den Klosterwunsch klar als Lebensziel vor Augen, muss sie eine zweite Auseinandersetzung »bestehen«, den Kampf mit ihren Eltern. Für die näheren Umstände und Motivationen dieser Auseinandersetzung lassen wir gern Dr. Wesener das Wort, der in seiner »Kurzgedrängten Geschichte« die Situation so zusammenfasst: »Als sich einige Jahre später (gerechnet nach dem 17. Lebensjahr) eine sehr vorteilhafte Partie für sie darbot und ihre Eltern nun durchaus ihre bestimmte Erklärung darüber verlangten, gestand sie, dass sie sich fest vorgenommen habe, in ein Kloster zu gehen.«
»Die Mutter, über das Entgehen des anscheinenden Vorteils, der Vater aber über die Kosten, die ihre Aufnahme in ein Kloster verursachen würde, entrüstet, fuhren sie heftig an.« Und dann folgt jenes oft in der Literatur zitierte harte Wort des Vaters: »Lieber wollt ich dein Begräbnis als deine Aussteuer für das Kloster bezahlen.«83
Anna Katharina macht sich ihren Entschluss nicht leicht, noch weniger die Auseinandersetzung mit ihren Eltern. Daher berät sie sich mit ihrem Beichtvater in Coesfeld, P. Reckers, bei dem sie drei bis vier Jahre vor Eintritt ins Kloster beichtete und ihn außerdem aufsuchte, »um in einen Orden zu kommen und sich bei diesem Geschäfte seinen Rat und seine Beihilfe auszubitten«84. Sie konsultiert auch ihren Pfarrer. »Beide hätten ihr gesagt: Wenn sie keine Brüder und Schwestern hätte, die für ihre Eltern sorgen könnten, so müsste sie wider den Willen derselben nicht ins Kloster gehen, nun aber, da ihre Eltern mehrere Kinder hätten, behielte sie hierin ihre Freiheit.« So berichtet Emmerick später Overberg, und sie fügt hinzu: »Sie wäre also standhaft in ihrem Vorsatz geblieben.«85
Erst nach der Profess, ein Jahr nach ihrem Eintritt in Dülmen (1802), löste sich der Konflikt. Da »wären die Eltern ihr wieder gut geworden. Vater und Bruder wären zu ihr nach Dülmen gekommen und hätten ihr zwei Stücke Leinen gebracht.«86 Aber wir greifen vor.
Jeder von uns kann sich vorstellen, welche innere Stärke und Durchhaltekraft die zartbesaitete Emmerick aufbringen musste, um ihrem Lebensziel näher zu kommen. Offensichtlich sahen die Eltern auch sehr realistisch, dass eine arme Kötterstochter in einem Kloster nur wenig soziale Anerkennung finden würde, was sich noch zeigen wird. Zunächst bemüht sich Anna Katharina um eine regelrechte Aussteuer für einen möglichen Klostereintritt. Wesener: »Sie spann nun fast Tag und Nacht und hoffte sich dadurch soviel Leinwand zu erzielen, womit sie die Kosten der Aufnahme in ein Kloster decken könnte. Sodann bat sie bei mehreren Klöstern um Aufnahme, wurde aber allemal abgewiesen.«87
Nach den inneren Klärungen und Kämpfen, nach den Auseinandersetzungen mit den Eltern erfolgt jetzt die schwierige Suche nach dem rechten Klosterplatz. Anna Katharina lässt sich nicht beirren. Bei aller Sensibilität hat sie einen sehr starken Willen und vor allem Durchhaltekraft. Darum weiß sie aus innerem Selbstbewusstsein heraus auch entsprechende Antworten zu geben. Zu ihrer Lehrbäuerin Frau Elisabeth Messing-Emmerick, die ihr ihren Wunsch, Nonne zu werden, ausreden wollte, sagte sie kurzerhand: »Davon müsst Ihr nicht sprechen, sonst bin ich eure Freundin nicht. Dies muss ich tun und will es tun.«88
Frau Gertrud Ahaus-Mört begleitete Anna Katharina zu den Clarissen nach Münster, wo jene zwei Anverwandte hatte. Ihre Begleiterin machte Anna Katharina darauf aufmerksam, dass in der betreffenden Zeit um die Jahrhundertwende, kurz vor der Säkularisation, die Klöster »ja jetzt allenthalben abgeschafft« würden; eine Bemerkung, die auch schlagartig die religiöse Athmosphäre jener Zeit kennzeichnet. Emmerick habe geantwortet: »Wenn sie nur in eins kommen könnte und auch wüsste, dass sie in acht Tagen in selbem aufgehängt würde, so müsste sie doch in ein Kloster. Und der strengste Orden wäre ihr der liebste.«89
Tatsächlich hatte ja Emmerick, wie wir schon oben hörten, zunächst versucht, bei dem strengen Orden der Trappisten in Rosendahl-Darfeld einzutreten. Sie blieb dort auch einige Tage zur Probe. Zwei Gründe sprachen dagegen. Der Beichtvater hatte ja abgeraten wegen ihrer zarten Gesundheit. Der zweite Grund ist für uns besonders interessant wegen der damaligen Beurteilung der Emmerick durch die Oberin. Eine Klosterchronik der Trappistinnen, die nur vorübergehend in Darfeld waren90, erzählt: Anna Katharina Emmerick wollte bei den Trappistinnen in Darfeld eintreten, wurde aber nicht angenommen, weil die ehrwürdige Mutter fürchtete, dass bei ihren außerordentlichen Seelen-Zuständen Unordnung in die Kommunität kommen könne.«91 Offenbar hatte die Oberin die besondere mystische Begabung der Emmerick erkannt, nahm aber zugleich wieder Abstand von ihr, wie es heißt, um der Klostergemeinschaft willen.
Clara Söntgen berichtet sogar von weiteren Versuchen, in Ahlen und Borken aufgenommen zu werden. »Allein, ein Bauernmädchen wollten sie nicht.«92 Aber Emmerick gibt nicht auf.
Bei den Klarissen in Münster bestand die Aussicht, als »Laienschwester« aufgenommen zu werden, wenn sie Orgel spielen könnte.93 Deswegen verschafft der Beichtvater der Emmerick eine Stelle bei dem Kantor Söntgen in Coesfeld, wo sie drei Jahre blieb, aber gerade nicht das gewünschte Ziel, Orgelspiel zu lernen, erreicht; sondern im Gegenteil sogar ihre Aussteuer einsetzte, um der großen Not der Familie zu wehren. Wesener: »In dem Hause des Organisten war solche Not und solcher Unfriede, dass sie alle ihre Leibes- und Seelenkräfte anwenden musste, um beiden zu steuern; ja ihre schöne Leinwand (sie hatte sich bereits neun Stücke erzielt) musste Hunger und Blößen decken und ihr Kredit die andringenden Gläubiger abwehren.«94
Hier zeigt sich uns wieder überdeutlich, wie Anna Katharina Emmerick zur praktischen Nächstenliebe im Hier und Heute bereit ist und darüber sogar fast sträflich ihre eigenen legitimen Lebensziele hintansetzt. Immerhin schließt sie Freundschaft mit der über zehn Jahre jüngeren Tochter Clara, die wir inzwischen schon oft als Erstzeugin zitierten, und begeistert sie für den Klosterberuf.
Als Clara im Kloster Agnetenberg zu Dülmen eine Stelle als Organistin angeboten wird, hat der Vater nun wirklich das Ehrgefühl, auch für Anna Katharina einzustehen: er hätte »diesen Engel des Friedens«, wie Wesener schreibt, zwar gerne bei sich behalten; »aber er musste der Dankbarkeit das Opfer bringen und versprach also dem Kloster in Dülmen seine Tochter mit dem Bedinge, wenn man auch seine Magd unentgeltlich mit aufnehmen wolle.«95
