Kitabı oku: «Seewölfe Paket 34», sayfa 15

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4.

Was dann geschah, wußte keiner mehr genau zu sagen. Aber auf eine grauenhafte Art hatte sich die Hölle aufgetan.

Zwei Culverinen wurden gleichzeitig gezündet.

In dem fast finsteren Teil des Batteriedecks entstand für einen winzigen Augenblick eine gleißende Helligkeit. Sie war so grell, als sei urplötzlich die Sonne unter Deck aufgegangen.

Ein paar Spanier nahmen diesen Eindruck als ihren letzten im Leben in sich auf. Den berstenden, infernalisch brüllenden Donner hörten sie nicht mehr.

Zwei Rohre krepierten in einem wilden Glutball. Schwere Bronzestücke, scharfkantig wie Meteoriten, flogen durch das Deck. Sie fetzten ins Holz und schlugen es kurz und klein. Eine der zerstörten Culverinen raste zurück, zerriß die Brooktaue wie Zwirnfäden und donnerte als riesiges Trümmerstück durch ein Schott.

Aus dem Batteriedeck drang ein gellender Schrei, der nichts Menschliches mehr an sich hatte.

Der ohrenbetäubende Lärm und der grelle Schrei ließ den Männern auf dem Oberdeck das Blut in den Adern gefrieren. Es hörte sich ganz so an, als sei die „Aguila“ selbst zweimal hintereinander getroffen worden.

Garcia wechselte die Gesichtsfarbe. Er schluckte verstört und stierte nach unten, wo dichter, schwarzer Qualm aus den Stückpforten drang. Er glaubte, in dem Nebel größere Holzbrocken davonfliegen zu sehen.

„Schnell, nach unten!“ schrie er und hastete los. Mit langen Sätzen stürmte er über den Niedergang ins untere Deck. Der Erste Offizier folgte ihm zitternd.

Unter Deck sah es verheerend aus, das erkannte er trotz der schlechten Sicht auf den ersten Blick. Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er die Verwüstungen sah.

An einer Stelle flackerte ein winziges Feuer ganz in der Nähe etlicher Pulverfässer.

Garcia rannte mitten in das Feuer und trat wie ein Wahnsinniger mit den Stiefeln darauf herum. Unter seinen Absätzen stoben kleine Funken auf. Dann stolperte er über etwas, das in verkrümmter Haltung auf den Planken lag.

Sein erster Eindruck war der, daß der Bastard gefeuert und auch getroffen hatte. Beim zweiten Blick erkannte er die entsetzliche Wahrheit und stöhnte laut auf.

Der Erste stand neben ihm und starrte mit offenem Mund auf das Chaos, das sie von allen Seiten umgab.

„Madre de Dios“, stammelte er.

Zwei Kanonen waren regelrecht zerfetzt worden. Ihre Rohre waren nur noch zersplitterte Stümpfe, scharf gezackt, von einer gewaltigen Explosion zerrissen und zerfetzt. Die Bronzestücke hatten das Deck verwüstet und ein Faß mit Schießpulver umgeworfen. Eine Kanone hatte das Schott durchschlagen und einen Schattenriß hinterlassen. Samt der zweirädrigen Lafette hatte sie sich durch das Holz gebohrt.

Die andere Culverine qualmte noch aus dem Stumpf, der vormals das Rohr war. Der Torso zeigte genau auf ihn, und im letzten Teil des Inneren sah er das Rohr noch glühen.

Der Stückmeister lag unmittelbar davor. Er hatte keinen Kopf mehr. Drei weitere Männer waren ebenfalls tot. Einer war nur leicht verletzt, aber völlig benommen. Er hockte auf den Planken und lachte, bis sein Lachen in ein haltloses Schluchzen überging.

„Zwei Rohre sind krepiert“, sagte Garcia fassungslos. „Das ist ein Tag des Unheils. Die Trümmer haben die Männer getötet.“

Er bückte sich und drehte einen Mann auf den Rücken. Schaudernd wandte er das Gesicht ab.

„Kein Licht entzünden!“ schrie Garcia. „Überall ist Schießpulver verstreut! Wir würden uns selbst in die Luft jagen. Rufen Sie ein paar Leute, Molina. Sie sollen Pützen mit Wasser mitbringen. Vorerst wird hier nichts angefaßt.“

„Wie konnte das nur passieren?“ fragte der Erste erschüttert. „Die Geschütze sind doch sicher bei der vorschriftsmäßigen Bedienung.“

„Das weiß ich noch nicht“, erwiderte Garcia. Seine Stimme klang seltsam hohl wie ein Echo. „Aber vermutlich hat der Kerl zuviel Pulver in die Stücke einfüllen lassen.“

„Das kann ich nicht glauben, Capitán. Der Stückmeister ist ein zuverlässiger Mann.“

„Er war einer“, korrigierte Garcia scharf. „Aber das ist nicht mehr ganz so sicher. Ich werde das nachher überprüfen lassen.“

Über den Niedergang hasteten Spanier mit Pützen. Bei dem grauenhaften Anblick fiel einem der Dons die Pütz aus der Hand. Das Seewasser ergoß sich über Garcias Stiefel.

Der Capitán holte aus und schlug zu. Es war ein Reflex, er schlug die Leute nie persönlich, dafür hatte er einen Zuchtmeister. Aber alle aufgestaute Wut und Aggression der letzten Stunde entluden sich jetzt, und als der Mann sich duckte, erhielt er einen zweiten Schlag, der ihn auf die Planken warf.

„Dorthin mit dem Wasser!“ schrie Garcia. „Die Disziplin hat verflucht gelitten. Aber ich werde wieder Ordnung in diesen Sauhaufen bringen. Verlaßt euch darauf! Ich werde auch den Kerl finden, dem wir das alles zu verdanken haben.“

Das Seewasser wurde über das Schießpulver gegossen, das auf den Planken verstreut war. Dann ließ Garcia die Fässer wegbringen und erst danach zwei Laternen entzünden, die das Deck notdürftig erhellten.

Der Verletzte wurde vom Feldscher versorgt. Ein weiterer Mann hatte Blutergüsse und Prellungen. Bei den anderen kam jede Hilfe zu spät.

Die Toten wurden nach oben gebracht. Sie sollten später in der Nähe der Siedlung begraben werden.

Den Kopf des Stückmeisters fanden sie nicht, so sehr sie auch alles absuchten. Er war spurlos verschwunden.

Den Dons rann ein Schauer nach dem anderen über die Rücken, wenn sie die Leiche des Stückmeisters sahen.

Als im Batteriedeck notdürftig alles aufgeklart war, erhielt der Zimmermann Anweisungen für die Reparatur, die morgen stattfinden sollte.

Garcia hatte sich in die Idee verrannt, daß es an Bord einen Saboteur geben müsse, weil die Ungereimtheiten sich häuften. Er ließ die Galeone von vorn bis achtern durchsuchen.

Aber es befand sich kein Fremder an Bord, und die Crew war vollzählig bis auf die bei der Explosion getöteten Männer.

Anschließend ernannte er einen neuen Stückmeister, und der mußte gleich antreten.

„Lassen Sie das Pulver aus den Culverinen schaufeln und genauer nachmessen!“ befahl er. „Ich wünsche äußerste Korrektheit dabei.“

Die Mannschaft wurde immer nervöser. Garcias Laune sank mehr und mehr auf den Nullpunkt, und die Männer mieden ängstlich seine Nähe.

Der Stückmeister ging mit zwei Gehilfen an die Arbeit, wobei Garcia ihm laufend erklärte, es sei absolut nicht normal, daß zwei Kanonen gleichzeitig explodieren könnten.

Bei der ersten Culverine wurden an Pulverladung exakt zwölf libras gemessen, was der Menge in englischen Pfunden entsprach.

„Wieder einfüllen. Die nächste Kanone“, befahl Garcia.

Bei der dritten wurde der Stückmeister fündig und traute seinen Augen nicht. Er schaufelte und schaufelte, und sein Adamsapfel ruckte dabei nervös auf und ab.

Garcia stand daneben. Sein Gesicht war kantig und sein Grinsen ein bösartiges Verziehen seiner Lippen.

„Sieh an“, sagte er leise. „Wieviel?“

„Mehr als zwanzig libras, Señor Capitán.“ Dem neuernannten Stückmeister brach der Schweiß aus allen Poren.

„Das kann nicht sein“, ächzte der Erste ungläubig. „Das tut keiner von uns, Capitán.“

„Dann war’s wohl wieder der bewußte Teufel, was? Der scheint hier immer mehr seine Hände im Spiel zu haben. Das muß der Stückmeister getan haben. Er war schließlich für die Stücke verantwortlich.“

„Er wird sich doch nicht selbst in die Luft jagen. Da müßte er ja verrückt sein.“

„Was glauben Sie denn, wer es war, Molina?“

„Ich weiß es wirklich nicht, ich kann es mir auch nicht vorstellen.“

„Jemand hat es während des Nebels eingefüllt“, behauptete Garcia. „Und dieser Jemand befindet sich mitten unter uns. Der Nebel ist so dicht, daß einer den anderen nicht sieht und schon gar nicht erkennt. Der Lumpenhund hatte leichtes Spiel.“

Mißtrauen breitete sich immer mehr aus. Jeder sah den anderen plötzlich mit scheelen Blicken an.

„Alle, die sich im Batteriedeck aufgehalten haben, melden sich nachher bei mir“, befahl Garcia. „Ich werde jeden einem peinlichen Verhör unterziehen, jeden einzelnen. Das gilt natürlich nicht für die Offiziere.“

„Vier präparierte Kanonen“, sagte der Erste ächzend. „Dabei kann es sich wirklich nicht mehr um ein Versehen handeln.“

„Vermutlich nicht“, sagte Garcia höhnisch.

Er wischte sich ärgerlich mit der Hand übers Genick, weil es irgendwo vom oberen Deck langsam, aber stetig tropfte.

Inzwischen wurden weitere Stücke überprüft. Erleichtert stellte der Stückmeister fest, daß die Pulverladungen stimmten. Der Saboteur hatte sein schändliches Werk auf vier Kanonen begrenzt, mehr hatte er zum Glück nicht geschafft, oder er war bei seinem Tun gestört worden.

Platsch! Ein dicker Tropfen fiel Garcia erneut ins Genick. Er fluchte verhalten.

„Sobald das Dreckwetter vorbei ist“, sagte er erbost, „wird das Oberdeck kalfatert. Es dringt ständig Wasser nach unten. Denken Sie daran, Molina. Hier unten muß es trocken bleiben. Eine Schweinerei ist das. Das Pulver könnte naß werden.“

„Ich werde daran denken“, versprach der Erste.

Der nächste Tropfen, der dem Capitán ins Genick fiel, versetzte ihn in rasende Wut. Er riß einem der betroffen herumstehenden Männer die Laterne aus der Hand und leuchtete nach oben.

Im trüben Widerschein der Funzel sah er den Kopf des Stückmeisters.

Er lag auf dem oberen Deckenbalken, wohin ihn der Explosionsdruck geschleudert hatte.

Eine dünne Blutspur rann als kleines Rinnsal von dem Balken hinunter. Von dort tropfte es weiter nach unten, und diese Tropfen waren Garcia ins Genick gefallen.

Der Capitán rührte sich für lange Augenblicke nicht. Wie hypnotisiert starrte er auf den Schädel des ehemaligen Stückmeisters.

Sein Atem ging stoßweise, und seine Lippen zuckten.

„Dieses – dieses – Ungeheuer!“ stieß er atemlos hervor. Die Hand mit der Laterne zitterte.

„Was ist denn, Señor Capitán?“ fragte der Erste. „Haben Sie …?“

Er folgte dem Blick Garcias und starrte ungläubig nach oben. Auch die anderen Männer an den Kanonen wurden jetzt aufmerksam.

Molina stieß einen lauten Schrei aus. Der Anblick war so schrecklich und grausam, daß er unwillkürlich schrie. Seine Zähne schlugen wie im Fieber aufeinander.

Erst als sein Schreien abrupt verstummte, entdeckten die anderen Männer den Kopf des Stückmeisters. Unter den abergläubischen Leuten brach fast eine Panik aus.

Einer der Kerle warf die Laterne auf die Planken, flüchtete laut brüllend und von namenlosem Entsetzen gepackt, quer durch das Batteriedeck und raste den Niedergang hinauf. Zwei Mann wichen aufschreiend zurück und bekreuzigten sich. Die anderen rannten ebenfalls los.

Garcia konnte es ihnen nicht mal verübeln. Er hob die Laterne auf und stellte sie auf die Planken. Mit verzerrtem Gesicht blickte er zu dem Ersten Offizier.

„Wir haben wirklich den Teufel an Bord“, flüsterte er so leise, daß Molina ihn kaum verstand.

5.

Der Monsunregen hatte noch mehr nachgelassen. Nur der Nebel blieb, und jetzt wurde es fast übergangslos Nacht.

Die Arwenacks lagen mit der Schebecke in der Bucht. Hasard hatte vor, das Schiff ein wenig aufzuslippen, doch der Tapti zog ihm einen dicken Strich durch seine Überlegungen.

Der Fluß war in den letzten beiden Stunden merklich gestiegen, aber noch nicht reißend geworden. Er hatte fürs erste nur sein Bett verbreitert und dehnte sich weiter in den umliegenden Dschungel aus.

Einen Tidenhub gab es nicht mehr. Er betrug zur normalen Zeit ohnehin nur ein knappes halbes Yard. Jetzt war der Unterschied längst verwischt und nicht mehr zu merken.

„Das wird schwierig werden“, sagte Ferris Tucker. „Wenn wir die Schebecke aufs Trockene bringen, hängen wir nach ein paar Stunden erneut im Wasser, oder wir sitzen irgendwo zwischen den Mangroven fest. Ein Gedanke, der mir nicht unbedingt behagt.“

„Der Regen hat nachgelassen“, entgegnete Hasard. „Kann durchaus sein, daß der Tapti nicht mehr weiter steigt. Nur der Nebel hält sich noch wie dicke Suppe.“

Ferris räusperte sich. Der Nebel hatte längst die Bucht eingehüllt, aber er war nicht mehr so kompakt wie zuvor. Hier trieben immer wieder wirbelnde Schwaden und Schleier. Hin und wieder riß der milchig-trübe Vorhang auch auf. Sie konnten sich dann zumindest gegenseitig erkennen.

„So schlimm wird es mit dem Ruder wohl nicht sein“, sagte der rothaarige Schiffszimmermann. „Es hängt ein bißchen, aber wir können es mit Bordmitteln reparieren. Es wird allerdings etliche Stunden dauern. Das läßt sich leider nicht ändern. Hoffentlich hält der Nebel wenigstens so lange noch, damit es den Bastarden nicht einfällt, uns in dieser Bucht einen Besuch abzustatten.“

„Das ist allerdings auch meine Befürchtung.“

Hasard lauschte in den Nebel. Da waren plötzlich Geräusche zu hören. Ein dumpfes Wummern, als bebe die Erde.

„Sie feuern wieder“, sagte Ben Brighton. „Die haben noch nicht mitgekriegt, daß wir uns längst verholt haben. Sollen sie ihr Pulver nur verschießen, diese Halunken.“

Seine Worte klangen erbittert und auch etwas wütend. Eine gewisse Hilflosigkeit sprach aus ihnen. „Wir sollten uns überlegen, wie wir ihnen zuvorkommen können, Sir. Mir geht es mächtig auf den Nerv, daß sie mit uns regelrecht Katz und Maus spielen. Diesmal sitzen wir in der Klemme, und es sieht nicht gut aus.“

„Mit dem beschädigten Ruder können wir gar nichts unternehmen, Ben“, sagte Hasard leise. „Mir behagt die Situation auch nicht, aber sie ist zur Zeit nicht zu ändern. Wir haben hier sowieso nichts mehr zu melden. Es bleibt uns nichts weiter übrig, als nach erfolgter Reparatur heimlich zu verschwinden. Was haben wir in Surat erreicht? Kein Hund nimmt auch nur einen Knochen von uns – nach allem, was bisher vorgefallen ist. Der Padischah würde sich freuen, uns noch einmal zwischen die Finger zu kriegen. Er muß vor Wut auf uns bersten, obwohl wir nichts Unrechtes getan haben. Wir haben uns lediglich befreit, um dem sicheren Tod zu entgehen. Ein Akt der reinen Notwehr, den ich selbst keinem anderen verübeln könnte.“

„Hier denkt man leider anders darüber.“

„Hier ist alles verpatzt worden, was man nur verpatzen kann. Die ganze Mission ist kläglich gescheitert.“

„Trotzdem müssen wir jetzt etwas unternehmen“, drängte Ben. „Das Ruder muß so schnell wie möglich repariert werden, damit wir wenigstens manövrierfähig sind. Als letzte Konsequenz bleibt uns dann nur das schmähliche Auskneifen vor dem Gegner.“

„Ha, wir und auskneifen!“ dröhnte Carberrys Stimme auf. „Lieber beiße ich mir in den Hintern, als vor diesen abgetakelten Rübenschweinen auszukneifen. Die Bastarde haben uns mit Intrigen und Hinterhältigkeiten in die bescheidene Situation manövriert, und dagegen sollten wir uns mit allen Mitteln wehren.“

„Was verstehst du unter allen Mitteln?“ fragte der Seewolf. „Vielleicht hat Don Juan was erreicht, aber das kann ich mir nur schlecht vorstellen. Was für Möglichkeiten haben wir denn noch mit einem angeschossenen und fast manövrierunfähigen Schiff?“

„Brandsätze“, knurrte der Profos, dem die Wut bis zum Hals stand. „Wir beharken den Don mit Brandsätzen, bis ihm alles um die Ohren fliegt.“

„Darüber habe ich schon mit Juan gesprochen. Mit den Brandsätzen können wir nicht viel ausrichten, solange es regnet.“

„Aber es regnet kaum noch“, wandte der Profos ein. „Das bißchen Wasser wird den Dingern kaum schaden. Wenn wir dem Don eins verpaßt haben, kneift der andere Bastard den Schwanz ein. Der segelt doch nur im Schatten der Kriegsgaleone mit und hat nur dann sein starkes Hemd an, wenn ihm jemand zur Seite steht. Ruthland allein haben wir nicht zu fürchten mit seinem Karavellchen.“

„Da magst du recht haben. Das Problem ist ja auch der Spanier. Den müssen wir erst mal loswerden.“

„Durch gutes Zureden segelt der bestimmt nicht nach Hause“, motzte der Profos.

Ferris und Shane waren unterdessen nach achtern gegangen und über die Rüste in die Jolle abgeentert. Die Zwillinge Hasard und Philip folgten ihnen mit Laternen. Ferris wollte eine erste Inspektion vornehmen, um zu sehen, wie stark die Beschädigungen waren. Danach sollte unverzüglich mit der Reparatur begonnen werden, sofern es möglich war.

Am Schiffsrumpf zogen sie sich mit der Jolle weiter nach achtern.

„Scheißnebel!“ schimpfte Ferris. „Auf dem Wasser sieht man kaum etwas.“

„Unser Glück“, brummte Shane. „So können uns die anderen wenigstens auch nicht ausmachen. Mir geht es gegen den Strich, ausgerechnet dann gejagt zu werden, wenn man selbst lahme Flügel hat.“

Sie waren am Heck angelangt und hielten sich fest. Jung Hasard leuchtete mit der Laterne auf das Ruder. Er schraubte den Docht so hoch, bis es entsetzlich nach Lampenöl stank. Aber wenigstens konnten sie auf diese Weise etwas erkennen.

„Das war der Schlag, den der Rudergänger verspürt hat“, sagte Ferris nach einem kurzen Blick. „Genau hier hat die Kugel das Ruder gestreift. Der Schaft hat etwas abgekriegt, aber nicht wesentlich.“

Ferris ließ die Lampe noch höher und dichter halten. „Weiter unten sieht es etwas schlechter aus.“

Er zeigte dem Exschmied von Arwenack die Stelle. Shane, der ohnehin kein Freund von großen Worten war, nickte bedächtig.

„Hätte schlimmer sein können. Wir haben noch mal Glück gehabt. Vier Fingerlinge und vier Ruderösen sind hinüber.“

„Und im Blatt fehlt ein kleines Stück vom oberen Teil“, setzte Ferris hinzu. „Aber das kann man später einflicken. Die Ösen und Fingerlinge sind wichtiger. Wir müssen ein paar neue anfertigen. So, wie es jetzt steht, läßt sich das Schiff nur sehr schwer manövrieren. Außerdem besteht die Gefahr, daß noch mehr bricht.“

Die Stellen wurden genau begutachtet.

Von oben erklang Hasards Stimme. „Wie sieht es aus?“

Ferris sagte es ihm. Die nächste Frage lautete, wie lange die Reparatur dauern würde.

„Vier bis fünf Stunden mindestens. Wir müssen neue Ösen und Fingerlinge anfertigen. Aber wir gehen gleich an die Arbeit. Anschließend kümmern wir uns um den Fockmast, Sir.“

„Sehr gut. Jeder wird mithelfen, damit wir wieder seetüchtig sind.“

„Die Sache hat nur einen kleinen Haken“, wandte Ferris ein. „Wir müssen ein Stück achteraus verholen, bis wir auf den Mangrovenwurzeln sitzen, sonst können wir an das Ruder nicht heran. Das dürfte mit einigen Schwierigkeiten verbunden sein. Und es kostet uns ebenfalls noch etliches an Zeit.“

Von oben war ein unterdrückter Fluch zu hören.

„Gut, das schaffen wir schon“, sagte der Seewolf. „Solange der Wind nicht bläst, können die anderen die Bucht ebenfalls nicht verlassen, und das ist unser Vorteil. Wir holen inzwischen das zerschossene Segel ein.“

Die Schritte entfernten sich. Ferris leuchtete noch einmal genau alles ab. Er war ein gründlicher und gewissenhafter Mann. Manche wurden ungeduldig, wenn er so gründlich und schon fast pedantisch vorging, aber der Zimmermann hatte auch ein dickes Fell. Er war nicht eher zufrieden, bis er genau wußte, wo er ansetzen mußte. Letztlich war es ihnen bisher allen zugute gekommen.

Neben der Jolle war ein leises Platschen zu vernehmen.

Philip fuhr herum und leuchtete auf die Wasseroberfläche. Aber da waren nur Nebelschwaden zu sehen.

„Gibt’s hier Krokodile?“ fragte er leise.

„Kann schon sein“, erwiderte Ferris. „Ich habe zwar noch keine gesehen, aber wir sollten vorsichtig sein.“

Die Aussicht, daß es an den Ufern des Tapti Krokodile geben könnte, war nicht gerade ermunternd. Immerhin mußten sie achtern das Schiff so weit in die Mangroven setzen, daß sie von den hohen Stelzwurzeln aus arbeiten konnten. Wenn da Krokodile lauerten, würde das die Arbeit erheblich behindern.

„Fertig“, sagte Ferris. „Kehren wir um und holen das Zeug, das wir brauchen.“

Hasard stellte die beiden Laternen auf die Ducht und wollte gerade Platz nehmen, als sein Blick erstarrte. Wie gebannt blickte er auf das Dollbord der Jolle.

Dort tat sich etwas, das nicht mit rechten Dingen zuging.

Philip folgte dem Blick seines Bruders und hielt ebenfalls unwillkürlich die Luft an. Nur Ferris und Shane hatten noch nichts bemerkt.

Eine dunkle, triefende Hand schob sich wie der Arm einer Leiche aus dem unsichtbaren Wasser und umfaßte das Dollbord.

Die Jolle schwankte ein wenig, und jetzt fuhren auch Ferris und Shane herum und starrten auf die triefende Hand. Eine zweite tauchte aus der Finsternis auf und griff ebenfalls nach dem Dollbord.

Ein Kopf schob sich blubbernd aus dem Wasser und wurde erst dann sichtbar, als er auf gleicher Höhe mit dem Dollbord war.

Jung Hasard wollte gerade zuschlagen, als er im schwachen Widerschein der Laternen das Gesicht erkannte.

Der unheimliche Geist aus der Tiefe war kein anderer als Don Juan, den der schwache Lichtschein angelockt hatte. Für ihn war es in der Bucht die einzige Orientierungsmöglichkeit gewesen.

Er spie einen Strahl Wasser aus und grinste. Die Männer halfen ihm in die Jolle.

„Wollte euch nicht erschrecken“, sagte er und wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. Von seinen Haaren tropfte es, und aus seinem Hemd lief ein regelrechter Sturzbach, als er auf der Ducht saß.

„Mann, habe ich einen Schreck gekriegt!“ sagte Hasard. „Du bist hier aufgetaucht wie ein Geist – wie ein Wassermann, würde Granddad jetzt wohl sagen. Der hätte dir wahrscheinlich gleich eins mit dem Riemen über den Schädel gezogen. Du mußt ganz durchgefroren sein.“

„Im Gegenteil, das Wasser ist fast lauwarm.“

„Erzähle mal“, sagte Ferris erleichtert. „Hast du was erreicht?“

„Ich berichte gleich, sobald wir an Bord sind. Dann können es alle hören.“

„Wir wollten gerade zurück. Daß du uns gefunden hast, grenzt fast an ein Wunder“, sagte Shane anerkennend. „Du hast doch überhaupt nichts gesehen.“

„Nicht viel“, gab der Spanier zu. „Eigentlich so gut wie gar nichts. Aber dann entdeckte ich plötzlich den schwachen Lichtschein und hielt darauf zu.“

Sie zogen sich mit der Jolle wieder am Rumpf entlang und enterten auf.

Inzwischen hatten die anderen Arwenacks mitgekriegt, daß Don Juan wieder zurück war.

Hasard nahm ihn gleich in Empfang. Will Thorne brachte sofort ein paar trockene Klamotten, doch der Spanier wehrte dankend ab.

„Ihr seid doch auch alle klatschnaß“, sagte er. „Wir unterscheiden uns also nicht voneinander.“

„Zieh das trotzdem an, Juan“, sagte Will Thorne. „Du wirst dich gleich etwas wohler fühlen.“

Der Kutscher brachte eine Buddel und goß eine Muck voll, die er Juan reichte. Sie waren alle sehr besorgt um ihn.

Auch der Profos, der jedoch sofort monierte, daß er ebenfalls klatschnaß sei, und wegen der Gerechtigkeit soll doch lieber jeder auch gleich vorsorglich einen kleinen Schluck nehmen. Wegen der Erkältung natürlich und so.

Das wurde von Hasard akzeptiert, und so war die Buddel auch schnell gelenzt.

„Warst du an Bord?“ fragte Hasard gespannt.

„Ja, es ging völlig problemlos. Kein Mensch hat mich erkannt oder gar zur Kenntnis genommen. Einer sah den anderen nur als Schatten.“

„Trotzdem war es verdammt riskant.“

„Keine Sorge. Ich konnte mich ins Batteriedeck schleichen, und es gelang mir auch, vier Culverinen so zu präparieren, daß sie Garcia und seinen Leuten um die Ohren geflogen sein dürften. Ich nahm mehr als die doppelte Pulvermenge. Unterwegs hörte ich einmal ein entsetzliches Krachen, konnte jedoch nichts sehen. Ich nehme aber an, daß zwei Rohre krepiert sind. Garcia hatte einen Anschlag auf uns vor. Er bemannte eine Jolle und schickte sie in die Richtung, in der er unser Schiff vermutete. Wir nahmen zwei Drehbassen mit und sollten aus allernächster Distanz auf die Schebecke feuern.“

„Wir?“ fragte Hasard irritiert.

„Ja, wir“, bestätigte Don Juan bescheiden. „Ich war natürlich auch mit an Bord.“

Der Seewolf pfiff leise durch die Zähne. Sie sahen ihn grinsen.

„Nun, wir suchten natürlich alles ab, aber der Stückmeister hatte sich in dem Nebel wohl völlig verirrt, und so fanden wir die Schebecke nicht. Soll ja vorkommen im Nebel.“

Die anderen Arwenacks grinsten jetzt ebenfalls. Sie stellten sich den Wolf mitten unter den Schafen vor, und niemand hatte ihn erkannt.

„Und dann?“ fragte Hasard weiter.

„Na, dann nahm ich eine Axt, die ich schon an Bord der ‚Aguila‘ gefunden hatte, und hackte den lieben Dons die Planken durch, während sie mitten in der Bucht waren. Es war ein grandioses Schauspiel, als die Jolle absoff und immer noch keiner wußte, was denn eigentlich passiert war. Ich habe mich wirklich köstlich amüsiert. Sie nahmen wohl an, die Schebecke habe gefeuert. Sie dürften sich auch gewundert haben, daß nur sieben Mann zurückkehrten, obwohl acht losgepullt waren. Ich denke, das wird Garcia ein fast unlösbares Rätsel aufgeben.“

Hasard lachte laut los. Die Arwenacks stimmten in das Lachen ein und konnten sich kaum beruhigen.

„Und keiner hat was gemerkt?“ fragte Hasard ungläubig.

„Nein, niemand. Der Nebel war so dicht, daß man die Hand nicht vor den Augen sah. Die Kerle üben sich immer noch im Phantomschießen und wissen nicht mal, daß wir längst verschwunden sind. Sie feuern in regelmäßigen Abständen, in der irrsinnigen Hoffnung, doch noch einen Zufallstreffer anzubringen.“

„Das ist ein ganz dicker Hund“, sagte Matt Davis. „Da wäre ich gern dabeigewesenen.“

„Zu zweit hätten wir auch nicht mehr ausrichten können und wären nur aufgefallen“, sagte der Spanier.

Wie zur Bestätigung von Juans Worten ging das Phantomschießen in der anderen Bucht plötzlich wieder los.

Der Nebel dämpfte die Geräusche zwar erheblich und verzerrte sie so, daß sich die Richtung nicht bestimmen ließ, aber Hasard und die anderen glaubten deutlich herauszuhören, daß der Krach wesentlich lauter war. Sie konnten sich das aber auch nur einbilden.

„Dann beginnen wir jetzt mit der Arbeit“, sagte Hasard. „Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.“