Kitabı oku: «Die Badenfahrt», sayfa 6

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DIE MITTAGSMAHLZEIT

Die den hungrigen Mägen wohlbekannte Glocke ertönt um halb ein Uhr; es ist das erste Zeichen, welches den Dienstboten im Hinterhof die frohe Kunde gibt, dass angerichtet werde. Hier treffen die alten Sprichwörter ein: «Wer zuerst kommt, mahlt zuerst», und «sero venientibus ossa». Die Speisen werden auf grossen Brettern in die Zimmer getragen.

Nach einer Viertelstunde erschallt das zweite Zeichen, welches die Herrschaften an die Wirtstafel ruft und nach Verfluss einer Stunde wird endlich dem aufwartenden Gesinde, das vom blossen Zusehen nicht satt werden kann, auch zum Essen geläutet. Im Staadhofe findet die gleiche Einrichtung statt.

Wer sich ohne Familie in Baden befindet, speist vorzugsweise an den verschiedenen Wirtstafeln, weil das Alleinessen selten schmeckt. Auch ganze Familien halten ihre Mahlzeiten häufig mit der grösseren Gesellschaft. Es kommt hierbei auf den Liebhaber an. Wenn auf der einen Seite das Zusammenspeisen aller Gäste die Geselligkeit fördert, so haben auf der anderen doch die Wirtstafeln, zumal in Bädern, auch ihre Nachteile. Wer vermag seine Gelüste immer so im Zaume zu halten, dass er nie in Versuchung geriete, sich durch den Genuss von mancherlei, oft gar nicht auf die Kur berechneten Leckerbissen den Magen zu verderben? Eine wahre Qual ist die Musik, welche an den Wirtstafeln das Gehör der Speisenden täglich betäubt und ihre oft ohnehin schon angegriffenen Kopfnerven mit pompösen Märschen und rauschenden Walzern erschüttert, als müsste man durchaus jeden Bissen nach dem Takte kauen und dürfte mit seinem Nachbar kein vernünftig zusammenhängendes Wort sprechen. Den Gästen werden nach chronologischer Ordnung, wie sie im Bad angelangt sind, ihre Plätze angewiesen, was überall eingeführt und allerdings nötig ist, um jeden Rangstreit zu verhüten. Allein dadurch kommt man sehr oft gerade neben Unbekannte zu sitzen, mit welchen man in keinerlei Beziehung steht und muss mit vergeblicher Sehnsucht ans andere Ende der Tafel auf befreundete Gestalten schielen, mit denen man gern ein unterhaltendes Gespräch anknüpfen möchte und welche auf ihrer Seite ebenso unpassend umgeben sind. Das Essen dehnt sich immer in die Länge. Man bricht nicht gern früher als die übrige Gesellschaft auf, man wird nach aufgehobener Tafel in weitschweifige Gespräche verwickelt und am Ende gibt es noch Einladungen zum Kaffee, die man nicht wohl ablehnen darf und bald nachher erwidern muss.

Wer hingegen ruhebedürftig, im Familienkreis auf seinem Zimmer speist, hat es im Grunde daselbst weit gemächlicher, nur so viel und gerade diejenigen Schüsseln, welche man vorzüglich liebt oder bedarf, und die Kinder, welche vor dem zwölften Jahr nie an Wirtstafeln mitgebracht werden sollten, können von keinen allzu gefälligen Nachbarinnen mit Naschereien überfüttert werden und hören keine Gespräche, die nicht für ihr Alter passen. Ich halte es für einen der grossen Vorzüge von Baden, dass es hier noch immer einem jeden frei steht, sich nach Willkür auf seinem Zimmer bedienen zu lassen.

Im Hinterhofe habe ich sowohl die Speisen an der öffentlichen Tafel als diejenigen, welche ich mir auf mein Zimmer bringen liess, immer gut zubereitet gefunden, auch sind die Portionen hinreichend für jeden, der nicht aus dem Geschlecht der Gargantua stammt. Und wenn im Staadhofe bei gleicher, vielleicht grösserer Mannigfaltigkeit der Gerichte die Kocherei nicht immer gleich sorgfältig behandelt werden kann, so ist das nur der Fall, wenn gar zu viele Gäste auf einmal bewirtet werden müssen. In andern Häusern habe ich noch nie gespeist. Wer indes einen hohen Wert auf Leckerbissen setzt und eine gastronomische Kur gebrauchen will, der muss von hier nach Schinznach reisen.

Gemüse, zumal feinere, sind in Baden noch immer etwas selten. Die Wirte haben nicht Zeit, dergleichen durch ihre eigenen Leute im Überfluss pflanzen zu lassen; sie müssen dieselben den Stadtbürgern, die allmählich anfangen, welche zu bauen, sehr teuer bezahlen, und die benachbarten Bauern verstehen nichts von Gartenkultur und denken nicht daran, dass sie damit ein einträgliches Gewerbe treiben könnten. Wer also feinere vegetabilische Nahrung andern Speisen vorzieht, tut wohl, sich alle Wochen ein paarmal frische Gemüse von Zürich kommen zu lassen, was durch die Schiffe bequem und wohlfeil geschehen kann.

Auf dem Zimmer speist man indes auch nicht immer ganz ungestört. Da ist des Anpochens kein Ende. Die Zuckerbäckerinnen machen um diese Zeit wieder ihre Runde, und Kinder von den benachbarten Weilern strecken ihre oft mit unreinen Händen gepflückten Erd-, Heidel- und Brombeeren auf schmutzigen, zinnernen Tellern durch die von ihnen selbst geöffnete Türe herein und räumen selten den Fleck, bis sie sich, ohne eigentlich arm zu sein, etwas Brot oder andere Lebensmittel erbettelt haben. Dergleichen Früchte sollten bloss auf bestimmten Plätzen feilgeboten werden, wie es mit anderem Obst auf dem heissen Stein vor dem Staadhofe geschieht.

Auf den Gassen wird man sonst hier durch keinerlei Bettel belästigt. Die überall verteilten Landjäger halten streng auf Zucht und Ordnung. Sie richten auch kleine Aufträge in der Nachbarschaft aus und überbringen den Gästen die mit den Schiffen anlangenden Pakete und Briefe.


Die Matte.

DER LITERARISCHE NACHMITTAG

Wer an keiner Wirtstafel gespeist hat und gleich nach dem Essen lieber ein stilles Stündchen im Freien zubringt, statt sich beim Nachtisch in den dumpfen, geräuschvollen Sälen zu verweilen und mit allerlei Badgästen in allen Winkeln stehen zu bleiben und zu plaudern, der findet bis gegen drei Uhr die Matte meistens einsam. Bei der grössten Hitze ist es da immer kühl und schattig im Grünen. Man setzt sich auf die untere Bank an die Limmat, wo der muntere Strom seine klaren Wellen rauschend vorübertreibt, auf welchen malerische Reflexe schwimmen und je nach der verschiedenen Beleuchtung in wechselnden Farben spielen. Oder man begibt sich auf die Bank unter der Linde am hintersten Ende des Platzes. Hat man Frau und Kinder bei sich, so spielen die Kleinen auf dem ebenen Wiesenplan, indes die liebe Gefährtin strickend die ausgelassene Jugend im Auge behält, dass sie sich nicht zu nahe an das reissende Wasser hinwage. Der Mann raucht gemütlich sein Pfeifchen, dazwischen wird traulich geplaudert oder etwas gelesen. Wer nähme nicht gern ein paar unterhaltende Bücher mit sich nach Baden? Die anziehendste Lektüre ist immer diejenige, welche von einem bedeutenden Orte handelt, an dem man sich eben befindet und Stoff zu Vergleichungen über Sitten und Gebräuche der Vorzeit mit der Gegenwart darbietet.

Die Literatur über Baden ist ziemlich reichhaltig. Es haben unter anderen davon geschrieben:

J.F. Poggio Bracciolini, genannt der Florentiner, im Jahr 1417.

Henr. Gundelfinger, Canonicus Ecclesiae Beronensis. 1489. Ein seltenes Manuskript.

Alexander Sytz, von Marbach: Menschliche Lebens-Art und Ursprung und wie man das befristen soll durch die Wildbäder zu Oberbaden. Auch von deren Kraft, Tugend und Eigenschaft, und wie man sich darinnen halten soll. Basel 1510.

Dieses Buch, obgleich es oft angeführt wird, ist selten mehr zu finden und eigentlich eher eine allgemeine Anleitung zum Gebrauch der Bäder als eine Beschreibung derjenigen von Baden insbesondere. Sytz scheint sich als Arzt und Geburtshelfer in Baden aufgehalten,* dort aber durch politische Umtriebe so unnütz gemacht zu haben, dass er auf Befehl der regierenden Stände durch den Landvogt eingezogen ward und das Urteil erging, er solle Urfehde schwören und das Land verlassen. Darüber erschraken die Frauen von Baden und erliessen eine Bittschrift an die Stände, welche ich ihrer Eigentümlichkeit wegen in einer Beilage am Ende dieses Buches einrücke. Das Original befindet sich in der Sammlung des Herrn Schultheiss von Mülinen zu Bern.

Sebastian Münster, in seiner Cosmographia universalis. 1550.

Conrad Gessner, in dem zu Venedig gedruckten Werk: De Thermis et Fontibus Medicatis Helvetiae et Germaniae. 1552.

Darin sind Auszüge aus Gundelfingers Werk und ist auch Alexander Sytz erwähnt.

Dr. Joh. Jac. Huggelin, in seinem Büchlein:* Von heilsamen Bädern des Teutschenlands. 1559.

Dr. Georg Pictorius in seinem Baderbüchlein. Ganz kurzer Bericht von allerhand einfachen und 38 komponierten mineralischen Deutschlands Wildbädern etc. 1560.

Dr. Heinrich Pantaleon. 1578.

Michel de Montaigne. 1580.

Ohne den Namen des Verfassers und ohne Angabe des Druckortes erschien im Jahre 1619 ein Buch in Folio unter dem Titel: Kurze und eigentliche Beschreibung des Ursprungs, Kraft, Nutzbarkeit und Gebrauchs des edlen, weitberühmten warmen Bads zu Baden im Aargau in der lobl. Eidgenossenschaft etc. Dasselbe ward im Jahre 1683 zum zweiten und 1730 zum dritten Mal in Baden wieder aufgelegt, ist selten geworden und soll kurze veraltete Sätze über den Gebrauch und die Kräfte dieses Bades enthalten.24 Matthäus Merian in seiner Topographie. 1642.

Joh. Jac. Wagner in seinem Mercurius Helveticus. 1688.

Salomon Hottinger: Thermae Argoviae-Badenses; d. i. Eigentliche Beschreibung der warmen Bäder zu Baden. 1702.

Abraham Ruchat in seinen Délices de la Suisse, 1714, unter dem geborgten Namen Gottlieb Kypseler de Münster. Dieses Buch ist in der Folge noch mehrmals aufgelegt und verbessert worden.

Joh. Jac. Scheuchzer, zuerst in seiner Hydrographia Helvetica. 1717. Ein Auszug aus Salomon Hottingers Werk nebst beigefügten eigenen Bemerkungen.

Dann in den Actis Academiae Naturae Curiosorum. 1730: Otia aestivalia circa Thermas Badenses Helveticas, und daselbst auch: De Salis Badensis thermalis effectu und von den sich gern in diesen Bädern aufhaltenden Heimchen (Grilli).

Ferner ein eigenes Werk in Quart nebst sechs Kupferstichen: Vernunftmässige Untersuchung des Bads zu Baden, dessen Eigenschaften und Wirkungen. 1732.

Und endlich in der zweiten Ausgabe seiner Naturhistorie des Schweizerlands. 1752.

Dav. F. de Merveilleux: Amusements des Bains de Bade en Suisse. 1739.

Hs. Heinr. Bluntschli in seinen Merkwürdigkeiten der Stadt und Landschaft Zürich. 1742.

Und Anton Werdmüller in der Fortsetzung dieses Werkes. 1780.

Hs. Jac. Leu in seinem allgemeinen Helvetischen Lexicon. 1747–1764.

Und Hs. Jac. Holzhalb in seinen Supplementen zu Leus Lexicon. 1786.

David Herrliberger in seiner Topografie der Eidgenossenschaft. 1758.

Andreae in seinen Briefen aus der Schweiz nach Hannover geschrieben im Jahre 1763.

Joh. Conrad Fäsi in seiner Staats- und Erdbeschreibung der ganzen Helvetischen Eidgenossenschaft. 1768.

Joh. Conrad Füssli in seiner Staats- und Erdbeschreibung der schweizerischen Eidgenossenschaft. 1772.

C. F. Morell in seiner Chemischen Untersuchung der Gesundbrunnen und Bäder in der Schweiz. 1788.

Joh. Gottfr. Ebel in seiner Anleitung, die Schweiz zu bereisen. 1793, 1804 und 1809.

Hs. Rudolf Maurer: Lokalbeschreibung des Heilbads zu Baden in der Schweiz, im Archiv gemeinnütziger physischer und medizinischer Kenntnisse, herausgegeben von Dr. Joh. Heinrich Rahn, Kanonicus, III. B. 2te Abtlg. 1791, und in seinen Kleinen Reisen im Schweizerland. 1794.

Fr. Seb. Dorer: Wirkungen des natürlichen warmen Mineral-Bades zu Baden. 1806.

Ludw. Meyer, M. Dr., und dessen Sohn, in den Neujahrsgeschenken der Zürcherischen Jugend gewidmet von der Gesellschaft zum Schwarzen Garten. 1808 und 1809.

Zschokke in seiner Beschreibung des Kantons Aargau im Helvetischen Almanach fürs Jahr 1816.

Die Legionen von Reisebeschreibungen und Almanachen, welche auch von Baden etwas melden, anführen zu wollen, wäre ein beschwerliches und fruchtloses Unternehmen. Da nicht jedermann die angeführten Bücher gleich bei der Hand hat oder mit nach Baden schleppen möchte, so liefere ich hier zur Nachmittagsunterhaltung Auszüge verschiedener Schriften, welche von den hiesigen Sitten und Bräuchen früherer Zeiten und von einigen beinahe ganz vergessenen Merkwürdigkeiten Kunde geben, und erzähle zwischenein, was ich sonst darüber in Erfahrung gebracht habe.25 Hätten wir nur auch etwas Umständlicheres und mehr Charakteristisches aus den Zeiten der alles verschönernden Römer anzuführen, als was Tacitus nur mit ein paar Worten oberflächlich und unbefriedigend davon sagt.

Die Bäder von Baden wurden erst im Mittelalter, nachdem sie durch Eroberung an die Eidgenossen gekommen, zur Zeit der Konstanzer Kirchenversammlung allgemeiner und auch im Auslande bekannt. Indes in Konstanz religiöse und politische Zänkereien vorfielen, mächtige Fürsten in Acht und Bann getan und Ketzer verbrannt wurden, pflegte man in Baden des Leibes und ergötzte sich so harmlos und ungestört, dass viele fremde Prälaten und Herren aus der Kirchenversammlung dahin reisten, um von den Mühseligkeiten ihrer wichtigen Verhandlungen auszuruhen.

Auch Joh. Franz Poggio, genannt Bracciolini, geboren im Florentinischen im Jahr 1380, einer der grössten Wiederhersteller der Wissenschaften im 15. Jahrhundert und 40 Jahre lang Sekretär von zehn verschiedenen Päpsten, begleitete nebst dem Geschichtsschreiber Lionardo Aretino den Papst Johann XXIII. nach Konstanz, besuchte von dort aus die Bäder von Baden und beschrieb seinen Aufenthalt daselbst in einem zierlichen lateinischen Brief an seinen Freund Nicolo Nicoli, welcher ebenfalls ein grosser Gelehrter jener Zeit war. Obgleich dieser Brief in Poggios gedruckten Werken steht und durch verschiedene deutsche Übersetzungen sich in vielen Händen befindet, so lasse ich denselben dennoch seinem ganzen Umfange nach, so wie er im Helvetischen Almanach fürs Jahr 1800 erschienen ist, hier abdrucken, weil wir durch dessen Inhalt uns eine lebhafte Vorstellung von der damaligen Lebensart in Baden bilden können.

Als Poggio diese Reise machte, war er ein Geistlicher, vermählte sich aber nachher, starb erst im Jahre 1459 als Kanzler der Republik Florenz und hinterliess mehrere Söhne.

JOHANN FRANZ POGGIO AN NICOLO NICOLI, AUS BADEN IM JAHR 1417.

Ich schreibe Dir diesen Brief aus den hiesigen Bädern, wohin mich die Gicht an den Händen getrieben und denke, sie verdienen es, sowohl die Lage und Anmut derselben als die Sitten der sich hier aufhaltenden Gäste und ihre Badensweise Dir zu schildern.

Die Alten machten viel Redens von den Bädern zu Puteoli, wohin beinahe ganz Rom, um sich zu erlustigen, zusammenfloss. Allein nach meiner Meinung kamen dieselben in dieser Rücksicht den hiesigen nicht bei und leiden überhaupt keine Vergleichung mit ihnen. Dort trug die Schönheit der Gegend und die Pracht der umliegenden Landhäuser mehr als das Baden und die fröhliche Gesellschaft zu den Vergnügen des Ortes bei. Hier hingegen gewährt die Lage dem Gemüt keine oder doch nur sehr geringe Ergötzung. Alles andere aber hat so unendlichen Reiz, dass ich mir öfters träumen konnte, Cypria selbst und was sonst die Welt Schönes in sich fassen mag, sei in diese Bäder gekommen, so sehr hält man hier auf die Bräuche dieser Göttin, so sehr findest Du da ihre Sitten und losen Spiele wieder; und so wenig die guten Leute Heliogabals26 Rede gelesen haben, so vollkommen scheinen sie doch von Mutter Natur selbst hierin unterrichtet zu sein. Vor allen Dingen noch ein Wort vom Weg, der von Konstanz hierher führt, damit Du wissest, in welchem Teil Galliens27 unsere Bäder gelegen seien.

Den ersten Tag fuhren wir in einem kleinen Nachen auf dem Rhein bis Schaffhausen sechs Meilen weit, hernach mussten wir des hohen Falles wegen, den dort der Fluss über abgerissene schroffe Felsen macht, anderthalb Meilen zu Fuss gehen und kamen so zu dem jenseits des Rheins gelegenen Schloss Kaiserstuhl, wo, aus dem Namen zu schliessen, die Römer (der vorteilhaften Lage wegen auf einem hohen Hügel an dem Strome, wo Gallien mit Germanien durch eine kleine Brücke verbunden wird) einst ein Lager gehabt. Auf unserer Strasse sahen wir, wie gesagt, den Rhein von einem hohen Berg über dazwischen stehenden Klippen mit einer Wut und einem Getöse sich herabstürzen, dass man glauben sollte, er bejammere selbst seinen Fall. Hier fiel mir ein, was man von den Katarakten des Nils erzählt, dass nämlich die daran wohnenden Menschen von dem Geräusch und Geprassel taub werden, da man das schon von diesem Flusse, der doch gegen jenen nicht viel mehr als ein Waldbach ist, fast eine halbe Stunde weit hört.28

Endlich kamen wir nach Baden, einer ziemlich wohlhabenden Stadt, die in einem von Bergen rundum eingeschlossenen Tal an einem grossen, schnell laufenden Flusse liegt, welcher anderthalb Meilen unter dem Ort sich in den Rhein ergisst.

Ungefähr eine Viertelstunde von der Stadt nun, dicht am Flusse, hat man zum Gebrauch der Bäder einen schönen Hof angelegt, in dessen Mitte sich ein grosser Platz befindet, ringsum von prächtigen Gasthäusern umgeben, die eine Menge Menschen fassen können. Jedes Haus hat sein eigenes Bad, dessen sich nur diejenigen bedienen, die in demselben wohnen. Die Zahl der öffentlichen Privatbäder beläuft sich zusammen an die 30. Für die niedrigste Klasse des Volkes indessen sind zwei besondere von allen Seiten offene Plätze bestimmt, wo Männer, Weiber, Jünglinge und unverheiratete Töchter, kurz alles, was vom Pöbel hier zusammenströmt, zugleich baden. In diesen befindet sich eine die beiden Geschlechter absondernde Scheidewand, welche jedoch nur Friedfertige abhalten könnte; und lustig ist es anzusehen, wie da zugleich alte abgelebte Mütterchen und junge Mädchen nackt vor aller Augen hinabsteigen und das, was sonst jedermann sorgfältig verbirgt,29 den Mannsbildern preisgibt. Mehr als einmal hat mich dieser köstliche Spektakel belustigt. Die floralischen Spiele sind mir dabei eingefallen und ich habe bei mir selbst die Einfalt dieser guten Leute bewundert, die ebenso wenig ihr Auge darauf richten, als sie dabei das mindeste Arge denken oder reden.

Nun die besonderen Bäder in den Gasthöfen betreffend, so sind diese sehr schön ausgeputzt und beiden Geschlechtern gemeinsam. Zwar werden dieselben durch ein Getäfel gesondert, worin aber verschiedene Ablassfensterchen angebracht sind, durch welche man zusammen trinken und sprechen und sich so gegenseitig nicht bloss sehen, sondern auch berühren kann, wie dann dies alles häufig geschieht. Nebendem sind in der Höhe Gänge angebracht, wo sich Mannspersonen zum Sehen und Plaudern einfinden, und wohlverstanden steht da jedem frei, in des andern Bad einen Besuch zu machen, zu scherzen, sein Gemüt zu erheitern, und beim Eintritt ins Bad sowie beim Aussteigen hübsche Frauen am grössten Teil des Leibes nackt zu schauen. Also keine Posten bewahren hier die Zugänge, keine Türen, zumal keine Furcht des Unanständigen, verschliessen sie. In mehreren Bädern treten sogar beide Geschlechter durch denselben Eingang ins Bad und nicht selten trägt sich’s zu, dass die Mannsperson einem nackten Frauenzimmer und umgekehrt begegnet. Doch binden die Männer eine Art von Schürze vor und die Weiber haben ein linnen Gewand an, welches aber von oben bis in die Mitte oder an der Seite offen ist, sodass weder Hals noch Brust noch Arme noch Schultern damit bedeckt sind. Im Bade selbst speisen sie öfters von allseitig zusammengetragenen Gerichten an einem Tisch, der auf dem Wasser schwimmt, wobei sich natürlich auch die Männer einfinden. In dem Haus, wo ich badete, wurde auch ich eines Tages zu einem solchen Fest eingeladen. Ich gab meinen Beitrag, ging aber, obwohl man mir gleich sehr zusetzte, nicht hin und zwar nicht aus Schüchternheit, die man hier für Faulheit oder bäurisches Wesen hält, sondern weil ich die Sprache nicht verstand. Denn es kam mir abgeschmackt vor, dass ein des Deutschen unkundiger Welscher stumm und sprachlos zwischen Schönen einen ganzen Tag im Bad bloss mit Essen und Trinken zubringen sollte. Zwei meiner Freunde hingegen fanden sich wirklich ein, assen, tranken, schäkerten, sprachen durch einen Dolmetsch mit ihnen, wehten ihnen mit einem Fächer Kühlung zu und, kurz, belustigten sich sehr. Denn nichts fehlte an dem Schauspiel als die Vorstellung Jupiters, wie er durch den goldenen Regen auf Danaen wirkte u. s. f., und waren zwar meine Gefährten mit dem Linnengewand bekleidet, das auch Männer anzulegen pflegen, wenn sie in Frauenzimmerbäder geladen werden. Ich sah dann alles von der Galerie, die Sitten und Gewohnheiten dieser Ehrenleute, ihr gutes Essen, ihren angenehmen, zwanglosen Umgang. Wunderbar ist es zu sehen, in was für einer Unschuld sie leben und mit welch unbefangenem Zutrauen die Männer zuschauten, wie Fremde gegen ihre Frauen sich Freiheiten herausnahmen, nichts beunruhigte sie; alles deuteten sie zum Besten aus, oder vielmehr, sie gaben nur nicht Acht darauf. Denn nichts ist so schwer, das nach den Sitten dieser guten Menschen nicht federleicht wird. In Platons Republik, deren Sitten alles gemeinsam machen, hätten sie sich trefflich benommen, da sie schon ohne seine Lehre zu kennen, sich so zu seiner Sekte neigen.

Einige dieser Bäder gebrauchen, wie schon gesagt, Manns- und Frauenpersonen zugleich, wenn sie untereinander durch Bande des Bluts oder der Freundschaft verbunden sind. Mancher besucht täglich drei bis vier solcher Bäder und bringt da den grössten Teil seines Tages mit Singen, Trinken und nach dem Bade mit Tanzen zu. Selbst im Wasser setzen sich einige hin und spielen Instrumente. Nichts aber kann reizender zu sehen oder zu hören sein, als wenn eben mannbare oder schon in voller Blüte stehende Jungfrauen mit dem schönsten offenen Gesicht, an Gestalt und Benehmen Göttinnen gleich, in diese Instrumente singen, ihr leichtes zurückgeworfenes Gewand auf dem Wasser schwimmt und jede eine andere Venus ist. Dann haben sie die artige Sitte, wenn Männer ihnen von oben herab zusehen, sie scherzweise um ein Almosen zu bitten. Da wirft man, zumal den Hübschen, kleine Münzen zu, die sie mit der Hand oder mit dem ausgebreiteten Linnengewand auffangen, indem eine die andere wegstösst, und werden bei diesem Spiel eben nicht selten auch die geheimeren Schönheiten enthüllt. Ebenso wirft man ihnen auch aus allerlei Blumen geflochtene Kränze hinab, mit denen sie sich das Köpfchen schmücken.30

Diese vielfältige Gelegenheit, das Auge zu ergötzen und den Geist zu ermuntern, hatte einen so grossen Reiz für mich, dass ungeachtet ich selber täglich zweimal badete, ich noch die übrige Zeit mit dem Besuch anderer Bäder zubrachte und ebenfalls Münzen und Kränze hinunterwarf wie die anderen. Denn unter diesem immerwährenden Geräusch und Klang und Gesang war da weder zum Lesen noch zum Denken Zeit. Und hier allein weise sein wollen, wäre die grösste Torheit gewesen, zumal für einen, der kein selbstpeinigender Menedem und dem nichts Menschliches fremd ist. Zur höchsten Lust mangelt freilich noch die Unterhaltung durch Gespräche, die denn doch unter allen die vorzüglichste ist. Mir blieb also nichts übrig, als die Augen an den Schönen zu weiden, ihnen nachzugehn, sie zum Spiele zu führen und wieder zurückzugeleiten. Auch war zum näheren Umgange Gelegenheit da und so grosse Freiheit dabei, dass man sich eben um die gewohnte Stufenleiter der Bewerbung um Gunst und Zuneigung nicht zu bekümmern brauchte. Ausser diesen Vergnügungen gab es dann noch eine andere von nicht geringem Reize. Hinter den Höfen, allernächst dem Flusse, liegt nämlich eine grosse, von vielen Bäumen beschattete Wiese. Hier kommt nach dem Essen jedermann zusammen und belustigt sich mit Gesang, Tanz und mancherlei Spielen. Die meisten spielen Ball, aber nicht wie bei uns, sondern Manns- und Weibspersonen werfen sich, jedes dem, den es am liebsten hat, einen solchen Ball zu, worin viele Schelten sind. Alles läuft zu, ihn zu haschen; wer ihn bekommt, hat gewonnen und wirft ihn wieder seinem Geliebten zu, alles streckt die Hände empor, ihn zu fangen, und wer ihn hält, tut, als ob er ihn bald dieser, bald jener Person zuschanzen wollte. So viele andere tausend lustige Ergötzlichkeiten muss ich der Kürze wegen übergehen und gab Dir nur das Pröbchen von einigen, um Dir einen Begriff zu machen, was hier für eine grosse Gesellschaft von Epikuräern sei. Bald glaube ich, da sei der Ort, wo der erste Mensch geschaffen worden, den die Hebräer «Gan Eden», d. i. den Garten der Wollust, nennen; denn falls anderes uns diese Glückseligkeit verschaffen kann, so sehe ich nicht, was dem Orte hier fehlte, um solche vollkommen zu gewähren.

Fragst Du mich denn, Freund, weiter, zumal nach der Kraft des hiesigen Wassers, so ist dieselbe eben sehr verschieden und mannigfaltig, in einigen Stücken aber besonders gross und fast göttlich. Denn auf der ganzen Welt, glaube ich, ist kein Bad, welches mehr die weibliche Fruchtbarkeit fördert. Kommt eine Frauensperson hierher, deren Leib verschlossen ist, so erfährt sie bald die bewunderungswürdige Wirkung dieser Bäder, wenn sie nur geflissen die Mittel anwendet, welche die Kunst den Unfruchtbaren vorschreibt.

Unzählbar ist übrigens die Menge der Vornehmen und Gemeinen, die, nicht sowohl der Kur als des Vergnügens wegen, von hundert Meilen weit hier zusammenkommen. Alle die lieben, alle die heiraten wollen oder wer sonst das Leben im Genusse setzt, strömen hierher, wo sie finden, was sie wünschen. Viele geben körperliche Leiden vor und sind nur am Gemüte krank. Da sieht man hübsche Frauen die Menge, die ohne ihren Mann, ohne Verwandte, nur in Begleitung zweier Mägde und eines Dieners hier anlangen, oder etwa ein altes Mütterchen von Muhme, die sich leichter hintergehen als bestechen lässt. Jede aber zeigt sich so viel als möglich in Gold, Silber und Edelstein, sodass man denken sollte, sie wären nicht ins Bad, sondern zu der prächtigsten Hochzeit gekommen. Auch Nonnen oder, richtiger zu reden, floralische Jungfrauen, Äbte, Mönche, Ordensbrüder und Priester leben hier noch in grösserer Freiheit als alle übrigen. Letztere baden sich wohl gar mit dem Frauenzimmer, schmücken ihr Haar mit Kränzen und vergessen allen Zwang ihrer Gelübde. Alle nämlich haben einerlei Absicht, Traurigkeit zu verbannen, Vergnügen zu suchen, keinen Gedanken zu haben, als wie sie das Leben und seine Freuden geniessen mögen. Keiner bemüht sich, dem Gemeinschaftlichen etwas zu entziehen, vielmehr sucht jeder das Besondere allgemein zu machen. Und zum Erstaunen ist es, wie bei einer so grossen Menge (es mögen immer an die tausend Menschen da sein), bei so verschiedenen Sitten, in einem so freudentrunkenen Gemisch keine Händel, kein Zwist, kein Schimpfwort, kein Murmeln noch Beschweren des einen über den andern entstehen. Da sehen Männer, wie mit ihren Weibern getändelt wird, und treffen sie mit einem wildfremden Mann unter vier Augen an; das alles bewegt sie nicht, sie wundern sich über nichts und glauben, dass alles auf die eingezogenste Art, im Vertrauen des redlichsten Hausfreundes geschieht. So ist der Teufel der Eifersucht, der anderswo alle Männer plagt, hier ein unerhörter Gast, und da sie die Sache nicht kennen, auch dem Namen nach unbekannt. Sitten, wie unähnlich den unsrigen! Wir Welsche sehen alles von der schlimmsten Seite an und finden an Verleumden und Verkleinern Geschmack, dass, wo der schwächste Schein zum Argwohn ist, wir sofort auf die schwärzesten Verbrechen schwören. Schon mehr als einmal habe ich daher die unzerstörbare Gemütsruhe dieser guten Menschen beneidet und dagegen unsere verkehrte Denkart verwünscht, die wir immer klagen, immer begehren, durch keinen Gewinn befriedigt, durch keinen Wucher gesättigt, Himmel und Erde umkehren wollen, um nur Geld zu erwerben. Da werden wir von ewigem Kummer und Angst umhergetrieben und erbeben meist vor erst künftigem Elend. Um nicht unglücklich zu werden, hören wir nie auf, unglücklich zu sein, starren mit unverwandtem Blick unseren Mammon an und wissen weder dem Leib noch dem Geist gütlich zu tun. Diese Glücklichen hingegen, mit Wenigem vergnügt, leben nur für heute, machen sich jeden Tag zum Feste, verlangen nicht nach Reichtum, der ihnen wenig nützen kann, freuen sich dessen, was sie haben und zittern nie vor der Zukunft. Begegnet ihnen Widriges, so tragen sie es mit Geduld, und ihr grösster Schatz ist der Wahlspruch: Der lebte, der sein Leben genoss!

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