Kitabı oku: «Seewölfe Paket 34», sayfa 16
6.
César Garcia konnte es drehen und wenden, wie er wollte. Er fand keinen „Schuldigen“, so sehr er sich auch bemühte, Licht in das geheimnisvolle Dunkel zu bringen. Seine Laune war dementsprechend auf einen absoluten Tiefpunkt gesunken.
Zudem erhielt er zu später Stunde noch Besuch von Francis Ruthland, der zusammen mit seinem Kumpan Lefray von der „Ghost“ herübergepullt war.
„Was will der Kerl?“ fragte Garcia mißmutig seinen Ersten. „Herumschnüffeln, was hier passiert ist?“
„Er wird neugierig sein.“
Garcia mochte Ruthland nicht sonderlich, aber sie hatten sich aus dem Grund zusammengetan, um den Seewolf zur Strecke zu bringen. Jeder hatte allerdings ein anderes Motiv. War es bei dem Spanier reiner Haß, so attackierte Ruthland den Seewolf aus kommerziellen Gründen. Er sah in ihm einen lästigen Konkurrenten, der ihm die dicksten Brocken vor der Nase wegschnappen würde.
Ruthland wiederum verstand nicht, daß ein Mann wie Garcia ausschließlich vom Haß getrieben wurde. Dabei sprang nichts heraus, es brachte keinerlei Vorteile, und es war auch kein Geld dabei zu verdienen. Aber Garcia hatte das größere und stärker armierte Schiff. Zusammen konnten sie es schaffen, den Seewolf aus dem Weg zu räumen.
Ziemlich ungnädig empfing der spanische Capitán die beiden ungleichen Männer in seiner Kammer.
Die beiden nahmen unaufgefordert Platz.
Garcia musterte den massigen und schweren Ruthland ein paar Augenblicke und sah in helle Fischaugen. Unter dem linken Auge hatte er eine Narbe, die im Schein der Laterne ständig zu zucken schien. Mit dem sauber gestutzten Bart sah Ruthland ja noch einigermaßen annehmbar aus.
Wenn Garcia jedoch zu dem anderen Kerl blickte, dann schluckte er jedes Mal hart. Hugh Lefray erinnerte ihn ständig an einen bösartigen Dämon. Schuld daran war das blinde, rechte Auge. Der Augapfel war weißlich, ohne die Spur einer Pupille, und das verlieh ihm sein unheimliches Aussehen.
Wenn dieses Ungeheuer dann auch noch grinste, rann Garcia ein kalter Schauer über den Rücken.
„Was gibt es?“ fragte der Spanier kurz.
„Das wollte ich Sie fragen“, erwiderte der Engländer. „Wir haben fürchterliches Geschrei und entsetzliches Krachen gehört, aber wir konnten uns das nicht zusammenreimen. Stimmt’s, Hugh?“
„Stimmt“, sagte Lefray einsilbig. Er blickte hoch und sah Garcia an, dem dieser Blick äußerst tückisch erschien.
„Zwei Kanonenrohre sind krepiert“, sagte Garcia. „Dabei wurden ein paar Männer getötet. Ist das alles, was Sie wissen wollten?“
„Tut mir leid, Capitán. Aber man sollte mit der Bemessung der Pulverladungen sehr vorsichtig sein.“
„Erzählen Sie das Ihrer Großmutter, aber nicht mir“, schnaubte der Spanier. „Ich bin mit Kanonen großgeworden und aufgewachsen. Hier war einwandfrei Sabotage im Spiel.“
„Sabotage? Einer Ihrer Leute?“
„Ich weiß es nicht. Ich habe auch eine Jolle zur Schebecke hinübergeschickt. Sie ist auf recht mysteriöse Art und Weise gesunken. Niemand kann sich erklären, wie das passiert ist.“
„Das war sehr leichtsinnig“, sagte Ruthland tadelnd. „Wenn die Jolle unterwegs war und wir gerade dann gefeuert hätten, wäre ein Unglück passiert. Wir sollten derlei Aktionen miteinander absprechen, Capitán. Das soll kein Vorwurf sein. Ich bin aber aus einem anderen Grund hier. Wir vermuten, daß die Schebecke den Standort gewechselt hat. Sie scheint nicht mehr an derselben Stelle zu liegen.“
„Und das vermuten Sie so einfach?“ fragte Garcia höhnisch.
„Ich habe zwei Mann in einer Jolle kreuz und quer durch die Bucht geschickt, aber sie haben die Bastarde nicht gefunden.“
Garcia lachte stoßartig auf.
„Wir sollten derlei Aktionen miteinander absprechen!“ zitierte er Ruthland. „Denn auch wir feuern in unregelmäßigen Abständen, und dabei hätte es leicht das Leben Ihrer Leute kosten können. Sie werfen mir quasi vor, unüberlegt zu handeln, und verhalten sich nicht anders. Ist das Ihre ganze Logik?“
Ruthland ließ sich nicht anmerken, daß er sich ärgerte. Er sah Garcia an, den im Dienst ergrauten Capitán Ende der Vierzig, wie er kleinwüchsig und verhärmt dahockte und den Kopf zwischen die Schultern zog. Wie ein kleiner Geier saß er da, der auf Aas lauerte. Aber der Spanier war ein harter, unbeugsamer Mann, an Bord seines Schiffes als Tyrann verschrien und gefürchtet.
„Nun gut, lassen wir das. Wir haben ein gemeinsames Ziel vor Augen. Für mich steht fest, daß der Seewolf mit seinem Schiff verschwunden ist. Allerdings kann ich mir nicht erklären, wie er aus der Bucht gesegelt ist. Es geht kein Wind, und sehen kann er ebensowenig wie wir.“
Garcia stand langsam auf und ging vor dem Tisch auf und ab.
„Wenn es stimmt, daß er wirklich verschwunden ist, gibt es dafür eine einfache Erklärung“, sagte er nachdenklich. „Im Gegensatz zu meiner Galeone und Ihrer Karavelle kann eine Schebecke gerudert werden. Die Kerle haben Riemen an Deck gebracht und sind lautlos aus der Bucht gerudert. Das ist ein guter Vorteil für sie.“
„Aber ihr Ruder ist beschädigt, das weiß ich genau. Sie hatten erhebliche Schwierigkeiten damit. Wenn sie auf dem Tapti von der Strömung erfaßt werden, sind sie hilflos. Sie sehen auch das Ufer nicht.“
„Sie haben wohl noch nicht gemerkt, daß wir es mit ausgefuchsten Bastarden zu tun haben, mein Lieber. Das nennt man taktischen Rückzug. Zum einen ist die Strömung nicht so stark, und außerdem können sie mit den Riemen manövrieren. Versetzen Sie sich doch mal in die Lage von Killigrew. Was würden Sie denn jetzt tun?“
„Ich würde den Tapti hinunterrudern und verschwinden.“
„Das sähe Ihnen ähnlich. Der Seewolf handelt ganz anders. Der verschwindet nicht mit einem angeschossenen Ruder. Ich werde Ihnen sagen, was er vorhat.“
„Wie wollen Sie die Gedanken eines anderen Menschen kennen?“ fragte Lefray hämisch.
„Indem ich versuche, mich in meinen Gegner hineinzudenken. Aber diese Art dürfte Ihnen vermutlich völlig fremd sein.“
Lefray zuckte zusammen.
„Na, dann lassen Sie mal hören“, entgegnete er bissig.
„El Lobo rudert auf den Tapti und läßt sich dort langsam flußabwärts treiben“, erklärte Garcia. „Er kennt die Strecke ebenso gut oder schlecht wie wir auch. Er wird die nächste Bucht auf der anderen Seite anlaufen und dort unverzüglich mit der Reparatur beginnen. So gut glaube ich ihn zu kennen. Sobald sein Schiff wieder in Ordnung ist, wird er uns angreifen. Wir werden auf der Hut sein müssen. Er ist nicht der Mann, der eine Schlappe auf sich sitzen läßt. Es besteht demnach die Möglichkeit, daß er hier wieder auftaucht und aus dem schützenden Nebel heraus angreift. Er wird das ganz überraschend tun.“
„Vielleicht war er schon hier“, sagte Ruthland hinterhältig grinsend, „und Sie haben es nicht bemerkt.“
„Sie sind ja verrückt!“
„Sagten Sie vorhin nicht etwas von Sabotage und von einem mysteriösen Untergang der Jolle, den Sie sich nicht erklären können? Möglicherweise war einer der Bastarde unerkannt bei Ihnen an Bord und hat ein bißchen manipuliert. Bei dem Nebel, in dem einer den anderen nicht sieht, wäre das kaum aufgefallen.“
Garcia starrte den Engländer an, als sähe er ihn zum erstenmal. Seine Unterlippe begann zu zittern, der Blick seiner Augen wurde kalt und bösartig.
Das ist natürlich die Erklärung, dachte er, und er spürte, wie es ihm eiskalt durch die Adern rann. Aber das wollte und konnte er vor Ruthland nicht zugeben, ohne sich bis auf die Knochen zu blamieren. Er schluckte heftig und nahm wieder Platz.
Einer der Bastarde bei ihm an Bord! Das war einfach unvorstellbar, aber nicht unmöglich. Es schüttelte ihn richtig.
„Ist Ihnen nicht gut?“ fragte Ruthland, dem die Reaktion des Spaniers nicht entgangen war.
„Es ist der Haß, der mich zittern läßt“, sagte Garcia gallig. „Ich darf gar nicht an diesen Bastard denken, ohne gleich aus der Haut zu fahren. Aber was Sie da eben andeuteten, ist natürlich Quatsch. Bei uns hat sich niemand an Bord eingeschlichen. Meine Leute sind gut gedrillt und arbeiten Hand in Hand. Ein Fremder wäre selbst bei dichtestem Nebel sofort aufgefallen.“
„Dann wird sich das Rätsel ja wohl bald aufklären“, sagte Ruthland gleichgültig. „Ich wollte Ihnen nur mitteilen, daß der Nebel innerhalb der Bucht langsam zerfließt. Vor der Siedlung steht eine dichte, aufquellende Wolkenbank. Weiter vorn zerfasert der Nebel, und es gibt hellere Flecken. Ich nehme an, daß er sich im Laufe der Nacht ganz auflösen wird. Was gedenken Sie dann zu tun, um Killigrew zuvorzukommen? Wir sollten das beizeiten absprechen.“
„Gar nichts gedenke ich zu tun, gar nichts. Ich werde nur scharf aufpassen, daß sich uns niemand nähert.“
„Sie wollen die Hände in den Schoß legen?“ fragte Ruthland ungläubig.
„Soll ich vielleicht meine Leute vor die Segel stellen und in sie hineinblasen lassen?“ brauste Garcia auf. „Ohne Wind sind wir hilflos und können uns nicht rühren. An was dachten Sie denn?“
„Ich dachte daran, daß wir ein paar Jollen vor die Galeone spannen und sie aus der Bucht pullen.“
„Sie haben offenbar noch nie eine Galeone gesegelt, Mister, sonst hätten Sie diesen lächerlichen Vorschlag gar nicht erst vorgebracht. Wollen Sie ein Kriegsschiff flußaufwärts pullen und es trotzdem kampfbereit halten? Das ist absurd! Über diesen Vorschlag erübrigt sich jede weitere Diskussion. Wir warten auf Wind, und wenn wir den haben, greifen wir an.“
„Dazu müßte man erst mal wissen, in welcher Bucht Killigrew zu liegen geruht. Weiter flußaufwärts gibt es unzählige kleine Buchten.“
Sie standen sich wie Kampfhähne gegenüber und starrten sich an.
Garcia hielt den Engländer für einen lausigen Handelsfahrer, der keine Ahnung von seemännischer Kriegsführung hatte.
„El Lobo ist nicht flußaufwärts gegangen“, erklärte er. „Der liegt in der nächstbesten Bucht, wie ich vorhin schon sagte. Er hat keine Zeit zu verlieren und rudert daher nicht umständlich flußaufwärts. Sie dürfen diesen Mann nicht unterschätzen, der verschenkt keine einzige Stunde unnötig, wenn er in Bedrängnis ist.“
Ruthland wollte gerade zu einer scharfen Erwiderung ansetzen, als es deutlich hörbar über ihren Köpfen knarrte.
„Wind“, sagte Lefray andächtig. „Es kommt Wind auf. Ein Luftzug ist durch die Takelage gefahren.“
Garcia stand kommentarlos auf und ging nach oben. Er sah sich nicht mal um, ob die beiden Männer ihm folgten.
An Deck prallte er fast mit dem Ersten Offizier zusammen.
„Ich wollte Ihnen gerade Meldung erstatten, Capitán“, sagte Molina. „Der Nebel löst sich langsam auf. Man kann bereits vereinzelt Sterne und ein Stück der Mondsichel erkennen. Weiter vorn lichtet sich der Nebel ebenfalls.“
Garcia gab keine Antwort. Er starrte in die Nebelschwaden und warf einen Blick zum Himmel. Tatsächlich sah er ein paar Sterne funkeln. Nur über dem Fluß hing der Nebel zäh wie weißlicher Brei. In der Bucht aber gab es bereits ein paar dünne Stellen.
Der Luftzug war kaum spürbar, doch er wiederholte sich nach einer Weile. Diesmal war er etwas stärker und ließ die Pardunen leise summen.
Für Garcia war das Musik, eine liebliche Melodie, die der Wind da flötete. Er beobachtete, wie ein Luftzug schwallartig einen Nebelhaufen auflöste. Lange, weiße Fahnen wehten davon, riesigen Leichentüchern nicht unähnlich, die aus feuchten Gräbern flatterten.
Ein dünnes Lächeln umspielte seine Lippen. Es war noch finster, aber ihm erschien es, als sei jetzt heller Tag. In der Finsternis konnte man wenigstens etwas wahrnehmen, im dichten Nebel war das unmöglich. Die Sterne waren es, die einen schwachen Abglanz zur Erde warfen, und in diesem schwachen Licht ließen sich Einzelheiten erkennen.
„Dann geht es ja wohl bald los“, raunte Ruthland und rieb sich die Hände.
Garcias schlechte Laune war wie weggeblasen.
„Ja, jetzt geht es bald los“, sagte er fanatisch. „Jetzt werde ich den Mann zur Strecke bringen, den ich um die halbe Erde gejagt habe. Er wird uns nicht mehr entwischen. Ich schlage vor, Sie lassen eine kleine Jolle besetzen und schicken sie auf den Fluß. Die Männer sollen erkunden, wo El Lobo steckt. Ich gehe immer noch davon aus, daß er in der angegebenen Bucht liegt. Wenn wir die Bestätigung haben, und der Wind noch etwas auffrischt, segeln wir los. Die Kerle sollen auch genau die Beschaffenheit der Bucht erkunden. Das ist wichtig für unseren Angriff. Wenn wir die Szene kennen, können wir entsprechend handeln. Bis die Männer wieder zurück sind, haben wir vermutlich soviel Wind, wie wir brauchen.“
„Sie haben mehr Männer, Capitán“, sagte Ruthland. „Wäre es da nicht besser, einige von Ihren …“
„Nein, ich brauche alle Leute auf den Gefechtsstationen. Schließlich sind wir das kampfkräftigere Schiff. Also los, auf was warten Sie denn noch, zum Teufel?“
Ruthland konnte es nicht ausstehen, Befehle zu empfangen, noch dazu von einem Spanier, der sich etwas hochnäsig und in jedem Fall sehr überlegen gab. Erst wollte er aufbrausen und sich den Ton verbitten, doch schließlich kuschte er widerwillig. Garcia hatte das bessere Argument zur Hand und ließ sich auf keine Diskussion ein.
„Na schön, wie Euer Majestät befehlen“, sagte er frostig. „Los, Hugh, pullen wir zurück!“
Ziemlich verbiestert verließen sie das Schiff und enterten in ihre Jolle ab, um zur „Ghost“ zu pullen.
Garcia sah ihnen nach, wie sie im schwächer werdenden Nebel langsam zu Schemen zerflossen.
„Dieser Engländer ist ein Idiot“, sagte er zu Molina. „Und dieser andere Compadre erinnert mich an einen wandelnden Leichnam. Ohne uns wären diese Kerle fängst ausgekniffen und hätten den Schwanz eingezogen. Sie sind großmäulig, haben aber Angst, allein gegen El Lobo anzutreten.“
„Brauchen wir Ruthland eigentlich unbedingt?“ fragte der Erste. „Ich kann die Burschen auch nicht ausstehen.“
„Wir haben einen übermächtigen, listenreichen und harten Gegner vor uns“, sagte Garcia belehrend. „Da kann man nicht so wählerisch sein. Wenn El Lobo gegen zwei Schiffe kämpft, hat er die schlechteren Karten, und wir sind im Vorteil. Außerdem betrachte ich diesen Kerl eher als Kanonenfutter. Sobald ich den englischen Bastard habe, kann sich Ruthland zum Teufel scheren.“
Etwas später sahen sie, wie drüben zwei Mann in einer kleinen Jolle lospullten und im Nebel verschwanden.
Sie sahen aber noch mehr. Der Platz, wo die Schebecke des Seewolfs gelegen hatte, war verwaist. Dort tummelten sich nur ein paar Nebelfetzen auf dem Wasser, drumherum war alles pechschwarz.
„Der Bastard ist tatsächlich weg“, murmelte der Erste. „Ganz so, wie Sie vermutet haben, Capitán.“
„Reine Logik“, erklärte Garcia überheblich. „Man muß nur die richtigen Schlüsse ziehen, und genau das habe ich getan.“
Er erwartete eine bewundernde Antwort, doch die blieb aus. Der Erste räusperte sich nur verhalten.
„Alle Kerle wecken!“ befahl Garcia. „Auch die Freiwachen. An Deck wird kein Licht entzündet, verstanden?“
Der Erste bestätigte und verschwand. Kurze Zeit später erwachte die schlummernde Kriegsmaschine zu beängstigendem Leben.
7.
Die Reparaturarbeiten in der Bucht hatten unverzüglich begonnen, doch jetzt gab es ein weiteres Problem.
Der Untergrund bei den Mangroven war so matschig und morastig, daß von dort aus nicht zu arbeiten war. Entweder sackten die Männer zwischen die Stelzwurzeln, oder die Jolle hing schief auf dem Schlick.
Die Arbeit am Ruder wurde dadurch immer weiter verzögert, was die Laune der Arwenacks nicht gerade hob. Außerdem ließen sich gewisse, verräterische Geräusche nicht vermeiden.
Der Profos latschte mit mürrischem Gesicht auf den Seewolf zu, der am Heck neben einer Laterne stand.
„Der Nebel scheint sich zu lichten, Sir. Auf dem Fluß ist es schon ein bißchen heller geworden. Oben sind auch einige Sterne zu sehen.“
„Kommt mir auch so vor“, erwiderte Hasard. Er lehnte sich an die Verschanzung und blickte zum Tapti, wo ein leises murmelndes Geräusch zu hören war. Der Fluß sang leise sein Lied, eine monotone Melodie aus Rauschen und Flüstern. Manchmal war ein Gurgeln und Schmatzen aus den Mangrovenwäldern zu hören.
Carberry drehte sich um und starrte durch Dunkelheit und Nebel zur anderen Seite der Bucht. Dort wogten immer noch die Nebelgeister, die aus den Sümpfen zu steigen schienen. Aber da war auch eine Passage, die wie ein Schlund aussah. Angestrengt versuchte er Genaueres zu erkennen.
„Diese Bucht haben wir nur einmal kurz bei Tageslicht gesehen“, sagte der Profos. „Jetzt erscheint sie mir viel größer. Oder irre ich mich?“
Hasard sah auch in die Richtung, die den Profos so sehr interessierte.
„Sie scheint dort hinten weiter ins Landesinnere zu führen“, meinte der Seewolf. „Bei dem Nebel kann das allerdings auch täuschen …“
Hämmern und Klopfen unterbrachen seine Worte. Shane, Tucker und ein paar andere arbeiteten an dem Ruder. Ab und zu war auch ein verhaltener Fluch zu hören, wenn es Schwierigkeiten mit dem Untergrund gab.
„Das ist eine Passage“, sagte der Profos, „eine kleine und sehr schmale Durchfahrt. Wahrscheinlich grenzt eine weitere Bucht an diese. Wir sollten das mal erkunden, Sir. Wenn das der Fall ist, hätten wir ein vorzügliches Versteck gefunden, das vom Fluß aus nicht einzusehen ist. Ich kann ja mal mit der kleinen Jolle eine Exkursion unternehmen und nachsehen.“
„Wir brauchen die Jolle für einen anderen Zweck, Ed. Wir haben vor der Bucht noch keine Wachen aufgestellt. Solange der Nebel dicht und kompakt war, hielt ich das nicht für unbedingt erforderlich, aber jetzt sieht das etwas anders aus. Wir müssen zwei Mann dort vorn postieren.“
„Hier sieht uns kein Mensch, Sir. Wir liegen hier wie in Abrahams Schoß.“
„Wenn wir es mit einem Schurken wie Ruthland allein zu tun hätten, dann würde ich dir zustimmen. Aber wir haben noch einen Gegner vor uns, den man nicht unterschätzen darf. Der Spanier ist ein durchtriebener Bursche. Wahrscheinlich hat er schon bemerkt, daß wir in aller Stille aus der Bucht verschwunden sind. Was also wird er unternehmen?“
„Zunächst wird er sich ärgern, Sir, wenn ich das richtig sehe. Er wird erkennen, daß wir auch nicht gerade die Dümmsten sind. Und da er ein beharrlicher und sturer Bock ist, wird er sich zunächst mal an den Fingern einer Hand ausrechnen, daß wir eine andere Bucht angelaufen haben, um unsere Schäden auszubessern. Richtig, Sir?“
„Richtig. Er kann aber auf dem Tapti mit einer schweren Galeone nicht beliebig hin und her gondeln. Das erwartet er von uns ebenfalls nicht. Er wird weiter annehmen, daß wir flußabwärts verholt haben, und da bietet sich nicht allzuviel an. Um das aber ganz sicher herauszufinden, schickt er bestimmt eine Jolle mit ein paar Kerlen los, die ausspionieren sollen, wo wir liegen. Richtig, Mister Carberry?“
Der Profos grinste über das ganze narbenzerfurchte Gesicht.
„Sehr richtig“, sagte er zufrieden. „Wenn er das weiß, der Nebel sich lichtet und genug Wind da ist, wird er es uns besorgen, und zwar mit einem blitzartigen Überfall.“
„Du sagst es, Ed. Um dem aber zuvorzukommen, müssen wir diese Burschen abfangen, damit sie nichts melden können. Und deshalb postieren wir zwei Mann am Eingang der Bucht. Das wäre zum Beispiel eine Aufgabe für dich und Jan Ranse. Der steht hier nämlich schon seit einer Weile herum und hat die Ohren am Wind. Dann brauche ich keine weiteren Erklärungen mehr abzugeben.“
Der untersetzte Holländer mit dem wüsten blonden Vollbart trat näher an die beiden Männer heran.
„Ich bin dabei“, sagte er knapp. „Ich habe alles mitgekriegt.“
„Gut. Dann nehmt die kleine Jolle und geht auf Posten. Wenn ihr die Kerle hochnehmen könnt, bringt sie an Bord. Ich habe später noch ein paar Fragen an sie. Verhaltet euch aber möglichst lautlos.“
„Das geht schwer in Ordnung“, sagte der Profos. Manchmal drückte er sich etwas seltsam aus, um kundzutun, daß alles hervorragend klappen würde. „Hättest du etwas dagegen, Sir, wenn wir einen klitzekleinen Umweg wählen? Ich will nur einen kleinen Abstecher unternehmen, wo die Bucht scheinbar endet. Kann ja nur von Vorteil sein, wenn wir etwas entdecken.“
„Einverstanden, aber beeilt euch und haltet euch nicht zu lange am Ende der Bucht auf.“
Die kleine Jolle war längst abgefiert worden. Carberry und Jan Ranse steckten sich für alle Fälle eine Pistole in den Hosenbund und hofften dabei, sie nicht gebrauchen zu müssen. Es sollte alles lautlos durchgeführt werden.
Allerdings stand nicht mit absoluter Sicherheit fest, ob vor der Bucht eine Jolle aufkreuzen würde. Es war lediglich eine Annahme, die zutreffen konnte.
Die beiden Männer enterten in die Jolle, stießen sich vom Schiffsrumpf ab und nahmen Kurs auf jene dunkle Stelle, wo Nebelschwaden wogten und die Bucht wie ein gähnender Schlund aussah.
Der Regen hatte aufgehört, aber ihre Klamotten waren immer noch klamm und feucht.
Lautlos begannen sie zu pullen. Die Umrisse des Hecks der Schebecke wurden erst milchig, dann trübe, und schließlich verschwanden sie im Dunst wie ausgelöscht. Auch die Geräusche um sie herum erstarben. Nur das leise Knarren der Riemen in den Rundsein verriet, daß sie sich bewegten.
Einen Augenblick lang hatte jeder von ihnen das Gefühl, völlig allein auf der Welt zu sein. Sie bewegten sich in einem lautlosen Meer wie auf schwebenden Wolken, wie in einer geheimnisvollen Sphäre, die sie auf unerklärliche Art und Weise forttrug.
Durch wabernde Nebelfetzen hindurch erkannten sie Sterne und Mondsichel. Die Umgebung wirkte gespenstisch, zumal aus dem nahen Dschungel und den Mangrovenwäldern immer wieder klagende Geräusche zu hören waren.
„Genau voraus“, raunte Carberry. „Wir halten darauf zu, wo es stockfinster ist.“
„Da ist absolut nichts mehr zu sehen“, sagte Jan Ranse. „Sieht aus, als würden wir dort in einen tiefen Abgrund fallen.“
„So schnell fällt es sich nicht.“
Carberry versuchte einen Lichtschimmer zu erblicken. Doch die außenbords angebrachten Laternen auf der Schebecke waren aus dieser Distanz nicht mehr zu sehen. Ein Späher, der hier eindrang, mußte sich schon ziemlich dicht heranpirschen, wenn er etwas bemerken wollte.
Alle beide zuckten zusammen, als ganz überraschend etwas nach ihren Köpfen griff. Es schienen lange, tastende Arme zu sein, die ihnen durch die Gesichter fuhren wie riesenhafte Spinnenbeine.
Gleich darauf gab es einen leichten Ruck. Die Jolle saß fest.
Jan Ranse stieß erleichtert die Luft aus.
„Wir sind in die Mangroven geraten“, knurrte er, „und liegen irgendwo zwischen den Stelzwurzeln.“
„Hab ich auch schon gemerkt. Dann einen Schlag zurück.“
Sie pullten ein paar Schläge zurück, bis sie von den schleimigen und feuchten Armen der Mangroven frei waren. Unter der Jolle blubberte leise der Morast.
Beim Weiterpullen entdeckten sie tatsächlich eine schmale Durchfahrt. Genau erkennen konnten sie die Passage nicht, aber sie wußten, daß sie aus der Bucht heraus waren und sich in anderem Wasser bewegten.
„Scheint ein kleiner See oder ein Flußarm zu sein“, meinte der Profos. „Die Schebecke müßte hindurchgehen. Nur schade, daß man nichts Genaues erkennen kann. Wollen wir noch ein paar Schläge pullen oder lieber umkehren?“
„Laß uns umkehren“, meinte Jan. „Wenn wir uns hier verirren, finden wir die Durchfahrt nicht mehr, und dann gibt es ein Donnerwetter, wenn wir in anderen Regionen herumkrebsen.“
„Ja, da hast du recht“, erwiderte Carberry. „Aber die Luft riecht hier irgendwie anders. Schon möglich, daß es ein kleiner See ist.“
Es stellte sich heraus, daß sie schon jetzt Mühe hatten, die schmale Durchfahrt zu finden. Um sie her war von den Seiten alles zugewuchert. Es roch modrig und faulig wie in einem riesigen Sumpfgebiet.
Der Profos nahm den Riemen und steckte ihn lotrecht ins Wasser. Es war kein Grund festzustellen. Erst als er ungeduldig weiterstocherte, stieß er auf Grund. Das bedeutete, daß sie wieder dicht bei den Mangroven waren.
Der Profos wurde schon kribbelig und stieß die ersten Verwünschungen aus. Ein paar saftige Worte waren darunter.
Abermals tasteten lange Arme nach ihnen. Dazwischen war ein heller Fleck, und jetzt glaubte er auch, einen leisen Windhauch zu verspüren, der ihm ins Gesicht wehte.
„Wir sind durch“, sagte er nach einer Weile. „Wir sind wieder in der Bucht, wo die Schebecke liegt.“
Als die Mangroven sie freigaben, begannen sie zügig weiterzupullen. Nach etlichen bangen Minuten entdeckten sie den Schimmer am Heck ihres Schiffes.
„Gott sei Dank“, murmelte der Profos. „Da vorn ist es zum Glück etwas heller geworden.“ Er zog das Genick ein, als sie an der Schebecke vorbeipullten, und zuckte leicht zusammen, als eine Stimme irgendwo aus der Dunkelheit fragte: „Etwas entdeckt, Ed?“
„Aye, Sir. Es gibt da eine schmale Durchfahrt. Dahinter ist offenbar eine weitere Bucht, ein kleiner See oder ein Nebenarm des Flusses. Leider war das nicht genau zu erkennen.“
„Gut, dann pullt jetzt zum Fluß hinüber.“
„Aye, aye, Sir.“
Carberry pullte verbissen weiter, bis sie außer Sicht- und Hörweite waren.
„Mann, der Sir hat vielleicht Augen“, sagte er dann anerkennend. „Ich habe kaum das Schiff gesehen, aber er hat uns entdeckt. Und ich dachte immer, nur Dan sei mit Adleraugen ausgestattet.“
Er war sehr beeindruckt, der Profos, und er wunderte sich noch eine ganze Weile darüber.
Die nächste Überraschung erlebten sie dann direkt am Tapti. Sie hörten den Fluß rauschen und konnten an einzelnen Stellen sogar das Wasser erkennen. Die Mondsichel spiegelte sich in einigen Stellen im Wasser, und lange Nebelschwaden krochen an den Ufern entlang.
Weiter flußaufwärts waren ebenfalls offene Stellen zu sehen. Ein Wind wehte ganz zaghaft und spielte mit dem Nebel, den er in lange Streifen zerfaserte.
Dort, wo die Bucht in den Fluß überging, war sie auf einer Länge von fast zwanzig Yards einigermaßen gut zu überblicken. Im Inneren der Bucht war jedoch nicht zu erkennen, daß da ein Schiff lag. Auch die Geräusche waren nur dann zu hören, wenn man sehr aufmerksam und angestrengt lauschte.
Carberry hielt nach einem Versteck Ausschau, wo die Jolle nicht gleich entdeckt werden konnte. Sie fanden eins hinter der Einfahrt, wo zwei hohe Palmen standen und alles von Gebüsch und Verhau zugewuchert war.
„Dort legen wir uns auf die Lauer“, sagte er. „Wenn die Kerle hier wirklich aufkreuzen, müssen sie dicht daran vorbei, denn sie werden versuchen, sich unauffällig anzuschleichen. Wir können sie dann sogar von der Jolle aus hoppnehmen.“
Sie pullten in den Verhau und blickten aus ihrem sicheren Versteck flußaufwärts.
Die Zeit schien sich endlos lange zu dehnen. Auf dem Tapti tat sich nichts. Nur der Wind frischte auf, und der Nebel zog sich zuerst in der Höhe zurück. Auf dem Fluß lag er teilweise noch wie ein gigantischer, ausgebreiteter Schleier.
„Schade, daß wir nicht herausgefunden haben, was es mit der anderen Bucht auf sich hat“, sagte der Profos. „Hinter den Mangroven wäre ein ideales Versteck gewesen. Da hätten wir in aller Ruhe und unbeobachtet die Reparatur zu Ende führen können. Und danach wäre es den Halunken an den Kragen gegangen.“
„Ja, leider, aber vielleicht ist es noch nicht zu spät“, entgegnete Jan Ranse. „Wenn die Kerle sich weiterhin Zeit lassen und keinen Wind haben, können wir das noch nachholen, vorausgesetzt, die Sicht in der Bucht wird besser. Eine Galeone kann durch die Mangroven wegen ihrer Größe nicht hindurch, und die Karavelle allein traut sich nicht. Ruthland würde das nie riskieren, der Feigling.“
„Ist nicht zu ändern“, sagte der Profos, „obwohl ich gerade diesem Bastard liebend gern eins übergebraten hätte.“
Den Fluß oberhalb der Bucht ließen sie keine Sekunde lang aus den Augen. Mitunter schimmerte das Wasser samtweich, dann wieder dunkel und geheimnisvoll, wenn ein paar Sterne sich darin spiegelten.
Der Wind hatte noch ein bißchen mehr zugelegt, war aber nichts weiter als eine laue Brise. Zur Not konnte er ein Schiff bewegen, aber das Manövrieren würde schwierig sein.
Carberry erzählte ein paar Witze, um die Langeweile zu überbrücken, und war gerade so richtig in seinem Element. Es ging um die Arche Noah, den Schiffsbohrwurm und um ein paar Termiten, da unterbrach ihn der bärtige Holländer.
„Da tut sich was“, raunte er. „Ganz oben, wo der Nebel eine Lücke hinterlassen hat. Du mußt zur anderen Flußseite blicken. Ich glaube, da bewegt sich ein Schatten.“
Carberry vergaß die Arche und Noahs Probleme. Sehr konzentriert peilte er die Stelle an und kniff die Augen zusammen.
„Können Nebelfetzen sein“, meinte er nach einer Weile ratlos.
Am anderen Ufer des Flusses tanzten seltsame Dämonen und Kobolde ihren bizarren Reigen. Mal waren sie dunkel, mal verzerrten sie sich zu hellen Gestalten mit großen Augen, und schließlich zerflossen sie wieder.
Aber da war doch eine ständige und fließende Bewegung, die sich nicht in Luft auflöste. Das Ding schien mitunter über dem Wasser zu schweben, doch es näherte sich langsam und wanderte zur Flußmitte hin, bis die Konturen deutlicher zu erkennen waren.
„Eine Jolle“, sagte Carberry schließlich. „Einwandfrei eine Jolle. Das Ding scheint Flügel an den Seiten zu haben.“
So sah es tatsächlich aus. Die Jolle war zu erkennen, nur die Gestalten darin nicht. An beiden Seiten drehte sich etwas, das wie kleine Windmühlenflügel aussah. Der Nebel schuf diese seltsame Form, die sich ständig um ihre Achse zu drehen schien.
Das Boot wurde weiter flußabwärts gepullt. Dann beschrieb es einen Bogen zum diesseitigen Ufer und näherte sich etwas schneller.
„Zwei Mann“, flüsterte Jan Ranse.
Carberry bemerkte die beiden Gestalten jetzt ebenfalls.
Einmal verschwanden sie wieder in einer Nebelwolke und wurden vorübergehend unsichtbar. Als sie wieder auftauchten, hatten sie sich um ein beträchtliches Stück der Bucht genähert.
„Na dann“, raunte der Profos und rieb sich die Pranken.








